The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 19

Chapter 192,625 wordsPublic domain

_Die Härte, mit der Lunete den guten Ritter schmähte, ihr rasches Zurückkehren, der jähe Sturz all’ seiner Ehren, dann dass sie also von ihm schied und weder ihn tröstet’ noch ihm rieth: die grimme Kränkung und Schmach, also sie ihm die Treu absprach, 10 die verspätete Reue und die grosse Treue seines festen Muthes; der Verlust des Gutes, die Sehnsucht nach dem Weibe, die nahmen seinem Leibe beides, die Freude und den Sinn. Nach dem Einen treibt und drängt’s ihn hin, er möchte von aller Welt getrennt, hinausziehn, wo ihn keiner kennt. 20 Und niemand hörte Märe, wohin er kommen wäre. Da ward er sich selber verhasst, denn seines Vergehens Last mochte kein Andrer für ihn tragen; sein eignes Schwert hatt’ ihn erschlagen. Von allem Äussern abgelenkt brütet er ganz in sich versenkt, und als ihn Niemand ersah, schweigend stahl er sich da, bis fern vom Lager und Gezelt er hatt’ erreicht das freie Feld. Da wurden die Schmerzen ihm so gross, dass in das Hirn ihm schoss ein Rasen und tobende Sucht; 10 da brach er alle Sitt’ und Zucht, ab zerrt’ er sein Gewand, dass er bloss ward wie eine Hand. So lief er übers Gefilde nackt hinaus und suchte die Wilde. Als die Jungfrau sich heimgewandt, viel Kummer der König da empfand über Herr Iweins Schwere. Er fragte, wo er wäre; denn er wollt’ ihm mit Trost beistehn, 20 und befahl nach ihm zu gehn. Und als ihn Niemand sah, viel sehr vergeblich blieb es da, wie man ihn sucht’ und nach ihm rief, während er in den Wald entlief. Er war ein Degen kühn bewährt, in seiner Fassung nie gestört, und wie mannhaft er immer war, und wie unwandelbar in seinem Leben und Sinne, doch bewältigt’ ihn Frau Minne, dass ihm ein schwaches Weib Seele verkehrt’ und Leib. Er, den man sonst recht als Demant aller Rittertugend erfand, lief nun umher gar balde als ein Verrückter im Walde. Nun wollte Gott der Gute, 10 der ihn aus seiner Hute nicht völlig entliess, für ihn das thun, dass er ihm zuschickt einen Garzun, der einen guten Bogen trug; den nahm er ihm ab, und Pfeile genug. Als der Hunger ihn nicht liess ruhn, da that er, wie die Tollen thun; kein andres Wissen ist ihnen kund als allein um ihren Mund. Er traf ausbündig scharf und wohl; 20 auch war die Waldung Wildes voll, und wo ihm das erschien als Ziel, da schoss er aus der Massen viel. Auch musst’ er selbst es fangen und ohne Bracken erlangen: dann hatt’ er auch Kessel nicht noch Schmalz, weder Pfeffer noch Salz; seine Brühe war die Hungersnoth, die alles ihm briet und sott, und süsse Speise bereiten lehrt; also hat er dem Hunger gewehrt. Solches Lebens er lange pflag. Da lief er an einem mitten Tag zu einem neuen Gereute. Da fand er nicht mehr Leute als einen einzigen Mann; 10 derselbe sah ihm das wohl an, er sei der Sinne nicht mächtig: drum flüchtet’ er sich bedächtig nah bei in seine Klause hinein. Auch da nicht glaubt’ er sicher zu sein, und verriegelte schnell die Thür: da stellt der Tolle sich dafür. Der däucht dem Siedler allzugross: er dachte: thut er einen Stoss, so wird er die Thür ausheben 20 und vergreift sich an meinem Leben. Ich Armer, wie errett’ ich mich? Zu allerletzt besann er sich: ‘ich will ihm meines Brodes geben, so lässt er vielleicht mich am Leben.’ Ein Fenster hatt’ er in der Wand, dadurch streckt’ er die Hand und legt auf ein Brett ihm ein Brod, das stillt’ ihm des Hungers Noth; während ihm sonst, das mag Gott wissen, nicht hätte genügt so schmaler Bissen. Was wollt ihr, dass ein Toller thu’?