The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 31

Chapter 313,126 wordsPublic domain

_Nun höret, was ihm da geschah. Er kam dahin, wo er einen Probst sah, albern und einfältig, und war doch mächtig über ein sehr grosses Gut. Da rieth dem Pfaffen sein Sinn, könnte er den betrügen, 10 so wäre das ein nützliches Lügen: es gälte ihm solchen Lohn, dass er sein Haus versorgte für ein halbes Jahr. An Kleidern und am Haar machte sich der Betrüger, als ob er ein Bauer wäre._ . . . . . . . . _Als er denselbigen Probst fand, begann dieser ihn sogleich zu fragen, wonach sein Sinn stände. ‘Ich bin ein Mann ohne Gut’, sprach der Pfaffe Amis; ‘auch steht mein Sinn so, dass ich nicht will nach Gütern streben: denn ich will ohne Sünde leben, und will bis an mein Ende 10 mein Herz und meine Hände zu Gott emporstrecken, so oft ich mag, damit mir der angstvolle Tag zum Heile erscheinen müsse, wenn Gott mit den Seinen die Sünder verurtheilet, die er nimmer errettet.’ Nun sprach der Pfaffe Amis so weise Worte auf Laien Art, dass der Probst selbst sprach: 20 ‘So viel der Laien ich je sah, so hört’ ich doch nie einen so weisen. Könnet ihr etwas von Büchern?’ ‘Nein, Herr,’ sprach er. ‘Seid Gott willkommen hieher’, sprach der Probst da wieder. ‘Fürwahr, ich bin eurer froh. Da ihr so weise Rede gebt und dazu ohne Sünde lebt, so sollt ihr thun, worum ich euch bitte: damit wird dies arme Kloster sehr viel gebessert, und wird auch eurer Seele Heil: dass ihr hier bei uns bleibet, und eure Tage hier verlebt, die ihr noch zu leben habt. Ich sehe wohl, dass euer Rath diesem Kloster nützen wird: ihr habt die Gabe von so weisen Sinnen.’ 10 Da sprach der Pfaffe Amis: ‘Ich bin leider nicht so weise, wie ein Klostermann von rechtswegen sein sollte, so dass ich die Pfründe nicht so gut verdienen kann, als ich sollte.’ ‘Ihr verdient es ausnehmend wohl’, sprach der Alberne: ‘Seid unser Schaffner (davon stehe ich nicht ab) über Alles was dies Kloster hat 20 draussen oder drinnen, oder jemals gewinne. Das geb ich euch für eure Sünden, und will euer Zeuge am jüngsten Tage sein. Dazu verschliesset unsern Schrank, wo unser Silber drinnen liegt.’ Dagegen hatte er keinen Streit: er empfieng das Amt sogleich. So war der Pfaffe Amis da wohl vier Wochen oder mehr, so dass des Amtes weder seither noch früher je so wohl gepflogen ward. Es war so recht wohl bewahrt das Gut, womit er umgieng, dass es alle die sagten, welche das Kloster hatte, in der Verwaltung und im Rathe 10 könnte er weiser gar nicht sein; ihm würde die Seele wohl gedeihn, da sie sahen, was er that; sein Fasten war jeden Tag, und ass er nur Wasser und Brot; dazu litt er grosse Noth vom Wachen und vom Beten. Nun höret, was er that. Er führte den Probst abseits: ‘Ich will euch ein Wunder sagen’, 20 sprach der Pfaffe Amis: ‘Ihr seid so getreu und weise, dass ichs euch wohl kund thue. Der Engel ist nun drei Mal zu mir gekommen, wo ich lag und Gott zu bitten pflegte. Der spricht zu allen Zeiten, ich soll nicht länger warten, ich soll die Messe singen: mir soll es so wohl gelingen, 30 sobald als ich das Messgewand anlege, dass ich sogleich ein weiser Meister in den Büchern sei. Nun rathet mir bei den drei Namen, was euch darüber gut dünkt. Ich sage euch recht meinen Sinn: ich versuchte es gern, wenn es sein könnte, dass Niemand ausser euch und mir in dem Münster wäre. Will unser Schöpfer, dass ich die Bücher verstehen soll, das könnt ihr wohl sehn. 10 Ist es aber, dass ich betrogen bin, so habt ihr so treuen Sinn, dass ihr es mir verbergen helft. Dies sollt ihr Niemand sagen und sollt schweigen um Gottes Willen: ich würde sonst gar zum Spott vernähme man die Kunde, dass ich betrogen sei.’ Der Probst sprach: ‘Seid dessen versichert: ich thue sehr gern, was ihr begehrt. 20 Fürwahr, wir wollen es versuchen. Wir lesen in den Büchern von Manchem, der nie zur Schule einen halben Tag noch einen ganzen gieng, nur dass ihn Gott erkannte und ihm als Lehrer sandte seinen Geist, der ihm in kurzer Frist alle Weisheit kund machte. Will es Gott, das mag auch hier geschehen. Ist es so, wie ihr mir sagt, so ist es euch nütze und gut, dass ihr ganz willig thut, was der Engel gebot.’ Nun ward es dem Probst sehr eilig, 10 dass er ihn dazu vorbereite. Des andern Morgens früh führte er ihn in den Münster hin, und schloss die Thür nach ihm. Danach machte er ihn bereit: er hatte ihm schnell angelegt das beste Messgewand. Da begann der Pfaffe Amis sogleich von dem Heiligen Geist und sang eine Messe, schön und lang. 20 Als der Probst das vernahm, da kam sein Herz zu dem Glauben, dass, was er lese und singe, durchaus erklinge aus des Heiligen Geistes Munde; da er (Amis) nichts gelernt hatte, so hätte er wohl geschworen, er wäre des Heiligen Geistes voll. Als er gesungen und gelesen, bis der Messe ein Ende war, da fragte er danach, ob die Messe richtig wäre. Der Probst sprach: ‘Sie ist so gut, dass sich mein Herz freut, dass ich jemals von euch Kunde erhielt. Ihr seid ein heiliger Mann, Gott hat grosse Dinge durch euch gethan. Nun sollt ihr mich um Gottes Willen 10 in euerm Gebet sein lassen.’ ‘Ich thue es’, sprach er, ‘mein Herr.’ Der Probst verschwieg nichts, er entbot und sagte die Märe, wem er konnte. In einer kurzen Zeit kamen viele Pfaffen dahin: durch ihre Schlauheit wollten sie ihn versuchen. Sie begannen ihn nach den Büchern 20 grosser Kunde zu fragen. Er gab ihnen darauf Bescheid ohne Widerrede, bis sie alle zu sagen anfiengen, sie hätten weder gehört noch gesehn irgend einen Mann so weise als Meister Amis. So machte er manchen zum Narren. Nun sagten die Pfaffen die Geschichte sogleich allenthalben in den Landen, dass Amis, der Schaffner, ein heiliger Pfaffe wäre; durch Gottes Lehre wäre nie ein Mann so sehr mit dem Heiligen Geist begabt worden. Geritten und gegangen kamen die Leute gleich, arme und reiche, 10 und brachten alle ihr Opfer dar. Das währte gar vier Wochen, dass er nichts als Opfer empfieng, und die Leute herbeikamen Tag und Nacht. Als der Zudrang sich legte, da waren bei ihm heimlich zwei oder drei seiner Knappen. Denen befahl er, dass sie eilten und ihm die Pferde brächten. 20 Des wurden sie froh, und waren bereit zu kommen. Sie kamen in derselben Nacht. Nun hatte er trunken gemacht die Brüder und die Diener, dass sie da lagen gerade, als ob sie erschlagen wären. Da hiess der Pfaffe heraustragen schnell Silber und Gold, Alles was man ihm dargebracht hatte, 30 dass davon nichts vergessen ward. So bracht’ er mit sich auf die Fahrt wohl zweihundert Mark. Da eilte er sehr stark, dass er ohne Schaden hinweg kam. Als man die Geschichte gewahr ward, da ward der Probst schwer beladen mit grossem Zorn und Schaden; dazu erlitt er grossen Spott. Die dummen Leute lobten Gott, dass ihm solches Leid geschehn 10 davon, dass sie ihn sagen hörten, dass sein Schaffner ein heiliger Pfaffe sei. So viel Rede man da hörte, doch war er wohl hinweggekommen. Wollte ich all die Betrügereien sagen, die er in seinen Lebtagen begieng, davon würde es mehr als zuviel: deshalb will ich mich dessen enthalten. Er war der erste Mann, 20 der solches Geschäft je anfieng._

2.

