Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben

Part 7

Chapter 73,731 wordsPublic domain

In dem Zimmer, in das die Kleine mich geführt hatte, befand sich ein vielleicht dreißigjähriger Mann, der anscheinend allein zu Hause war und die Kinder mit Marken, Bildern und anderen Dingen unterhielt. Er grüßte mich in geläufigem Deutsch und mit einer Höflichkeit, wie noch nie jemand mich begrüßt hatte; ich bezwang meine anfängliche Verlegenheit und setzte mich auf seine Aufforderung.

Die beiden Kinder hatten sich in eine Unterhaltung über den möglichen Wert einer ausländischen Marke vertieft, und so wandte der Inhaber des Zimmers sich mir im Gespräche zu. Erst banal, alltäglich, mit einer feinen Ironie in seiner Stimme; dann durch einige meiner Bemerkungen plötzlich interessiert, forschend und ernst. Wir kamen auf ein Gebiet, von dem ich heute noch nicht weiß, wie wir uns dahin verstiegen hatten. Elegant in dem Sessel zurückgelehnt, eine Zigarre im Munde und den Kopf nach hinten, frug er: »Und was glauben Sie, das größer ist: der Rausch oder die Reue; ist der Rausch die Reue wert?« Ich begriff die Frage nur halb und sagte, ich wüßte das nicht. Dann erzählte ich ihm von meinen Gedichten, und er horchte auf und lächelte das feine ironische Lächeln, das ich damals auch nicht begriff. Als ich mich bei ihm mit den Kindern verabschiedete, frug er mich, welche Bücher ich lese.

»Keine.«

Über diese Antwort schien er erstaunt zu sein.

»Darf ich Ihnen aus der Bibliothek welche besorgen?«

Ich fand sein Anerbieten sehr liebenswürdig und sagte, es würde mich sicher freuen. Einige Tage später übergab mir der Hausbesorger ein Paket mit Büchern. Auf dem obersten lag ein kleiner Zettel.

»Ich habe die Bücher in aller Eile gewählt, hoffe aber, die Wahl zu Ihrer Zufriedenheit getroffen zu haben.« Nichts weiter, nicht einmal eine Unterschrift. Sobald ich Zeit hatte, schlug ich eines der Bücher auf. Es war ein Bändchen Erzählungen von Jakobsen. »Morgan« hieß eine der Geschichten. Ich las sie vom Anfang bis zum Ende. Ein Mann, ein Träumer, der heute ein Mädchen leidenschaftlich liebt und sie morgen wieder vergißt. Und um diesen Menschen Bilder von seltsamer Farbe und funkelndem Licht. Das Buch gefiel mir, aber eigentlich verstand ich es nicht. »Haben Sie schon aus den Büchern gelesen?« frug mich mein neuer Bekannter, sobald er mich traf. Ich bejahte es.

»Auch die kleine Geschichte Morgan?«

»Ja.«

»Gefiel sie Ihnen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Eine der schönsten Stellen ist die, wo er mit seiner jungen Frau durch die wogenden Kornfelder geht.«

»Ja, aber ich glaube, er muß ein schrecklicher Mensch gewesen sein.«

»Warum das?«

»So unruhig, so launenhaft, so unbeständig.«

Nach diesen Worten traf mich ein flammender Blick, dann zog er den weichen Hut tief über die Stirne und lächelte. --

