Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben

Part 5

Chapter 53,858 wordsPublic domain

Diesen Abend kam ich zu spät nach Hause, und meine Frau hielt mir eine sanfte Strafpredigt, die mir, und zwar zum erstenmal, nicht sehr zu Herzen ging. Ich hatte mir erst vorgenommen, der Köchin meine Unterredung mit dem Mädchen mitzuteilen; dann überlegte ich, daß es besser sein würde, noch nichts zu sagen, sondern abzuwarten, ob überhaupt aus der Sache etwas würde.

In den nächsten Tagen suchte ich ängstlich nach meiner neuen Freundin, doch es vergingen fast acht Tage, ehe ich sie wieder zu Gesichte bekam. Ich lief hastig auf sie zu und beantwortete nur flüchtig ihren freundlichen Gruß.

»Wo waren Sie denn so lange?« frug ich.

»Immer zu Hause beschäftigt,« erwiderte sie und sah erstaunt auf mein erhitztes Gesicht. Ich zwang mich zur Gleichgültigkeit und ließ mich neben ihr nieder. In meiner Ungeduld aber konnte ich kaum warten, von dem Gegenstande zu reden, der mir so nahe lag, doch mochte ich selbst nicht davon anfangen. Sie aber schien gar nicht mehr an unsere frühere Unterredung zu denken. Sie streifte sie mit keinem Laut, doch war sie freundlich wie immer. Als es endlich anfing dunkel zu werden und ich die Kinder nach Hause nehmen mußte, faßte ich mir ein Herz und sagte anscheinend ganz gleichgültig: »Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich über alles, was Sie mir geraten haben, nachgedacht habe und daß ich sehr gern nach Budapest gehen würde.«

Es schien mir, als ob sie in Verlegenheit geriete, und ihre nächsten Worte bestätigten dies. »Mein liebes Kind,« sagte sie, »es tut mir leid, daß ich Gedanken in Ihnen wachgerufen habe, die vielleicht Ihre sichere gegenwärtige Lage bedrohen könnten.«

Ich fühlte, wie plötzlich alle Freude aus meinem Herzen schwand, und mit fast weinerlicher Stimme sagte ich: »Ich verstehe Sie nicht ... Sie haben doch gesagt ...«

»Ganz richtig,« unterbrach sie mich, »ich habe verschiedenes gesagt, was ich jetzt bereue, weil ich sehe, daß meine Mutter vollkommen recht hatte.«

»Ihre Mutter? -- So haben Sie Ihrer Mutter davon gesprochen?«

»Ja! Ich habe meiner Mutter oft von Ihnen erzählt und berichtete ihr auch unser letztes Gespräch, worauf sie sagte, es sei sehr unüberlegt von mir gewesen, Sie mit Ihrer gegenwärtigen sicheren Lage« -- sie betonte das Wort: »sicheren« besonders -- »unzufrieden zu machen.«

»Ich verstehe, Ihre Mutter meint, ich sei für so eine Stelle nicht fein genug, und es sei darum nicht sicher, ob man mich behalten wird.«

Nach diesen Worten schlang das Mädchen ihren Arm um mich. »Sie sind ein Dummchen und viel zu fein für jede Stelle; doch weil Sie leider so ein armes Mäuschen sind und sich nun einmal Ihr Brot verdienen müssen, sind Sie in einem so stillen Orte, wie unser altes liebes Krems ist, viel besser aufgehoben als wie in Budapest, wo die Gefahren stündlich Sie umlauern.«

Die Rede rührte mich ungemein, und ich verstand nun wirklich. »Ich weiß, was Sie meinen, aber Sie brauchen nichts zu fürchten, ich bin kein leichtsinniges Mädchen.«

»Pst,« sagte sie in dem sanften, beruhigenden Tone, in dem eine Mutter zu ihrem aufgeregten Kinde spricht, »natürlich sind Sie kein leichtsinniges Mädchen, doch sind es ja gerade die braven Mädchen, die immer hineinfallen.«

