Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben
Part 11
Meine Verhältnisse wurden nun wieder die alten. Wie früher scheuerte ich die Böden, wusch die Wäsche und besorgte die Küche. Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London und hegte heimlich den Wunsch, in ihrer Nähe zu sein. Doch eines Umstandes halber verwarf ich diesen Wunsch immer wieder. Ich hatte mir nämlich fest vorgenommen, meinem Freunde das Geld zurückzuschicken, das ich ihm schuldete. Selbstverständlich war das nicht leicht für mich, da ich nur dreißig Schilling als monatlichen Lohn erhielt und davon auch noch meine Eltern unterstützte. In letzterer Zeit hatte ich das allerdings nicht mehr zu tun, da sich die Verhältnisse zu Hause gebessert hatten und ihnen überdies auch mein Bruder nicht mehr zur Last war. Meine Eltern hatten lange nichts mehr von ihm gehört. Sie wußten nur, daß er den ihm verhaßten Beruf eines Kellners aufgegeben hatte, um jenseits des Ozeans in einer anderen Betätigung sein Glück zu suchen. Vor kurzem schrieb mir mein Vater, daß ihm ein deutsches Zeitungsblatt aus Brasilien zugegangen sei, das Mitteilungen über die kühne Luftfahrt eines Aviatikers Aranya enthielt. Am Rande dieser Beschreibung standen die Worte: »Besten Gruß Euch allen. Solange ich mir nicht das Genick breche, geht es mir gut. Karl.« Zu dem oben angeführten Zwecke sparte ich alles Geld, das ich aus den dreißig Schillingen erübrigen konnte, und der Gedanke, meinen Freund mit der Sendung des Ganzen überraschen zu können, machte mich ungemein glücklich.
Hätte ich nun meine Stelle aufgegeben, um in London mir eine andere zu suchen, wäre immerhin ein Teil der Summe daraufgegangen, und ich wollte mich von keinem Penny trennen.
Selbstverständlich schrieb ich meinem Freunde nie etwas über diesen Gegenstand, sondern berichtete stets nur über meine Beschäftigung und dergleichen.
Seine Briefe kamen nur selten, doch in letzter Zeit enthielten sie immer Vorwürfe über meine anscheinende Zeitverschwendung. »Sind Sie denn,« so schrieb er, »nach England gegangen, um Kochen zu lernen? Dazu hätten Sie wahrhaftig nicht nötig gehabt, nach England zu gehen. Sie wissen, daß ich so gerne beitragen möchte, Ihre Bildung und somit Ihr Talent zu fördern, und ich bitte Sie, die Stelle, die Sie jetzt innehaben, sofort aufzugeben und sich in London, sagen wir, etwas für den Vormittag zu suchen und den Nachmittag für Ihr Studium zu verwenden. Selbstverständlich sorge ich dann für Ihr Unterkommen usw.« So lockend aber auch der Vorschlag für mich war, so konnte ich mich doch zu einem solchen Schritte nie entschließen, und seufzend kehrte ich immer wieder zu meinen Töpfen und Pfannen zurück. Aber es war mir zumute, wie dem Büblein im Lesebuch, das immer sagte:
»Wenn nur was käme und mich mitnähme!« Aber es kam nichts.
Ein Monat verging nach dem andern, und ich fühlte mich oft körperlich recht müde. Nach und nach wurde auch mein Herz müde, und endlich verweigerte es zu zittern, wenn die Glocke ging, und ein vorschneller Gedanke frug: Ist es »er«? Aber noch wartete ich, wartete vor der Schwelle seines Herzens, bis sich die Türe auftun würde und er heraustreten würde: Güte auf den Lippen, Erfüllung in den Augen ...
Und dann wieder kamen Stunden, in denen ich fast bereute; Stunden, in denen meine heimlichsten Gedanken sich zu verkörpern schienen und mit spöttischen Gesichtern vor mich traten. »Warum bist du denn eigentlich fort von ihm?« höhnten sie oft. Ja, warum war ich denn eigentlich fort von ihm? ... Natürlich, um andere Leute und Verhältnisse kennen zu lernen ... Hatte nicht er es so genannt? Hatte nicht ich so gewollt? -- Gewollt? -- Und als auf diese Frage jeder Blutstropfen verneinte, frugen dieselben fürchterlichen Stimmen wieder: »Und wenn du nicht fort wolltest, warum bist du denn gegangen?« -- Und ganz urplötzlich wußte ich es, und meine Wangen lernten eine neue Röte und mein Herz lernte eine neue Qual. -- So im Hader mit mir selbst verging die Zeit.
