Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben

Part 3

Chapter 33,995 wordsPublic domain

Die Leute, zu denen ich kam, waren Juden. Die Frau in ihrem schwarzen Haar und den dunkeln Augen erschien mir sehr schön. Die vier Kinder, drei Knaben und ein Mädchen, hatten alle bis auf einen siebenjährigen Jungen, der blödsinnig war, mehr oder minder rotes Haar und Sommersprossen. Ich hatte die drei älteren Kinder in die Schule zu nehmen und wieder abzuholen, ferner die Zimmer aufzuräumen und die Küche in Ordnung zu halten. Das Kochen besorgte die Hausfrau. Da der blödsinnige Knabe die Schule nicht besuchte, war er beständig um mich herum und sprach den ganzen Tag zu mir in wirren unzusammenhängenden Reden. Sehr oft riß er sich auch die Kleider vom Leibe und lief nackt herum. Anfangs fürchtete ich mich vor ihm, doch sah ich bald, daß er außer einigen unangenehmen Dingen, an die man sich eben gewöhnen mußte, harmlos war. Unzählige Male des Tages stellte er sich vor mich hin und spuckte mir ins Gesicht. Erst war mir das unerträglich, doch nach und nach lernte ich seine Bewegungen kennen und wandte mich schnell ab, wenn er auf mich zukam. Noch unerträglicher als dieser unglückliche Junge aber war mir der Älteste, ein zwölfjähriger Bube, der eine abscheuliche, hämische Art und Weise, mit mir zu sprechen, hatte und mich bei jedem Worte fühlen ließ, daß ich ihm gehorchen mußte. -- Das Mädchen war mir die liebste.

Ich hatte mich noch keine zwei Monate auf meiner Stelle befunden, als ich merkte, daß die Verhältnisse des Direktors nicht viel besser waren als die meiner Eltern.

Es kamen oft Leute an die Türe, die mich fragten, ob sie den Herrn Direktor sehen könnten. So oft ich aber einen solchen Besuch anmeldete, wurde der Direktor sehr böse und sagte, die Leute sollten sich zum Teufel scheren. Ich erfuhr sehr bald, daß das alles Gläubiger waren, die ihr Geld verlangten. Es war verabredet gewesen, daß ich jeden Monat acht Kronen bekommen würde, und ich konnte die Zeit kaum erwarten, wo mein Lohn fällig sein würde. Als ich von zu Hause fortging, hatte ich nur ein Paar Schuhe gehabt und diese waren fast ganz zerrissen. Das erste, was ich mir daher kaufen wollte, war ein Paar Schuhe und dann ein kleines Büchlein, in das ich meine Gedichte einschreiben konnte; denn obwohl ich genug zu tun hatte, hinderte mich das doch nie, an meine Gedichte zu denken und Reime zu schlingen. Doch einsam war ich nach wie vor.

Ich hätte wohl Bekanntschaften schließen können, aber daran lag mir nichts. Eine Köchin nebenan sprach öfter zu mir und erzählte mir auch einmal, daß sie jeden zweiten Sonntag mit ihrem Schatz, einem Korporal, ausgehe, wobei sie mich fragte, wie oft ich denn Ausgang hätte. Ich sagte ihr, ich ginge überhaupt nicht aus. Daraufhin zog sie ihre dünnen Augenbrauen hoch und maß mich mit kritischen Blicken.

»Da hört sich aber doch alles auf, dann erlaubt Ihnen wohl die Gnädige Ihren Schatz ins Zimmer, heh?«

»Sie sind unverschämt, ich habe gar keinen Schatz.«

Nach diesen Worten verzog sich ihr Mund zu einem höhnischen Grinsen. »Ist es also schon so weit, daß Sie die Männer satt haben? -- Es hat Sie wohl schon einer in die Tinte gebracht?«

Ohne ein Wort zu erwidern drehte ich ihr den Rücken, und seitdem vermied ich sie, wo und wie ich nur konnte.