»Nein, nein,« erwiderte ich hastig, »mir geschieht nichts.«

Nach diesen Worten hielt mich meine neue Freundin etwas von sich und sah mir lange in die Augen. »Nein, ich glaube auch, daß Ihnen nichts geschieht.« Und dann schnell und leise, als ob sie irgendein Unrecht beginge, öffnete sie ihre kleine Handtasche und zog einen Briefumschlag heraus. »Da,« sagte sie und drückte mir das Papier in die Hand, »ich habe es doch mitgebracht, im Falle Sie unbedingt gehen wollen« -- und rasch, als ob sie sich fürchtete, daß sie bereuen könnte, lief sie davon. Ich strich den Papierumschlag glatt und überflog die paar Worte: Miklos Sandor, Stellenvermittelung, Budapest.

Ich rief die Kinder zusammen, und wie in einem Traum befangen, schritt ich nach Hause. --

... Der Abschied von der Familie, in der ich über zwei Jahre war und stets gütig behandelt wurde, der Abschied von der Köchin, die in ihrer einfachen, unverdorbenen Art mir eine Freundin geworden war, der Abschied von meinem lieben Fräulein Risa de Vall und der Abschied von zu Hause, sie wurden mir nicht leicht. Der letztere war vielleicht der, den ich am leichtesten verwinden konnte, da meine Eltern während der zwei Jahre, die ich fort war, noch ärmer geworden waren und ich mehr als je die Sehnsucht fühlte, ihnen zu helfen. Als meine Eltern erfuhren, was ich zu tun gedachte, als ich ihnen ferner den Brief aus Budapest zeigte, der meine Aufnahme zu drei Kindern mit einem monatlichen Gehalte von 35 Kronen bestätigte, da hofften sie in ihrer einfachen Weise, daß ich mein Glück gefunden hätte.

Von dem wenigen Gelde, das ich hatte, schaffte ich mir einen kleinen Koffer an, der mit brauner Leinwand überzogen war. Trotzdem er sehr klein war, blieb doch die Hälfte davon leer, so wenig besaß ich an Wäsche und Kleidern. Das machte mir aber nicht die geringste Sorge. Während ich die ärmlichen Stücke der Reihe nach in den Koffer legte, träumte ich fortwährend von 35 Kronen, die ich jeden Monat bekommen, und von den Dingen, die ich mir davon anschaffen würde.

Am Tage meiner Abreise kam ein Brief aus Wien von meinem Bruder. Er sandte zum erstenmal eine Adresse. Die früheren Schreiben hatten nie eine solche enthalten. Er schrieb, daß er sehr viel Geld verdiene, doch sagte er nicht, womit. Ich wunderte mich auch nicht darüber, sondern nahm an, daß er eben ein Künstler geworden sei und meine Eltern von seiner Arbeit nichts verstünden. Allerdings hätte ich gern gewußt, ob er ein Maler oder Bildhauer, oder vielleicht gar ein Dichter sei. Bei dem letzten Gedanken errötete ich und dachte, das könnte ja sein, denn ich dichtete ja auch, -- wenn auch meine Gedichte die seinen selbstverständlich nie erreichen würden.

Seine Adresse war der Name eines Kaffeehauses. Während der ganzen Zeit, die ich noch zu Hause zubrachte, dachte ich an meinen Bruder, und endlich faßte ich einen kühnen Entschluß -- so kühn, daß ich fast selber darüber erschrak. Ich wollte ihn besuchen. Auf meiner Reise nach Budapest mußte ich ja nach Wien fahren, und ich hoffte einige Stunden Zeit für einen solchen Besuch finden zu können. Den nächsten Tag, es war der Tag meiner Abreise, sprach ich zu meiner Mutter davon, und sie meinte, das würde ihn sicher sehr freuen.

