Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben
Part 6
Da erinnerte ich mich der Worte meines Bruders und begann wieder zu fürchten, daß man mich vielleicht doch fortschicken würde. Ich war noch keinen Monat dort und hatte darum mein Gehalt noch nicht bekommen, nahm mir aber vor, mir ein neues Kleid zu kaufen, sobald ich Geld hätte, und sah nun täglich die Schaufenster an, um mir jetzt schon ein solches auszusuchen. Es war auch manches Kleid darunter, das mir gefiel; so oft ich jedoch nach dem Preise frug, erschrak ich dermaßen, daß ich tagelang in kein Schaufenster mehr schaute. Meine Schuhe fingen auch schon zu zerreißen an, und als endlich der Tag der Erlösung kam, da waren so eine Menge Dinge nötig, daß die 35 Kronen nur so flogen, und zu einem Kleide reichte der Rest nicht.
Als ich einmal gerade beschäftigt war, die Kinder zu Bett zu bringen, kam der Hausherr herein, trat, nachdem er mit jedem der Knaben einige Worte gewechselt hatte, auf mich zu und fragte, während er mit seiner Hand über meine Bluse strich: »Ist denn das nicht zu kalt?« Die Worte waren ganz einfach und auch berechtigt, denn es war kalt, und die Bluse war dünn. Auch die Bewegung seiner Hand, wie er über die Bluse strich, war nicht weiter auffällig. Doch der Blick, mit dem er mich ansah, erinnerte mich an ein rohes Wort, wie ich es früher so oft gehört hatte. Ich verneinte seine Frage. Als er aber seine Hand wieder ausstrecken wollte, da trat ich rasch zurück.
Der Herr kam nun immer etwas früher nach Hause und hielt sich stets im Kinderzimmer auf; er sprach mit den Knaben, dabei aber wanderten seine Blicke fortwährend zu mir, und ich empfand jeden dieser Blicke als eine neue Beleidigung. Eines Nachmittags, als die Kinder in der Schule waren, auch die Dame ausgegangen war, und ich mit dem Ausbessern einiger Sachen am Tische saß, ging plötzlich die Tür auf, und der Herr trat herein. Ich neigte meinen Kopf zum Gruße und sah ihn etwas erstaunt an, weil er am Tage nie zu kommen pflegte. Nachdem er die Tür sorgfältig geschlossen hatte, trat er näher und lehnte sich an den Tisch. Ich hatte meine Arbeit wieder aufgenommen, doch meine Finger zitterten. Er sprach nichts. Das Schweigen war mir unerträglich.
»Warum,« sagte er endlich, »sehen Sie mich denn nicht an?«
»Weil die Kinder die Sachen hier brauchen,« erwiderte ich und senkte den Kopf noch tiefer.
»Ganz richtig, aber wenn ich mit Ihnen sprechen will, erwarte ich, daß Sie etwas Zeit haben.«
Ich nahm an, daß ich sehr unhöflich gewesen, da er doch der Herr des Hauses war. Ich stand auf und blickte demütig zu ihm empor.
»Sie müssen wissen,« sagte er langsam und jedes Wort in einer seltsamen Weise betonend, »daß ich es sehr gut mit Ihnen meine, daß ich z. B. zu manchem Opfer bereit wäre, wenn Sie es anerkennen möchten.«
Ich öffnete den Mund zu irgendeiner ungeschickten Entgegnung, doch winkte er mit der Hand, ruhig zu sein und fuhr fort: »Sie wissen selbst am besten, daß Sie sich in etwas bedrängten Verhältnissen befinden. -- Ich würde nun alles tun, um Ihnen zu helfen. So bin ich gern bereit, Ihnen einen größeren Vorschuß zu geben, von dem Sie meiner Frau gegenüber ja nichts zu erwähnen brauchen.«
Während der letzten Worte hatte er ein Päckchen Banknoten aus der Tasche gezogen und legte es auf den Tisch.
