Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben
Part 10
»Dann müssen Sie mit mir kommen.« Darauf hieß sie mich in den Wagen steigen, in dem sie gekommen war. Einige Minuten später hielten wir vor einem Restaurant, und meine Dame frug mich, was ich essen möchte. Ich erwiderte, daß mir das ganz gleich sei, worauf sie mir ein gutes Essen bestellte und sich anscheinend über meinen guten Appetit freute. Als ich fertig war, führte sie mich wieder auf die Straße und sah sich nach einem der roten Motorwagen um, der mich ins Heim zurückbringen sollte. Sie fand auch bald, was sie suchte und bat den Kondukteur, auf mich acht zu geben und mich aufmerksam zu machen, wenn es Zeit sei, abzusteigen. Dann grüßte sie mich noch einmal recht freundlich, und ich fuhr ins Heim.
Dort angekommen, ging ich sofort zur Vorsteherin und erzählte ihr von meinem Glücke. Sie sah mich zweifelnd an. »Die Sache gefällt mir nicht, es ging zu schnell; doch alles, was wir tun können, ist, der Güte des Herrn zu vertrauen.« Ich versicherte sie, daß ich das täte, ging dann in das Schlafzimmer und schrieb einen langen Brief an meinen Freund. Gegen Abend kamen die Mädchen zurück, mit denen ich am Morgen fortgegangen war. Sie fragten mich höhnisch, ob ich schon eine Stelle habe. Als sie erfuhren, daß dies der Fall sei, bestürmten sie mich mit Fragen, und ich erzählte, was ich wußte. Nachdem ich geendet, zuckte die Blondine wieder die Achsel: »Das ist eben eine Stelle als Küchenmädchen, so etwas könnte ich auch bekommen, aber zum Kochen und Waschen bin ich denn doch zu gut,« und während sie das sagte, gab sie ihrem Hut eine neue Fasson.
Der kleine Ort, wo meine neue Dame wohnte, liegt ungefähr zwei Stunden von London entfernt, an der Themse. Die Dame selbst holte mich vom Bahnhofe ab, und das Haus, in das sie mich führte, steht abseits von den andern Gebäuden, und zwar hart am Rande des Wassers. Unter leutseligem Geplauder brachte sie mich in ein ziemlich großes Zimmer und bedeutete mir, daß das mein Zimmer sei. ... Allein gelassen, schaute ich mich um. Die niederen Wände waren mit einer freundlichen hellgrauen Tapete bekleidet, und das schwarze massive Eisenbett trug eine Decke in derselben Farbe. In einer Ecke stand ein Waschtisch mit einer grau geäderten Marmorplatte und einem weißen Waschgeschirr. Rechts davon befand sich ein Tisch und ein Stuhl. Das Zimmer hatte zwei Fenster. Eines davon ging in den Hof; der Blick dahin aber wurde durch das weit vorspringende Dach eines Schuppens aufgehalten. Doch war dieses Dach so dicht und so schwer mit einer großblätterigen Schlingpflanze bewachsen, daß es einem förmlichen Walde glich und ich mich später an den Farbenwandlungen vom zartesten Grün bis zum brennendsten Rot nie satt sehen konnte. Das andere Fenster ging auf den Garten hinaus, der sich bis hinunter zum Fluß erstreckte. Auf dem anderen Ufer dehnten sich weite Wiesen von einem tiefen gleichmäßigen Grün. Es war dieses Fenster, an das ich mich lehnte und hinausschaute, nachdem ich mit einem langen, erlösenden Atemzuge die Reinlichkeit und Behaglichkeit des Zimmers festgestellt hatte. Ich schaute auf die Themse, von der ich als Kind gehört hatte und derentwegen ich in der Schule so oft Schläge bekam, weil ich nie wußte ob London oder Paris an ihren Ufern lag. Ich blickte auf den langen, grünen Rasen, der so weich und lässig lag, unberührt von einer Menschenhand, die etwas aus ihm gewinnen wollte. Wie weit mein Auge reichte, sah ich keinen Strauch und keinen Baum, nur das grüne unbenützte Land, das ein Gepräge der Wohlhabenheit und der Stille trug. Ich empfand diese Stille so wohltuend, und unwillkürlich faltete ich die Hände.
