Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben

Part 2

Chapter 23,914 wordsPublic domain

Wir waren seit einigen Wochen in der neuen Gegend, als ich anfing, zu merken, daß etwas in unserem Hause nicht richtig war. Ich sah, daß mein Vater sehr nachdenklich, ja sogar traurig aussah, und meine Mutter sehr oft weinte. Dann verließ uns mein Vater und kam erst nach vielen Wochen wieder. Er sah von Tag zu Tag schlechter aus, und meine Mutter hörte zu weinen nicht mehr auf.

Eines Tages war ich unten in dem kleinen Gemüsegarten und wollte mich auf einen alten Sessel setzen, der dort stand. Es saß jedoch schon ein anderes Mädchen in meinem Alter darauf, das einem unserer Mietsleute angehörte, und das sonst immer recht höflich zu mir gewesen war. Als ich aber jetzt auf sie mit der untrüglichen Bewegung zukam, mich setzen zu wollen, stand sie nicht auf, wie ich erwartet hatte, sondern kreuzte die Arme über ihrem Kopf und blinzelte mich schläfrig an.

»Steh auf!« forderte ich trotzig.

»Warum soll ich denn aufstehen?«

»Weil ich mich setzen will.«

»Setz' dich doch auf den Boden.«

Diese Antwort machte mich wütend. »Steh auf!« schrie ich jetzt und stampfte mit den Füßen, »der Stuhl gehört uns.« Darauf lachte sie, und nach einer Weile sagte sie noch immer lachend: »Euch gehört gar nichts, es ist euch doch alles gepfändet worden. Ihr habt nichts als Schulden.« Dann sprang sie auf, gab dem Stuhl einen Stoß, daß er zurückflog und rannte davon.

Ich stand wie betäubt und konnte die Worte erst gar nicht begreifen; dann aber erinnerte ich mich an meiner Mutter vieles Weinen, an das traurige Gesicht meines Vaters, und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Scheu und leise wie ein Verbrecher ging ich in das Wohnzimmer zurück und setzte mich ganz still in einen Sessel. Meine Mutter saß am Tisch mit dem jüngsten Kinde im Arme und sah mich erstaunt an. Ich war sonst immer sehr laut und warf gewöhnlich einen Stuhl dreimal um, bevor ich mich setzte.

»Hast du dich mit jemand gezankt?« frug sie sofort.

»Nein. Aber ich möchte wissen, ob es wahr ist, was die Leute sagen.«

Meine Mutter zuckte leicht zusammen. »Was für Dummheiten! Was sagen die Leute?«

»Daß wir nichts haben als Schulden.« Meine Mutter stand auf und legte das Kind auf das Bett, dann zog sie die Tischdecke gerade und blickte dabei ins Leere.

»Wer hat denn das gesagt?« frug sie, wie von ungefähr. Ich sagte es ihr, worauf sie tief seufzte -- sonst war es still im Zimmer.

»Würde es dir Freude machen,« sagte sie nach einer Weile, »wenn wir wieder nach Langenau zurückgingen?« Ich war starr vor Staunen und jähem Entzücken. Hilda, Leopoldine, der alte Kirchplatz und hundert andere Dinge fielen mir plötzlich ein und weckten eine maßlose Sehnsucht in mir.

»Wirklich?« rief ich, »oh Mutter, ich würde mich so freuen.«

In der folgenden Woche wurden unsere Möbel abermals aus den Zimmern getragen und wieder zur Bahn gebracht. Wir waren alle sehr aufgeregt, und mein Vater sah ungemein blaß aus. Spät am Abend kamen wir in Langenau an und fuhren zur neuen Wohnung. Das ganze Dorf schlief. Niemand sah uns kommen. -- Wir waren ein Jahr fort gewesen.

