The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)

Part 14

Chapter 143,559 wordsPublic domain

_‘O weh mir dieser Märe,’ ‖ sprach wieder Hagen, ‘Wir hatten Herzensschwere ‖ genug zu tragen: Da müsse Gott erbarmen, ‖ gilts uns mit Freunden Streit!’ Da sprach der Markgraf wieder: ‖ ‘Das ist mir inniglich leid.’_

_‘Nun lohn ich euch die Gabe, ‖ viel edler Rüdiger. Was immer wiederfahre ‖ diesen Recken hehr, Es soll euch nicht berühren ‖ im Streite meine Hand, Ob ihr sie all erschlüget, ‖ Die von der Burgonden Land.’_

_Da neigte sich ihm dankend ‖ der gute Rüdiger. 30 Sie weinten allenthalben. ‖ Dass nicht zu wenden mehr Dieser Herzensjammer, ‖ das war eine grosse Noth. Der Vater aller Tugend ‖ fand an Rüdiger den Tod._

_Da sprach von der Stiege ‖ Volker, der Fiedelmann: ‘Da mein Geselle Hagen ‖ euch bot den Frieden an, So biet ich auch so stäten ‖ euch von meiner Hand; Das habt ihr wohl verdienet, ‖ da wir kamen in das Land._ 20

_Ihr sollt, viel edler Markgraf, ‖ mein Bote werden hier: Diese rothen Spangen ‖ gab Frau Gotlinde mir, Dass ich sie tragen sollte ‖ bei dieser Lustbarkeit; Ihr mögt sie selber schauen, ‖ dass ihr des mein Zeuge seid.’_

_‘Wollt es Gott, der Reiche,’ ‖ sprach da Rüdiger, ‘Dass die Markgräfin ‖ euch geben dürfte mehr. Die Märe sag ich gerne ‖ der lieben Trauten mein, Seh ich gesund sie wieder: ‖ des sollt ihr ausser Zweifel sein.’_

_Nach diesem Angeloben ‖ den Schild hob Rüdiger, Sein Muth begann zu toben: ‖ nicht länger säumt’ er mehr; 30 Auf lief er zu den Gästen ‖ wohl einem Helden gleich: Viel kraftvolle Schläge ‖ schlug da dieser Markgraf reich._

_Da wichen ihm die Beiden, ‖ Volker und Hagen, weit, Wie ihm verheissen hatten ‖ die Recken kühn im Streit. Noch traf er bei der Thüre ‖ so manchen Kühnen an, Dass Rüdiger die Feindschaft ‖ mit grossen Sorgen begann._ 20

_Aus Mordgierde liessen ‖ in das Haus ihn ein Gernot und Günther, ‖ das mochten Helden sein. Zurück wich da Geiselher, ‖ fürwahr, es war ihm leid: Er hoffte noch zu leben, ‖ drum mied er Rüdigern im Streit._

_Da sprangen zu den Feinden ‖ Die in Rüdgers Lehn, Man sah sie hohen Muthes ‖ bei ihrem Herren gehn, Schneidende Waffen ‖ trugen sie an der Hand: Da brachen viel der Helme ‖ und mancher schöne Schildesrand._

_Da schlugen auch die Müden ‖ manchen starken Schlag Auf die von Bechlaren, ‖ der tief und eben brach 30 Durch die festen Panzer ‖ und drang bis auf das Blut: Sie thaten in dem Sturme ‖ viel Wunder herrlich und gut._

_Das edle Heergesinde ‖ war nun in dem Saal; Volker und Hagen, ‖ die sprangen hin zumal: Sie gaben Niemand Frieden ‖ als dem Einen Mann; Das Blut von ihren Hieben ‖ von den Helmen niederrann._ 20

_Wie da der Schwerter Tosen ‖ so furchtbar erklang, Dass unter ihren Schlägen ‖ das Schildgespäng zersprang! Die Schildsteine rieselten ‖ nieder in das Blut; Da fochten sie so grimmig, ‖ wie man es nie wieder thut._

_Der Vogt von Bechlaren ‖ schuf hin und her sich Bahn, Wie Einer der mit Kräften ‖ im Sturme werben kann; Des Tages ward an Rüdiger ‖ herrlich offenbar, Dass er ein Recke wäre ‖ kühn und ohne Tadel gar._

