The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 54

Chapter 543,485 wordsPublic domain

[1008] unter Schwefeldunst geschleudert.

[1009] reicht uns etwas.

[1010] Hölle.

DIE ANFÄNGE DER MODERNEN LITERATUR.

_FRIEDRICH SPEE._

[_Scherer D._ 334, _E._ 338.]

Geboren 1591 zu Kaiserswerth am Rhein. Er trat früh in den Jesuitenorden zu Cöln und starb zu Trier 1635 an einer Krankheit, die er sich bei der Pflege kranker Soldaten zugezogen. Er schrieb gegen das Verbrennen der Hexen. Sein ‘Güldnes Tugendbuch’ ist ein prosaisches Erbauungsbuch mit eingeschalteten Gedichten; seine ‘Trutz-Nachtigal’ eine Sammlung geistlicher Lieder. Beide Werke erschienen erst nach seinem Tode 1649. ‘Trutz-Nachtigal’ herausgegeben von Balke (Leipzig 1879).

AUS DER TRUTZ-NACHTIGALL.

LIEBGESANG DER GESONSS JESU, IM ANFANG DER SOMMERZEIT.

Der trübe winter ist fürbei, Die Kranich widerkehren, Nun reget sich der Vogelschrei, Die Nester sich vermehren; Laub mit gemach Nun schleicht an tag[1011], Die Blümlein sich nun melden; Wie Schlänglein krumm Gehn lächlend umb Die Bächlein kühl in Wälden. 10 Die Brünnlein klar und Quellen rein Viel hie, viel dort erscheinen, All silberweisse Töchterlein Der holen Berg und Steinen, In grosser Meng Sie mit Gedräng Wie Pfeil von Felsen zielen; Bald rauschens[1012] her Nit ohn Geplärr[1013] Und mit den Steinlein spielen. 20 Die Jägerin Diana stolz, Auch Wald- und Wassernymphen Nun wieder frisch in grünem Holz Gahn spielen, scherz und schimpfen. Die reine Sonn Schmuckt ihre Kron, Den Kocher füllt mit Pfeilen, Ihr beste Ross Lässt lauffen los, Auf marmerglatten Meilen[1014]. 10 Mit ihr die kühle Sommerwind, All Jünglein[1015] still von Sitten, Im Luft zu spielen seind gesinnt, Auf Wolken leicht beritten. Die Bäum und Näst[1016] Auch thun das Best, Bereichen[1017] sich mit Schatten, Da sich verhalt Das Wild im Wald, Wanns pflegt von Hitz ermatten. Die Meng der Vöglein hören lasst[1018] Ihr Schyr- vnd Tyre-Lyre; Da sauset auch so mancher Nast, Sampt[1019] er mit musiciere. Die Zweiglein schwank Zum Vogelsang 10 Sich auf, sich nieder neigen. Auch höret man Im Grünen gahn[1020] Spazieren Laut und Geigen. Wo nur man schaut, fast alle Welt Zun Freuden thut sich rüsten, Zum Scherzen alles ist gestellt, Schwebt alles fast in Lüsten; Nur ich allein, Ich leide Pein, 20 Ohn End ich werd gequälet, Seit ich mit dir, Und du mit mir, O Jesu, dich vermählet. Nur ich, o Jesu, bin allein Mit stetem Leid umbgeben, Nur ich muss nur in Schmerzen sein, Weil nit bei dir mag leben. O stete Klag! O während[1021] Plag! 30 Wie lang bleib ich gescheiden? Von grossem Weh, Dass dich nit seh, Mir kombt so schweres Leiden. Nichts schmecket mir auf ganzer Welt Als Jesu Lieb alleine, Noch Spiel noch Scherz mir je gefelt Bis lang[1022] nur er erscheine; Und zwar[1023] nun frei Mit starkem Schrei 10 Ruf ihm so manche Stunden, Doch nie kein Tritt, Sich nahnet nit; Sollt michs nit hart verwunden? Was nützet mir dann schöne Zeit? Was Glanz und Schein der Sonnen? Wass Bäum gar lieblich ausgebreitt? Was Klang der klaren Brunnen? Was Athem lind Der kühlen Wind? 20 Was Bächlein krumm geleitet? Was edler Mai? Was Vogelschrei? Was Felder grün gespreitet? Was hilft all Freud und Spiel und Scherz, All Trost und Lust auf Erden? Ohn ihn ich bin doch gar in Schmerz, In Leid und in Beschwerden. Gross Herzenbrand Mich tödt zu Hand, Weil Jesu dich nit finde; Drumb nur ich wein Und heul und grein, Und Seufzer blas in Winde. Ade, du schöne Frühlingszeit, Ihr Felder, Wäld, und Wiesen, Laub, Gras, und Blümlein neu gekleidt, Mit süssem Tau beriesen[1024]! 10 Ihr Wässer klar, Erd, Himmel gar, Ihr Pfeil der gülden Sonnen! Nur Pein und Qual, Bei mir zumal Hat Ueberhand gewonnen. Ach Jesu, Jesu, treuer Held, Wie kränkest mich so sehre! Bin je doch harb und harb gequeelt; Ach, nit mich so beschwere! Ja wiltu sehn All Pein und Peen[1025] Im Augenblick vergangen, 10 Mein Augen beid Nur führ zur Weid, Auf dein so schöne Wangen.

