Tag und Nacht

Part 2

Chapter 23,505 wordsPublic domain

»Red nicht so, Heinrich,« antwortete das alte Mütterchen und hüstelte ein wenig; »das ist doch dein Ernst nicht. Wir haben beide allerlei Gebresten, die uns quälen, wenn auch gerade nicht auf diese Stunde. Ich weiß wohl, was ich mir alle Nächte wünsch, wenn der Husten kommt, daß man nicht schlafen kann und denkt: Hüter, ist die Nacht schier hin? Oder wenn mir die Hand zu zittern anfängt, daß die Arbeit hinausfällt auf den Estrich. Ein älter Mensch ist so mürbe und zerrieben, daß er froh sein muß, wenn er auseinandergeht und die müde Seele Frieden findet.«

»Nein,« sprach der Greis wieder, »ich fühl’s nimmer, daß mir so zumute wäre. Der Tod ist alleweg ein bitteres Kraut, da wollen wir uns nichts einreden. Vielleicht wenn ich meine Kräfte nicht mehr hätte, daß mir das Auge trübe oder das Ohr taub wäre oder mir kein Essen mehr schmecken möchte: daß ich dann lieber stürbe als jetzt. Aber so weiß ich schon, ich werd ein schweres Sterben haben, wenn ich denke, daß ich nachher Gottes Sonne nicht mehr sehe und das liebe Gewächs, mit dem ich mich mein Lebtag abgegeben habe, und alles das nicht mehr höre, was mich immer gefreut hat, die Vögel, die Kinder im Dorf, die Orgel und die Glocken.«

So redeten sie eine Weile hin und her, und über ihnen auf der Laube saß unsichtbar der Abendfriede und lächelte so lieb, wie Engel lächeln.

Er hörte jedem Wort zu, das sie sprachen, und endlich wurde er nachdenklich.

Er dachte sich etwas aus, etwas recht, recht Schönes. Und endlich hatte er das Richtige. Aber er konnte es nicht ausführen, wie er wollte. Ohne den lieben Gott, der erst ja dazu sagte, ging das nicht.

Die beiden alten Leute begaben sich in das Häuschen, und er flog weiter und schüttelte seine Schwingen recht oft; denn er war jetzt ganz besonders froh. Reichlicher als sonst lag die Welt voll von dem Wundertau der Erquickung, als er zum Himmel aufstieg.

Er schwebte diesesmal bei seinem Stern vorüber, zu Gott hin. Und als er dort gesagt, was er sich ausgedacht hatte, da lächelte ihm der himmlische Vater zu und nickte.

Und nun war der Abendfriede erst recht glücklich.

Einmal des Abends blieb er bei dem Häuschen und wartete, bis die beiden alten Leute schliefen. Da huschte er in die Schlafstube hinein und erlöste die Seele des alten Mütterchens von ihrem Leibe, ganz in der Stille.

Wie ward die so froh und jung! Sie sah den Abendfrieden an und sagte: »Dich kenne ich, du mußt des Abends manchesmal um uns gewesen sein.«

»Ja,« nickte der ihr zu. »Ich bin der Abendfriede. Ich will dich mit zu meinem Stern hinaufnehmen. Er hat das allersanfteste Licht, und sanft und friedlich wie sein Licht ist alles auf ihm.«

»Ach,« sagte die Seele des alten Mütterchens, »willst du mich allein erlösen und ihn dort nicht?«

Und sie zeigte nach dem Bett, in dem der alte Mann schlief, welcher keine Lust hatte, von der Erde zu scheiden.

»Noch nicht,« nickte der Abendfriede zu dem Bett hinüber. »Aber bald!« Und er lächelte wie in Gedanken.

Das sah die Seele der alten Frau, und es überkam sie so friedlich und freudig; und die beiden schwebten himmelauf, zu dem Stern hin.

Acht Tage lang ließ sich der Abendfriede nicht bei dem Häuschen spüren; nur im weiten Bogen flog er um dasselbe herum. Dann kam er wieder zu der Steinbank.

Aber der alte Mann war nicht auf der Steinbank.

Er guckte in das Fenster, und da sah er ihn drinnen auf der Ofenbank sitzen und schlüpfte zu ihm in das Stübchen.

