Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben
Part 12
Klopfenden Herzens stand ich schon an einem der nächsten Tage vor den grauen Mauern der ehrwürdigen Abtei und befand mich einige Minuten später unter dem Schwarm der Besucher, der die hohen Gänge füllte. Ich ging aber nicht wie diese herum, sondern blieb ganz still in der nächstersten Ecke stehen. Nie in meinem Leben hatte ich gefühlt, was ich jetzt fühlte. Ich befand mich wie unter einem Zauber -- wie unter der persönlichen Berührung aller derjenigen, die hier vor mir gewandelt hatten -- und längst Staub und Asche sind. Endlich rührte ich mich und schritt von einem Monument zum andern; aber ich schritt wie eine Schlafwandlerin und sah nur die unendliche Größe der Dinge, die Dinge selbst sah ich kaum. Nachdem ich fast die ganze Kirche durchschritten hatte, gewahrte ich plötzlich eine niedrige Holztüre, die geschlossen war, und es fiel mir ein, sie zu öffnen. Ich sah mich erst einige Minuten vorsichtig um, weil ich nicht wußte, ob es erlaubt sei (es ist erlaubt), öffnete sie dann rasch und trat hinaus. -- Ja, wirklich hinaus, denn dahinter lag keine andere Kapelle mit den Särgen und Monumenten von Königen und Königinnen, wie ich erwartet hatte, sondern hinter dieser kleinen Tür lag ein ziemlicher großer viereckiger Garten, der zwar keine Blumen, aber einen sehr schönen Rasen hatte. Und dieser hellgrüne Fleck übte auf mich inmitten der hohen altersgrauen Mauern, die eine mehr als ein halbes Jahrtausend lange Geschichte erzählen, eine bezaubernde Wirkung aus. Es standen einige Bänke herum, und ich setzte mich nieder. Da die Kirche selbst früher ein Kloster war, so vermutete ich sofort, daß dieser Platz der Klostergarten gewesen sei, und im Geiste sah ich die Gestalten der Mönche, wie sie am Morgen aus ihrem gemeinsamen Schlafzimmer kamen, in ihren dunklen Gewändern langsam über den leuchtenden Rasen schritten und dann in der grauen Kirche zur Frühmette verschwanden. So oft ich später die Westminster-Abtei besuchte -- und ich tat das sehr oft --, brachte ich erst den Grüften, dem uralten Krönungsstuhl, dem Stein darunter, von dem die Legende erzählt, daß es der Stein sei, auf dem Jakob seinen berühmten Traum geträumt habe, dem Dichterwinkel und noch vielen anderen herrlichen Dingen meine Ehrerbietung und Bewunderung dar. Dann aber folgte ich dem Zuge süßer Ungeduld, den ich schon die ganze Zeit über verspürt hatte, und schlüpfte durch das niedere Pförtchen in den Klostergarten. Während ich nun auf einer der Bänke saß und mit den Augen blinzelte, weil mich, aus dem Dunkel tretend, das Sonnenlicht blendete, dichtete ich oft ein schönes trauriges Liebesmärchen um einen ernsten, stolzen Mönch.
