Part 3
Da wird auch das alte verzauberte Holz Da drinnen lebendig; Wie sonst im Walde will es stolz Die Kronen schütteln unbändig, Mit den Ästen greifen hinaus in die Nacht, Mit dem Sturm sich schaukeln in brausender Jagd, Mit den Blättern in Übermut rauschen, Beim Tanz im Flug Durch Wolkenzug Mit dem Mondlicht silberne Blicke tauschen. Da müht sich der Lehnstuhl, die Arme zu recken, Den Rokokofuß will das Kanapee strecken, In der Kommode die Schubfächer drängen Und wollen die rostigen Schlösser sprengen; Der Eichschrank unter dem kleinen Troß Steht da, ein finsterer Koloß. Traumhaft regt er die Klauen an, Ihm zuckt’s in der verlornen Krone; Doch bricht er nicht den schweren Bann. Und draußen pfeift ihm der Wind zum Hohne, Und fährt an die Läden und rüttelt mit Macht, Bläst durch die Ritzen, grunzt und lacht, Schmeißt die Fledermäuse, die kleinen Gespenster, Klitschend gegen die rasselnden Fenster. Die glupen dumm neugierig hinein – Da drinn steht voll der Mondenschein. Aber droben im Haus Im behaglichen Zimmer Beim Sturmgebraus Saßen und schwatzten die Alten noch immer, Nicht hörend, wie drunten die Saaltür sprang, Wie ein Klang war erwacht Aus der einsamen Nacht, Der schollernd drang Über Trepp’ und Gang, Daß dran in der Kammer die Kinder mit Schrecken Auffuhren und schlüpften unter die Decken.
Theodor Storm
Was bei den Sternen war
Selbst der Naturforscher gibt es diesmal zu, was der Poet behauptet, daß nämlich im Waldlande die Sterne heller leuchten als sonstwo. Das macht die reine feuchte Luft, sagt der eine; der andere hingegen meint, der kindliche Glaube der Einschichtbewohner sei Ursache, daß der Sternenhimmel so hell und hold niederfunkle auf den weiten, stillen Wald.
Hat doch mein Vater zu mir gesagt, als wir noch beisammen auf dem Holzbänklein unter der Tanne gesessen:
»Du bist mein liebes Kind. Und jetzt schau zum Himmel hinauf, die Augen Gottes blicken auf uns herab.«
Ei freilich, ich konnte mir’s wohl denken, einer, der auf des Menschen Haupt die Haare zählt, muß hunderttausend Augen haben. Nun war es aber schön zu sehen, wie mir der liebe Gott mit seinen Augen zublinzelte, als wollte er mir was zu verstehen geben; – ja, und ich konnte es doch um alles nicht erraten, was er meinte. – Ich nahm mir wohl vor, recht brav und folgsam zu sein, besonders bei Nacht, wenn Gott da oben seine hunderttausend Augen auftut und die guten Kinder zählt und die bösen sucht und recht scharf anschaut, auf daß er sie kennt am Jüngsten Tage ...
Ein andermal saß ich auf demselben Holzbänkchen unter der Tanne, an Seite meiner Mutter. Es war bereits späte Abendstunde, und die Mutter sagte zu mir:
»Du bist ein kleiner Mensch, und die kleinen Leute müssen jetzt schon ins Bett gehen, schau, es ist ja die finstere Nacht, und die Engel zünden schon die Lichter an, oben in unseres Herrgotts Haus.«
Mit solchen Worten ein Kind zur Ruhe bringen? Das war übel geplant.
»In unseres Herrgotts Haus die Lichter?« fragte ich, sofort durchaus für den Gegenstand eingenommen.