Der arme alte Mann war ganz allein. So wehmütig sah es aus, wie er ganz versunken dasaß, die braunen, schwieligen Hände zwischen den Knien zusammengelegt. Er weinte nicht; aber seine Augen waren rot, und er hatte das weiße Haupt gesenkt und rührte sich nicht. Die Kuckucksuhr an der Wand tickte so eilig, als ob sie etwas versäumt hätte, und das Herz des Greises tickte auch, aber so müde, so langsam!

Neben ihm lagen das Gesangbuch und die Brille; und in dem aufgeschlagenen Gesangbuch war ein Lied zu sehen, das fing an:

»Jerusalem, du hochgebaute Stadt, Wollt Gott, ich wär in dir: Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat Und ist nicht mehr bei mir. Weit über Berg und Tale Und über blaches Feld Schwingt es sich über alle Und eilt aus dieser Welt.«

Der Abendfriede las das und hatte wieder ein Engelslächeln auf den Lippen.

Nun fing der alte Mann an, vor sich hin zu sprechen.

»Sonst saßen wir um diese Zeit auf der Bank draußen. Aber nunmehr bringe ich es nicht über das Herz, hinauszugehen. Es ist mir alles vergällt. Das Licht tut meinen Augen weh, von dem Vogelgepiep und Kinderschreien schmerzen mir die Ohren, und wenn ich die Glocken so läuten höre, quält es mich da drinnen, wo das Herz sitzt. Die Glocken haben auch geläutet, als wir mein altes Mütterchen Gertrud begraben haben.

Was soll ich auch noch auf der Welt? Das möchte ich wissen. Ich ginge je eher je lieber hinaus. Aber da läßt mich’s nicht, als ob die Welt ohne mich nicht bestehen könnte. Jeder kann froh sein, der erlöst ist.

Ach, lieber Tod, komme bald!

Ich glaube, daß er wirklich kommt; denn ich weiß nicht, wovon mir jetzt so wohl wird.«

Er konnte es nicht merken, daß der Abendfriede über ihm flog und seine Flügel schüttelte. Der Wundertau rieselte über ihn, das war es, was ihm so wohl tat.

Der Tod kam nicht; aber erlöst wurde er doch in der Nacht, so sanft wie das alte Mütterchen, und es war wieder der Abendfriede, der ihn erlöste. Der Tod mit der Sense schneidet bloß in ein Leben, das anders nicht zerreißen will.

»Ach, das ist schön,« sagte die Seele des alten Mannes zu dem Engel. »Nun führe mich zu meinem lieben alten Mütterchen!«

Und der Abendfrieden nickte.

»Weißt du noch,« sprach er unterwegs, »wie du die Erde so schön fandest und gar nicht begreifen mochtest, daß man sie gern verlassen könnte?«

Die Seele dachte nach.

»Das muß wohl gewesen sein, ehe Gertrud starb.«

»Freilich,« meinte der Abendfriede; »ich habe sie dir eben genommen, damit du anderen Sinnes würdest; denn ich wußte, alsdann würdest du dich bekehren. Und soll ich dir sagen, warum ich das wünschte?«

»Nun?«

»Die da widerwillig sterben, mäht der Tod, und sie kommen an einen anderen Ort als die, welche den ewigen Frieden ersehnten. Ich aber wollte euch beide gern zusammen und bei mir haben: das war’s.«

Wie das Antlitz des Abendfriedens leuchtete! Hast du schon eines Menschen Gesicht glänzen gesehen, der eben eine gute Tat getan? So ungefähr, aber viel verklärter.

Victor Blüthgen

Abendsegen

I.

Das ist des Abends Segen Und seine stille Tat, Daß Sturm und Kampf sich legen, Wenn seine feuchten Schwingen Hinschatten übern Pfad.

Das hat er vor dem Tage, Daß er des Herzens Drang, Daß Sorgen er und Plage Besänftigt still mit mildem, Mit süßem Schlafgesang, –

Daß er mit dichtem Schleier Des Landmanns Pflug umhüllt, Mit stiller Dankesfeier Die Hütten und die Herzen Allüberall erfüllt ...

Hans Benzmann

II.

Die Abendglocken ferne Läuten den Tag zur Ruh, Die Augen tun auf die Sterne, Die Blumen die Augen zu.

