The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 27

Chapter 273,594 wordsPublic domain

_Der Mann halt’ auf Ehre, Doch soll er für die Seele Auch Sorge tragen seiner Zeit, 10 Dass ihn die Weltfreudigkeit Verleite nicht zu ferne; Will er einst von hinnen ziehn, Dass ihm den Himmelsweg dann nichts versperre._

_Kräuter des Waldes Und Schachte des Goldes Und jeglicher Abgrund, Die sind dir, Herr, wohl kund: Die schützen deine Hände. Das ganze himmlische Heer 20 Möcht’ dich vollpreisen nicht bis an ein Ende._

_IN KÜRENBERGS WEISE._

[_Scherer D._ 202, _E._ 195.]

Eine Strophenform, die von einem österreichischen Ritter Kürenberg erfunden ist und so beliebt war, dass auch die Nibelungendichter sie benutzten. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 2.

‘Ez hât mir an dem herzen vil dicke wê getân daz mich des geluste des ich niht mohte hân noch niemer mac gewinnen. daz ist schedelîch. jon mein ich golt noch silber: ez ist den liuten gelîch.’

‘Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr. dô ich in gezamete als ich in wolte hân 10 und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant, er huop sich ûf vil hôhe und floug in anderiu lant.

Sît sach ich den valken schône fliegen: er fuorte an sînem fuoze sîdîne riemen, und was im sîn gevidere alrôt guldîn. 20 got sende si zesamene die gerne geliebe wellen sîn.’

‘Ich stuont mir nehtint spâte an einer zinnen: dô hôrt ich einen ritter vil wol singen in Kürenberges wîse al ûz der menigîn. er muoz mir diu lant rûmen, ald ich geniete mich sîn.’ 30

Nu brinc mir her vil balde mîn ros, mîn îsengwant. wan ich muoz einer frouwen rûmen diu lant. diu wil mich des betwingen daz ich ir holt sî. si muoz der mîner minne iemer darbende sîn.

_‘Es hat mir in dem Herzen Gar heftig weh gethan, Dass mich nach dem gelüstet, Das ich nicht konnte ha’n Noch jemals kann gewinnen. Zum Schaden mir’s gereicht. Nicht mein’ ich Gold noch Silber, Nein, einem Menschenkind es gleicht.’_

_‘Ich zog mir einen Falken Länger als ein Jahr. Als er nun zahm geworden, Wie ich ihn wollte ha’n, 10 Und ich ihm sein Gefieder Mit Golde wohl bewand, Hub er sich in die Höhe Und flog in ein anderes Land._

_Nachmals sah ich den Falken Stolz im Fluge: Da hatt er seidne Schnüre An seinem Fusse, Auch glanzt’ ihm sein Gefieder Funkelnd von Gold. 20 Gott sende sie zusammen, Die von Herzen sich sind hold.’_

_‘Jüngst stand ich abends späte Auf einer Zinne: Da hört ich einen Ritter Gar lieblich singen In Kürenbergs Weise Aus der Menge hervor. Er muss das Land mir räumen, Liebt er mich nicht, den ich erkor.’_ 30

_‘Nun bring mein Ross mir schleunig Und mein Eisengewand, Denn einer Frauen muss ich räumen dieses Land. Sie will mich dazu zwingen, dass ich hold ihr sei: Sie bleibet meiner Minne doch immer ledig und frei.’_

_FRIEDRICH VON HAUSEN._

[_Scherer D._ 154, _E._ 146.]

Aus einem ritterlichen Geschlecht, war mehrfach in Italien, nahm an dem Kreuzzug Friedrich Barbarossas 1189 Theil und kam auf diesem um, 1190. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 8.

Mîn herze den gelouben hât, solt ich od ieman bliben sîn, durch liebe od durch der Minnen rât, sô wære ich noch alumbe[166] den Rîn, 10 wan mir daz scheiden nâhe gât, deich[167] tete von lieben friunden mîn. swie ez doch dar umbe ergât, got hêrre, ûf die genâde dîn sô wil ich dir bevelhen die die ich durch dînen willen lie[168]. Ich gunde[169] es guoten frowen niet daz iemer mêre kœme der tac daz si dâ heime heten liep[170]: wan[171] ez wære ir êren slac[172]. 10 wie kunde in der gedienen iet, der gotes verte alsô erschrac[173]? dar zuo send ich in disiu liet, und warnes[174] als ich beste mac. sæn si mîn ougen niemer mê, mir tæt iedoch ir laster[175] wê.