»Freilich,« entgegnete die Mutter, »jetzt gehen alle Heiligen von der Kirche heim, und im Hause ist eine große Tafel, und da setzen sie sich zusammen und essen und trinken was, und die Englein fliegen geschwind herum und zünden alle Lichter an und den großen Kronleuchter auch, der mitten hängt, und nachher laufen sie zu den Pfeifen und Geigen und machen Musik.«
»Musik?« entgegnete ich, in die Anschauung des Bildes versunken. »Und der Wollzupfer-Michel, ist der auch dabei?«
Der Wollzupfer-Michel war ein alter, blinder Mann gewesen, der bei uns Waldbauern das Gnadenbrot genossen und dafür zuweilen Schafwolle gezupft und gekraut hatte. Wenige Wochen vor diesem Abendgespräche war er gestorben.
»Ja du,« versetzte die Mutter auf meine Frage, »der Wollzupfer-Michel, der sitzt ganz vorn bei unserem lieben Herrgott selber, und er ist hoch in Ehren gehalten von allen Heiligen, weil er auf der Welt so arm gewesen ist und so verachtet und im Elend hat leben müssen, und weil er doch alles so geduldig ertragen hat.«
»Wer gibt ihm denn beim Essen auf den Teller hinaus?« war meine weitere Frage.
»Nu wer denn?« meinte die Mutter, »das wird schon sein heiliger Schutzengel tun.« Sogleich aber setzte sie bei: »Du Närrisch, der Michel braucht jetzt gar keine Behelfer mehr, im Himmel ist er ja nimmer blind; im Himmel sieht er seinen Vater und seine Mutter, die er auf der Welt niemalen hat gesehen. Und er sieht den lieben Herrgott selber und unsere liebe Frauen und alle, und zu uns sieht er auch herab. Ja freilich, mit dem Michel hat’s gar eine glückselige Wendung genommen, und hell singen und tanzen wird er bei der himmlischen Musik, weil der heilige David Harfen spielen tut.«
»Tanzen?« wiederholte ich und suchte mit meinen Augen das Firmament ab.
»Und jetzt, Bübel, geh schlafen!« mahnte die Mutter. Wohl machte ich die Einwendung, daß sie im Himmel erst die Lichter angezündet hätten und also gewißlich auch noch nicht schlafen gingen; aber die Mutter versetzte mit entschiedenem Tone, im Himmel könnten sie machen, was sie wollten, und wenn ich fein brav wäre und einmal in den Himmel käme, so könnte ich auch machen, was ich wollte.
Ging zu Bette und hörte in selbiger Nacht die lieben Englein singen. –
Wieder ein andermal saß ich mit der Ahne auf der hölzernen Bank unter den Tannen.
»Guck, mein Bübel,« sagte sie, gegen das funkelnde Firmament weisend, »dort über das Hausdach hin, das ist dein Stern.« Ein helles, flimmerndes Sternchen stand oft und auch heute wieder über dem Giebel des Hauses; aber daß selbes mein Eigentum wäre, hörte ich nun von der Ahne das erstemal.
»Freilich,« belehrte sie weiter, »jeder Mensch hat am Himmel seinen Stern, das ist sein Glücksstern oder sein Unglücksstern. Und wenn ein Mensch stirbt, so fällt sein Stern vom Himmel.«
Todeserschrocken war ich, als gerade in diesem Augenblicke vor unseren Augen eine Sternschnuppe sank.
»Wer ist jetzt gestorben?« fragte ich, während ich sogleich schaute, ob mein Sternchen wohl noch über dem Dachgiebel stehe.
»Kind,« sagte die alte Ahne, »die Welt ist weit, und hätten wir nur Ohren dazu, wir täten Tag und Nacht nichts hören als Totenglockenklingen.«
Focht mich dieweilen nicht an.
»Ahndl,« fragte ich; denn Kinder, die in ihrem Haupte so viel Raum für Vorstellungen und Eindrücke haben, sind unermüdlich im Fragen. »Ahndl, wo hast denn du deinen Stern?«
»Mein Kind,« antwortete sie, »der ist schon völlig im Auslöschen, den sieht man nimmer.«
»Und ist das ein Glücksstern gewesen?«
Da schloß sie mich an ihre Brust und hauchte: »Wird wohl so sein, du herzlieber Enkel, wird wohl so sein!«
Ein alter Schuhmacher kam zuweilen in unser Haus, der redete wie ein Heide. Wir Menschen, meinte der alte Schuhmacher, kämen nach dem Tode weder in den Himmel, noch in die Hölle, sondern auf einen Stern, wo wir so wie auf dieser Welt wiedergeboren würden und je nach Umständen weiterlebten.