Von diesen Stunden voller Ruhe und einer wohltuenden Beschaulichkeit abgesehen, war jeder Tag ein Arbeitstag. Ich ließ es an keiner Mühe fehlen, die englische Sprache gründlich zu erlernen und dichtete seit einiger Zeit auch schon englische Gedichte, die, wenn sie mir auch die Dankbarkeit der Engländer nie erringen werden, mir große Freude bereiteten. Auch mein Freund drückte mir darüber seine Anerkennung aus und fragte mich nun öfters, was ich nach meiner Prüfung zu tun gedächte, ob ich noch in England bliebe oder anderswohin ginge. Auf diese Fragen antwortete ich aber nie, und als endlich die Zeit kam, in der ich darauf antworten mußte, da überfiel mich jene Feigheit, die Petrus überfiel, als er seinen Meister verleugnete. »Denken Sie, daß ich zurückkommen darf?« so frug ich ihn. Später trug ich den Brief zur Post, und als ich zurück in mein Zimmer kam, fand ich alle meine alten Teufel. »Ist etwas, das gut ist, nicht fraglos, nicht durchsichtig wie reinstes Wasser?« In allen Tonarten flüsterten sie mir das in die Ohren, und neben diesem Flüstern hörte ich jeden Glockenschlag der Nacht. Die Tage schlichen meiner zitternden Ungeduld, und oft befiel mich eine unerklärliche Angst vor irgendetwas Unbekanntem. Was wird er schreiben? Und wann wird er schreiben? So frug ich mich wohl hundertmal des Tages. Endlich, endlich kam sein Brief. Er stak in einem blauen Umschlag und wog schwer in meiner Hand. Ich konnte mich lange nicht entschließen, ihn zu öffnen und wünschte fast, ich hätte ihn noch nicht bekommen. Endlich aber las ich ihn, und ich las ihn lange ... Als ich später die eng beschriebenen Blätter sinken ließ, da war es totenstill ... Unwillkürlich sah ich mich um. Alle meine Teufel waren fort; alle Angst, alle Feigheit, alle Zweifel waren fort. Wie eine Wolke hob es sich von meiner Seele, und dann stand ein Gefühl auf, dem ich noch keinen Namen geben konnte, das wie ein vom Traum Erwachter in mir herumschwankte und sich endlich mit festem Druck gegen meinen Hals stemmte.
Ich legte meine Arme auf den Tisch, mein Gesicht auf die Arme, und so saß ich lange. Als es dunkel und spät war, verbarg ich den Brief unter meinem Kopfkissen und ging ohne Licht schlafen ... Einmal in der Nacht setzte ich mich auf und entzündete eine Kerze; dann brachte ich den Brief ganz nahe an das Licht und suchte darin nach einer Stelle.
»Wenn Sie hier geblieben wären, weiß ich nicht, wie es geworden wäre, wenn Sie aber wiederkommen, so weiß ich ja, wie es werden wird ... Nur ist die Frage, ob es so werden darf? Sie sind kein gewöhnliches Mädchen. Sie gehören dem Stamme der Asra an, die sterben, wenn sie lieben ... Und weil ich das begriffen hatte, schon als ich zum ersten Male mit Ihnen sprach, habe ich getan, was ich bis jetzt für kein Mädchen getan habe; die Bestie in mir beim Haupte gefaßt, herumgerissen ... und ausgelacht ...«
Dann verbarg ich den Brief wieder und lag still in meinem Bett ... Das also war das Ende ... Widerwillig und müde pilgerten meine Gedanken zurück. Ich sah mich arm, einsam wartend, bis das holdeste Wunder des Lebens zu mir kam, und jeder Gedanke Arme ausstreckte, um es zu empfangen. Fühlte noch einmal, wie jeder Blick, jedes Wort, das er mir geschenkt hatte, sich wie ein glühender Stempel in meine Seele preßte und empfand noch einmal alle Qual und alle Seligkeit, die ich empfunden hatte ... Und ganz plötzlich dachte ich wieder an Morgans und an sein junges Weib ... Ein ungleiches Ende, aber kein ungleicher Sieg ... denn was war herrlicher für ein Mädchen, daß ein Mann es zu seinem Weibe oder zu seinem schönsten Traume und zu seiner dauernden Sehnsucht macht? --
Und alles, das ich früher nicht begriffen hatte, begriff ich nun auch. »Ja,« sagte ich, und ich sagte es ganz laut in das dunkle Zimmer: »Unzufrieden, unstet und planlos, heute von einer Leidenschaft befreit und morgen an eine andere gekettet, wird er durch das Leben taumeln ... Ewig verlangend, sich nie genügend, wird er jede Begier und jeden Ekel kosten ...
Aber über jede Begierde und über jeden Ekel da wird die eine Sehnsucht stehen, die den Trunk verweigert hatte, weil sie den Satz am Grunde des Bechers kannte ... nicht im Taumel, nicht im Lärm des Tages wird er sie empfinden, aber wenn er des Nachts einsam dem strömenden Regen lauscht, wird sie weich und klagend wie ein Lied durch seine Seele zittern ...« Und nachdem ich das gesagt hatte, da lächelte ich, jenes Lächeln, das die Frauen lächeln, wenn sie in der Liebe das Schwerste auf sich nehmen ...