Nach und nach haßte ich alle Leute, mit denen ich in Berührung kam: den Bäcker, der das Brot brachte, weil er immer ein rohes Wort wußte, das mir die Lider niederschlug und die Wangen färbte, den Milchmann aus demselben Grunde und die Familie selbst, weil ich sah, daß der Mann ein Lügner war. Zu meiner großen Enttäuschung hatte ich meine acht Kronen noch immer nicht erhalten und schrieb daher meine Gedichte, die sich in jener Zeit noch reichlicher als früher einfanden, auf Düten, in denen sich Dinge wie Reis und Mehl befunden hatten und die ich immer sorgfältig aufhob.

Einmal kam ich von einem Spaziergange mit den Kindern nach Hause. Nachdem ich den Kleinen in das Bett gelegt hatte, ging ich rasch in die Küche, um die Milch zu wärmen. Als ich die Küche betrat, sah ich die Frau Direktor an der Schublade stehen, in der sich meine wenigen Sachen befanden. Die Schublade war offen, und die Dame hielt eine jener Düten in den Händen, die ich so gut kannte. Innerlich war ich erschrocken und empört, doch der Respekt, den ich vor der indiskreten Person wenigstens äußerlich hatte, drängte den zornigen Ausruf in mir zurück.

Mit einem Gesicht, dem man Verblüffung und Belustigung ansah, drehte sie sich nach mir um und hielt die Düte hoch.

»Davon haben Sie ja nie etwas gesagt,« sprach sie, anscheinend nicht im geringsten gestört, daß ich sie beim Durchsuchen meiner Sachen überrascht hatte.

»Oh, bitte,« sagte ich und langte nach dem Gedicht, »Das wäre ja nicht der Rede wert gewesen.« Sie lächelte noch immer ein stilles, belustigtes Lächeln.

»Lassen Sie doch, ich zeige das meinem Manne.«

»Um Gottes willen,« rief ich erschrocken.

»Warum nicht? Die Gedichte gefallen mir alle sehr gut.«

Aller Zorn, alle Empörung von meiner Seite waren fort. Ich wäre am liebsten vor ihr niedergekniet und hätte den Saum ihres Kleides geküßt -- so glücklich machten mich diese Worte. Von diesem Tage an sah ich in ihr einen Engel.

Der Umstand, daß sie mir meine acht Kronen noch immer nicht bezahlt hatte, betrübte mich zwar, doch maß ich die Schuld dem Manne bei, der sie hätte mit Geld versehen sollen, denn wie ich genau wußte, hatte sie nie Geld.

Sie hatte dem Direktor auch einige meiner Gedichte gezeigt. Er hatte darüber gelacht und seiner Frau gesagt, sie solle mir doch den Kopf nicht verdrehen, weil ich wirklich ein ganz brauchbares Mädchen sei. Es gäbe wahrhaftig mehr gute Dichter als gute Dienstboten.

Der Direktor hatte fast jede Woche nach Wien zu fahren. Eines Tages, als er wieder fort war und die Kinder schon in den Betten lagen, kam seine Frau heraus in die Küche, wo ich beschäftigt war, die Teller und Schüsseln abzuwaschen. »Anna,« sagte sie, »ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.« Mein Herz hüpfte hoch, weil ich dachte, sie würde mir endlich meinen Lohn bezahlen. Sie setzte sich auf einen der Küchensessel und beobachtete mich eine Weile schweigend, während ich in meiner Arbeit fortfuhr.

»Sagen Sie,« begann sie endlich, »warum sind Sie denn nicht aufrichtig zu mir?«

Ich blickte sie bestürzt an. Mein Gewissen war aber rein und so sagte ich ruhig: »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«

Sie klopfte mit den Füßen ungeduldig auf den Boden. »Tun Sie doch nicht so, Sie haben mir einmal gesagt, Sie hätten keinen Liebsten, aber diese Gedichte ...« und zu meiner unendlichen Beschämung hielt sie eine Papierdüte hoch, die ich erst gestern beschrieben hatte und die ich nie und um nichts in der Welt jemand gezeigt hätte. »Dieses Gedicht, sagt das nicht ...? Wo ist er denn? und was ist er denn? Haben Sie sein Bild?«

Ich nahm meine Hände aus dem heißen Abwaschwasser und hielt sie vor mein Gesicht. Ihr Lachen brachte mich zur Besinnung.