Das Närrischste aber sagte schon der Schulmeistersohn aus Grabenbach, der als Student einmal zu uns kam. Der schwätzte von Bären und Hunden und Wasserschlangen, die da oben am Himmel herumliefen, und ein Widder und ein Walfisch sei auch dabei; und gar eine Jungfrau wollte er durch seine Augengläser gesehen haben. Dieser Schulmeistersohn war schuld daran, daß mich mein Vater nicht studieren lassen wollte.
»Wenn sie solche Narrheiten lernen in der Stadt,« sagte mein Vater, »daß sie auf unseres Herrgotts goldnem Firmament lauter wilde Tiere sehen, nachher hab ich genug. Mein Bub, der bleibt daheim.«
* * * * *
Eine junge Magd hatten wir im Hause; die war gescheit, die hat einmal was gesagt, was mir heute das Herz noch warm macht. Sie hatte es sicherlich von ihrem alten Ziehvater, der so ein Waldgrübler gewesen war. Der Mann hat etwas Wundersames in seinem Kopfe gehabt; er wäre gern Priester geworden; aber blutarm, wie er war, sind ihm alle Wege dazu verlegt gewesen. Da wurde er Kohlenbrenner. Ich habe den Alten oft heimlich belauscht, wenn er auf seinem Kohlenmeiler stand und Messe las oder wenn er den Vögeln des Waldes vorbetete, wie voreinst der heilige Franziskus in der Wüste. Von diesem Manne mag unsere junge Magd das seltsame Wort gehört haben.
»Der Sternenhimmel da oben,« sagte sie einmal, »das ist ein großmächtiger Liebesbrief mit goldenen und silbernen Buchstaben. Fürs erste hat ihn der liebe Herrgott den Menschen geschrieben, daß sie doch nicht ganz auf ihn vergessen sollten. Fürs zweite schreiben ihn die Menschen für einander. Das ist so: wenn zwei Leut, die sich rechtschaffen liebhaben, weit auseinander müssen, so merken sie sich vorher einen hellen Stern, den sie beide von aller Fremde aus sehen können und auf dem ihre Augen zusammenkommen. – Dasselbig funkelnde Ding dort,« setzte die Magd leise und ein wenig zögernd bei, indem sie auf ein glühend Sternlein deutete, das hoch über dem Waldlande lag, »dasselbe Ding, das schaut zu dieser jetzigen Stund auch der Hans an, der weit drin in Welschland ist bei den Soldaten. Ich weiß wohl, er wird nicht darauf vergessen, es glänzt wie der kein Stern so hell am ganzen Firmament.«
* * * * *
Eines Tages mußte ich am Waldrande spät abends noch die Rinder weiden, die tagsüber im Joche gegangen waren. Sonst war in solchen Stunden lieb Ahne bei mir, aber die war nun schon seit länger unwohl und mußte zu Hause bleiben. Jedoch hatte sie mir versprochen, oftmals vor das Haus herauszutreten und den Hühnerpfiff zu tun, damit mir in der einschichtigen stillen Nacht nicht zu grauen beginne.
Ich stand zagend neben meinen zwei Rindern, die auf der taunassen Wiese eifrig grasten, aber ich hörte heute keinen jener lustigen Pfiffe, welche meine Ahne mittelst zweier Finger, die sie in den Mund legte, so vortrefflich zu machen verstand, gewöhnlich zu dem Zwecke, um die Hühner damit zusammenzulocken.
Das Haus lag still und traurig oben auf dem Berge. Von der tiefen Schlucht herauf hörte ich das Rieseln des Wässerleins, das ich sonst hier noch nie vernommen hatte. Hingegen schwiegen heute die Grillen ganz und gar. Ein Uhu krähte im Walde und erschreckte mich dermaßen, daß ich die Hörner des Rindes erhaschte und dieselben gar nicht mehr loslassen wollte.