Es war einmal in einer Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, trotzdem ich den ganzen Tag gelaufen und gearbeitet hatte, daß ich mit offenen Augen lag und sann und sann, bis alle guten und alle bösen Geister um mich waren. -- Wie mit hundert Händen griffen sie in meine Gedanken, zogen und zerrten, suchten und wühlten, zerrissen und banden; und als sie fort waren, da tanzten feurige Buchstaben durch das dunkle Zimmer, die sich endlich zu einer Frage formten, und die Frage hieß: »Darf ich wiederkommen?« -- Warum nicht? schrie ich und ballte die Fäuste gegen die glänzenden Zeichen. Ist unsere Freundschaft nicht so rein, so fein, so wunderbar, -- und da wuchs um jeden Buchstaben ein Kranz von Flammen, und als ich wieder hinblickte, da stockte mein Atem. »Eben darum,« hieß es, und hinter der Schrift lag ein vornehmer ruhiger Schein. Aber ich wollte die Schrift und den Schein nicht sehen und schloß die Augen, wie ein eigensinniges Kind. Dieser Nacht folgte eine andere und eine andere. Nach und nach schienen sich alle Dinge um mich mit den Ungeheuern verbündet zu haben; mein eigenes Selbst schien höhnisch auf mich einzudringen und griff mit frechen Fingern nach dem Stück verborgenen Hoffens, das ich noch immer nicht übergeben wollte.
In solchen Augenblicken aber kam er mir zur Hilfe. Wie durch einen Zauberschlag stand er mitten unter den geifernden Kreaturen, und seine Gestalt überragte die größten unter ihnen.
»Glauben Sie an mich?« frug er, und sein Gesicht zeigte das gütige Lächeln und den besorgten Blick. -- »Ja, ich glaube,« sagte ich. -- Und dann hielt ich die Worte hoch, wie ich oft den Priester in der Kirche die goldene Monstranz heben sah, und wie damals alles Volk niedersank, so sanken jetzt meine Quälgeister in nichts zusammen und wurden still. --
Mein Freund wußte nichts von alledem. Wie wir früher bei unserem persönlichen Verkehr jedes Wort vermieden, das unser heimlichstes Denken hätte bloßlegen können, so waren auch unsere Briefe immer kühl und ruhig, und nur hie und da war vielleicht eine Zeile, die Sehnsucht oder Schmerz nicht ganz verbergen konnte.
Aber von diesen Zeilen lebten wir -- ich wenigstens. -- An diesen Zeilen hing meine ganze Seele, aus diesen Zeilen trank sie alle Süßigkeit und alle Stärke, deren sie bedurfte, um den oft widerwilligen Körper zur Pflicht zu überreden.
Und so kam es, daß ich manchesmal fast glücklich war. Daß ich mit einem Lächeln in den Augen die kupfernen Töpfe putzte, bis sie blank waren, und selbst die Kälte nicht fühlte, wenn ich an einem Januarmorgen vor dem Hause kniete und die Stufen weißte. Am schönsten aber war es, wenn ich des Abends nach meiner kleinen Sparkasse griff und ihren Inhalt auf mein Bett streute. Dieses Geld war mein größter Schatz. Ich verbarg es immer so ängstlich und weiß nicht, was ich getan hätte, wenn es mir durch irgendeinen Zufall verloren gegangen wäre. Ich war fest entschlossen, die Stelle zu verlassen, sobald ich alles Fehlende verdient hatte und noch eine kleine Summe darüber, die es mir möglich machen würde, im Heim zu wohnen, bis ich etwas Passendes gefunden hatte. Doch es kam früher als ich dachte.