_REINMAR VON HAGENAU._

[_Scherer D._ 155, _E._ 147.]

Reinmar von Hagenau, zum Unterschied von Reinmar von Zweter meist Reinmar der Alte genannt. Ein Elsässer, lebte am Hofe Herzog Leopold VI von Österreich, machte mit diesem den Kreuzzug 1190 mit und starb um 1207. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 20.

Ich alte ie von tage ze tage, und bin doch hiure nihtes wîser danne vert. und hete ein ander mîne klage, dem riete ich sô daz ez der rede wære wert, und gibe mir selben bœsen rât. ich weiz vil wol waz mir den schaden gemachet hât. daz ich si niht verhelen kunde swaz mir war. des hân ich ir geseit sô vil daz si es niht mêre hœren wil: nû swîge ich unde nîge dar. 10 Ich wânde ie, ez wære ir spot, die ich von minnen grôzer swære hôrte jehen. desngilt ich sêre, semmir got, sît ich die wârheit an mir selben hân ersehen. mirst komen an daz herze mîn ein wîp, sol ich der volle ein jâr unmære sîn, und sol daz alse lange stân daz si mîn niht nimet war, sô muoz mîn fröide von ir gar vil lîhte ân allen trôst zergân.

_Ich altre nun von Tage zu Tage Und bin doch um nichts weiser denn sonst heuer, Und hätt ein andrer meine Klage, Dem riethe ich so, dass es wäre eine Rede theuer, Und gebe mir selber bösen Rath; Ich weiss viel wohl, was mir den Schaden gemachet hat, Dass ich ihr nicht verhehlen konnte, wie mir War. Das hab’ ich ihr gesagt so viel, 20 Dass sie es nicht mehr hören will. Nun schweige ich und neige ihr. Ich wähnte sonst, es wäre ihr Spott, Die mir von Minne das grosse Leiden gestunden, Das entgelte ich sehre, nun helfe mir Gott, Da ich die Wahrheit an mir selber hab erfunden. 10 Mir ist kommen in das Herze mein Ein Weib, soll ich der ein ganzes Jahr noch unlieb sein, Und soll das also lange stahn, Dass sie mein nicht nimmt wahr, So muss meine Freude von ihr gar Vielleicht ohn’ allen Trost zergahn._

TIECK.

Mirst ein nôt vor allem mînem leide, doch durch disen winter niht. waz dar umbe, valwent grüene heide? solher dinge vil geschiht; 20 der ich aller muoz gedagen: ich hân mê ze tuonne danne bluomen klagen.

_Mir ist ein Leid vor allem meinem Leide; Nicht dass der Sommer hat ein Ziel: Nun was thut es, falbt die grüne Haide? Solcher Dinge giebt es viel. Darüber weiss ich nichts zu sagen. Ich habe mehr zu thun als über Blumen klagen._

SIMROCK.

_HEINRICH VON MORUNGEN._

[_Scherer D._ 148, _E._ 141.]

Ein Ritter aus Thüringen, dichtete Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts. Herausgegeben in Minnesangs Frühling, Nr. 18.

