The German Classics from the Fourth to the Nineteenth Century, Vol. 1 (of 2)
Part 10
Dô wir fûren bî dem mere, dô reit ih ûzer dem here mit drîn dûsint mannen. dô hûbe wir unsih dannen und wolden wundir besehen. dô sâhe wir verre dannen stên einen hêrlîchen walt. daz wunder daz was manicfalt, daz wir dâ vernâmen. dô wir dâ bî quâmen, dô hôrte wir dar inne manige scône stimme, lîren unde harfen clanc und den sûzesten sanc, 10 der von menschen ie wart gedâcht, wêrer allir zesamene brâht, der ne kunde sih dar zô niet gegaten. vil harte wunniclîch der scate under den boumen dâr was. da entsprungen blûmen unde gras und wurze maniger kunne. ih wêne ie walt gewunne alsô manige zîrheit. er was lanc unde breit. 20 der selbe walt der lach, alsih û der von sagen mach, an einer scônen ouwen. dâr môste wir scowen manigen edelen brunnen, der ûz den walde quam gerunnen lûtir unde vil kalt. ih und mîne helede balt heten dâ wundiris gemach, daz uns ze liebe dâ gescah. daz ne wil ih sô niwit verdagen, ih ne wil iz iu flîzlîche sagen. Der edele walt frône was wunderlîchen scône. des nâme wir allis goume. hô wâren di boume, di zelgen dicke unde breit. nâh der rehten wârheit, 10 daz was ein michil wunne. dâ ne mohte di sunne an di erde niht geschîne. ih unde di mîne, wir liezen unse ros stân und giengen in den walt sân durh den wunniclîchen sanc. di wîle dûhte uns harte lanc, biz wir dare quâmen, dâr wir vernâmen, 20 waz wunderis dâ mohte sîn. vil manich scône magetîn wir al dâ funden, di dâ in den stunden spilten ûf den grûnen clê. hundirt tûsint unde mê di spileten unde sprungen; hei wî scône si sungen, daz beide cleine unde grôz durh den sûzlîchen dôz, den wir hôrten in den walt, ih und mîne helede balt, vergâzen unse herzeleit und der grôzen arbeit und alliz daz ungemah und swaz uns leides ie gescach. uns allen dô bedûhte, alsiz wol mohte, 10 daz wir genûc habeten di wîle daz wir lebeten, frowede unde rîcheit. da vergaz ih angist unde leit unde mîn gesinde, unde swaz uns von kinde ie leides gescach biz an den selben tach. mir dûhte an der stunt, ih ne wurde niemer ungesunt, 20 ob ih dâr imer mûste wesen, sô wâre ih garwe genesen von aller angistlîcher nôt und ne forhte niwit den tôt. Woldir nû rehte verstân, wî iz umbe di frowen quam, wannen si bequâmen oder wilich ende si nâmen, des mach û wol besunder nemen michil wunder. swanne der winter abe ginc und der sumer ane ginc und iz begunde grûnen und di edelen blûmen in den walt begunden ûf gân, dô wâren si vil wol getân. 10 lieht was ir glîze, ir rôte unde ir wîze vil verre von in schein. blûmen ne wart nie nehein, di scôner wesen mohte. si wâren, alsuns bedûhte, rehte sinewel als ein bal und vaste beslozzen ubir al; si wâren wunderlîchen grôz. alse sih di blûme obene entslôz, 20 daz merket an uheren sinne, sô wâren dar inne megede rehte vollencomen. ih sagû, alsichz hân vernomen. si giengen unde lebeten, menschen sin si habeten unde redeten unde bâten rehte alse si hâten aldir umbe zwelif jâr. si wâren gescaffen, daz is wâr, scône an ir lîbe. ih ne sach nie von wîbe scôner antluzze mê, noh ougen alsô wol stê. ir hande unde ir arme wâren blanc alseinen harme unde fuoze unde bein. undir in ne was nehein, 10 si ne phlêge scôner hubischeit. si wâren mit zuhten wol gemeit unde lacheten unde wâren frô unde sungen alsô, daz ê noh sint nehein man sô sûze stimme ne vernam. Mugint irs getrûwen, sô solden dise frowen alliz an den scate wesen, sîne mohten andirs nit genesen. 20 swilhe di sunne beschein, der ne bleib ze lîbe nie nehein. daz wunder daz was manicfalt. dô wart irschellet der walt von der sûzer stimme, di dâ sungen inne, di fugele unde di magetîn; wî mohtiz wunniclîcher sîn frô unde spâte. al ir lîbis gewête was ane si gewassen ane hûte und ane vasse. in was getân di varwe nâh den blûmen garwe rôt unde ouh wîz sô der snê. dô wir si zuns sâgen gê, zô zin spilete uns der lîb. sus lussame wîb sint der werlt unkunt. 10 * * owê daz wir sô schiere verlorn daz michele gemach! diz wunder ih alliz sah selbe mit mînen ougen. des mugent ir gelouben. diz werte, alsih û sage, drî mânede unde zwelif tage, daz ih und mîne helede balt wâren in dem grûnen walt und bî der scônen owen 20 mit den lieben frowen und wunne mit in habeten unde mit froweden lebeten. vil jâmerlîche uns dô gescach, daz ih verclagen nit ne mach. dô di zît vollenginc, unse frowede di zeginc: di blûmen gare verturben und die scônen frowen sturben. di boume ir loub liezen und di brunnen ir fliezen unde di fugele ir singen. dô begunde dwingen unfrowede mîn herze 10 mit manicfalder smerze. freislîch was mîn ungemah, daz ih alle tage sah an den scônen frowen. owê wî si mih rûwen, dô ih si sah sterben und di blûmen verterben, dô schiet ih trûrich dannen mit allen mînen mannen.
