The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)
Part 47
Aus Kolmar, wo er eine Meisterschule gründete. 1554 Stadtschreiber zu Burkheim am Rhein. Seine Erzählungen ‘Knabenspiegel’, ‘Von guten und bösen Nachbarn’, ‘Gabriotto und Reinhard’, ‘Goldfaden’ (herausgegeben von Brentano, Heidelberg, 1809) schrieb er zwischen 1551-1556. Sein ‘Rollwagenbüchlein’, zuerst 1555 erschienen, ist eine Sammlung von Schwänken und Anekdoten; herausgegeben von Kurz (Leipzig, 1865). Wickram dichtete auch Dramen.
AUS DEM ROLLWAGENBÜCHLEIN.
Der schmackhafte Trunk.
Auf ein zeit fůr ein mechtig schiff auf dem mer mit grossem gůt und kaufmanschatz beladen. Es begab sich, das ein grosse fortun oder torment an sie kam, also das sich menniglich zů sterben und {10} zů ertrinken verwegen tet. Auf dem schiff was ein grober und gar ein ungebachner Baier. Als er von menniglich hort, das sie sich zů versinken und zů ertrinken verwegen hatten, gieng er über seinen ledernen sack, nam daraus ein gůte grosse schnitten brot, reib ein gůt teil salz darauf, hůb an und ass das ganz gütiglichen in sich, liess ander laut beten, gott und seine heiligen anrüfen. Als nun auf die letzt der torment vergieng und alles volk auf dem schiff wider zů růwen kamen, fragen sie den Baier, was er mit seiner weis gemeint hat? der gůt Baier gab auf ire fragen antwort und sagt: ‘Dieweil ich von euch allen hört, wie wir undergon und gar {20} ertrinken solten, ass ich salz und brot, damit mir ein solcher grosser trunk auch schmecken mocht.’ Dieser wort lachten sie genůg.
_DOCTOR FAUST._
[_Scherer D._ 301, _E._ 298.]
Das älteste Volksbuch vom Doctor Faust erschien zuerst zu Frankfurt 1587 bei Johann Spies (herausgegeben von Braune, Halle 1878; in photolithographischer Nachbildung Berlin, 1884). Eine neue Originalausgabe zu Frankfurt 1588. Erweiterte Ausgaben zu Berlin 1590; zu Frankfurt 1592. Eine englische Übersetzung (nach einem Nachdruck der ersten Ausgabe vom Jahre 1588) erschien zu London, 1592, und bald darauf Marlows Tragödie. Das alte Faustbuch wurde in Deutschland seit 1595 durch Widmanns Bearbeitung verdrängt.
1.
DOCT. FAUSTUS EIN ARTZT, VND WIE ER DEN TEUFFEL BESCHWOREN HAT.
[Sidenote: D. Faustus Beschweret den Teuffel zum erstenmal.]
[Sidenote: O dess armen Diensts vnd Gehorsams.]
