Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben
Part 8
Eines Tages erhielt ich einen Brief von zu Hause, in dem mir meine Eltern mitteilten, daß es schlechter ginge als je, daß sie dieses Mal den Mietzins nicht aufbringen konnten und ihnen am ersten Januar, das war in einigen Tagen, die Möbel auf die Straße gesetzt werden würden. Dieser Brief versetzte mich in ungeheure Aufregung. Ich hatte in den zwei Jahren, während ich auf meiner Stelle war, öfters größere und kleinere Beträge geschickt, doch gerade jetzt hatte ich kein Geld. Meine Einbildung zeigte mir meine Eltern und Geschwister auf der Straße, und in meiner Verzweiflung weinte ich die ganze Nacht. Am Morgen hatte ich einen Gedanken, über den ich zuerst erschrak und den ich entschieden abwies; aber er kam immer wieder, dringlicher und dringlicher, und als es Zeit war, die Kinder in die Schule zu nehmen, hoffte ich sehnsüchtig, meinen Freund zu treffen. Ich hatte nicht vergebens gehofft, und als ich seiner ansichtig wurde, flog ich auf ihn zu. »Ich muß mit Ihnen sprechen,« sagte ich und zitterte vor Erregung. Er blickte besorgt auf mich.
»Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«
»Nicht jetzt,« antwortete ich und blickte scheu nach den Kindern.
»Ich muß Sie allein sprechen, kann es Sonntag sein?«
»Wenn es etwas ist, das Ihnen Sorge macht, warum nicht früher?« Diese Worte erleichterten mich ungemein. »Kann es heute sein?« frug ich.
»Gewiß, wann immer Sie wollen.«
Wir bestimmten dann die genaue Stunde und verabschiedeten uns. Kaum aber war er fort, so erschien mir mein Vorhaben unmöglich. Durfte ich ihn denn um Geld bitten? -- Die quälendsten Gedanken stürmten auf mich ein, und als die Zeit herannahte, wo ich ihn treffen sollte, war ich fest entschlossen, nicht zu gehen. Ich ging auch nicht. Statt dessen nahm ich den Brief von zu Hause zur Hand und las ihn immer wieder. Er war von meinem Vater geschrieben und eine Stelle lautete: »Du kannst Dir denken, daß die ewigen Sorgen auch die Mutter aufreiben, und sie kränkelte in der letzten Zeit. -- Was wir tun sollen, wenn wir auf die Straße gesetzt werden, weiß ich nicht; ins Armenhaus würden sie uns nicht aufnehmen, weil wir nach Langenau nicht zuständig sind.« Ich legte mein Gesicht auf den Tisch und weinte bitterlich. Plötzlich entschloß ich mich, doch zu tun, was ich vorgehabt hatte; die Uhr aber zeigte mir, daß es bereits eine ganze Stunde später war, als wir verabredet hatten, und ich konnte nicht erwarten, ihn noch zu treffen. So gut ich imstande war, verbarg ich meinen Kummer und lag meinen gewohnten Pflichten ob. Am Abend desselben Tages ging meine Dame mit ihrem Manne in das Theater. Nachdem ich die Kinder zu Bett gebracht hatte, erfaßte mich eine solche Angst meiner Mutter wegen, daß ich beschloß, keine Stunde mehr zu zögern. Wie aber sollte ich das anstellen? -- Er war ja sicher nicht zu Hause, und wenn er auch zu Hause gewesen wäre, hätte ich doch unmöglich in der Wohnung seiner Eltern nach ihm verlangen können. In der Hoffnung, ihm vielleicht dennoch irgendwo zu begegnen, schlich ich auf den Gang hinaus und bemerkte zu meiner wahnsinnigen Freude, daß Licht in einem kleinen, einen Stock höher gelegenen Zimmer war, wo er oft verschiedene Arbeiten, wie das Anfertigen von Photographien oder Ausbessern von Uhren, zu seinem Vergnügen besorgte ... Fast ohne zu wissen, was ich tat, schritt ich die Stiege hinauf und klopfte leise, so leise, als ob ich gewünscht hätte, daß er mich nicht hören sollte. Er hatte das Klopfen aber gehört und rief »herein«, worauf ich die Türe aufklinkte und zögernd eintrat. Drinnen drückte ich mich fest an die Wand und sagte kein Wort.