»Leben,« sagte ich ganz leise, »Leben, wunderbares Leben.« Denn wunderbar fand ich es trotz der schweren Müdigkeit in allen Gliedern und der brennenden Sehnsucht in meiner Brust. --
Später wurde ich hinunter gerufen und lernte die Tochter des Hauses, sowie die Französin kennen. Erstere sprach Deutsch, letztere nicht. Da ich aber kein Französisch verstand, sprachen wir beide Englisch, und zwar beide schlecht. Die Französin war, wie ich bald herausfand, ein sehr oberflächliches Mädchen. Sie haßte förmlich die Arbeiten, die wir gemeinsam in Küche und Zimmer zu verrichten hatten, und trotz ihrer Jugend, sie zählte erst siebzehn Jahre, hatte sie schon eine Menge Liebschaften hinter sich. Jedesmal wenn wir Teppiche klopften, das Geschirr wuschen, Kleider oder Schuhe reinigten, erzählte sie mir von den Männern, die ihren Weg gekreuzt hatten und mehr oder weniger für ihr Leben verhängnisvoll geworden waren. Hatte sie aber alles ausgekramt, und auch über ihre letzte Eroberung, einen Krämer oder einen Apothekerjungen, ausführlich berichtet, forderte sie mich auf, doch auch etwas zu erzählen. Daraufhin aber schüttelte ich immer entschieden den Kopf und lächelte. Was hätte ich der erzählen können? Das, was mich manches Mal so glücklich und manches Mal so traurig machte, war ein Märchen so fein und wunderbar, das sie nie begriffen hätte ... und wenn sie dann wieder, unbekümmert um mein Lächeln und mein Schweigen, in den Strom der eigenen Erlebnisse untertauchte, war ich recht still und wusch und klopfte oder bürstete noch einmal so rasch wie sie ...
So verging die Zeit qualvoll, qualvoll und doch gemischt mit einer glückseligen Hoffnung, daß er früher oder später um mich kommen würde. Unklar, unbewußt, aber unerschütterlich lebte dieser Glaube in mir. Unzählige Male stellte ich mir vor, wie das sein würde. Die Glocke würde läuten; ein ganz kurzer energischer Ruck, und unerwartet und unangemeldet würde er plötzlich in der Küche stehen ... dann würde ich ihn hinauf in mein Zimmer nehmen, ihm, glücklich wie ein Kind sein Spielzeug, das Blätterdach, den Fluß und die Wiesen zeigen, bis er plötzlich mit einem Blick auf mein schwarzes Kleid, die weiße Schürze und die lang herabwallenden Mützenbänder, alles Abzeichen meiner Stellung, die Ausdauer und Unermüdlichkeit meines Herzens und meiner Hände begriffen haben würde und mich schweigend in seine Arme ziehen ... Aber das waren die törichtsten Träume, die ich je geträumt habe ...
Nach und nach lernte ich die innere Einrichtung eines englischen Haushaltes gründlich kennen. Obwohl die Dame Witwe war, führte sie doch ein ziemlich großes Haus, und all die großen und kleinen Veranstaltungen, wie Teegesellschaften, Picknicke und dergleichen, die so charakteristisch englisch sind, fehlten nicht. Diese Versammlungen verdoppelten zwar unsere Arbeit in Haus und Küche, doch suchte ich mich durch eifriges Erlauschen der englischen Sprache, die zu hören ich fast gar keine Gelegenheit hatte, schadlos zu halten. Selbstverständlich war das nicht sehr viel, doch mit großem Fleiß und Eifer (ich lernte aus englischen Büchern jeden Abend bis tief in die Nacht) machte ich ganz schöne Fortschritte.
