Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben
Part 9
Den nächsten Morgen mußte meine Mutter frühzeitig aus dem Hause. Nachdem das magere Frühstück vorbei war, setzte sich mein Bruder an den Tisch und rief meine zwei kleinen Brüder zu sich heran.
»Was steht ihr da und faulenzt?« schrie er. »Wo sind die Bücher?« Sie brachten darauf einige schmierige Bücher aus einer Ecke hervor und setzten sich zu ihm. Mein Bruder fing dann an, mit ihnen zu lernen, wobei er furchtbar grob war und die Buben bei den geringsten Kleinigkeiten abohrfeigte. Als er aber einmal dem Kleineren von den beiden wegen nichts einen festen Rippenstoß versetzte, da sprang ich auf und stellte mich mit geballten Fäusten vor ihn hin.
»Rühr' ihn nicht mehr an!« schrie ich; darauf verfiel mein Bruder in eine schreckliche Wut.
»Das ist wohl dein Dank,« brüllte er, »daß ich meine ganze Karriere verpfusche, um Zeit zu haben, die Buben zu erziehen, ein Ding, das ihr allerdings überflüssig findet. Denkst du, ich könnte es mit ansehen, wie sie aufwachsen und gerade solche Gauner werden, wie ich einer geworden bin, weil ich keine Erziehung gehabt habe ...? Wo seid ihr, ihr Hunde?« schrie er und wandte sich wieder zu den Büchern; aber während er mit mir gesprochen hatte, waren die Jungen davongelaufen. »Da siehst du es,« sagte er, »das Lernen fürchten sie wie den Teufel. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamme. Die Buben sind um kein Haar besser als ihr ehrenwerter Erzeuger; doch ich habe mir vorgenommen, etwas Ordentliches aus ihnen zu machen, und will sehen, wer Herr im Hause ist.«
Er schimpfte dann noch eine Weile über meinen unbegreiflichen Blödsinn, die Lausbuben zu unterstützen, worauf er nach einem abgegriffenen Filzhut griff und verschwand.
Als er fort war, kam mein Vater herein, der, wie ich sehen konnte, so viel als möglich das Zusammensein mit meinem Bruder vermied.
»Was machst du jetzt?« frug ich ihn, als er sich eine große blaue Schürze vorband.
»Ich räume das Zimmer auf, und dann werde ich kochen.« Er nahm einen Besen zur Hand und fing an, den Boden zu fegen. Am liebsten hätte ich ihm diese Arbeit abgenommen, doch war die Schwäche in meinen Knien so groß, daß ich mich kaum aufrecht halten konnte. So blieb ich auf dem Bett sitzen und beobachtete ihn.
»Hast du schon daran gedacht,« frug ich nach einer Weile, »wohin ich eigentlich gehen soll?«
»Ja, am besten wäre es, wenn du aufs Land gehen könntest.«
»Das dürfte aber nicht zu teuer sein.«
»Du könntest zur Mühle hinausfahren. Ich habe den Onkel letzte Woche getroffen, sie würden dich gern für einige Zeit oben haben.«
Meine Freude war ungemein groß, ich war seit vielen Jahren nicht mehr dort gewesen, und der Gedanke, wieder einmal durch jene Wiesen wandeln zu können, erfüllte mich mit Entzücken.
»Nur,« sagte mein Vater und kratzte sich verlegen am Kopf, »der Postwagen ist etwas teuer ... vier bis fünf Kronen wird es schon kosten; doch ich muß eben schauen, daß ich es aufbringen kann.«
»Das ist nicht nötig, soviel Geld habe ich selbst.«
»Dann wären ja keine weiteren Schwierigkeiten. Wenn du mir sagst, wann du fahren willst, so werde ich gleich schreiben.« Am liebsten wäre ich schon sofort gefahren, da ich jedoch die guten Leute nicht überraschen wollte, wartete ich eine Woche. In dieser Woche litt ich ungemein. Die Streitigkeiten, die jeden Augenblick zwischen meinem Vater und meinem Bruder ausbrachen, machten mich halb wahnsinnig vor Angst. Ich begrüßte den Tag meiner Abreise mit inniger Freude und verbrachte fünf stille Wochen bei den nun schon recht alten Verwandten meiner Mutter. Die reine, würzige Luft, im Bunde mit der Sonne und der feierlichen Stille ringsum tat ihre Schuldigkeit, und ich konnte nun schon größere Strecken gehen, ohne daß die Schmerzen in den Knien wiederkehrten.