Er hatte bei meinem Eintritt seine Arbeit sofort unterbrochen und sah mich fragend an.
»Sprechen Sie,« sagte er endlich.
In fliegender Hast und von Schluchzen unterbrochen, erzählte ich ihm meine Geschichte. Noch während ich berichtete, schoß es mir durch den Sinn, daß er vielleicht nach so genauer Angabe meiner Familienverhältnisse mit mir nichts mehr zu tun haben wolle, und als ich fertig war, sah ich ängstlich zu ihm auf. Aber sein Gesicht verriet nichts von dem, was ich befürchtete. Seine Augen hatten jenen tiefen, besorgten Ausdruck, den ich mir gegenüber nun schon so oft wahrgenommen hatte, und sein Mund lächelte das gütige Lächeln.
»Wieviel brauchen Sie ungefähr?« frug er mitten in meine Gedanken hinein.
»Sehr, sehr viel,« sagte ich errötend.
»Wieviel?« drängte er.
»Vielleicht hundert Kronen,« antwortete ich zögernd und dachte, daß hundert Kronen ein ungeheures Vermögen sei.
Er legte seine Hand auf die Türklinke, als ob er sie öffnen wollte, und sah mich bittend an.
»Gehen Sie jetzt, man könnte Sie vermissen ... Morgen mit dem frühesten wird Ihnen der Hausmeister einen Brief übergeben, der enthält, was Sie brauchen ...«
Aber ich ging nicht. Ich drückte mich noch fester an die Mauer und mit einem Gesicht, in welchem die Lippen zuckten, sah ich zu ihm empor.
»Sind Sie böse, daß ich mich an Sie wandte?«
»Sie sind ein Kind,« erwiderte er sehr entschieden, »und ich sage Ihnen jetzt ein für allemal, daß ich Ihr Freund bin, an den Sie sich in jedem Kummer und in jeder Sorge nicht nur wenden können, sondern wenden müssen.« Und während sein Gesicht wieder den bittenden Ausdruck annahm, legte er die Hand noch einmal auf die Klinke. »Aber gehen Sie jetzt ... gehen Sie.« Ich gehorchte wie im Traume.
Den nächsten Tag übergab mir der Hausmeister einen Brief, und als ich ihn öffnete, erblickte ich eng zusammengefaltete Banknoten. --
Von dieser Zeit an empfand ich für meinen Freund eine maßlose Dankbarkeit, liebte ihn, wenn das überhaupt möglich war, noch inniger und zärtlicher als zuvor und konnte bei den folgenden immer so kurzen Zusammenkünften meine Gefühle nur mühsam verbergen. Er aber war nach wie vor derselbe. Meine Gedichte bildeten für ihn stets die Quelle der Gespräche, und trotzdem ich sie nun schon für fehlerlos hielt, fand er noch oft etwas zu tadeln; doch lobte er auch manchesmal, und ein Lob aus seinem Munde war mir immer ein süßer Lohn. Selbstverständlich entstanden noch oft Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, wobei ich so weit ging, daß ich mich unhöflich, ja sogar grob benahm; ihn aber verließ seine Nachsicht und seine Ruhe nie. Gewöhnlich war es sein Schweigen, das mich zur Besinnung brachte, und sobald ich mein Unrecht eingesehen hatte, bemühte ich mich jedesmal, es wieder gut zu machen. Er war auch immer bereit, mir irgendwelches ungefüge Betragen zu verzeihen, und die alte Freundschaft war wiederhergestellt.
Heimlich aber war ich unzufrieden.