Wir trafen uns nun fast jeden Tag, gewöhnlich am Morgen, wenn ich die Kinder zur Schule führte und er in die Bank mußte. Eine kleine Strecke fuhren wir zusammen, dann mußte ich mit den Kindern aussteigen, und er fuhr weiter. In diesen flüchtigen Minuten führten wir sprunghafte Unterhaltungen. An irgendeinen Zufall, einen Gedanken oder eines meiner Gedichte anknüpfend, sprachen wir scheinbar objektiv, bis wir plötzlich stockten, weil jedes meinte, es habe etwas verraten. Nach und nach fing ich an, an ihn zu denken, auch wenn ich ihn nicht sah. Mitten aus all den sehnsüchtigen, unverständigen Träumen, die ich von jeher geträumt hatte, hob sich sein Bild wie eine lodernde Frage. -- Und etwas, das die ganze Zeit dumpf und leblos in mir gelegen hatte, dehnte sich, richtete sich auf und lächelte wie ein Genesender. Einmal hatte ich ihn zwei Tage nicht gesehen, und weil mein Herz voll war von einer wundersamen Sehnsucht, schrieb ich ihm einen Brief. Nicht daß ich ihn zu sehen wünschte oder ähnliches. Nein, Gedanken, die mir reich wie ein Regen in die Seele fielen und mit denen ich nicht wußte, was zu tun -- Bilder, die ich schön und seltsam fand und mit ihm teilen wollte. Den nächsten Tag zitterte ich vor Ungeduld, ihn zu sehen. Doch ich sah ihn nicht. Den nächsten Tag auch nicht, den nächsten auch nicht. Am vierten Tage endlich ... Mein erster Impuls war, ihm entgegen zu stürzen, doch dann hielt mich das süße Zagen, das mich nun schon lange immer in seiner Nähe überfiel. Es schien erst, als ob er an mir vorüber wollte, ohne mich zu bemerken, doch dann zögerte er, blieb stehen und grüßte. Ich konnte sein zurückhaltendes Benehmen nicht verstehen und fühlte einen brennenden Schmerz. »Warum?« frug ich, »warum sehe ich Sie so selten?« Er atmete tief und sah an mir vorbei.

»Weil es unklug wäre, wenn wir uns öfter träfen.«

»Warum?«

Er antwortete wieder nicht gleich. »Es gibt,« sagte er endlich, »Wölfe, die im Schafspelze herumlaufen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Nicht?«

»Nein.«

»Ich will Sie warnen.«

»Vor wem?«

»Vor einem Wolf, der im Schafspelze herumläuft und dem Sie Ihr Vertrauen schenken.«

»Wen meinen Sie?«

»Mich.«

Der Sinn seiner Worte dämmerte endlich in mir, doch einer tiefen, sicheren Glückseligkeit voll, schüttelte ich den Kopf.

»Sie sind kein Wolf im Schafspelz.«

Er atmete wieder, wie er es im Anfang getan hatte, und blickte geradeaus.

»Ich bin einer, ein grausamer, herzloser Wolf, einer, der ein Lamm unbarmherzig verschlingen würde, wenn es ihm ohne Hund und Hirte in den Weg käme.«

Ich sah in sein Gesicht, das mir auf einmal hager und verlebt erschien, und da wurde ich still und traurig. Das, was er da eben gesagt hatte, klang nicht nach Heimat und Glück. Wie ein Abgrund tat es sich plötzlich vor mir auf, und das helle Jauchzen, das wie eine Verheißung noch kurz vorher durch jede Falte meiner Seele stürmte, verstummte mit schrillem Klang. Doch schon im nächsten Augenblicke erhob es sich wieder. Erst ein feines Zittern, dann ein leises Trillern, dem ich nicht wehren konnte und auch nicht wehren wollte. Etwas in mir weinte, aber das, was gejubelt hatte, jubelte noch. --

»Haben Sie meinen Brief erhalten?« frug ich ihn nach einer langen Pause.

»Ja, und ich danke Ihnen dafür.«

»Darf ich Ihnen wieder schreiben und meine Gedichte mitsenden?«

Er blickte lange ins Weite und zögerte mit der Antwort.

»Darf ich?« frug ich noch einmal.

»Ja!« Er sagte es kurz und zögernd, als ob er fürchte, es zu bereuen.

»Und Sie werden mir zurückschreiben?«

Er zögerte wieder und länger als zuvor.