»Seien Sie doch nicht so dumm,« fuhr sie fort, »ich bin doch eine verheiratete Frau, und mir dürfen Sie es schon sagen. Also heraus damit.« Sie blickte mich halb zärtlich, halb befehlend an, und ich ließ die Hände sinken; es fiel mir dabei auf, wie rot und häßlich sie aussahen, und eine neue Scham überfiel mich.

»Es ist wahr,« sagte ich endlich.

»Daß Sie also doch jemand haben?«

»Nein, ich meine, daß ich niemand habe.«

»Aber das Gedicht?« rief sie und sah ungemein belustigt auf die Düte, die nach Kaffee roch.

»Ich weiß nicht, wer das ist ... ich weiß auch nicht, wo er ist, ...« und mit einer plötzlichen Kühnheit: »ich weiß nur, daß er ist.«

»Aber wo und wann haben Sie ihn denn gesehen?«

»Ich habe ihn nie gesehen ... nur,« schloß ich zögernd, »in meinen Gedanken.«

»Oh,« sagte sie, stand auf und gähnte. Sie schickte sich an, die Küche zu verlassen, doch auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um und rief mir zu: »Solange Sie ihn nur in Gedanken kennen, wird er Ihnen nichts schaden.«

Kaum war sie draußen, so stürzte ich mich auf meinen Schrank, riß alle Düten heraus und verbrannte sie im Küchenherd. Ich wartete, bis das letzte Zucken der jähen Flamme vorüber war, dann lehnte ich mich an die graue Küchenwand und weinte bitterlich.

Oh, jene Tränen in jener grauen Küche! Oh, jene Träume in jener grauen Küche! -- Keine Minute verließ mich jene unsagbare, unbegreifliche Sehnsucht nach ihm.

Wann würde er denn kommen? -- Wann? -- Wann? -- Wann würde er kommen, um mich fortzunehmen, wie die Prinzen in den Märchen kamen, um eine Gänsehirtin oder eine Spinnerin zu freien? -- Irgendwo und irgendwann mußten wir uns doch treffen, und oft frug ich das Schicksal klagend: »Ist der Weg noch lang?«

Manches Mal überkamen mich auch Zweifel. Meine Augen glitten dann gewöhnlich über meine Hände, die mir so dick und rot erschienen. -- Wie -- wenn er mich aber nicht lieben würde? -- Doch schon im nächsten Augenblick flog mir die eine oder die andere Zeile meiner Gedichte durch den Kopf, und während mir vielleicht noch die Tränen in den Augen standen, lächelte ich ein stilles, glückliches Lächeln. Was hatten die Hände -- diese Hände mit mir zu tun? -- Der Mann, von dem ich träumte, war kein Mann, der ein Mädchen liebte, weil es schön war. -- Nein, er war ein Mann, der mich lieben würde -- der weißen Gedanken wegen, der reinen Sehnsucht wegen und um denjenigen Teil meines Herzens wegen, der beständig dichtete und träumte.

Einmal hatten wir Waschtag, und ich stand in der Waschküche, die voll Dampf war, als die Türe aufging und meine Mutter hereintrat. »Mutter!« rief ich erstaunt, »warum hast du mir denn nicht geschrieben, daß du kommen würdest?«

»Wir haben so lange von dir keinen Brief bekommen, und als gestern wieder nichts kam, da wurde mir bange, weshalb ich heute herübergegangen bin.«

»Bist du denn gegangen?« Erst jetzt bemerkte ich, daß ihre derben schwarzen Schuhe ganz bestaubt waren und sie selbst recht müde aussah.

»Ja, ich bin gegangen;« und nach einer kleinen Pause fügte sie zögernd hinzu:

»Es geht mit dem Geschäft viel schlechter, und wir müssen unsere Kreuzer zusammenhalten, wenn wir nicht noch mehr herunterkommen wollen.«

Ich fühlte einen stechenden Schmerz in mir und hielt die Tränen nur mit größter Mühe zurück.

