The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)
Part 17
_Das war zu der Zeit, da der Sommer nahte: die Vögel in dem Walde laut und keck sangen mit mancherlei Stimmen. Rosen und Ginster blühten alle um die Wette. Es war gerade zu der Zeit, wo man Freudlosigkeit hasst. Es hatte sich geschmückt 10 der Wald und schönes Gewand für den Sommer angelegt, grünes Laub und drunter Gras, dass es ein schöner Teppich war von mancherlei Blüthen. Dies schafft ein gut, zufriednes Gemüth, wenn man auf Freude sinnen darf, und dazu der Vögel süsser Sang. Früh, an einem Morgen da konnte sie vor Sorgen 20 nicht schlafen noch länger liegen dort. Da erhob sich die Herrin sofort und gieng, ihrer Trauer nachzuhängen dorthin, wo über der Burgmauer eine Laube hieng. Dahin kam sie alleine gegangen: in ein Fenster sie trat, wie sehnsüchtige Frauen oftmals thun, denen die Liebe Leid gebracht; die muss man in Trauer sehen. So war es ihr ergangen. Ihre weisse schön geformte Hand 10 lehnte sie an die Wange und lauschte dem Vogelsange. Da sang gar süss die Nachtigall. Sie sprach ‘Wohl ihm, der leben darf in Freuden, wie ich es thun könnte, wenn ich mirs gegönnt hätte. Nun muss ich aber immerdar zu meinem grossen Schaden und ohne Ehre meine Jugend verderben. Und wem soll ich daraus einen Vorwurf machen, 20 dass ich hinfür vergebens einem todähnlichen Leben verfallen und unterthan sein muss? Ich gönnt’ es mir: drum muss ich’s haben. Das muss Gott geklagt sein.’ Nun war die Jungfrau, ihre Dienerin, auch leise dahin gegangen, um zu spazieren, und hörte ihrer Herrin Klage ganz an. Wenn sie auch schuldig war, so dauerte sie doch ihr Kummer so sehr, dass sie da nicht stehn bleiben mochte und wieder in’s Haus gehn wollte: so jämmerlich war jener Klage. Da sah sich die Dame um und sprach sofort zu ihr ‘Bist du schon einige Zeit hier?’ 10 ‘Ja, ich habe alles vernommen was euch in’s Herz gedrungen ist. das schmerzt mich und thut mir leid. Ich hab euch vordem die Wahrheit gesagt, da aber wolltet ihrs nicht glauben. ihr wisst doch noch, dass ich euch meinen Rath gegeben habe.’ ‘Ja, ich weiss recht wohl, der mich zu erfreuen vermöchte, der würde sein Vergehen so stille zu Nichte gemacht haben wie des Meeres Wogen. 20 Ich kann aber nimmermehr froh werden, es sei denn, dass mir das Glück noch werde, dass er mich fröhlich macht und mit Güte entschädigt, von dem ich bei Tag und bei Nacht diesen Kummer trage. Mich reut, dass ihm je von mir ein Ungemach geschehen. Die Reue kommt zu spät. Hätte ich deinem Rathe gefolgt, das wäre mir gut gewesen. Wer häufig ohne Rath handelt 10 nach seinem Willen für sich, den reut es so wie mich. Doch kommt mir die Reue zur Unzeit. Glaubt’ ich doch, dass Weiberlaune mit Recht den Vorrang hätte. davon hab’ ich diesen Schaden. Nun ist das Recht an mir gebrochen. Er hat sich damit an mir gerächt, dass er mir aus dem Wege geht. In meinem Herzen leid’ ich Kummer 20 und Noth bis an mein Ende. In diese ausgespannte Fessel bin ich durch meine Schuld gefallen. Deshalb rathe ich allen, die sich mit stäter Liebe fürder befassen, dass sie auf mein Leid blicken und sich hüten, dass ihnen so geschehe. Lasst diese Sache nun gehn Deutsche Sprache die ist arm: wenn einer darin dichten wolle, so muss er, soll seine Rede glatt werden, die Worte spalten und zwei zusammen falten. Das hätte ich gerne, wenn ich es vermöchte, meisterlicher und besser gemacht._
_HARTMANN VON AUE._
[_Scherer D._ 155, _E._ 148.]