Die Dame war zu mir immer recht gütig, doch mußte ich manches Mal über das Verhältnis lächeln, das zwischen ihr und ihrer Tochter bestand. Das fünfzehnjährige Mädchen tyrannisierte ihre Mutter in unglaublicher Weise. Die Dame war fest davon überzeugt, daß ihr Kind alle Eigenschaften einer großen Künstlerin in sich vereinigte, und tat alles, was in ihren Kräften stand, dem heranreifenden Genie Gelegenheit zur Entfaltung seiner Talente zu geben. Allerdings, das Mädchen sang, tanzte, zeichnete, malte und dichtete, doch war ich über den Wert oder Unwert ihrer Leistungen nie klar. --
Einmal, als ich beschäftigt war, Teppiche zu klopfen, kam meine Dame blaß vor Aufregung auf mich zugestürzt und bat mich, den Lärm einzustellen, da »Miß Daisy« dichte. Ich nahm den schweren Teppich sofort von der Stange, dachte aber dabei an meine eigenen Gedichte, die noch immer eine heimliche Quelle meiner kargen Freuden waren, und frug mich, wieviel ich wohl hätte dichten können, wenn ich dazu solch absolute Ruhe nötig gehabt hätte. Im Laufen und im Arbeiten hatte ich sie gedichtet und niemand frug danach. Niemand? Nein, manches Mal kam ein Brief, und in dem hieß es, daß das eine oder das andere der letztgesandten Gedichte herrlich sei. --
Nachdem ich einige Zeit auf der Stelle war, trat ein Ereignis ein, das die Verhältnisse etwas umgestaltete. Miß Daisy erkrankte am Scharlach. Sobald die Französin dies hörte, verließ sie das Haus noch am selben Tag.
»Wollen Sie auch gehen?« frug mich die Dame.
»Gewiß nicht!« sagte ich.
Es folgten nun ängstliche sieben Wochen, und nach Verlauf dieser Zeit verordnete der Arzt für die Kranke Luftwechsel. Alle nötigen Sachen wurden sofort eingepackt, und einige Tage später rauschten unter unseren Fenstern die vielbesungenen Wellen der nordischen See. Ich hatte ein Zimmerchen für mich bekommen und konnte kaum erwarten, mich dahin zurückziehen zu dürfen. Endlich kam der Abend. Obwohl von der Reise sehr ermüdet, dachte ich doch nicht ans Schlafen, sondern öffnete mein Fenster, so weit ein englisches Fenster eben zu öffnen geht, und schaute mit staunenden Augen über das wogende Wasser, auf dem jetzt das Mondlicht tanzte und sprang. Sehr spät suchte ich in dieser Nacht mein Bett auf. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war es noch sehr früh; im Zimmer nebenan war noch alles still, und ich kleidete mich leise an. In der Nacht hatte ich einen seltsam schönen Traum gehabt. Ich wollte ihn festhalten, niederschreiben und suchte unter meinen Sachen nach einem Bogen Papier. So, während der Himmel sich röter und röter färbte, entstand ein Gedicht, und ich nannte es »Ruby«.
