The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)
Part 46
Murnern, der katzaner patron, Lert mich kennen mein mutter fron; Ich bat, wie ich noch war ein kind, Wie die kinder fürwitzig sind, Sie wolts lassen einmal geschehen, Mich auch lassen die welt besehen, Dieweil ein heimgezogen[821] kind Unverstendig blieb als ein rind, 10 Wie sie denn oftmals diese wort Vom herrn vater selbst het gehort. Sie weret ab mit hand und mund, Predigt mir viel von katz und hund, Wie die uns weren so gefer[822]. Ich bat und gilfert[823] immermer, Bis sie zuletzt williget drein, Das ich ein stund möcht von ihr sein, Warnet doch mich mit ganzem fleiss Und saget von des Murners weis, 20 Das er versteckt im winkel sess Und die meuslein on brot einfress, Das wern sein allerliebste speis, Den solt ich ja meiden mit fleiss. Ich schlich unter der wand herfür Nach unsers schlosses vordertür, Die in des mantiers[824] haus hingieng, Davon es werme und rauch empfieng, Und kuckt[825] heimlich zuerst heraus Wie ein unbewanderte maus, Ob auch da wer sicher geleit, Odr ob der Murner sess zur seit. So sass im haus im sonnenschein Ein schönes weisses jungfreulein, Sein euglein glenzten hell und klar, Es leckt und schlichtet seine har, Küsset die hend und wusch sie rein 10 Über die zarten wengelein; Das herz im leib verlanget mir, Das ich nur möcht treten herfür, Dasselb mit adeligen sitten Um seine lieb und freundschaft bitten, Küssen ihre schneweisse hend: So het al meine sorg ein end. -- Es trat aber am platz herum Im haus die leng und in die krüm Ein erschreckliches wundertier, 20 Dafür die haut erschuttert mir, Vom haupt zu fuss aller gestalt Wie man ein basilisken[826] malt; Ich dacht, ob das der Murner wer, Der uns meusen ist so gefer. Vornen am kopf war er geschlacht[827], Wie man die bösen geister macht, Mit einem krummen spitzen schnabel, Hat füss, geteilt wie ein mistgabel, Und ein zweispitz geteilten bart 30 Nach des mantiers greulicher art, Und auf dem haupt ein glühend kron Mit vil türnen[828] erhoben schon[829], Und aus dem leib giengen beisammen Ein grosser hauf gelber feurflammen[830], Gekrümt unten und über sich, Übraus hesslich und erschrecklich; Damit pranget er über erd[831], Trat herein wie ein reisig[832] pferd, Und seiner trabanten wol zehen Giengen alzeit hinter ihm stehen, Doch nicht so statlich ausgemacht[833], Der könig fürt allein den pracht. Wie ich nun blieb im löchlein stecken, Dem abenteur zusehe mit schrecken, 10 Fengt er an dem boden zu schnablen[834], Scharret mit den zween mistgabeln Und ruft: ‘Guck, guck, curit, merkauf!’ Da erhob sich ein gross zulauf, Die trabanten waren gar schnell, Zu hören des königs befel, Reckten auch die köpf zu der stet, Zu sehn was er geschrieben het; Bis der könig mit grossem prassen[835] Sprang auf die haustür nach der gassen 20 Und schlug die arm auf beide seit, Sperret den rachen auf gar weit Und rief, man hets ein meil gehort, Diese drei erschreckliche wort: ‘Rück, rück ihn herausser beim kragn![836]’ Als het mich der donner geschlagn, So stürzt ich zu dem loch hinein, Lief zu meinem frau mütterlein. Die erschrak und fragt, was mir wer, Das ich fast het kein atem mer 30 Und also ser fieng an zu beben; Wolt mir erzenei fürs schrecken geben. Ich sprach: ‘O mutter, der Murner Hat mich erschrecket also ser, Das ich schier nimmer atem hol; Wie habt ihr mich gewarnt so wol!’ ‘Was tat er denn?’ die mutter sprach. Ich sagt: ‘Im haus ich sitzen sach Ein zartes schönes jungfreulein, Im weissen pelzlein, artig fein, Das schmückt sich mit geleckter hand; Ich het mich gern zu ihm gewandt Und um ein kuss freundlich gebeten, So kömt der Murner hergetreten 10 Mit gabelfüssen, mit der kron, Mit brennenden schwanz angeton, Das mich daucht ser erschrecklich stehen. Der schelm het mich im loch gesehen, Springet auf die tür und rufet laut (Wenn ichs gedenk graust mir die haut): ‘Rück, rück ihn herausser beim kragn!’ Damit wolt er sein dienern sagn, Das sie mich solten nemen an[837]. Und sie hettens warlich getan, 20 Wenn ich nicht bald entlaufen wer. Davon bin ich erschreckt so ser.’ Da sagt die mutter: ‘Liebes kind, Die so schrecklich anzusehen sind, Die tun uns meusen nichts zu leid; Die aber dichten[838] freundlichkeit, So leis und lieblich einher schleichen, Die hendlein küssen, wilkom reichen, Die sind giftige creatur, Teufl unter englischer figur; 30 Die sind geferliche katzen, Die vorn lecken, hinten kratzen. Judaskuss ist geworden neue, Fürt gute wort, helt falsche treue; Der dich anlacht, der reist dich hin: Das ist dieser welt weis und sin. Das jungfreulein, das so schön war, Bringt uns meuschen die gröst gefar, Futtert sein pelz mit unserm blut, Gott sei dank, das er dich behüt!’
_ÆGIDIUS TSCHUDI._
[_Scherer D._ 295, (611) _E._ 292.]
Geboren 1505 zu Glarus; gestorben 1572, als Landamman. Sein ‘Chronicon Helveticum’ reicht bis 1570.
ÜBER WILHELM TELL.
Darnach am Sonntag nach Othmari, was der 18. Wintermonats, gieng ein redlicher frommer Land-Mann von Uri, Wilhelm Tell genannt (der auch heimlich in der Pundts-Gesellschaft[839] was), zu Altorf etlichmal für den uffgehängten Hut und tett Im kein {10} Reverentz an, wie der Land-Vogt Gessler gebotten hat. Das ward Ime, Land-Vogt, angezeigt. Also morndes[840] darnach am Montag berufft Er den Tellen für sich, fragt In trutzlich, warumb er sinen Gebotten nit gehorsam wäre, und dem König, ouch Ime zu Verachtung dem Hut keine Reverentz bewisen hette? Der Tell gab Antwurt: ‘Lieber Herr, es ist ungeward[841] vnd nit uss Verachtung geschehen; verzichend mirs; wär ich witzig, so hiess ich nit der Tell, bitt umb Gnad, es soll nit mehr geschehen.’ Nun was der Tell ein guter Armbrust-Schütz, dass man In besser kum fand, und hat hübsche Kind, die Im lieb warend, die beschickt der {10} Land-Vogt und sprach: ‘Tell, welches unter denen Kindern ist dir das liebste?’ Der Tell antwurt: ‘Herr, sie sind mir alle glich lieb.’ Do sprach der Land-Vogt: ‘Wolan Tell, du bist ein guter verruempter Schütz, als ich hör; nun wirst du din Kunst vor mir müssen beweren, und diner Kinder einem ein Öpffel ab sinem Haupt müssen schiessen; darumb hab eben Acht, dass du den Öpffel treffest: dann triffst du In nit des ersten Schutzes[842], so kost es dich din Leben.’ Der Tell erschrack, bat den Land-Vogt vmb Gottes willen, dass Er In des Schutzes erliesse, dann es unnatürlich wäre, dass er gegen sinen lieben Kind sollte schiessen; Er wolt {30} lieber sterben. Der Land-Vogt sprach: ‘das must du thun, oder du und das Kind sterben.’ Der Tell sach wol, dass Ers tun must, bat Gott innigklich, dass Er In vnd sin lieb Kind behüte; nam sin Armbrust, spien es, legt uff den Pfil und stackt noch ein Pfil hinden in das Göller; und legt der Land-Vogt dem Kind (das nit mehr dann sechs Jar alt was) selbst den Öpffel uf sin Houpt. Also schoss der Tell dem Kind den Öpffel ab der Scheitlen des Houpts, dass Er das Kind nie verletzt. Do nun der Schutz geschehen was, verwundert sich der Land-Vogt des meisterlichen Schutzes, lobt den Tellen siner Kunst und fragte Ine, was das bedüte, dass er {10} noch ein Pfil hinten in das Göllert gesteckt hette? Der Tell erschrack aber, und gedacht, die Frage bedutet nützit[843] Gutes; doch hett Er gern die Sach glimpfflich[844] verantwurt und sprach: Es wäre also der Schützen Gewonheit. Der Land-Vogt merckt wol, dass Im der Tell entsass[845], und sprach: ‘Tell, nun sag mir frolich die Wahrheit und fürcht dir nützit darumb: du sollt dins Lebens sicher sin; dann die gegebene Antwurt nimm ich nit an: es wird etwas anders bedut haben.’ Do redt Wilhelm Tell: ‘Wolan Herr, sitmalen Ir mich mines Lebens versichert habend, so wil ich uch die grundlich Warheit sagen, dass min entlich Meinung {20} gewesen, wann ich min Kind getroffen hette, dass ich uch mit dem andern Pfyl erschossen und ohne Zweifel uwer nit gefält wollt haben.’ Do der Land-Vogt das hört, sprach Er: ‘nun wolan Tell, Ich hab dich dins Lebens gesichert, das will ich dir halten; dieweil ich aber din bösen Willen gegen mir verstan, so will ich dich füren lassen an ein Ort und allda inlegen, dass du weder Sunn noch Mon niemerme sechen sollt, damit ich vor dir sicher sig.’ Hiess hiemit sin Diener In fachen und angentz[846] gebunden gen Flulen fuhren. Er fur auch mit Inen und nam des Tellen Schiesszüg, Kocher, Pfyl und Armbrust auch mit Im; wolts Im selbs behalten. {30} Also sass der Land-Vogt sambt den Dienern und dem gebundenen Tellen in ein Schiff, wolt gen Brunnen fahren, vnd darnach den Tellen über Land durch Schwitz in sin Schloss gen Küssnach füren, und allda in einem finstern Thurn sein Leben lassen enden. Des Tellen Schiesszüg ward im Schiff uff den Bieten oder Gransen[847] bim Stürruder gelegen.
Wie si nun uff den See kamend, und hinuff furend biss an Achsen das Ecke, do fugt Gott, dass ein solcher grusamer ungestümer Sturm-Wind infiel, dass si sich all verwegen[848] hattend ärmklich ze ertrinken. Nun was der Tell ein starker Mann, und kondt vast wol uff dem Wasser; do sprach der Dienern einer zum Land-Vogt: ‘Herr, Ir sechend üwre und unsre Not und Gfar unsers Lebens, darinn wir stand, und dass die Schiff-Meister erschrocken und des Farens nit wol bericht; nun ist der Tell ein stärcker Mann, und kan wol schiffen, man solt In jetz in der Not bruchen.’ Der Landt-Vogt was der Wasser-Not gar erklupfft[849], {10} sprach zum Tellen: ‘Wann du uns getruwtist uss diser Gfahr ze helffen, so wölt ich dich diner Banden ledigen.’ Der Tell gab Antwurt: ‘Jo Herr, ich getruwe uns mit Gottes Hilff wol hiedannen zu helffen.’ Also ward Er uffgebunden, stund an das Stürruder, und fur redlich dahin, doch lugt Er allweg uff den Schiess-Züg, der ze nächst bi Im lag, und uff ein Vorteil hinuss zu springen, und wie Er kam nah zu einer Blatten (die sidher den Namen des Tellen Blatten behalten, und ein Heilig Hüsslin dahin gebuwen ist) beducht Im, dass Er daselbs wol hinuss gespringen und entrinnen möcht, schry den Knechten zu, dass sie hantlich {20} zugind, biss man fur dieselb Blatten käme, wann si hättend dann das Bösist überwunden, und als Er nebent die Blatten kam, trukt Er den hindern Gransen mit Macht (wie Er dann ein starker Mann was) an die Blatten, erwüscht[850] sin Schüsszüg, und sprang hinuss uff die Blatten; stiess das Schiff mit Gwalt von Im, liss si uff dem See schweben und schwenken, der Tell aber luff Bergs und Schattens halb (dann noch kein Schnee gefallen was) über Morsach uss durch das Land Schwitz, bis uff die Höhe an der Landt-Strass, zwüschend Art und Küssnach, da ein hole Gass ist, und Gestüd[851] darob, darinn lag Er verborgen, dann Er wust, dass der Landt-Vogt allda fürryten {30} wurd gen Küssnach zu siner Burg.