WIe obgemeldt worden, stunde D. Fausti Datum dahin, das zulieben, das nicht zu lieben war, dem trachtet er Tag vnd Nacht nach, name an sich Adlers Flügel, wolte alle Gründ am Himmel vnd Erden erforschen, dann sein Fürwitz, Freyheit vnd Leichtfertigkeit stache vnnd reitzte jhn also, dass er auff eine zeit etliche zäuberische vocabula, figuras, characteres vnd coniurationes, damit er den Teufel vor sich möchte fordern, ins Werck zusetzen, {10} vnd zu probiern jm fürname. Kam also zu einem dicken Waldt, wie etliche auch sonst melden, der bey Wittenberg gelegen ist, der Spesser[893] Wald genandt, wie dann D. Faustus selbst hernach bekandt hat. In diesem Wald gegen Abend in einem vierigen Wegschied[894] machte er mit einem Stab etliche Circkel herumb, vnd neben zween, dass die zween, so oben stunden, in grossen Circkel hinein giengen, Beschwure also den Teuffel in der Nacht, zwischen 9. vnnd 10. Vhrn. Da wirdt gewisslich der Teuffel in die Faust gelacht haben, vnd den Faustum den Hindern haben sehen lassen, vnd gedacht: Wolan ich wil dir dein Hertz vnnd Muht erkühlen, {20} dich an das Affenbäncklin setzen, damit mir nicht allein dein Leib, sondern auch dein Seel zu Theil werde, vnd wirst eben der recht seyn, wohin ich nit (wil) ich dich meinen Botten senden, wie auch geschach, vnnd der Teuffel den Faustum wunderbarlich äfft vnnd zum Barren[895] bracht. Denn als D. Faustus den Teuffel beschwur, da liess sich der Teuffel an, als wann er nicht gern an das Ziel vnd an den Reyen käme, wie dann der Teuffel im Wald einen solchen Tumult anhub, als wolte alles zu Grund gehen, dass sich die Bäum biss zur Erden bogen, Darnach liess der Teuffel sich an, als wann der Waldt voller Teuffel were, die mitten vnd neben dess D. Fausti Circkel her bald darnach erschienen, als wann nichts denn lauter Wägen da weren, darnach in vier Ecken im Wald {10} giengen in Circkel zu, als Boltzen vnd Stralen, dann bald ein grosser Bůchsenschuss, darauff ein Helle erschiene, Vnd sind im Wald viel löblicher Instrument, Music vnnd Gesäng gehört worden, Auch etliche Täntze, darauff etliche Thurnier mit Spiessen vnd Schwerdtern, dass also D. Fausto die weil so lang gewest, dass er vermeynt auss dem Circkel zu lauffen. Letztlich fasst er wider ein Gottloss vnd verwegen Fürnemen[896], vnd beruhet oder stunde in seiner vorigen condition, Gott geb, was darauss möchte folgen, hube gleich wie zuvor an, den Teuffel wider zu beschweren, darauff der Teuffel jhm ein solch Geplerr vor die Augen machte, {20} wie folget: Es liess sich sehen, als wann ob dem Circkel ein Greiff oder Drach schwebet, vnd flatterte, wann dann D. Faustus seine Beschwerung brauchte, da kirrete das Thier jämmerlich, bald darauff fiel drey oder vier klaffter hoch ein feuwriger Stern herab, verwandelte sich zu einer feuwrigen Kugel, dess dann D. Faust auch gar hoch erschracke, jedoch liebete[897] jm sein Fůrnemmen, achtet jhms hoch, dass jhm der Teuffel vnterthänig seyn solte, wie denn D. Faustus bey einer Gesellschafft sich selbsten berühmet, Es seye jhm das höchste Haupt auff Erden vnterthänig vnd gehorsam. Darauff die Studenten antworteten, sie wüssten kein höher Häupt, {30} denn den Keyser, Bapst oder König. Drauff sagt D. Faustus, das Häupt, das mir vnterthänig ist, ist höher, bezeugte solches mit der Epistel Pauli an die Epheser, der Fürst dieser Welt, auff Erden vnd vnter dem Himmel, &c. Beschwur also diesen Stern zum ersten, andern, vnd drittenmal, darauff gieng ein Fewerstrom eines Manns hoch auff, liess sich wider herunder, vnnd wurden sechs Liechtlein darauff gesehen, Einmal sprang ein Liechtlin in die Höhe, denn das ander hernider, biss sich enderte vnd formierte ein Gestalt eines fewrigen Manns, dieser gieng vmb den Circkel herumb ein viertheil Stund lang. Bald darauff endert sich der Teuffel vnd Geist in Gestalt eines grauwen Münchs, kam mit Fausto zu sprach, fragte, was er begerte. Darauff war D. Fausti Beger, dass er morgen vmb 12. Vhrn zu Nacht jhm erscheinen solt in seiner Behausung, dess sich der Teuffel ein weil wegerte[898]. D. Faustus beschwur jhn aber bey seinem Herrn, dass er jm sein Begern solte erfüllen, {10} vnd ins Werck setzen. Welches jm der Geist zu letzt zusagte, vnd bewilligte.
