Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben

Part 4

Chapter 43,888 wordsPublic domain

»Ich hätte dir mehr Takt zugetraut,« erwiderte er, an meine Seite tretend, »als eine so heikle Sache, wie sie sich leider in deiner Gegenwart abgespielt hat, auch nur indirekt zu berühren.«

Ich wagte keine weitere Frage mehr und schritt schweigend neben ihm hin; heimlich aber wunderte ich mich über seine Ruhe.

»Dein Schicksal, liebe Schwester,« sagte er plötzlich in mein Schweigen hinein, »jammert mich.«

Meiner Ansicht nach war seines viel jämmerlicher, doch _er_ schien nicht so zu denken. »Warum?« fragte _ich_ und bereute die Frage im nächsten Augenblick, denn seine Augen leuchteten zornig.

»Du fragst, die du doch selbst Zeuge jenes peinlichen Vorfalles gewesen bist, der dich gelehrt haben muß, welch' niederer Herkunft du bist.«

»Ich?«

»Ich meine wir -- doch ich habe ja selbstverständlich mit diesen Leuten nichts mehr zu tun, und es dauert mich, daß du dein ganzes Leben lang mit so eng denkenden, kleinlichen Menschen in Berührung zu bleiben hast; ich habe darum seit gestern überlegt, wie dir zu helfen sei (meiner Ansicht nach brauchte er viel eher Hilfe als ich, doch schien er das wieder nicht zu denken), und,« so fuhr er fort, »so habe ich den Entschluß gefaßt, dich zu mir nach Wien zu nehmen, dein weiteres Leben selbst zu überwachen und, wenn sich irgendwelche Fähigkeiten in dir zeigen sollten, diese auszubilden, kurz gesagt, dich zu erziehen. -- Sobald ich also den Staub dieses Dorfes von meinen Füßen geschüttelt haben werde und in Wien angelangt bin, werde ich Tag und Nacht arbeiten, um so schnell wie möglich eine größere Summe Geld herbeizuschaffen, die es mir möglich machen wird, dich zu mir zu nehmen und dich in allen Fächern des Wissens, in Musik und Sprachen unterrichten zu lassen. --

Bist du damit einverstanden?«

Ich war so gerührt, daß ich kaum sprechen konnte.

»Selbstverständlich,« fuhr er rasch fort, »wird das noch eine Weile dauern, und du kannst ja in der Zwischenzeit die Stelle antreten, die dir Mutter gesucht hat; doch versäume nicht, deine freie Zeit mit dem Lesen nützlicher Bücher auszufüllen, damit ich mich deiner nicht zu sehr zu schämen habe, wenn ich dich in meine Kreise einführe. Hauptsächlich empfehle ich dir Schiller. Du wirst in seinen Dramen alles finden, was man im Leben braucht, um in jeder Lage geistreich und witzig zu erscheinen. Gewöhne dich daran, die Stellen aus seinen Büchern oft zu zitieren, damit du dann meinen Freunden gegenüber nicht in Verlegenheit bist; auch Goethe kann ich dir empfehlen; doch muß ich dir hier etwas Vorsicht im Zitieren anraten, da du bei deinem jetzigen beschränkten Verstehen den Sinn der Worte nicht richtig erfassen könntest und die Stellen zur unrechten Zeit zitieren möchtest. Warte darum, bis ich selbst imstande sein werde, dir alles zu erklären; und nun, liebe Schwester (ein wunderbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht), muß ich dir leider Lebewohl sagen.«

»Lebewohl?« rief ich bestürzt, »wohin willst du denn?«

»Ich fahre heute noch nach Wien.«

»Aber du hast doch keinen Kreuzer Geld.« Das wunderbare Lächeln schwand von seinen Lippen.