Der Landt-Vogt und sin Diener kamend mit grosser Not und Arbeit übern See gen Brunnen, rittend darnach durch Schwitzer-Land, und wie si der gemelten holen Gassen nachneten, hört Er allerley Anschläg des Land-Vogts wider Ine, Er aber hat sin Armbrust gespannen und durchschoss den Landt-Vogt mit einem Pfyl, dass Er ab dem Ross fiel, und von Stund an tod was.
_SEBASTIAN FRANCK._
[_Scherer D._ 286, 295, _E._ 282, 292.]
Geboren zu Donauwörth, gestorben gegen 1543 in Basel. Er führte ein unstätes Leben, ward als Mystiker und Schwärmer verfolgt, und scheint sich nothdürftig durch Schriftstellerei erhalten zu haben. Seine geschichtlichen Arbeiten, namentlich die ‘Chronik der Deutschen’, waren volksthümlich. Als Verfasser von mystischen Büchern ward er des Unglaubens verdächtig, und Luther nennt ihn: ein Lästermaul, des Teufels liebstes Maul, einen Enthusiasten und Geisterer, dem nichts gefällt als Geist, Geist, Geist. Seine Sprichwörtersammlung (vom Jahre 1532) wurde herausgegeben von Latendorf (Poesneck, 1876).
1.
AUS DER VORREDE ZUR GERMANIA.
Es ist immerzu das frembd besser dann das heymisch. Was vor der thür, has hat mann niendert für[852]. Also ist es den Teutschen auch, daher haben sie so gar nicht von jn selbs, dass kaum ein volck ist, dass weniger von jm selbs weyss vnd hat. Zu dem hat das vnglück auch darzu geschlagen, dass sie mer krieger bissher dann glert Leut haben gezogen vnd gehabt: das macht, dass sie also versaumpt vnd dahinden bliben seind, dass sie so gar nicht von jn selbs wissen odder haben. Nit dass sie, so vnendlich[853] leut, {10} nichts Chronick wirdigs haben gestifft, geredt vnd thon; ja mer dann viel andere völcker, also dass sie in dem fall weder den Griechen noch Latinern weichen, sonder dass sie niemant haben gehabt, der jr weise kleinmüetige[854] red vnd that auffschrieb, vnd jrer eygen histori, so sie täglich gewont vor augen gesehen, vnd nichts seltzams oder wunders bey jnen gewesen ist, nit haben acht genommen, vnd nur fürwitzig auff andere völcker vnd lender gesehen, vnd jn lassen treumen[855], weil nuon von anderen orten inn Latein, Griechischer vnnd Judischer zung vil bücher seyen, so seyen allein dieselben land voller wunders, weissheit, reichthumb, {20} kunst, vnd jn ja lassen träumen, sie seien Barbari, darumb dass sie die Römer etwa Barbaros haben genent; dann Teutsche seind von art ein volck, dass nicht von seim ding helt, nur frembd ding guot ding, vnd allein in vnd mit kriegen niemant weicht, den sieg aber der weissheit lasst es leicht andern nationen, ja scheubts vonn sich vnd gibts den Latinern, Griechen vnd anderen völckern. Mann sihet, dass ein Gallus, Italus, Jud etc. nicht dann sein spraach, volck, histori, kunst, weissheit, sterck etc. rhümpt. Dauon schreiben sie grosse büecher; allein die kriegerischen Teutschen bleiben krieger vnd fromm landsknecht, +den+ rhuom lassen sie jn nit gern zucken[856]; künst, spraach, weissheit, weise red vnnd that lassen sie gern demüetig anderen, ja gebens selbs anderen, vnd rhüemen {10} odder verwunderen[857] auss einer sonder schier torechten demuot anderer rath, that, bücher, leer, red, vnd gefelt einem Teutschen in summa nicht, was seyn