2.
D. FAUSTUS LÄST JHM DAS BLUT HERAUSS IN EINEN TIEGEL, SETZT ES AUFF WARME KOLEN, VND SCHREIBT, WIE HERNACH FOLGEN WIRDT.
[Sidenote: O HERR Gott behüt.]
ICh Johannes Faustus D. bekenne mit meiner eygen Handt offentlich, zu einer Bestettigung, vnnd in Krafft diss Brieffs, Nach dem ich mir fürgenommen die Elementa zu speculieren, vnd aber auss den Gaaben, so mir von oben herab bescheret, vnd gnedig mitgetheilt worden, solche Geschickligkeit in meinem Kopff nicht {20} befinde, vnnd solches von den Menschen nicht erlehrnen mag, So hab ich gegenwertigem gesandtem Geist, der sich Mephistophiles nennet, ein Diener dess Hellischen Printzen in Orient, mich vntergeben, auch denselbigen, mich solches zuberichten vnd zu lehren, mir erwehlet, der sich auch gegen mir versprochen, in allem vnterthenig vnnd gehorsam zuseyn. Dagegen aber ich mich hinwider gegen jhme verspriche vnd verlobe, dass so 24. Jahr, von Dato diss Brieffs an, herumb vnd fürvber gelauffen, er mit mir nach seiner Art vnd weiss, seines Gefallens, zuschalten, walten, regieren, führen, gut macht haben solle, mit allem, es sey Leib, Seel, Fleisch, {30} Blut vnd gut, vnd das in sein Ewigkeit. Hierauff absage ich allen denen, so da leben, allem Himmlischen Heer, vnd allen Menschen, vnd das muss seyn. Zu festem Vrkundt vnnd mehrer Bekräfftigung, hab ich disen Recess eigner Hand geschrieben, vnderschrieben, vnd mit meinem hiefür getrucktem eygen Blut, meines Sinns, Kopffs, Gedancken vnnd Willen, verknüpfft, versiegelt vnd bezeuget, &c.
Subscriptio,
Johann Faustus, der Erfahrne der Elementen, vnd der Geistlichen Doctor.
3.
WIE DOCT. FAUSTUS ZU ERFFORD DEN HOMERUM GELESEN, VND DIE GRIECHISCHEN HELDEN SEINEN ZUHÖRERN {10} GEWEIST VND VORGESTELT HABE.
ES hat sich auch D. Faustus viel Jahr zu Erfford gehalten, vnd in der hohen Schul daselbst gelesen, vnd viel Ebenthewr in dieser Stadt angerichtet, wie noch etliche Personen beim leben, die jn wol gekandt, solche Ebenthewr von jhm gesehen, auch mit jm gessen vnd getruncken haben. Als er nun seinen Zuhörern einmal den Griechischen fürtrefflichen Poeten Homerum gelesen, welcher vnter andern Historien auch den zehenjärigen Krieg von Troia, der sich der schönen Helenæ wegen vnter den Griechischen Fůrsten erhaben hatte, beschreibet, vnd da vielmals der Tapffern Helden, {20} Menelai, Achillis, Hectoris, Priami, Alexandri, Vlissis, Ajacis, Agamemnonis vnd anderer gedacht wird, hat er derselben Personen, gestalt vnd gesichte den Studenten dermassen beschrieben, das sie ein gros verlangen bekommen, vnd offt gewünscht, wo es jhr Præceptor zu wegen bringen könte, dieselbigen zu sehen, haben jn auch darumb bitlichen angelanget[899]. Faustus hat jn solches verwilligt vnd zugesagt in der nechsten Lection, alle die sie begerten zusehen, vor augen zu stellen, derwegen ein grosser concursch vnd zulauff von Studenten worden. Wie dann die Jugend allzeit mehr auff Affenwerck vnd Gauckelspiel, denn zu dem guten, Lust vnd {30} Zuneigung hat. Als nun die Stunde komen, vnd Doctor Faustus in seiner Lection fortgefahren, auch gesehen, das wegen seiner gethanen zusag, mehr Zuhörer verhanden, dann sonsten, Hat er