The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)
Part 15
‘Ich bin geheizen Herwîc: ‖ dû næme mir mîn wîp. die muost dû geben widere, ‖ oder unser eines lîp muoz dar umbe sterben, ‖ dar zuo der recken mêre.’ dô sprach der künic Ludewîc ‖ ‘dû dröust mir in mîm lande gar ze sêre.
Dû hâst mir dîne bîhte ‖ âne nôt getân. ir ist hie noch mêre, ‖ den ich genomen hân ir guot unde ir mâge. ‖ des solt dû mir getrouwen, ich sol ez alsô schaffen, ‖ daz dû nimmer küssest dîne vrouwen.’
Nâch dem selben worte ‖ liefens einander an, die zwêne rîche künege. ‖ swerz dâ guot gewan, 10 der holte ez unsanfte. ‖ von ir jungelingen von ir beider zeichen ‖ sach man manegen guoten zuo in springen.
Herwîc was biderbe ‖ und küene genuoc. der vater Hartmuotes ‖ den jungen künic sluoc, daz er begunde strûchen ‖ vor Ludewîges handen. er wolte in hân gescheiden ‖ von sînem lîbe und von sînen landen.
Wæren niht sô nâhen ‖ die Herwîges man, die im mit vlîze hulfen, ‖ sô kunde er nimmer dan âne sîn ende ‖ von im sîn gescheiden. alsô kunde Ludewîc ‖ der alte den kinden bî im leiden.
Die hulfen Herwîge, ‖ daz er dâ genas. dô er sînes valles ‖ wider komen was, dô blikte er harte schiere ‖ ze berge gegen der zinne, obe er indert sæhe ‖ dar inne stên sîns herzen triutinne.
Er gedâhte in sînem muote ‖ ‘ach wie ist mir geschehen! ob mîn vrou Kûdrûn ‖ ditze hât gesehen, 10 gelebe wir daz immer ‖ deich si sol umbevâhen, si tuot mir itewîze, ‖ sô ich bî mîner vrouwen lige nâhen.
Daz mich der alte grîse ‖ hie nider hât geslagen, des scham ich mich vil sêre.’ ‖ sîn zeichen hiez er tragen hin nâch Ludewîge ‖ mit den sînen mannen. si drungen nâch den vînden: ‖ si wolten in lâzen niht von dannen.
Ludewîc der hôrte ‖ hinder im den schal. dô kêrte er wider umbe ‖ gegen im ze tal. dô hôrte man ûf den helmen ‖ swerte vil erdiezen. die dâ bî in wâren, ‖ die mohte ir beider grimmes wol verdriezen.
Der Kûdrûnen vriedel ‖ under helme über rant erreichte Ludewîgen ‖ mit ellenthafter hant. er wundet in sô sêre, ‖ daz er niht mohte gestrîten. dâ von muoste Ludewîc ‖ des grimmen tôdes dâ vor im erbîten.
Er sluoc im ander stunde ‖ einen vesten swanc, daz des küneges houbet ‖ von der ahsel spranc. 10 er hete im wol vergolten, ‖ daz er was gevallen. der künic was erstorben: ‖ des muosten schœniu ougen über wallen.
Dô sprach ze sînen mannen ‖ Hartmuot der degen ‘nû wendet mit mir dannen. ‖ ir ist hie vil gelegen, die uns slahen wolten ‖ in den herten strîten. nû kêret zuo der bürge, ‖ unz wir bezzerre wîle erbîten.’
Si heten vil der degene ‖ hinder in verlân. wær daz lant ir eigen, ‖ si enkunden hân getân niht bezzers in dem strîte. ‖ si wolten zuo der selde. Wate sûmte starke ‖ si mit tûsent sîner guoten helde.
Er was unz an die porte ‖ mit grôzer kraft gegân, dâ Hartmuot hine wolte ‖ mit den sînen man. si kundenz niht verenden: ‖ in zowet es harte kleine, si sâhen ab der mûre ‖ werfen mit manegem lâzsteine.
Dô sach in her Hartmuot ‖ vor dem bürge tor. er sprach ‘daz wir verdienet ‖ haben hie bevor, 10 daz wil sich wærlîche ‖ hiute an uns erzeigen, die gesunden haben sorge. ‖ jâ lît hie harte vil der veigen.