Der Sternenhimmel hatte heute einen so heiligen Ernst; mir war, als hörte ich durch die große Stille das Saitenspiel des heiligen Sängers David klingen. – Siehe, da löste sich plötzlich ein Stern und fiel in einem scharfen Silberfaden, der gerade über unser Haus niederging, vom Himmel herab. – –
Mir zuckte es heiß durchs Herz, mir blieb der Atem stehen. »Jetzt ist die Ahne gestorben!« sagte ich endlich laut, »das ist ihr Stern gewesen.« Ich hub an zu schluchzen. Da hörte ich vom Hause her bereits des Vaters Stimme, ich sollte eilends heimzutreiben.
Bald jagte ich in den Hof ein. Das Haus war in allen Fenstern beleuchtet; ein Geräusch und Gepolter war, und Leute eilten hin und her nach allen Ecken und Winkeln.
»Geschwind, Peterle, geh her!« rief es mir von der Tür aus zu, und das war die Stimme der Ahne. Ich lief in das Haus – was hab ich gehört? Klein Kindesgeschrei.
»Ein Brüderlein hast kriegt,« rief die Ahne, »das hat ein Engel vom Himmel gebracht!«
So war es. Mutter lag schon im Bette, und sie hielt das winzige Büblein an der Brust.
Ein Engel vom Himmel! Ja, ich habe ihn fliegen gesehen. »Ahndl,« sagte ich, »es ist nicht wahr, daß Sterne fallen, lauter Engel sind es, die mit kleinen Kindlein niederfliegen vom Himmel!«
Ich verharre bei diesem Glauben noch heute, da ich vor einer Wiege stehe, in die mir selbst ein liebes himmlisches Wunder gegeben ist.
Peter Rosegger
Um Mitternacht
Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand, Ihr Auge sieht die goldne Wage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn; Und kecker rauschen die Quellen hervor; Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied, Sie achtet’s nicht, sie ist es müd; Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, Der flücht’gen Stunden gleichgeschwungnes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.
Eduard Mörike
Sternentrost
Es gäb noch mehr der Zähren In dieser trüben Welt, Wenn nicht die Sterne wären Dort an dem Himmelszelt; Wenn sie nicht niederschauten In jeder klaren Nacht Und uns dabei vertrauten, Daß Einer droben wacht.
Martin Greif
Der Sternseher
Die Jahre gehn vorüber, Auch ich geh bald zur Ruh, Da schau ich immer lieber Dem Lauf der Sterne zu.
Ich kann mich oft noch freuen Recht wie ein großes Kind, Wenn abends die Getreuen Auf ihren Wegen sind.
Mich dünkt, sie stehn so stille, Sie schaun und ruhn zumeist, Da doch ein ew’ger Wille Sie zur Vollendung reißt.
So staun ich wohl in Fernen Und sinn und blick empor. Da spricht mir aus den Sternen Mein Herz ein Gleichnis vor:
Du füllst den Tag mit Hasten, Und bleibt doch leeres Spiel. Hier glaubst du still zu rasten Und näherst dich dem Ziel.
Carl Busse
In Harmesnächten
Die Rechte streckt’ ich schmerzlich oft In Harmesnächten Und fühlt’ gedrückt sie unverhofft Von einer Rechten – Was Gott ist, wird in Ewigkeit Kein Mensch ergründen; Doch will er treu sich allezeit Mit uns verbünden.
C. F. Meyer
Ansage
Ein Käuzlein rief vergangne Nacht Vom Berg ins Dorf hinein: »Komm mit!« Lang horcht ich hin, als ich erwacht, Und immer rief es noch: »Komm mit!«
Wie dann vom Turm die Zwölfe schlug, Ins Läuten kam die Glock’: »Komm mit!« Als käm’s zum letzten Atemzug Von einem bald, so rief’s: »Komm mit!«
Martin Greif
Mondspuk
Der Vollmond leuchtet hoch am bläulichen Himmel; sein Glanz hat das letzte, weiße Wölkchen verzehrt; sogar die Sterne sind in seiner Lichtflut ertrunken, und nur die großen Himmelsbilder glänzen noch neben ihm. Von unten herauf funkelt die Wintererde festlich im Schnee; Berge recken dort ihre Silberköpfe empor, und mitten in den Bergen drin, am Fuß eines Hügels, liegt das Dorf lautlos im Mondschein.