_JOHANN SCHEFFLER, GENANNT ANGELUS SILESIUS._

[_Scherer D._ 336, _E._ 338.]

Geboren 1624 zu Breslau. Er studierte Medicin und ward Leibarzt bei dem Kaiser Ferdinand. Durch das Studium theosophischer Schriften und persönliche Bekanntschaft mit holländischen Mystikern ward er zum Übertritt zur Römischen Kirche bewogen. Er wurde Priester und lebte meist im Jesuiten-Kloster zu Breslau. Starb 1677. Ausser seinen theologischen Streitschriften sind am bekanntesten: sein ‘Cherubinischer Wandersmann’, eine Sammlung mystischer Sprüche; seine ‘Heilige Seelenlust’, eine Sammlung geistlicher Hirtenlieder; seine ‘Sinnliche Betrachtung der vier letzten Dinge’. Seine geistlichen Lieder haben trotz ihrem pantheistischen Charakter zum Theil Eingang in protestantische Gesangbücher gefunden. Herausgegeben von Rosenthal (Regensburg, 1862).

1.

ICh wil dich lieben meine Stärke, Ich wil dich lieben meine Ziehr, Ich wil dich lieben mit dem Werke, Und immerwehrender Begihr: Ich wil dich lieben schönstes Licht Biss mir das Hertze bricht. Ich wil dich lieben O mein Leben Als meinen allerbesten Freind; Ich wil dich lieben und erheben, So lange mich dein Glantz bescheint. Ich will dich lieben Gottes Lamm Als meinen Bräutigam. Ach dass ich dich so spät erkennet, Du Hochgelobte Schönheit du! 10 Und dich nicht eher mein genennet, Du höchstes Gut und wahre Ruh! Es ist mir leid und bin betrübt, Dass ich so spät geliebt. Ich lieff verirrt und war verblendet, Ich suchte dich und fand dich nicht; Ich hatte mich von dir gewendet Und liebte das geschaffne Licht; Nu aber ists durch dich geschehn Dass ich dich hab ersehn. 20 Ich danke dir du wahre Sonne, Das mir dein Glantz hat licht gebracht: Ich danke dir du Himmels-Wonne, Das du mich fro und frey gemacht: Ich danke dir du güldner Mund, Dass du mich machst gesund. Erhalte mich auff deinen Stegen, Und lass mich nicht mehr irre gehn; Lass meinen Fuss in deinen Wegen Nicht straucheln oder stille stehn: 30 Erleucht mir Leib’ und Seele gantz Du starker Himmels glantz. Gib meinen Augen süsse Thränen, Gib meinem Hertzen keusche brunst; Lass meine Seele sich gewöhnen Zu üben in der Liebe-Kunst: Lass meinen Sinn, Geist und Verstand, Stäts sein zu dir gewand. Ich wil dich lieben meine Krone, Ich wil dich lieben meinen Gott; Ich wil dich lieben ohne lohne Auch in der allergrösten Noth; Ich will dich lieben schönstes Licht, Biss mir das Hertze bricht.