Ich mac niht gevliegen: ‖ veder hân ich niht. ich enmac ouch under die erde, ‖ swaz anders mir geschiht. wir mugen ouch vor den vînden ‖ niht zuo den ünden. den besten mînen willen ‖ wil ich iu bescheidenlîchen künden.
Sîn mac niht anders werden, ‖ ir edele ritter guot. erbeizet zuo der erden ‖ und houwet heizez bluot ûz den liehten ringen: ‖ des lât iuch niht verdriezen.’ si stuonden von den satelen: ‖ diu ros si hinder sich ze rugge stiezen.
‘Nû zuo, ir mæren helde!’ ‖ sprach dô Hartmuot. ‘gêt nâher zuo der selde. ‖ ez sî übel oder guot, ich muoz ze Waten dem alten. ‖ swie mir dâ gelinge, ich wil doch versuochen, ‖ ob ich in hôher von der porten bringe.’
Mit ûf geworfen swerten ‖ begunden si dô gân Hartmuot der küene ‖ unde ouch sîne man. 10 do bestuont er Waten den grimmen: ‖ daz was dem helde ein êre. dô hôrte man swert erklingen. ‖ dô starp guoter ritter dester mêre.
Schiere kam Ortrûn ‖ von Ormanîelant diu junge küniginne ‖ mit windender hant ze vroun Kûdrûnen. ‖ diu junge maget hêre viel ir vür die vüeze. ‖ si klagete ir vater Ludewîgen sêre.
Si sprach ‘lâ dich erbarmen, ‖ edelez vürsten kint, sô vil mîner mâge, ‖ die hie erstorben sint, und gedenke, wie dir wære, ‖ dô man sluoc den vater dînen. edele küniginne, ‖ nû hân ich hiute vloren hie den mînen.
Nû sich, maget edele: ‖ diz ist ein grôziu nôt. mîn vater und mîne mâge ‖ sint aller meiste tôt. nû stêt der recke Hartmuot ‖ vor Waten in grôzer vreise. verliuse ich den bruoder, ‖ sô muoz ich immer mêre sîn ein weise.
Und lâz mich des geniezen’ ‖ sprach daz edele kint: ‘so dich nieman klagete ‖ der aller, die hie sint, 10 dû hetest niht vriunde mêre ‖ danne mich vil eine. swaz dir ieman tæte, ‖ sô muoste ich ze allen zîten umb dich weinen.’
Dô sprach diu Hilden tohter ‖ ‘des hâst dû vil getân. ich weiz niht, wie ich möhte ‖ den strît understân, ich enwære danne ein recke, ‖ daz ich wâpen trüege: sô schiede ich ez gerne, ‖ daz dir dînen bruoder nieman slüege.’
Si weinte angestlîche. ‖ wie tiure si si bat, unze daz vrou Kûdrûn ‖ in daz venster trat. si winkte mit der hende ‖ und vrâgte si der mære, ob von ir vater lande ‖ ieman guoter dar komen wære.
Des antwurte Herwîc, ‖ ein edel ritter guot ‘wer sît ir, juncvrouwe, ‖ diu uns vrâgen tuot?’ si sprach ‘ich heize Kûdrûn ‖ und bin daz Hagenen künne. swie rîche ich hie vor wære, ‖ sô sihe ich hie vil wênec dehein wünne.’
Er sprach ‘sît ir ez Kûdrûn, ‖ diu liebe vrouwe mîn, sô sol ich iu gerne ‖ immer diende sîn: 10 sô bin ich ez Herwîc ‖ und kôs iuch mir ze trôste, und lâze iuch daz wol schouwen, ‖ deich iuch von allen sorgen gerne lôste?’
Si sprach ‘welt ir mir dienen, ‖ ritter ûz erkorn, sô sult ir uns vervâhen ‖ daz vür deheinen zorn. mich bitent vlîziclîche ‖ hie die schœnen meide, daz man Hartmuoten ‖ von Waten dem alten ûz dem strîte scheide.’
‘Daz sol ich gerne leisten, ‖ vil liebiu vrouwe mîn.’ lûte ruoft dô Herwîc ‖ zuo den recken sîn ‘nû sult ir mîniu zeichen ‖ ze Waten vanen bringen.’ dô sach man Herwîgen ‖ unde al die sîne sêre dringen.
Ein herter vrouwen dienest ‖ wart von im getân. Herwîc ruoft dô lûte ‖ den alten Waten an. er sprach ‘Wate, lieber vriunt, ‖ gunnet daz man scheide disen strît vil swinden: ‖ des bitent iuch die minniclîche meide.’