DAS MÆRE VON DEN GAUHÜHNERN.

Ez was hie vor ein burcstat, diu machte manegen riter mat. ein riter wolte drûffe wesen und wânde dâ vil wol genesen: er bowete dâ ein veste sô ers aller beste drûffe gemachen kunde. in einer kurzen stunde warf si diu ertbibe nider. dô bowete er aber hin wider und verlôs ab sîne habe: si brante im der doner abe. 10 sus wart er dicke hûslôs. swie manic hûs er dâ verlôs, so geviel im doch daz wesen dâ baz danne iender anderswâ: er bowete ie baz unde baz. alsô lange tet er daz daz er sîn guot verzerte und sich diu stat erwerte daz si ze jungest œde beleip und ouch den riter dâ vertreip 20 und vertreip vil manegen sît. nû habent gnuoge den strît daz si dar ûf bouwent noch, und erwert si sich in allen doch. Diu stat lât iu sîn bekant: si ist daz göuwe genant. die des geniezen wolten für baz dan si solten und dar ûf bouweten veste und der ie wurden geste, der ist gewesen harte vil. swer ûf daz göuwe zimbern wil der hât vil schiere bejaget daz man zallen zîten klaget dem landesherren über in. ze jungist sendet er dâ hin und heizet daz hûs brechen. sus kan sich daz göu rechen. dâ ist des herren gwalt 10 zuo der ertbibe gezalt. der herre schadet noch für baz. diu ertbibe leibet etwaz, so enleibent des herren boten niht: daz beste daz von in geschiht sô si daz göu rechent, ob si daz hûs niht brechent, sô wirt iz doch von in verbrant. dâ hât der donr dar gesant daz fiwer daz alsô rihtet 20 und die krumben voite slihtet. daz göu hât sô grôze kraft, an im wirt nieman sigehaft: ez pflag ie des ez immer pfliget daz ez in allen angesiget, die ez niezen wellent âne reht. ez sî riter oder kneht, der muot dar ûf ze hûsen hât, der sehe wie Kirchelinge stât: daz stiezen göuhüenre nider. den göuhüenren ist niht wider, die heten ie vil grôzen prîs. si lâzent rehte in tracken wîs daz fiwer ûz dem munde gân. 10 in enmac ein burc niht vor gestân: ders ungenædic wellent wesen diu ist vor in vil ungenesen. ir stimme ist ein donrslac, si schrîent daz manz hœren mac in dem lande über al. ir zorn machet bürge val: swie grôze veste ein burc habe, si brennents oder stôzents abe, alss Kirchelinge tâten. 20 man mags ungerne brâten, sît si sich alsô rechent dazs bürge nider brechent. swie œde Kirchelinge stê, der hiuse ist z’Œsterrîche mê diez göu hât zebrochen. er hât sich sô gerochen daz sis noch alle enkolten diez göu twingen wolten. Swer muot ze stæten dingen hât der neme die niht an sînen rât die in ûf daz göu reizen und in daz niezen heizen 10 und sprechen durch ir geslende ‘herre, ir sît ellende in iuwer besten künde. daz ist ein michel sünde: ir gebâret rehte in gastes wîs. welt ir gwinnen grôzen prîs, sô erzeiget iuch des muotes daz ir lîbes unde guotes ein meister unde ein herre sît, und machet iwern gwalt wît. 20 habt riterlîchen mannes muot, lât iu dienen liute und guot in der gegende swes ez sî: des enlâzet ir deheinen vrî. ez kumet vil schiere an die vrist daz daz ir beste vreude ist daz si iwer hulde müezen hân und sint iu gerne undertân. sô fürhtent die rîchen iwer kraft, die armen sint iu diensthaft. wir kunnen mit gefüegen dingen die liute wol dar zuo bringen daz si iu dienent alle tage mit guotem willen âne klage. 10 swaz wir mit guoten minnen noch hiure ab in gewinnen, daz müezens ouch ze jâre geben: da geturrens nimmer wider streben, sô müezen siz ouch iemer tuon, swer iu hiure gît ein huon, der gît iu âne geschrei ze jâre driu ode zwei. sô wehset iemer mêre iwer frum und iwer êre 20 und werdet werder danne ê. swelich gebûre iu wider stê, den gewinnet zeinem muntman. swaz er geleisten danne kan, daz ist iemer iwer eigen. sus sult irs alle neigen mit listen unde mit gewalt, sus werdet ir mit êren alt.’ Die ir herren alsô heizent leben, daz sint verworhte râtgeben: die enhânt nicht willen wan der zuo daz er sîn guot mit in vertuo. des æhtent si âne mâze, si swelhen und si vrâze. swie vaste si ûf daz göu streben und niht wan roubes wellen leben, 10 si erkennent niht des göuwes kraft und der göuhüenre meisterschaft. diu kluckent etlîchem abe den hals und alle sîne habe, der gar wil sîn ein göustrûz. si kluckent manegem d’ougen ûz und füeze abe und hende. sô dôwent si daz geslende. swelch herre ir râte volgen wil der gwinnet vînde harte vil, 20 daz im diu hüenre werdent sûr, sînen ieglich sîn nâchgebûr sînen dienest widersaget und dem landesherren über in klaget. daz ist der göuhüenre geschrei. sô machent driu ode zwei daz er muoz suochen einen tac, dâ er niht über werden mac, ezn müeze in kosten zehen pfunt. dâ sint diu hüenre ungesunt. daz muoz er von den rîchen hân, den er daz laster hât getân. noch sint die armen übersehen, den der schade ist geschehen. 10 ê er den und gote gebüeze, im wirt der hüenre süeze ein sô bitterlîchiu siure daz si in dunkent ungehiure.