»Ich glaube nicht -- das heißt, vielleicht manches Mal, aber nie sehr viel.«

»Nur manches Mal und nie sehr viel?«

»Ja, und das auch nur unter einer Bedingung.«

»Unter welcher Bedingung?«

»Das niemand von unserem Briefwechsel erfährt.«

»Warum?«

»Weil es Ihretwegen besser ist.«

»Warum meinetwegen?«

Und ehe er antworten konnte, flammte ein plötzlicher Groll in mir auf.

»Sie sind feige.«

Darauf zuckte er mit den Achseln.

»Wenn es Ihnen Freude macht, das zu denken, will ich Sie nicht daran hindern, doch dürfte eine kleine Aufklärung am Platze sein. -- Es ist nicht meinetwegen, sondern Ihretwegen. Ein unverheirateter Mann kann tun, was er will. Er kann einem Mädchen den Hof machen, ihm den Kopf verdrehen, und niemand wird es einfallen, ihn darum zu tadeln. Die allgemeine Auffassung, die aber in bezug auf ein Mädchen herrscht, kennen Sie ja.«

»Ich kümmere mich nicht um die Leute.«

»Das glaube ich, aber die Leute kümmern sich um Sie.«

»Aber ich mache mir nichts daraus.«

»Aber ich.«

»Also doch Ihretwegen.«

»Nein Ihretwegen.«

Er war stehen geblieben und sah mich hart und entschieden an. Ich kam mir plötzlich so elend und erbärmlich vor, daß ich mich vor mir selbst schämte. Was sollte das eigentlich heißen? Da vor mir stand ein Mann, den ich bat und bettelte, ihm schreiben zu dürfen, und der mir erklärte, er würde es gnädig erlauben, wenn ich auf von ihm gestellte Bedingungen einginge. Ein bitterer Zorn überkam mich. Würde er es wagen, so zu einem andern Mädchen zu sprechen? Zu der Tochter eines Vorgesetzten oder eines Bekannten? Würde er sich da auch einer Bekanntschaft schämen? Denn nichts anderes konnte es sein, als daß er sich meiner schämte. Meiner armseligen Kleidung, meiner armseligen Stellung. Eine Vision von Mädchen in reicher, vornehmer Kleidung zog blitzschnell an mir vorbei, und es wallte wie Neid in mir empor. Hatte er nicht recht? Was war ich denn? Was waren meine Eltern? Arm -- bitterlich arm.

»Gehen Sie,« sagte ich gequält, »ich will Ihnen nicht mehr schreiben.«

»Das können Sie nicht.«

Meine Traurigkeit wandelte sich wieder in Zorn.

»Warum kann ich das nicht?«

»Weil Sie mich brauchen.«

Seine Augen hatten den harten Ausdruck verloren, sie blickten ruhig, doch bestimmt, und von diesem Blicke ging eine Herrschaft aus, die bis jetzt kein Mensch imstande war, auf mich auszuüben; und weil sich dagegen alles, was frei und stolz und stark in mir war, auflehnen wollte, sagte ich: »Ich hasse Sie.« Dann drehte ich ihm den Rücken und lief davon. Später, als es dunkel wurde und die Kinder schliefen, setzte ich mich an das offene Fenster und blickte auf die Straße hinab, in der die Gaslaternen flammten und unzählige Menschen hin und her wogten, so verschieden in Aussehen und Gebaren und doch alle einander so ähnlich durch den gemeinsamen Trieb nach Zerstreuung und Vergnügen. Ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Sie strömten dem Lustspieltheater zu, das ganz in der Nähe lag; wie ein feiner elektrischer Strom schlug ihre Hast und Erwartung zu mir empor. Mit einem leisen Schauder fühlte ich diese fremde, rätselhafte Gewalt, und plötzlich war es mir, als ob ein riesengroßes Ungeheuer, mit höhnischem Munde und boshaften Augen, den Knäuel von Menschen, Pferden und Kutschen mit lautem Gelächter und Fußtritten vor sich herrollte. Um das Bild los zu werden schloß ich die Augen und dachte nach Hause. Ich stellte mir die Kinder vor, wie sie zu zweien in den Betten lagen, und sah meine Mutter, angetan mit einem abgeflickten Kleidungsstücke, beim Tisch sitzen. Ich spürte förmlich den Geruch der kleinen Petroleumlampe und sah die rotgeränderte Flamme hinter dem verbogenen Schirme zucken.