»Ich sehe,« sagte er, »daß du in jeder Beziehung sehr zurück bist. Das erste, was du lernen mußt, ist Takt: Denkst du denn, daß jeder Mensch eine Bärenhaut als Gemüt hat, wie es leider in unserer Familie einen solchen Fall gibt? Gewöhne dich daran, nie etwas zu sagen, das einem andern einen peinlichen Vorfall oder eine peinliche Lage in Erinnerung bringen könnte; es gibt in jedem Menschen, wenn er auch noch so herabgekommen ist, etwas, das Stolz heißt. Hüte dich, das anzugreifen. -- Und nun Gott befohlen, liebe Schwester!«

Er reichte mir die Hand, ich nahm sie jedoch nicht, sondern starrte nur auf seine schönen weißen Finger.

»Ich will dich ja nicht kränken,« sagte ich endlich, fast weinend, »aber wie kannst du ohne Geld nach Wien fahren?«

Er runzelte die Brauen und sah mich etwas mitleidig an.

»Ich sehe schon, daß ich von dir nicht jene Höhe des Empfindens verlangen kann, die eigentlich meine Zuneigung für einen Menschen bedingt. Doch weil du meine Schwester bist und dein gegenwärtiges Los ganz unverdient trägst, denn es wäre die Pflicht unsrer Eltern gewesen, uns alle studieren zu lassen, so will ich für heute von deiner Erziehung absehen und deine Frage bezüglich des Mammons beantworten. Wie du richtig vermutest, habe ich leider kein Geld; doch ich würde lieber nach Wien laufen, als von dem Manne, der unbegreiflicherweise mein Vater ist, auch nur einen Heller anzunehmen. Ich habe die Abfahrt des Güterzuges herausgefunden und werde mich in einem der Wagen verbergen, bis wir in Wien ankommen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, nein,« rief ich, »das sollst du nicht. Ich habe Geld. Hier hast du alles.« Und dabei drückte ich ihm den Rest meines Geldes, das ich in ein Stück weißes Papier eingewickelt hatte, in die Hand.

Sein Gesicht zeigte Gerührtheit und Entrüstung. »Ich müßte doch ein Lump sein,« sagte er, »wenn ich deine sauer verdienten Kreuzer annehmen würde. -- Ferne sei das von mir.« Und während er das Geld in meine widerwillige Hand zurücklegte, schloß er: »Du hast zwar eine große Taktlosigkeit begangen, aber ich verzeihe dir.« Im nächsten Augenblicke war er fort.

Trotzdem ich auf der Straße stand, fing ich erbärmlich zu schluchzen an und verwünschte meine Armseligkeit, meinen Mangel an Edelsinn, schließlich mich selbst. Ich war fest überzeugt, daß mein Bruder nicht nur ein Künstler, sondern auch ein Held und ein Märtyrer sei....

Die Stelle, die ich bald nach diesen Vorgängen antrat, unterschied sich von der früheren in folgendem: erstens waren nur nur drei Kinder da, zweitens war außer mir noch ein Mädchen da, die Köchin; drittens erhielt ich statt acht Kronen zehn Kronen monatlich, sonst war aber meine Lebensweise nicht sehr verändert. Nach wie vor hatte ich das Waschen des Geschirres und der Böden zu besorgen, und wenn das vorbei war, die Kinder auszunehmen.

Diese waren im Alter von vier bis elf Jahren. Sie waren viel höflicher als die Kinder des Direktors, und ich hatte sie alle sehr lieb. Auch die Köchin hatte ich gern. Sie führte keine Reden, die anzuhören man sich hätte schämen müssen, und ich durfte ihr sogar meine Gedichte vorlesen, die ihr immer sehr gut gefielen, und von denen sie das eine oder andere öfter zu hören verlangte. Dieser Umstand machte mich ungemein glücklich.

Nachdem aber einige Monate in dieser Weise vergangen waren und mir die anfängliche Neuheit der Verhältnisse zur Gewohnheit geworden war, erwachte in mir wieder das alte Gefühl der Unzufriedenheit und der Verlassenheit. Es geschah nicht selten, daß ich mich in irgendeine Ecke setzte und heftig weinte, ohne dafür eine Ursache angeben zu können. Vor meiner Frau verbarg ich das sehr sorgfältig, doch der Köchin gegenüber konnte ich das nicht immer tun. Sie frug mich öfters, was mir fehle, doch konnte ich ihr nie eine zufriedenstellende Antwort geben.