fast mitten in der Lection angefangen, vnd gesagt: Ir lieben Studenten, weil euch gelüstet die Griechischen berhümbten Kriegsfürsten, welcher der Poet alhier neben vielen andern Scribenten gedenckt, in der Person, wie sie domals gelebt vnd herein gangen seind, anzuschawen, sol euch dieses jtzt begegnen, vnd sind auff solche Wort alsbald obernante Helden in jhrer damals gebreuchlichen gewesenen Rüstung in das Lectorium nacheinander hinein getreten, sich frisch vmbgesehen, vnd gleich als wenn sie ergrimmet weren, die Köpffe geschüttelt, welchen zu letzt nachgefolgt ist, der greuliche {10} Rise Polyphemus, so nur ein Aug im Kopffe mitten in der Stirn gehabt hat, vnd einen langen zottichten fewrrohten Bart, hat ein Kerln, den er gefressen, mit den Schenckeln noch zum Maul heraus zottend[900] gehabt, vnd so gresslich ausgesehen, dass jhnen alle Haar gen Berg gestanden, vnd sie vor schrecken vnnd zittern schier nicht gewust haben, wo sie naus solten. Dessen aber Faustus sehr gelacht, vnd jhnen einen nach dem andern bey namen genandt, vnd wie er sie beruffen, also auch ordentlich heissen wider hinaus gehen, welches sie auch gethan, alleine der eineugige Cyclops oder Poliphemus hat sich gestalt, als wolte er nicht weichen, sondern {20} noch ein oder zween fressen, Darüber sich dann die Studenten noch mehr entsatzt, sonderlich weil er mit seinen grossen dicken Spiesse, der lauter Eisen, vnd eim Weberbaum gleich war, wider den Erdboden sties, das sich das gantze Collegium bewegte vnd erschutterte. Aber Faustus winckete jhm mit eim Finger, da traff er auch die Thůr, vnd beschlos also der Doctor seine Lection, des die Studenten alle wol zu frieden waren, begerten fortan kein solch Gesichte von jhme, weil sie erfahren, was für gefahr hiebey zu fürchten.
_THOMAS NAOGEORG._
[_Scherer D._ 309, _E._ 308.]
Aus Baiern. Eine Zeitlang Pfarrer zu Kahla in Thüringen. Führte, nachdem er mit Luther zerfallen, ein unstätes Leben. Er dichtete protestantische Tendenzdramen in lateinischer Sprache: ‘Pammachius’ 1538; ‘Mercator’ 1540; ‘Incendia’ 1541; ‘Hamanus’ 1543; ‘Hieremias’ 1551; ‘Judas Icariotes’ 1552.
AUS DEM PAMMACHIUS.
(Porphyrius. Pammachius. Satan.)
_Porphyrius:_
Er würt nun gwisslich ledig sein Und sein stůl haben gnomen ein Ich halt es sei der greülich man Gehörnt, der uns sicht hesslich an. Sein augen seind nür feüres glast, Eyn Habichs nass geknodet[901] vast. Sein maul ist weiter dann es sol. Sein gantzer leib schwartz wie eyn kol. 10
_Pammachius:_
Du hast verstand: es ist der man. Lass sehen was er hie wöll than.
_Porphyrius:_
Mir zittert aller meyner leib. Ich weyss nit, wo ich vor im bleib.
_Pammachius:_
Du můst sein angsicht leiden lern, Er gibt sunst grosse gaben gern Wann eyners eyn mol leiden mag 20 So leidt ers darnach allen tag.
_Porphyrius:_
Sag mir, Pammachi, wer sind die, Die also gkrönet stond alhie? Sichstu sie oder sichstus nit? Sag mirs, das ist mein grosse bitt.
_Pammachius:_
Es ist die öberkeyt im reich Ich sich ye sunst nit ires gleich.
_Satan:_
Die habend noch keyn feindlich gsicht, Mit forcht ir augen abgericht, Als ob sie etwas hetten gern, Das ich sie solt umb bitt gewern.