eygen ist, sonder nur auss fürwitze frembder siten, gang, kleyder, spraach, geberde, so gar, dass etlich mit kunst auss gelbem weissen hare, darumb dass es Teutsch ist, schwarz, Frantzösisch, Spaniolisch odder Welsch hare lassen machen[858], mit seltzamen beschoren köpffen, verkerter spraach, welche, so sie es gleich reden, vngern vnd verkert, als kunden sie es nimmer reden[859], vnd in summa wie die affen alle aller land verderbt sitten vnd kleyder anmassen[860], vnd in Teutschland bringen, {20} also dass Germania jetz voller Teutscher Frantzosen, Teutscher Walhen[861] vnd Spanier ist. Es ist kein volck, es bleibt bei seiner spraach vnnd kleydung, dunckt sich der gemeyd[862] sein, vnd rhümpt sich deren, wil auch, dass mans darbey erkenn. Allein die Teutschen verleugnen jre spraach vnd kleydung vnd geen in frembder seltzamer mummerey herein, als haben sie einn böss stuck thon[863], dass mann sie an nicht kan kennen, dann an sauffen vnd kriegen....
Auss disser vnachtsamkeit ist kommen, dass wir nicht vonn vns selbs haben noch wissen vnd bass[864] von Türcken vnd Dattern[865] {10} wissen zu sagen dann von vns selbs vnd vnseren ältern, dass vns die Römer nit gar vergebens Barbaros haben genent vnd in dem fall nit vnrecht thon. Es ist kaum ein vernüfftig höflich wort, spruch, red vnd that eim Griechen auss dem mund vnd hand gefallen, es ist in die feder kommen vnd als heiltumb[866] vffgehebt worden. Aber von Teutschen wissen die Teutschen nicht, sogar, wann nit die Latini für vns sorgfeltig etwas hetten auffgezeichnet (doch immer zu, dz jn der glimpffe[867], sieg vnd rhuom bleib), so wissten vnd hetten wir gar nicht. Das haben zu vnserer Zeit vil hochgelerter bedacht vnd noch seuffzen, klagen[868], als Wilibaldus Birckheymer, Christoferus Scheurlin, Conradus Celtis, Jacobus Wimphelingius, Beatus Rhenanus, Conradus Peuttinger, Nauclerus, Irenicus, vnd vor jn allen der gelert Auentinus, Item Petrus Apianus, Bart. Amantius vnd {10} andere etc. vnd auss mangel der büecher solch müeh vnd schweiss drob verrert[869], dass kaum ein ander arbeyt schwerer sein mag; vnd dissen vmb Germania woluerdienten mennern bin ich auff die achsel gestanden, mich vnderstanden[870], den Teutschen diss, das ist sich selbs, zu Teutsch geben; wiewol ich nuon höre, dass andere auch mit vmbgeen, vnd, ob Gott wil, mit grossen ehren herauss vff den plan werden kommen, wie ich ein jar, zwey[871] vff sie gewart, so wil ich doch im verlorn hauffen als einer auss dem halt[872] mich erster herfür lassen, allein darumb, ob ich die andern möcht vffbringen vnd auss dem leger[873] locken. Vbermögen[874] sie mich {20} übelgewapneten, wie ich zu Gott verhoff, so wil ich gern vnd mit eern wider zu ruck in hag[875] fliehen, vnnd soll disse flucht mein grosse eer, sieg vnd gewin sein, dass ich solch landschirmer vff den plan hab gelockt vnd auss dem leger bracht, vnd sol disser mein erster aussrit sein gleich als wann man ein künstler oder senger zu singen durch bit, wie jr art ist, nit kan bewegen, dass man ein andern grif[876] brauchen muoss, dass man gantz übel vor jn singen muoss oder ein harpffen nemen vnd vor den orn des harpffenschlagers zittel discordantz