Nach fünf Wochen kehrten wir nach Hause zurück, und meine Dame nahm vorläufig kein neues Mädchen ins Haus. Meine Pflichten verdoppelten sich nun, und ich hatte noch weniger Zeit als früher. Die wenigen Augenblicke, die ich erübrigen konnte, füllte ich mit der Erlernung der Sprache aus, und langsam, aber sicher erfaßte ich das Wesen derselben. Einmal fiel mir ein Buch von Milton in die Hände, und trotz meiner noch mangelhaften Sprachkenntnisse las ich das »verlorene Paradies« mit größtem Eifer. Oft überwältigte mich der kühne Gedankenflug, die bilderreiche Sprache, die Phantasie und die Erhabenheit des Ganzen. Oft, unendlich oft, schlug ich aber auch die Seite der Sonette auf, wo es hieß:
=When I consider how my light is spent E're half my days, in this dark world and wide And that one talent which is death to hide Lodg'd with me useles though my soul more bent To serve therewith my Maker and present My true account, least he returning chide. Doth God exact day-labour, light deny'd I fondly ask; but patience to prevent That murmur soon replies: God doth not need Either man's work or his own gifts. Who best Bear his mild yoke, they serve him best. His State Is Kingly. Thousands at his bidding speed And post o'er Land and Ocean without rest; They also serve who only stand and wait.=
Und jedesmal, wenn ich dies gelesen hatte, fiel ich in ein sonderbares Grübeln, ein Grübeln, aus dem später meine größte Niederlage und mein größter Sieg hervorging ... Nach und nach schaffte ich mir die Gedichte von Lord Byron, von Keats, auch von Longfellow an, und es verging kein Tag, an dem ich es nicht möglich gemacht hätte, in dem einen oder dem anderen Buche zu lesen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ich alle Gedichte durchlas, im Gegenteil, viele von ihnen fand ich langweilig. Gewöhnlich blätterte ich in einem neuen Buche so lange, bis ich auf ein Gedicht stieß, das mir sehr gut gefiel, und dieses las ich dann, so oft ich nach dem Buche griff. Oft las ich ein ganzes Gedicht nur einer einzigen Stelle wegen immer und immer wieder, wie z. B. das Gedicht von Byron:
=Ah! Love was never yet without The pang, the agony, the doubt ...=
und dann einige Zeilen weiter:
=That Love had arrows well I knew Alas! I find them poison'd too.=
Dieser letzten Stelle wegen wanderte ich durch das ganze Gedicht, welches mir im übrigen gar nicht gefiel.
In Keats war mein Lieblingsgedicht:
=I had a dove und the sweet dove died And I had thought it died of grieving: O, what could it grieve for? its feed were tied With a silken thread of my own hands weaving; Sweet little red feet! why should you die? Why should you leave me, sweet bird, why? You lived alone in the forest-tree, Why, pretty thing! would you not live with me?=
Dieses Gedicht schien mir so einfach, so süß, und ich sagte es immer leise vor mir her, wenn ich die Wäsche wusch oder den Boden scheuerte. Überhaupt ist das so eine Gewohnheit von mir, bei jeder Beschäftigung, die es möglich macht, mir Gedichte aufzusagen. Der Gang eines Gedichtes hat für mich etwas ungemein Beruhigendes, und ich habe die Süßigkeit, die aus einer gleichmäßig wogenden Verszeile auf mich strömt, noch in keiner anderen Form der Dinge gefunden.
In dieser stillen Weise verfloß die Zeit. Mein Freund hatte mir in den ersten Monaten meines Aufenthaltes in England ziemlich oft geschrieben, doch wurden nach und nach seine Briefe sehr selten. Manchmal ließ er mich monatelang auf die Beantwortung meiner Briefe warten, und ich dachte, er habe mich vergessen. Die Sehnsucht, die ich dann in solchen Stunden empfand, kann ich nimmer beschreiben; wie ich täglich und stündlich seine Nähe fühlte und immer auf irgend etwas Unbegreifliches, auf etwas Wunderbares wartete, das ihn mir bringen sollte. In diesem Glauben ging ich so weit, daß ich, so oft die Glocke ging, zusammenzuckte, weil ich meinte, er sei da ... Doch er war es nie ...
Eines Tages sagte mir meine Dame, sie hätte eine Einladung nach Schottland bekommen, könne mich aber nicht mitnehmen. »Ich habe mir nun gedacht,« fuhr sie fort, »daß, da Sie noch gar nichts von London gesehen haben, Sie sich die Stadt ansehen sollten. Am besten wird es sein, wenn Sie dazu für die paar Wochen in das Heim gingen. Selbstverständlich trage ich die Kosten hierfür.«
»Dorthin gehe ich nicht gerne,« erwiderte ich.
»Warum nicht? Das Heim ist ein sehr frommes Heim, und ich bin überzeugt, daß Sie dort gut aufgehoben sind.« Dagegen wagte ich nichts einzuwenden. Die Vorbereitungen zur Abreise wurden noch am selben Tage getroffen, und am nächsten Tage brachte mich die Dame selbst nach dem Heim und empfahl mich der besonderen Fürsorge der Vorsteherin.