_Porphyrius:_
Sie ungleichen dem fürsten nit, 10 Als werns in eyner ess geschmit.
_Pammachius:_
Wolher, wir wöllen zů im gahn Und mit im zreden heben an.
_Porphyrius:_
O grossmechtiger fürst und her, Wir grüssen dich beyd ich und der.
_Satan:_
Was sůchend meyne find alhie? Ich hett solchs in vertrawet nie. 20
_Porphyrius:_
Ich weyss nit wie mir gschehen ist, So meyner zungen red gebrist[902]. Mich hat erschreckt die greülich stim, Das ich kan forter[903] reden nim[904].
_Pammachius:_
Du můst eyn starck gemüt hie hon Und wie eyn starcker kriegsman thon.
_Porphyrius:_
Wir deine diener hond eyn bitt, 30 Begerend: fürst, verschmeh uns nit.
_Satan:_
Was habt ir dann für bitt an mich? Sags von stund an, dazů schick dich!
_Porphyrius:_
O grosser fürst, gnediger her, Wiewol es von sich selbs ist schwer, Das eyner bei sein finden redt Und er werd gweret seiner bedt Bei denen, die er hett zůvor Mit wort und werck beleydigt zwor Noch tröst uns dein gross miltigkeyt Die bei dir allweg ist bereyt Die macht das wir auch hoffnung han 10 Dein gnad die werd uns nemen an Bissher hond wir noch nie erkant Dein onüberwintliche handt Und das mit unserm schaden gross Das wir nit wurden zerst dein gnoss Dieweil du so freigebig bist Das all den deinen nichts gebrist Mit grossem bracht sie gond daher Als ob die gantz welt iren wer. Nichts mangelt in an eer und gůt. 20 Dazů hond sie eyn gůten můt. On arbeyt werden sie all reich, So uns gar nit geschicht der gleich. Wir sind verschmacht[905] in aller welt Wir hond auch weder gold noch gelt, Wir sind veracht und gar verbandt. Man nimbt uns alles was wir handt. Mit hauss und hoff, mit weib und kind Wir täglich in den gferden sind Thůnd wir schon gůts, so ists keyn danck 30 Also leiden wir grossen zwanck Aber uns gschicht da eben recht Das wir nit wöllen sein dein knecht Die in deim reich hie müssend won. Drumb nemend wir eyn solchen lon. Eyn knecht sol warten auff sein hern, Will er von im eyn lon begern. Solchs solten wir betrachtet hon Und nit wöln deim gwalt widerston. Aber es gschach auss unverstandt. Drumb strecken wir auss unser hand, Du wölst dein knechten gnedig sein. Die vorhin haben straff und pein. Jetzt nim uns auff auch in dein reich. Mach uns dein underthonen gleich: 10 Wir wöllen gůten fleiss an kern, Dasselbig fürdern und zů mehrn. Das du můst sagen sicherlich, Du habst zůvor nit unsers gleich. Wie wir dir theten widerstandt, So wöln wir fürter mern dein landt, Also das keyner strenger sei Von allen die dir wonen bei.
_JOHANNES CHRYSEUS._
[_Scherer D._ 310, _E._ 308.]
Deutscher Tendenzdramatiker der Reformationszeit. Lebte zu Altendorf in Hessen. 1546 übersetzte er den ‘Haman’ von Naogeorg. Sein ‘Hofteufel’ steht an der Spitze der gesammten Teufelsstücke des sechzehnten Jahrhunderts.
AUS DEM HOFTEUFEL.
Actus Quarti Scena Septima.
_Sibilla._ _Salomon._ _Ben Jamin._ _Blepsidemus._ _Joseph[906]._
Ach, Blepsideme, böse mehr Bringt jr mit euch mir jetzund her. 20 Ach Gott, mein Gott, klag dir mein leid; Ach Herr, hilff jetzt zu diser zeit! Ach hertzenliebsten kinder mein, Solt jr denn jetzt so jung vnd klein Zu armen elendn waysen werdn? Das klag ich dir mein Gott vnd Herrn. Wie hertzlich hat euwr Vatter doch Geliebet euch, vnd sollet noch Sein werdn beraubt so jämmerlich? Ach Gott, solchs jetzund krencket mich.