Ich hatte zur Reise mein bestes Kleid aus billigem blauen Wollstoff angezogen, sowie mir einen Hut für zwei Kronen gekauft. Der Hut war aus lichtblauem Stroh, und ich dachte, ich sähe ungemein fein darin aus. Meine Eltern gingen mit mir zur Bahn, und um den Abschied für uns alle leichter zu machen, sprach ich fortwährend von den 35 Kronen und von dem, was sich alles damit tun ließe. Wir waren zu früh gekommen, und so schritten wir auf dem kleinen Perron auf und ab. Als der Zug endlich in die Halle dampfte, hielt ich die Tränen tapfer zurück und nickte den Meinen aus dem Wagenfenster mit lächelndem Gesicht zu. In einigen Minuten ertönte der Pfiff, der die Abfahrt ankündigte; mein Vater schwenkte seinen Hut, die Mutter wischte sich über die Augen, und ich zog mit einem unterdrückten Schluchzen den Kopf vom Fenster zurück.

Die Fahrt nach Wien dauerte vier Stunden, und ich beschäftigte mich die ganze Zeit in Gedanken mit meinem Bruder. Ich war überzeugt, daß ich die zwei Jahre, in denen wir uns nicht gesehen hatten, in jeder Beziehung große Fortschritte gemacht hatte, und stellte mir seine Freude und Überraschung vor, wenn ich ihm sagen würde, daß ich auch etwas englisch gelernt hätte. Als ich schon die Hälfte der Fahrt hinter mir hatte, fiel mir ein, einige meiner Gedichte niederzuschreiben, um sie ihm zu zeigen und ihn zu fragen, was er davon dächte. Ich fand etwas weißes Papier unter meinen Sachen und ging sofort ans Werk. Eines davon begann mit den unsterblichen Worten:

Wenn mich ein tiefer Schmerz beweget Und ich vor Leid verzweifle schier, Dann greife ich nach meiner Feder Und füll' mit Zeilen das Papier ...

In Wien angekommen, zeigte ich einem Schutzmann den Zettel mit der Adresse, die uns mein Bruder geschickt hatte, und nach kurzer Zeit ging ich mit meinem braunen Koffer vor dem Kaffeehause auf und ab. Soweit hatte ich nicht viel Schwierigkeiten gehabt, doch nun wußte ich nicht, was ich eigentlich beginnen sollte. Es wäre ja allerdings das einfachste gewesen, hineinzugehen und nach ihm zu fragen. Ich sah jedoch durch die hohen Fenster zahllose Menschen an vergoldeten Tischchen sitzen und wagte so etwas nicht zu tun. Vielleicht, dachte ich, kommt er durch irgendeinen Zufall heraus, oder, sollte er ausgegangen sein, zurück, und ich könnte ihn dann sprechen.

Als aber fast eine Stunde verging und mein kleiner Koffer anfing, recht schwer zu werden, trat ich näher an die Fenster und blickte scharf hinein, in der Hoffnung, ihn vielleicht an einem Tische zu entdecken. Es waren aber alles fremde Gesichter. Eben wollte ich allen Mut, den ich besaß, zusammenraffen und doch hineingehen, als ich zwischen den Gästen einen Kellner bemerkte, dessen Gang und Haltung mir ungemein bekannt vorkamen. Er stand mit dem Rücken gegen das Fenster, so daß ich sein Gesicht nicht erkennen konnte; doch hatte ich das Gefühl, als hätte ich diesen Menschen schon irgendwo gesehen. Ich starrte eine Weile auf ihn und vergaß dabei ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins, als ein Gast, der ganz nahe bei dem Fenster saß, auf den Tisch klopfte, worauf der Gegenstand meiner Aufmerksamkeit sich umdrehte und eilig näher kam. -- Ich hatte fast meinen Koffer fallen lassen, so bestürzt war ich, -- es war mein Bruder! Ohne noch eine Minute zu zögern öffnete ich nun die Tür und trat hinein. Er bemerkte mich sofort, und während er sich mit scheuen Blicken nach links und rechts drehte, um sicher zu sein, daß ihn niemand beobachtete, kam er auf mich zu und sagte ganz leise, ich solle sofort hinausgehen und an der Straßenecke auf ihn warten, er käme in einer halben Stunde. Ich tat, wie er mir geheißen hatte. Während ich auf ihn wartete, konnte ich von meiner Überraschung kaum zurückkommen. Ich konnte kaum glauben, daß es wirklich mein Bruder war, mit dem ich gesprochen hatte, und daß er ein Kellner und kein Künstler sei. Die halbe Stunde war eben vorüber, als ich einen sehr elegant gekleideten jungen Mann auf mich zukommen sah. Es erfaßte mich ein neues Erstaunen, der elegante junge Mann war mein Bruder. Ich vermutete, daß er nun frei habe und bewunderte die Feinheit seines Anzuges. »Bekommst du denn so viel Trinkgeld?« frug ich, nachdem wir uns die Hände geschüttelt hatten, wie den Gedanken weiterknüpfend.