Dann wieder sah ich mich selbst unter der Kinderschar, mit dem unzufriedenen Gemüt und dem unbestimmten Drang nach irgend etwas ganz, ganz anderem; mit der großen Sehnsucht nach einem Menschen, dem ich all die Dinge erzählen konnte, die ich beständig dachte und über die, hätte ich sie verraten, mein Vater verständnislos den Kopf geschüttelt und meine Mutter gequält gelächelt hätte. -- Und plötzlich befand ich mich wieder im Banne jener Augen, die mich heute so ernst, so bestimmt angesehen hatten ...

»Weil Sie mich brauchen,« hörte ich ihn wieder sagen, und die Worte, die am Nachmittag so brutal, fast höhnisch klangen, tönten jetzt so weich und beruhigend, tönten so zuversichtlich, daß ich unwillkürlich die Arme ausstreckte, wie mich daran zu klammern.

Ich hatte ihm geschrieben und dem Briefe die letzten meiner Gedichte beigelegt. Daraufhin sandte er mir ein paar Zeilen, die den Wunsch enthielten, mich allein sprechen zu können. Ich hatte ihn bis jetzt immer nur in der Gesellschaft der Kinder getroffen, und der Gedanke, ihn einmal ganz allein und ungestört sprechen zu dürfen, ließ mich in einer eigentümlichen Weise erbeben.

Unter einem sehr dummen Vorwand machte ich mich am folgenden Tage eine Stunde frei und traf pünktlich ein. Sein Gruß war außerordentlich höflich, sein Gesicht außerordentlich ernst. »Ich habe,« sagte er, »nur eine Viertelstunde Zeit und will darum sofort mit dem beginnen, worüber ich mit Ihnen sprechen will.« Die Bemerkung, daß er nur eine Viertelstunde, während ich eine Stunde Zeit hatte, ärgerte mich, und so antwortete ich kaum auf seine Einleitung. Er schien aber meinen Unmut nicht zu bemerken und fuhr fort: »Ich danke Ihnen zuerst für den Brief sowie für die Gedichte; doch ist es der Gedichte halber, daß ich Sie sprechen wollte. Schon aus den früheren Gedichten habe ich ersehen, daß Sie ein großes schönes Talent besitzen. Aber so herrlich auch die Gedanken sein mögen, welche Sie darin aussprechen, so schlecht ist die Form, in die Sie sie kleiden. -- Hier« -- er zog meinen Brief aus seiner Brusttasche -- »können Sie genau sehen, was ich meine.«

Ich starrte verwirrt auf das Blatt Papier, das er mir entgegenhielt, konnte aber nichts sehen und bat ihn um weitere Erklärung. Darauf lächelte er, doch nicht das spöttische Lächeln, und sagte:

»Den Gedichten fehlt jede Form.«

»Form?« frug ich erstaunt und verletzt, »was sollen sie denn für eine Form haben?«

»Richtige Form. Wie Sie selbst sehen werden, stimmt das Versmaß nicht.«

Er las dann jede Zeile langsam, und zwischendurch machte er Bemerkungen wie:

»Diese Zeile hat einen Fuß zu wenig, und diese hier hat einen Fuß zuviel ... diese Zeile ist, was Takt anbelangt, viel zu langsam, und diese viel zu schnell. Es müßte ungefähr so heißen ...«