Ich wohnte nun wieder in dem Zimmer mit den acht Betten. Ich kannte keines der Mädchen und bemühte mich auch durchaus nicht, sie kennen zu lernen. Als ich aber abends in den Speisesaal trat, wartete meiner eine Überraschung. Jemand rief meinen Namen. Ich wunderte mich sehr darüber und fragte mich, wer das sein könne; welches der Mädchen mich denn kennen könnte. Diejenige, die mich bei meinem Namen gerufen hatte, saß bei Tische und winkte mir mit beiden Händen. »Kommen Sie doch!« rief sie lebhaft. Ich konnte mich nicht erinnern, sie je gesehen zu haben und glaubte schon, daß sie sich in der Person irre, als mir auf einmal einfiel, wer sie sei. Es war meine frühere Bettnachbarin, das Mädchen mit den großen glänzenden Augen und dem reichen braunen Haar. Es freute mich nun doch, daß mich hier jemand kannte und begrüßte. »Suchen Sie eine Stelle?« frug ich einmal während des Essens. »Nein,« antwortete sie, »ich wohne hier,« und dann erzählte sie mir, daß sie deutsche Korrespondentin sei.
Ich hörte kopfschüttelnd zu. »Ich kann nicht begreifen, daß Sie es hier aushalten können.« »Warum?« frug sie. »Wegen des Schlafens,« worauf sie erwiderte, daß sie schon daran gewöhnt sei.
»An so etwas könnte ich mich nie gewöhnen.«
»In dieser Welt,« antwortete sie, »muß man sich an vieles gewöhnen,« und als sie das sagte, wurde ihr Gesicht sehr traurig.
Als zum Gebet geläutet wurde, stellten wir uns nebeneinander, und als das Lied gesungen wurde, horchte ich auf die leisen, schwermütigen Töne, in denen das Mädchen neben mir sang.
Den nächsten Morgen hatte ich beschlossen, in das Britische Museum zu gehen; sagten doch alle, daß ich das gesehen haben müsse. Da es vom Heim nur einige Minuten entfernt war, so hatte ich nicht erst viel nach dem Wege zu fragen. Als ich vor dem monumentalen Gebäude stand, blickte ich entzückt auf unzählige Tauben, die ganz furchtlos schienen und einigen Leuten das Futter sogar aus der Hand fraßen. Am liebsten wäre ich stehen geblieben und hätte nur die Tauben betrachtet, doch innerlich machte mir etwas Vorwürfe, daß ich so wenig Interesse für das Britische Museum empfand, und um dieses innerliche Etwas zu befriedigen, stieg ich endlich die Stufen empor, die in die verschiedenen Räume führten. Leider muß ich jetzt wie damals bedauern, daß meine Kenntnisse viel zu ungenügend sind, um die Schätze, die in jenen Zimmern aufgehäuft liegen, würdigen zu können. Ich erinnere mich an unzählige altersschwarze Gegenstände, die hinter Glasschränken verwahrt sind und von denen ich weder den Wert, noch ihre Bedeutung verstand. Die Säle, in denen sich die ägyptischen Mumien befanden, erweckten in mir jene Scheu, die ich als Kind in der Kirche empfand, und ich wagte nur mit den Zehenspitzen aufzutreten. Doch diese Ehrfurcht verschwand, je länger ich auf die großen Wickelkinder mit den steifen, dunkeln Gesichtern blickte ... Da vor mir in einem Glasschrank lag der letzte Rest eines Fürsten, eine Hand, deren Finger gelbe Ringe zierten. Einst winkte diese Hand gebieterisch und tausend Sklaven sanken zitternd nieder ... Wo ist heute dein Reich? ... Wo ist heute dein Heer? ... Und wo bist du selbst? ... Und was wurde aus deinen Qualen? ... Und was wurde aus deinem Glück? ... So frug ich die braune Hand mit den gelben Ringen, und die Antwort war eine für mich neue Überzeugung: daß es noch kein Ich gibt -- daß Gott noch an der Schöpfung arbeitet -- daß wir das Mittel zum Zweck, aber der Zweck nicht sind.