2.

AUS DEM CHERUBINISCHEN WANDERSMANN.

_Man weiss nicht was man ist._

Ich weiss nicht was ich bin, Ich bin nicht was ich weiss: Ein Ding und nicht ein Ding, Ein Stüpffchen[1026] und ein Kreiss.

_Der Ewige Tod._

Der Tod, auss welchem nicht ein Neues Leben blühet, 10 Der ists, den meine Seel auss allen Töden fliehet.

_Kein Tod ist ohn ein Leben._

Ich sag es stirbet nichts; nur dass ein ander Leben, Auch selbst das Peinliche, wird durch den Tod gegeben.

_Wie wird man GOtte gleich?_

Wer GOtt wil gleiche seyn, muss allem ungleich werden, Muss ledig seiner selbst, und loss seyn von Beschwerden.

_Die Rose._

Die Rose, welche hier dein äussres Auge siht, Die hat von Ewigkeit in GOtt also geblüht.

_Die GOttheit ist ein Nichts._

Die zarte GOttheit ist ein nichts und über nichts: Wer nichts in allem sicht, Mensch glaube, dieser sichts[1027].

_Wie ruhet GOtt in mir?_

Du must gantz lauter seyn, und steh’n in einem Nun, 20 Sol GOtt in dir sich schaun, und sänfftiglichen ruh’n.

_Der Mensch der macht die Zeit._

Du selber machst die Zeit: das Uhrwerck sind die Sinnen: Hemm’stu die Unruh nur, so ist die Zeit von hinnen.

_Immer dasselbige._

Ich ward das was ich war, und bin was ich gewesen, Und werd’ es ewig seyn, wenn Leib und Seel genesen.

_GOtt ist, Er lebet nicht._

GOTT ist nur eigentlich: Er lebt und liebet nicht, Wie man von mir und dir und and’ren Dingen spricht.

{10} _Die Einsamkeit._

Die Einsamkeit ist noth, doch sey nur nicht gemein, So kanstu überall in einer Wüsten seyn.

_Die Morgenröth’ und Seele._

Die Morgenröth’ ist schön, Noch schöner eine Seele, Die GOttes Stral durchleucht in ihres Leibes Höle.

_Die Perlen-Geburt._

Die Perle wird vom Thau in einer Muschel Höle Gezeuget und gebohr’n, und diss ist bald beweist Wo dus nicht glauben wilt: Der Thau ist GOttes-Geist, Die Perle Jesus Christ, die Muschel meine Seele. 20

_Die Sünde._

Die Sünd’ ist anders nichts, als dass ein Mensch von GOtt Sein angesicht abwendt, und kehret sich zum Tod.

_Der Mensch._

Das gröste Wunder Ding ist doch der Mensch allein: Er kan, nach dem ers macht, GOtt oder Teuffel seyn.

_Das Meer in einem Tröpfflein._

Sag an wie geh’t es zu, wenn in ein Tröpffelein In mich, das gantze Meer Gott gantz und gar fleust ein?

{30} _GOtt schafft die Welt noch._

GOtt schafft die Welt annoch: kombt dir diss fremde für? So wiss’ es ist bey ihm kein Vor noch Nach, wie hier.

_Alles muss wider in Eins._

All’s kombt auss einem her, und muss in Eines ein: Wo es nicht wil gezweyt, und in der Vielheit seyn.

_Die Sünd ist allein das Ubel._

Kein Ubel ist als Sünd’: und wären keine Sünden, So wär in Ewigkeit kein Ubel auch zu finden.

_Viel Götter und nur einer._

Ein einger GOtt, und viel, wie stimbt diss überein? Gar schöne: Weil sie all’ in einem Einer seyn.