»Unglaublich,« rief er entrüstet, »wie kannst du mich mit einer so unerhörten Taktlosigkeit an dieses elende Geschäft erinnern?«

»Warum elendes Geschäft?«

»Warum?« wiederholte er zornig, »denkst du vielleicht, daß es mir Vergnügen macht, um Kerls herum zu schwänzeln, die in geistiger Weise weit unter mir stehen?«

»Ich glaubte,« sagte ich nach einer Pause, »du seiest ein Künstler geworden?«

Er lachte so fürchterlich, daß die Leute auf der Straße stehen blieben und uns ansahen. »Ein Künstler -- das hätte ich dir wahrhaftig nicht zugetraut. Denkst du denn, daß die Künstler über Nacht vom Himmel fallen?«

»O nein,« erwiderte ich, um ihn auszusöhnen. »Ich weiß, es braucht oft viele Jahre.«

»Nun und von mir verlangst du, daß ich mit einem Male ein Künstler werden soll, wo mir jede Hilfe und jede Gelegenheit zur Ausbildung fehlt.«

»Natürlich nicht, ich dachte nur, du wüßtest schon, welche deiner Fähigkeiten die hervorragendste ist.«

»Oh,« entgegnete er leichthin, »darüber ist schon lange kein Zweifel; ich wäre sicher einer der ersten Maler geworden, wenn sich mir Gelegenheit geboten hätte, mit dem Mischen der Farben und der Führung des Pinsels vertraut zu werden. Ferner ist es ebenfalls zweifellos, daß ich ein großer Komponist geworden wäre, wenn ich das Wesen der Musik hätte studieren können. Drittens ist es außer Frage, daß ich auf dem Gebiete der Dichtkunst als Bahnbrecher erscheinen würde, wenn meine Verhältnisse jene Tiefe der Empfindung möglich machen würden, die unbedingt notwendig ist, um Großartiges zu schreiben.«

»Aber,« warf ich ein, an meine eigenen Gedichte denkend, »warum kannst du nicht genau so empfinden wie andere Leute?«

»Großer Gott!« rief er mit demselben fürchterlichen Lachen wie zuvor, »wie stellst du dir denn das eigentlich vor? Den ganzen Tag zwischen vier Wänden sein, Tassen tragen und Bücklinge machen. Kannst du dir nicht denken, daß bei einer so erbärmlichen Lebensweise jedes feinere Gefühl verkommt, der Intellekt versumpft und der ganze Mensch zum gemeinen Arbeitstiere herabsinkt?«

Er hatte mich vollständig überzeugt, und trotzdem ich nicht sprach, mußte er es gefühlt haben, denn seine Züge nahmen einen ruhigeren Ausdruck an, und auf meinen Koffer deutend, frug er: »Du hast wohl die Richtigkeit meiner letzten Worte von damals eingesehen und dich gewaltsam von den kleinlichen Verhältnissen auf dem Lande losgerissen, um in Wien eine Stelle anzunehmen?«

Ich erzählte ihm hastig, was ich zu tun gedachte.