_Salomon._
Wer wil denn vnserm Vatter thun? 10
_Sibilla._
Die Gottlosn Leut, mein lieber Son. Bin doch ein gantz elende Frauw. Du treuwer Gott von Himmel, schauw, Sih an mein jammr und gross ellend: Diss böss fürnemmen gnedig wend! Ach Blepsideme, günner gut, Ich bitt, geht hin, erfaren thut, Wies vmb mein Herren sey gestalt, Ob er noch leb, vnd sagt mirs bald, 20 All weil ich hie verziehen wil.
_Blepsidemus._
Wils bald erfarn, steht jr hie stil.
_Sibilla._
Ach lieben kindr, bitt jetzt auch Gott, Das er errett euwrn Vattr vorn Tod.
_Ben Jamin._
Ich wil flugs bettn, mein Memelein.
_Sibilla._
Das thu, du hertzer Sone mein. 30
_Joseph._
Wil ich meim Vatter helffen wol?
_Sibilla._
Der treuwe Gott jm helffen sol. Ach lieben kindr, jr jammert mich. Du heiligr Gott, erbarme dich Vbr meinen Mann, den diener dein!
_Ben Jamin._
Ach greinet nicht, mein Memelein.
_Blepsidemus._
Ich habs erkundt, er ist noch frey, Drumb geht nur her, trett bass herbey.
_Sibilla._
Mag mich jn jetzt nicht sehen kan: 10 Die kindr würdn jm zu hertzen gan.
_Blepsidemus._
Ey, seit getröst vnd weinet nicht. Kan noch wol werden als geschlicht.
_Sibilla._
Ach Gott, er jammert mich zu sehr.
_Blepsidemus._
Seit stil, der König kompt jetzt her.
_THIEBOLD GART._
[_Scherer D._ 304, _E._ 303.]
Bürger zu Schlettstadt. Sein Volksstück ‘Joseph’ wurde 1540 von Schlettstädter Mitbürgern aufgeführt und in demselben Jahre das erste Mal gedruckt zu Strassburg. Herausgegeben von E. Schmidt (Strassburg 1880).
SOPHORA.
O wee mein höchster Jupiter, Cupido du gewaltigster, 20 O Venus, dein gestrenges kind, Durchtringt mein traurigs hertz geschwind, Mit scharpffen pfeilen heysser lieb, Du brünnens[907] fewr, der ehren dieb, Was bringstu für ein preiss daruon? Wann du ein weib bezwingest schon, Ein plede[908] creatuer seer, Du plinder schütz, wa ist dein ehr? Mir kam doch in mein keüsches hertz, Nie semlich[909] vngehörter schmertz, Als seit der zeit so Joseph kam, In vnser hauss der heysse flamm, So bitt ich edle Venus mein, Gib jm das auch dagegen ein, 10 Vnd aber nim du bald hinweg, Das du mir gabst, das gross gekläg, Heu[910] soll ich mir ein sollchen mann, So hertzlich lassen ligen an Treib auss deim keuschen hertzen treib, Die schandtlich lieb, o leydigs weib, So fast du magst, ja wann ich möcht? So wer ich auch geschickter lecht[911], Mich zwingt vnwillig newe macht, Ein anders hat mein hertz betracht, 20 Ein anders radt mir liebes brunst, Ich kenn das recht vnd lobs vmb sunst, Denn ich folg nur dem bösen nach, Du arme, was ist dir so goch? Nach disem Hebreischen knecht, Er ist der thewren frawen zschlecht, Wa komm ich hin, was foch ich an? Du schändtlichs fewr, weich weit hindan Solt mich erbitten liebes lust, Eim dem mein lieb noch vnbewusst, 30 Wie möcht ichs jmmer vndersthon? Schamm würd mein mund beschliessen than. Jetzt weyss ich mir ein freien fund, Brieff brieff, die müssens machen kundt, Keyn bessers möcht ich han erdacht, Er kumpt, O wee die thür die kracht, Er ists, ich wags vnd solt ich schon, Eya meins hertzen höchste kron, Du bists nach dem mein hertz verlangt, An dir mein leib vnd leben hangt.