Leer und hell sind alle Gassen des Dorfs. Riesig ragt die Kirche aus den niedrigen Häuschen hervor, ein mächtiges, steinernes Ungetüm; wie ein hoher Zaubererhut glitzert der spitze Kirchturm darüber. Zwei Lukenaugen schauen finster aufgerissen unter dem Hut. Auf einmal fängts an, im Innern des steinernen Tiers zu rumoren; es rasselt, es stöhnt, es zieht schwerfällig Atem: ’s will Mitternacht schlagen. Aber seltsam: es stöhnt und rasselt, es wird wieder still, und kein Glockenschlag hat geschallt. Statt dessen in den dunklen Lukenaugen droben glüht’s auf, und eine schnarrende Stimme schreit hinaus ins Land:
»Eins, zwei, drei ... zwölf!«
Da tut’s einen Rumpler unten im Dorf. Das ist im Haus vom Wegmacher-Jackl gewesen. Der selber ist aus dem Bett hart auf die Füße gefahren und wandelt quer durch die Stube. Aber ganz abwesend schaut er drein. Er geht ans Fenster; ’s ist dicht mit Efeu zugewachsen; und sitzt nieder. Der Mond scheint durch den Efeu, malt helle Flecke aufs wetterbraune Runzelgesicht und blickt grad hinein in die Augen ...
Ganz stad ist’s draußen, und grausam hell, und alle Haustüren stehn weit offen.
»Was ist denn des?« denkt der Jackl: »is doch nachtschlafende Zeit!«
Aber die Haustüren stehen offen, und jetzt sieht er’s: eine ganz leise, leuchtende Schafherde wimmelt die Gasse hinab; schneeweiß, wollig, flockig wimmelt’s, wuselt’s durcheinander. Ein mondheller Wolfshund rennt an ihr hin, umkreist sie; Funken tanzen aus seinem Borstenfell, flüssiges Silber trieft ihm aus dem Maul. Und hinter der Herde drein wankt der Hirt, in blauem Mantel, ein alter Mann. Tief sitzt ihm der große Glanzhut im Gesicht, daß nur der welke Mund und das bleiche Kinn hervorschauen; an langem Stecken wankt er hin und bewegt die Lippen. Er singt.
»In Gottes Namen Die Mondschaf treib ich. Amen!«
klingt’s kaum hörbar in die Stube, während er vorbeischwankt. Und Hirt und Hund und Herde sind verschwunden.
Lange Eiszapfen funkeln an den Dachrinnen. Der Schnee strahlt von tausend feurigen Sternlein. Mit schlafschwerem Blick schaut der Jackl hinaus in die weiße Pracht, die so stumm ist und so kalt.
»Wie einsam, daß is, ha, wie einsam!«
Auf einmal träppelt’s daher durch die Mondnacht – ein Hündlein träppelt über den glitzernden Schnee. Ganz allein. Graufarben ist’s, ein Krummbein, ein Dackeltier ist’s. Kerzengerade hat’s seinen Schwanz aufgestellt und wedelt leis mit der Spitze, und seine langen Ohrwatscheln zittern, wie es dahinläuft. –
»Ah, Narr! Is denn das nit der Woidl! Ja bist denn nit tot? Was bist denn so grau, Woidl?«
Aber Jackl’s Stimme hat gar keine Kraft. Der Waldl hört ihn nicht, schon ist er weg – und die Gasse hinab kommt eine junge Dirn gezogen, wie im Schlaf, mit geschlossnen Augen. Sie hat ein volles Gesicht; doch ist es so weiß wie das Licht, das draufscheint. Einen Augenblick bleibt sie stehen und wendet den Kopf mit den geschlossenen Augen in der Luft, als suchte sie etwas. Dann geht sie grad aufs Haus vom Maurer Franz zu. Die Eckenlisl ist’s, die so schnell hat sterben müssen, ein Jahr ist’s her! Sie tritt ans Fenster. Mit den Fingerspitzen der rechten Hand schlägt sie leicht ans Glas, daß es klingt. Dann setzt sie sich aufs Bänklein darunter, legt die Hände in den Schoß und lächelt still vor sich hin.