»Da hört sich doch alles auf,« rief er, als ich geendigt hatte, »bist du denn verrückt geworden?«

»Warum, du hast doch damals selbst gesagt, daß ich trachten solle, es weiter zu bringen.«

»Solltest du wirklich so dumm sein, nicht zu wissen, daß du auf eine solche Stelle, wie du mir sie geschildert hast, kein Anrecht hast.«

»Wie meinst du das?«

»Solltest du nicht wissen,« fuhr er fort, ohne meine Frage zu beantworten, »daß solche Leute kein Dienstmädchen, sondern eine Dame brauchen, ein Wesen, das Manieren und Lebensart besitzt, um solche eventuell den Kindern beizubringen, die ihr anvertraut sind? Solltest du ferner nicht wissen, daß du von dem, was man hier ›Schliff‹ nennt, nicht das geringste besitzest? Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, als er hörte, daß ein schluchzender Laut sich meiner Brust entrang, »ist das nicht deine Schuld. Wo hättest du auch im Umgang mit den Leuten auf dem Lande witziges, gefälliges und sicheres Betragen lernen, wo jenes unerklärliche Etwas hernehmen können, das den feinen Menschen sofort von dem gewöhnlichen unterscheidet, wo hättest du endlich jene Bildung erlangen können, ohne welche man ein Nichts, eine Null, ein Niemand ist?«

Ich glaubte jedes Wort, das er sagte, und schluchzte leise in mich hinein. »Was soll ich denn tun?« frug ich endlich.

»An deiner Stelle würde ich nicht hinunterfahren, sondern hier in Wien bleiben, und ich werde mich bei meinen Freunden für dich verwenden; vielleicht könntest du eine Stelle als Kassiererin in einem Kaffeehause bekommen.«

»Nein, nein,« rief ich, meine Tränen zurückdrängend, »das will ich nicht.«

»Warum nicht, die verdienen viel Geld und machen gewöhnlich eine reiche Heirat.«

Ich schüttelte sehr bestimmt meinen Kopf. »Das will ich nicht,« sagte ich noch einmal, »da gehe ich lieber nach Budapest.«

Er zuckte gleichmütig die Schultern: »Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen -- wann geht dein Zug?«

»Um acht Uhr abends.«

»Das tut mir leid,« sagte er, seine Uhr ziehend, »ich habe um diese Zeit ein Rendezvous, und so kann ich nicht mitkommen.«

»Ein Randewau?«

»Ein Rendezvous,« verbesserte er mich, »da hat man's wieder,« fuhr er achselzuckend fort. »Du weißt eben gar nichts.« Dann öffnete er seinen Überzieher und suchte in seinen Taschen. Endlich zog er ein kleines Büchlein und einen Bleistift heraus und begann emsig zu schreiben. Als er fertig war, riß er das Blatt heraus und gab es mir. »Hier,« sagte er, »habe ich dir die wichtigsten Fremdwörter aufgeschrieben, die du unbedingt kennen solltest, weil heutzutage jeder wirklich gebildete Mensch nur Fremdwörter gebraucht. Und nun viel Glück und Gott befohlen, liebe Schwester.« Er reichte mir die Hand, die ich mechanisch nahm, und als ich aufblickte, war er fort.

Ich erkundigte mich nach dem Bahnhofe und schlug den angedeuteten Weg ein. Nachdem ich meine Karte gelöst hatte, stieg ich in den schon in der Halle stehenden Zug, und beim Schein der schwachen Wagenlampe überflog ich den Zettel, den mir mein Bruder gegeben. Darauf stand:

Rendezvous Engagement Bureau oder Comptoir Pardon Toilette Banquet Melange Carriere Milieu Rouge Noir Manicure

Als ich mit dem Lesen fertig war, faltete ich den Zettel sorgfältig und steckte ihn in meine Tasche. Noch während ich damit beschäftigt war, setzte sich der Zug langsam in Bewegung....

Miklos Sandor, der Stellenvermittler, hatte in seinem letzten Briefe an mich bemerkt, daß er mich vom Bahnhof abholen würde, und mich gebeten, ein Taschentuch als Erkennungszeichen in der Hand zu halten. Als ich an jenem Morgen, nach einer vollkommen schlaflosen Nacht in Budapest ankam, stieg ich mit meinem kleinen Koffer in der einen und einem Taschentuch in der andren Hand, etwas schwerfällig aus dem Zuge, da meine Glieder durch das lange Sitzen ganz steif geworden waren. Ich sah mich einige Minuten auf dem Perron um und erblickte dann einen älteren Herrn, der eilig auf mich zukam. »Sind Sie das Fräulein aus Langenau?« frug er; ich bejahte seine Frage und hätte unendlich gerne gewußt, was er von mir dachte.