Sobald es anfing, besser mit mir zu werden, frug ich mich, was nun geschehen solle. Der Gedanke, zu Hause zu bleiben, war mir unerträglich, und doch hielt ich es für meine Pflicht, meine Eltern in ihrer bedrängten Lage nicht zu verlassen. Ich grübelte hin, ich grübelte her, doch ich konnte keinen Ausweg finden. »Ich muß zu Hause bleiben,« sagte ich mir immer zum Schluß, »und je eher ich anfange zu verdienen, desto besser wird es sein.« Mit diesem Entschlusse kehrte ich nach Wien zurück. Die Verhältnisse meiner Eltern waren natürlich noch dieselben, und ich bemühte mich sofort um eine Stelle, um zu dem allgemeinen Unterhalte beitragen zu können. Nach einigem Suchen fand ich eine Nachmittagsstelle, zu einem neunjährigen Knaben, dessen Mutter aus Amerika herübergekommen war und bis Januar in Wien zu bleiben gedachte.
Doch wie tapfer ich mich auch hielt und wie sehr ich mich auch bestrebte, zufrieden zu sein, so war ich hiervon weit entfernt. Nach und nach fühlte ich das allgemeine Elend, besonders aber die aufregenden Szenen schwer, die mein Bruder immer hervorrief. Sie erschütterten meine nur halb hergestellte Gesundheit, und mit Schrecken bemerkte ich, wie die alte Schwäche mich wieder befiel. -- Wenn ich des Abends von meiner Stelle kam, setzte ich mich gewöhnlich an das kleine Fenster und starrte in den engen Hof hinaus, der von hohen grauen Mauern eingeschlossen war und als Dach ein Stückchen Himmel trug. Oft genug geschah es, daß ich noch dort saß, wenn Hof und Himmel längst nicht mehr sichtbar waren und nur das kalte weiße Licht einer einzigen Gaslaterne zaghaft durch das Dunkel brach. War ich aber einmal allein, dann weinte ich jenes wilde, verzweifelte Weinen, daß trotz seiner Herbe beruhigt und erlöst. Meine Mutter sah mich oft mit trüben, bekümmerten Augen an, doch hatte ich auf ihre stummen Fragen nur ein verstocktes Lächeln. Sie wußte ja nicht, daß mich noch eine andere Qual erfüllte als die Armut, die wir alle teilten. Sie kannte ihn ja nicht und hätte überhaupt das alles nie begriffen. -- So litt ich weiter und litt unsäglich. Manches Mal kam ein Brief von ihm, kühle, höfliche Zeilen mit der lässig hingeworfenen Frage, was ich denn eigentlich zu tun gedächte. Ich las den Brief tausend und tausendmal, verbarg ihn wie ein köstliches Kleinod, und sann mit einem blöden, hilflosen Staunen über die wunderbare Zäheit und Demut einer Mädchenliebe ... Und einmal in diesem vergeblichen Sinnen erinnerte ich mich plötzlich der kleinen Geschichte, die er mir zum erstenmal zum Lesen gab, »Morgans«. -- Der Mann mit den unruhigen Begierden, der Träumer, der Idealist, der Eroberer, der Verächter, zuletzt besiegt von der Tugend eines reinen Mädchens. Noch während ich darüber grübelte, überkam mich eine tiefe, seltsame Ruhe. --
»Wäre es nicht viel besser,« sagte ich am Abend desselben Tages zu meiner Mutter, »wenn ich wieder ganz in Stelle ginge? Ich könnte euch ja mein monatliches Gehalt schicken, so wäre eines weniger, und der Zuschuß bliebe derselbe.« Meine Mutter blickte mich rasch und unsicher an. »Du willst wohl,« sagte sie in einer eigentümlichen, zögernden Weise, »wieder nach Budapest?« Mir schlug das Herz bis zum Halse, doch ich zuckte mit keiner Wimper.