Die Vöglein in den Bäumen, Sie schweigen alle still: Ein jedes heimlich träumen Vom goldnen Morgen will.

Die Schiffe ruhn im Hafen, Keine Welle regt sich mehr, So geh auch du nun schlafen Und bange nicht so sehr.

Und laß den Vater sorgen, Der über den Sternen wacht: Er segnet mit Freuden den Morgen, Er segnet mit Frieden die Nacht.

Friedrich Güll

Heimgang

Der Mond steigt überm Hügel her, Mein Weg erglänzt in seinem Licht, Der Wind hebt kaum die Flügel mehr, Legt sich ins Korn und rührt sich nicht.

Vom Tal herauf rauscht leis ein Gruß, Ist es durch Wiesen hin der Bach? Was zögerst du und sinnst, mein Fuß Geh nur der lieben Stimme nach.

Da drängt sich Hütt an Hütte traut Ums Kirchlein hin. Ein Glöcklein geht, Und friedeselig übertaut Spricht still mein Herz sein Nachtgebet.

Gustav Falke

Abendwolke

So stille ruht im Hafen Das tiefe Wasser dort. Die Ruder sind entschlafen, Die Schifflein sind im Port.

Nur oben in dem Äther Der lauen Maiennacht, Dort segelt noch ein später, Friedfert’ger Ferge sacht.

Die Barke still und dunkel Fährt hin in Dämmerschein Und leisem Sterngefunkel Am Himmel und hinein.

C. F. Meyer

Ruhetal

Wann im letzten Abendstrahl Goldne Wolkenberge steigen Und wie Alpen sich erzeigen, Frag ich oft mit Tränen: »Liegt wohl zwischen jenen Mein ersehntes Ruhetal?«

Ludwig Uhland

Der Abendfriede

Von Disteldolden tropft der Tau, Die Wiese schwimmt in Nebelgrau, Und zitternd über die Blumenflur Wellt schrill der Schlag der Klosteruhr ...

Schwül weht des Abends feuchter Hauch, Schwer überm Moore liegts wie Hauch So fahl und grau, – und her und hin Glimmt’s wie ein Lämplein goldig drin ...

Und über Moor und Wiesenrain Zieht stumm ein Mann im Heiligenschein: Ein Klostermännlein, grau und krumm, Ein Heiliger geht im Felde herum ...

Sein Lämplein schwingt er dann und wann, Summt übers Korn den Friedensbann – Dünn klingt und schrill die Klosteruhr ... Ein Leuchtwurm zieht die goldne Spur ...

Hans Benzmann

Abend

Wir stehn und schaun und sprechen kein Wort – Der Abend zerflattert auf dunklen Wiesen. Strenge Schatten kommen vom Torf, Steigen als stumme Riesen Über die Schollen behutsam fort Ins Dorf. –

Wilhelm von Scholz

Meeresabend

Sie hat den ganzen Tag getobt Als wie in Zorn und Pein, Nun bettet sich, nun glättet sich Die See und schlummert ein.

Und drüber zittert der Abendwind, Ein mildes, heiliges Wehn, Das ist der Atem Gottes, Der schwebet ob den Seen.

Es küßt der Herr aufs Lockenhaupt Die schlummernde See gelind Und spricht mit säuselndem Segen: »Schlaf ruhig, liebes Kind!«

Moritz von Strachwitz

Ein Tageslauf

Sitz ich sinnend, Haupt in Hand gestützt; Schöner Tag, hab ich dich recht genützt?

Einen Kuß auf meines Weibes Mund, Liebesgruß in früher Morgenstund.

Sorg ums Brot in treuer Tätigkeit, Offnes Wort in scharfem Männerstreit.

Einen guten Becher froh geleert, Kräftig einem argen Wunsch gewehrt.

Leuchtend kommt aus ewigem Sternenraum Noch zuletzt ein seliger Dichtertraum.

Sinnend sitz ich, Haupt in Hand gestützt: Schöner Tag, ich hab dich ausgenützt.

Gustav Falke

Am Abend

Sinkt der Tag in Abendgluten, Schwimmt das Tal in Nebelfluten.

Heimlich aus der Himmelsferne Blinken schon die goldnen Sterne.

Flieg zu Nest und schwimm zum Hafen! Gute Nacht! Die Welt will schlafen!