Aber da rauscht es auf in der Ferne; rauscht wie ein Menschenflüstern, zieht näher; die Lisl verblaßt, zergeht; jetzt schwillt’s ins Dorf und schau! durch die Gasse stäubt’s heran, eine blasse Schar, Männer und Weiber. Eben grad sichtbar blinken sie im Mondlicht durcheinander. Bekannte, Unbekannte wechseln, wogen hin, verdrängen einander, und alle steigen sie dort hinten bei der Kirche ins Mondlicht hinein und verschwinden einer um den andern. Der Jackl will sie anrufen, den, jenen, zurückhalten will er sie – zu rasch treibt alles dahin. Wie er sich aber noch anstrengt, sie zu erkennen, da knarrt’s ihm zu Häupten, knarrt und rasselt, als täte sich die Decke auseinander, als schütte der Kalk herab, und die schnarrende Stimme schreit durch die offene Decke: »Eins!«
Der Jackl steht auf – sein Bewußtsein ist ausgelöscht, die Augen haben sich geschlossen – und marschiert zurück in sein Bett.
Reingefegt ist die Gasse von allem Spuk, nirgends regt es sich mehr. Die Haustüren sind zu. In den Lukenaugen des Kirchturms ist das heimliche Glühen ausgegangen. Der Mond scheint aufs weiße Zifferblatt, und unten biegt der bärtige Nachtwächter ums Eck beim Krämer und singt in die Gasse hinein:
»Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen: Die Glocke hat eins geschlagen. B’hüt euch Gott und Maria!«
Leopold Weber
Alter Spruch
So dunkel ist doch keine Nacht, Daß Gottes Aug nicht drüber wacht.
Volksmund
Stimme im Dunkeln
Es klagt im Dunkeln irgendwo. Ich möchte wissen, was es ist. Der Wind klagt wohl die Nacht an.
Der Wind klagt aber nicht so nah. Der Wind klagt immer in der Nacht. In meinen Ohren klagt mein Blut, Mein Blut wohl.
Mein Blut klagt aber nicht so fremd. Mein Blut ist ruhig wie die Nacht. Ich glaub, ein Herz klagt irgendwo.
Richard Dehmel
Alp
Ich stellte den Stuhl nicht an die Wand Und wandte die Schuh am Bett nur halb Und nahm den Daumen nicht in die Hand, Da kam des Nachts der böse Alp. Er bohrte durch ein Wandloch sacht; Ich dacht und nahm es genau in acht: »Sollst dich auf mir nicht wiegen, Wart, wart, ich will dich kriegen!«
Und als er zur Wand hereingeschlüpft Und auf den Zehen leise ging, Da war ich zum Loch an der Wand gehüpft Und stopft es zu, da schrie das Ding Mit feiner Stimm’: »O Pein, o Pein, Nun muß ich hier gefangen sein! O weh, wie werden weinen Zu Hause meine Kleinen!«
»O Menschlein,« wimmert er bitterlich, »Hab sieben Kinderchen zu Haus, Die müssen verhungern fürchterlich, O Menschenkind, laß mich hinaus!« Da sprach ich: »Komm nicht wieder herein.« Da sprach er: »Nein, gewiß nicht, nein.« Kaum, daß ich mich aufmachte ... Husch, war er hinaus und lachte. –
Und wie er so lachte, ging ich nach, Und als ich vor die Haustür kam, War er schon unten an dem Bach; Ich sah, wie er ein Ruder nahm, Und lief hinab und hielt den Kahn: Da winselt er von neuem dort Und sah zuletzt mich drohend an. Ich ließ den Kahn – da glitt er fort! – Mich überkam ein Grauen Vor seinen Augenbrauen!