»Wenn ich nur Geld hätte, ich würde es euch so gerne geben.«

Meine Mutter schüttelte hastig den Kopf.

»Sei nicht dumm, du brauchst ja deine paar Gulden selbst, -- hast du dir schon etwas erspart?«

Ich errötete bei dieser Frage.

»Nein,« sagte ich langsam.

»Laß sehen, du bist doch jetzt schon ein Jahr hier.« Meine Mutter rechnete an den Fingern, »und jeden Monat 8 Kronen,« -- sie rechnete wieder -- »das macht eine schöne Summe -- ich glaube, du bist leichtsinnig, Anna.« Sie sah mich bei den letzten Worten mit einem sanften Vorwurf in den Augen an.

»Ich bin nicht leichtsinnig.« Dann ließ ich mich neben ihr nieder und erzählte, daß ich meinen vollen Lohn nie bekommen hätte, sondern immer nur eine Kleinigkeit, gerade genug, um ein Loch in meinem Schuh übernähen zu lassen oder irgendein wichtiges Kleidungsstück kaufen zu können. Ich schämte mich sehr, das alles zu sagen, da es ja nur mein Eigensinn gewesen war, der mich hierhergebracht hatte.

Meine Mutter saß ganz still, und erst nach einer langen Pause sagte sie: »Ich bin froh, daß ich gekommen bin. Ich wollte einmal selbst sehen, ob es dir hier wirklich gut geht. Es hat sich nämlich eine recht schöne Stelle für dich gefunden; es sind drei Kinder, auf die du acht zu geben hättest, und es ist ein sehr großes Haus, wo du eine Menge lernen könntest.«

Mir fiel der blödsinnige Junge ein, dem es noch immer so oft gelang, mich anzuspucken, sowie die hämischen Reden des älteren Buben und noch vieles andere, das mir widerwärtig war. »Ich glaube, ich möchte die Stelle sehr gerne annehmen,« sagte ich.

Meine Mutter erhob sich von dem Wäschekorb, auf dem sie sich beim Eintritt niedergelassen hatte, und schickte sich zum Gehen an. »Ich habe damals mit dem Herrn Direktor vierzehntägige Kündigung verabredet; wenn ich jetzt mit der Frau Direktor spreche, so bist du in zwei Wochen frei; ich habe mich wegen der anderen Stelle schon über alles erkundigt, die Frau ist sehr lieb und wartet gerne noch drei Wochen, so daß du noch eine Woche zu Hause sein kannst, ehe du die Stelle antrittst. -- Ist dir das so recht?« Ich nickte schweigend und verabschiedete mich von ihr.

Als ich später in die Küche kam, war meine Mutter schon fort, und die Frau Direktor saß beim Herdfeuer, als ob sie auf mich gewartet hätte. »Es tut mir leid, daß Sie fortgehen, -- doch ich habe es ja immer gesagt, daß Sie für all die groben Arbeiten eigentlich zu gut sind. Ich hoffe, die neue Stelle wird Ihnen gefallen.«

Nachdem die vierzehn Tage vorüber waren, packte ich meine Sachen wieder in starkes braunes Papier, und das Paket schien mir kleiner als damals, als ich auszog, mein Glück zu suchen.

Ich war zum Gehen fertig. Die Frau Direktor gab mir zehn Kronen und versprach, alles rückständige Geld nachzusenden. Obwohl ich wußte, daß das nie geschehen würde, bedankte ich mich doch sehr für die zehn Kronen, die mich ein ungeheurer Reichtum dünkten.

Zu Hause angekommen, fand ich alles etwas verändert. Die Wohnung war zwar noch dieselbe, doch vermißte ich sofort einige Möbel. Aber aus einer unbegreiflichen Angst und Feigheit wagte ich nicht nach deren Verbleib zu fragen. Ich sah auch, daß meine Geschwister, wenn auch tadellos reinlich, so doch recht ärmlich gekleidet waren. Auf einem Wandbrett bemerkte ich auch eine Pfeife.

»Wer raucht denn die Pfeife?« frug ich.