»Warum,« so frug ich mich oft, »warum sagt er mir nicht, was doch allein jedes Mädchen glücklich macht ...? Warum gibt er mir nicht das leiseste Zeichen, daß er mich liebt? ... Oder liebt er mich doch nicht ...?«
Diese Frage sandte immer einen jähen Schreck durch alle meine Glieder, und oft setzte ich mich in der Nacht auf und starrte mit fest verschlungenen Händen in das Dunkel um mich. Ist da vielleicht eine andere, an die er täglich und stündlich denkt, wie ich täglich und stündlich an ihn dachte? Ich schauderte bei der namenlosen Einsamkeit, die dieser Gedanke in mir erweckte, rief jedes Wort, jeden Blick von ihm ins Gedächtnis zurück und wog und wunderte, bis alle Formen und alle Farben in eins zusammenflossen und mir die Augen zusanken. --
Einmal hatten wir verabredet, uns wieder allein zu treffen, und wie immer konnte ich die Zeit unserer Zusammenkunft kaum erwarten. Ich traf eine halbe Stunde früher ein, doch auch er war schon angelangt. Es war das erste Mal, daß wir etwas mehr Zeit vor uns hatten, und ich hoffte heimlich, daß er vielleicht heute die Schranken des Schweigens fallen lassen und endlich -- endlich sprechen würde. Er sprach auch, doch was er sprach, war etwas ganz anderes, als ich erwartet hatte. Er erzählte mir von seinen Knabenjahren, von seinen Jünglingsjahren, und von einer ersten Liebe, die ihn enttäuscht zurückgelassen hatte. Ich hörte zu, aber ich hörte alles wie im Traume. In meinem Kopf hämmerte und klopfte es, und mein Herz wußte nur von einem Wunsche. -- Er braucht ja sein Betragen mir gegenüber nicht zu ändern, schrie es in mir, er soll mir nur sagen, daß er mich liebt. -- Und mit dieser Qual in den Augen blieb ich plötzlich stehen und legte meine Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie mir,« frug ich mit einer Stimme, in der Kühnheit und Scheue kämpften, »warum tun Sie so viel für mich?«
Er schien auf einmal blaß zu werden, und seine Züge wurden eisern. -- »Weil ich Ihr Freund bin,« sagte er dann.
»Ist das alles?« frug ich ihn.
»Alles,« antwortete er und schüttelte meine Hand von seinem Arm. -- Dann war es so still, daß ich meinte, ich könnte sein Herz und mein Herz klopfen hören. Plötzlich aber weckte mich seine Stimme, eine Stimme, die mir neue Tiefen seiner Seele erschloß, eine Stimme, die, aus Leid und Qual gewoben, sich wie eine Brücke über den Abgrund legte, den seine Worte in mir ausgerissen hatten. »Wollen Sie,« sagte er, »wollen Sie jene Phrase hören? ... Sie sind mir viel zu gut dafür; ich habe mir geschworen, daß ich nie daran denken will, daß Sie ein Mädchen sind.«
Ich gab keinen einzigen Laut von mir; ich stand mit dem Blick nach innen gekehrt und maß kommende Jahre, -- Jahre, in denen wir uns gegenseitig alle unsere Schätze geben würden, ohne jemals ärmer zu werden, Jahre, in denen es keine Scham und keine Reue gäbe, Jahre, in denen ich alle Leiden leiden würde ...
»Glauben Sie an mich?« hörte ich ihn sagen.
»Ja,« erwiderte ich einfach, und schweigend reichten wir uns die Hände. --
Die Zeit, die jetzt folgte, könnte ich nimmer beschreiben. Die kurzen Zusammenkünfte waren so voll von einem zagen Glück, von einer halberschrockenen Zärtlichkeit, daß keine Farbe fein, keine Hand sicher genug sein könnte, sie wiederzugeben. Doch waren auch oft Stunden, in denen eine seltsame Stimmung über uns schwebte; Stunden, in denen er sich jäh aufrichtete, als ob er etwas abschütteln wollte, Stunden, in denen seine Augen den stillen Glanz verloren und düster blickten, Stunden, in denen das Tier in ihm tobte ... In solchen Momenten erbebte ich, weil ich die Kraft der Leidenschaft ahnte, die ihn bewegte, und dann fürchtete ich mich fast vor ihm ... Wenn er einmal, ein einziges Mal nur seinen Schwur vergessen würde, wehe dann unsrer Freundschaft, wehe dann mir ...