Nun aber verließ mich alle Klugheit, und mich überkam eine maßlose Wut: »Nehmen Sie das Geld fort,« schrie ich, »sonst zerreiße ich es;« und da er es nicht sofort nahm, warf ich es ihm vor die Füße. Er bückte sich und hob es auf, aber der Blick, mit dem er mich nun ansah, war ein drohender.
»Ich werde,« sagte er, »noch heute mit meiner Frau sprechen, daß sie eine Dame ins Haus bringt und kein Dienstmädchen.«
Dann ging er hinaus.
Ich beschloß, die Stelle sofort zu kündigen, und konnte den Abend kaum erwarten, wo die Dame nach Hause kommen würde. Doch noch ehe dies geschah, erhielt ich einen Brief von zu Hause, der jämmerliche Nachrichten über die dortigen Verhältnisse enthielt. Der Schluß sprach die schüchterne Bitte aus, eine, wenn auch nur ganz kleine Summe Geld zu schicken, um die notwendigsten Ausgaben bestreiten zu können. Ich hatte mein Gehalt vor einigen Tagen erhalten und fast nichts davon ausgegeben; ich nahm nun alles, was ich besaß, und lief damit zu einem Postamt. Erst nachdem ich die Quittung in der Hand hielt, atmete ich auf und eilte mit dem Schein nach Hause.
Da es schon spät wurde, legte ich unter den quälendsten Gedanken die Kinder zu Bett, und erst da fiel mir ein, daß ich nun eigentlich keinen Heller Geld hatte und die Stelle ja nicht kündigen konnte, sondern noch wenigstens einen Monat warten mußte, um genug Geld zur Heimreise zu haben, denn von einer anderen Stelle in Budapest wollte ich nichts mehr wissen. Ich hatte in der kurzen Zeit so viel Demütigungen und so viel Heimweh erlitten, daß ich in dieser Stadt nicht mehr bleiben wollte. Mir fielen dann auch wieder die Worte ein, die der entsetzliche Mensch mir gesagt hatte. Der Gedanke, daß man mich fortschicken werde, ließ mich jedoch kalt. Wenn man mich wegsendet, so ist das etwas ganz anderes, als wenn ich selbst das Dach über meinem Kopfe abbreche.
Als es gegen acht Uhr ging, kam die Dame und ihr Mann zu gleicher Zeit zurück. Sie kam in Hut und Schleier in das Kinderzimmer und fragte mich, ob die Jungen artig waren. Ich bejahte es, worauf sie wieder ging. Ich hatte mein Abendbrot immer im Kinderzimmer, konnte aber das Klirren der Messer und Gabeln im Eßzimmer, das nur einige Schritte entfernt lag, deutlich hören. Diesen Abend horchte ich gespannt auf jedes Geräusch, das mir hätte verraten können, ob man von mir sprach. Doch sehr bald beruhigte ich mich. Die Dame lachte sehr oft und erzählte etwas mit lauter Stimme, aber von mir sprach man nicht.
Am nächsten Morgen war die Frau zu mir freundlich wie immer, und ich war nun sicher, daß ihr Mann nichts gesagt hatte. Nachdem ich die Knaben in die Schule gebracht hatte und eben beschäftigt war, der Kleinen Betten zu machen, kam die Köchin herein mit einem Paar Schuhe in den Händen. Ich hatte nun schon etwas Ungarisch gelernt und konnte mich dem Mädchen ganz gut verständlich machen. Die Köchin hielt die Schuhe hoch, und ich sah, daß es meine eigenen waren, die ich vor einigen Tagen zum Ausbessern gegeben hatte. Sie sagte, daß der Mann draußen warte, und nannte den Preis, der für das Ausbessern zu bezahlen war. Mit einem jähen Schrecken erinnerte ich mich wieder, daß ich alles Geld fortgesandt hatte und nun nichts besaß, um die Schuhe bezahlen zu können. Nach einigem Sinnen sagte ich der Köchin, daß der Bote die Schuhe wieder mitnehmen müsse.