_Es war vordem ein Bauplatz für eine Burg, der setzte manchen Ritter matt. Ein Ritter wollte sich darauf niederlassen und hoffte dort sehr wohl zu fahren: er baute da eine Feste, so gut er sie darauf nur anlegen konnte. Nach kurzer Zeit warf sie ein Erdbeben nieder. Da baute er eine zweite dahin und verlor wiederum Hab und Gut: ein Blitzstrahl äscherte sie ein. 10 So ward er wiederholt häuserlos. Wie manches Haus er auch da verlor, so gefiel ihm doch der Aufenthalt da besser, als irgend wo anders: er baute immer mehr und mehr. Also lange that er das, bis er sein Gut verzehrte, während sich die Stätte behauptete, so dass sie zuletzt öde blieb und auch den Ritter vertrieb, 20 und vertrieb noch manchen seitdem. Auch jetzt noch bemühen sich genug, darauf zu bauen, aber sie erwehrt sich ihrer aller. Lasst euch die Stätte nennen: sie heisst der Gau. Die den mehr ausnützen wollten, als sie sollten, und darauf Burgen bauten und die stäts wieder verlassen, mussten. derer sind sehr viele gewesen. Wer auf dem Gau zimmern will, der hat sehr schnell erzielt, dass man jeder Zeit über ihn bei dem Landesherrn Klage führt. Schliesslich sendet der (seine Leute) hin und lässt das Haus brechen. So kann der Gau sich rächen. Vorhin wurde des Herren Gewalt 10 mit einem Erdbeben verglichen. Der Herr schadet aber noch viel mehr. Das Erdbeben schont doch noch etwas, das aber thun des Herren Boten nicht: das mindeste das von ihnen geschieht, wenn sie den Gau rächen, ist, wenn sie das Haus nicht niederbrechen, dass es von ihnen verbrannt wird. Dort hat der Blitzstrahl hingesandt das Feuer, das also richtet 20 und die falschen Vögte auf den rechten Weg bringt. Der Gau hat so grosse Gewalt, über ihn erringt niemand den Sieg: es pflegte noch stäts und pflegt auch heut’ über alle den Sieg davonzutragen, die ihn wider Recht ausnützen wollen. Sei es Ritter oder Knecht, wer Absicht hat darin zu hausen, der sehe, wie es mit Kirchlingen steht: das stiessen die Gauhühner nieder; den Gauhühnern widersteht nichts, die hatten immer sehr grossen Ruhm. Sie lassen ganz nach Drachenart Feuer aus ihrem Munde gehn. 10 Vor ihnem kann keine Burg bestehn: mit der sie es nicht gnädig machen wollen, die ist vor ihnen unrettbar verloren. Ihre Stimme ist ein Donnerschlag, sie schreien, dass man sie hören kann in dem Lande überall. Ihr Zorn bringt die Burgen zu Fall: Wie starke Befestigungen eine Burg auch habe, sie brennen oder stossen sie nieder, wie sie an Kirchlingen gethan. 20 Man wird sie lieber nicht braten, da sie sich so kräftig rächen, dass sie die Burgen niederbrechen. Wenn Kirchlingen verödet liegt, so sind der Häuser in Österreich mehr, die der Gau gefällt hat. Er hat sich so gerächt, dass sie es noch jeder Zeit entgolten haben, die den Gau zwingen wollten. Wer an gesicherten Verhältnissen Gefallen hat, der nehme die nicht zu Berathern, die ihn gegen den Gau aufreizen und ihn den auszupressen auffordern 10 und ihrer Schlemmerei zu Liebe sprechen: ‘Herr, ihr seid ausgestossen aus eurer eigensten Heimat. Das ist eine wahre Sünde: ihr lebt ganz wie ein fremder Gast. Wollt ihr grossen Ruhm gewinnen, so bethätigt eure Gesinnung, dass ihr über Leib und Gut Meister und Herr seid und erweitert eure Gewalt. 