In solcher Weise verfloß ein volles Jahr, und ich glaubte, daß ich absolut glücklich war und es nicht anders wünschte. Doch nach und nach bemächtigte sich meiner ein Gefühl dumpfer Angst. Nicht wie früher nahm ich meine Bücher zur Hand, sobald die Kinder schliefen, sondern setzte mich in einen Winkel und brütete über Gedanken, die mir langsam und langsam gekommen waren. -- Wohin sollte das führen? -- Ich dachte an die tiefen Blicke, die er mir oft gab, und schauderte. -- Würden wir unsere Freundschaft durchtragen können? Und dann regte sich die spießbürgerliche Frage wieder, die ich mit vielen schönen Redensarten totgeschwiegen zu haben meinte, die Frage: Warum heiratet er mich nicht? Warum nicht? ... Meiner Armut, meiner Stellung wegen? ... Aber wenn ein Mann ein Mädchen liebt, konnte doch das kein Grund sein ... Wenn er mich aber nicht liebte, warum dann das alles? ... Warum dann seine Güte, sein Interesse, sein Opfermut? ... Ich suchte nach einem ähnlichen Schicksal unter den Mädchen, die ich kannte, aber da gab es nichts Ähnliches. Wenn sie im Gespräche den Herzenspunkt berührten, lächelten sie ein schlaues, verschmitztes Lächeln, das mich nur anekelte, aber nie belehrte. Meine Gedichte wurden immer grübelnder, immer fragender; und er, um den sich alle Reime und alle Träume schlangen, korrigierte und kritisierte die Zeilen, in denen die ganze Sehnsucht und Trauer meiner Seele lag, korrigierte und kritisierte sie manches Mal mit den alten ironischen Blicken, manches Mal mit abgewandten Augen und einem Schatten in den Zügen. Und dann kamen Nächte, die mir keinen Schlaf brachten, sondern immer nur die eine ermüdende quälende Frage, bis mir einmal, hell wie ein Blitzstrahl, die Antwort in mein Bewußtsein fuhr ...
Es war gelegentlich einer unsrer Zusammenkünfte, daß er sagte: »Ich bin mit Ihren Fortschritten nicht ganz zufrieden.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ganz einfach, Ihre Gedichte behandeln immer nur denselben Stoff, was ja auch kein Wunder ist, da Sie sich stets in demselben Kreise der Verhältnisse bewegen, anstatt andere Leute und andre Sitten kennen zu lernen.«
Ich fühlte, wie mein Herz rascher schlug, doch verbarg ich meine Bewegung. »Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte ich zögernd, »daß ich eigentlich noch viel mehr lernen sollte, und -- noch zögernder -- fortgehen möchte.« Wir sahen uns nun in die Augen und wußten beide, daß wir logen, doch die Worte, die vielleicht erlöst, beseligt hätten, erstarben unter dem erheuchelten Gleichmut unserer Gesichter.
»Wohin?« frug er endlich.
Jetzt, wo der Würfel fallen sollte, schrak ich zurück, ihn zu werfen ... Die ganze hündische Anhänglichkeit und Treue meines Geschlechtes brach hervor, die ganze heiße Sehnsucht nach Glück, die schon so lange demütig gehofft und gewartet hatte, stand auf; jeder Gedanke, jeder Herzschlag in mir verneinte ... Die Sekunden verstrichen und ich antwortete nicht. Prüfend, wie ein Senkblei, fühlte ich seinen Blick in meine Seele fallen, und plötzlich sah ich, wie es um seinen Mund zuckte, das alte höhnische Lächeln, das ich so haßte und fürchtete. Nie hatte ich es verstehen können, nun war es mir auf einmal klar. Er hielt mich nicht fähig, von ihm fortzugehen, noch mehr, er hielt kein weibliches Wesen fähig, sich von dem Manne zu trennen, den es liebt, noch mehr, er verachtete alle Frauen, verachtete alle Mädchen. Und da wußte ich, daß ich noch kein Atom seiner Seele gewonnen hatte, daß der Kampf, den ich aus Trieb und Drang aufgenommen hatte, noch lange nicht zu Ende war ...
