Tag und Nacht

Part 1

Chapter 13,516 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Der deutsche Spielmann

_Eine Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung_ für Jugend und Volk

Herausgegeben von Dr. Ernst Weber

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Tag und Nacht

Der Stunden schneller Wechsellauf vom Morgengraun bis Mitternacht

Bildschmuck von Otto Bauriedl

Zweite, veränderte Auflage

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_München 1924_ Georg D. W. Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns

Druck von Kastner & Callwey, München

Geleitspruch des deutschen Spielmanns

Tag und Nacht – im Wechsel schweben Sie durch unser Erdenleben; Ihnen folgt der Stunden Schar. Morgenlicht und Dämmerdunkel, Sonnenglanz und Sterngefunkel Tragen sie als Kranz im Haar.

Leicht und frisch und frei von Sorgen Tritt der schöne Knabe Morgen Aus dem goldbesonnten Tor. Tausend Hände werden rege, Menschenlaut die stillsten Wege; Froh erschallt der Vöglein Chor.

Mittag naht – und ernster schreiten Seine Stunden ihm zur Seiten; Immer müder wird ihr Schritt, Bis aus kühlem Waldesschatten Auf die taubenetzten Matten Leichtbeschuht der Abend tritt.

Seiner Hand entsinkt die Leier, Und ein sternbesäter Schleier Spannt sich wie ein Baldachin Über weite Himmelsräume, Und ins Reich der schönen Träume Lockt die stille Königin.

Tag und Nacht hält uns umwunden: Alle unsre Lebensstunden, Dunkel bringen sie und Licht, Bis beim letzten Abendglühen Eine Hand den Flor darf ziehen Über unser bleich Gesicht.

Der deutsche Spielmann

Vor dem Morgen

Es zieht ein fahler Schein Am Himmel auf; hellroter Schimmer Glänzt schon die Wolken an von Osten her. Die Sterne sinken unter, wie im Meer Todmüde Schwimmer.

Vom Bett aufsteht der Wind. Schlaftrunken noch, im halben Traume, Greift in die Luft ein Zweig, kühl angeweht, Und schwankt und zittert, und ein Schauer geht Von Baum zu Baume.

Ein Vogel ruft im Holz, Ein andrer noch; aus allen Nestern Wird froh der Tag begrüßt, der sich erneut. Begehrend drängt das Leben sich zum Heut, Fern liegt das Gestern.

Johannes Trojan

Morgengrauen

Noch ist im sternenvollen Raum Der frischen Nacht kein Hauch zu spüren. Zuweilen nur im halben Traum Wie schauernd sich die Wipfel rühren.

Noch liegt es rings auf Feld und Au Wie namenloser Trauer Schweigen; Die Gräser stehn gebeugt im Tau, Die Vögel schlummern in den Zweigen.

Da trägt ein Hauch vom Himmelszelt Den ersten Lerchenjubel nieder; Ein Schimmer überhaucht die Welt, Und rein ersteigt der Tag uns wieder.

Wilhelm Weigand

Das Christusbild

Im Walde oben auf dem Berge, im Gerank von wilden blühenden Rosen, hängt Christus am Kreuze an der weißgetünchten alten Kapelle.

Sein Mund ist im Schmerz halb geöffnet, rote, schwere Blutstropfen quellen unter dem Dornenkranze hervor und rieseln aus der Seitenwunde über den grauen Schurz, der seine Blößen deckt.

So hat er dort gehangen, Jahrhunderte hindurch, Mitleid und Schrecken allen Betern.

Aus dem Dorf unten im Tal klingen die Glocken der Frühmette herauf ...

Ein Vogel beginnt mit leisem Gesange ... und nun geht die Sonne groß hinter dem Walde auf ...

Sie sendet ihre hellen Strahlen durch Birkengrün und Tannendunkel ... feines Klingen läuft vor ihnen her.

Und weiter fliegen die Strahlen bis an die alte Kapelle ... Die weiße Wand entlang ... und treffen das Heilandsbild mit ihrem vollen warmen Glanze ...

Ein heimliches Flüstern wacht auf in den Bäumen, die wilden Rosen neigen sich im Morgenwind, und über das traurige schmerzerfüllte Antlitz des Gekreuzigten geht ein mildes, sonniges Lächeln ...

Albert Sergel

Neues Leben

Der Himmel glänzt wie Seide, Ein junger Tag erwacht; Was ich gelitten habe, Es starb in dieser Nacht.