vnd rossquit druff schlagen[877], dass den in oren wee thuot vnd nit leiden konden, da heben sie an zu singen {30} wie der Schwan, vnd mit genommener harpffen wöllen sie den misshal zu schanden machen. Also geb Gott, dass durch diss mein raspen[878] einn ander auffgeweckt mich nit allein, wo ich erlegen bin, ersetze, sonder mich mit meiner kunst zu schanden mache vnd Teutschland ein besser, warer melodey vnd simphonei schlag, vnnd eigentlicher heraus butz[879], dann ich geringer in disser profession vnd Chronick hab geleyst.
2.
KLEINE VÖGLIN, KLEINE NESTLIN.
Ein grosser Vogel muss ein gross nest haben. Grosse herrn müssen vil verzern. Vil einnemens vil aussgebens. Man trinckt aus kleinen brunnen eben so gnug als auss grossen. Der hirt hat eben so gnug vnnd lebt eben so lang vnd wol als der schultheyss {10} im hauss, der bawr als der fürst. Es ist allein vmb ein wenig mehr bracht[880] zu thun, vnd der vnderscheid allein im schein. Die speise vnd kleyder seind wol vngleich; halt aber das habermuss[881] gegen eim hungerigen magen vnd die capaunen gegen dem saten, vnlustigen magen der reichen, so lebt der baur wie der fürst. Ja, was sag ich, der bauwer lebt wohl vnnd der fürst wie ein arm man vnnd Tantalus in der hell. Der baur schläft müd auf einem strosack, wasen[882], banck, vnd sonst, wo er ligt: der fürst mag in helffenbeynen betten, auff pflaumfeder, mit eitel spinet[883], seidin vnd gold vmbhenckt, vnder vnd vberlegt, nit schlaffen. Hie frage ich doch, {20} welcher wol lig? Der fürst kan den last der kleyder etwa kaum tragen; der baur singt vnd springt frei, hurtig in eim grawen röcklin daher, darff[884] der nit verschonen, vnd zert mit einem creutzer so weit als der reich mit einem ducaten.
... Wo vil vässer[885] seind, da seind vil abesser. Grosser hoff muss vil mägt vnd knecht haben, vnd vil einnemens macht vil aussgebens. Der baur, so sein höflin on mägd vnd knecht mit seiner hand kan bawen, vnd die bewrin, so on mägd jr vihe kan allein melcken: die mögen leicht haben, das jn gnug, vnnd seind in jrem nestlin wol so reich, als der gross Meyer[886] mit fünffzig haupt {30} vihe, fünfftzehen meyd vnd knechten. Vnd ist der vnderscheyd an der narung des meysslins[887] vnd des pfawen nur im schein. Das meysslin hat wenig vnd ein klein nestlin, es darff[888] aber auch wenig. Der pfaw aber muss vil vnd ein gross nest haben. So nun in das gross vnd weit vil gehört vnnd das klein vöglin an kleiner speiss vnd nest vergnügt ist, so seind sie ye gleich reich. Ein eymerig vass vol ist eben so reich vnd vol, als das füderig[889]; was jhens mehr fasst, darff es mehr, vnnd geht mehr in es. Weil aber ein Christ gar ein nidertrechtig[890] vöglin ist, darff er auch gar wenig, vnd steht doch in diesem wenig aller welt reichthumb, also dass in disem wenig alles jr ist, was die welt hat vnd ist. Ich sehe manchen reichen in stetten hin vnd wider, der vnrüwig fast zablet[891] {10} vnd in dem nicht thut, dann dass er seiner mägd vnd knecht knecht ist. Wie vil seliger ist das vöglin, an seinem kleinen Nestlin benügt, dass sich nach der deck streckt! Wer sich also einziehen kann, der wirt nimmer arm vnd ist gar an leichtem[892] reich.