Ich wæne nieman lebe der mînen kumber weine[176], den ich eine[177] trage, ez entuo diu guote, diech mit triuwen meine, vernimt si mîne klage. wê wie tuon ich sô, daz ich sô herzeclîche bin an si verdâht[178], daz ich ein künicrîche für ir minne niht ennemen wolde, ob ich teilen unde welen solde? Swer mir des verban[179], ob ich si minne tougen[180], seht der sündet[181] sich. 10 swenn ich eine bin, si schînt mir vor den ougen. sô bedunket mich wie si gê dort her ze mir aldur[182] die mûren. ir rede und ir trôst enlâzent mich niht trûren. swenn si wil, sô füeret si mich hinnen mit ir wîzen hant hôh über die zinnen. Ich wæne, si ist ein Vênus hêre, diech dâ minne: wan si kan sô vil. si benimt mir beide fröide und al die sinne. swenne sô si wil, 20 sô gêt si dort her zuo einem vensterlîne, und siht mich an reht als der sunnen schîne: swan ich si dan gerne wolde schouwen, ach sô gêt si dort zuo andern frouwen. Dô si mir alrêrst ein hôhgemüete[183] sande in daz herze mîn, des was bote ir güete, die ich wol erkande, und ir liehter schîn sach mich güetlîch ane mit ir spilnden[184] ougen: lachen si began ûz rôtem munde tougen. sâ zehant enzunte[185] sich mîn wunne, daz mîn muot stuont hôhe sam[186] diu sunne. Wê waz rede ich? jâ ist mîn geloube bœse und ist wider got. wan[187] bite ich in des daz er mich hinnen lœse? ez was ê mîn spot. 10 ich tuon sam der swan, der singet swenne er stirbet. waz ob mir mîn sanc daz lîhte noch erwirbet, swâ man mînen kumber sagt ze mære[188], daz man mir erbünne[189] mîner swære[190]?

_WALTHER VON DER VOGELWEIDE._

[_Scherer D._ 197, _E._ 189.]

Aus ritterlichem Geschlecht, aber arm; vermuthlich in Österreich geboren. Lebte viel auf Reisen. Seine Jugend verbrachte er am babenbergischen Hofe zu Wien, den er nach dem Tode seines Gönners Herzog Friedrich 1198 verliess, aber später noch wiederholentlich besuchte. Er unterhielt Beziehungen zu Philipp von Schwaben, Hermann von Thüringen, Otto IV., Friedrich II. Von letzterem erhielt er ein Lehen. Er starb nach 1227 zu Würzburg. Herausgegeben von Lachmann (Berlin 1827, fünfte Ausg. 1875); Wackernagel und Rieger (Giessen 1862); Pfeiffer (Leipzig 1864, sechste Aufl. 1880); Wilmanns (Halle 1869, 1883); Simrock (Bonn 1870); Paul (Halle 1882). Übersetzt von Simrock (Berlin 1833, sechste Aufl. Leipzig 1876); Koch; Weiske; Pannier.

1.

TANZLIED.

‘Nemt, frowe, disen kranz:’ alsô sprach ich zeiner wol getânen maget: ‘sô zieret ir den tanz mit den schœnen bluomen, als irs ûffe traget. het ich vil edele gesteine, daz müest ûf iuwer houbet, obe ir mirs geloubet. sêt mîne triuwe, daz ichz meine. Si nam daz ich ir bôt, einem kinde vil gelîch daz êre hât. ir wangen wurden rôt, same diu rôse, dâ si bî der liljen stât. 10 do erschampten sich ir liehten ougen: dô neic si mir vil schône. daz wart mir ze lône: wirt mirs iht mêr, daz trage ich tougen. ‘Ir sît sô wol getân, daz ich iu mîn schapel gerne geben wil, so ichz aller beste hân. wîzer unde rôter bluomen weiz ich vil: die stênt sô verre in jener heide. dâ si schône entspringent 20 und die vogele singent, dâ sule wir si brechen beide.’ Mich dûhte daz mir nie lieber wurde, danne mir ze muote was. die bluomen vielen ie von dem boume bî uns nider an daz gras. seht, dô muost ich von fröiden lachen. do ich sô wünneclîche was in troume rîche, dô taget ez und muos ich wachen. Mir ist von ir geschehen, daz ich disen sumer allen meiden muoz vast under dougen sehen: lîhte wirt mir eniu: so ist mir sorgen buoz. waz obe si gêt an disem tanze? 10 frowe, dur iuwer güete rucket ûf die hüete. owê gesæhe ichs under kranze!