Das war ein stilles Sterben – Die Bäume rauschten kaum – Das war ein süßes Sterben, Ein Sterben wie im Traum.

Nun soll durch meine Nächte Ein tiefer Friede gehn, Und meine junge Sehnsucht So in der Sonne stehn.

Oskar Wiener

In der Frühe

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir, Dort gehet schon der Tag herfür, An meinem Kammerfenster. Es wühlet mein verstörter Sinn Noch zwischen Zweifeln her und hin Und schaffet Nachtgespenster. – Ängste, quäle Dich nicht länger, meine Seele! Freu dich! Schon sind da und dorten Morgenglocken wach geworden.

Eduard Mörike

Morgendämmerung

Die Nacht liegt ausgebreitet, Erquickt die Erde ruht, Der Mond, der zitternde, gleitet Hinab in düsterer Glut.

Noch stehn am Himmelsraume Gestirne sonder Zahl. Am fernen dämmernden Saume Zuckt schon ein purpurner Strahl.

Die Vögel werden munter, Der Hahn ist längst erwacht, Leis ziehen die Schatten hinunter, Hinunter die tauende Nacht.

Martin Greif

Vogelmette

Dringt das erste Dämmerlicht Grüßend mir ans Bette, Hör ich vor dem Fenster dicht Eine Vogelmette.

Hell vom Platz vor meinem Haus, Wo die Sträucher ranken, Klingt sie in die Stadt hinaus Wie ein kindlich Danken.

Leise da und dort erwacht Erst ein Vogelseelchen, Und halb schlummernd noch und sacht Stimmen sich die Kehlchen.

»Guten Morgen!« hör ich’s dann, »Fehlen denn auch keine?« »Munter, Kinder, fangt nur an: Noch sind wir alleine!«

Und nun setzt es silbern ein, Keusch in jedem Klange, Vogelfröhlich, glockenrein, Frisch zum Morgensange!

Innig wie ein Kinderlied, Wie ein Märchen traulich, Daß es durch die Lüfte zieht Wundersam erbaulich.

Wie es schwillt und wogt und rollt Und zum Schöpfer schwebt, Bis das erste Sonnengold Um die Dächer webt!

Ferdinand Avenarius

Die Wolke

Noch ist es still. Noch schlummert rings die Erde. Nur frühe Vöglein zwitschern, halb im Traum. Hoch droben segelt eine lichte Wolke Im Morgendämmern durch den Himmelsraum.

Und schwebend, wie auf weitgespannten Schwingen, Gleicht einem Engel sie, der heimwärts zieht; Vielleicht hat an verlaßnem Sterbelager, Ein stiller Hüter, er zur Nacht gekniet,

Vielleicht auf eine Stirn in Fiebergluten Mit lindem Trost die kühle Hand gelegt, Vielleicht ein leidgeprüftes Herz beruhigt, Das hoffend nun dem Licht entgegenschlägt ...

... Da ich noch sinnend in die Ferne träume, Zerfließt die Wolke still im Sonnenschein. Der Himmel öffnet seine blauen Tore: Er läßt den heimgekehrten Seraph ein.

Alice von Gaudy

Der Morgen

Der erste Strahl von Osten her Fliegt kräftig, wie ein lichter Speer, Die Finsternis zu töten. Es steigt von ungesehnem Chor Der Lerchen Sang zum Herrn empor In jubelnden Gebeten.

Die Blume wacht aus Träumen auf Und schaut zum Himmel still hinauf, Ihr Auge weint und lächelt, Und rascher jeder Pulsschlag strebt, Und alles jauchzt, und alles lebt, Vom frischen Hauch umfächelt.

Und alldurchdringend blitzt der Strahl, Er gleitet in das stille Tal, Was er berührt, das scheinet; Er trifft ein niederes Hüttendach, Wo grad ein treues Herze brach, Das lang umsonst geweinet.

Friedrich von Sallet

In Hangen und Bangen

Zerstoben sind die Wolkenmassen, Die Morgensonn ins Fenster scheint: Nun kann ich wieder mal nicht fassen, Daß ich die Nacht hindurch geweint.

Dahin ist alles, was mich drückte, Das Aug ist klar, der Sinn ist frei, Und was nur je mein Herz entzückte, Tanzt wieder, lachend, mir vorbei.

Es grüßt, es nickt; ich steh betroffen, Geblendet schier von all dem Licht: Das alte, liebe, böse Hoffen – Die Seele läßt es einmal nicht.