{10} _Eins kan nicht ohn das andre._

Zwey müssen es vollzieh’n: ich kans nicht ohne GOtt, Und GOtt nicht ohne mich: dass ich entgeh dem Tod.

_Die schönste Weissheit._

Mensch steig nicht allzu hoch, bild dir nichts übrigs ein: Die schönste Weissheit ist nicht gar zu Weise seyn.

_Wir dienen uns, nicht GOtt._

Mensch, GOtt ist nichts gedient, mit fasten, beten, wachen; Du dienst mehr dir damit, weils dich kan Heilig machen.

_Den Himmel kan man stehlen._

Wer heimlich Gutes würckt, sein Geld ausstheilt verholen, 20 Der hat das Himmelreich gar meisterlich gestohlen.

_Die neue und alte Liebe._

Die Liebe wenn sie neu, praust wie ein junger Wein: Je mehr sie alt und klar, je stiller wird sie seyn.

_Die Seraphische Liebe._

Die Liebe welche man Seraphisch pflegt zu nennen, Kan man kaum eusserlich weil sie so still ist kennen.

3.

Mir nach! spricht Christus, unser Held, Mir nach! ihr Christen alle; 30 Verleugnet euch, verlasst die Welt, Folgt meinem Ruf und Schalle, Nehmt euer Kreuz und Ungemach Auf euch, folgt meinem Wandel nach.

Ich bin das Licht, ich leucht euch für Mit heilgem Tugendleben. Wer zu mir kommt und folget mir, Darf nicht im Finstern schweben; Ich bin der Weg, ich weise wohl, Wie man wahrhaftig wandeln soll.

Mein Herz ist voll Demüthigkeit, Voll Liebe meine Seele; 10 Mein Mund, der fleusst zu jeder Zeit Von süsser Sanftmuth Öle; Mein Geist, Gemüthe, Kraft und Sinn Ist Gott ergeben, schaut auf ihn.

Fällts euch zu schwer, ich geh voran, Ich steh euch an der Seite, Ich kämpfe selbst, ich brech die Bahn, Bin Alles in dem Streite. Ein böser Knecht, der still darf stehn, Wenn er den Feldherrn sieht angehn. 20

Wer seine Seel zu finden meint, Wird sie ohn mich verlieren; Wer sie hier zu verlieren scheint, Wird sie in Gott einführen. Wer nicht sein Kreuz nimmt und folgt mir, Ist mein nicht werth und meiner Zier.

So lasst uns denn dem lieben Herrn Mit Leib und Seel nachgehen, Und wohlgemuth, getrost und gern Bei ihm im Leiden stehen. 30 Denn wer nicht kämpft, trägt auch die Kron Des ewgen Lebens nicht davon.

_PATER MARTIN VON COCHEM._

[_Scherer D._ 336, _E._ 339.]

Capuziner; gestorben 1712. Er schrieb das ‘Leben Christi’, eins der besten katholischen Erbauungsbücher, das aus der mystischen Literatur des Mittelalters schöpft. Es erschien zuerst Frankfurt am Main 1691.

AUS DEM GROSSEN LEBEN CHRISTI.

AUS DEM 57 CAPITTEL: WIE DER HERR JESUS IST GEBOHREN WORDEN.