_Wohl erwies da Rüdiger, ‖ dass er stark genug, Kühn und wohlgewaffnet; ‖ hei! was er Helden schlug! 30 Das sah ein Burgonde, ‖ dem schuf es Zorn und Noth: Davon begann zu nahen ‖ des edeln Rüdigers Tod._

_Gernot, der starke, ‖ rief den Helden an, Er sprach sum Markgrafen: ‖ ‘Ihr wollt von unserm Bann Niemand leben lassen, ‖ viel edler Rüdiger: Das schmerzt mich ohne Massen; ‖ ich ertrag es länger nicht mehr._ 20

_Nun mag euch eure Gabe ‖ zu Unstatten kommen, Da ihr mir der Freunde ‖ habt so viel benommen; Nun bietet mir die Stirne, ‖ ihr edler, kühner Mann: Eure Gabe wird verdienet, ‖ so gut ich immer nur kann.’_

_Bevor da der Markgraf ‖ zu ihm gedrungen war, Ward noch getrübt vom Blute ‖ manch lichter Harnisch klar. Da liefen sich einander ‖ die Ehrbegiergen an: Jedweder sich zu schirmen ‖ vor starken Wunden begann._

_Ihre Schwerter waren schneidig, ‖ es schirmte nichts dagegen. Da schlug Gernoten ‖ Rüdiger der Degen 30 Durch den steinharten Helm, ‖ dass niederfloss das Blut: Das vergalt ihm balde ‖ dieser Ritter kühn und gut._

_Da schwang er Rüdgers Gabe, ‖ die ihm in Händen lag: Wie wund er war zum Tode, ‖ er schlug ihm einen Schlag Durch des Helmes Bänder ‖ und durch den festen Schild, Davon ersterben musste ‖ der gute Rüdiger mild._ 20

_Nie ward so reicher Gabe ‖ so schlimm gelohnet mehr. Da fielen beid erschlagen, ‖ Gernot und Rüdiger, Im Sturme gleichermassen ‖ von beider Kämpfer Hand. Da erst ergrimmte Hagen, ‖ als er den grossen Schaden fand._

_Da sprach der Held von Tronje: ‘Es ist uns schlimm bekommen: So grossen Schaden haben ‖ wir an den Zwein genommen, Dass wir ihn nie verwinden, ‖ noch auch ihr Volk und Land. Uns Heimatlosen bleiben ‖ nun Rüdgers Helden zu Pfand.’_

_‘Weh mir um den Bruder! ‖ der fiel hier in den Tod: Was mir zu allen Stunden ‖ für leide Märe droht! 30 Auch muss mich immer reuen ‖ der gute Rüdiger: Der Schad ist beidenthalben ‖ und grossen Jammers Beschwer.’_

_Als der junge Geiselher ‖ sah seinen Bruder todt, Die da im Saale waren, ‖ die mussten leiden Noth. Der Tod warb um Beute ‖ unter Rüdgers Heer; Deren von Bechlaren ‖ entgieng kein Einziger mehr._ 20

_‘Uns raubt der Tod die Besten,’ ‖ sprach Geiselher das Kind, ‘Nun lasset ab mit Weinen, ‖ und gehn wir an den Wind, Dass sich die Panzer kühlen ‖ uns streitmüden Degen: Es will nicht Gott vom Himmel, ‖ dass wir länger leben mögen.’_

_Den sitzen, den sich lehnen, ‖ sah man manchen Mann. Sie waren wieder müssig; ‖ Die in Rüdgers Bann Waren all erlegen; ‖ verhallt war Drang und Stoss. Die Stille währte lange, ‖ bis es Etzeln verdross._

_‘O weh dieser Dienste!’ ‖ sprach des Königs Weib. ‘Er ist nicht so getreue, ‖ dass unser Feinde Leib 30 Des entgelten müsste, ‖ von Rüdigers Hand: Er will sie wiederbringen ‖ in der Burgonden Land.’_

_‘Was hilft uns, König Etzel, ‖ dass wir an ihn verthan Wes er nur begehrte? ‖ Er hat nicht wohl gethan! Der uns rächen sollte, ‖ will der Sühne pflegen.’ Da gab ihr Volker Antwort, ‖ dieser zierliche Degen._ 20