Dann las er das Gedicht noch einmal, ersetzte aber durch irgendein Wort das fehlende, und ließ weg, was er für überflüssig fand. Ich hatte so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht gehört und horchte nun auf jedes Wort, das er sagte, mit größtem Interesse. Nachdem die Viertelstunde und noch einige Minuten darüber um waren, verabschiedeten wir uns, und ich ging, von ganz neuen Gedanken erfüllt, nach Hause. Sobald ich aber Zeit hatte, nahm ich einige meiner Gedichte vor und fand darin dieselben Unebenheiten. Einige Tage später, als ich meinen Freund, ich weiß nicht mehr, zufällig oder nicht zufällig, auf dem Gange traf, überreichte er mir zwei Bücher, ein großes und ein kleines. »Das hier ist eine Grammatik der deutschen Sprache, denn -- und nun lächelte er wieder gütig -- Sie machen in Ihren Gedichten auch sehr viel grammatikalische Fehler, und das hier ist eine Poetik, die Ihnen deutlicher, als ich es imstande bin, erklären wird, was Sie beim Dichten im Auge zu halten und was Sie zu vermeiden haben.«

Ich dankte ihm für die beiden Bücher. Als ich sie jedoch abends durchblätterte, fand ich die deutsche Grammatik recht langweilig und die Poetik ganz unverständlich. Wenn ich, so sagte ich zu mir, so dichten müßte, wie es in diesen Büchern steht, so würde ich überhaupt nichts dichten können. Ich legte darum die beiden Bücher beiseite und dichtete in meiner alten Weise fort. Dieses Mal verging fast eine Woche, ehe ich ihn wiedersah, und er frug mich sofort, wie mir die Bücher gefielen. Ich schämte mich aber, die Wahrheit zu sagen und antwortete: »Ganz gut.«

»Haben Sie etwas Neues gedichtet?«

Darauf bejahte ich und zeigte ihm meine letzten Gedichte; er las sie aufmerksam durch und gab sie mir dann zurück. »Die Gedanken, die darin enthalten sind, sind ja gut, wie immer, nur schade, daß Sie den beiden Büchern nicht mehr Aufmerksamkeit schenken.«

»Wie wissen Sie das?«

»Das kann ich sehen. Hätten Sie nur etwas Geduld mit ihnen gehabt, so könnten Ihnen solche grobe Fehler, wie sie sich in diesen Gedichten finden, nicht möglich sein.« Ich schämte mich bei dieser Rede noch mehr; doch plötzlich erwachte mein Trotz.

»Die Bücher sind sehr langweilig, und ich werde nichts daraus lernen.«

»Gut,« entgegnete er, »so wollen Sie also immer ein Kindermädchen bleiben?«

Ich senkte den Kopf und ärgerte mich, daß er es wagte, so mit mir zu sprechen. Am Abend nahm ich die Bücher und lernte. Es war besonders die Poetik, mit der ich mich beschäftigte, und sobald ich etwas in das eigentliche Wesen dieser Kunst eingedrungen war, merkte ich bald genug, was meinen Gedichten mangelte. Schon nach einigen Wochen eifrigen Lernens schrieb ich ein neues Gedicht, das mir ein warmes Lob von meinem Freunde einbrachte. Das Gedicht, »Lebenslied« genannt, lautete:

Am goldenen Rocken, Aus Dunkel und Licht, Ohn' Säumen und Stocken, Horch, fühlst du es nicht? Still sachte und leise Nach ewiger Weise Das Schicksal die flimmernden Fäden flicht.

Mit ruhigen Zügen Und offenem Haar Die Göttinnen fügen, Nur Himmlischen klar, Süßholder Gefühle Liebreizende Spiele Im menschlichen Busen uns wunderbar.

Und wirken und weben, O, sorget euch nicht! Noch während wir beben, Schon knüpfen sie Licht, Und ziehn uns die Säume Frohglänzender Träume Um's tränenbefeuchtete Angesicht.

»Es ist das,« so sprach er, »Ihr erstes _Gedicht_, und ich gratuliere Ihnen dazu.« Diese Worte machten mich ungemein glücklich und stolz. Mit einer erschreckenden Gewißheit hatte ich begriffen, daß ich in jeder Beziehung weit unter ihm stand, daß ich nichts, nichts in die Wagschale zu werfen hatte, wenn man meine Verhältnisse gegen die seinen wog. Daß ich ein armes unbedeutendes Mädchen war, das nie, nein, in seinen kühnsten Träumen nicht, hätte von ihm träumen dürfen.