»Wohin?« frug er noch einmal.
Mit der Schnelligkeit eines bedrängten Gegners hatte ich meine Lage überschaut, und nun, trotzdem mir die Tränen hinter den Lidern brannten, lächelte ich.
»Nach England.«
»Warum nach England?«
»Weil ich etwas Englisch kann und die Sprache gerne gründlich beherrschen möchte.«
»Haben Sie in London Bekannte?«
»Nein, ich kenne dort niemand; es handelt sich für mich nur um das Reisegeld.«
Daraufhin wurde er sehr ernst und schwieg lange.
»Sie wissen,« sagte er endlich, »daß Sie einen Freund haben.« --
Einige Tage nach dieser Unterredung wurde ich krank. Ich hatte mir eine schwere Lungenentzündung zugezogen und verbrachte mehrere Wochen im Krankenhause. Als ich dasselbe verließ, erklärte mich der Arzt für jede Stelle vorläufig unfähig. Man schlug mir vor, mich für einige Monate zu Hause aufzuhalten und mich dort gründlich zu erholen. Ich war still, als man mir das sagte. »Zu Hause!« Wo war mein »Zu Hause?« Aber ich war viel zu stolz, das zu verraten, zu sagen, wie wenig ich mich wohl würde erholen können. So verließ ich, der quälendsten Gedanken voll, Budapest zum zweiten Male.
Meine Eltern waren indessen nach Wien übergesiedelt. Ich hatte von den veränderten Verhältnissen nicht viel erfahren und frug mich heimlich, wie wohl die Wohnung sowie das Geschäft beschaffen sein würden. Als ich aber bei meinen Eltern ankam, sank mein Mut. Alles bot einen traurigen Anblick dar. Das Geschäft war ganz klein und fast leer, und die Wohnung bestand nur aus einem Zimmer. Das Zimmer enthielt einen kleinen eisernen Ofen, einige Betten, einen Stuhl und einen Tisch; dazu lag der Raum unterirdisch und hatte weder Luft noch Licht.
Mein Vater war allein zu Hause. Nachdem ich ihn begrüßt hatte, frug ich nach meiner Mutter und erfuhr, daß sie eine Stelle als Aufräumerin für tagsüber angenommen hatte und erst gegen acht Uhr abends heimkommen würde.
Ohne meinen Hut abzunehmen oder meine Jacke auszuziehen, hatte ich mich auf eines der Betten gesetzt und hörte schweigend auf die Dinge, die mir mein Vater erzählte. Ich hatte ja das alles schon so oft gehört, und nun hörte ich es wieder.
»Werdet ihr denn Platz für mich haben?« frug ich endlich.
»Natürlich,« erwiderte mein Vater, »es muß eben gehen; du kannst ja mit einem der Kinder schlafen.«
»Wo sind denn die Kinder?«
»Fort, Geld verdienen.«
»Womit?«
»Sie tragen Zeitungen aus.«
»Sobald ich gesund bin,« sagte ich, »werde ich zum Haushalt beitragen.«
»Schau nur, daß du erst gesund wirst, das ist die Hauptsache.«
Ich sah mich in dem kleinen, schlecht gelüfteten Raume um. »Hier kann ich nicht gesund werden.«
»Seit die Mutter tagsüber aus ist, besorge ich das Kochen,« erklärte mein Vater. »Ich werde dir jetzt eine Tasse Kaffee bereiten, und dann können wir ja sehen, was sich tun läßt.« Nach diesen Worten brach er einige Stücke Holz über seinem Knie und machte ein Feuer in dem kleinen Ofen. Kaum hatte er das Streichholz angesteckt, so fing es aus dem Ofen zu dampfen und zu qualmen an. »Das kommt vom Wind,« entschuldigte er, »es wird schon vorbeigehen.«
Es ging auch vorbei, aber nicht eher, als bis der ganze Raum schwarz war und man nichts mehr sehen konnte. Meine Augen und meine Kehle brannten mir, doch sagte ich nichts und trank den Kaffee, den mein Vater mir in einer Schale reichte, die einen großen Sprung hatte. Ich dachte an meinen Bruder und konnte nicht begreifen, wie er ein solches Unglück mit ansehen konnte, ohne zu helfen. »Wo ist er denn?« frug ich plötzlich.