_‘Dem ist nicht also, leider, ‖ viel edles Königsweib; Und dürft ich Lügen strafen ‖ ein so hehres Weib, So hättet ihr recht teuflisch ‖ auf Rüdiger gelogen: Er und seine Degen ‖ sind um die Sühne gar betrogen._

_So williglich vollbracht er ‖ was der König ihm gebot, Dass er und sein Gesinde ‖ hier fielen in den Tod. Nun seht euch um, Kriemhilde, ‖ wem ihr gebieten wollt: Euch war bis an sein Ende ‖ Rüdiger getreu und hold._

_Wollt ihr das nicht glauben, ‖ so schaut es selber an.’ Zu ihrem Herzleide ‖ ward es da gethan: 30 Man trug den Held erschlagen hin ‖ wo ihn der König sah. König Etzels Degen ‖ so leid wohl nimmer geschah._

_Als sie den Markgrafen ‖ todt sahen vor sich tragen, Da vermöcht euch kein Schreiber ‖ zu deuten noch zu sagen Die ungebärdge Klage ‖ so von Weib als Mann, Die sich aus jammernden Herzen ‖ da zu zeigen begann._

_DAS JÜNGERE HILDEBRANDSLIED._

[_Scherer D._ 128, _E._ 119.]

Aus einer Sammlung, die noch andere bänkelsängerische Umdichtungen älterer Volkssagen enthält (Ortnit, Wolfdietrich, Etzels Hofhaltung, Ecken Ausfahrt, Riese Sigenot, Dieterich und seine Gesellen, Zwerg Laurin, den Rosengarten, das Meerwunder, und Herzog Ernst). Sie wurde 1472 von einem Franken Caspar von der Roen angelegt und heisst nach ihm ‘das Heldenbuch Caspars von der Roen.’ Herausgegeben in Von der Hagen und Primisser ‘Der Helden Buch in der Ursprache’ (Berlin 1820-25) Th. 2.

DER VATER MIT DEM SOHN.

‘Ich solt zu land[2] ausreiten’ sprach meister Hildeprant, ‘das mir vor langen zeiten die weg warn vnbekant; fan Pern[3] in landen waren vil manchen lieben tag, das ich in dreissig iaren fraw Gut ich nie enpflag[4].’ ‘Wolstu zu land ausreiten’ sprach hertzog Abelan, ‘so kom dir pald peizeiten[5] ein degen also schon: das ist dort auf des Perners marck der iunge Hildeprant: 10 werstu santtzwelft[6] in harnisch starck, von im wirst angerant.’ ‘Ist er mit reiten den als wilt[7] aus seinem vbermut, ich verhaw im pald sein grunen schilt: es tut im nymer gut; ich verschrot im sein geschmeide mit einem schirmeschlagk,[8] das er seinr muter seite ein iemerliche clag.’ ‘Nein’ sprach Diterich von Peren, ‘Hilprant, des ich nit wolt. las reiten in gar geren[9]: dem iungen pin ich holt; vnd sprich im zu ein freuntlich wort wol durch den willen mein: ich weis das er es gerne hort als lieb als wir im sein.’ Hiltprant der sprach mit siten ‘werlich, das det mir ant; sölt ich den degen piten, das wer mir ymer schant. e wolt ich mit im fechten: des kunt er nit denpern[10]; mit allen meinen mechten: villeicht so tut ers gern.’ Do nun der alt Hilprande durch den rossengartn ausreit ind marck des Perners lande, kom er in gros arbeit: wol von dem iungen mit gewalde do wurd er angerant: ‘nun sag du mir, du alder, was suchst in dissem lant? Dein harnisch lauter vnd helle alsam dein zechen[11] sint: du machst mich, degen schnelle, mit gesehenden augen plint. du solst pas haben dein hute[12] doheinen[13] dein gemach pei einer heissen glute.’ der alt der lacht vnd sprach: ‘Solt ich doheim beleiben vnd haben gut gemach? vil streitens mussz ich treiben: das machet mich oft schwach; in Walhen vnd in Vnger geriten[14] manch herfart: 10 des glaub du mir, du iunger, darvmb grabt[15] mir mein part.’ ‘Dein part wil ich ausrauffen: das müst du sehen an; das dir das plut mussz lauffen vnd auf dem harnisch stan. dein harnisch vnd dein grünen schilt den mustu mir auch geben, vnd mein gefangen, ob du wilt, wiltu icht lenger leben.’ 20