Die Wohnung, die wir jetzt innehatten, gefiel mir nicht; sie lag ziemlich tief, und an den Wänden lief das Wasser herab, wodurch sich viele dunkelbraune Streifen bildeten. Ich hörte meine Mutter sagen, daß die Wohnung recht feucht und ungesund sei, und daß sie nie gedacht hätte, daß man so herabkommen könne. Darauf entgegnete mein Vater, daß sie sich nur gedulden möchte, er würde schon trachten, etwas Besseres zu finden, sobald nur das Geschäft etwas zu gehen anfinge. Über letzteren Gegenstand sprachen sie noch lange, und ich hörte, daß es sich um ein neues Geschäft handle und daß man wahrscheinlich einige Zeit brauchen werde, um Kunden zu bekommen.

Ich fand die Wohnung hauptsächlich so scheußlich, weil sie eine gute Strecke von dem Hause meiner früheren Freundinnen entfernt war. Dazu befand sich, wie ich den nächsten Morgen herausfand, gar kein netter Hof oder sonst ein Platz zum Spielen und Laufen in der Nähe. Es wohnten in dem Hause noch drei andere Parteien, und meine Mutter ermahnte uns, immer recht still zu sein, da sich sonst die andern Leute beim Hausherrn über uns beklagen würden.

Ich wollte gleich nach dem Frühstück zum Kirchplatze laufen, um zu sehen, ob sich etwas verändert hatte, und wenn möglich Hilda oder Leopoldine zu sprechen. Eben als ich zur Türe hinaus wollte, rief mich meine Mutter zurück.

»Wohin willst du?«

»Fort.«

»Das geht nicht.« In der Stimme meiner Mutter lag etwas wie Pein. »Du siehst, daß ich kein Mädchen habe und daß es hier aussieht wie Kraut und Rüben. Wenn du spazieren gehen willst, so mußt du die zwei Kleinen mitnehmen.«

»Das tue ich nicht,« erklärte ich, wobei mir die Tränen in die Augen traten. »Die sind viel zu klein und können unsere Spiele nicht spielen.«

»Mein liebes Kind, da müßt ihr eben etwas spielen, wo sie mittun können.«

Erst wollte ich davon nichts wissen und beschloß, zu Hause zu bleiben. Als es jedoch elf Uhr schlug, stellte ich mir vor, wie meine Freundinnen wohl jetzt aus der Schule kämen, und konnte nicht widerstehen. Ich nahm die beiden Kleinen, ich glaube, recht unsanft, und verließ die Wohnung. Meine Schwester war ungefähr zwei Jahre alt und konnte schon laufen, mein jüngerer Bruder jedoch war noch ganz klein und mußte getragen werden. Meine Schwester hängte sich an meinem Rocke fest, und so schritten wir langsam dahin -- viel zu langsam für meine Ungeduld. Einige Vorübergehende, alles Leute, die sich zur Arbeit in ihre Weingärten begaben, sahen mich mit seltsamen Blicken an, sprachen dann zueinander und zum Schluß lachten sie. Ich fühlte, daß ihr Lachen mir galt, und ich schämte mich, weil ich annahm, sie meinten, die beiden Kinder gehörten mir. Es war natürlich recht dumm von mir, so etwas zu denken, doch ich wußte damals noch nicht, daß man ein Mädchen meines Alters niemals für eine Mutter halten würde. Ich wußte nur, daß es für eine große Schande galt, wenn ein unverheiratetes Mädchen Kinder hatte. -- Mein ganzer Zorn kehrte sich nun gegen die unschuldigen Kleinen, und ich hätte sie am liebsten geschlagen.

Endlich näherten wir uns dem Schulhause. Zu meiner großen Beruhigung fand ich, daß die Klassen noch nicht aus waren und die Kinder jeden Augenblick herauskommen mußten. Nach einigen Minuten vernahm ich auch den wüsten Lärm, der immer entstand, wenn die Knaben die Schule verließen. Paarweise kamen sie heraus, und ich fühlte mein Herz stärker klopfen. Nun kamen die Mädchen. Erst die ganz kleinen, dann meine Klasse. Zitternd vor Freude gewahrte ich Hilda und Leopoldine zu gleicher Zeit heraustreten und gemächlich daherkommen. Mein Augenblick war da. Ich trat aus der Ecke, hinter der ich mich verborgen hatte, hervor und rief laut ihre Namen. Sie drehten sich sofort um, und meine kleine Schwester nachziehend, lief ich ihnen entgegen.