»Wer?«
»Karl.«
Bei Erwähnung dieses Namens wurde mein Vater sehr traurig.
»Es ist eben ein Unglück,« erwiderte er, »er hat schon seit langer Zeit keine Stelle.«
»Wo ist er denn?«
»Er lebt natürlich mit uns.«
Mein Blick flog durch den kleinen Raum. Mein Vater merkte es und zuckte die Achseln. »Wir müssen uns eben einrichten, wie es geht.«
Später kam meine Mutter und mit ihr kamen die Kinder, die, nachdem sie ihre Zeitungen verkauft hatten, vor dem Hause, wo meine Mutter arbeitete, auf sie gewartet hatten. Als das spärliche Abendessen vorüber war und es anfing, spät zu werden, kam mein Bruder. Ich erschrak furchtbar bei seinem Anblick, er hatte sich gänzlich verändert. Sein Gesicht war blaß und hohl, um seine Augen lagen schwarze Ringe, sein dunkelblondes Haar hing wirr über die Stirne, seine Gestalt war hager und seine Bewegungen waren ungefällig. So gut ich konnte, verbarg ich meine Bestürzung und reichte ihm die Hand.
»Ich fürchte,« sagte er, und es war derselbe spöttische Ton, den er früher immer gegen mich angewandt hatte, »daß es dir bei uns nicht sehr gefallen wird.«
»Sobald ich gesund bin,« antwortete ich, »werde ich trachten, etwas Ordnung ins Haus zu bringen.«
»Ordnung!« rief mein Bruder und schüttelte sich vor Lachen, »denkst du denn, daß dieser Mensch (dabei wies er auf meinen Vater) so etwas erlauben würde? Ich versichere dich, liebe Schwester, nichts macht deinen werten Papa glücklicher, als im Dreck herum zu wühlen.«
Zum zweiten Male in meinem Leben sah ich die Zornesader auf meines Vaters Stirne stehen. -- »Du!« rief er.
»Ja,« sagte mein Bruder und stellte sich kampfbereit.
Ich sprang auf und stellte mich mit gefalteten Händen vor meinen Vater. »Höre nicht auf ihn,« schluchzte ich, »du weißt, ich glaube kein Wort.«
»Deinetwegen,« sagte mein Vater, dann ließ er die geballten Hände sinken und schritt rasch hinaus.
»Jetzt spielt er natürlich den Beleidigten,« fuhr mein Bruder in dem alten Tone fort »und ich hoffe, daß du dich nicht von seinem Komödienspiele beeinflussen läßt und ein Mitleid empfindest, das in diesem Falle ganz falsch angebracht wäre. Du bist die letzten Jahre fortgewesen und hast keine Gelegenheit gehabt, diesen Schauspieler kennen zu lernen. Was mich anbelangt, so habe ich ihn vollkommen durchschaut, und ich bin überzeugt, daß du mir recht geben wirst, sobald du einige Zeit hier gewesen bist. Für jetzt magst du ja in mir einen Lümmel oder so etwas Ähnliches sehen, doch ich kann dir die Versicherung geben, daß ich, trotzdem die Verhältnisse mich zwingen, mit diesen gewöhnlichen Leuten unter einem Dache zu leben, den Kavalier noch nicht abgelegt habe. Irgendwo in seinen Dramen sagt Schiller, daß ein Edelstein noch immer ein Edelstein sein wird, selbst wenn er zufällig in den Dünger fallen sollte. Gegenwärtig siehst du in mir einen Menschen, den das Leben leider enttäuscht hat, weil seine Ideale zu hoch gesteckt waren und seine Träume bis an den Himmel reichten. -- Wie du mich heute siehst, bin ich vielleicht eine der fraglichsten Existenzen. Doch warte ein halbes, sagen wir ein ganzes Jahr; ich habe Ideen in meinem Kopfe, die, sobald ich sie ausgearbeitet habe, das Leben, wie wir es heute kennen, die Gesetze, wie sie heute gelten, in die Luft sprengen werden. Nach außenhin bin ich ein Kellner, ein Gauner oder was du willst, doch innerlich, da arbeite ich an einem Königreiche für Millionen verborgener, halbverhungerter Geschöpfe, und ich habe eine Krone für jeden.«