Und nun fühlte ich mit einem süßen Zittern, daß dieser elegante Mann mit dem feinen Wesen wie ein fremdländischer Vogel, mit glänzendem Gefieder, durch die stillen Wälder meiner Seele flog -- und fortfliegen würde, sobald er sie nimmer still und duftend fand. Und wie ich so in die tiefsten und geheimsten Gedanken lauschte, spürte ich auf einmal eine heiße Angst. -- Dieser Fremdling, der da zufällig, wie im Vorüberwandern zu mir kam, durfte nicht wieder fort. Nein, nie wieder. Aller Glanz, alle Wärme, alle Lieder würden mit ihm gehen. Diese uneingestandene köstliche Erwartung, die mir ihr Märchen wie mit Silberglocken in die Seele läutete -- diese neue wundersame Zagheit, die mir so oft den Fuß zum Stocken und das Herz zum Zittern brachte -- dieses rasche, süße Aufquellen einer unergründlichen Glückseligkeit, das alles würde mit ihm gehen. -- Und dann wachte etwas in mir auf, das sich gegen diese Angst bäumte, etwas, das wuchs und wuchs, bis es alles andere überragte: ein neues Bewußtsein, gepaart mit einer neuen Stärke, und so nahm ich den Kampf auf, den jedes Mädchen wenigstens einmal kämpft und der schwerer ist als alle Kämpfe, die je von Heereszügen ausgefochten wurden.

Aber so tief und leidenschaftlich dieser Kampf innerlich auch gewesen sein mag, so wenig offenbarte er sich nach außen. Wir trafen uns zwar fast jeden Tag, doch selten allein; und verabredeten wir auch hie und da eine Zusammenkunft, hatten wir nie mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung. Er hatte sich nach und nach völlig verändert. Das spöttische Wesen, das er im Anfange unserer Bekanntschaft immer zur Schau getragen hatte, war verschwunden, und an seiner Stelle erschien ein nachdenklicher Ernst. Was mich anbelangt, so machte mich seine Ruhe und Höflichkeit scheu und schroff, weil ich fürchtete, Empfindungen preiszugeben, die vielleicht gar nicht erwidert wurden. Denn wie und was er über mich dachte, konnte ich nie begreifen. Er war immer so gut, so besorgt, dabei so unbarmherzig streng, fast brutal, wenn sich mein Eigensinn gegen seinen Willen auflehnte.

Einmal befand ich mich mit den Kindern am Gang, und meine Dame war ebenfalls herausgekommen. Ich saß mit einer Näharbeit beschäftigt, und trotzdem ich nicht aufblickte, fühlte ich plötzlich, daß noch jemand da war. Gleich darauf hörte ich eine Stimme, die ich kannte, und mein Herz begann stärker zu klopfen. Ich hatte gedacht, daß er zu mir herantreten und mich grüßen würde. Er tat das aber nicht, sondern unterhielt sich mit meiner Dame. Alles Blut drängte sich mir langsam ins Gesicht. »Der Feigling,« schrie es in mir, »er wagt es nicht einmal, mich zu grüßen.« Ich zitterte vor Scham und Empörung, und nichts in der Welt hätte mich bewegen können, die Augen aufzuschlagen. Die Unterhaltung, die sie führten, war kurz und nichtssagend; nach einigen Minuten verabschiedete er sich mit höflichen Worten von meiner Dame, mit ein paar Scherzworten von den Kindern, dann flog eine Tür ins Schloß und ich wußte, daß er fort war. Ich hätte weinen mögen, vor Wut und Traurigkeit. Das also war mein Freund. -- Sobald ich die Kinder zu Bette gebracht hatte, schrieb ich ihm einen Brief, worin ich ihn bat, mir sämtliche Briefe und Gedichte, die er von mir erhalten hatte, zurückzusenden, da ich unsere Freundschaft, die, wie ich erst jetzt herausgefunden, nie eine Freundschaft war, aufgehoben wünschte. Ich dachte, daß er meinem Wunsche sofort nachkommen würde, und war erstaunt, nichts von ihm zu hören. Ein Tag verging nach dem andern, und endlich, nach einer Woche, übergab mir der Hausbesorger einen Brief, besser gesagt, einen Zettel: »Ich möchte Sie allein sprechen, bitte, bestimmen Sie Zeit und Ort.« Erst nahm ich mir vor, nichts zu erwidern. Zwei Tage hielt ich es aus, dann schrieb ich ihm, »wo und wann«.