»Anna!« riefen sie beide. Dann aber schwiegen sie und sahen mich an. Ich fühlte sofort, daß etwas nicht ganz richtig sei, und das Blut stieg mir langsam in die Wangen. Um meine Verlegenheit zu verbergen, zwang ich mich zur Ruhe und sagte scheinbar gleichgültig:

»Wohin sollen wir gehen?«

»Wir dürfen nicht mit dir reden,« erwiderte endlich Leopoldine, »dein Vater ist eingesperrt.«

»War,« verbesserte Hilda leise.

Sie waren beide fort, als ich überhaupt begriff, was sie meinten. Ein kleiner Junge, den ich früher oft in der Gesellschaft meines Bruders gesehen hatte, kam vorbei, sagte ein grobes Schimpfwort und streckte mir die Zunge heraus. Doch was kümmerte mich jetzt der Junge? -- Was kümmerte mich jetzt die ganze Welt? -- Ich stand wie jemand, der betrunken ist, und wäre noch lange so gestanden, wenn nicht mein kleiner Bruder zu weinen angefangen hätte. Das brachte mir, neben einer maßlosen Scham, einen heftigen Schmerz in meinem Arm zum Bewußtsein, und ich fühlte, daß der Kleine mir recht schwer wurde. -- Es war auch schon Mittagszeit, und ich wußte, daß meine Mutter auf mich warten würde. Ich rief nach meiner Schwester, die sich die ganze Zeit damit unterhalten hatte, Steinchen vom Boden aufzuheben. Alle belebteren Plätze vermeidend, lief ich mit den Kindern nach Hause.

Meine Mutter stand vor dem Tore und blickte die Straße suchend auf und ab; als sie mich erspähte, kam sie mir entgegen und nahm den Knaben von meinem Arm.

»Wo bist du denn gewesen? Du siehst ja ganz erhitzt aus.«

»Ich bin furchtbar hungrig.« Dann huschte ich ins Haus, und meine Mutter folgte langsam mit den Kindern. Bald nachher setzten wir uns zu Tische. Meine Mutter war eifrig beschäftigt, das Essen für die Kleinen vorzubereiten, und ich half ihr dabei, indem ich ihr einen Löffel, eine Gabel oder sonst etwas reichte.

»Hast du Bekannte gesehen?« frug sie einmal nach einer längeren Pause.

»Nein,« erwiderte ich, ohne zu zögern, und würgte einen großen Bissen ungekaut hinunter; ich fühlte, wie mir das Blut wieder ins Gesicht stieg, nicht weil ich gelogen hatte (ich log sehr oft), sondern weil mir die Worte, die ich gehört hatte, derart in den Ohren summten, daß ich sie hätte herausschlagen mögen.

»Du bist schon ein großes Mädchen,« fing meine Mutter wieder an, »und könntest mir sehr viel zu Hause helfen, wenn du nicht in die Schule zu gehen hättest.« -- Mich überfiel plötzlich eine unsinnige Angst. Bis jetzt hatte ich gar nicht daran gedacht, daß ich wieder zur Schule zu gehen hätte. »Mutter,« sagte ich und hob die Hände flehend, empor, »bitte, schicke mich nicht mehr in die Schule.«

»Du wirst täglich fauler, du solltest dich schämen.«

»Ich schäme mich auch,« antwortete ich mit einer lauten, unverschämten Stimme. Meine Mutter stand plötzlich auf, und ich glaubte, daß sie mich der frechen Antwort wegen schlagen würde; aber sie schlug mich nicht. Sie bog sich über eines der Kinder, und mit abgewandtem Gesicht befahl sie mir, den Tisch abzuräumen.