Als wir einmal, es war an einem Samstagnachmittag, daran waren, die verschiedenen Kochbretter sowie den Boden zu scheuern, bemerkte die Köchin, daß meine Augen wieder einmal vom Weinen dick geschwollen waren.

»Was haben Sie denn,« frug sie mich in ihrer teilnehmenden Art, »ich glaube gar, Sie haben Heimweh!«

Ich schüttelte langsam und nachdenklich den Kopf: »Ich glaube nicht, daß es Heimweh ist, ich glaube vielmehr, daß es der Wunsch ist, etwas zu lernen.«

»Lernen,« wiederholte sie, »du lieber Gott, was denn?«

»Ich weiß nicht,« sagte ich zögernd, »ich weiß nur, daß ich gar nichts kann.«

»Nichts kann? Das will ich nicht sagen, ich bin ganz zufrieden, wie Sie mir bei der Arbeit helfen.«

»Das schon, aber ich meine, ich kann weder Französisch noch Klavier.«

»Französisch und Klavier, das brauchen Sie aber doch nicht in Ihrem Beruf.«

»Das schon, aber ich möchte einen anderen Beruf haben.«

»Oh« ... und dann schwiegen wir lange.

Wir hatten nun unsere Arbeit fertig gebracht, legten die nassen Schürzen ab und banden reine vor. Die Köchin nahm dann eine der blanken Pfannen von der Wand und schickte sich an, den Nachmittagskaffee zu kochen, während ich den Tisch im Eßzimmer deckte. Als ich das Brett mit der heißen Milch, dem heißen Kaffee und den reinen weißen Schalen hineingetragen hatte, setzten wir uns zu unserem Kaffee in der Küche nieder. Die Köchin schenkte ein, und ich bemerkte, daß ihre Hand leicht zitterte. Da sie nicht sprach, sagte auch ich nichts; doch ich fühlte, daß sich ihre Gedanken mit mir beschäftigten. Nachdem ihre Schale leer war, stützte sie ihren Kopf in die Hände und sah mich voll an. »Also Französisch wollen Sie lernen.«

»Es braucht ja nicht gerade Französisch zu sein.«

»Also was soll es denn sein?«

»Ich weiß es nicht!«

»Das ist ein Unsinn, Sie müssen doch wissen, was Sie wollen.«

»Ich glaube, ich möchte Englisch lernen,« gestand ich endlich sehr verwirrt und sehr verlegen.

»Das lernt aber doch kein Mensch, warum nicht lieber Französisch?«

»Ich weiß nicht, aber ich möchte lieber Englisch lernen,« wiederholte ich langsam, aber sehr entschieden.

»Ich hab' über alles nachgedacht,« fing sie nach einer Pause wieder an. »Die Frau darf natürlich nichts davon wissen, denn sie hat so etwas nie gelernt und würde es für Hochmut halten, wenn Sie dergleichen lernen wollten. Doch ich denke, es ließe sich einrichten, wenn Sie abends, nachdem die Kinder zu Bett gebracht sind, sich damit beschäftigen würden.«

»Natürlich,« rief ich entzückt, »ich würde nie daran denken, während des Tages dergleichen zu tun; es fragt sich nur,« fügte ich etwas kleinlaut hinzu, »ob sich eine Lehrerin finden wird, die mir am Abend Stunde gibt.«

»Eine Lehrerin?« frug meine Köchin erstaunt. »Brauchen Sie denn eine Lehrerin?«

Mein Mut sank ganz beträchtlich bei dieser Frage. »Natürlich, ohne eine Lehrerin werde ich es nicht fertig bringen.«

»Aber wird das nicht zu viel kosten?«

»Oh,« sagte ich anscheinend leichthin, »ich glaube nicht, daß das viel kosten wird.«

»Wieviel denken Sie denn?«

»Ich weiß es nicht, aber ich denke, ein bis zwei Kronen die Stunde.«

»Du lieber Gott, das können Sie nie erschwingen.«

»Vielleicht doch, ich bekomme ja zehn Kronen im Monat, und ich brauch' das ja nicht alles.«

»Das schon, aber Sie sollten doch an die Zukunft denken.«

»Das tue ich ja gerade,« aber sie verstand nicht, wie ich es meinte.