»Wollen Sie,« sagte er mit einem Blick auf meinen Handkoffer, »einen Wagen haben?«

Ich hatte nur ungefähr zwanzig Kreuzer in der Tasche und schüttelte sofort heftig den Kopf. »Nein, nein!« sagte ich rasch, »ich möchte lieber gehen.«

»Wie Sie wollen, Fräulein.«

Später frug er mich, ob er mir den Koffer tragen dürfte, doch ich verneinte ebenfalls hastig. Nach einem ziemlich weiten Weg trat er endlich in eines der hohen Häuser, und ich nahm an, es sei das Haus der Familie, in die er mich bringen wollte. »Sind wir schon da?« frug ich, und mein Herz schlug mir zum Zerspringen.

»Nein,« sagte er lächelnd, »das hier ist meine Wohnung; ich brachte Sie erst hierher, weil ich vermute, daß Sie etwas Toilette machen wollen. Meine Frau wird Ihnen gerne dabei helfen.«

Er hatte bei diesen Worten eine Tür geöffnet, und wir traten in ein hübsch aussehendes Zimmer. Eine Frauensperson kam herein und grüßte mich sehr freundlich; der Mann sprach einige Worte in ungarischer Sprache zu ihr, die ich natürlich nicht verstand, worauf er sich wieder zu mir kehrte und sagte: »Ich lasse Sie jetzt mit meiner Frau. Sobald Sie fertig sind, bin ich es auch.«

Nachdem er aus dem Zimmer war, begriff ich erst die ganze lächerliche Lage, in der ich mich befand; er erwartete von mir, daß ich mich umkleiden würde, um anständig auszusehen, wenn er mich der Familie vorstellte.

»Genieren Sie sich nicht,« sprach die Frau freundlich, »und tun Sie gerade, als ob Sie zu Hause wären.« Doch wenn ich zu Hause gewesen wäre, hätte ich auch nichts anderes tun können, als was ich tat. Ich stotterte, daß ich mich nicht umkleiden wolle, bat nur um eine Bürste, wenn das keine Ungelegenheiten bereite.

»Natürlich nicht, hier ist eine.« Und die Dame reichte mir den verlangten Gegenstand. Ich strich damit hastig einige Male über mein Kleid und gab sie ihr dankend zurück.

»Ist das wirklich alles?« frug sie in demselben freundlichen Ton.

»Ja, ich bin ganz fertig.« Darauf rief sie ihren Mann herein.

»Also fertig?«

»Ganz!« antwortete ich, und während ich mich nach meinem Koffer bückte, grüßte ich die Frau und folgte Herrn Miklos Sandor wieder auf die Straße.

Diesesmal aber gingen wir nur bis zur Straßenecke. Dort bedeutete er mich, auf einen Tramwaywagen zu steigen, einer Aufforderung, der ich höchst unbeholfen nachkam. Endlich aber war ich oben, und Herr Sandor setzte sich zu mir.

»Ich glaube,« begann er nach einer Pause, »daß meine Briefe ausführlich genug waren und Sie über Ihre künftigen Pflichten in keinerlei Zweifel sind. Was die Dame anbelangt, so denke ich, daß Sie ein lieberes und gütigeres Geschöpf kaum finden können. Sie ist wirklich ein Engel, und ich bin sicher, daß Sie sich in ihrem Hause wohl fühlen werden. Hinsichtlich der drei Knaben werden Sie ja selbst bald herausfinden, ob sie mit Güte oder mit Strenge behandelt werden müssen, und ich hoffe, daß Sie lange Zeit in Ihrer Stellung bleiben werden.« Er sprach noch eine ganze Weile in dieser Weise fort, und ich frug mich heimlich, ob ich denn vielleicht doch nicht so dumm und unfein aussähe. Endlich stiegen wir ab.