»Nein, ich will nach England.«
Erst schien es, als ob sie erleichtert wäre, als ob sie sich in einer schlimmen Befürchtung getäuscht hätte, doch dann nahm ihr Gesicht wieder den vorigen Ausdruck an.
»Ja, es wäre das beste,« sagte sie mit der müden, gequälten Stimme aller Hoffnungslosen. --
Ich wartete, bis alle schliefen, dann schrieb ich an meinen Freund. In zitternder, nervöser Hast die Worte wiederholend und überstürzend, bat ich ihn um das Reisegeld nach England. -- Zwei Tage später kam sein Brief. Dieses Mal so voll von Güte, Umsicht und Bereitwilligkeit, daß mir beim Lesen die Tränen in die Augen stürzten. Ob ich ihn nicht noch einmal sehen wollte, frug er mich zum Schluß, aber dagegen sträubte sich alles in mir. Ich kannte die Macht seiner Augen und zitterte für meinen so schwer errungenen Sieg.
London, schreckliches, herrliches, furchtbares London! Wie ein Ungeheuer liegt es da und streckt Millionen Fangarme nach Millionen Richtungen zu gleicher Zeit. -- Betäubt, vernichtet schritt ich dahin, fast ohne jedes Gefühl und ohne jeden Gedanken, gänzlich überwältigt von dem allgemeinen Eindruck. Nur wenn ich einen kleinen blassen Zeitungsjungen durch das Gewirr der Wagen schlüpfen sah, wie er für eine kleine Kupfermünze wohl hundertmal sein Leben wagte, zuckte ich zusammen. -- Aber wenn er auch von den Gummirädern eines Autos zermalmt, von den Hufen eines Pferdes zerstampft worden wäre, was läge daran? ... Die Riesenwoge des Vergnügens und des Verderbens würde weiterrollen, und nur vielleicht in einem einzigen kleinen Zimmer, das niemals Licht noch Wärme hatte, würde ein zerlumptes bleiches Weib noch einen Schatten bleicher werden, wenn beim Morgengrauen der Knabe noch nicht wiederkam ... Als ich das begriff, da war es mir plötzlich als sähe ich den, dem wir goldene Altäre bauen und jeden Sonn- und Feiertag Weihrauch brennen, betrunken in einer Laube liegen ... und da hätte ich meine Hände in seine schwarzen rollenden Locken graben und ihn rütteln und schütteln mögen, bis er ernüchtert und erwacht ... Blitzartig, wie sie kam, verschwand diese Vision. Ein Seidenkleid rauschte, ein Silberhorn pfiff, und Leute neben mir lachten ... Nun spürte ich, daß ich fror und daß ich müde war und tat Fragen nach einer Unterkunft. Als ich nach stundenlangem Herumwandern endlich ein billiges Mädchenheim gefunden hatte, konnte ich mich kaum mehr auf den Füßen halten. Das Heim war ein deutsches Heim. In das Zimmer der Vorsteherin geführt, blieb ich einige Sekunden auf der Schwelle stehen, so angenehm und wohltuend berührte mich der Anblick. Das Gemach war mit Kissen und Fellen weichlich ausgestattet und von einem hellflackernden Kaminfeuer behaglich durchwärmt. Auf einem kleinen Tisch standen frische Blumen, und ein gelber Vogel wiegte sich in einem weißen Ring. Ganz nahe bei dem Ofen saß mit Tüchern auf den Schultern und mit Tüchern auf den Knien eine Dame mit ergrautem Haar. Am liebsten hätte ich mich in einen der Stühle gesetzt, die Augen zugemacht und kein Wort gesprochen; aber die alte Dame bedeutete mir, mich nicht zu setzen, da meine nassen Kleider die Überzüge beschmutzen könnten, und stellte dann einige Fragen, die ich mir Mühe gab, so gewissenhaft als möglich zu beantworten. »Sie wollen also eine Stelle?« frug sie.