Meine Dame hatte schon lange die Absicht gehabt, ihre Tochter ins Ausland in ein Pensionat zu schicken, und sich ganz plötzlich dazu entschlossen. Sie wollte auch in dem großen Hause allein nicht wohnen und sagte mir, daß sie das Haus vermietet hätte und sie selbst längere Zeit auf Reisen ginge. Da mir vielleicht nur mehr fünfzig bis sechzig Kronen an meinem Ersparten fehlten und ich daher imstande gewesen wäre, das Geld in drei bis vier Monaten absenden zu können, schmerzte mich diese Mitteilung im ersten Augenblick auf das heftigste. Doch dann tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß ich vielleicht sehr schnell eine andere Stelle bekommen würde und das Geld dennoch in kürzester Frist absenden könnte.
So verließ ich das Haus, in dem ich achtzehn Monate in einer ganz eigenen Art glücklich und unglücklich war, und als ich mich in meinem Zimmer zum letzten Male umblickte, da kamen mir die Tränen in die Augen, und ich stieg die Treppe schluchzend hinab.
In London angekommen, ging ich wieder in das Heim, wo meine Freundin mich auf das allerherzlichste begrüßte. Sie freute sich sehr, daß ich nun wirklich in London bleiben wollte, doch mehr konnte sie für mich nicht tun. Meine allernächste Sorge war nun, eine Stelle zu finden, um von dem ersparten Gelde nicht zu viel zu verbrauchen. Ich wandte mich wieder an die Vermieterin, die mir meine letzte Stelle besorgt hatte. Nach den üblichen Begrüßungen und Erklärungen sagte sie: »Da Sie nun schon längere Zeit in England sind und auch ein Zeugnis von einer Engländerin besitzen, so dürfte es sicher nicht schwer fallen, etwas zu finden. -- Was für eine Stelle möchten Sie denn gerne haben?« Ich dachte an die sechzig Kronen, die ich schon so gerne verdient hätte, und sagte darum, es sei mir ganz gleich, welche Stelle ich hätte, nur würde es mich sehr glücklich machen, etwas Gelegenheit zur Erlernung der englischen Sprache finden zu können. »Möchten Sie wohl,« sagte sie, »=under nurse= sein?« Ich hatte den Namen nie gehört und konnte mir daher von der Stelle keinen Begriff machen.
»Was ist das?«
»Etwas, das ich Ihnen sehr empfehlen kann. Sie werden nämlich genug Gelegenheit haben, Englisch zu lernen, da die =head nurse= eine Engländerin ist und mit den Kindern nur Englisch spricht.«
Daraufhin bat ich um alles Nähere, das sie mir bereitwillig gab.
»Am besten ist es,« sagte die Vermieterin, »wenn Sie jetzt selbst hingehen und sich vorstellen. Gefällt Ihnen die Stelle, so ist es gut, gefällt sie Ihnen nicht, so kommen Sie wieder zu mir.« Dann gab sie mir die Adresse und ich machte mich auf den Weg.
Es war ein recht weiter Weg, und als ich nach vielem Herumsuchen endlich an einem sehr hübschen Hause die Glocke zog, war ich todmüde. Ein nettes Stubenmädchen fragte mich nach meinem Begehr und bat mich dann, im Vorzimmer zu warten. Ich setzte mich auf einen der steifen Eichenholzstühle und hoffte heimlich, daß die Dame des Hauses noch sehr lange nicht kommen würde. Sie erschien aber bald und war sehr freundlich. Nachdem sie mir verschiedene Fragen gestellt, sagte sie mir zum Schlusse, ich gefiele ihr ganz gut, nur könne sie mich nicht annehmen, ehe mich die =nurse= gesehen hätte. Da aber die =nurse= mit den Kindern ausgegangen sei, so müßte ich entweder warten oder wiederkommen. Ich entschloß mich für das erstere. Allein gelassen betete ich im stillen, daß ich der =nurse= gefallen möchte. Endlich hörte ich johlende Stimmen herannahen. Gleich darauf trat die Dame ein und bat mich, nach oben zu kommen. Oben waren vier Knaben, ungefähr 5, 7, 9 und 11 Jahre alt, die sich zankten. Eine sehr magere Frauensperson, in der ich richtig die =nurse= vermutete, versuchte Ruhe herzustellen, ein Unternehmen, das aber erst nach dem Hervorholen eines Stockes erfolgreich war, als alle vier gleichzeitig die schützende Weite suchten. Die =nurse= stellte den Stock wieder vorsichtig in eine Ecke und hörte aufmerksam den Auseinandersetzungen der Dame zu. Sie blickte mich einige Male an, und mit großer Erleichterung glaubte ich wahrnehmen zu können, daß ich ihr gefiel. Die Dame erklärte mir dann, was ich zu tun haben würde, und mir wurde bange, je länger sie sprach. Als sie mich dann zum Schlusse fragte, ob mir alles recht sei, da dachte ich wieder an die sechzig Kronen und erklärte, mir sei alles recht.