Heinrich Seidel

Abendlandschaft

Der Hirt bläst seine Weise, Von fern ein Schuß noch fällt, Die Wälder rauschen leise Und Ströme tief im Feld.

Nur hinter jenem Hügel Noch spielt der Abendschein – O hätt ich, hätt ich Flügel, Zu fliegen da hinein!

Joseph von Eichendorff

Abendstille

Abendstille, weich und warm, Kaum ein Hauch zu spüren, Stehn die Mädchen Arm in Arm Plaudernd vor den Türen.

Fliegt das Mäulchen noch so spät Sonder Rast und Maßen, Horchen, wie der Wagen geht Durch die stillen Straßen.

Kläfft der Spitz den Rädern zu, Die gemach entschwinden, Süße, sanfte Sommerruh Sinkt ins Laub der Linden.

Nur ein ferner Burschensang Tönt noch hin und wieder, Alles lauscht dem Heimatklang Der gewohnten Lieder.

Lauscht und sieht im Strahlenkleid Erste Sterne glänzen, Und die Seele wandert weit Ohne Ziel und Grenzen.

Carl Busse

Abendlieder

I.

Die Sonne, die breite behäbige Frau, Schon rüstet sie sich zur Nacht. Die Goldsträhnen läßt durch den Himmel sie wehn, Hat’s Purpurkleid aufgemacht.

Doch unten im Abend ein grauliches Tier, Ein Drache rührt sich und ruckt. Den zackigen Rücken drängt er empor – Frau Sonne, o weh, ist verschluckt.

Der Lurch, was grummelt und grollt er denn? Er krümmt sich, er bäumt sich, er klafft: Frau Sonne durchstach ihn von innen her, Strahlt wieder in glühender Kraft.

Hans Böhm

II.

Der Wächter tutet in sein Horn, Und stille sind die Straßen; Vor unserm Fenster nur der Born Kann nicht vom Plaudern lassen. Wir wollen schlafen gehn.

Die Lichter löschen langsam aus, Schwarz hängt die Nacht hernieder; Der Schlummer geht von Haus zu Haus Und schließt die Augenlider. Wir wollen schlafen gehn.

Die Uhr schlägt zehn, die Welt schlief ein. Die Winde gehen müde. Vom Himmel glänzt der Sterne Schein. Kehr auch in unsre Herzen ein, Du stiller Sternenfriede! Wir wollen schlafen gehn.

Albert Sergel

III.

Augen, meine lieben Fensterlein, Gebt mir schon so lange holden Schein, Lasset freundlich Bild um Bild herein: Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu, Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh; Tastend streift sie ab die Wanderschuh, Legt sich auch in ihre finstre Truh.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn, Bis sie schwanken und dann auch vergehn, Wie von eines Falters Fügelwehn.

Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld, Nur dem sinkenden Gestirn gesellt; Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, Von dem goldnen Überfluß der Welt!

Gottfried Keller

Abendlied

Die Nacht ist niedergegangen, Die schwarzen Schleier hangen Nun über Busch und Haus. Leis rauscht es in den Buchen. Die letzten Winde suchen Die vollsten Wipfel sich zum Neste aus.

Noch einmal leis ein Wehen, Dann bleibt der Atem stehen Der müden, müden Welt. Nur noch ein zages Beben Fühl durch die Nacht ich schweben, Auf die der Friede seine Hände hält.

Otto Julius Bierbaum

Ein geistlich Abendlied

Es ist so still geworden, Verrauscht des Abends Wehn, Nun hört man allerorten Der Engel Füße gehn. Rings in die Tale senket Sich Finsternis mit Macht – Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht.

Es ruht die Welt im Schweigen, Ihr Tosen ist vorbei, Stumm ihrer Freude Reigen Und stumm ihr Schmerzensschrei. Hat Rosen sie geschenket, Hat Dornen sie gebracht – Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht!

Und hast du heut gefehlet, O schaue nicht zurück; Empfinde dich beseelet Von freier Gnade Glück. Auch des Verirrten denket Der Hirt auf hoher Wacht – Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht!

Nun stehn im Himmelskreise Die Stern’ in Majestät; In gleichem festem Gleise Der goldne Wagen geht. Und gleich den Sternen lenket Er deinen Weg zur Nacht – Wirf ab, Herz, was dich kränket Und was dir bange macht!