Theodor Fontane

Für und für

Im ersten matten Dämmer thront Der blasse, klare Morgenmond.

Der Himmel zeigt ein kühles Blau, Der Wind knipst Perlen ab vom Tau.

Der Friede zittert: ungestüm Reckt sich der Tag, das Ungetüm,

Und schüttelt sich und brüllt und beißt, Und zeigt uns so, was leben heißt.

Die Sonne hat den Lauf vollbracht, Und Abendröte, Mitternacht.

Im ersten matten Dämmer thront Der blasse, klare Morgenmond.

Und langsam frißt und frißt die Zeit Und frißt sich durch die Ewigkeit.

Detlev v. Liliencron

Stille Tränen

Du bist vom Schlaf erstanden Und wandelst durch die Au, Da liegt ob allen Landen Der Himmel wunderblau. So lang du ohne Sorgen Geschlummert schmerzenlos, Der Himmel bis zum Morgen Viel Tränen niedergoß. In stillen Nächten weinet Oft mancher aus den Schmerz, Und morgens dann ihr meinet, Stets fröhlich sei sein Herz!

Justinus Kerner

In der Frühe

Goldstrahlen schießen übers Dach, Die Hähne krähn den Morgen wach; Nun einer hier, nun einer dort, So kräht es nun von Ort zu Ort; Und in der Ferne stirbt der Klang – Ich höre nichts, ich horche lang. Ihr wackern Hähne, krähet doch! Sie schlafen immer, immer noch.

Theodor Storm

Morgenwind

Wenn noch kaum die Hähne krähen, Macht sich auf der Morgenwind, Feget aus mit starkem Wehen Stadt und Flur und Wald geschwind.

Allen Bäumen in der Runde Schüttelt er die Locken aus, Weckt die Blümlein in dem Grunde, Lockt die Lerch ins Tal hinaus.

Nebel, die an Bergen hangen, Jagt er ohne Gnade fort; Kommt Frau Sonne dann gegangen, Find’t sie sauber jeden Ort.

Will sie bei dem treuen Winde Sich bedanken in Person, Ist er, daß ihn keiner finde, Über alle Berge schon.

Paul Heyse

Gruß der Sonne

Aus den braunen Schollen springt die Saat empor, Grüne Knospen rollen tausendfach hervor.

Und es ruft die Sonne: »Fort den blassen Schein! Wieder will ich Wonne, Glut und Leben sein!

Wieder wohlig zittern auf dem blauen Meer Oder zu Gewittern führen das Wolkenheer!

In den Frühlingsregen sieben Farben streun Und auf Weg und Stegen meinen goldnen Schein!

Ruhn am Felsenhange, wo der Adler minnt, Auf der Menschenwange, wo die Träne rinnt!

Dringen in der Herzen kalte Finsternis, Blenden alle Schmerzen aus dem tiefsten Riß!

Bringt – ich bin die Sonne – an das Kerkertor, Was ihr habt gesponnen winterlang, hervor.

Alle finstern Hütten sollen Mann und Maus Auf die Aue schütten, an mein Licht heraus!

Mit all euren Schätzen lagert euch herum, Wendet eure Fetzen vor mir um und um!

Daß durch jeden Schaden leuchten ich und dann Mit dem goldnen Faden ihn verweben kann!«

Gottfried Keller

Morgenlied

Mit edlen Purpurröten Und hellem Amselschlag, Mit Rosen und mit Flöten Stolziert der junge Tag. Der Wanderschritt des Lebens Ist noch ein leichter Tanz, Ich gehe wie im Reigen Mit einem frischen Kranz.

Ihr taubenetzten Kränze Der neuen Morgenkraft, Geworfen aus den Lüften Und spielend aufgerafft – Wohl manchen ließ ich welken Noch vor der Mittagsglut; Zerrissen hab ich manchen Aus reinem Übermut!

Mit edeln Purpurröten Und hellem Amselschlag, Mit Rosen und mit Flöten Stolziert der junge Tag – Hinweg, du dunkle Klage, Aus all dem Licht und Glanz! Den Schmerz verlorner Tage Bedeckt ein frischer Kranz.

C. F. Meyer

Pförtners Morgenlied

Verschwunden ist die finstre Nacht, Die Lerche schlägt, der Tag erwacht, Die Sonne kommt mit Prangen Am Himmel aufgegangen. Sie scheint in Königs Prunkgemach, Sie scheinet durch des Bettlers Dach, Und was in Nacht verborgen war, Das macht sie kund und offenbar.