_Als wir hinzogen an dem Meere, Da ritt ich ausser meinem Heere Mit dreien tausend Mannen. Darauf huben wir uns von dannen Und gedachten Wunder zu sehen; Da sahn wir fern von dannen stehen Einen grossen, prächtigen Wald. Das Wunder das war mannigfalt, Das wir da vernahmen. Als hinzu wir kamen, Da höreten wir wohl in ihm Manche wunderschöne Stimm’, Leier und Harfenklang Und den süssesten Gesang, 10 Der je von Menschen ward erdacht, Wär er all zusammengebracht, Der könnte sich mit dem nicht gatten. Gar dicht und wonniglich der Schatten Unter diesen Bäumen was. Da entsprossen Blumen und Gras Und würz’ge Kräuter mancherhand. Noch nie in einem Walde fand Man also viele Zier bereit; Lang war dieser und auch breit. 20 Dieser selbe Wald der lag, Wie ich es euch wohl sagen mag, In einer schönen Auen. Da sollten wir auch schauen Manchen edlen Bronnen, Der aus dem Wald kam geronnen Kühlig und erquickend klar. Ich und meine kühne Schar Sahen Wundergleiches da, Das uns zu Liebe da geschah. Das will ich jetzt auch nicht verschweigen, Mit Fleisse will ich es euch zeigen. Der herrliche, der edle Wald War wunderbarlich schön gestalt’. Wir konnten’s all’ genau gewahren. Stattlich hoch die Bäume waren, Die Zweige waren breit und dicht, Nur Wahrheit gibt euch mein Bericht. 10 Das war eine grosse Wonne. Da konnte nicht die Sonne Hindurch bis zu der Erde scheinen. Ich und die Meinen Wir liessen unsre Rosse stehn, Um alsbald in den Wald zu gehn Nach dem wonniglichen Sang. Gar lang und weit der Weg sich wand, Bis wir dorthin kamen, Wo wir nun vernahmen, 20 Was Wunder darin mochte sein. Gar viele schöne Mägdelein Wir in dem Walde funden, Die spielten in diesen Stunden Auf dem grünen Klee umher, Hunderttausend und noch mehr; Die spieleten und sprangen, Hei, wie schön sie sangen, Dass wir alle, Kleine und Grosse, Durch das liebliche Getose, Das aus dem Walde zu uns scholl, Ich und meine Helden wohl, Vergassen unser Herzeleid Und all die Mühe in dem Streit. Wir fühlten alle Noth vergehn Und was uns Leides je geschehn. Da schien es allen uns fürwahr, Was auch gar kein Wunder war, 10 Dass zur Genüge sei gegeben Uns für die Weile, die wir leben, Freude und des Reichthums Glanz. Angst und Leid vergass ich ganz, Ich und all die Meinen, Und was von Kindesbeinen Bis an denselben Tag fürwahr Uns Leides je geschehen war; Mir deuchte wohl zu dieser Stund’, Ich würde nimmer ungesund; 20 Wär’ ich dort immerdar gewesen, Ich wäre ganz und gar genesen Von aller Angst und aller Noth Und hätte nicht gescheut den Tod. Wollt ihr nun rechte Einsicht han, Wie’s mit den Frauen war gethan, Von wannen diese kamen, Oder welches Ende sie nahmen, Von Allem mag euch das fürwahr Erscheinen höchlich wunderbar. Sobald der Winter gieng von dann, Und die Sommerszeit begann, Und es grün ward überall, Und die edlen Blumen ohne Zahl Im Wald begannen aufzugehn, Da waren die gar schön zu sehn. 10 Von Lichte strahleten sie ganz, In rothem und in weissem Glanz Schimmerten gar ferne sie. Solche Blumen waren