Die Höhl darin Christus gebohren worden war in einem lebendigen Felsen von der Natur formiert: drey vnd zwantzig Schuch lang, eilff Schuch breit, vnd dreyzehen Schuch hoch. Vor der Höhl war ein Schopffen oder hangendes Strohdach, darunder man das Viehe stellen kont. In diser Höhl waren Maria und Joseph allein, vnd warteten mit Verlangen auff die gnadenreiche Geburt. Als die {10} H. Christnacht anbrache, da gieng der H. Joseph in die Höhl, brachte der Jungfrawen ein angezündte Kertz (wie die Offenbahrung meldet) steckte sie in die Maur, vnd gieng wieder hinauss vnder den Schopffen. Als nun die gebenedeyte Jungfraw in der Höhl allein war, da zuge sie zum ersten jhre Schuh von jhren Füssen: gleich wie GOtt dem Moysi bey dem brinnenden Dornbusch befohlen hatte. Dan sie wuste wohl dass diss Orth, an welchem der eingebohrne Sohn Gottes solt gebohren werden, so heilig wäre, dass niemand würdig wäre dasselbige mit seinen Schuhen zubetretten. Darnach thät sie jhren Mantel ab, nahm den Schlayer von jhrem {20} Haupt, legte diese beyde neben sich, vnd stund allein im Rock: vnd jhre schöne goldgelbe Haar hiengen über die Schultern hinab. Darnach zuge sie zwey leinene, vnd zwey wüllene gantz reine vnd zarte Tüchlein heraus, so sie mit sich gebracht hatte, das Kindlein darein zu wicklen: wie auch zwey andere kleine leinene Tüchlein sein Häuptlein zu verbinden: welche alle sie neben sich legte, damit sie sich deren zu gelegener Zeit gebrauchte. Vnd als sie bedachte wie dieses so schlechte Ding wären, ein so Edles ja Königliches Kind darein zu wicklen, welchem alle Reichthumb der Welt viel zu gering wären, da giengen jhr die Augen über, vnd sprach zu GOtt: O Himlischer Vatter, siehe diss ist die gantze Fürbereitung, so ich deinen Sohn zu empfangen gemacht hab. Siehe hie lege ich für deine Göttliche Augen alle die Reichthumb, welche ich deinem Sohn verehren werd. Ich waiss wohl dass er, als der allerhöchste HErr Himmels vnd der Erden, würdig ist dass ich jhn in Sammet vnd Seyden, ja in güldene vnd silberne {10} Stück solte einwicklen: aber du waist dass ich wegen meiner Armuth nichts bessers hab können verschaffen. Drumb nemme mit meinem guten Willen für lieb: dan wan ich die Reichthumb aller Welt hätte, so wolt ich sie gern zu seinem Dienst anwenden.

Da nun alles also bereit war, da kniet die Jungfraw mit grosser Ehrerbietung nider, erhebte jhre Händ vnd Augen gen Himmel, vnd blieb also biss vmb die Mitternacht knien. O wer wil nun auss sprechen wie andächtig, wie demütig vnd wie ehrerbietig Maria gebettet, vnd was sie in diesem Gebett an Leyb vnd Seel empfunden hab! Die Offenbahrung sagt, sie seye in dieser jhrer Betrachtung {20} gantz verzückt, vnd für lauter Göttlicher Süssigkeit truncken worden. Ja der liebe GOtt gab jhr ein so klare Erkandnus seiner vnendlichen Wesenheit, so viel als jhre sterbliche Natur jmmer könte ertragen. In dieser Verzückung erkente sie gantz klärlich, wie gross der jenige GOtt wäre, der bald von jhr solt aussgehen: vnd wie gering die jenige Menschheit wäre, in welcher er würde gebohren werden. Sie erkendte auch (so viel ein Mensch erkennen mag) wie derjenige, den sie bald gebähren würde, von Ewigkeit von GOtt dem Vatter wäre gebohren worden: vnd wie sie dess jenigen wahre natürliche Mutter würde seyn, dessen GOtt Vatter ein wahrer {30} übernatürlicher Vatter ware.

Endlich kam die jenige Stund herzu, nach welcher Himmel vnd Erden so lang verlangt hatten: nemblich die jenige allerglückseeligste Stund, in welcher der Sohn Gottes, als ein gekrönter Bräutigam, aus der Schlaff-Kammer des Jungfräwlichen Leybs solte herfür gehen. O wohl ein güldene Stund, in welcher alle Creaturen seynd gesegnet vnd erfrewt worden! Diss war die zwölffte Stund in der Mitternacht, da die Finsternus des Alten- in das Liecht des Newen Testaments solte verändert werden. Derwegen so bald als die Mitternacht herzu kam, da kam ein solcher Glantz vom Himmel herab, dass es so hell wurde als mitten im Tag. Vnd durch diesen himlischen Schein wurde nit allein die Höhl sampt der Stadt Bethlehem, sonder auch die gantze Welt erleucht; also dass sich alle Menschen verwunderten, dass zu Mitternacht der helle Tag erschiene.