Lob sei dem Herrn und Dank gebracht, Der über diesem Haus gewacht, Mit seinen heilgen Scharen Uns gnädig wollt bewahren! Wohl mancher schloß die Augen schwer Und öffnet sie dem Licht nicht mehr; Drum freue sich, wer neu belebt Den frischen Blick zur Sonn erhebt!

Friedrich Schiller

Guter Rat

Des Morgens denk an deinen Gott, Des Mittags iß vergnügt dein Brot, Des Abends denk an deinen Tod, Des Nachts verschlafe deine Not!

Volksmund

Mittagsstille

Am Waldsaum lieg ich im Stillen, Rings tiefe Mittagsruh, Nur Lerchen hör ich und Grillen Und summende Käfer dazu.

Die Falter flattern im Kreise, Kein Blatt rührt sich am Baum, Die Gräser beugen sich leise, Halb wach ich, halb lieg ich im Traum.

Martin Greif

Um die dritte Stunde

Die dritte Stunde nachmittags, Das ist die _müde_ Stunde, Es geht das Zittern ihres Schlags Wie Lähmung in die Runde.

Da liegt sie stumm, die heiße Welt, Verschmachtet und begraben; Der Glutengott alleine hält Die Fackel noch erhaben.

Wie Wüstenodem tödlich drückt Sein schwüles Reich die Matten, Und von des Turmes Kuppel bückt Sich welk der müde Schatten.

Verlechzend ist auf dürrem Moos Das Flurgeräusch entschlafen, Die Welle schlürft gedankenlos Ums träge Schiff im Hafen.

Wie ein erschlagner Riese schweigt Die glühe Felsenflanke; Im Menschenhaupt hat sich geneigt Zum Schlummer der Gedanke.

Kein Laut ergeht, kein Hauch, kein Lied Gibt noch von Leben Kunde, Als ob der Erdengeist verschied Um diese dürre Stunde.

J. G. Fischer

Nach trübem Tage

Der Tag war trüb; nun will das Licht Im Scheiden noch den Gram besiegen; Es übt die alte Liebespflicht, Und Stadt und Hain im Schimmer liegen. Die Bäume standen schwer vergrollt, Als gäb es nirgends einen Retter – Nun brach hervor das Sonnengold Und leuchtet lächelnd durch die Blätter.

Hanns von Gumppenberg

Abendlied

Ich stand auf Berges Halde, als heim die Sonne ging, Und sah, wie überm Walde des Abends Goldnetz hing.

Des Himmels Wolken tauten der Erde Frieden zu, Bei Abendglockenlauten ging die Natur zur Ruh.

Ich sprach: »O Herz, empfinde der Schöpfung Stille nun, Und schick mit jedem Kinde der Flur dich auch, zu ruhn.«

Die Blumen alle schließen die Augen allgemach, Und alle Wellen fließen besänftiget im Bach.

Nun hat der müde Sylphe sich unters Blatt gesetzt, Und die Libell am Schilfe entschlummert taubenetzt.

Es ward dem goldnen Käfer zur Wieg ein Rosenblatt; Die Herde mit dem Schäfer sucht ihre Lagerstatt.

Die Lerche sucht aus Lüften ihr feuchtes Nest im Klee, Und in des Waldes Schlüften ihr Lager Hirsch und Reh.

Wer sein ein Hüttchen nennet, ruht nun darin sich aus; Und wen die Fremde trennet, den trägt ein Traum nach Haus.

Mich fasset ein Verlangen, daß ich zu dieser Frist Hinauf nicht kann gelangen, wo meine Heimat ist.

Friedrich Rückert

Der letzte Glanz

Vom Berge kamen wir daher Nach Sonnenuntergang; Tief unten stieg ein Nebelmeer Empor den Fluß entlang.

Wie dunkel drüben Wald und Rain, Schwarz dort die Felsenkluft! – Doch lag noch roter Sonnenschein Hoch oben in der Luft.

So scheidet alles – auch das Glück, Wenn’s dir entwichen ganz, Es läßt doch in der Luft zurück Noch einen letzten Glanz.

Adolf Bartels

Der Sandmann

Der Abendwind säuselt im Strauche der Schlehn. Die Herbstzeitlosen im Felde stehn.