nie, Welche schöner mochten blühn. Sie waren, wie es uns erschien, Völlig rund als wie ein Ball Und fest verschlossen überall; Sie waren wunderbarlich gross. Und wenn die Blume sich oben erschloss, 20 Das merket wohl in euerem Sinne, So fanden sich darinne Mägdlein ganz und gar vollkommen. Ich sag’s euch, wie ich’s hab’ vernommen. Sie wandelten lebendig Und sprachen so verständig Und fühlten Menschenlust und Sinn; Sie hatten völlig, wie es schien, Ein Alter um das zwölfte Jahr. Sie waren herrlich, das ist wahr, Geschaffen an ihrem Leibe. Ich hab’ an keinem Weibe Ein schöner Antlitz je gesehn Noch Augen also herrlich stehn; Händ’ und Arme waren hell Wie eines Hermelines Fell, So auch die Füsse und die Beine; Es war von ihnen keine, 10 Die nicht der Schönheit Reiz besass. Auch trieben sie in Züchten Spass Und lachten viel und waren froh, Und ihr Gesang entzückte so, Dass nie vordem und seit der Frist So süsse Stimm’ erschollen ist. Doch musste diesen Frauen,-- Darauf dürft ihr vertrauen-- Lebenslust der Schatten geben; Sie konnten ohne den nicht leben. 20 Traf sie die Sonne mit ihrem Scheine, So blieb am Leben ihrer keine. Das Wunder das war mannigfalt. Da erscholl ringsum der Wald Von dem süssen Klingen Derer, die darinne singen, Die Vögel und die Mägdelein; Wie konnt’ es wonniglicher sein, Früh und spät zu jeder Zeit. Ihres Leibes ganzes Kleid Fest an sie gewachsen war An die Haut und an das Haar. An Farbe waren sie genau So wie die Blumen auf der Au Roth und weiss wie Schnee gethan. Da wir sie zu uns gehen sahn, Da drängte ihnen der Leib entgegen, Denn Fraun, die solche Lust erregen, Sind noch der Welt nicht worden kund._ 10 * * _O weh, dass wir so schnell verloren Das wonnige Behagen! Dies Wunder, kann ich sagen, Durft ich mit meinen Augen schaun: Ihr möget meinen Worten traun. Dies währte, wie ich euch jetzt sage, Drei Monate und noch zwölf Tage, Dass ich mit meiner Heldenschar In dem grünen Walde war Und bei den schönen Auen 20 Mit den lieben Frauen, Und wir in Lust mit ihnen lebten Und in Wonn’ und Freude schwebten. Doch grosses Leid geschah uns dann, Das nie genug ich klagen kann. Da die Zeit zu Ende gieng, Unsre Freude auch zergieng: Die Blumen ganz und gar verdarben Und die schönen Frauen starben. Ihr Laub die Bäume liessen Und die Brunnen ihr Fliessen Und die Vögelein ihr Singen. Da begunnte auch zu zwingen Ungemach und Gram mein Herze 10 Mit mannigfaltigem Schmerze. Schrecklich war der Jammer da, Den ich alle Tage sah An den schönen Frauen. O weh, dass ich musste schauen, Wie sie alle starben, Und die Blumen verdarben: Da schied in Trauer ich von dannen Mit allen meinen Mannen._
_DAS ROLANDSLIED._
[_Scherer D._ 91, _E._ 82.]
Das Rolandslied, oder der Zug Kaiser Karls gegen die spanischen Sarazenen, wurde von dem Pfaffen Konrad nach einem französischen Vorbild gedichtet. Er schrieb es an dem Hofe des Welfen Heinrichs des Stolzen um 1130. Herausgegeben von W. Grimm (Göttingen, 1838); und von Bartsch (Leipzig, 1874).
1.
GENELUNS BOTSCHAFT.