»Aber,« frug sie, auf meine Füße sehend, die in Schuhen staken, die sicher nicht neu aussahen, »brauchen Sie sie denn nicht?«
»Ja, das wohl, aber was soll ich tun? Wenn die Dame zu Hause wäre, könnte ich sie um Geld bitten.«
»Das ist nur eine Kleinigkeit,« sagte die Köchin, »ich leihe Ihnen das Geld sehr gern.«
Da ich die Schuhe dringend brauchte, war ich sehr glücklich über ihr Anerbieten. »Ich danke Ihnen herzlich, Sie werden Ihr Geld schon abends wieder bekommen.«
»Das ist nicht nötig, die Dame hat es nicht gern, wenn man sie um einen Vorschuß bittet. Das hat Zeit, bis Ihr Monat zu Ende ist.«
Am Abend, als die Dame zurückkam, bat ich sie nicht um Geld, wie ich mir vorgenommen hatte. Außer der Bemerkung der Köchin hatte ich noch einen andern Grund, es nicht zu tun; ich schämte mich nämlich, zu sagen, daß ich mein Geld nach Hause gesandt hatte.
Im Laufe des Monats tat ich nun etwas, das ich noch heute bereue und wahrscheinlich immer bereuen werde. Ich borgte noch mehr Geld von der Köchin. Es waren sicher nur Kleinigkeiten, um die ich sie bat, doch wenn ich sagte, sie solle mir 10 Kreuzer leihen, so gab sie mir 10 Kronen, und ich hatte am Abend nichts mehr davon. In dieser Weise schuldete ich ihr, noch ehe der halbe Monat vorüber war, 25 Kronen, eine Schuld, rechnete ich, die mir noch immer 10 Kronen übrig lassen wird. Doch noch ehe der Monat zu Ende war, geschah etwas, das alles anders gestaltete.
Die Dame hatte ungefähr vierzig Personen zu einem Nachtessen eingeladen. Es wurde den ganzen Tag gekocht und vorbereitet, und der Abend war ungemein großartig. Selbstverständlich war ich von der vornehmen Versammlung ausgeschlossen und saß, wie gewöhnlich, im Kinderzimmer. Ich saß auf einem niedrigen Stuhl und las. Auf einmal hörte ich vorsichtige Fußtritte, und als ich aufblickte, stand der Herr des Hauses vor mir. Ohne ein einziges Wort zu sprechen, bog er sich nieder, nahm meinen Kopf in seine beiden Hände, hielt ihn wie in einem Schraubstock und küßte mich; dann ließ er mich hastig los, und leise, wie er gekommen war, ging er hinaus. Mit einem dumpfen Laut sank mein Buch auf den Teppich, und ich saß eine Weile regungslos. Am ganzen Körper zitternd, stand ich endlich auf und schritt zur Waschschüssel. Ich nahm eine Bürste und rieb mein Gesicht so lange, bis die Haut sprang und Blutstropfen hervorkamen; dann warf ich mich angekleidet auf mein Bett und blieb dort, ohne mich zu rühren, lange bis nach Mitternacht. Was ich in diesen Stunden empfand, war kein Zorn, kein Haß, es war ein namenloser Schmerz.
Am Morgen erwachte ich wie betäubt, und mechanisch verrichtete ich meine Arbeit. Auf dem Wege zur Schule überlegte ich mir, wie ich es nur anstellen sollte, um dieses Haus sofort verlassen zu können. Ich gedachte der 25 Kronen, die ich der Köchin schuldete, und der schauderhaften Tatsache, daß mein Gehalt erst in zwei Wochen fällig war. Würde ich sogleich kündigen, so reichte das Geld nicht einmal hin, um die Schuld bei der Köchin zu decken. Wo sollte ich denn noch alles Nötige für meine Heimreise hernehmen? Bei dem Gedanken an diese befiel mich eine heiße Scham. Ich hatte mir vorgestellt gehabt, daß ich in schönen Kleidern und vielen feinen Sachen einmal zu Hause ankommen werde, und statt dessen war ich um nichts besser daran als um die Zeit, da ich wegging. Doch darüber beruhigte ich mich bald. Zum Schluß wurde mir mein Aussehen ganz gleichgültig. Ich wünschte nur genug Geld zu haben, um die Köchin bezahlen zu können und die Reise nach Wien zu ermöglichen. -- Vielleicht konnte mir mein Bruder von Wien aushelfen. Doch wie ich auch rechnete, es blieb kein anderer Ausweg, als das Fehlende zu verdienen, und das hieß: noch zwei weitere Wochen in der unerträglichen Umgebung bleiben.