* * * * *

Do man vil freuden pflage mit aller köstlichkeit, an dem virtzehenden tage, der alt sich do bereit vnd besteltt[16] an dem hoffe was im misfallen was mit ritern, knechten, graffen, das es darnach stund pas. 30 Sie het irn hoff alleine, fraw Gut vnd auch ir sun. der alt Hilprant gemeine, der must zu hoff sein nün inn Lamparten[17] zu Pern[18]; dohin stund im sein syn, er gesegnet sie in ern vnd reit domit dohin; Vnd kom genn Pern geriten: do was er lieb vnd wert, vnd heten kaum erpiten,[19] sie fragten was er hert:[20] er sagt wies gangen were des las wir auch darvon vnd singen dovon nit mere. got wol vns peibestan.[21]

(29 _lied hat das geticht der vater mit dem sun._)

_GUDRUN._

[_Scherer D._ 132, _E._ 124.]

Nicht viel später gedichtet als das Nibelungenlied. Nur in einer Handschrift der berühmten Ambraser Sammlung, die für Kaiser Maximilian I. (1502-1515) angefertigt wurde, erhalten. Herausgegeben von Vollmer (Leipzig, 1845), Bartsch (Leipzig, 1865), Martin (Halle, 1872; 1883), Symons (Halle, 1883). Übersetzungen von Simrock, A. v. Keller, Niendorf u. a.

1.

HORANDS GESANG (372-389 ed. Martin).

Daz kam an einen âbent ‖ daz in sô gelanc, daz von Tenemarke ‖ der küene degen sanc mit sô hêrlîcher stimme, ‖ daz ez wol gevallen muose al den liuten. ‖ dâ von gesweic der vogellîne schallen. 10

Daz hôrte der künic gerne ‖ und alle sîne man, dâ von von Tenen Hôrant ‖ der vriunde vil gewan. ouch hete ez wol gehœret ‖ diu alte küniginne. ez erhal ir durch daz venster, ‖ dâ si was gesezzen an der zinne.

Dô sprach diu schœne Hilde ‖ ‘waz hân ich vernomen? diu aller beste wîse ‖ ist in mîn ôren komen, die ich ze dirre welte ‖ von ieman hân ervunden. daz wolte got von himele, ‖ daz si mîne kamerære kunden!’

Dô sprâchen Hagenen helde ‖ ‘herre, lât vernemen. nieman lebet sô siecher, ‖ im möhte wol gezemen hœren sîne stimme, ‖ diu gêt ûz sînem munde.’ ‘daz wolte got von himele’ ‖ sprach der künec, ‘daz ich si selbe kunde!’

Dô er drî dœne ‖ sunder vol gesanc, alle die ez hôrten ‖ dûhte ez niht sô lanc. 10 si hætens niht geahtet, ‖ einer hende wîle, obe er solte singen, ‖ daz einer möhte rîten tûsent mîle.

Diu tier in dem walde ‖ ir weide liezen stên. die würme die dâ solten ‖ in dem grase gên, die vische die dâ solten ‖ in dem wâge vliezen, die liezen ir geverte. ‖ jâ kunde er sîner vuoge wol geniezen.

_Es geschah an einem Abend, ‖ dass ihnen so gelang, Dass vom Dänenlande ‖ der kühne Degen sang Mit so herrlicher Stimme, ‖ dass es Wohlgefallen Musste all den Leuten: ‖ davon geschwieg der kleinen Vöglein Schallen._

_Der König hört’ es gerne ‖ und Die in seinem Bann; Horand der Däne ‖ sich manchen Freund gewann. 20 Auch ward die alte Königin ‖ seines Singens inne; Es erscholl ihr durch das Fenster, ‖ als sie oben sass an der Zinne._

_Da sprach die schöne Hilde: ‖ ‘Was ist das für Gesang? Die allerschönste Weise ‖ zu meinen Ohren drang, Die ich je auf Erden ‖ von Jemand hörte singen: Wollte Gott vom Himmel, ‖ dass sie könnten meine Kämmerlinge.’_ 20