_ABRAHAM A SANCTA CLARA._

[_Scherer D._ 338, _E._ 340.]

Der unter diesem Namen bekannte Augustiner, Ulrich Megerlin, war 1642 in Schwaben geboren und lebte seit 1669 als Hofprediger zu Wien, wo er 1709 starb. Seine bedeutendsten Werke sind: ‘Judas der Erzschelm’, ‘Merk’s Wien’, und ‘Etwas für Alle’. Eine Auswahl seiner Werke erschien Wien 1846, 2 Bde., eine Ausgabe seiner sämmtlichen Werke, Passau und Lindau 1850, 21 Bde. 2 Aufl. Lindau 1856; Neudruck der Schrift ‘Auf, auf ihr Christen’ (Wien 1883).

Prediger, was geschicht dir? was ist dem H. _Paulo_ begegnet? den haben die Herren Galater für einen jrrdischen Engel gehalten, {10} haben seine Predigen mit solchem Lust angehöret, dass sie ihn ein Posaun dess Himmels benambset[1028]. Die Kinder auff der Gassen haben mit Fingern gedeut auff _Paulum_, vnd ihn allerseits geprysen. Der _Paulus_, dess _Pauli_, dem _Paulo_, den _Paulum_, o _Paule_, vom _Paulo_: Vom _Paulo_ war kein andere Red, als Lob. O _Paule_, sagt ein jeder, gebenedeyt ist dein Zung, den _Paulum_ hat man wegen seines Predigen vor ein Wunderwerck aussgeschryen: dem _Paulo_ hat man aller Orthen Ehr vnd Reverentz erzaiget, dess _Pauli_ Wörter waren lauter Magnet, so die Hertzen gezogen, der _Paulus_ war bey den Galatern so angenehm, dass sie ihn wie ihr aigne Seel {20} liebten. Wie er dann selbsten sagt: _Testimonium enim perhibeo, quia si fieri posset, oculos vestros eruissetis, et dedissetis mihi_: Ich bekenne es selbsten meine Herren Galater, dass ihr hättet euere Augen aussgestochen, vnd mir geben auss lauter Lieb: ihr Herren Galater seyt halt galante Leuth. Gemach! nachdem _Paulus_ hat angefangen scharpff zu predigen. _O insensati Galatæ!_ O ihr Sinnlose Galater, sagt er, wer hat euch verzaubert der Wahrheit zu widerstreben, seyt ihr Thorre, dass ihr mit dem Geist habt angefangt, vnd nunmehr mit dem Fleisch endet? Wie _Paulus_ solch scharpffe Saitten auffgezogen, da hat ihm kein einiger mehr mit dem Fuss Reverentz gemacht, ja man hätt ihn lieber mit Füssen tretten; keiner hat ihm mehr ein Ehr erzaigt, man hat ihm darvor den Rucken zaigt, keiner hat ihn mehr angelacht, sondern nur aussgelacht, keiner hat ihm mehr die Herberg anerbotten, sondern die {10} Herberg auffgesagt, alle waren wider ihn: _Inimicus factus sum vobis veritatem dicens_.