Die Mondsichel blitzt aus ätherischem Blau, In den Wiesengräsern glitzert der Tau.

Auf der Landstraße zieht eine eigne Gestalt – Hat Flugsand zu Menschenleib sich geballt?

Was will denn der Wandrer abends noch spät, Daß er Körner ausstreut, wie ein Mann, der sät?

Sein Haupthaar ist Sand, und sein Vollbart ist Sand, Und in sandigen Falten fließt sein Gewand.

Von Sand ist sein Mantel, von Sand ist sein Hut, Nur die Augen schillern in grünlicher Glut;

Drin lodert bald grünlich, bald bläulich der Brand, Und es knistert sein Wandeln wie rieselnder Sand.

Vom wachsgelben Körper im Mondsichelschein Die Sandkörner glühn wie Geschmeid und Gestein.

Von fern aus milchweißem Nebelflor Tauchen Mauern und Türm einer Stadt empor.

Und er schlüpft, eine Welle sickert so fein, In die mondhellen Gassen durchs Tor hinein.

Durch die Fenster die Menschen er sitzen sieht, Beim Abendbrot und beim Abendlied.

Die Mutter erzählt im Kinderkreis Ein grusliches Märchen, flüsternd leis.

Da tönt von den Türmen Spätglockengeläut, Und der Sandmann ins Zimmer die Körner streut.

Er schleudert in Garben aus blinkender Hand, Wie ein Regen von Sternen, den goldenen Sand.

Und den Kleinen, pausbäckig und märchenfrisch, Sinken traumschwer die Wimpern über den Tisch.

Das sticht so dornig, das prickelt so spitz, Sie reiben die Augen, da leuchtet’s wie Blitz.

Die Mutter den Ruf aber schallen läßt: »Der Sandmann ist da! Flugs, Kind, ins Nest!«

Heinrich Vierordt

Maiabend

Amsel singt ihr letztes Lied Und versteckt ihr Köpfchen, Vom vergangnen Regen müd Sickert’s noch in Tröpfchen.

Zarte Frühlingswehmut webt Träumerisches Schweigen, Und ein süßes Sehnen schwebt In den dunkeln Zweigen.

Ferdinand Avenarius

Die Sonne liegt im Sterben

Die Sonne liegt im Sterben, da kommen allzumal In langen, weißen Kleidern die Wolken in den Saal.

Als alle sich versammelt an ihres Bettes Rand, Vermacht sie jeder Wolke ein feuerrotes Band.

Und mit den roten Bändern, wie prahlen sie so sehr! Und wenn die Sterne kommen, so hat es keine mehr.

Hermann von Gilm

Mailied

Ich sah dem Glanz der Sonne nach, Sie brückte ganz mit Gold den Bach.

Und als ihr Bild ich sah nicht mehr, Da glänzt’ es mild vom Rücken her.

Um wandt ich mich, der Mond ging auf. Die Sonn entwich; nun komm im Lauf!

Der Sonne Gold zerschmolz im Bach; Nun streu ihm hold dein Silber nach!

So zwischen Gold und Silberglanz, O flösse hold mein Leben ganz!

Friedrich Rückert

Sonnenuntergang

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir Von aller deiner Wonne; denn eben ist’s, Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne Voll, der entzückende Sonnenjüngling Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt’; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach, Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

Chr. Friedr. Hölderlin

Die Großmutter

Großmutter, wie wir noch Kinder waren, War selbst schon ein Kind mit schneeweißen Haaren, Nun hatte sie gar keine Freude mehr, Und bloß ihre Lampe liebte sie sehr.

Mit der hat sie immerfort was gesprochen. Und war kaum die Dämmrung angebrochen, Saß sie beim Tisch im Lampenlicht Und wackelte mit dem Runzelgesicht.

Und wollten wir Schlimmen sie abends erschrecken, Mußten bloß die Köpfe zur Türe reinstecken. Dann weinte sie: »Macht doch die Türe zu, Laßt doch die arme Lampe in Ruh!« –

Und hob die kleinen, verschrumpelten Hände Und hielt sie vors Lämplein wie eine Blende Und weinte: »Aber, aber! Ihr Schlimmen! Nein, nein! Macht doch zu! Ihr laßt ja das Dunkel herein!«

Aber einmal, da sind wir’s nicht gewesen, Und die Lampe war doch erloschen gewesen, Und die Tür stand auf und der Tag war schon licht, Und Großmutter saß und rührte sich nicht ...