Nach vielem Hin- und Herwandern kam ich in einen Raum, der ebenfalls Glasschränke enthielt, in dem größere und kleinere Stücke braunes Papier sorgfältig aufgesteckt waren. Ich besah mir dieselben anfangs aus pflichtgetreuer Neugierde, doch schon in der nächsten Minute durchrieselten mich fromme Schauer. Die braunen Stücke Papier waren Papyrus, von denen ich schon so oft gehört hatte, ohne je einen gesehen zu haben. Es befanden sich mehrere dort, doch kehrte ich immer nur zu dem einen zurück, worüber die kleine Tafel sagte: »Ein mit fünf Versen beschriebener Papyrus von Sappho aus der Ode an ihren Bruder Charaxus.« Ich konnte kein Auge davon wenden und ging nun drei Wochen lang der Tauben und des Papyrus wegen ins Britische Museum. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, den Papyrus zu stehlen, doch kam es nicht so weit, da sich im Saale stets zwei Polizisten befanden, die schon anfingen mich argwöhnisch zu beobachten. Über den Papyrus, der, wie ich eben bemerke, seine alte Anziehungskraft für mich noch immer nicht verloren hat, darf ich aber nicht meinen Besuch in dem alten berühmten Tower zu erwähnen vergessen. Aus den herrlichen Rüstungen, mit denen die Wände gefüllt waren, sowie den großen Diamanten, um den sich in der Schatzkammer alles drängte, machte ich mir aber nicht viel. Ich verließ die schmalen Gänge und die dunklen Gemächer ziemlich rasch, setzte mich im Schloßhof auf eine Bank und betrachtete voll wehmütiger Empfindung die Kupferplatte, die meldete, daß auf dieser Stelle zwei junge wunderschöne Königinnen geköpft wurden. -- Heute fegte der Herbstwind sonnenverbrannte Blätter darüberhin! --
Von solchen Ausflügen kehrte ich immer ziemlich spät ins Heim zurück, von dem Mädchen, das sich mir enger angeschlossen, ungeduldig erwartet. Nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns, von der ich nicht recht wußte, wie sie eigentlich entstanden war. Ich glaube, was mich zu ihr zog, waren ihre Augen, die so seltsam wehmütig und traurig aussehen konnten. Ohne daß sie mir irgendwelche Erklärung gegeben hatte, war ich überzeugt, daß sie ein heimlicher Kummer quäle. Als wir einmal plaudernd zusammen saßen, wurde mir ein Brief von meinem Freunde überbracht. Da ich schon ziemlich lange darauf gewartet hatte, freute ich mich sehr darüber. Er schrieb mir, daß er sehr beschäftigt sei und daß ich sein langes Schweigen verzeihen müsse, er arbeite jeden Tag bis Mitternacht und würde ausführlicher berichten, sobald er etwas mehr Zeit hätte. Meine Freundin bemerkte die Freude, die mir die wenigen Zeilen bereiteten, und frug mich lächelnd, ob der Brief von jemand sei, den ich lieb hätte, und ob dieser vielleicht ein Mann sei. Ich bejahte es zögernd und erzählte ihr dann von ihm. Während ich sprach, wurde sie trauriger und trauriger, und zum Schluß weinte sie.
»Wenn ich Sie nur vor vier Jahren kennen gelernt hätte, ehe ich nach Paris ging.«
Ich war ganz bestürzt und konnte ihre Aufregung nicht verstehen.
»Warum,« frug ich endlich, »hatten Sie so wenig Gesellschaft in Paris?«
»Nein, nein,« stieß sie aufspringend hervor, »viel -- zu viel.«
Noch ehe ich ihre Worte begreifen konnte, öffnete sich die Türe und einige Mädchen kamen herein. Wir begannen deshalb von gleichgültigen Dingen zu reden, doch bemerkte ich, daß ihre Wangen sehr blaß waren und ihr Lächeln ein gezwungenes war.