Innerlich fast verzweifelnd, doch äußerlich ruhig sagte ich eine Stunde später meiner Dame »Guten Morgen«, und sie gab mir den Gruß gähnend zurück. »Ich habe mich gestern köstlich unterhalten,« sagte sie, »doch heute bin ich todmüde.«
Als ich einmal während des Morgens in die Küche ging, um einen Krug Wasser zu füllen, sah ich die beiden Mädchen zusammenstehen und leise miteinander flüstern. Als sie mich erblickten, schwiegen sie rasch und warfen hämische Blicke auf mich. Ich füllte den Krug und ging wieder ins Zimmer zurück, doch das beklemmende Gefühl konnte ich nicht loswerden.
Als ich dann gegen Abend die Kinder aus der Schule brachte, sagte mir die Köchin, daß die Dame mich sofort zu sprechen wünsche. Ich wollte den Kindern erst die Mäntel ausziehen, doch sie riß mir den Arm des Jüngsten, mit dem ich angefangen hatte, aus der Hand und sagte, ich müsse sofort hineingehen. Etwas geärgert und erstaunt, tat ich, wie sie mir gesagt hatte, und da das Zimmer offen war, schritt ich ohne anzuklopfen hinein. Die Dame stand in der Mitte des Zimmers, als ob sie mich schon erwartete, und ihre dunklen Augen blitzten mir zornig entgegen. »Muß ich es,« rief sie mir zu, ohne meinen Gruß zu erwidern, »von den Dienstmädchen erfahren, welche Kreatur ich in mein Haus aufgenommen habe? Hinaus!« schrie sie dann in einer schrecklichen Wut. »Und verpesten Sie die Luft nicht mehr, als Sie es schon getan haben. Wenn Sie in zehn Minuten nicht fertig sind, lasse ich Sie die Treppe hinunterwerfen.«
Ohne ein einziges Wort zu sagen oder zu fragen begab ich mich in das Kinderzimmer und packte rasch meine wenigen Sachen in meinen braunen Koffer. Die Kinder sahen ungemein verwirrt aus und hoben mir die Stücke auf, die mir in der Hast und Aufregung aus den Händen fielen. Als ich fast fertig war, hielt ich plötzlich inne und horchte auf; draußen in der Küche war ein furchtbares Geschrei entstanden, und im nächsten Augenblick stürzte die Köchin herein. »Mein Geld,« schrie sie, »wie komme ich jetzt zu meinem Geld?«
»Das weiß ich nicht,« erwiderte ich. Darauf heulte sie wie ein hungriges Tier und lief wie verrückt im Zimmer auf und ab. Plötzlich aber war sie mäuschenstill, und als ich von meinem Koffer aufblickte, sah ich, daß die Dame im Zimmer stand.
»Was gibt es?« frug sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Die Köchin gab Erklärungen unter erneutem Geschrei.
»Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin,« wandte sich die Dame an mich. »Sie elendes Frauenzimmer.... Und Sie haben neun Monate an meinem Tische gesessen und neun Monate bei meinen Kindern geschlafen? ... Sie Schmutzfleck, Sie ...« Und dann sagte sie ein Wort, das ich nicht wiederholen will. Ich fühlte, wie mir bei den letzten zwei Worten alles Blut aus den Wangen trat, doch ich biß die Zähne zusammen und sprach kein Wort. Ohne mich um die beiden zu kümmern vollendete ich meine Arbeit, und als ich fertig war, wollte ich hinaus.
Die Dame aber vertrat mir den Weg.