»Ja.«
»Und während Sie Stelle suchen, hier wohnen?«
»Ja.«
»Sie hätten keinen besseren Platz finden können als unser frommes Heim; doch ehe ich Sie als Mitbewohnerin betrachte, muß ich Sie fragen: haben Sie genug Geld, um die Pension wenigstens zwei Monate lang bezahlen zu können, da Sie darauf rechnen müssen, eventuell so lange ohne Posten zu sein? Dieses Heim ist ein sehr ehrenwertes Haus, und ich könnte nicht daran denken, eine fragliche Person aufzunehmen.«
Da mir mein Freund außer dem Reisegeld noch eine größere Summe geschickt hatte, so glaubte ich, ihre Frage bejahen zu können; doch innerlich war ich fest entschlossen, mich, wenn es irgendwie ginge, in diesem frommen Hause zwei Monate nicht aufzuhalten. Als alles zur Zufriedenheit der Vorsteherin erledigt war, drückte sie auf eine Klingel und befahl dem eintretenden Mädchen, mich in mein Zimmer zu führen. Dieses Mal brauchte ich meiner nassen Sachen wegen nichts zu befürchten. Das Zimmer war kalt und grau und schien so feucht wie die Straßen selbst. Es enthielt einige Schränke, die in die Wände eingelassen waren, einige Waschtische und acht Betten.
»Sind die hier alle besetzt?« frug ich.
»Natürlich!« sagte das Mädchen und sah mich erstaunt an. Nach und nach füllte sich das Heim mit Mädchen jeden Alters, und als es zum Abendbrot läutete, versammelten sich im Speisesaal an zweihundert Mädchen. Nach dem Essen, bei dem es sehr geräuschvoll zuging, hatten wir uns in ein anderes Zimmer zum Gebet zu begeben. Auf einem Fußschemel, die Augen andächtig zur Decke gewandt, kniete die Dame, die mich in das Heim aufgenommen hatte. Sie begann Gebete herzusagen, die wir nachsagen mußten, und zum Schlusse wurde ein frommes Lied gesungen. Darauf faltete die Vorsteherin noch einmal ihre weißen Finger. »Lieber Gott,« sagte sie, »gedenke aller jungen Mädchen, die sich ohne Schutz und Schirm (und ›ohne Geld‹, dachte ich) in London befinden. Leite sie, damit sie nicht straucheln, und reiche ihnen Deine hilfreiche Hand, wenn sie schon gestrauchelt sein sollten. Gütiger Gott, wir bitten Dich, erhöre unser inniges Flehen, erleuchte die Verblendeten, beschütze die Verfolgten! Amen!«
Sie sah recht würdevoll aus, als sie ihr weißes Haupt ergebungsvoll neigte und ganz in Gebet versunken schien. Nach einigen Sekunden erhob sie sich und schritt hinaus. Die Mädchen drängten sich lachend und lärmend nach und suchten ihre Schlafstuben auf; auch ich begab mich in das Gemach, in dem man mir mein Bett gezeigt hatte, und lernte nun meine Zimmergenossinnen kennen. Die Mädchen gefielen mir nicht. Sie lachten unaufhörlich und erzählten sich widrige Geschichten. Wie ich aus ihren Gesprächen entnehmen konnte, waren sie fast alle Hotelmädchen und kamen aus der Schweiz.
»Sind Sie erst heute angekommen?« frug mich jemand.
Ich wandte mich der Sprecherin zu und sah, daß sie ein Mädchen in meinem Alter war. Ohne daß ich wußte, warum, fragte ich mich, ob sie hübsch sei oder nicht. Während ich ihre Frage beantwortete, dachte ich über die mir selber vorgelegte nach und entschied endlich, daß sie hübsch sei. Sie hatte große glänzende Augen und dichtes dunkelbraunes Haar. Ihr Gesicht war gut geschnitten, doch lag etwas darin, woran ich mich nicht gewöhnen konnte; was es aber war, wußte ich nicht. Sie stellte einige Fragen an mich, und ich bat sie mir zu sagen, ob ich wohl bald eine Stelle finden könnte.