3.
SPRICHWÖRTER.
_Thl._ I (1541), Bl. 123.
Eygner herd ist golds werdt.
Es sol niemand jm selbs loben.
Freuntschafft thuot mehr not, dann wasser vnd brot.
Ein guoter freund ist in der not besser, dann gelt.
{20} Guoter freund, guoter fund.
Guot freund verzeihen einander leicht.
Bl. 20.
Das angesicht verrath den man.
Es ist niemand weniger allein, dann allein.
_Thl._ II, Bl. 24.
Zween hart stein muolen nie klein.
Zween streitköpff werden nimmer eins.
Bl. 79.
Mensch helff dir selbs, so hilfft dir Gott.
_JOHANNES PAULI._
_[Scherer D._ 298, _E._ 295.]
Geboren, 1455 zu Pfeddersheim von jüdischen Eltern, trat zur katholischen Kirche über, wurde Franciscaner und starb 1530 zu Thann im Oberelsass. Er war ein Anhänger Geilers von Kaisersberg und sammelte dessen Predigten. Sein Buch ‘Schimpf und Ernst’ ist eine Sammlung von 700 Schwänken, Erzählungen, Fabeln, Anekdoten u. dgl. Herausgegeben von Österley (Stuttgart, 1866).
SCHIMPF UND ERNST.
DIE BEIDEN BLINDEN.
Es stunden auff ein mal zwei blinden vnder einem thor, da der künig oben in dem sal sasz vnd asz vnd mocht zů demselbigen thor sehen, vnd sahe wer da vsz vnd yn gieng. Da schrei der ein blind. O wie ist dem so wol geholffen, dem der Künig oder Keiser wil helffen. Da fieng der ander blind auch an zůschreien vnd sprach, O wie is dem so wol geholffen, dem got wil helffen! vnd also eins vmb das anders schrauwen die zwen blinden, dieweil der keiser {10} oder künig asz. Der keiser wolt doch versůchen was sie für glück hetten, vnd liesz zwen kůchen bachen, vnd in den einen thet er vil guldin, das er schwer was, in den andern thet er vil dottenbein, das er leicht was, und hiesz dem blinden den schweren kůchen geben, der da zů dem künig schrei, da ieglicher sein kůchen het, da giengen die blinden zůsammen, vnd fragten einander was im worden wer. Der ein sprach, man hat mir als ein leichten kochen geben. Da sprach der ander, so ist meiner als schwer, ich mein es sei häbere brot lieber lassen vns tuschen mit einander, ich hab alwegen gehört, brot bei der leichte, vnd kesz bei {20} der schwere. Die tuschten mit einander, morgens kam der aber vnd schrei. O wie ist dem so wol geholffen, dem der künig wil helffen. Der ander blind kem nit me, er het gnůg. Der keiser kam vnd liesz den blinden fragen, wa er den kůchen hin het gethon. Der blind sprach, er het mit dem andern blinden getuscht, wan er wer leichter gewesen dan der sein. Da sprach der künig, der ander blind hat noch recht geschruwen, das dem wol geholffen ist dem got wil helffen. Du solt nichtz haben, darumb bleib du in dem ellend.
_JÖRG WICKRAM._
[_Scherer D._ 299, _E._ 297.]