Während unseres Aufenthaltes in Hohenburg hatte ich sehr wenig gelernt. Als meine Mutter mich den nächsten Tag zum Oberlehrer brachte, um mich einschreiben zu lassen, fand er das schnell heraus und erklärte, daß ich in die vierte Klasse nicht aufgenommen werden könnte, sondern in die dritte zurück müsse. -- Meine Mutter hat nie begreifen können, warum ich bei dieser Nachricht so glücklich dreinsah. -- Nun war ich wenigstens nicht mit den »beiden« zusammen. -- Der Gedanke an sie war mir unerträglich. -- Ich nahm mir vor, mich ihnen in keiner Weise zu nähern und alles zu vermeiden, was mich mit ihnen in Berührung bringen konnte. -- Trafen wir uns aber in den Zwischenstunden, die wir im Sommer gewöhnlich im Garten zu verbringen pflegten, sah ich schnell nach einer andern Richtung; die beiden waren fast immer zusammen, doch manchesmal begegnete ich auch Hilda allein. Sie ging immer mit zu Boden geschlagenen Augen an mir vorüber, aber ich fühlte innerlich, daß sie mich noch immer lieb hatte und nur nichts sprach, weil es ihr verboten war. -- In solchen Augenblicken hatte ich sie lieber als je und nahm mir sogar vor, auf sie zuzugehen, um nur einmal noch mit ihr zu sprechen. -- Doch so oft ich dies verwirklichen wollte, versagten mir die Füße, ich stand wie angewurzelt und konnte nichts anderes als ihr nachblicken, wie sie langsam, oft recht langsam, an mir vorüberging.

Eines Tages hörte ich von einer Schülerin, daß Hilda nach Krems in das Lehrerinnenheim geschickt worden war. Ich fühlte mich danach elend und einsam, wie selten sich ein Kind gefühlt hat. Obwohl sie nie mit mir wieder gesprochen, lebte ihr Bild in meinen Gedanken, und von irgendeiner Ecke aus sie heimlich beobachten zu können, war mir ein süßes, wehmütiges Glück gewesen. -- Ich knirschte mit den Zähnen, wenn ich daran dachte, daß es Hilda sei, die fortgehen mußte, und nicht Leopoldine. -- So oft die letztere mich erblickte, erschien auf ihrem Gesicht jenes hämische Lächeln, das sie damals gelächelt hatte, als sie mir die fürchterlichen Worte zurief. Ich fing an, sie zu hassen, und betete jeden Abend zu Gott, daß er ihre Mutter (sie hatte keinen Vater mehr) auch einsperren lassen möge.

Aber ihre Mutter wurde nicht eingesperrt. Als mich mein Weg einmal an ihrem Hause vorbeiführte, bemerkte ich viele Handwerker, die eifrig daran arbeiteten; und als ich mich darauf nach einigen Tagen des Abends hinschlich, um zu sehen, was man denn tue, stand das ganze Haus noch prächtiger und schöner da, als es früher gewesen war. -- Leopoldine trug jetzt immer sehr hübsche Kleider, und ihre Blicke wurden noch boshafter als zuvor.

Ich hatte keine hübschen Kleider und meine Eltern hatten kein hübsches Haus. Das Geschäft ging immer schlechter, und mein Vater wurde so wortkarg, daß er zu uns Kindern oft wochenlang nicht sprach. Es war auch wieder ein kleiner Bruder angekommen, und meine Mutter arbeitete unaufhörlich. Ich half ihr, indem ich auf meine kleinen Geschwister achtgab und das allerkleinste herumtrug, doch tat ich das nicht gern und fühlte mich heimlich recht unglücklich.

Mein Bruder wurde aufs Gymnasium nach Krems geschickt, da meine Mutter es unbedingt wünschte. Mein Vater wandte zwar ein, er könne das Kost- und Studiergeld nicht erschwingen, worauf meine Mutter stets erwiderte, daß es eine Sünde sei, Karl nicht studieren zu lassen, da er der klügste Bursche sei, den man sich denken könne. Darauf schwieg mein Vater gewöhnlich; doch weiß ich, daß er meinen Bruder viel lieber in irgendeine Lehre gegeben hätte.