Ûf spranc der helt Ruolant; 20 er sprach ‘gevellet iz den fursten allen samt, und wil iz mîn herre gestaten, so ist Genelûn, mîn stiefvater, der aller tûristen boten einer, den ich in deme rîche chan gezeigen; er ist wîse und chuone, redehaht genuoge; er ist ein helt lussam wâ vunde man nu deheinin man, der deme rîche baz gezæme? er ist ein furste alsô mære, 10 man en scol ins niht erlâzen.’ die fursten, alsô si sâzen, vestenden alle under in, iz ne möchte nieman sô wole sîn; er gezême wole dem rômischeme vogete, sware er in senden wolte. Genelûn erbleichte harte; hinze Ruolante er warte. er sprach: ‘nu hât mich der herre Ruolant ûz disme rîche versant, 20 daz ich unter den heiden irsterbe und ime daz erbe werde. ach unde wê geschehe dir! waz wîzest du mir? mit bôsen geisten bist du gemuot. nu ist iz aller êrist her ûz erbluot, daz du mir ie riete an den lîb. dîn muoter ist mîn wîb: mîn sun Baldewîn scholde dîn bruoder sîn. vergezzen hâst du der trûwen; iz scol dich vil sêre gerûwen, scol ich mînen lîp hân, des du nu zuo mir hâst getân. iz wirt dir vile swære. du gehœrest nûwe mære. 10 des gât mich ane michil nôt; in deme ellende lige ich ungerne tôt.’ Karl der rîche der manete in gezogenlîche: ‘Genelûn, geswige mîn, lâ dise unrede sîn. du bist ein wîse herre; nune zurne nicht sô sêre. genc here nâher, mîne botscaph zenphâhen. vare vrôlîchen hinnen; 20 handele iz mit sinnen. erwirvest du deme rîche dehein êre, al dîn chunne vrowit sich iemir mêre.’ Genelûn werte sich gnuoch; der keiser bôt ime ie den hantscuoch. er tete die wulvîne blicke; er rief vile dicke: ‘dize hâst du, Ruolant, getân! uble muoz iz ime ergân unde sînen zwelf gesellen! nû habent si allen ir willen.’
_Auf sprang der Held Roland, 20 er sprach: ‘gefällt es den Fürsten gesammt, und will es mein Herr gestatten, so ist Genelun, mein Stiefvater, der allerbesten Boten einer, den ich in dem Reiche kann zeigen; er ist weise und kühn, beredt genug; er ist ein lustsamer (schöner) Held. Wo fände man nun irgendeinen Mann, der dem Reiche besser ziemte? er ist ein Fürst so preiswürdig, 10 man soll ihn dessen nicht erlassen.’ Die Fürsten, wie sie sassen, bestätigten (es) alle unter einander, es möchte niemand so passend sein; er ziemete wohl dem römischen Vogte (Kaiser), wohin er ihn auch senden wollte. Genelun erbleichte sehr; hin zu Roland er schaute. Er sprach: ‘Nun hat mich der Herr Roland aus diesem Reiche versandt, 20 dass ich unter den Heiden sterbe und ihm das Erbe werde. Ach und Weh geschehe dir! Was rächest du an mir? Mit bösen Geistern bist du beseelt. Jetzt ist es endlich heraus erblüht, dass du mir immer nach dem Leben standest. Deine Mutter ist mein Weib; mein Sohn Baldewin sollte dein Bruder sein. Vergessen hast du der Treue; es soll dich gar sehr gereuen, soll ich mein Leben behalten, was du nun an mir hast gethan. Es wird dir sehr schlimm. Du hörst neue Märe. Dazu zwingt mich grosse Noth; 10 in der Fremde liege ich ungerne todt.’ Karl der gewaltige, der mahnte ihn würdevoll: ‘Genelun, mein Schwager, lass die schlimme Rede sein. Du bist ein weiser Herr; nun zürne nicht so sehr. Komm her näher, meine Botschaft zu empfahen, fahre fröhlich von hinnen; 20 behandle es mit Verstand. Erwirbst du dem Reiche eine Ehre, all dein Geschlecht freut sich immer mehr.’ Genelun wehrte sich genug; der Kaiser bot ihm den Handschuh. Er that die wölfischen Blicke; er rief sehr oft: ‘Dies hast du, Roland, gethan! übel soll es ihm ergehn unde seinen zwölf Gesellen! nun haben sie ihren Willen ganz erreicht.’_ 30
HÜPPE.
2.
ROLANDS ENDE.