_‘Nehmt, Herrin, diesen Kranz’, Sprach ich jüngst zu einem Mägdlein wunderhold; ‘So zieret ihr den Tanz Mit den schönen Blumen, die ihr tragen sollt. Hätt ich viel Gold und Edelsteine, Sie müssten euch gehören, Kann ich redlich schwören: Vertraut mir, dass ichs ernstlich meine. Sie nahm, was ich ihr bot, Einem Kinde gleich, dem Freundliches geschieht: Ihr Wänglein wurde roth Wie die Rose, da man sie bei Lilien sieht. 10 Ihr Auge schämte sich, das lichte: Ein holdes Gegengrüssen Ward mir von der Süssen, Und bald noch, was ich nicht berichte. ‘Ihr seid so wohlgethan, Dass ich euch ein Kränzlein gönnte herzlich gern, So gut ichs winden kann. Noch viel Blumen stehen, roth und weisse, fern, Die weiss ich dort in jener Haide, Wo sie gar hold entspringen 20 Bei der Vöglein Singen: Da sollten wir sie brechen beide.’ Ich glaubte niemals mehr Freude zu gewinnen, als ich da besass: Die Blüthen fielen schwer Von den Bäumen bei uns nieder in das Gras. Ich war so fröhlich, dass ich lachte. Als mich der Traum umsponnen Hielt mit solchen Wonnen, Da ward es Tag und ich erwachte. Mir ist von ihr geschehn, Dass ich allen Mägdlein jetzt zur Sommerzeit Muss in die Augen sehn; Fänd ich jene wieder: o der Seligkeit! Wär sie bei diesem Ringeltanze? 10 Ihr Frauen, habt die Güte, Rücket auf die Hüte: Säh ich sie wieder unterm Kranze!_

2.

HALMMESSEN.

In einem zwîvellîchen wân was ich gesezzen, und gedâhte, ich wolte von ir dienste gân; wan daz ein trôst mich wider brâhte. trôst mag ez rehte niht geheizen, owê des! ez ist vil kûme ein kleinez trœstelîn; sô kleine, swenne ichz iu gesage, ir spottet mîn. 20 doch fröwet sich lützel ieman, er enwizze wes. Mich hât ein halm gemachet frô: er giht, ich sül genâde vinden. ich maz daz selbe kleine strô, als ich hie vor gesach von kinden. nû hœret unde merket ob siz denne tuo. ‘si tuot, si entuot, si tuot, si entuot, si tuot.’ swie dicke ichz tete, sô was ie daz ende guot. daz trœstet mich: dâ hœret ouch geloube zuo. Swie liep si mir von herzen sî, sô mac ich doch vil wol erlîden 10 daz ich ir sî zem besten bî: ich darf ir werben dâ niht nîden. Ichn mac, als ich erkenne, des gelouben niht dazs ieman sanfte in zwîvel bringen müge. mirst liep daz die getrogenen wizzen waz si trüge, und alze lanc dazs iemer rüemic man gesiht.

_In Zweifelsucht und trübem Wahn War ich befangen und gedachte Zu lassen ihren Dienst fortan, Als mich ihr Trost ihr wieder brachte. Trost mag es wohl nicht heissen, sei es drum-- Ja ists auch nur ein kleines Tröstelein, So klein, erzähl’ ich euch davon, ihr spottet mein; 20 Doch freut sich selten Jemand, der nicht weiss warum. Mich macht’ ein kleines Hälmchen froh: Es sagt, mir solle Gnade kommen; Ich mass dasselbe kleine Stroh, Wie ichs bei Kindern wahrgenommen. Nun höret All und merkt, ob sie es thu: Sie thut, thuts nicht, sie thut, thuts nicht, sie thut: Wie oft ich mass, so war noch stäts das Ende gut. Das ist mein Trost nun; da gehört auch Glaube zu. Wie lieb sie mir von Herzen sei, So mag ich doch nun wohl erleiden, 10 Steht auch dem Besten Zutritt frei: Ich darf ihr Werben nicht mehr neiden. Nach dem Bescheid, der mir geworden, glaub ich nicht, Dass wer so leicht sie mir entfremden mag. Doch säh ichs gerne, käm der Selbstbetrug zu Tag; Zu lange währt mir, dass sie noch mit Prahlern spricht._

3.

FRAUENLOB.