Hugo Salus

Mondaufgang

Seltsam in den Büschen Schatten und fahles Licht – Sie stehen rings um mich herum mit fragendem Gesicht,

Sehn alle ernst zum Monde hin – der steigt aus der Erd empor, Steigt wie eines toten Königs Geist aus seiner Gruft hervor

Blickt groß und traurig um sich her – da wandelt’s bleich übers Feld, Wird alles eine andere, wird wieder seine Welt.

Ferdinand Avenarius

Feierabend

In einen brennenden Abendhimmel aus Staub und Dunkel steigt der Dom. Seine Glocken läuten. Die kleinen Linden stehen schwarz, vor ihren Türen sitzen die alten Leute. Feierabend! Die Gassen schweigen. Die Glut erlischt, am Himmel leise ziehn die ewigen Sterne auf.

Arno Holz

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille Und in der Dämmrung Hülle So traulich und so hold! Als eine stille Kammer, Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? – Er ist nur halb zu sehen Und ist doch rund und schön! So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder Sind eitel arme Sünder Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns _dein_ Heil schauen, Auf nichts Vergänglichs trauen, Nicht Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Mathias Claudius

Der Abendfriede

Es saßen zwei alte Leute, Mann und Frau, auf der Steinbank vor ihrem Häuschen; zwei steinalte Leute. Sie waren schon so lange miteinander verheiratet, daß sie sogar die goldene Hochzeit gefeiert hatten, und das will schon etwas sagen.

Recht würdige alte Menschen geben immer ein rührendes Bild ab! Sie gleichen ein wenig jenen hohen, einsamen, schneeweißen Alpengipfeln, die man auch nie ohne tiefe Rührung sehen kann: so spärlich und einsam stehen sie unter den zahlreichen Häuptern jüngerer Geschlechter, so still und ernst und groß muten sie an, so weit vermag ihr Blick in die Ferne zu schweifen; und wie jene entbehren sie den Schmuck blühender, schwellender Lebenskraft: weiß liegt es auf ihrem Scheitel, und runzlig ist ihre Haut wie der zerrissene und zerklüftete Fels der Firnen. Besonders rührend aber ist ein altes Ehepaar, welches durch ein ganzes Leben mit Leid und Lust wie zu einem einzigen Menschen zusammengeschmiedet worden ist, so daß Mann und Frau gar nicht mehr fühlen, wie sie sich lieb haben.

Sie saßen beide ganz still; denn die Stunde war nahe, wo der Abendfriede durch die Luft zieht, und da wird es in jedem Herzen still, am meisten aber bei alten Leuten.

Sie dachten an dies und das, an die Vergangenheit und an die Zukunft.

Die laue Sommerabendluft strich um das Häuschen so weich wie Kinderatem. Über die Wiesen und Äcker mit dem grünen Sammet und dem gilbenden Ährensegen zog sich der Widerschein der Abendröte; die Grillen zirpten, die letzten Lerchen wirbelten im Trichterfluge zu ihren Nestern nieder, und ferne begannen die Geisterrufe des Wachtelkönigs.

Im Dorfe scholl munterer Kinderlärm und über allem Irdischen in hoher Luft Glockenläuten, das Läuten der Feierabendglocken.

Immer stiller ward es; die Glocken verklangen, das Abendrot verglühte, und jetzt tauchte blitzend an dem dämmernden Himmel der erste Stern auf.

Da kam er, der Abendfriede. Von dem Stern flog er her, schnell wie das Licht fliegt, ganz etwas Unsichtbares. Wenn einmal einen Augenblick gar nichts weiter zu hören war, selbst nicht das leise Wehen des Windes, dann spürte man im Ohr ein Flügelrauschen, aber ganz schwach; das kam von ihm. Er war eine Art Engel und der blinkende Stern droben seine Wohnung.

Er blieb heute lange bei den zwei alten Leuten; er schwebte um sie, und so oft er über sie hinstrich, schüttelte er ein wenig die Flügel, da rieselte es auf sie nieder, wunderbare Tropfen der Erquickung, daß ihnen das Herz freudiger schlug als sonst.

»Es ist doch schön auf Gottes Welt, Gertrud,« sagte der alte Mann; »es will mir gar nicht recht zu Kopf, daß wir nun bald fort müssen. Ich glaube, ich könnte dreimal so alt werden, wie ich bin, und ich würde mir nicht wünschen, meines Leibes ledig zu werden.«