Zwei Tage später trat ich meine neue Stelle an. Hatte ich von der Stellung einer »=under nurse=« bisher keine Vorstellung gehabt, so sollte ich nun bald eine erhalten. Wie ich sehr schnell herausfand, war ich von den vier Dienstmädchen des Hauses die niedrigste, und jede der drei anderen ließ mich das fühlen.
Da ich auch der Sprache nur unvollkommen mächtig war und weder das Stubenmädchen noch die Köchin Ausländerinnen leiden konnten, so neckten und höhnten sie mich bei jeder Gelegenheit. Auch legten sie mir alle möglichen Arbeiten auf, die sie selbst nicht tun wollten, wie Kohlentragen und dergleichen mehr; um mit ihnen auszukommen tat ich alles. Doch schrecklicher als der Tag war in diesem Hause die Nacht. Ich hatte nämlich mit dem Stubenmädchen und der Köchin in einem Zimmer zu schlafen und biß oft die Zähne zusammen, wenn ich an mein stilles Zimmerchen in Marlow dachte. Die beiden Mädchen unterhielten sich gewöhnlich bis Mitternacht; sie erzählten sich gegenseitig von ihren Liebschaften, die sie je gehabt hatten, und sie nannten dabei, ich bin sicher, alle männlichen Taufnamen im Kalender. Diejenige, die ich am meisten fürchtete, war die Köchin. Sie war ungemein roh und hob oft die Hand, als ob sie mich schlagen wollte, wenn ich etwas nicht schnell genug oder nicht zu ihrer Zufriedenheit machte. Doch jeder Leidensbecher enthält ein Tröpflein Freude, und mein Glück bestand in dem Ausgang der Köchin und in ihren Liebesbriefen. So oft sie nämlich einen Brief von einem ihrer vielen Verehrer erhielt, war sie sogar zu mir liebenswürdig. Einmal hatte ihr ein Soldat eine silberne Brosche geschenkt, und sie war den ganzen Tag so gut zu mir, daß ich sie am Abend fast gerne hatte. Verflossen aber einige Tage, ohne daß sie von dem einen oder dem andern hörte, so kannte ihre Tücke und ihre Bosheit keine Grenzen. Hatte ich in Marlow immer auf den Briefboten gewartet in der Hoffnung, daß er etwas für mich haben würde, so wartete ich nun, und wenn das möglich ist, mit noch größerer Sehnsucht als damals auf ihn, in der Hoffnung, daß er etwas für die Köchin haben möchte. Und an dieser Stelle danke ich allen Polizisten, Soldaten, Milchmännern, Fleischhauern und anderen, die so glücklich waren, das Wohlgefallen der Köchin zu erregen, für die ziemlich vielen Karten und Briefe, die sie ihr sandten und mit denen sie, ohne daß sie es wußten, auch mich glücklich gemacht haben ...
Einmal gab es einen großen Streit in der Küche, und darauf verließ das Stubenmädchen das Haus noch am selben Tage. Das neue Stubenmädchen war sehr blaß und klein, doch arbeitete es unermüdlich. Sie war immer gut zu mir, und darum hatte ich sie gerne, auch tat sie mir leid, weil sie so zart aussah. Einmal als die Köchin Ausgang hatte und wir allein in unserem Zimmer lagen, fing das Stubenmädchen auf einmal zu schluchzen an. »Was haben Sie?« frug ich sie. Nach einigem Zaudern erzählte sie mir, daß sie einen Bräutigam habe, der in einem Krankenhause für Lungenschwindsüchtige hoffnungslos danieder läge. Dann zog sie einen Brief hinter dem Kopfkissen hervor und reichte ihn mir. Bei dem ungewissen Licht der Kerze, die ich entzündet hatte, las ich die Zeilen. Tapfere und doch verzweifelte Worte eines Sterbenden, und dabei ein Gedicht, in dem die unendliche Sehnsucht nach Gesundheit, wie eine mächtige Woge tausend glitzernde Tropfen, tausend zarte und feine Gedanken mit sich trug.