20 Zeigt ritterlichen Mannes Muth, lasst euch in der ganzen Landschaft Leute und Gut dienen gleichviel, wem es angehört: befreit keinen davon. Bald kommt es dann so weit, dass das ihre höchste Freude ist, wenn sie eure Huld besitzen, und dass sie euch gerne untergeben sind. Dann fürchten die Mächtigen eure Kraft und die Armen sind euch dienstbar. Wir wissen Mittel und Wege, die Leute dahin zu bringen, dass sie euch tagtäglich gutwillig ohne Klage dienen. 10 Was wir ihnen heuer noch in Liebe abgewinnen, das müssen sie auch übers Jahr geben: da wagen sie nicht mehr zu widerstreben, und dann müssen sie’s auch immer thun. Wer euch heuer ein Huhn giebt, der giebt euch ohne Geschrei übers Jahr zwei oder drei. So wächst dann mehr und mehr euer Nutzen und eure Ehre 20 und ihr werdet angesehener als vordem. Wenn euch ein Bauer Widerstand leistet, so gewinnt ihn zu eurem Schützling (Clienten). Was er dann erarbeiten kann, das ist immer euer eigen. So sollt ihr alle unter euer Joch beugen mit List oder mit Gewalt. Dann werdet ihr mit Ehren alt.’ Die ihren Herren ein solches Leben empfehlen, das sind verwünschte Rathgeber: die haben damit keinen andern Zweck im Auge, als dass er sein Gut mit ihnen verthun soll. Das verfolgen sie masslos, die Prasser und Fresser! Wie sehr sie auch den Besitz des Gaus erstreben und von nichts als Raub leben wollen, 10 so kennen sie doch nicht des Gaues Kraft und der Gauhühner Meisterschaft. Die brechen gar manchem den Hals und bringen ihn um sein Gut, der durchaus ein Gaustrauss sein will. Sie reissen manchem die Augen aus und Füsse und Hände ab. So verdauen sie das Geschmauste. Der Herr, der ihrem Rathe folgen will, der erwirbt sich viel Feinde, 20 wenn ihm die Hühner aufsessig werden, so dass ihm alle seine Nachbarn ihren Dienst aufsagen und beim Landesherren über ihn Klage führen. Das ist der Gauhühner Geschrei; dann bewirken zwei oder drei, dass er einen Ausgleich suchen muss, wo es ihm nicht erspart bleibt, dass er zehen Pfund Strafe zahlen muss. Dann sind die Hühner ungesund. Das muss er von den Mächtigen hinnehmen, denen er den Schimpf angethan. Noch aber sind die Armen übersehen, denen auch Schade geschehen ist. 10 Eh er vor denen und Gott sich rechtfertigt, verwandelt sich ihm der Hühner Süssigkeit in so bittere Säure, dass sie ihm unlieblich erscheinen._

_WERNER DER GÄRTNER._

[_Scherer D._ 227, _E._ 218.]

Ein Dichter aus dem damals baierischen, jetzt österreichischen Innviertel, verfasste um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts den ‘Meier Helmbrecht’, eine baierische Dorfgeschichte. Herausgegeben von Haupt in seiner Zeitschrift, Bd. 4; von Lambel ‘Erzählungen und Schwänke’ Nr. 3.