»Den Koffer lassen Sie hier,« donnerte sie. »Der Koffer bleibt hier, bis Sie der Köchin ihr Geld gegeben haben.«
»Ich habe Anrecht auf zwei Wochen Gehalt,« sagte ich, »das kann sie ja haben; sobald ich eine Stelle habe, schicke ich den Rest.«
Sie fingen dann untereinander zu beraten an, und die Dame sagte zur Köchin, daß sie mir die zwei Wochen Gehalt lieber auszahlen wolle, damit ich nach Hause fahren könne, denn sie wolle mich in Budapest nicht wissen, und das einzige, was man tun könne, sei, meinen Koffer zurückzubehalten.
Nach diesem Gespräch drehte sie sich zu mir herum und warf mir 17 Kronen auf den Tisch; »machen Sie schnell, daß Sie hinauskommen,« rief sie mit schrecklicher Stimme, »und der Koffer bleibt hier.«
Ich nahm das Geld und sah mich nach den Kindern um, sie waren jedoch nicht mehr im Zimmer. Draußen in der Küche stand das Stubenmädchen, das die ganze Zeit gehorcht hatte. Mit einer höhnischen Verbeugung öffnete sie mir die Tür.
Auf der Straße lief ich dann so schnell ich konnte dem Bahnhof zu und erkundigte mich nach dem nächsten Zug nach Wien. Zwei Stunden später drückte ich mich tief in eine Wagenecke und sah mich scheu um, weil ich glaubte, jemand hätte gerufen: »Sie Schwindlerin, Sie Betrügerin, Sie elendes Frauenzimmer, Sie ...« Ich zitterte am ganzen Körper und schloß die Augen. Trotzdem mir unendlich elend und traurig zumute war, weinte ich diese Nacht keine einzige Träne. Am nächsten Morgen kam ich in Wien an. Ich dachte einen Augenblick daran, meinen Bruder zu besuchen, doch gab ich den Gedanken auf. Würde er nicht nur Spott und Verachtung für mich haben? So fuhr ich weiter nach Langenau.
Es war dunkel, als ich ankam, und ich eilte nach Hause. Die Kinder schliefen schon, doch meine Eltern saßen noch auf; sie sahen erschrocken auf mich, als ich zur Türe hereinkam, und stellten ängstliche Fragen. Ich aber sagte, daß die Familie, wo ich war, gestorben sei. Später ging auch mein Vater zu Bett, und ich befand mich mit meiner Mutter allein. »Wo hast du denn deinen Koffer?« frug sie mich. »Oh,« erwiderte ich mit erheucheltem Gleichmut, »man wird ihn mir schicken.« Es entstand nun eine lange Pause, während der meine Mutter nachdenklich auf mich starrte.
»Ich glaube, du hast kein Glück,« sagte sie endlich.
»Ich glaube auch,« erwiderte ich, und verfolgte mit den Augen eine große schwarze Spinne, die langsam über die Diele kroch.
Ich verblieb nun vorläufig zu Hause, doch wollte ich keinem einzigen Bekannten zu Gesicht kommen und verließ darum die Wohnung nie. Auch in Krems wußte niemand, daß ich zurückgekommen sei, und obgleich ich mich sehr sehnte, meine Lehrerin zu sehen, so konnte ich es doch nicht über mich gewinnen, ihr zu schreiben; sie zu besuchen war ganz unmöglich, da ich ja nichts Anständiges anzuziehen hatte. Meine Mutter frug mich jeden Tag, wann denn mein Koffer kommen würde, und ich sagte jedesmal: »Vielleicht morgen.«
Nach drei Wochen kam der Koffer zu meiner größten Überraschung wirklich an; ich war sehr glücklich, meine Sachen wieder zu haben; doch welchem Umstande ich es zu verdanken hatte, weiß ich noch heute nicht.
Meine erste Sorge war nun, eine neue Stelle zu finden. Die Verhältnisse meiner Eltern waren nicht besser als sie mir geschrieben hatten, und die Miete war immer eine brennende Frage. Doch wo sollte ich eine Stelle suchen? In Langenau? Davon wollte ich nichts wissen; in Krems? Auch davon wollte ich nichts hören; so blieb nur Wien. Ich schrieb meinem Bruder und bat ihn, etwas Passendes für mich zu suchen. Der Brief blieb ohne Antwort. Die Verhältnisse wurden nun immer bedrängter. Da ich nichts verdiente, konnte ich mir auch nichts anschaffen und stand wieder einmal auf dem Punkte, wo mir ein Paar neue Schuhe ein verlockender Gegenstand waren.