Wate sprach mit zorne ‖ ‘her Herwîc, nu gêt hin! solt ich vrouwen volgen, ‖ war tæte ich mînen sin? 10 solte ich sparn die vînde? ‖ daz tæte ich ûf mich selben. des volge ich iu nimmer. ‖ Hartmuot muoz sîner vrevele engelden.’
Durch Kûdrûnen liebe ‖ zuo in beiden spranc Herwîc der küene. ‖ der swerte vil erklanc. Wate was erzürnet: ‖ er kunde daz wol leiden, daz in strîte nieman ‖ in von sînen vînden torste scheiden.
Dô sluoc er Herwîgen ‖ einen tiuren slac, der dâ wolte scheiden, ‖ daz er vor im lac. dô sprungen sîne recken ‖ und hulfen im von dannen. genomen wart dô Hartmuot ‖ vor Herwîge und vor allen sînen mannen.
_Es nahte nun zum Streite: ‖ der Held von Sturmland Begann ein Horn zu blasen, ‖ dass man es von dem Strand Durch seine starken Kräfte ‖ wohl hörte dreissig Meilen. Die von Hegelingen ‖ sah man zu Frau Hildens Banner eilen._
_Er blies zum andern Male: ‖ das that er deswegen, Dass sich in die Sättel ‖ schwängen all die Degen, Und die Scharen richteten, ‖ wohin sie sollten reiten; Solchen greisen Recken ‖ sah man nie so herrlich in den Streiten._
_Er blies zum dritten Male ‖ mit einer Kraft so voll, Dass ihm die Flut erbebte ‖ und rings der Strand erscholl; 30 Die Ecksteine wollten ‖ aus der Mauer fallen. Er gebot Horanden, ‖ dass er Hildens Banner liesse wallen._
_Sie bangten all vor Waten: ‖ da wurde Niemand laut; Man hört’ ein Ross wohl wiehern. ‖ König Herwigs Braut Stand oben in den Zinnen. ‖ Stolz von dannen reiten Sah man die Kühnen, ‖ die mit König Hartmuth wollten streiten._ 20
_Nun zog auch König Hartmuth ‖ und Die in seinem Bann Mit allem Fleiss gewappnet ‖ aus dem Thor heran. Man sah die Helme glänzen ‖ durch die Fenstersteine Den Heimischen und Fremden; ‖ wohl war auch König Hartmuth nicht alleine._
_Da sah man Hartmuthen ‖ reiten vor dem Heer; Wenn er ein Kaiser wäre, ‖ er könnte nimmermehr Sich stattlicher gehaben; ‖ ihm glänzten in der Sonnen Die lichten Eisenkleider; ‖ hoher Muth war ihm noch unzerronnen._
_Da hatte sich Ortweinen ‖ Hartmuth auserkorn; Obwohl er ihn nicht kannte, ‖ doch trieb er mit den Sporen 30 Sein Ross in weiten Sprüngen ‖ heran zu Ortweinen. Die Speere neigten Beide: ‖ da sah man bald die lichten Panzer scheinen._
_Aufsprangen ihre Rosse: ‖ da hub sich lauter Klang Von der Könge Schwertern; ‖ sie verdienten beide Dank, Dass sie den Kampf erhuben ‖ mit so scharfen Streichen. Es waren kühne Helden: ‖ Keiner wollte vor dem andern weichen._ 20
_Da sah Horand der Däne ‖ Ortweinen wund; Da hub er an zu fragen: ‖ ‘Wer mir ungesund Den lieben Herren machte ‖ im Streit, das wüsst ich gerne.’ Hartmuth der lachte; sie waren ‖ sich einander nicht zu ferne._
_Da sagt ihm Ortwein selber: ‖ ‘Das that Herr Hartmuth.’ Da gab Frau Hildens Zeichen ‖ hinweg der Degen gut, Das er wohl tragen konnte ‖ sich selbst zu grosser Ehre Und dem Feind zum Schaden: ‖ Hartmuthen eilte hinterdrein der hehre._
_Hartmuth in seiner Nähe ‖ vernahm gar lauten Schall; Dabei sah er stürzen ‖ des rothen Blutes Schwall 30 Manchem aus den Wunden ‖ nieder zu den Füssen. Da sprach der kühne Degen: ‖ ‘Meiner Helden Schaden sollt ihr büssen.’_