»Die Hauptsache ist,« unterbrach ich, »daß du eine für dich selber hast.«
Mein Bruder zuckte die Achseln. »Ich kann von dir natürlich nicht erwarten, verstanden zu werden. Du bist noch zu sehr im Schlamme deiner Abkunft, als daß du meinen Gedanken folgen könntest. Die große Lehre der Wiedergeburt ist für dich ein spanisches Dorf, und daß ich auf Grund dieser Lehre nur durch einen Zufall dein Bruder bin, kann Dir natürlich nicht einleuchten. Ebenso unglaublich würde es dir scheinen, wenn ich dir sagte, daß ich in einem früheren Jahrhundert wahrscheinlich ein gewaltiger Eroberer und Ländergründer gewesen bin. Meine Hoffnung, dich einst mit Stolz meine Schwester nennen zu können, hat sich leider so trügerisch erwiesen wie alle meine Hoffnungen, und ich muß nun allein -- der große Mensch ist ja immer allein -- meine Aufgabe vollbringen.«
Meine Mutter, die an solche Reden wohl schon gewöhnt war, war auf dem Stuhle eingeschlafen, und ich ging hinaus, um zu sehen, wo mein Vater geblieben war. Ich fand ihn in einem kleinen übelriechenden Hof. »Komm doch herein,« sagte ich bittend. Er ging dann mit mir hinein, und für heute brach kein Streit mehr aus. Später machten sich mein Vater und mein Bruder jeder ein Lager auf dem Boden zurecht.
Ich hatte mich auf eine der zerrissenen Matratzen gelegt und schloß die Augen sofort, damit man denken solle, ich sei eingeschlafen; sobald aber alles still geworden war, setzte ich mich auf und sah in wilder Verzweiflung um mich. Meine Mutter, die wohl von der Arbeit recht müde war, schlief tief und fest. Eine Weile horchte ich auf ihre Atemzüge, dann blickte ich nach der Stelle, wo mein Bruder lag. Er schien mir noch länger, noch hagerer als bei Tage, und auf seinem Gesicht, jetzt unbewacht, zeigte sich ein seltsamer Ausdruck von Enttäuschung, Leid und Qual, daß ich seine Roheit, Eitelkeit und Einbildung vergaß und ein mächtiges Mitleid mit seiner so früh verdorbenen Jugend, seiner wüsten, leidenschaftlichen Natur, die ihn wie mit Peitschenhieben vor sich trieb und nimmer zur Ruhe und Aussöhnung seines Schicksals kommen ließ, aufquellen spürte. Er konnte meinen Vater nicht leiden, weil er dachte, daß es seine leichtsinnige Führung des Geschäftes war, die uns nach und nach ins Unglück brachte. Doch konnte ich ihm hierin nicht recht geben. Ich wußte, daß mein Vater sehr viel hinausgeborgt hatte und die Leute ihn nicht mehr bezahlten. Die natürliche Folge davon war, daß auch er seine Ware nicht mehr bezahlen konnte und dadurch immer mehr in Schulden geriet. Dazu die vielen Kinder und noch manches andere, das ein größeres Kapital geschmolzen hätte, als mein Vater je besessen hat. Daraufhin mag man ja antworten, mein Vater hätte eben nicht hinausborgen sollen, doch war er zu gutmütig und zu leichtgläubig. Als das Kind armer Eltern besaß er ein lebendiges Gefühl für die Bitterkeit des Mangels, und hatte er darin gefehlt, so war die Sühne wahrhaftig nicht ausgeblieben. --
Ich konnte den Blick von den beiden, die jetzt so still und friedlich nebeneinander lagen, als hätten sie sich nie ein böses Wort zugerufen, nicht abwenden, und erst als ein trübes Morgendämmern durch die kleinen halberblindeten Scheiben brach, fielen mir die Augen zu. --