Ich hatte schon beschlossen, doch wieder eine Stelle in Krems anzunehmen, als eines Tages der Postbote einen Brief für mich brachte. Ich erkannte sofort die ungarische Marke mit dem schiefstehenden Kreuz und dem ausgespannten Adler. Die Handschrift aber war mir unbekannt. Ich fürchtete, daß man mich vielleicht an die 25 Kronen mahnen würde, und öffnete darum den Brief mit heimlicher Angst. Als ich ihn gelesen hatte, wußte ich nicht, ob ich mich über den Inhalt freuen sollte oder nicht. Der Brief war von Herrn Sandor. Er erwähnte nichts von der früheren Stelle und schrieb, daß er einen sehr guten Posten für mich hätte; es seien nur zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren in der Familie, und das Gehalt sei dasselbe. Meine Eltern drängten mich sofort, die Stelle anzunehmen, doch hatte ich meine eigenen Gedanken darüber und blieb lange unschlüssig. Am nächsten Tage kam schon wieder ein Schreiben aus derselben Quelle, und Herr Sandor bat mich, umgehend zu antworten. Daraufhin nahm ich alle meine Sachen und unterzog sie einer eingehenden Prüfung. Wenn ich, so rechnete ich dabei, neue Ärmel an diese Bluse nähe, so wäre sie noch ganz gut, und an diesen Rock einen neuen Bund, so könnte er auch noch gehen. Stück für Stück legte ich beiseite und nahm mir vor, mit dem Ausbessern sofort zu beginnen; doch erst setzte ich mich nieder und schrieb an Herrn Sandor, daß ich die Stelle annehmen möchte.
Am Tage vor meiner Abreise trieb es mich hinaus.
Es war spät am Abend, und im Schutze der Dunkelheit besuchte ich alle die Plätze, die ich so gut kannte und noch immer lieb hatte. Ich ging an dem Hause vorbei, das wir nach unserer ersten Übersiedelung bewohnten, und blickte durch das offene Tor. Der Bach floß noch wie früher durch den schmalen Hof, doch in der Ecke, in welcher meine Lilien geblüht hatten, die sich stets so großmütig für mich öffneten und schlossen, stand eine Hundehütte, und ein fremder zottiger Köter fuhr feindselig auf mich los. Traurig ging ich weiter. Der Kirchplatz war noch derselbe; die Kirche in der Mitte stand dunkel und still, und gegenüber lag das Haus meiner früheren Freundin Leopoldine. Die Fenster waren alle erleuchtet und das ganze Gebäude sah stattlich und wohlhabend aus; dann schritt ich die Straße hinunter, noch weiter als zum Hause des Färbers, bis ich beim Kirchhofe anlangte. Ich hatte als Kind vor diesem Orte immer große Scheu gehabt, doch heute fühlte ich mich so müde, daß jedes andere Gefühl dagegen verschwand. Ich lehnte mich an die niedrige Kirchhofsmauer und ließ die Gedanken gehen. Was war mein Leben bisher gewesen? Von Jugend auf verachtet und gemieden und nichts anderes zu eigen als die stillen Gedanken und die noch stilleren Träume. Ja, wenn mein Prinz gekommen wäre ... Der Prinz aus dem Märchenland ... Und als ich so über die Gräber ins Dunkle starrte, da hatte ich eine Vision. Ich sah einen riesengroßen feuerroten Kreis, der alle Menschen umschloß, nur ich war draußen -- allein.
Am nächsten Tage begleiteten meine Eltern mich wieder zur Bahn, doch dieses Mal sprach ich fast nichts und schritt beinahe widerwillig neben ihnen; später saß ich im Zuge, aber was ich empfand, war nur Gleichgültigkeit ... Ich wußte nicht, daß mein Schicksal auf mich wartete ...