»Sicher,« sagte ich und bemühte mich, meine Erschütterung zu verbergen, »sicher, er wird wieder gesund.«
»Nein, er ist dort, wo nur die Sterbenden liegen.« Ihre Augen waren tränenleer, und nur ihr Mund zuckte, als sie das erwiderte. Daraufhin löschte ich die Kerze aus, mir schauderte ...
Trotzdem ich selbst genug zu tun hatte, half ich ihr seit diesem Abend wo und wie ich nur konnte. Einmal aber fuhr sie mit einem Schrei aus dem Schlafe empor, und während sie wirr um sich blickte, sagte sie, sie sei sicher, »Er« habe sie gerufen. Den nächsten Tag erbat sie sich einen halben Tag Urlaub, doch sie kam nie wieder....
Nachdem ich auf der Stelle noch weitere sechs Monate gewesen war, trug ich eines Tages einen Brief zur Post, den ich einschreiben ließ. Der Brief war an meinen Freund gerichtet und enthielt den Betrag meiner Schuld. Noch etwas anderes enthielt der Brief: den Aufschrei eines zum Tode gequälten Herzens. Zum erstenmal berichtete ich von der Unerträglichkeit meiner Lage. Dieses Mal schrieb er mir sofort. Sein Brief war voll von Vorwürfen über das bisherige Verschweigen meiner Verhältnisse, das er Unaufrichtigkeit nannte. In dringenden Worten bat er mich, keine Stelle mehr anzunehmen, sondern mich ganz dem Lernen der englischen Sprache zu widmen und zu trachten, die Prüfung ablegen zu können. Das Geld, das ich ihm geschickt hatte, sandte er mir zurück mit dem Bedeuten, es vorläufig für mein Studium zu verwenden, weitere Sendungen würden folgen.
An dem Tage, an dem ich den Brief erhalten hatte, hatte ich Ausgang, und ich ging zu meiner Freundin ins Heim. Ich zeigte ihr den Brief meines Freundes, und sie drang ebenfalls in mich, sein Anerbieten ja anzunehmen. »Ich kenne die Männer,« sagte sie, »und ich weiß, daß dieser Mann es ehrlich mit Ihnen meint.« In dieser Weise sprach sie lange, und weil ich so gerne gelernt hätte, und eine neue Stelle der Köchinnen wegen fürchtete, sagte ich zu. Meine Freundin erzählte mir dann noch, daß sie daran gedacht hätte, das Heim zu verlassen, und schlug mir vor, mit ihr ein Zimmer zu nehmen, da das am billigsten käme. Der Vorschlag gefiel mir hauptsächlich der Billigkeit halber, und so kam es, daß ich wieder einmal meine Koffer packte und diesmal voll froher Hoffnung in ein Londoner =boardinghouse= zog. Der Gedanke, daß ich meinem Freund wieder Geld schuldete, bedrückte mich zwar, doch nahm ich mir vor, fleißig zu lernen, um die Prüfung im Englischen recht bald ablegen zu können, und dann? ... Ja und dann? ... Jähe stockten meine Gedanken. Die alten Kobolde waren auf einmal wieder da und höhnten und grinsten aus allen Ecken hervor. Mit aller Selbstbeherrschung, der ich fähig war, schüttelte ich jedes Denken an die Zukunft ab und lernte ...
In dem =boardinghouse= ging es recht bunt und lebhaft zu. Die Gäste gehörten verschiedenen Rassen an und sprachen verschiedene Sprachen. Da waren Inder mit weißen oder zart gefärbten Seidenturbanen auf den Häuptern; einige Chinesen, die aber ihre Zöpfe der europäischen Mode geopfert hatten; eine frühere Primadonna, die für die Bühne zu dick geworden war und immer Bilder aus ihren einstigen Rollen zeigte; ein blasser verlebter Mann aus der Schweiz, der sich über die Zustände in England bitterlich beklagte, weil er kein Mädchen finden konnte, das ihm ohne den üblichen Schwur beim Altar die eigene Wirtschaft führen wollte, wie er das in Paris so gehabt hatte; ein Deutscher, der fortwährend über das Essen schimpfte; und ein aufstrebender Musiker, der die Miete nie bezahlen konnte und jeden Samstag Selbstmord versuchte.