»Oh,« sagte meine Mutter nach einem raschen Blick auf den besagten Gegenstand, »Vater sagt, eine Pfeife käme billiger als Zigarren.«

Noch manches bemerkte ich, doch ich fragte nicht mehr. »Du weißt doch,« sagte meine Mutter, »daß Karl von seinem Lehrplatz fort ist?«

»Wie soll ich das wissen? Niemand hat es mir mitgeteilt. Wo ist er denn?«

»Mit Vater. Sie werden ja bald kommen.«

Trotzdem ich mich sehr freute, meinen Bruder, von dem ich, seit er in die Lehre geschickt wurde, nichts mehr gehört hatte, wiederzusehen, so empfand ich es doch schmerzlich, daß er von dort fort war und seine Lehrzeit von neuem anfangen mußte.

Meine Mutter fing an, die kleinen Kinder zu Bett zu bringen und den Tisch für das Abendbrot zu decken. Mein Vater und mein Bruder kamen erst, als es schon dunkel war. Nach der einfachen Begrüßung setzten wir uns zum Essen nieder und ich bemerkte erst jetzt, wie schön mein Bruder während seiner Abwesenheit geworden war. Trotzdem er nur sechzehn Jahre zählte, war er doch viel größer als mein Vater und von so graziösen Bewegungen, daß ich kein Auge von ihm abwenden konnte. Sein Gesicht war ebenfalls sehr schön, die Augen waren blau und groß, und lange Wimpern senkten sich beschattend darüber. Auf seiner Oberlippe zeigte sich ein feiner blonder Schnurrbart, und nur die Unterlippe wölbte sich etwas zu voll für meinen Geschmack.

»Was willst du denn eigentlich jetzt tun?« frug ich einmal während des Essens. »Eigentlich bist du doch zu groß (und zu schön, hätte ich beinahe hinzugefügt), um ein Lehrjunge zu sein.«

»Du hast recht, liebe Schwester,« sagte er in etwas spottendem Tone, »für einen Lehrjungen bin ich schon viel zu groß und, um die Wahrheit zu sagen, viel zu fein.«

»Zu fein,« wiederholte ich und bemerkte nun auch, daß er die Hände eines Prinzen hatte.

»Ja, zu fein,« wiederholte er und betrachtete nachdenklich seine schönen Nägel, »zu groß und zu fein, um Ohrfeigen einzustecken.«

»Hat man dich --?« frug ich und wagte nicht zu vollenden.

»Ja, darum lief ich davon.«

»Du hättest das vielleicht doch nicht tun sollen,« warf meine Mutter schüchtern ein, »was wirst du denn jetzt anfangen?«

Ich erschrak auf das tiefste über den Blick, den er meiner Mutter zuwarf, -- es war ein böser, fast drohender Blick, der seinem Gesicht alle Schönheit raubte; doch als ob er wüßte, welchen Eindruck er soeben auf mich gemacht hatte, lehnte er sich anscheinend gleichgültig in den Holzsessel zurück, und ein selbstzufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen.

»Fange nur nicht an zu jammern,« wandte er sich an meine Mutter, »ich werde euch nicht zur Last fallen -- ich gehe nach Wien,« schloß er, sich zu mir wendend.