An einem der nächsten Tage erhielt ich von meiner Dame einen Brief, worin sie mir mitteilte, daß sie Ende der Woche zurückkommen werde und ich das Heim dann verlassen müsse. Diese Nachricht betrübte meine Freundin ungemein; sie wich die ganze Zeit nicht von meiner Seite und sagte, sie wisse nicht, was sie anfangen solle, wenn ich fort sei. Am Tage vor meiner Abreise war sie wieder eigentümlich unruhig und fing oft Sätze an, ohne sie zu vollenden.
»Bedrückt Sie etwas?« frug ich sie.
»Ja.«
»Wollen Sie es mir nicht sagen?« Ich strich zärtlich bei diesen Worten über ihre Hand.
»Ja,« sagte sie mit so schmerzlicher Stimme, wie ich noch nie einen Menschen hatte reden hören. Dann schloß sie ihre großen, glänzenden Augen, und ganz leise, als ob sie sich fürchtete, ihre eigenen Worte zu hören, erzählte sie mir eine sehr traurige Geschichte. Als sie geendet, weinten wir beide.
»Ist das Kind ein Mädchen oder ein Knabe?« frug ich endlich.
»Ein Mädchen,« erwiderte sie tonlos.
»Und lebt es?«
»Ich weiß es nicht.«
Ich sprang vom Bett auf und sah sie ungläubig an. »Wie ist das möglich, Sie wissen nicht, ob Ihr Kind lebt oder nicht?«
Sie blickte mich mit blöden, hilflosen Augen an, und mein Mitleid quoll empor. »Sagen Sie mir alles,« bat ich mit sanfter Stimme, »vielleicht erleichtert es Ihr Herz.« Und dann erzählte sie mir alles; wie der Mann sich nicht mehr um sie gekümmert, wie sie neun Monate lang gehungert hatte, um ihr Kindchen bei sich haben zu können, -- wie sie endlich krank wurde und das Kind fortgab, um es vor dem Hungertode zu schützen. Während der Erzählung flossen ihr die Tränen unaufhörlich über die Wangen, und ich streichelte ihre Hände.
»Wo haben Sie es denn hingegeben?« frug ich leise.
Darauf schloß sie die Augen, als ob sie nachdächte, und sagte: »In Paris ist ein Haus, wo man jedes Kind abgeben kann, ohne etwas zu bezahlen oder einen Namen nennen zu müssen.«
»Und dorthin --?«
Sie nickte mit dem Kopfe und lehnte sich müde auf das Bett.
»Sie müssen ja wahnsinnig gewesen sein -- Nun können Sie ja das Kind nie mehr finden.«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »O ja, ich kann es wiedererkennen. Jedes Kind bekommt bei der Aufnahme einen kleinen Reifen aus Eisen um das Handgelenk, und an dem Reifen hängt eine Nummer.«
Ich schwieg, und weil es eben zum Abendessen läutete, schritten wir hinunter. Wir aßen beide fast nichts, und als später das Lied gesungen wurde, da hörte ich wieder nur die leisen, schwermütigen Töne neben mir. Den ganzen Abend sprachen wir nichts mehr über die Angelegenheit. Ich beschäftigte mich mit Packen und ging spät zu Bett. Schlafen konnte ich nicht, ich richtete mich mehrere Male leise im Bette auf und blickte auf meine Freundin. Sie lag ganz ruhig, und ich glaubte, sie schliefe. Endlich fielen auch mir die Augen zu, und im Halbschlummer sah ich ein kleines Mädchen, das in einem schmutzigen Hofe spielte ... es hatte die großen, glänzenden Augen meiner Freundin ... es hatte das reiche braune Haar meiner Freundin, aber um das Handgelenk trug es einen kleinen Reifen, und an dem Reifen hing eine Nummer....