Aus einem Dienstmannengeschlecht von Aue; geboren gegen 1170 in Schwaben. Er erhielt Unterricht im lateinischen und französischen, schloss sich einer Kreuzfahrt an 1197. Die Reihenfolge seiner Dichtungen ist abgesehen von den Liedern (herausg. in Lachmann und Haupts ‘des Minnesangs Frühling,’ Nr. 21) vermuthlich die folgende: vor 1197 sind verfasst Erec (herausg. von Haupt, Leipzig, 1839, zweite Ausg. 1871), Gregorius (herausg. von Lachmann, Berlin, 1838; Paul, Halle 1873, 1882), erstes Büchlein (herausg. von Haupt ‘Die Lieder und Büchlein und der arme Heinrich,’ Leipzig 1842, zweite Ausg. 1881); nach dem Kreuzzuge der arme Heinrich (herausg. ausser von Haupt von Brüder Grimm 1815, Müller 1842, Paul 1882; übers. von Simrock), zweites Büchlein (s. o.), Iwein (herausg. von Benecke und Lachmann, Berlin 1827, vierte Aufl. 1877; übers. von Graf Baudissin). Sämmtl. Werke herausg. von Bech (3 Bde. Leipzig 1867-1869 u. ö.).
1.
DER ARME HEINRICH.
Dô dô der arme Heinrich driu jâr dâ getwelte 10 unde im got gequelte mit grôzem jâmer den lîp, nû saz der meier und sîn wîp unde ir tohter, diu maget von der ich iu ê hân gesaget, bî im in ir unmüezekeit und begunden klagen ir herren leit. diu klage tet in michel nôt: wan sî vorhten daz sîn tôt sî sêre solte letzen und vil gar entsetzen êren unde guotes und daz herters muotes würde ein ander herre. si gedâhten alsô verre 10 unz dirre selbe bûman alsus frâgen began. Er sprach ‘lieber herre mîn, möht ez mit iuwern hulden sîn, ich frâgte vil gerne. sô vil ze Sâlerne von arzenîen meister ist, wie kumet daz ir deheines list ze iuwerme ungesunde niht gerâten kunde? 20 herre, des wundert mich.’ dô holte der arme Heinrich tiefen sûft von herzen mit bitterlîchem smerzen: mit solher riuwe er dô sprach daz ime der sûft daz wort zerbrach. ‘Ich hân disen schemelîchen spot vil wol gedienet umbe got. wan dû sæhe wol hie vor daz hôh offen stuont mîn tor 30 nâch werltlîcher wünne und daz niemen in sîm künne sînen willen baz hete dan ich: und was daz doch unmügelich, wan ich enhete niht gar. dô nam ich sîn vil kleine war der mir daz selbe wunschleben von sînen gnâden hete gegeben. daz herze mir dô alsô stuont als alle werlttôren tuont, 10 den daz saget ir muot daz si êre unde guot âne got mügen hân. sus troug ouch mich mîn tumber wân, wan ich in lützel ane sach von des genâden mir geschach vil êren unde guotes. dô dô des hôhen muotes den hôhen portenære verdrôz, die sælden porte er mir beslôz. 20 dâ kum ich leider niemer in: daz verworhte mir mîn tumber sin. got hât durch râche an mich geleit ein sus gewante siecheit die niemen mag erlœsen. nu versmæhent mich die bœsen, die biderben ruochent mîn niht. swie bœse er ist der mich gesiht, des bœser muoz ich dannoch sîn: sîn unwert tuot er mir schîn, er wirfet d’ougen abe mir. nû schînet êrste an dir dîn triuwe die dû hâst, daz dû mich siechen bî dir lâst und von mir niht enfliuhest. swie dû mich niht enschiuhest, swie ich niemen liep sî danne dir, 10 swie vil dîns heiles stê an mir, du vertrüegest doch wol mînen tôt. nû wes unwert und wes nôt wart ie zer werlte merre? hie vor was ich dîn herre und bin dîn dürftige nû. mîn lieber friunt, nû koufest dû und mîn gemahel und dîn wîp an mir den êwigen lîp daz dû mich siechen bî dir lâst. 20 des dû mich gefrâget hâst, daz sage ich dir vil gerne. ich kunde ze Sâlerne keinen meister vinden der sich mîn underwinden getörste oder wolte. wan dâ mite ich solte mîner sühte genesen, daz müeste ein solch sache wesen die in der werlte nieman mit nihte gewinnen kan. mir wart niht anders dâ gesaget wan ich müeste haben eine maget 10 diu vollen êrbære und ouch des willen wære daz sî den tôt durch mich lite und man sî zuo dem herzen snite, und mir wære niht anders guot wan von ir herzen daz bluot. nû ist genuoc unmügelich daz ir deheiniu durch mich gerne lîde den tôt. des muoz ich schemelîche nôt 20 tragen unz an mîn ende. daz mirz got schiere sende!’ Daz er dem vater hete gesagt, daz erhôrte ouch diu reine magt: wan ez hete diu vil süeze ir lieben herren füeze stânde in ir schôzen. man möhte wol genôzen ir kintlîch gemüete hin ze der engel güete. 30 sîner rede nam sî war unde marhte sî ouch gar: si enkam von ir herzen nie unz man des nahtes slâfen gie. dô sî zir vater füezen lac und ouch ir muoter, sô sî pflac, und sî beide entsliefen, manegen sûft tiefen holte sî von herzen. umbe ir herren smerzen wart ir riuwe alsô grôz daz ir ougen regen begôz 10 der slâfenden füeze. sus erwahte sî diu süeze. Dô sî der trehene enpfunden, si erwachten und begunden sî frâgen waz ir wære und welher hande swære sî alsô stille möhte klagen. nu enwolte sî es in niht sagen. und dô ir vater aber tete vil manege drô unde bete 20 daz sî ez ime wolte sagen, sî sprach ‘ir möhtent mit mir klagen. waz möht uns mê gewerren danne umb unsern herren, daz wir den suln verliesen und mit ime verkiesen beide guot und êre? wir gewinnen niemer mêre deheinen herren alsô guot der uns tuo daz er uns tuot.’ 30 Sî sprâchen ‘tohter, dû hâst wâr. nû frumet uns leider niht ein hâr unser riuwe und dîn klage: liebez kint, dâ von gedage. ez ist uns alsô leit sô dir, leider nû enmuge wir ime ze keinen staten komen. got der hât in uns benomen: het ez iemen anders getân, der müese unsern fluoch hân.’ Alsus gesweigeten sî sî dô. 10 die naht bleip sî unfrô und morne allen den tac. swes iemen anders gepflac, diz enkam von ir herzen nie unz man des andern nahtes gie slâfen nâch gewonheit. dô sî sich hete geleit an ir alte bettestat, sî bereite aber ein bat mit weinenden ougen: 20 wan sî truoc tougen nâhe in ir gemüete die aller meisten güete die ich von kinde ie vernam. welch kint getete ouch ie alsam? des einen sî sich gar verwac, gelebetes morne den tac, daz sî benamen ir leben umbe ir herren wolte geben.
_Als so der arme Heinrich Drei Jahre dort geblieben war, 10 Während Gott ihm immerdar Mit Jammer schlug den siechen Leib, Da sass der Meier und sein Weib Und ihre Tochter, die Magd, Von der euch eben ward gesagt, Bei ihm in kurzer Mussezeit Und beklagten ihres Herren Leid. Ihnen that wohl solche Klage Noth, Denn sie fürchteten, sein Tod Möchte sie schwer verletzen Und sie gar entsetzen Der Ehren und des Gutes, Wenn ungnädgern Muthes Ein Andrer Gutsherr würde. Lange trugen sie die Bürde 10 Der Sorgen, bis der Bauersmann So zu fragen begann: Er sprach: ‘Lieber Herre mein, Möcht es mit euern Hulden sein, so fragt’ ich euch gerne: Da doch zu Salerne Viel Meister sind der Arzenei, Wie kommts, dass keiner war dabei, Der eure Sucht zu heilen Rath wusste zu ertheilen? 20 Herr, darüber wundr’ ich mich.’ Da zog der arme Heinrich Einen Seufzer tief vom Herzen Herauf mit bittern Schmerzen, Worauf er so bekümmert sprach, Dass der Seufzer ihm das Wort zerbrach: ‘Ich habe diesen Schimpf und Spott Nur zu wohl verdient um Gott: Denn du sahest wohl hievor, Dass weit offen stand mein Thor 30 Weltlicher Lust und Eitelkeit, Und dass Niemand weit und breit Seinem Willen nachhieng so wie ich. Daran that ich freventlich, So ohnmächtig wie ich war. Denn wenig nahm ich dessen wahr, Dessen Gnade mir dies Leben Nach allen Wünschen gegeben. So verirrt war da mein Herz Wie Weltkindern allerwärts: 10 Immer wähnt ihr blöder Sinn, Dass sie Ehr und Glücks Gewinn Möchten ohne Gott empfahn. So trog auch mich mein dummer Wahn, Denn ich achtet’ ihn gering, Von des Gnaden ich empfieng Der Ehren viel und Gutes. Als da des Übermuthes Den hohen Himmelsherrn verdross, Des