»Was soll das bedeuten,« frug er, mein letztes Schreiben hervorziehend. Darauf brach ich in bittere Vorwürfe aus. Er unterbrach mich mit keiner Silbe, und ich sprach, bis ich nichts mehr zu sagen wußte. »Sie sind ein Kind,« sagte er dann, und dabei sah er mich halb belustigt, halb traurig an. Seine anscheinende Gleichgültigkeit aber ärgerte mich. »Bitte,« sagte ich würdevoll, »wann werde ich meine Briefe wieder haben?«

Seine Augen flammten plötzlich und seine Lippen preßten sich aufeinander:

»Niemals.«

»Aber es sind meine Briefe.«

»Sie täuschen sich, die Briefe gehören mir.«

Er war stehengeblieben und in seinen Zügen war der tiefe Ernst und die Entschlossenheit, die ich so gut kannte. Da brach aller Zorn in mir zusammen, und halb weinend schmiegte ich mich an ihn. Eine Sekunde lang ließ er mich gewähren, dann richtete er sich straff auf und zog seine Uhr.

»Es ist Zeit, daß Sie gehen.«

Er sprach kühl und höflich wie immer, der Blick aber, mit dem er mich ansah, war ein wunderbarer Blick, und voll von einem neuen Wunder, gemischt mit einem herben Weh, schritt ich halb betäubt nach Hause. --

Später lernte ich auch seine Mutter kennen. Sie war eine so feine, vornehme Frau, daß ich sie lieb gehabt hätte, auch wenn sie nicht seine Mutter gewesen wäre. So oft sie mich traf, plauderte sie in liebenswürdiger Weise mit mir. Einmal sagte sie, daß ihr ein schönes Buch in die Hände gefallen wäre, ob ich es mir holen möchte. Recht schüchtern, aber auch recht entschlossen, drückte ich an einem der nächsten Tage die Klingel, worauf mich das Stubenmädchen in den Salon führte. Die Zusammenstellung der Möbel und sonstiger Dinge war ebenso geschmackvoll als elegant, und unwillkürlich dachte ich an unsere Wohnung zu Hause, an das eine Zimmer, in dem sie alle zusammen aßen, schliefen und sich quälten. Der Eintritt meiner Gönnerin entriß mich den düsteren Gedanken. Sie stellte mir einige freundliche, unaufdringliche Fragen, und bald kamen wir ins Plaudern.

»Eigentlich schäme ich mich,« sagte sie, während sie ein Schubfach aufzog und vergilbte Blätter herausnahm, »aber ich kann mir nicht helfen. Hier sind noch eine Menge Dinge aus meiner Mädchenzeit, die ich mich nicht entschließen kann, fortzuwerfen.« Dann zeigte sie mir Gedichte, die sie einmal ausgeschnitten hatte, Blumen die sie getrocknet hatte, und vieles andere, worüber sie mit leisem zärtlichen Drucke ihrer weißen Finger strich. Ganz zum Schlusse überreichte sie mir das Buch, weswegen ich gekommen war, ein Bändchen Gedichte von »Mirza-Schaffy«.

Es blieb nicht bei dem einen Besuche. Noch oft war ich in dem trauten Zimmer mit den schwarzen Möbeln, und wenn sie mir so gegenüber saß, die Augen mit einem eigenartigen, fragenden Ausdruck auf mich gerichtet, hätte ich am liebsten meinen Kopf in die dunkle Seide auf ihren Schoß gelegt und ganz leise mein Leid geklagt. --