August Kopisch
Närrische Träume
Heute Nacht träumte mir, ich hielt Den Mond in der Hand, Wie eine große, gelbe Kegelkugel, Und schob ihn ins Land, Als gält es alle neune. Er warf einen Wald um, eine alte Scheune, Zwei Kirchen mitsamt den Küstern, o weh, Und rollte in die See.
Heute Nacht träumte mir, ich warf Den Mond ins Meer. Die Fische all erschraken, und die Wellen Spritzten umher Und löschten alle Sterne. Und eine Stimme, ganz aus der Ferne, Schalt: »Wer pustet mir mein Licht aus? Jetzt ist’s dunkel im Haus.«
Heute Nacht träumte mir, es war Rabenfinster rings. Da kam was leise auf mich zugegangen, Wie auf Zehen ging’s. Da wollt ich mich verstecken, Stolperte über den Wald, über die Scheune vor Schrecken. Über die Kirchen, mitsamt den Küstern, o weh, Und fiel in die See.
Heute Nacht träumte mir, ich sei Der Mond im Meer. Die Fische alle glotzten und standen Im Kreis umher. So lag ich seit Jahren, Sah über mir hoch die Schiffe fahren, Und dacht, wenn jetzt wer über Bord sich biegt, Und sieht, wer hier liegt, Zwischen Schollen und Flundern, Wie wird der sich wundern!
Gustav Falke
Der Traum
Es war ein niedlich Zeiselein, Das träumte nachts im Mondenschein: Es säh am Himmel Stern bei Stern, Davon wär jeder ein Hirsekern, Und als es geflogen himmelauf, Da pickte das Zeislein die Sterne auf. Piep – Wie war das im Traume so lieb!
Und als die Sonne beschien den Baum, Erwachte das Zeislein von seinem Traum. Es wetzte das Schnäbelchen her und hin Und sprach verwundert in seinem Sinn: »Nun hab ich gepickt die ganze Nacht, Und bin doch so hungrig aufgewacht! Ping – Das ist mir ein närrisches Ding!«
Victor Blüthgen
Ein Traum
Heut Nacht hatt ich ’nen tollen Traum, Der hat mich zum Kamel gemacht, Im Maule fühlt ich scharfen Zaum Und auf dem Buckel schwere Fracht.
Und Wüste hier und Wüste dort, Rückwärts und vorwärts, links und rechts, Und durch die Glut ging’s langsam fort, Im Sand tief watend mit Geächz.
Zum Knuspern fand sich da kein Strauch, Kein Wind zur Kühlung fern und nah, Zum Saufen war gefüllt kein Schlauch, Kein Platz zum Niederstrecken da.
Da plötzlich – fern am Himmelssaum Sieh! Palmen nicken, Quellenglanz! Dorthin! – Da schwindet’s wie ein Traum, Es war ein leerer Dünstetanz.
Und immerfort sich aufgerafft, Und immer fort mit Ach und Uff! Der Treiber braucht die letzte Kraft, Mich anzufeuern durch ’nen Knuff.
Geäfft, gebrochen im Genick, Schon war ich dem Verschmachten nah, Als ich ganz nah der Quelle Blick Durch grüne Schatten prachten sah.
Da hat das Glück mich so erschreckt, Daß ich mit eins zusammenfuhr, Da hat der Schreck mich aufgeweckt, Und ach! ein Traum war alles nur.
O hätt’ ich ewig fortgeträumt! Dann läg’ ich an der Quelle jetzt, Weich hingestreckt und abgezäumt, Vom frischen Schattentrunk geletzt.
So aber zieh ich fort und fort, Auch wachend, als Kamel einher. Dicht vor mir winkt der kühle Ort, Doch ich erreich ihn nimmermehr.
Friedrich von Sallet
Traumland