Ruolant chêrte gegen Yspanie verre von den erslagenen; er gesaz zuo ainem boume, dâ beit er vil chûme. In ainer sîner hant truog er daz horn Olivant, in der anderen Durndarten. Ain haiden im gewarte: mit bluote er sich allen bestraich, vil tougenlîchen er im nâch slaich. 10 Dô gedâchte der haiden: ‘Unter disen vir stainen dâ erstirbet Ruolant; Durndarten nim ich ze mîner hant unt Olivantem; sô sage ich in dem lante, daz wir gesiget haben unt ich habe Ruolanten erslagen. Des frout sich imer mêre elliu arâbiskiu erde.’ 20 Ruolant was von den sînen chomen, sô man geschiezen maht ainen bogen, unter den marmilstainen; dô wânte der haiden, daz er tôt wâre. Dô enthîlt sich der helt mâre, unz im der haiden sô nâhen chom; ûf zucht er daz horn, uber den helm er in sluoc, daz im daz verhbluot ûz sînen ougen spranc. Er sprach: ‘Daz du habis undanc, daz du mir ie sô nâhen torstest chomen. Olivant ist zechloben!’ Er rezurnte vil harte, 10 sus redeter ze Durndarte: ‘Nu ich dîn nicht scol tragen, dune wirst niemir mennisken ze scaden.’ daz swert er ûf huop, in den stain er iz sluoc; iz ne tet sîn nehain war. Er sluoc iz aver dar mit paiden sînen hanten; daz swert er umbe wante, er versuocht iz zehen stunt. 20 Er sprach: ‘Lâgestu in des meres grunt, daz du dehainem christen man niemir mêre wurdest ze ban! scol dich dehain haiden tragen, daz wil ich imer gote chlagen!’ Mit grimme er aver sluoc. dô daz swert vor im gestuont âne mâl unt âne scarte, dô redet er ave ze Durndarte: ‘ich bechenne wol dînen site, daz du nicht des vermite, swâ ich dich hin gebôt, den was geraite der tôt di wîle ich tochte.’
_Roland kehrte gegen Spanien fern von den Erschlagenen; er setzte sich an einem Baume nieder, da konnte er kaum den Tod erwarten. In seiner einen Hand trug er das Horn Olivant, in der andern Durndart. Ein Heide beobachtete ihn: mit Blut bestrich er sich über und über, ganz heimlich schlich er ihm nach. 10 Da dachte der Heide: ‘Unter diesen vier Steinen da erstirbt Roland; Durndart nehme ich dann an mich und Olivant; und verkünde in dem Lande, dass wir gesiegt haben, und ich Roland erschlug. Darüber freut sich immerdar die ganze arabische Welt.’ 20 Roland war von den Seinen abgekommen so weit man mit einem Bogen schiessen kann, unter den Marmorsteinen; da wähnte der Heide dass er tod wäre. Da rührte sich der ruhmreiche Held nicht, bis ihm der Heide ganz nahe kam; empor zückte er das Horn, über den Helm schlug er ihn, dass ihm das Lebensblut aus den Augen sprang. Er sprach: ‘Verwünscht sollst du sein, dass du mir je so nahe zu kommen wagtest. Olivant ist zerschlagen!’ Er erzürnte sehr heftig, 10 so redete er Durndart an: ‘Da ich dich nun nicht länger führen soll, so wirst du nimmer mehr Menschen zu Schaden!’ Das Schwert hob er empor, auf den Stein schlug er es; es that nicht dergleichen. Er schlug es wiederum darauf mit beiden Händen; das Schwert drehte er um, er versuchte es zehn mal. 20 Er sprach: ‘Liegest du an dem Meeresgrunde, dass du keinem Christen jemals mehr den Tod brächtest! Soll ein Heide dich führen, das will ich ewig Gott klagen!’ Grimmig schlug er noch einmal. als das Schwert vor ihm Stand hielt ohne Mal und ohne Scharte, da redete er wiederum zu Durndart: ‘Ich kenne wohl deine Art, dass du nichts unterliessest, gegen wen ich dich auch führte, denen war der Tod bereitet so lange ich bei Kräften war.’_
_KONIG ROTHER._
[_Scherer D._ 93, _E._ 85.]
Von einem Spielmann um die Mitte des zwölften Jahrhunderts in Baiern verfasst. Das Gedicht beruht auf sagenhafter Grundlage und ist die Umgestaltung eines älteren Gedichts. Herausgegeben von Rückert (Leipzig 1872), v. Bahder (Halle 1884).
BEFREIUNG DER SÖHNE BERCHTERS.