Gottfried Kinkel

Wanderers Nachtlied

Der du von dem Himmel bist, Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist, Doppelt mit Erquickung füllest, Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust? Süßer Friede, Komm, ach komm in meine Brust!

Wolfgang von Goethe

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln, Fühl ich, wird mein Auge heller; Schon versucht ein Stern zu funkeln, Und die Grillen klingen schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher, Das Gewohnte sonderbarer, Hinterm Wald der Himmel bleicher, Jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten, Wie das Licht verhundertfältigt Sich entringt den Dunkelheiten, Plötzlich stehst du überwältigt.

Richard Dehmel

Die tröstende Nacht

O Nacht – du treue Trösterin! Wenn ich auf meinem Lager zage, So schwebst du vor das Fenster hin Und hörst geduldig meine Klage. Und wenn ins Kissen ich mit Stöhnen Mein tränend Angesicht verhülle, Hör ich auf einmal eine Fülle Von Wohllaut mir zu Herzen tönen:

»Getrost, getrost! Ich bin ja hier! Will dich nach jedem Tage heilen Und werde kommen einst zu dir, Um immerdar bei dir zu weilen. Dann ruhst du, selig vom Vergessen Durchschauert, fern von Tagesrauschen Und magst dem sanften Liede lauschen, Das Winde harfen in Zypressen.«

Bruno Wille

Nachtgefühl

O stille Nacht, o Nacht der Stille, Zur Ruh gebracht der ganze Wille – Zum Schlaf bereit das Herz voll Sorgen; O schöne Zeit bis an den Morgen!

Martin Greif

Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall!

Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall, Laß deine Stimm’ mit Freudenschall Aufs Lieblichste erklingen! Komm, komm und lob den Schöpfer dein, Weil andre Vöglein schlafen fein Und nicht mehr mögen singen! Laß dein Stimmlein Laut erschallen, Denn vor allen Kannst du loben Gott im Himmel hoch dort oben.

H. J. von Grimmelshausen

Trost der Nacht

Weiche Hände hat die Nacht, Und sie reicht sie mir ins Bette; Fürchtend, daß ich Tränen hätte, Streicht sie meine Augen sacht.

Dann verläßt sie das Gemach; Rauschen hör ich, sanft und seiden: Und den Dornenzweig der Leiden Zieht sie mit der Schleppe nach.

Ludwig Jacobowski

Nähterin Nacht

Nun naht die Nacht! Eine alte, ergraute Nähterin, Zieht sie die seidnen Zwirnfäden der Dämmerung Über die Dächer des Dorfes, Räufelt sie hin und her Und wickelt sie flink Um Büsch und Bäume, Buchen und Pappeln, Daß sie starrn wie umsponnene Spulen ... Von der schwarzen Marmorkonsole Der östlichen Berge Hebt sie die weiße Milchglasglocke Des Mondes empor Und legt einen Flimmernden Funken hinein: Rötlich leuchtet zuerst Der kohlende Docht, Gelblich flackernd und unbestimmt, Dann schimmert weiß und bläulich Das matte, milde Lampenlicht Der Nähterin Nacht ... Und sie steckt Ins schwarze Sammetkissen des Himmels Die silbernen Sternennadeln ... Nähend sitzt sie dann An der leise summenden Nähmaschine der Welt Und zieht aus ihrem Gefüge, Langsam breitend über die Lande Von Osten nach Westen, Die mit Goldzwirn gestickten, Mit Silberseide besäumten Purpurgewänder des Morgens ...

Hans Benzmann

Lichter

Wo ist der Tag? Rauschend versunken. Nacht hat mit schwarzem Hammerschlag Das Licht zersprengt zu stillen Funken, Die lautlos glühn in Straßen, Prachtgemächern, In Kammern und hoch über allen Dächern.