Waz sol ein man der niht engert gewerbes umb ein reine wîp? si lâze in iemer ungewert, ez tiuret doch wol sînen lîp. er tuo dur einer willen sô daz er den andern wol behage: sô tuot in lîhte ein ander frô, ob im diu eine gar versage. dar an gedenke ein sælic man: dâ lît vil sælde und êren an. swer guotes wîbes minne hât, der schamt sich aller missetât. 10

_Was taugt ein Mann, der nicht begehrt Zu werben um ein reines Weib? Gesetzt, sie lass ihn ungewährt, Es werthet ihm doch Seel und Leib. Er thu der Einen wegen so, Dass er den Andern wohl behagt, Dann macht ihn eine Andre froh, Wenn sich die Eine ihm versagt. Daran gedenk ein werther Mann: Viel Heil und Ehre liegt daran. Wer gutes Weibes Minne hat, Der schämt sich aller Missethat._ 10

4.

FRÜHLING UND FRAUEN.

Sô die bluomen ûz dem grase dringent, same si lachen gegen der spilden sunnen, in einem meien an dem morgen fruo, und diu kleinen vogellîn wol singent in ir besten wîse die si kunnen, waz wünne mac sich dâ genôzen zuo? ez ist wol halb ein himelrîche. suln wir sprechen waz sich deme gelîche, sô sage ich waz mir dicke baz in mînen ougen hât getân, und tæte ouch noch, gesæhe ich daz. Swâ ein edeliu schœne frowe reine, wol gekleidet unde wol gebunden, dur kurzewîle zuo vil liuten gât, hovelîchen hôhgemuot, niht eine, umbe sehende ein wênic under stunden, alsam der sunne gegen den sternen stât,-- der meie bringe uns al sîn wunder, waz ist dâ sô wünneclîches under, 10 als ir vil minneclîcher lîp? wir lâzen alle bluomen stân, und kapfen an daz werde wîp. Nû wol dan, welt ir die wârheit schouwen! gên wir zuo des meien hôhgezîte! der ist mit aller sîner krefte komen. seht an in und seht an werde frouwen, wederz dâ daz ander überstrîte; daz bezzer spil, ob ich daz hân genomen. owê der mich dâ welen hieze, deich daz eine dur daz ander lieze, wie rehte schiere ich danne kür! hêr Meie, ir müeset merze sîn, ê ich mîn frowen dâ verlür.

_Wenn die Blumen aus dem Grase dringen, 20 Gleich als lachten sie hinauf zur Sonne Des Morgens früh an einem Maientag, Und die kleinen Vöglein lieblich singen Ihre schönsten Weisen, welche Wonne Hat wohl die Welt, die so erfreuen mag? Man glaubt sich halb im Himmelreiche; Wollt ihr hören, was sich dem vergleiche, So sag ich was mir wohler doch An meinen Augen öfters that Und immer thut, erschau ichs noch. Denkt, ein edles, schönes Fräulein schreite 20 Wohlgekleidet, wohlbekränzt hernieder, Sich unter Leuten wandelnd zu ergehn, Hochgemuth, in fürstlichem Geleite, Etwas um sich blickend hin und wieder, Wie Sonne neben Sternen anzusehn: Der Mai mit allen Wundergaben Kann doch nichts so Wonnigliches haben, Als ihr viel minniglicher Leib; Wir lassen alle Blumen stehn Und blicken nach dem werthen Weib. 30 Nun wohlan, wollt ihr Beweise schauen: Gehn wir zu des Maien Lustbereiche, Der ist in seiner ganzen Fülle da. Schauet ihn und schauet edle Frauen, Was dem Andern wohl an Schönheit weiche, Ob ich mir nicht das bessre Theil ersah. Ja wenn mich Einer wählen hiesse, 10 Dass ich Eines für das Andre liesse, Ach wie so bald entschied ich mich: Herr Mai, ihr müsstet Jenner sein, Eh ich von meiner Herrin wich!_

5.

AUSFAHRTSEGEN.

Mit sælden müeze ich hiute ûf stên, got hêrre, in dîner huote gên und rîten, swar ich in dem lande kêre. Krist hêrre, lâz mir werden schîn die grôzen kraft der güete dîn, unt pflic mîn wol dur dîner muoter êre. 20 als ir der heilig engel pflæge, unt dîn, dô du in der kripfen læge, junger mensch unt alter got, dêmüetic vor dem esel und vor dem rinde (und doch mit sælderîcher huote pflac dîn Gabriêl der guote wol mit triuwen sunder spot), als pflig ouch mîn, daz an mir iht erwinde daz dîn vil götelîch gebot.