-- Er ass das Brod und trank dazu eines Wassers, das er fand, in einem Eimer an der Wand, und leert’ ihn aus auf einen Zug. Der Einsiedel grosse Angst da trug, er flehte zu Gott viel sehr, 10 dass er in Zukunft ihn nicht mehr heimsuche mit solchem Gast; denn er hatte noch nicht gefasst, wie’s mit dem Ritter sei bewandt. Nun zeigt ihm der Tolle zuhand, dass ein Verrückter und ein Kind gar lenksam zu gewöhnen sind. Er war noch just so weise, dass er wegen der Speise wieder hinkam nach zween Tagen, 20 und bracht’ ein Reh getragen, das warf er hin vor die Thür. Das machte, dass ihm der Seidler hinfür desto williglicher bot sein Wasser und sein Brot; er fürchtet’ ihn schon nicht so sehr, sorgt’ besser für ihn als vorher, und hielt’s ihm ferner so bereit. Auch vergalt ihm jener die Müh allzeit mit seinem Wilde, das er fieng. Das ward, so gut es eben gieng, gebraten bei dem Feuer: nur war der Pfeffer da theuer, das Salz und auch der Essig. Später war er nicht lässig, 10 dass er zum Markt die Häute trug, und kauft’ ihnen beiden genug, was ihnen zum Leben war noth, Salz und besseres Brot. So weilte der Unweise im Wald mit solcher Speise, bis endlich der edle Thor gebräunt ward wie ein Mohr an seinem ganzen Leibe. Wenn ihm von theuerm Weibe 20 viel Liebes sonst geschach, wenn er an hundert Speere brach, und Feuer aus den Helmen schlug, mit Mannheit aus dem Kampfe trug viel oft sich Dank und Preise, wenn er einst höfisch war und weise, edlen Gemüths und reich: dem ist er nun viel wenig gleich. Jetzt lief er ledig beider der Sinne wie der Kleider, 30 bis einst zu seiner Stunden schlafend ihn hatten gefunden drei Frauen, wo er lag. Es war um einen mitten Tag, nah in guter Masse im Felde von der Strasse auf der sie geritten waren. Kaum mocht’ ihn da gewahren die eine Fraue von den Drein, da hielt sie gleich den Zelter ein, stieg ab und sah ihn emsig an. 10 Nun wusste die Kunde Jedermann, wie er verloren wäre; das war eine gänge Märe von seinen Leiden und Thaten; drum hatte sie gleich auf ihn gerathen. Doch war’s ihr noch nicht völlig klar: da nahm sie endlich an ihm wahr eine Narbe breit, die seit langer Zeit an dem Ritter war bekannt, 20 und nannt’ ihn mit Namen zuhand. Sie sprach alsbald zu den Zwein: ‘Frauen, lebt Herr Iwein, so liegt er ohne Zweifel hie, oder ich sah ihn noch nie.’ Ihr höfischer Sinn und ihre Güte betrübten ihr Gemüthe, dass sie vor grossen Schmerzen und aus viel treuem Herzen viel sehr zu weinen begann, 30 dass einem also werthen Mann solch Elend sollte geschehn, und er so schmachvoll ward gesehn. Es war die Eine dieser Drei Gebieterin über die andern Zwei. Nun sprach die Magd zu ihrer Frauen: ‘Herrin, Ihr mögt wohl schauen, dass er den Sinn verloren. Von edlerem Blut geboren mag nimmer ein Ritter sein, als mein Herr Iwein, den wir hier sehn so elend leben. 10 Ihm ward ein Zaubertrank gegeben, oder es ist durch Minne gekommen, dass ihm der Sinn benommen. Und weiss ich so sicher als meinen Tod, dass ihr alle eure Noth, die euch straflos und ungescheut der Graf Aliers so lange dräut und noch zu bringen sich rüstet, alsbalde hättet gefristet, wenn dieser Ritter würde gesund. 20 Mir ist seine Mannheit völlig kund. Wüsst’ ich ihn wieder hergestellt, er hätt’ euch gleich den Feind gefällt, und sollt ihr jemals Rettung finden, er kann allein sichs unterwinden.’ Die Fraue war des Trostes froh. Sie sprach: ‘Und ist die Krankheit so, dass sie den Sitz im Hirne hat, so weiss ich für ihn viel guten Rath; denn eine Salbe hab’ ich stehn, die von Morganen, der weisen Feen, bereitet ward mit eigner Hand. Um die nun ist es so bewandt, dass wo an Hirnsucht einer litt, wurd’ er bestrichen damit, 10 so ward er gleich zur Stund’ hergestellt und gesund.’ So hielten sie Rath zur Stelle, und ritten sofort und schnelle nach der Salbe alle Drei: denn ihr Haus lag nahe dabei, kaum weiter als einer Meilen; dann ward ohne Verweilen die Jungfrau wieder zurückgesandt, die ihn schlafend allda noch fand. 20 Die Frau befahl ihr bei ihrem Leben, als sie ihr mitgegeben die Büchse mit der Salben, dass sie ihn allenthalben nicht solle bestreichen damit; nur wo er die Entzündung litt, da hiess sie den Balsam streichen, so werde die Sucht entweichen, und der Ritter des Wahnsinns quitt und frei. Nicht mehr als eben genügend sei solle sie verwenden allhie: und ausdrücklich verlangte sie, dass sie den Rest ihr trage zurück, der sei vielleicht noch Vielen zum Glück. Auch sandte sie mit ihr hindann frische Kleider, Sayett in Gran und feine Leingewande zwei, Schuh und Hosen von wollnem Sey. 10 Nun ritt sie also balde, dass sie ihn in dem Walde annoch schlafend da fand, und zog ein Pferd an der Hand, das viel sanft und eben trug (auch war der Zaum ihm reich genug, Sattel und Zeug von reinem Golde), dass er hinreiten sollte, wenn Gott ihr dass gewährte und ihr Gebet erhörte. 20 Als sie ihn liegen sah wie zuvor, keinen Augenblick sie da verlor; sie heftet’ an einem der Äste der Rosse Zügel feste, und schlich zu ihm heran so sacht, dass er mit nichten erwacht; Mit der viel edlen Salben bestrich sie ihn allenthalben über das Haupt und die Füsse. Ihr Wille war ihm viel hold und süsse, dass sie also lange rieb, bis nichts mehr in der Büchsen blieb. Da hatt’ es keine Noth, dass man ihr’s so strenge verbot; denn wie sie’s für ihn im Willen trug, däucht’ ihr alles noch nicht genug, 10 und wär’ es sechsmal mehr gewesen: so gerne sah sie ihn genesen. Als sie die Salbe verstrichen, viel schnelle war sie drauf entwichen, weil sie das wohl erkannte, wie sehr Erröthen und Schande einem edlen Manne wehe thut. Drum barg sie sich in höfischem Muth, dass sie ihn sah und er sie nicht. Sie gedachte, ‘wenn das geschicht, 20 dass er erwacht und kommt zu Sinnen, und wird hiernach des innen, dass ich ihn also nackt gesehn, so ist viel übel mir geschehn; denn das beschämt ihn so sehr, dass er nich nimmermehr mit Willen hernach ansicht.’ Also zeigte sie sich nicht, bis ihn die Salbe ganz durchdrungen und seinen irren Sinn bezwungen. Auf richtet’ er sich alsbald, und als er schaut’ seine eigne Gestalt, und sich so schwarz und schrecklich sah, zu sich selber sprach er da: ‘Bist du Iwein? oder wer? Hab’ ich geschlafen bisher? 10 Weh, o weh mir, und ach! Wär’ ich lieber noch nicht wach! Denn im Traum ward mir gegeben ein viel reiches Heldenleben. Hei, was ich hoher Ehren pflag, während ich schlafend lag! Mir träumte gewalt’ge Rittertugend, ich hatte edle Geburt und Jugend, ich war schön von Gestalt und reich, und diesem Leibe viel ungleich; 20 ich war höfisch und weise, und hatte viel manche harte Preise durch meinen Ritterdienst erjagt, wenn mir der Traum nicht Lügen sagt. Ich erkämpfte, was ich begehrte, mit Speer mir und mit Schwerte; ich allein gewann mit meiner Hand eine schöne Frau, ein reiches Land; und leider, wenn mir recht geträumt, hab’ ich gar bald sie dann versäumt, als der König Artus war gekommen und hatte mich von ihr genommen. Herr Gawein war mein Gefährt’ und Freund, wie mir’s in meinem Traume scheint; 10 sie gab mir Urlaub auf ein Jahr-- ich weiss wohl, das alles ist nicht wahr!-- Da blieb ich länger ohne Noth, bis sie mir ihren Zorn entbot, und träumte da gar schwer und wilde; aus all dem wirren Wahngebilde bin ich jetzt eben erwacht. Mich hatte mein Schlaf gemacht zu einen reichen Herrn! alle Noth ja lag mir fern; 20 wär’ ich in solchen Ehren begraben! Er wollte mich nur zum Narren haben; wer da glaubt an Träume, dem werden sie eitel Schäume. Traum, wie so wunderlich du bist! Reichthum schaffst du in kurzer Frist einem der also ärmlich lebt, der nie nach hohen Ehren gestrebt. Wenn er dann erwacht, so hast du ihn gemacht zu einem Thoren wie mich. Und dennoch mein’ ich festiglich, 10 wie rauh ich sei und bauernhaft, fasst’ ich nur eines Speeres Schaft und wäre gewappnet und beritten, ich könnte nach ritterlichen Sitten ebenso wohl gebahren, als Alle, die jemals Ritter waren.’ So fremd geworden war er sich, dass sein Gedächtniss ihm ganz entwich; und was er als Ritter errungen, all’ seine Züg’ und Wanderungen, 20 dies Alles, sagt’ er sich nunmehr, sei von ihm nur geträumt vorher. Er sprach: ‘Mich hat gelehret mein Traum, ich wäre geehret, könnt’ ich zu Waffen kommen. Er hat mir meinen Stand genommen; denn ob ich ein armer Bauer bin, kämpft und turniert mein ganzer Sinn. Mein Herz ist meinem Leib ungleich, mein Leib ist arm, mein Herze reich. War denn ein Traum mein ganzes Leben? Oder wer hat mir gegeben solche Hässlichkeit und Ungestalt? Ich ahne die volle Kraft und Gewalt ritterlichen Muthes; 10 zwar an Schönheit und Fülle des Gutes fehlt es durchaus mir leider!’ Als er die frischen Kleider zur einen Seite ihm liegen sach, wundert’ ihn das und er sprach: ‘Dies sind Kleider, wie ich genug sie oft in meinem Traume trug; ich sehe hier Keinen, wes mögen sie sein? Ich bedarf ihrer sehr; gut, die sind mein. Ob ich sie wohl auch tragen kann? 20 Denn vormals stand mir herrlich an in meinem Traume reich Gewand.’ Also kleidet er sich zuhand, und als er bedeckt die schwarzen Glieder, da glich er einem Ritter wieder. Nun ersah die Jungfrau das, wie er ehrbar und ohne Tadel sass. Sie steigt zu Pferd mit klugem Sinn und reitet ihres Weges hin, als sei sie eben vorausgesandt, und führt’ einen Zelter an der Hand. Weder sprach sie, noch sah sie auf ihn. Als er gradaus sie sah ziehn, 10 da wär’ er aufgesprungen, dafern ihn nicht bezwungen jene selbige Schwachheit, also dass er so schnell bereit nicht vom Boden sich rafft, als fühlt’ er noch die alte Kraft, und rief ihr nach eine gute Weil. Sie aber that, als habe sie Eil’, und acht’ auf den Wandrer nicht, bis dass er nochmals zu ihr spricht; 20 da machte sie Halt, und gab ihm Antwort alsobald. Sie sprach: ‘Wer ruft mir? wer?’ Er sprach: ‘Frau, kehrt zurück hieher.’ Sie sprach: ‘Herre, ich will.’ So wendet sie, und hält still und spricht: ‘Gebietet über mich, was ihr wünschet, das thue ich;’ und fraget ihn die Märe, wie er dahin kommen wäre? Da sprach Herr Iwein (wie er des wohl trug den Schein): ‘Ich fand erkrankt und matt hier im Wald eine Ruhestatt. Noch kann ich euch nicht berichten, durch was für Wundergeschichten ich ward hieher getragen; 10 doch mag ich das wohl sagen, dass ich ungern hier bin: Fraue, führt mich mit euch hin, so behandelt ihr mich gar liebevoll, und dien’ ich dafür euch, wie ich soll.’ ‘Ritter, das sei euch zugesagt und meine Fahrt für euch vertagt. Mich hatte meine Frau gesandt, die ist auch Herrin über dies Land; zu der führ’ ich euch mit mir, 20 Ich verhelf’ euch wohl, dass ihr ausruht nach euerm Ungemach.’ So stieg er zu Pferd und ritt ihr nach. Nun führte sie ihn hindann zu ihrer Frau, der nie ein Mann also willkommen war. Man schuf ihm gute Pfleg’ alldar an Kleidern, Speisen und Baden, bis dass all’ sein Schaden kaum noch an ihm erschien. Hier hatt’ Herr Iwein alle Müh’n und Drangsal überwunden, und gute Wirthin funden._

W. GRAF VON BAUDISSIN.

_GOTTFRIED VON STRASSBURG._

[_Scherer, D._ 166, _E._ 157.]

Meister Gottfried war bürgerlichen Standes, erhielt eine gelehrte Erziehung, dichtete nach französischer Quelle den ‘Tristan’ gegen 1210. Das Gedicht ward nicht von ihm vollendet und später von Ulrich von Türheim und Heinrich von Freiberg fortgesetzt. Herausgegeben von von der Hagen (Breslau 1823), Massmann (Leipzig 1843), Bechstein (Leipzig 1869). Übersetzungen von Simrock, Kurtz, Hertz (Stuttgart 1877).

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EINLEITUNG.