Die Klingel läutete, ein Zeichen, daß man mich wünschte; so ließen wir denn dieses Mal den Gegenstand fallen, und ich wagte ihn nicht mehr zu berühren, obwohl in mir eine Ungeduld und Sehnsucht nagte, die ich kaum bemeistern konnte.

Es war einige Tage später, als die Köchin ganz plötzlich wieder davon anfing.

»Meinen Sie, daß Sie davon einen Nutzen haben könnten?«

»Wovon,« frug ich, mich unwissend stellend.

»Von dem Englischen.«

»Oh, ich weiß nicht, aber ich denke, wenn ich Englisch gründlich wüßte, so könnte mir das viel Geld einbringen.«

»Wo?« frug sie.

»Natürlich nicht hier!« entgegnete ich und wandte verlegen den Kopf.

Wir waren wieder mit dem Scheuern beschäftigt, und sie widmete sich dieser Arbeit jetzt mit doppeltem Eifer.

Nachdem die ganze Küche glänzte und prangte und wir wieder bei unserer Schale Kaffee saßen, begann die Köchin wieder:

»Sie müssen trachten, daß Sie die Stunden an einem Freitag abend haben können, denn die Herrenleute sind dann aus und kommen vor elf Uhr nicht nach Hause. Glauben Sie, daß Sie bis dahin zurück sein können?«

Mein Entzücken war unbeschreiblich; ich hätte dieser guten, einfachen Person um den Hals fallen mögen. »Was denken Sie,« rief ich und faltete im Übermaß meiner Freude beide Hände wie zum Gebet, »ich werde schon viel früher zurück sein, da ist nur eines,« sagte ich, wieder kleinlaut werdend, »wird der Hausknecht mich nicht verraten?«

»Lassen Sie das nur, mit dem werde ich ein Wort reden.«

Wir beschlossen dann noch, daß ich mich nach einer Lehrerin umsehen sollte, die in der Nähe wohnte, und die Sache war für dieses Mal erledigt.

Die nächsten Tage beschäftigte ich mich, so oft ich mit den Kindern ausging, die an den Häusern angebrachten Schilder zu lesen. Endlich fand ich, was ich suchte. »Musik- und Sprachlehrerin«, lautete es auf einer schwarzen Granittafel, und die Granittafel hing an einem sehr vornehm aussehenden Hause. Obwohl mir das feine Haus einige Schüchternheit einflößte, wäre ich doch am liebsten gleich hineingegangen, und nur der Umstand, daß die Kinder mit mir waren, hielt mich davon zurück. Sie waren alt genug, um alles zu verstehen, und hätten sicher alles haarklein ihrer Mutter erzählt, die zwar sehr gut zu mir war, doch sich stets in sehr einfachen Kreisen bewegt hatte und, wie die Köchin richtig bemerkte, nur Hochmut darin gesehen hätte.

Als ich nach Hause kam, erzählte ich der Köchin sofort von meinem Erfolge und frug sie, wie ich es möglich machen könnte, die Lehrerin zu sprechen, da ich doch gar keinen Ausgang hatte. »Da gibt es nur eines: Sie müssen eben einen Sprung hinein machen, wenn Sie die Milch holen.« Ich hatte nämlich jeden Abend die Milch zu holen. Der Vorschlag gefiel mir aber nicht im geringsten. Mußte ich nicht einen lächerlichen Eindruck auf die Lehrerin machen, wenn ich mit einer großen Milchkanne in den Händen in das Zimmer trat? Da aber, ohne Verdacht zu erregen, eine andere Gelegenheit nicht möglich war, so beschloß ich dennoch, den Rat zu befolgen und zog schon am nächsten Tage die Glocke an dem vornehmen Hause. Ich hörte sie von innen läuten, und der Klang machte mich noch ängstlicher, als ich schon war. Während ich stand und wartete, kam mir der Gedanke, die Milchkanne, die ich heimlich verwünschte, in einer Ecke auf der Straße zu lassen. Aber noch während ich mich nach einer günstigen Ecke umsah, überkam mich die Besorgnis, daß sie gestohlen werden könnte; so hielt ich sie in den Händen und versuchte sie hinter mir zu verbergen, als die Tür aufging und ein Dienstmädchen fragte, was ich wolle. Ich sagte ihr errötend Bescheid, worauf sie mich einzutreten bat und mich in ein Zimmer führte, das mir unglaublich schön erschien und mir allen Atem raubte. In einem hohen Spiegel erblickte ich mich plötzlich selbst, wandte den Blick aber schnell ab, als ich die Milchkanne ebenfalls darin entdeckte. So groß und häßlich war sie mir noch nie vorgekommen.