_Mit Segen lass mich heut erstehn, Herr Gott, in deinem Schutze gehn Und reiten, wohinaus mein Weg sich kehre; Herr Christ, an mir gieb an den Tag, Was Deiner Güte Kraft vermag, Und steh mir bei zu Deiner Mutter Ehre. Wie ihr der Engel half, der gute, 30 Und Dir, der in der Krippe ruhte, Jung als Mensch, als Gott so alt, Demüthig vor dem Esel und dem Rinde (Und doch mit himmlisch treuem Sorgen Hielt Dich Gabriel geborgen Vor Gefahren mannigfalt): 10 So schütz auch mich, dass man nicht falsch mich finde, Noch gegen Deine Liebe kalt._

6.

GEFÄHRDETES GELEIT.

Ich saz ûf eime steine, und dahte bein mit beine: dar ûf sast ich den ellenbogen: ich hete in mîne hant gesmogen daz kinne und ein mîn wange. dô dâhte ich mir vil ange, wie man zer welte solte leben: deheinen rât kond ich gegeben, 20 wie man driu dinc erwurbe, der keines niht verdurbe. diu zwei sint êre und varnde guot, daz dicke ein ander schaden tuot: daz dritte ist gotes hulde, der zweier übergulde. die wolte ich gerne in einen schrîn. jâ leider des enmac niht sîn, daz guot und weltlich êre und gotes hulde mêre zesamene in ein herze komen. stîg unde wege sint in benomen: untriuwe ist in der sâze, gewalt vert ûf der strâze: fride unde reht sint sêre wunt. diu driu enhabent geleites niht, diu zwei enwerden ê gesunt.

_Ich sass auf einem Steine, Da deckt’ ich Bein mit Beine, Darauf der Ellenbogen stand; Es schmiegte sich in meine Hand Das Kinn und eine Wange. Da dacht ich sorglich lange Dem Weltlauf nach und irdschem Heil; Doch wurde mir kein Rath zu Theil, 20 Wie man drei Ding erwürbe, Dass ihrer keins verdürbe. Die zwei sind Ehr und zeitlich Gut, Das oft einander Schaden thut; Das dritte Gottes Segen, An dem ist mehr gelegen: Die hätt ich gern in einen Schrein. Ja leider mag es nimmer sein, Dass Gottes Gnade kehre Mit Reichthum und mit Ehre Je wieder in dasselbe Herz; Sie finden Hemmung allerwärts: Untreu’ hält Hof und Leute, Gewalt fährt aus auf Beute; So Fried als Recht sind todeswund: Die dreie haben kein Geleit, die zwei denn werden erst gesund._

7.

DEUTSCHLAND ÜBER ALLES.

Ir sult sprechen willekomen: 10 der iu mære bringet, daz bin ich. allez daz ir habt vernomen, daz ist gar ein wint: nû frâget mich. ich wil aber miete: wirt mîn lôn iht guot, ich sage iu vil lîhte daz iu sanfte tuot. seht waz man mir êren biete. Ich wil tiuschen frowen sagen solhiu mære daz si deste baz al der werlte suln behagen: 20 âne grôze miete tuon ich daz. waz wold ich ze lône? si sint mir ze hêr: sô bin ich gefüege, und bite si nihtes mêr wan daz si mich grüezen schône. Ich hân lande vil gesehen unde nam der besten gerne war: übel müeze mir geschehen, kunde ich ie mîn herze bringen dar daz im wol gevallen wolde fremeder site. nû waz hulfe mich, ob ich unrehte strite? tiuschiu zuht gât vor in allen. Von der Elbe unz an den Rîn 10 und her wider unz an Ungerlant mugen wol die besten sîn, die ich in der werlte hân erkant. kan ich rehte schouwen guot gelâz unt lîp, sem mir got, sô swüere ich wol daz hie diu wîp bezzer sint danne ander frouwen. Tiusche man sint wol gezogen, rehte als engel sint diu wîp getân. swer si schildet, derst betrogen: 20 ich enkan sîn anders niht verstân tugent und reine minne, swer die suochen wil, der sol komen in unser lant: da ist wünne vil: lange müeze ich leben dar inne!