»Nach Wien?« frug ich, »was willst du denn dort tun?«

Er lächelte wieder und dieses Mal etwas verächtlich. »Das weiß ich noch nicht, ein Bursche wie ich einer bin, braucht sich darüber nicht zu sorgen, ich habe zwar kein Geld, doch hier (er zeigte auf seine Stirne) habe ich etwas, das ist mehr wert als Geld.« Er fing dann an, seine Zukunft zu schildern. »Es ist ein Unglück,« sagte er, »auf dem Lande geboren zu sein; man denke an die ungeheuren Möglichkeiten, die sich einem in der Stadt bieten: die gut geleiteten Schulen, die Plätze von geschichtlicher Bedeutung, die zahllosen Gewerbe und die feinere Form des Daseins, die jeden umschließt. Auf dem Lande gibt es keine richtige Arbeit. Man steht zwar jeden Morgen auf und tut, was man eben tun kann; doch wo ist jener Wettlauf aller einzelnen Kräfte des Geistes und des Körpers, wie wir ihn in den Städten finden, wo in jedem Beruf der Geniale von dem Genialsten verdrängt wird und daher jeder nach dem Höchsten strebt. Würde ich hier auf dem Lande bleiben, so würde ich sicher mein ganzes Leben lang nichts anderes sein als ein Tagedieb, der das große Kapital, das ihm der Zufall -- meine liebe Schwester,« wandte er sich an mich, »ich bin über die Albernheiten von Gott und Kirche schon lange hinaus -- in die Wiege, oder besser gesagt, in das Hirn gelegt hat, ohne Zinsen und Verwertung herumschleppt. Darum habe ich mir vorgenommen, es mit den Besten und Schnellsten meines Alters aufzunehmen, und es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich in ein paar Jahren nicht so viel Geld hätte, daß ich nicht hundert solcher Buden (er sah sich bei diesen Worten verächtlich im Raume um) aufkaufen könnte.« Ich saß die ganze Zeit mit andächtig gefalteten Händen und wußte nicht, was ich von ihm denken sollte. Ich bewunderte die leichte, fließende Rede und die neuen Gedanken, die ich zum erstenmal hörte; dabei aber warnte mich etwas vor der unbedingten Übergabe meiner bisherigen Ideen.

»Ich wünsche dir viel Glück,« warf ich dazwischen, als er endlich eine Pause entstehen ließ. »Aber was willst du denn eigentlich werden?«

»Ich sehe schon,« erwiderte er, »daß du in keiner Weise besser bist als diese Leute (er wies dabei mit dem Daumen auf meine Eltern), daß du dich in gar keiner Weise über den Flecken erhoben hast, auf dem du geboren wurdest; du denkst wie diese Leute (er zeigte wieder auf meine Eltern), und diese Leute denken, wie ihre Großeltern dachten. Fortschritt ist euch allen so fremd wie China. Wie kannst du fragen,« fuhr er in etwas sanfterem Tone fort, »was ich werden will? Wie kann ich das schon heute sagen? Erstens kenne ich die Verhältnisse in Wien gar nicht und weiß auch nicht, welche meiner Fähigkeiten die hervorragendste ist. Gib mir die Gelegenheit zum Wählen, die Möglichkeit zum Prüfen, und ich sage dir, wozu ich mich am besten eigne.«

Ich schämte mich sehr wegen meiner Unwissenheit und sagte lange kein Wort.

»Wenn du Verstand hättest,« fuhr mein Bruder fort, »was ich leider nach den paar Worten, die ich das Glück hatte (er machte eine ironische Verbeugung), mit dir zu wechseln, nicht vermute, so müßtest du sehen, daß ich ein außergewöhnlicher Mensch bin und meine ganze Natur auf einen Künstler deutet; leider haben diese Leute (er zeigte wieder nach meinen Eltern) für so etwas gar kein Verständnis und werden meine Größe wahrscheinlich nie begreifen. Von dir aber erwarte ich, daß du aus deiner gegenwärtigen Laufbahn (ich bewunderte sein Feingefühl, die Laufbahn nicht zu nennen) bald herauskommst, damit ich mich deiner nicht zu schämen brauche, denn wenn du auch meine Höhe nicht erreichen wirst, so könntest du es doch weiterbringen, als du es bisher gebracht hast.«

Mein Vater war schon seit einiger Zeit vom Tische aufgestanden und ging mit auf dem Rücken gekreuzten Armen im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich manches Mal, als ob ihm etwas in der Kehle stecke, und ich merkte, daß er zornig war. Plötzlich blieb er vor meinem Bruder stehen. »Meinst du nicht,« fragte er, »daß es für dich am besten wäre, wenn du so bald wie möglich unter deinesgleichen verkehren könntest?«

»Gewiß, lieber Vater,« entgegnete mein Bruder mit dem größten Gleichmut, »ich habe beschlossen, schon morgen nach Wien zu fahren, nur muß ich dich bitten, mir die paar nötigen Kronen zur Fahrt zu geben, eine Kleinigkeit, die ich dir schon in einigen Monaten tausendfach zurückbezahlen werde.«

In der Ruhe, mit der sie sich jetzt ansahen, lag etwas furchtbar Bedrückendes. Meine Mutter mußte das auch gefühlt haben, denn sie stand hastig auf und sagte: »Macht doch das morgen aus und geht jetzt schlafen.«

Am nächsten Tage brach das Gewitter los. Mein Bruder wollte eine bestimmte Summe Geldes haben, und mein Vater weigerte sich, ihm die ganze Summe zu geben.