_Da wandt er sich hinwieder ‖ wo er Horand sah. Durch der Helden Stärke ‖ bald geschah es da, Dass Funken aus den Ringen ‖ vor ihre Augen flogen, Und auf den Helmspangen ‖ sich die geschwungnen Schwerterspitzen bogen._ 20
_Wie erst dem kühnen Ortwein, ‖ so schlug er darnach Nun Horand eine Wunde, ‖ dass ihm ein rother Bach Von Hartmuthens Händen ‖ entsprang den Panzerringen. Der Degen war so tapfer: ‖ wer wollt ihm da sein Land noch aberzwingen?_
_Laut rief da Herwig: ‖ ‘Ist das hier wem bekannt: Wer ist jener Alte? ‖ der hat mit seiner Hand So viel der tiefen Wunden ‖ schon allhie gehauen Mit seinen starken Kräften, ‖ dass es beweinen müssen schöne Frauen.’_
_Das erhörte Ludwig, ‖ der Vogt der Normandie. ‘Wer ist es, der im Kampfe ‖ nach mir fragte hie? 30 Ich bin geheissen Ludwig ‖ von Normandie dem Reiche: Wüsst ich mit den Feinden ‖ noch zu streiten, säh man mich nicht weichen.’_
_‘Herwig bin ich geheissen: ‖ du nahmest mir mein Weib: Die musst du wieder geben, ‖ sonst büsst es der Leib Eines von uns beiden ‖ und Manches der Getreuen.’ Da sprach der König Ludwig: ‖ ‘Willst du mir so in meinem Lande dräuen?’_ 20
_‘Du hast mir deine Beichte ‖ hier ohne Noth gethan. Hier ist noch mancher Andre, ‖ dem ich abgewann Sein Gut und seine Freunde: ‖ du darfst mir zugetrauen, Ich will es also schaffen, ‖ dass du nimmer küssest deine Fraue.’_
_Nach dieser Rede liefen ‖ sich einander an Die beiden reichen Könige. ‖ Wer Glück bis jetzt gewann Dem ergiengs nun übel ‖ durch seines Herrn Misslingen. Von ihren Bannern sah man ‖ manchen Helden hin zu ihnen springen._
_Herwig war tapfer ‖ und war auch kühn genug; Der Vater Hartmuthens ‖ den jungen König schlug, 30 Dass er von Ludwigs Händen ‖ nieder musste fallen; Er hätt ihn gern geschieden ‖ von seinem Leib und seinen Landen allen._
_Waren nicht so nahe ‖ Die in Herwigs Heer, Die ihm zu Hülfe sprangen, ‖ so konnt er nimmermehr Bis zu seinem Ende ‖ von Ludwigen scheiden: So wusste der Alte ‖ den Jungen seine Nähe zu verleiden._ 20
_Sie halfen Herwigen, ‖ dass er am Leben blieb. Als er sich nun erholte ‖ von des Alten Hieb, Empor sah man ihn blicken ‖ zu des Schlosses Zinnen, Ob auch seine Traute ‖ von dort herab gesehn auf sein Beginnen._
_Er gedacht in seinem Muthe: ‖ ‘Ach, wie ist mir geschehn! Wenn Gudrun meine Herrin ‖ Solches hat ersehn, Erleb ich je die Stunde, ‖ dass ich sie soll umfahen, So wird sie mirs verweisen, ‖ wenn ich sie zu küssen will ihr nahen._
_Dass mich der greise Alte ‖ hier nieder hat geschlagen, Des muss ich sehr mich schämen.’ ‖ Sein Banner liess er tragen 30 Gegen König Ludwig ‖ vor allen seinen Mannen. Sie folgten ihrem Feinde: ‖ der sollte nun mit Nichten mehr von dannen._
_Ludwig erhörte ‖ hinter sich den Schall, Da wandt er sich zurücke ‖ wider ihn zumal; Da hört’ er auf den Helmen ‖ Schwerter viel erschallen Die da bei ihm waren, ‖ denen mochte wohl der Könge Grimm missfallen._ 20
_Gudrunens Trauter ‖ unter Helm und Schildesrand Erreichte Ludwigen ‖ mit kraftreicher Hand: Er schlug ihm solche Wunde, ‖ er konnte sich nicht rühren: Da musste König Ludwig ‖ hier den grimmen Tod von ihm erküren._