Es vergingen einige Minuten, ohne daß jemand kam, und ich bereute schon, daß ich überhaupt hier war, als sich eine Tür öffnete. Eine schlanke, mittelgroße Gestalt trat herein, Risa de Vall, die Lehrerin.

Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie mich erblickte, ein Lächeln, worüber ich der Milchkanne bittere Vorwürfe machte.

»Das Mädchen sagte mir, daß Sie englische Stunden nehmen wollen,« frug sie mich endlich, »ist dem so?«

»Ja, wenn Sie so freundlich sein wollen.«

»Wohnen Sie bei Ihren Eltern?«

»Nein,« antwortete ich und schämte mich sehr, es zu sagen, »ich bin in Stelle.«

Sie schwieg eine Weile und beobachtete mich scharf. »Gut,« sagte sie dann, »ich unterrichte von zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends; wann möchten Sie Ihre Stunde gerne haben?«

»Das tut mir sehr leid, ich könnte vor acht Uhr abends nicht kommen,« und dann drängten sich mir die Tränen in die Augen.

Nun lächelte sie wieder, doch diesmal so gütig, daß ich wußte, es hatte mit der Milchkanne nichts zu tun, und zu meinem unendlichen Entzücken hörte ich sie sagen: »Da muß ich wohl einmal eine Ausnahme machen und Ihnen die Stunden zu einer Zeit geben, wo Sie kommen können.«

Zögernd und mit heimlicher Angst frug ich dann, was es kosten würde, und sie nannte nach einigem Nachdenken einen Preis, der mir verdächtig niedrig vorkam.

Ich weiß nicht mehr recht, wie ich an jenem Tage nach Hause kam, ich weiß nur, daß ich den ganzen Weg lief, und die Milch beständig an den Deckel der Kanne schlug.

Als ich der Köchin meine Unterredung mit der Lehrerin berichtete, war sie ganz still. Nach einer Weile aber fragte sie mich, ob ich dächte, daß es schwer sein würde. Ich antwortete ihr, daß ich das nicht sagen könnte, da ich ja nie in meinem Leben Englisch gehört hätte, doch ich glaubte, es sei nicht schwer.

Wie ganz anders wurde nun mein Leben! Ich arbeitete die ganze Woche freudig um des einen Tages willen, der meine Stunde in sich schloß. Ich hatte mir auch ein Buch über die Anfangsgründe der englischen Sprache gekauft, und so oft ich eine Minute erübrigen konnte, nahm ich es zur Hand und lernte daraus.

Meine Lehrerin freute sich anscheinend sehr über meinen Fleiß, doch merkte ich bald, daß sie mir noch andere Dinge beizubringen wünschte als bloß Englisch. Als ich eines Abends wieder einmal mit ihr in dem Zimmer saß, das für mich seinen Zauber nie verlor, fragte sie mich ganz unvermittelt, warum ich denn meine Nägel nie putze, und wie es sein könne, daß ein Knopf an meiner Jacke fehle. Ich schämte mich ungemein wegen der beiden Fragen und stotterte irgendeine Antwort. Ich vermutete schon, sie könne mich nicht leiden, doch ihr gütiges, liebes Benehmen während der übrigen Stunde überzeugte mich vom Gegenteil.

Als ich damals nach Hause kam, fand ich die Köchin bereits im Bett. Sie war erstaunt, daß ich mich nicht wie sonst gleich schlafen legte, sondern in meinem Nähkorb herumsuchte.