»Willst du, daß ich ohne einen Kreuzer in Wien ankomme?«

»Ich gebe dir so viel ich dir geben kann; ich kann doch nicht deinetwegen die kleinen Kinder verhungern lassen!«

»So willst du lieber, daß ich verhungere?«

»Dazu wird es wohl nicht kommen. Du bist alt genug, um irgend etwas angreifen zu können und dir dein Brot zu verdienen.«

»Alt genug? Sechzehn Jahre nennst du alt genug?«

»Warum nicht? Ich habe mit elf Jahren von zu Hause fort gemußt und habe mir seither mein Brot verdient.«

»Brot verdient?« sagte mein Bruder höhnisch, »Schulden hast du gemacht und uns in einen Ruf gebracht, daß uns kein Hund anschaut.«

Die Zornesader schwoll dick auf meines Vaters Stirne. »Du,« schrie er und stürzte sich auf meinen Bruder, »ist das der Dank dafür, daß ich mich, seit ihr auf der Welt seid, schinde und plage, um euch aufbringen zu können.«

Mein Bruder mußte wohl einen solchen Ausbruch von seiten meines stets ruhigen Vaters nicht erwartet haben; er wurde ganz blaß und suchte sich aus dem Griffe meines Vaters zu befreien. Nachdem ihm das gelungen war, nahm er seinen Hut und ging zur Türe; bevor er sie aber hinter sich schloß, drehte er sich um und sagte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« Der Kamp war ein ziemlich tiefer und breiter Fluß. --

Nachdem er fort war, bot das Zimmer ein Bild des Jammers. Meine Mutter lehnte weinend an der Wand, mein Vater schritt mit pfeifender Brust im Zimmer auf und ab, das kleinste der Kinder war von dem Lärm erwacht und weinte, und ich zitterte vor Aufregung am ganzen Körper. -- Was mich am meisten aufregte, waren meines Bruders letzte Worte: »Morgen werdet ihr mich im Kamp finden.« -- Ich stellte mir vor, wie er sich in die schwarzgrünen Wellen stürzte und langsam untersank. In meiner Verzweiflung weinte ich laut und sagte zu meinem Vater, er habe es zu weit getrieben, worauf dieser, ohne ein Wort zu erwidern, aus dem Zimmer ging.

»Mutter,« sagte ich, die Worte stoßweise hervorbringend, »glaubst du, er hat schon ...?«

»Frage mich nichts,« erwiderte sie, »ich bin die unglücklichste Frauensperson in der Welt.« -- Ich hoffte den ganzen Tag, daß Karl zurückkommen werde, doch er kam nicht; und als er am Abend nicht erschien, da gab ich alle Hoffnung auf, ihn je wiederzusehen.

Den nächsten Tag litt es mich nicht mehr im Zimmer, und ich verließ das Haus. Ohne daß ich es eigentlich wollte, schlug ich den Weg zum Kamp ein und blieb jedesmal erschrocken stehen, wenn mir ein größerer Trupp Leute begegnete, weil ich dachte, man hätte ihn schon gefunden. Es waren aber meist junge Burschen, die aus ihren Weingärten kamen.

Als ich über den Kirchplatz ging, der eine Menge wehmütiger Erinnerungen in mir hervorrief, so daß ich mich noch unglücklicher fühlte als zuvor, sah ich plötzlich meinen Bruder aus einer Nebengasse herauskommen. Mit einem entzückten Aufschrei lief ich auf ihn zu. »Karl,« rief ich, »wo bist du die Nacht über gewesen?« -- Er schien über die Frage nicht sehr erbaut zu sein.