_Er schlug ihm gleich zur Stunde ‖ so festen Schwertesschwang, Dass das Haupt dem König ‖ von der Achsel sprang. Er hatt ihm wohl vergolten, ‖ dass er war gefallen. Der König war erstorben: ‖ da mussten schöne Augen überwallen._
_Da sprach zu seinen Mannen ‖ Hartmuth der Degen: ‘Nun kehrt mit mir von dannen: ‖ so Mancher ist erlegen, 30 Die uns erschlagen wollten ‖ in diesem harten Streiten: Wir wollen heim zum Schlosse: ‖ da mögen wir wohl harren bessrer Zeiten.’_
_Sie hatten viel der Degen ‖ gelassen hinter sich; Wär das Land ihr eigen, ‖ sie hätten sicherlich Nicht besser sich gehalten; ‖ nun zogen sie vom Felde. Da sammelte sich Wate ‖ wohl mit tausend seiner kühnen Helden._ 20
_Er zog bis an die Pforte ‖ heran mit grosser Kraft, Wo Hartmuth einziehn wollte ‖ mit seiner Ritterschaft-- Doch könnt ers nicht vollbringen. ‖ Er liess sichs nicht verdriessen, Dass sie von der Mauer ‖ manchen Laststein sahen niederschiessen._
_Da sah ihn Herr Hartmuth ‖ vor der Veste Thor. Er sprach: ‘Was wir verdienet ‖ haben hiebevor, Das will sich heute wahrlich ‖ mit Zorn an uns bekunden: Die Gesunden haben Sorge ‖ und ringsum liegen viel der Fährlichwunden._
_Ich kann jedoch nicht fliegen; ‖ Federn hab ich nicht. Noch durch die Erde kriechen, ‖ wär es gleich hier Pflicht. 30 Uns wehren auch die Feinde, ‖ dass wir ans Wasser kämen: Meinen Rath den besten ‖ lass ich euch bescheidentlich vernehmen._
_Es kann nicht anders werden, ‖ ihr edeln Ritter gut, Steigt nieder zu der Erden ‖ und hauet heisses Blut Aus den lichten Ringen! ‖ das lasst euch nicht verdriessen.’ Sie sprangen aus den Sätteln, ‖ indem sie rasch zurück die Rosse stiessen._ 20
_‘Nun zu, ihr Ehrenfesten,’ ‖ sprach da Hartmuth: ‘Geht näher zu der Veste! ‖ seis übel oder gut, Ich muss zum alten Wate: ‖ wie mir da gelinge, Ich will doch versuchen, ‖ ob ich den nicht von der Pforte bringe.’_
_Mit aufgehobnen Schwertern ‖ schritten sie heran, Hartmuth der kühne ‖ und Die in seinem Bann. Er bestand den grimmen Wate: ‖ des freute sich der Degen. Man hörte Schwerter klingen: ‖ da sind der Helden desto mehr erlegen._
_Eilends kam da Ortrun, ‖ die bang die Hände wand, Die junge Königstochter ‖ von der Normannen Land, 30 Zu Gudrun der schönen: ‖ die junge Maid, die hehre, Fiel ihr zu Füssen klagend, ‖ dass ihr Vater Ludwig erschlagen wäre._
_Sie sprach: ‘Lass dich erbarmen, ‖ edles Fürstenkind, So vieler von den Meinen, ‖ die hier erstorben sind; Gedenke, wie zu Muthe ‖ dir war, als man dir deinen Vater hat erschlagen: ‖ nun hab ich hier verloren heut den meinen._ 20
_Nun sieh, edle Königin, ‖ wie gross ist diese Noth: Mein Vater, meine Freunde, ‖ schier Alle sind sie todt; Nun seh ich auch den Bruder ‖ Waten mir gefährden! Wird Hartmuth auch erschlagen, ‖ so muss ich ganz zu einer Waise werden._
_Vergilt nun meine Liebe’ ‖ sprach das edle Kind, ‘Als Niemand dich beklagte ‖ von Allen, die hier sind, Und du zum Freunde hattest ‖ niemand als mich alleine; Man that dir viel zu Leide; ‖ zu allen Zeiten musst ich um dich weinen.’_