_Da sprachen Hagens Helden: ‖ ‘Herr, wir thun euch kund, Niemand kann so siechen, ‖ er würde bald gesund, Wenn man ihm sein Singen ‖ anzuhören gönnte.’ ‘Wollte Gott vom Himmel,’ ‖ sprach der König, ‘dass ichs selber könnte!’_

_Als er schon das dritte ‖ Lied zu Ende sang, Allen die es hörten, ‖ währt’ es nicht zu lang: Es deuchte sie in Wahrheit ‖ nur spannenlange Weile, Wenn er immer sänge, ‖ während Einer ritte tausend Meilen._

_Die Thier’ im Walde liessen ‖ ihre Weide stehn; Die Würme, die da sollten ‖ in dem Grase gehn, 30 Die Fische, die da sollten ‖ in dem Wasser fliessen, Verliessen ihre Fährte: ‖ wohl dürft’ ihn seiner Künste nicht verdriessen._

2.

GUDRUN ALS WÄSCHERIN.

Nû swîgen wir der degene, ‖ ich wil iuch lân vernemen, die wol mit vreuden wæren, ‖ wie den daz mac gezemen, daz si müezen waschen ‖ in den vremeden landen. Kûdrûn unde Hildeburc ‖ die wuoschen alle zît ûf einem sande.

Ez was in einer vasten ‖ umb einen mitten tach. ein vogel kam gevlozzen. ‖ Kûdrûn dô sprach ‘owê vogel schœne, ‖ du erbarmest mir sô sêre, daz dû sô vil gevliuzest ‖ ûf diseme vluote’ sprach diu maget hêre.

Dô sprach der engel hêre ‖ ‘dû maht dich wol versehen, maget vil ellende: ‖ dir sol grôz liep geschehen. 10 wilt dû mich vrâgen ‖ von dîner mâge lande, ich bin ein bote der dîne, ‖ wan got ze trôste mich dir here sande.’

Dô sprach diu gotes arme ‖ ‘sît dich Krist hât gesant uns vil ellenden ‖ ze trôste in ditze lant, dû solt mich lâzen hœren, ‖ bote dû vil guoter: lebet noch inder Hilde? ‖ diu was der armen Kûdrûnen muoter.’

Dô sprach der vil hêre ‖ ‘ich wil dir verjehen. Hilden dîne muoter ‖ hân ich gesunt gesehen, dô si ein her grœzer ‖ dir vrumte her ze lande, dan witewe oder künne ‖ durch lieber vriunde willen ie gesande.’

Dô sprach diu maget edele ‖ ‘bote dû vil hêr, lâ dich des niht verdriezen, ‖ ich wil dich vrâgen mêr. 10 lebet noch indert Ortwîn, ‖ der künec von Ortlande, und Herwîc mîn vriedel? ‖ diu mære ich harte gerne bekande.’

Dô sprach der engel hêre ‖ ‘daz tuon ich dir wol kunt. Ortwîn unde Herwîc ‖ die sint wol gesunt. die sach ich in den ünden ‖ ûf des meres muoder. die ellenthaften degene ‖ zugen vil gelîche an einem ruoder.’

Si sprach ‘sô hôrte ich gerne, ‖ hâst dû daz vernomen, sol von Tenemarke ‖ Hôrant here komen mit den sînen helden, ‖ die mich in sorgen liezen? den weiz ich alsô biderben, ‖ deich armiu maget sîn möhte wol geniezen.’

Dir kumt von Tenemarke ‖ Hôrant der neve dîn ûf urliuge starke ‖ er und die recken sîn. er sol daz Hilden zeichen ‖ tragen in sînen handen, sô die Hegelinge ‖ koment zuo den Hartmuotes landen.

Dô sprach aber Kûdrûn ‖ ‘kanst dû mir gesagen, lebet noch Wate von Stürmen? ‖ sô wolte ich niht klagen. 10 des vreuten wir uns alle, ‖ swenne daz geschæhe, daz ich ouch Fruoten ‖ den alten bî mînem zeichen gesæhe.’

Dô sprach aber der engel ‖ ‘dir kumt in ditze lant Wate von den Stürmen. ‖ der hât an sîner hant ein starkez stierruoder ‖ in einem kiel bî Fruoten. bezzer vriunde deheiner ‖ darftû niht bî urliuge muoten.’