»Was wollen Sie denn?« frug sie.

»Eine Schere.«

»Wozu brauchen Sie denn jetzt eine Schere?«

»O, nur für meine Nägel.«

»Welche Nägel?«

Ich hatte aber die Schere schon gefunden, und während ich mich auf mein Bett setzte, fing ich an, einen nach dem andern zu reinigen.

»Lieber Gott, was ist Ihnen denn in den Kopf gekommen?«

»Nichts, nur meine Hände sind so furchtbar häßlich.«

»Ich glaube, Sie sind wirklich hochmütig.« --

Diese Güte, diese Anteilnahme und Unermüdlichkeit meiner Lehrerin verblieb mir während der ganzen Zeit meines Unterrichts. So oft sie an meinen Kleidern, an meinem Betragen oder sonst in irgendeiner Weise einen Fehler entdeckte, rügte sie diesen mit größter Bestimmtheit und doch mit ebenso großem Wohlwollen. Ich liebte sie bald mit jener Anbetung, die junge Mädchen oft älteren Frauen widmen. Heute weiß ich, daß ihre Hände die ersten waren, die sich mir hilfreich entgegenstreckten, als ich in der Dunkelheit herumtappte, und der Weg zum Licht für mich so weit -- so weit noch war.

Nachdem Fräulein de Vall mich ungefähr sechs Monate kannte, frug sie mich eines Tages, ob ich außer der Köchin noch eine andere Freundin hätte; und als ich verneinte, erzählte sie, daß sie an dem Orte, wo sie früher lebte, eine Schülerin gehabt hätte, die ich vermutlich sehr gern haben würde. Ob ich ihr schreiben wolle und sie bitten, mit mir in Briefwechsel zu treten. Der Gedanke, ein Mädchen kennen zu lernen, von dem meine Lehrerin mit offenbarer Zärtlichkeit sprach, freute mich ungemein, und ich bat um die Adresse. Ich schrieb schon den nächsten Tag an sie und erhielt gleich eine Antwort, in der sie mir mitteilte, wie sehr sie sich freue, mit mir zu korrespondieren, und wie sie hoffe, daß wir uns recht oft schreiben würden. Als ich diesen Brief der Köchin zeigte, sagte sie: »Das muß eine sehr feine Person sein.« Darüber war ich natürlich nie im Zweifel. Als ich aber einige Tage später beim Lichte einer Kerze mich niedersetzte, um den Brief zu beantworten, da wußte ich nicht, was ich schreiben sollte. Ich überlegte sehr lange. Endlich jedoch fing ich an und schrieb, ohne aufzuhören, vier bis sechs Seiten voll. Was ich aber geschrieben habe, waren alles Dinge, die ich für mich dachte und von denen ich nie zu jemandem sprach, selbst zur Köchin nicht ...

Von meinem Bruder hatte ich bisher kein Wort gehört und zu Hause wußte man ebenfalls nichts von ihm. Eines Tages aber erhielt ich von meinem Vater einen Brief, in dem er mir mitteilte, daß er ein Schreiben von Karl bekommen hätte, worin stünde, daß er ungemein viel Geld verdiene.

Mir schlug bei dieser Nachricht das Herz bis zum Halse hinauf. Obwohl ich eigentlich nie recht an das geglaubt, was er mir beim Abschied gesagt hatte, so fiel mir doch jetzt wieder alles ein, und ich fragte mich, ob er jetzt wohl kommen würde. Ein leiser Schrecken erfaßte mich, als mir bewußt wurde, daß ich kein einziges von den empfohlenen Büchern gelesen hatte, und Schiller sowie Goethe immer noch nur dem Namen nach kannte. Wahrscheinlich bewegte er sich jetzt schon in den feinsten Kreisen, und meine völlige Unfähigkeit, aus irgendeinem Drama von Schiller zitieren zu können, würde für ihn furchtbar beschämend sein. Darüber, daß er mir bis jetzt noch nicht geschrieben hatte, wunderte ich mich kaum. Sicher hatte er unermüdlich gearbeitet und fand nicht Zeit dazu. Um aber für den Fall, daß er wirklich kommen würde, vorbereitet zu sein, ließ ich es nun meine erste Sorge sein, mir ein Buch von Schiller zu verschaffen. Kaufen konnte ich keines, da ich keinen einzigen Kreuzer dafür übrig hatte. Im Eßzimmer meiner Herrenleute befand sich zwar ein Bücherschrank, er war jedoch immer verschlossen; die Bücher schienen mehr als eine Zierde da zu sein und ich hatte niemals jemanden darin lesen gesehen. Nachdem aber noch weitere fünf bis sechs Monate vergingen, ohne daß ich von meinem Bruder hörte, vergaß ich allmählich jene lockenden Zukunftsbilder und dachte nicht mehr daran.