»Welche Art Stelle beanspruchen Sie?«
»Das ist mir alles eins.«
»Da Sie nicht wählerisch zu sein scheinen, können Sie leicht etwas bekommen.«
Später sah ich, daß sie meine Bettnachbarin war. Sie gefiel mir von allen Mädchen am besten.
Als sie sich endlich schlafen legte, rieb sie sich die Hände mit Glyzerin ein, das war alles. Die anderen gingen viel umständlicher mit ihrer Nachttoilette vor. Sie nahmen unter Kichern und Scherzen ihre falschen Zöpfe und noch manches andere Falsche ab, warfen die Sachen auf ihre Betten und sprangen darauf herum. Um zehn Uhr mußte das Licht ausgelöscht werden, doch ruhig wurde es darum noch nicht. Die Mädchen hatten sich viel zu sagen, und jedesmal, wenn mir die Augen zufallen wollten, weckte mich lautes Lachen. Nach und nach aber wurden die Geschichten kürzer, die Scherzworte seltener, und zum Schluß schliefen sie alle den tiefen, festen Schlaf der Sorglosigkeit. Trotz des Unbehagens, das mir die Mädchen einflößten, war ich doch glücklich, endlich einmal ausruhen zu dürfen, und während ich auf deren Atemzüge lauschte, füllte sich meine Seele mit andächtigen Gedanken ...
Den nächsten Morgen hatten wir uns wieder zum Gebet zu versammeln, und ich merkte, daß es anderer Natur war als das Abendgebet.
Jedes von den Mädchen bekam eine Bibel, und nachdem wir alle einen Kreis gebildet hatten, las die Vorsteherin eine Stelle daraus vor, und die andern mußten weiterlesen. Als die Reihe an mich kam, las ich: »Und der Priester soll des Blutes nehmen vom Schuldopfer und dem Gereinigten auf den Knorpel des rechten Ohres tun und auf den Daumen seiner rechten Hand, und auf den großen Zehen seines rechten Fußes.«
Zum Schlusse flehte die Vorsteherin wieder den Schutz des Höchsten für unbeschützte Mädchen herab, und dann waren wir für den Rest des Tages frei.
Sobald ich mich von den Knien erhoben hatte, schritt ich auf die Vorsteherin zu und bat sie, mir eine Adresse zu geben, bei der ich mich um eine Stelle bewerben konnte. Sie forderte mich auf, ihr zu folgen. In ihrem Zimmer angelangt, setzte sie sich würdevoll und sah mich nachdenklich an.
»Sie wollen,« sagte sie, »sich schon heute um eine Stelle umsehen, eine Eile, die ich ganz gut begreifen kann. Da ich aber die Verantwortung für Ihre Seele übernommen habe, so darf ich diese ernste Angelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen meinen mütterlichen Rat zu geben. Es kommen so viele Mädchen nach London, die voll Unschuld und Herzensreinheit die Heimat verlassen haben und die oft ganz anders zurückkehren. Ich will Sie darum auf die Gefahren aufmerksam machen, die Sie hier stündlich bedrohen, und Sie bitten, den Beistand des Höchsten anzuflehen, damit er Sie im richtigen Augenblicke warne und schütze. Wollen Sie mir das versprechen?«
Ich versprach alles.