Dô muoste von in scheiden ‖ der bote vil hêr. die ellenden vrouwen ‖ vrâgten dô niht mêr. jâ was in mit gedanken ‖ liep unde swære, die in dâ helfen solten, ‖ wâ daz vil werde ingesinde wære.

_Schweigen wir der Degen ‖ und vernehmen nun Wie es denen anstand, ‖ die billig sollten ruhn, Dass sie waschen mussten ‖ in dem fremden Lande: Gudrun und Hildeburg, ‖ die wuschen alle Tage bei dem Strande._

_Es war in den Fasten ‖ und um den mitten Tag, Ein Vogel kam geschwommen: ‖ nun hört wie Gudrun sprach: ‘O weh, schöner Vogel, ‖ du musst mich auch erbarmen, Dass du einher geschwommen ‖ kommst auf diesen Fluten,’ sprach die Arme._ 20

_Da sprach der hehre Engel: ‖ ‘Du magst dich Glücks versehn, Arme Heimatlose, ‖ das soll dir bald geschehn. Willst du mich fragen ‖ von deinem Heimatlande, Ich bin der Deinen Bote; ‖ Gott schickt mich dir zum Trost zu diesem Strande.’_

_Da sprach die Unselige: ‖ ‘Hat Christus dich gesandt Uns armen Heimatlosen ‖ zum Trost in dieses Land, Du sollst mich hören lassen, ‖ Bote, du mein guter, Ist Hilde noch am Leben? ‖ sie war der armen Gudrun Mutter.’_ 20

_Da sprach der hehre Bote: ‖ ‘Das will ich dir sagen: Hilde, deine Mutter ‖ sah ich gesund vor Tagen, Als sie dir ein grösser ‖ Heer zu Hülfe sandte, Als jemals liebem Kinde ‖ eine Mutter oder Nahverwandte.’_

_Da sprach die edle Jungfrau: ‖ ‘Edler Bote hehr, Lass dich es nicht verdriessen, ‖ ich frage dich noch mehr: Ist Ortwein der König ‖ von Ortland noch am Leben? Und Herwig, mein Geliebter? ‖ der Frage hört ich gerne Antwort geben.’_

_Da sprach der hehre Engel: ‖ ‘Das mach ich dir wohl kund: Ortwein und Herwig ‖ sind beide noch gesund. 30 Ich sah sie heute fahren ‖ auf des Meeres Wegen; An Einem Ruder zogen ‖ mit gleicher Kraft die beiden starken Degen.’_

_Sie sprach: ‘So hört’ ich gerne, ‖ sofern es dir bekannt, Soll auch Horand kommen, ‖ der Held von Dänenland? Mit seinen kühnen Helden, ‖ die mich liessen hier in Sorgen: Ich weiss ihn so tapfer, ‖ ich armes Mägdlein wäre wohlgeborgen.’_ 20

_‘Auch Horand dein Neffe ‖ kommt von Dänemark Zu manchem heissen Treffen ‖ mit seinen Recken stark. Er soll in seinen Händen ‖ tragen Hildens Zeichen, Wenn die Hegelingen ‖ kommen zu Hartmuthens Reichen.’_

_Da sprach wieder Gudrun: ‖ ‘Kannst du mir sagen, Lebt Wate noch von Sturmland? ‖ so wollt ich nicht klagen. Des freuten wir uns alle, ‖ wenn das geschähe, Dass ich auch Herrn Frute ‖ den alten bei meinem Banner sähe.’_

_Da sprach der Engel wieder: ‖ ‘Dir kommt in dieses Land Wate von Sturmland: ‖ der hält in seiner Hand 30 Ein starkes Steuerruder ‖ in Einem Kiel mit Fruten: Bessre Freunde darfst du ‖ zum Krieg nicht wünschen in deinem Muthe.’_

_Da musste sie verlassen ‖ der Gottesbote hehr; Die heimatlosen Frauen ‖ fragten da nicht mehr. Doch lag auf ihren Herzen ‖ noch grossen Kummers Schwere, Wo nun ihrer Helfer ‖ werthes Ingesinde wäre._

3.

DER ENTSCHEIDUNGSKAMPF.