Das Haus, in das er mich führte, war ein sehr feines; es hatte Marmortreppen, und auf den Treppen lagen schwere Teppiche. Ein nett aussehendes Stubenmädchen brachte uns in ein geräumiges Vorzimmer und bat uns, zu warten. Ich stellte meinen Koffer auf den Boden und setzte mich herzklopfend auf die Kante eines Stuhles. Mein Begleiter setzte sich auch, doch Herzklopfen schien er nicht zu haben. Wir mußten ziemlich lange warten, und ich wünschte fast, daß nie jemand kommen möchte; aber noch während ich das wünschte, näherten sich leichte Tritte und eine noch junge Dame trat ein. Ich konnte vor Verlegenheit keinen Laut hervorbringen und stand nur furchtbar verschämt vom Stuhle auf. Sie blickte aber gar nicht nach mir, sondern begann ein Gespräch in ungarischer Sprache mit Herrn Sandor. Ganz plötzlich wandte sie den Kopf und sah mich voll an. »Glauben Sie,« frug sie, »daß es Ihnen in Budapest gefallen wird?« Ich wußte nicht, was sie eigentlich damit meinte, und neigte den Kopf. »Ich wechsle nämlich,« fuhr sie fort, »nicht gerne, und es wäre mir nicht erwünscht, wenn Sie vielleicht in zwei Wochen aus irgendeinem Grunde zurückkehren wollten.«

»O nein,« erwiderte ich, »ich werde sehr gerne hier sein.«

Der Stellenvermittler fing nun an, sich zu verabschieden und reichte mir die Hand. »Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe,« rief er mir noch zu, und dann ging er.

Die Dame bat mich darauf, mit ihr zu kommen und führte mich in ein Zimmer, das ganz weiße Möbel hatte und worin die drei Knaben um einen runden Tisch saßen. Bei unserem Eintritt erhoben sie sich und sahen etwas schüchtern auf mich. »Das hier ist euer neues Fräulein. Sagt ihr guten Tag.«

Den Kindern gegenüber verschwand meine Schüchternheit vollkommen. Ich reichte jedem von ihnen die Hand und stellte einige Fragen, die sie in etwas gebrochenem Deutsch beantworteten. Dann legte ich meine Sachen ab, und trotzdem ich sehr müde war, beschäftigte ich mich doch sogleich damit, die Knaben zu gewinnen, indem ich ihnen Häuser aus Papier aufbaute und dergleichen mehr.

Nach und nach verlor ich auch meine Schüchternheit der Dame gegenüber, da ich merken konnte, daß sie mit mir zufrieden war. Auch die Kinder hatten mich bald lieb, und der Gedanke, daß man mich fortschicken würde, quälte mich nicht mehr.

Zu tun hatte ich genug; wie auf meiner früheren Stelle hatte ich die Kinder zur Schule zu bringen oder abzuholen. Nachmittags nahm ich sie spazieren, und des Abends setzte ich mich an den runden Tisch im Kinderzimmer und stopfte oder nähte.

Von einem brennenden Heimweh abgesehen, das mich besonders immer abends befiel, war ich ganz zufrieden und glaubte nun endlich gefunden zu haben, was ich so lange gesucht hatte. Nur ein Umstand trübte mein Glück. Ich hatte fast nichts anzuziehen. Es hätte mich das nicht sehr gekränkt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß meine Dame mich gern hübsch angezogen gesehen hätte. Sie machte oft eine Bemerkung, die, wenn sie sich auch nicht direkt an mich richtete, mir doch zu verstehen gab, daß sie sich meiner armseligen Erscheinung vor ihren Freundinnen schämte, deren Fräulein so elegant gekleidet waren, daß ich im Anfang glaubte, sie seien auch Damen.

Einmal kam die Frau in das Kinderzimmer und blickte etwas ärgerlich um sich. »Die Kinder sind eingeladen,« sagte sie endlich, »doch mit wem soll ich sie schicken?«

Ich sah sie erstaunt an. »Natürlich mit mir,« sagte ich.

»Unmöglich, Sie können in Ihrem blauen Kleide dort nicht hingehen.«