Ich befand mich nun ungefähr zwei Jahre auf dieser Stelle, als ich die Bekanntschaft eines Mädchens machte, das ich täglich auf den Spaziergängen mit den Kindern traf. Da sie immer recht freundlich zu mir war, setzte ich mich gewöhnlich zu ihr auf die Bank, und während die Kinder zwischen den Bäumen allerlei Spiele spielten, plauderten wir über verschiedene Dinge.

»Warum bleiben Sie immer auf derselben Stelle?« frug sie mich eines Tages.

»Wo sollte ich denn hingehen?«

»Das kann ich natürlich nicht gleich so beantworten, aber ein Mädchen wie Sie sollte ihr Glück in der Welt versuchen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Wie soll ich das meinen? Ich meine, daß ein Mädchen wie Sie ein ganz anderes Leben führen sollte, als Sie es gegenwärtig tun.«

»Warum sagen Sie, ein Mädchen wie ich bin.«

»Verstellen Sie sich doch nicht so, Sie wissen doch ganz gut, daß Sie so gescheit wie hübsch sind.«

»Oh,« sagte ich, an die letzten Erklärungen meines Bruders denkend, »ich dachte immer, ich sei sehr dumm,« dann, auf meine Hände blickend, »und sehr häßlich.«

»Papperlapapp, Sie sind weder das eine noch das andere, und wenn ich Sie wäre, würde ich in irgendeine Großstadt gehen und schauen, daß ich vorwärts käme.«

»Nach Wien?«

»Nein,« sagte sie nachdenklich, und als ob sie einen plötzlichen Einfall bekommen hätte, frug sie: »Warum gehen Sie nicht nach Budapest?«

»Nach Budapest?! Das ist doch in Ungarn, was sollte ich dort tun?«

»Dasselbe was Sie hier tun, nur mit dem Unterschied, daß Sie dreimal soviel bezahlt bekommen als hier und kein Dienstmädchen sein werden, sondern ein Fräulein.«

Ich faltete langsam meine Hände, wie ich es immer tat, wenn ich tief bewegt war. »Aber,« sagte ich endlich, »werde ich denn fein genug für eine solche Stelle sein?«

»Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht raten.«

Bei den letzteren Worten war sie aufgestanden und schickte sich zum Gehen an. Sie reichte mir die Hand und streichelte mir die Wange. »Also auf Wiedersehen, und überlegen Sie sich, was ich Ihnen gesagt habe. Ich meine es gut mit Ihnen.«

Nachdem sie gegangen war, wiederholte ich mir jedes ihrer Worte; besonders ging der eine Satz mir nicht aus dem Kopf: »Sie bekommen dort dreimal soviel bezahlt« ... Dreimal soviel ... Ich rechnete in Gedanken ... Dreimal zehn Kronen, das waren ja dreißig Kronen ... Dreißig Kronen jeden Monat, das wäre eine Unsumme, die ich selbstverständlich nie aufbrauchen könnte; doch würde ich die Hälfte davon natürlich jeden Monat nach Hause schicken, damit sie von irgend jemand eine kleine Hilfe hätten, denn das Geschäft, so schrieb man mir, ging immer schlechter ... »Du gütiger Gott,« betete ich in meinem Herzen, »mit dreißig Kronen im Monat wäre uns allen geholfen.«