_HANS SACHS._
[_Scherer D._ 306, _E._ 304.]
Geboren 1494 zu Nürnberg. Er besuchte die lateinische Schule, wurde Schuhmacher, gieng auf die Wanderschaft und befleissigte sich der Dichtkunst. 1515 nach Nürnberg zurückgekehrt, heiratete er 1519 und starb 1576. Zwischen den Jahren 1514, wo er zu dichten angefangen, und 1567 hatte er 34 Bände mit 6048 Stücken gedichtet. Eine neue Ausgabe durch Keller und Götze begonnen (Tübingen 1870 ff.); eine Sammlung der Fastnachtspiele von Götze (Halle 1880 ff.); eine Auswahl veranstalteten Gödeke und Tittman (3 Bde. Leipzig 1870, 1871).
1.
WARUMB BETRÜBSTU DICH.
Warumb betrübstu dich mein hertz, bekümmerst dich vnd tregest schmertz Nur vmb dz zeitlich gut, Vertraw du deinem Herren vnnd Gott, der alle ding erschaffen hat. 10 Er weyss gar wol, was dir gebricht, Himel vndt Erdt ist sein, Mein Vatter vnnd mein Herre Gott, der mir beisteht in aller not. Weil du mein Gott vnnd Vatter bist, Dein Kind wirst du verlassen nicht, du Vätterliches hertz, ich bin ein armer erden Kloss, auff Erden weiss ich keinen trost. 10 Der Reich verlest sich auff sein zeytliches gut, ich aber wil dir vertrawen mein Gott. ob ich gleich werdt veracht, So weiss ich vnd glaub vestiglich, wer dir vertrawt dem mangelt nicht. Helia wer erneret dich, da es so lange regnet nicht, Inn so schwer thewrer zeyt, Eine Widwe auss Sodmer landt, zu welcher du von Gott warst gesandt. Do er lag vnter dem Wacholder baum, der Engel Gottes vom Himmel kam, bracht jm Speiss vnde tranck, Er gieng gar einen weiten gang, Biss zu dem berg Horeb genandt. Des Daniels Gott nicht vergass, da er vnter den Löwen sass: 10 sein Engel sand er hin, vnd liess jm speise bringen gut durch seinen diener Habacuck. [Joseph in Egypten verkauffet ward, von König Pharao gefangen hart vmb sein Gottsförchtigkeit: Gott macht jn zu eim grossen Herrn, das er kundt Vatter vnd Brüder ernehrn. Es verliess auch nicht der trewe Gott die drey Menner im Fewer ofen rot: 20 sein Engel sandt er jhn, Bewart sie für dess Fewres glut vnd halff jhnen auss aller noht.] Ach Gott du bist noch heut so Reich, Als du gewesen Ewigkleich, Mein trawen steht zu dir, Mach mich an meiner Seelen reich, so hab ich genug hie vnd ewigkleich. Der zeitlichen ehr will ich gern entpern, du wöllest mich nur des ewigen gewern, das du erworben hast durch deinen herben bittern todt, des bit ich dich mein HERR vnd Gott. Alles was ist auff diser Welt, 10 es sey Silber Gold oder gelt, Reichtumb vnnd zeitlich gut, das weret nur ein kleine zeit vnd hilfft doch nichts zur seligkeyt. Ich danck dir Christ O Gottes Son, das du mich solchs hast erkennen lon[912] durch dein Gottliches Wort, Verley mir auch bestendigkeyt zu meiner seelen seligkeyt. Lob ehr vnd preiss sey dir gesagt 20 für alle dein erzeigte wolthat vnd bit demütig, Lass mich nicht von deim angesicht verstossen werden ewigklich, _Amen._
2.