Wilhelm von Scholz

Der Nachtwächter

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen: Die Glock’ hat neun geschlagen! Die Lämmer sind schon längst im Stall, Im Nest die Vöglein allzumal; Drum lasset euer Spielzeug stehn, ’s ist hohe Zeit, zu Bett zu gehn, Und lobet Gott den Herrn!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen: Die Glock’ hat zehn geschlagen! Die Lämmer schliefen ruhig ein, Sie können ohne Sorge sein; Im Hofe wacht der treue Hund, Der macht um ihren Stall die Rund’, Läßt keinen Wolf hinein.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen; Die Glock’ hat elf geschlagen! Gar lieblich ist der Vöglein Ruh; Ihr Mütterlein, es deckt sie zu Mit beiden Flügeln früh und spät, Wenn kalt die Nacht ums Nestchen weht. Das liebe Mütterlein!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen: Die Glock’ hat zwölf geschlagen! Auch eure Eltern ruhen beid’ Im Bette schon seit langer Zeit; Doch schlafen sie nicht alsogleich; Sie sorgen treulich noch für euch. Ihr schlaft und hört es nicht.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen: Die Glock’ hat eins geschlagen! So viele Kinder auf der Welt, So viele Stern’ am Himmelszelt, So viele Engel im Himmelsraum, Die bringen euch manch schönen Traum Von oben mit herab.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen: Die Glock’ hat zwei geschlagen! Und mit dem blanken Sternenheer Kam auch der liebe Mond daher Und steckte sein Laternchen an; Doch schlich sich wo ein Dieb heran, Den jagt er schnell davon.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen: Die Glock’ hat drei geschlagen! Und bleibt der Mond einmal zu Haus Und sagt: »Nun schlaf ich auch mal aus.« Da bin ich hier, der euch bewacht; Laut blas ich durch die stille Nacht Und lobe Gott den Herrn.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen: Die Glock’ hat vier geschlagen! Was hilft doch aller Menschen Macht, Wenn Gott der Herr sie nicht bewacht? Vor Krankheit und viel andrer Pein Bewahrt nur einzig er allein; Drum lobet Gott den Herrn!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen: Die Glock’ hat fünf geschlagen! Horcht auf, es krähet schon der Hahn Und ruft: »Erwacht, der Tag bricht an!« Die Lerch’ ist längst zum Nest heraus; Der Wächter aber geht nach Haus, Und alles lobt den Herrn.

Robert Reinick

Die beiden Wächter

Zween Wächter, die schon manche Nacht Die liebe Stadt getreu bewacht, Verfolgten sich aus aller Macht Auf allen Bier- und Branntweinbänken Und ruhten nicht, mit pöbelhaften Ränken Einander bis aufs Blut zu kränken; Denn keiner brannte von dem Span, Woran der andre sich den Tabak angezündet, Aus Haß den seinen jemals an. Kurz, jeden Schimpf, den nur die Rach’ erfindet, Den Feinde noch den Feinden angetan, Den taten sie einander an, Und jeder wollte bloß den andern überleben, Um noch im Sarg ihm einen Stoß zu geben. Man riet und wußte lange nicht, Warum sie solche Feinde waren; Doch endlich kam die Sache vor Gericht, Da mußte sichs denn offenbaren, Warum sie seit so vielen Jahren So heidnisch unversöhnlich waren. Was war der Grund? Der Brotneid? War er’s nicht? Nein. Dieser sang: »Verwahrt das Feuer und das Licht!« Allein so sang der andre nicht; Er sang: »Bewahrt das Feuer und das Licht!« Aus dieser so verschiednen Art, An die sich beid’ im Singen zänkisch banden, Aus dem _ver_wahrt und dem _be_wahrt War Spott, Verachtung, Haß und Rach’ und Wut entstanden. »Die Wächter,« hör ich viele schrein, »Verfolgten sich um Kleinigkeiten? Das mußten große Narren sein.« Ihr Herren! Stellt die Reden ein, Ihr könntet sonst unglücklich sein; Wißt ihr denn nichts von so viel großen Leuten, Die in gelehrten Streitigkeiten Um Silben, die gleichviel bedeuten, Sich mit der größten Wut entzweiten?

Fürchtegott Gellert

Sturmnacht

Im Hinterhaus im Fliesensaal Über Urgroßmutters Tisch’ und Bänke, Über die alten Schatullen und Schränke Wandelt der zitternde Mondenstrahl. Vom Wald kommt der Wind Und fährt an die Scheiben; Und geschwind, geschwind Schwatzt er ein Wort, Und dann wieder fort Zum Wald über Föhren und Eiben.