Heiles Thor er mir verschloss: 20 Da geh ich leider nimmer ein: Mein Leichtsinn schuf mir diese Pein. Zur Strafe hat mir Gott gesandt Ein Siechthum, aus dessen Band Niemand mich erlösen kann. Nun verschmäht mich der geringste Mann; Der Biedre selbst vor mir erschrickt. Wie gering er sei, der mich erblickt, Er glaubt, dass ich noch schlechter sei. Er legt mir seinen Unwerth bei Und kehrt die Augen ab von mir. Nun wird erst offenbar an dir Die grosse Treue, die du hegst, Dass du mich Siechen hier erträgst Und nicht vor meinem Anblick fliehst. Doch wie du ohne Scheu mich siehst, Wie Niemand sonst mir Liebes thut, 10 Wie sehr dein Wohl auf mir beruht, Du ertrügest doch wohl meinen Tod. Nun, wessen Schmach und wessen Noth War je so auserlesen? Der zuvor dein Herr gewesen, Spricht dein bedürftig bei dir zu. Nun, lieber Freund, verdienest du, Dein gutes Weib und mein Gemahl, An mir den ewgen Freudensaal, Dass ihr mich Siechen hier ertragt. 20 Doch was du mich vorhin gefragt, Das sag ich dir gerne. Ich konnte zu Salerne Keinen Meister finden, Der mein sich unterwinden Dürfte oder wollte. Denn womit ich sollte Genesen meiner Noth und Pein, Das musste eine Sache sein, Die auf dieser Erde man Um keinen Preis erlangen kann. Mir ward nichts anders da gesagt, Als ich brauchte eine Magd, 10 Die bei vollen Jahren rein Und entschlossen müsste sein Den Tod für mich zu leiden. Man würd ihr Herz zerschneiden, Denn nichts anders wär mir gut Als des Mädchens Herzeblut. Nun findet sich, das ist wohl klar, Solch ein Mädchen nimmerdar, Die für mich leiden will den Tod. Drum muss ich schmähliche Noth 20 Tragen bis an mein Ende, Dass Gott es bald mir sende!’ Was dem Vater ward gesagt, Das hörte auch die reine Magd, Denn es hielt die Süsse Ihres lieben Herren Füsse In ihrem Schoose stehen. Da mochte man wohl sehen, Ihr kindlich Gemüthe Glich englischer Güte. 30 Seiner Rede nahm sie wahr Und behielt sie immerdar; Nur auf ihn war sie bedacht, Bis man zu Bett gieng in der Nacht Und die Gute, wie sie pflag, Zu ihrer Eltern Füssen lag. Als sie nun beide schliefen, Holte sie manchen tiefen Seufzer aus ihrem Herzen. Um ihres Herren Schmerzen Ward ihr Kummer so gross, Ihrer Augen Regen begoss 10 Der Schlafenden Füsse: So erweckte sie die Süsse. Als der Thränen gewahr Ward das fromme Elternpaar, Fragten sie, was ihr wäre, Dass sie so manche Zähre Vergösse unter Klagen? Da wollte sie’s nicht sagen. Doch als der Vater in sie drang, Erst bittend, drohend dann mit Zwang, 20 Da that sie ihm den Kummer kund. ‘Ihr hättet selbst zu klagen Grund, Denn was möcht uns näher gehn, Als was unserm Herrn geschehn, Den wir bald sollen missen, Denn dann wird uns entrissen Gut und Ehre werden: Finden wir doch auf Erden Keinen Herrn so mild und gut, Der uns thu, was er uns thut.’ 30 Sie sprachen: ‘Tochter, das ist wahr, Nur frommt uns leider nicht ein Haar Das Leid, und weinten wir uns blind. Darum schweig, liebes Kind, Es ist uns auch so leid wie dir; Aber leider mögen wir Ihm nicht zu Statten kommen. Gott hat ihn uns benommen: Hätt es ein Andrer gethan, So müsst er unsern Fluch empfahn.’ Zum Schweigen ward sie so gebracht. 10 Doch blieb ihr weh die ganze Nacht Und morgen den vollen Tag. Was Jemand that, was Jemand sprach, Dies kam von ihrem Herzen nie, Bis des andern Abends sie Wie gewöhnlich schlafen gieng. Als sie ihr altes Bett umfieng, Wieder, wie sie gestern that, Machte sie ein Thränenbad Und weint’ in ihren Sorgen, 20 Denn sie trug verborgen Im innersten Gemüthe Die grösste Herzensgüte, Die Gott noch einem Kind verlieh. Wann that auch je ein Kind wie sie? Sie nahm sich ernstlich in den Sinn, Brächte sie die Nacht nur hin So wollte sie ihr Leben Um ihren Herren geben._
SIMROCK.
2.
IWEIN.