_Da sprach die Tochter Hildens: ‖ ‘Das hast du oft gethan; Doch weiss ich nicht, wie diesem ‖ Streit ich wehren kann: 30 Wär ich nur ein Recke, ‖ dass ich Waffen trüge, Ich wollt ihn gerne scheiden, ‖ dass den Bruder Niemand dir erschlüge.’_
_Mit ängstlichen Klagen ‖ flehte sie und bat, Bis da endlich Gudrun ‖ in das Fenster trat: Sie winkte mit der weissen Hand ‖ und fragte laut um Märe, Ob aus ihrer Heimat ‖ nicht hier jemand in der Nähe wäre?_ 20
_Da gab ihr Herwig Antwort, ‖ ein edler Ritter gut: ‘Wer seid ihr, edle Jungfrau, ‖ die solche Frage thut?’ Sie sprach: ‘Ich heisse Gudrun, ‖ die Enkelin des Hagen: Wie reich ich war vor Zeiten, ‖ hier seh ich anders nichts als leide Tage.’_
_Er sprach: ‘Seid ihr es, Gudrun, ‖ die liebe Herrin mein? Euch zu dienen will ich ‖ stets beflissen sein; Ich aber heisse Herwig, ‖ den eure Huld soll trösten: Ich lass euch das wohl schauen, ‖ dass ich euch gern aus allem Leid erlöste.’_
_Sie sprach: ‘Wollt ihr mir dienen, ‖ Ritter auserwählt, So hoff ich, dass ihr solches ‖ mir nicht zum Unrecht zählt: 30 Mich bitten hier so dringend ‖ diese schönen Maide, Dass man Hartmuthen ‖ von dem Grimm des alten Wate scheide.’_
_‘Das will ich gerne leisten, ‖ liebe Herrin du.’ Laut rief da Herwig ‖ seinen Recken zu: ‘Nun bringt zu Watens Feinden ‖ mein Banner hin geschwinde.’ Da drängte durch die Scharen ‖ sich Herwig und all sein Ingesinde._ 20
_Da ward von Herwig Grosses ‖ im Frauendienst gethan; Mit lauter Stimme rief er ‖ den alten Wate an: ‘Wate,’ sprach er, ‘lieber Freund, ‖ vergönnet uns zu scheiden Dieses grimme Streiten: ‖ das bitten euch die minniglichen Maide.’_
_Wate sprach im Zorne: ‖ ‘Herr Herwig geht doch hin! Soll ich nun Frauen folgen? ‖ wo hätt ich meinen Sinn, Wenn ich die Feinde sparte? ‖ da wär ich wohl zu schelten; Darin folg ich euch nimmer: ‖ Hartmuth muss seiner Frevel hier entgelten.’_
_Gudrun zu Liebe ‖ zu den Kämpfern sprang Herwig der kühne; ‖ da vernahm man Schwerterklang. 30 Wate war erzürnet, ‖ er mocht es niemals leiden, Wenn es Jemand wagte, ‖ ihn im Kampf von seinem Feind zu scheiden._
_Da schlug er Herwigen ‖ einen grimmen Schlag, Dass Der sie scheiden wollte ‖ vor ihm am Boden lag. Da sprangen seine Recken ‖ und halfen ihm von dannen. Gefangen ward da Hartmuth ‖ Herwig zum Trotz und allen seinen Mannen._
Fußnoten:
[2] heim.
[3] von Bern.
[4] pflegen, sehen.
[5] bald bei Zeiten.
[6] mit Zwölfen.
[7] so wild.
[8] Fechterstreich.
[9] gern.
[10] entbehren.
[11] Wappen.
[12] Hut.
[13] zu Haus.
[14] geritten.
[15] ergrauen.
[16] ordnen.
[17] Lombardei.
[18] Verona.
[19] erwarten.
[20] hören.
[21] beistehn.
DIE HÖFISCHEN EPEN.
_HEINRICH VON VELDEKE._
[_Scherer D._ 145, _E._ 138.]
DIE ÆNEIDE.
Heinrich von Veldeke, der Begründer des höfischen Minneepos, in der Nähe von Maestricht geboren, aus ritterlichem Geschlechte, lebte am Hofe zu Cleve und am thüringischen Hofe des Landgrafen Hermann. Die Æneide verfasste er nach einem französischen Vorbild und vollendete sie vor 1190. Herausgegeben von Ettmüller (Leipzig, 1852) und Behaghel (Heilbronn, 1882). Ausserdem dichtete er eine Servatiuslegende (her. von Bormans, Maestricht 1858) und Lieder (her. von Lachmann und Haupt, Minnesangs Frühling Nr. 9).