Dieses Mal holte mich der Stellenvermittler nicht vom Bahnhofe ab. Er schrieb mir, daß ich ja nun Budapest schon kenne und daher meinen Weg leicht finden würde, um so mehr, da das Haus der Familie, der er mich empfohlen hätte, ganz nahe beim Bahnhof sei. Es war auch so. Ich hatte nur eine einzige Straße zu überschreiten und fand schon, was ich suchte. Mir war in der letzten Zeit alles so furchtbar gleichgültig geworden, und ohne eine Spur des üblichen Herzklopfens stieg ich die Treppen hinauf. Oben angelangt, drückte ich auf die Klingel, worauf ein Mädchen erschien, das mich fragte, ob ich die neue Friseurin sei. Ich schrieb diese Frage meinem abgetragenen Kleide, meinen abgestichelten Handschuhen, meinen vertretenen Schuhen zu, verneinte aber ihre Frage mit aller Würde, der ich fähig war, und sagte, ich sei das neue Fräulein. Daraufhin führte sie mich in ein Vorzimmer. Nach einer Weile kam das Mädchen wieder und bat mich, mit ihr zu kommen. Ich folgte ihr in ein Zimmer, das grüne Vorhänge hatte und über dessen Tisch eine grüne Decke lag. Es muß wohl die grüne Decke gewesen sein, die mich plötzlich an den einstigen »Salon« meiner Mutter erinnerte. Ich hatte mich beim Eintritt in das Zimmer stramm aufgerichtet, um so würdevoll als möglich auszusehen. Als jedoch meine Gedanken mich plötzlich in jene entfernte Zeit zurücktrugen, vergaß ich meinen Vorsatz, und meine Schultern sanken etwas nach vorne, in ihre gewohnte Haltung.
»Sind Sie das neue Fräulein?«
Ich wandte meine Augen verwirrt von der Decke, nickte bejahend auf die Frage und blickte dann voll auf den Herrn, der vor mir stand.
»Sie schrieben doch, daß Sie einundzwanzig Jahre alt seien.«
»Das bin ich auch.«
»Sie sehen viel jünger aus.«
Ich sagte, daß ich nichts dafür könne, und darauf lächelten wir beide. Er stellte mir noch einige Fragen, und gleich darauf erschien eine große stattliche Dame, seine Frau. Sie führte mich in das Kinderzimmer, und da es noch früh am Tage war, traf ich die Kleinen im Hemdchen an, worin sie so herzig aussahen, daß ich sie sofort lieb hatte ... Mein Leben wurde nun wieder so ziemlich dasselbe, wie auf meiner früheren Stelle. Ich beschäftigte mich ausschließlich mit den Kindern, spielte mit ihnen, führte sie spazieren und später auch zur Schule. Unsere Spaziergänge machten wir gewöhnlich der Donau entlang, die in Budapest so breit und prächtig wallt, und mit den großartigen Gebäuden am jenseitigen Ufer, hauptsächlich der Königsburg, einen ungemein vornehmen Eindruck macht. Bei schlechtem Wetter schickte ich die Kinder auf den Gang, der auf derselben Höhe wie die Wohnung um den ganzen Hof herumlief und seiner Glattheit wegen einen unvergleichlichen Ort für jenes Spielzeug bot, das die Pflicht hat, von selbst zu laufen, wie Eisenbahnen, Automobile und dergleichen.
Eines Nachmittags hatte ich die Kleinen wieder hinausgeschickt und versprochen, bald nachzukommen. Als ich ihnen aber in wenigen Minuten folgte, konnte ich sie nirgends erblicken. Da rief ich ihre Namen, und sie antworteten sofort, doch wußte ich noch immer nicht, wo sie eigentlich steckten.
»Wo seid ihr?«
»Hier!« ertönte es, und dabei öffnete sich eine gegenüberliegende Tür, der ich bis jetzt keine Beachtung geschenkt hatte, und mein kleines Mädchen steckte seinen süßen dunklen Kopf heraus. »Hier,« wiederholte sie, »kommen Sie herein, bitte.« Ich kannte zwar die Leute nicht, die dort wohnten, da ich aber annahm, daß es Freunde der Familie seien, schritt ich hinein.