Nû nâhent ez dem strîte. ‖ der helt ûz Sturmlant begunde ein horn blâsen, ‖ daz manz über sant 10 wol von sînen kreften ‖ hôrte drîzic mîle. die von Hegelingen ‖ begunden zuo dem Hilden zeichen îlen.

Dô blies er ander stunde. ‖ daz tete er umbe daz, daz iegelîcher recke ‖ in den satel saz und daz si ir schar schikten ‖ dar si wolten kêren. man gevriesch in den strîten ‖ nie alten recken alsô hêren.

Er blies ze dritten stunden ‖ mit einer krefte grôz, daz im der wert erwagete ‖ und im der wâc erdôz. Ludewîges eckesteine ‖ ûz der mûre möhten rîsen. dô hiez er Hôranden ‖ der schœnen Hilden zeichen dannen wîsen. 20

Si vorhten Waten sêre. ‖ dâ wart nieman lût. man hôrte ein ros ergrînen. ‖ daz Herwîges trût stuont obene in der zinne. ‖ statelîche rîten sach man die küenen, ‖ die mit Hartmuoten wolten strîten.

Nû was komen Hartmuot ‖ unde sîne man ze vlîze wol gewâpent ‖ ûz der porten dan. von vremeden und von kunden ‖ durch die venstersteine erglasten in die helme. ‖ jâ was ouch Hartmuot dâ niht eine.

Dô sach man Hartmuoten ‖ rîten vor der schar. ob er ein keiser wære, ‖ sô kunde er nimmer gar 10 vlîziclîcher werben. ‖ ez lûhte gên der sunnen allez sîn gewæte. ‖ im was noch hôhes muotes unzerunnen.

Dô hete Ortwînen ‖ Hartmuot erkorn. swie er sîn niht erkande, ‖ doch houte er mit den sporn sîn ros, daz spranc vil wîte. ‖ er reit ûf Ortwînen. ir sper si neigten bêde: ‖ dâ von man sach liehte brünne erschînen.

Diu ros ûf gesprungen. ‖ dô huop sich michel klanc von der künege swerten. ‖ man mohte in sagen danc, daz si den strît erhuoben ‖ sô rehte ritterlîchen. si wâren beide küene. ‖ si wolten einander niht entwîchen.

Dô sach von Tenen Hôrant ‖ Ortwînen wunt. dô begunde er vrâgen, ‖ wer hæte ungesunt gemachet in dem strîte ‖ sînen lieben herren. Hartmuot der lachte: ‖ jâ wârens von einander vil unverren.

Ortwîn sagete im selbe ‖ ‘daz tete her Hartmuot.’ dô gap daz Hilden zeichen ‖ von im der degen guot, 10 daz er wol kunde bringen ‖ nâch maneger grôzer êre ze schaden sînen vînden. ‖ des dranc er nâch Hartmuoten sêre.

Hartmuot bî im hôrte ‖ ungevüegen schal. er sach daz bluot rîlîchen ‖ vliezen hin ze tal vil manegen ûz den wunden ‖ nider zuo den vüezen. dô sprach der degen küene ‖ ‘den schaden sol ich mînen helden büezen.’

Dô kêrte er sich hin umbe ‖ da er Hôranden sach. von ir beider ellen ‖ balde daz geschach, daz viur von den ringen ‖ in drâte vür die ougen. sich bugen swertes ecke ‖ von ir handen ûf den helmbougen.

Er wunte Hôranden, ‖ als ouch ê geschach dem küenen Ortwînen, ‖ daz im ein rôter bach vlôz ûz sînen ringen ‖ von Hartmuotes handen. er was sô rehte biderbe: ‖ wer solte muoten dô nâch sînen landen?

Lûte ruoft dô Herwîc ‖ ‘ist iemen daz erkant, wer ist jener alte? ‖ der hât mit sîner hant 10 sô vil der tiefen wunden ‖ allez hie gehouwen von sînem starken ellen, ‖ daz ez beweinen müezen schœne vrouwen.’

Daz erhôrte Ludewîc, ‖ der voget ûz Ormanîn. ‘wer ist der in der herte ‖ hât gevrâget mîn? ich bin geheizen Ludewîc ‖ von Ormanîerîche. möhte ich mit den vînden ‖ gestrîten wol, daz tæte ich sicherlîche.’