So lang ein Prediger ein schöne, zierliche, wolberedte, ein auffgebutzte, mit Fabeln vnd sinnreichen Sprüchen vnderspickte[1029] Predig macht, da ist jedermann gut Freund. _Vivat_ der _Pater_ Prediger! ein wackerer Mann, ich hör ihm mit Lust zu, &c. Wann er aber ein scharpffen Ernst anfangt zu zaigen mit _Paulo_: _O insensati Germani, o insensati Christiani, &c._ Wann er anfangt grossen Herren die Warheit zu sagen, sie sollen doch einmahl die Brillen brauchen vnd nit allzeit durch die Finger schauen: sie sollen doch {20} mit der Justitz nicht vmbgehen, als mit einem Spinnen-Gewöb, allwo die grosse Vögl durchbrechen, die kleine Mucken hangen bleiben: sie sollen doch nicht seyn wie die Destillier-Kolben, welche auss den Blumen den letzten Tropffen herauss saugen. Wann er anfangt die Warheit zu predigen denen hohen _Ministris_ vnd Räthen, sie sollen lehrnen 3. zehlen, sie sollen jene _Lection_ recht lehrnen, welche Christus seinen Gehaimisten gegeben. _Visionem, quam vidistis, nemini dixeritis._ Wann er anfangt den Edl-Leuthen die Warheit zu predigen, dass sie denen Barbierern in ihr _Profession_ eingreiffen[1030], vnd ihr mehristes Einkommen nicht im {30} Wein oder Trayd[1031], sondern in Zwifflen[1032] stehe, weilen sie die Bauren gar zu starck zwifflen; Wann er die Warheit sagt denen Geistlichen, dass sie gar offt seynd wie die Glocken, welche anderen in die Kirchen leutten, vnd sie selber bleiben darauss: dass sie gar offt seynd wie die Zimmerleuth dess _Noë_, welche anderen die Archen gebauet, dass sie sich _salvie_ret, vnd sie selbsten seynd zu grund gangen: dass vil Geistliche seynd wie die Nacht-Eulen, welche das Öl bey nächtlicher Weil auss denen Lampen aussauffen vnd sich von der Kirchen erhalten, vnd sonst nichts nutzen; Wann er die Warheit sagt denen Soldaten, dass sie halsstärriger Mainung seynd als seye ihr Gewissen auch priviligirt, aber da haist es _Privilegia_ Briff-Lügen; Die Warheit dem _Magistrat_ vnd Obrigkeiten, dass sie gar offt seynd wie ein Spittal-Suppen, worauff wenig Augen: Die Warheit denen Mauthnern vnd Beambten, dass sie gar zu barmhertzig seynd, nicht zwar in Beherbergung der {10} Frembdling, wol aber dess frembden Guts. Die Warheit denen Zimmerleuthen, dass man bey ihnen allzeit frische Spänn, aber zugleich faule Gespänn finde. Die Warheit denen Becken, dass sie gar offt solche Leuth seyn, welche Mehl genug, aber zu wenig Taig zum Semblen nehmen. Die Warheit denen Gartnern, dass sie gar offt den Garten säubern, aber das Gewissen lassen verwachsen vnd nichts mehrers pflantzen als das Weinkräutl; Die Warheit denen Wirthen, dass sie gar offt Kein-Wein für Rhein-Wein, Lugenberger für Luetenberger aussgeben, vnd öffters auch den Tuchscherer in die Arbeit greiffen[1033]: Die Warheit den Bauren, dass sie sich zwar {20} einfältig stellen, aber so einfältig, wie die Schweitzer-Hosen, so hundert Falten haben. Die Warheit denen Kindern, dass sie denen Passauer-Klingen nicht nacharten, dero beste Prob ist, wann sie sich biegen lassen: Die Warheit den Frauen-Zimmer, dass sie gar zu vil ziehen an den Schwaiff dess Rocks, zu wenig vmb den Halss tragen: Die Warheit den gemeinen Weibern, dass sie fast die Natur einer Uhr an sich haben, welche nie ohne Unruh, &c. Wann dergestalten der Prediger den Scharffhobl brauchen wird, wann er auff solche Weiss wird die Warheit reden, so bringt ihm solches Reden, Rödern[1034], so bringen ihm solche Wörter, Schwerdter, so {30} bringt ihm solches Sagen, Klagen; _Inimicus factus sum dicens_. Er verfeindt sich allenthalben. Sein _Auditorium_ wird bald die Schwindsucht leyden: die Kirchenstüel werden bald lauter Quartier der alten Weiber werden, die Kirchen wird bald werden wie ein abgebrochener Jahrmarckt, an allen Orthen wird man hören, was key[1035] ich mich vmb den Prediger. _Sic facta est veritas, in Aversionem._

_PAUL GERHARDT._

[_Scherer D._ 339, _E._ 342.]