»Da wären nun einige Adressen, an die Sie sich wegen einer Stelle wenden können, und ich hoffe, daß Sie in den Schoß einer gottesfürchtigen Familie aufgenommen werden.«
Ich bedankte mich für den Zettel, den sie mir überreichte, sprang, als ich aus dem Zimmer war, die Treppe hinauf und holte mir meinen Hut und meine Jacke. Einige von den Mädchen setzten sich gerade ihre Hüte auf. Sie frugen mich, wohin ich ginge. Ich beantwortete ihnen dies, worauf sie mir erklärten, daß sie dieselben Absichten hätten, und mir ihre Begleitung anboten, da sie, wie sie sagten, den Weg genau wüßten. Obwohl ich ihnen hierfür recht dankbar war, ärgerte ich mich doch darüber, daß sie so lange zum Aufsetzen ihrer Hüte brauchten. Im Zimmer befand sich nur ein einziger Spiegel, und um den standen sie alle herum und steckten sich die Hutnadeln, von denen sie ungeheure Mengen hatten, mit großer Bedachtsamkeit in den Hut. So oft ich hoffte, daß sie endlich fertig seien, behaupteten sie, sie sähen heute schlecht aus, zogen die Nadeln wieder heraus und steckten den Hut tiefer oder höher, je nachdem sie glaubten, dadurch hübscher zu erscheinen. Ich stand, mit meinem bescheidenen Hute schon auf dem Kopfe, und fühlte eine schreckliche Ungeduld. Ich sehnte mich danach, das Heim zu verlassen, und dazu brauchte ich so schnell wie möglich eine Stelle. Diesen Wunsch schienen die andern Mädchen allerdings nicht zu teilen. Sie waren anscheinend dort zufrieden, ja sogar glücklich, und sorgten sich offenbar wegen einer Stelle nicht im geringsten. Eine sehr lange Blondine, die alle anderen überragte, hatte ihrem großen, durchsichtigen Hute ein paar kühne Bogen gegeben, setzte ihn auf und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.
»Denkt ihr, daß er mir so steht?« wandte sie sich an die anderen. Sie mußte sich darauf nach allen Seiten umdrehen, und zum Schluß versicherten alle, daß der Hut famos sei. Ich fand gerade, daß sie scheußlich aussah, als sie sich plötzlich nach mir umdrehte und sagte: »Machen Sie vorwärts, Kleine, wir sind schon fertig.«
»Ich bin schon lange fertig,« antwortete ich erstaunt.
Jetzt war das Erstaunen an der Blondine.
»Sie meinen doch nicht, daß Sie so wie Sie sind ausgehen wollen?«
»Natürlich.«
Alle lachten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatten, sagte eines der Mädchen: »Sie kennen, wie es scheint, die Verhältnisse nicht, und wir müssen darum etwas für Sie tun. In diesem Aufzuge werden Sie in Ihrem Leben keine Stelle bekommen, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«
»Aber was soll ich denn tun?«
»Laßt sie doch,« warf die Blondine ein, »wer ›Schick‹ nicht in sich hat, wird ihn nie lernen.« Das schien den anderen ebenfalls einzuleuchten, und sie sprachen nichts mehr zu mir.
Endlich hatten nun alle ihre Hüte auf und suchten in ihren Körben und Koffern nach einem Paar Handschuhe, die keine Löcher hatten, nach einem reinen Taschentuch und dergleichen Dingen mehr.
Endlich, endlich setzte sich der Zug in Bewegung; ich hielt mich auf der Straße hinter den Mädchen, weil ich dachte, sie schämten sich meiner. Die Bemerkung der einen aber, sie könne es mir schriftlich geben, daß ich in meinem Aufzuge keine Stelle bekommen würde, verfolgte und peinigte mich, da ich unmöglich lange ohne Stelle sein durfte, wenn ich nicht die Hilfe meines Freundes noch einmal in Anspruch nehmen wollte. Und das wollte ich auf keinen Fall. Ich hatte ihm bis jetzt nur einige Karten von der Reise geschickt, nahm mir aber vor, ihm ausführlich zu schreiben, sobald ich über die Verhältnisse etwas mehr Bescheid wußte. Mit diesen Gedanken beschäftigt, schenkte ich meiner Umgebung weniger Aufmerksamkeit, nur einmal, als wir über eine mächtige