Trotzdem die Leute höflich waren und mir auch ganz gut gefielen, suchte ich dennoch keinen Anschluß. Anders aber gestaltete sich das mit meiner Freundin, die sich mit ihnen, besonders mit dem Unzufriedenen aus der Schweiz, in einer Weise unterhielt, die mich im Anfang erstaunte, später erzürnte und zum Schluß empörte. Ohne etwas zu sagen verließ ich oft das allgemeine Wohnzimmer, in dem sie gewöhnlich beisammen saßen, und setzte mich in unserm kleinen Stübchen auf mein Bett, bis meine Zimmergenossin heraufkam. Sie war dann immer recht heiter und erzählte eine Menge Geschichten, die ich früher im Heim nie von ihr gehört hatte und die mich an die Erzählungen der Köchin erinnerten. Ich gab ihr dann nur einsilbige Antworten, worauf sie gewöhnlich in sehr schlechte Laune verfiel und erklärte, ich sei sehr fad und verstünde keinen Spaß. Oft drängte sich mir eine scharfe Antwort auf die Zunge, doch ich zwang sie jedesmal zurück, weil mir noch im letzten Augenblicke einfiel, daß sie vielleicht recht habe und daß ich wirklich fad sei.
Ich suchte dann immer durch doppelte Zärtlichkeit mein Betragen gutzumachen und zeigte mich sehr belustigt über die Dinge, die sie mir dann wiedererzählte. In Wirklichkeit aber langweilten sie mich. Ich hätte viel lieber von Gedichten gesprochen; sie hatte mir aber einmal ganz unumwunden erklärt, daß sie sich für Gedichte nicht interessiere. So hielt ich die Komödie unserer Freundschaft aufrecht und hätte sie noch länger aufrecht erhalten, wenn sie nicht eines Abends etwas getan hätte, das dem für mich schon lange unerträglichen Zustande ein Ende machte.
Ich war eines Abends wieder einmal ziemlich früh in unser Zimmer gegangen und hatte sie in der Gesellschaft der anderen Gäste gelassen. Ich lag schon im Bett, als sie endlich heraufkam. Sie sah sehr erhitzt aus und schüttelte sich vor Lachen.
»Was haben Sie?« frug ich und heuchelte Interesse. Unter fortwährendem Lachen zog sie ein Zeitungsblatt aus der Tasche und strich es glatt. »Das ist ja zum Schießen, das müssen Sie lesen.«
Ich hatte einen Blick auf die Zeitung geworfen und sah, daß es ein französisches Blatt war. »Ich kann doch nicht Französisch,« sagte ich.
»Das habe ich ganz vergessen, ich lese es Ihnen vor.«
»Aber ich versteh' es doch nicht,« warf ich abermals ein.
»Ich werde es Ihnen übersetzen.« Dann stellte sie sich neben mein Bett und las mir eine Geschichte vor, die mich wütend machte. »Ich will nichts weiter hören,« erklärte ich nach einer Weile und hielt mir die Ohren zu. Darauf lachte sie überlaut.
»Das ist doch nur Verstellung. In Wirklichkeit können Sie das Ende kaum erwarten.«
»Ich will nichts weiter hören,« sagte ich entschieden, und weil sie noch immer nicht aufhörte, sprang ich aus meinem Bett, lief barfuß in das nebenanliegende Badezimmer und blieb dort eine lange Zeit. Als ich endlich wieder zurückkam, lag sie im Bett und tat, als ob sie schliefe.
Ich aber wußte, daß ein weiteres Zusammenleben unmöglich war. Am nächsten Morgen sprachen wir beide kein Wort. Sobald ich mich angekleidet hatte, verließ ich das Haus und suchte mir am entgegengesetzten Ende Londons ein anderes Zimmer.
Ich wohnte nun in der Nähe der Westminster-Abtei. Ich hatte von diesem Gebäude schon oft gehört, doch hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, es zu besichtigen, und beschloß nun, die erste freie Stunde dazu zu benutzen.