Den nächsten Morgen verließ ich das Haus sehr früh und wanderte durch die Straßen Londons. Ich wußte heute, daß ich durch diese Straßen noch oft und oft und noch lange, lange wandern würde. Einmal blieb ich stehen und trat in ein kleines graues Gebäude. Es war eine katholische Kirche. Ich ging darin planlos herum, und mein Blick fiel auf die lebensgroße Gestalt des Erlösers ... Vielleicht zum ersten Male in meinem Leben ließ mich der Anblick kalt ... Was konnte er mir nützen? Verstand er denn überhaupt so etwas? ... Er war zwar Mensch geworden, um unsere Leiden fühlen zu können, aber er war ein guter Mensch gewesen. Er kannte nur die Leidenschaften und die Sünden der andern, eigene Leidenschaften und Sünden kannte er nicht. Seine göttliche Abkunft verlieh ihm göttliche Stärke, göttliche Keuschheit, Göttlichkeit ... Was wußte er von der Natur eines Diebes, eines Räubers, eines Mörders, eines Meineidigen, und trotzdem er aus Liebe gestorben war, was wußte er von dem Leiden der Liebenden? ...
Ich wandte mich von dem Bilde fort und schritt hinaus. Ich schritt auf den Zehenspitzen hinaus, weil ich es so gewohnt war; in meiner Seele aber dämmerte die Religion des Lebens, die älter ist, als die Lehre Jesus ... und da, vor mir und neben mir, gingen ihre Jünger. Männer und Frauen, die den letzten Traum geträumt hatten und fertig waren für das Unbekannte; Männer mit starken Fäusten und harten Blicken, denen man ansah, daß sie gekämpft hatten ... Und Frauen mit Schatten und Falten, denen man ansah, daß sie überwunden hatten in ihrer Art ... Männer und Frauen, die in der Herbe und Bitterkeit ihrer Tage größere Wunder wirkten als jener Galiläer ... Männer und Frauen, zu denen auch ich gehörte ...
Und dieses Bewußtsein brachte mir eine neue Weisheit und eine neue Liebe ... eine Weisheit, der alle frühere Weisheit, und eine Liebe, der alle frühere Liebe diente ... und als ich damit in meine Einsamkeit zurückkehrte, da redeten die Steine ...
_Ende._
_Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig_
[ Hinweise zur Transkription
Das Verlagsemblem wurde von der Schmutztitelseite auf das Titelblatt verschoben. Das Portrait der Autorin wurde von der Frontispizseite hinter die Widmung verschoben.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 28: "un «" geändert in "uns.«" (»der Stuhl gehört uns.«)
Seite 32: "mir" geändert in "wir" (und so schritten wir langsam dahin)
Seite 42: "«" eingefügt (alles was ich haben will, ist ein Kuß.«)
Seite 44: "»" eingefügt (»könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen)
Seite 49: "," geändert in "." (und maß mich mit kritischen Blicken.)
Seite 58: "«" eingefügt (»Oh,« sagte meine Mutter)
Seite 68: "»" entfernt vor "muß" (muß ich dir leider Lebewohl sagen)
Seite 73: "»" eingefügt (»Die Frau darf natürlich nichts davon wissen)
Seite 87: "«" eingefügt (daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«)
Seite 89: "." eingefügt (daß ich mein Glück gefunden hätte.)
Seite 152: "sein" geändert in "seine" (warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte)
Seite 154: "«" eingefügt (es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«)
Seite 160: "«" eingefügt (und ich habe eine Krone für jeden.«)
Seite 164: "." eingefügt (daß ich mich kaum aufrecht halten konnte.)
Seite 164: "«" eingefügt (wenn du aufs Land gehen könntest.«)
Seite 165: "«" eingefügt (daß ich es aufbringen kann.«)
Seite 177: "." eingefügt (und betrachtete sich mit prüfenden Blicken.)
Seite 187: "icht" geändert in "nicht" (Selbstverständlich war das nicht sehr viel)
Seite 199: "»" eingefügt (»vielleicht erleichtert es Ihr Herz)
Seite 201: "dabe" geändert in "dabei" (Ich dachte dabei oft an meine Freundin in London)
Seite 213: "andres" geändert in "anderes" (Noch etwas anderes enthielt der Brief)
Seite 223: "«" eingefügt (wie ein Lied durch seine Seele zittern ...«) ]