Brücke gingen, blieb ich stehen und betrachtete entzückt einen Schwarm grauweißer Vögel, dergleichen ich früher nie gesehen hatte. Es waren Möwen. -- Nach vielem Herumwandern, das mich recht müde machte und mir meine Schmerzen in den Knien in Erinnerung brachte, hielten die Mädchen vor einem großen Hause und drängten sich hinein. Das Zimmer, in das ich ihnen folgte, war ziemlich geräumig, und auf den Stühlen und Bänken saßen Mädchen, die anscheinend auch Stelle suchten. Am Schreibtisch hatten eine ältere Dame und ein junges Mädchen Platz genommen, die emsig in großen Büchern schrieben. Die Mädchen wurden der Reihe nach vorgerufen, und nachdem diejenigen, die wir bei unserem Eintritt vorgefunden hatten, gegangen waren, kam die Reihe an uns. Die Blondine trat zuerst vor und setzte sich mit sehr viel Würde auf den Stuhl. »Was ich will,« sagte sie auf die Frage der älteren Dame, »ist eine Stelle, die mir genug Zeit läßt, meine Bekannten bei mir und außerhalb des Hauses zu sehen; ferner übernehme ich nur ein Kind, das nicht unter sechs und nicht über zwölf Jahre sein darf.« Die jüngere der beiden am Schreibtische machte eifrige Notizen. Die ältere lächelte freundlich und erklärte, daß sie gerade nichts Passendes hätte. Darauf verließ die Blondine ihren Sitz mit einem Achselzucken, und eine andere setzte auseinander, was sie wolle und was sie nicht wolle. Auch ihr wurde mit demselben höflichen Bedauern gesagt, daß nichts Passendes da sei. Nachdem jede aufgerufen war und keine etwas bekommen hatte, verließen sie das Zimmer gemeinsam und taten, als ob ich gar nicht da wäre.
Als sie fort waren, atmete ich erleichtert auf und begab mich nun auch zum Schreibtisch.
»Sie sind wohl erst angekommen?«
»Gestern.«
»Ich vermute, daß Sie die Reise angegriffen hat, weil Sie so blaß aussehen.«
»Ich bin immer blaß.«
»Welches sind Ihre Ansprüche?«
»Ich habe gar keine Ansprüche, ich möchte nur recht bald irgendeine Stelle haben.«
»Besitzen Sie Zeugnisse?«
Ich reichte ihr mein Zeugnis aus Budapest, und sie las es aufmerksam durch. Dann faltete sie es zusammen und sah mich nachdenklich an. »Würden Sie Hausarbeit scheuen?«
»Nicht im geringsten,« antwortete ich, und neue Hoffnung erfüllte mich. Sie langte nun nach einem der großen Bücher und blätterte eine Weile darin.
»Würden Sie aufs Land gehen?«
»Mit größtem Vergnügen.«
Darauf nickte sie eifrig und zeigte mit dem Finger auf eine Stelle im Buch.
»Hier wäre etwas, das Ihnen sicher gefallen würde. Die Dame sucht ein Deutsch sprechendes Mädchen, das sich nicht scheuen würde, alle Arbeiten im Hause zu verrichten und zu gleicher Zeit eine Gesellschafterin für ihre vierzehnjährige Tochter abgeben würde. Es ist auch eine junge Französin da, die ebenfalls bei der Arbeit hilft. Was sagen Sie dazu?«
Ich dachte an die acht Betten und die Mädchen im Heim und sagte, daß ich glücklich sein würde, die Stelle zu erhalten.
»Die Dame hat versprochen, heute um zwei Uhr wiederzukommen. Wenn Sie warten wollen, können Sie selber mit ihr sprechen.«
Ich verbarg mein Entzücken so gut als ich konnte und nahm meinen früheren Stuhl wieder ein, nachdem ich erklärt hatte, daß ich gerne warten würde. Nach ungefähr einer Stunde kam die Dame. Sie zählte vielleicht vierzig Jahre und sah recht gütig aus. Sie wiederholte nur, was ich schon gehört hatte, und ich war mit allem einverstanden. Zum Schluß gab sie mir ihre Karte mit Namen und Adresse und bestimmte den zweitnächsten Tag für meinen Eintritt in ihr Haus. Als alles verabredet war, reichte sie mir zum Abschied die Hand; doch plötzlich schien ihr etwas einzufallen und sie zog sie wieder zurück. »Haben Sie schon zu Mittag gegessen?« frug sie mich, und ich verneinte der Wahrheit gemäß.