Karl kam nun jeden Samstag nach Hause und fuhr am Montag wieder fort. Bei diesen Besuchen behandelte er uns immer in sonderbarer, hochmütiger Weise. Einmal sagte er, daß die Leute am Lande alle Trotteln seien. Dennoch begleitete ich ihn gewöhnlich zur Bahn, und wenn der Zug aus der Halle dampfte, war mir immer zum Weinen.

Schon seit längerer Zeit fühlte ich mich unglücklicher als je, ohne dafür eine besondere Erklärung geben zu können. Manches Mal kamen mir in solchen Stunden allerlei Geschichten, und ich nahm dann oft einen Bleistift zur Hand und schrieb sie nieder. Es entstanden so größere und kleinere Gedichte, die ich aber nie jemand zeigte. Ich hob sie auch nie auf, sondern zerriß den Zettel sofort wieder. Mein sehnsüchtigster Wunsch war, auch in das Lehrerinnenheim geschickt zu werden, und ich fragte mich, ob Hilda dann wohl mit mir sprechen würde oder nicht. Selbstverständlich war dieser stille Wunsch unerfüllbar.

Die Zeit kam endlich heran, wo ich aus der Schule entlassen wurde. Ich begrüßte dieses Ereignis mit großer Freude und war überglücklich bei dem Gedanken, daß ich jetzt Leopoldine nie mehr zu begegnen brauchte.

Ich hatte nun etwas mehr Zeit, doch half ich darum meiner Mutter nicht mehr als früher. Ich fand überhaupt keine Freude am Hause und wünschte von ganzem Herzen, fortgehen zu können. So oft ich aber davon sprach, erklärte meine Mutter, daß sie mich noch einige Zeit zu Hause brauche und daß ich auch noch viel zu jung sei, um in die Welt zu gehen. Ich aber war recht ungeduldig und wurde von Tag zu Tag unzufriedener. Meiner Mutter und meinen größeren Geschwistern gegenüber verschloß ich mich immer mehr und mehr und führte, trotz der manches Mal recht lauten Gesellschaft um mich, ein sehr einsames Leben. Die einzige wirkliche Freude bereiteten mir meine Gedichte. Sie kamen immer wieder, und ich hielt sie heimlich wie zuvor.

Unter diesen Verhältnissen wurde ich fünfzehn Jahre alt, und in die unzufriedenen Gedanken und unruhigen Wünsche begannen sich jene Träume einzuflechten, die sich in die Gedanken und Wünsche eines fünfzehnjährigen Mädchens einzuflechten pflegen. Ich wußte, daß alle die Mädchen, die mit mir zu gleicher Zeit die Schule verlassen hatten, schon mit jungen Männern verkehrten, die sie gerne hatten, und ich sann nun öfters, welchen von den Burschen ich wohl lieben könnte. Ich machte aber sehr bald die Entdeckung, daß mir kein einziger gefiel, da ich fand, daß sie alle mehr oder weniger roh und anzüglich waren. Sie flößten mir nur Abscheu und Verachtung ein. Es stand also bei mir fest, daß der Held meiner Träume in Langenau nicht sei.

Die Burschen ihrerseits haßten mich. So oft sie mich ansprachen, gab ich nur knappe Antworten, und wenn der eine oder der andere versuchte, mich in den Arm zu kneifen oder mir die Wange zu streicheln, so trat ich immer rasch zurück, und mein Mund fand oft ein schnelles, zorniges Wort. Gewöhnlich sagten sie dann, daß ich nur nicht so tun solle, wenn sich ein ehrlicher Bursche mit mir einlassen wolle, da meine Eltern doch nichts hätten als Schulden. Ich war an solche Reden schon lange gewöhnt, es wurde auch in meiner Familie ohne Hehl davon gesprochen, und ich wußte, daß wer immer das sagte, recht hatte.

Da mein Vater das Schulgeld nicht mehr zahlen konnte, hatte mein Bruder auch schon aus Krems fortgemußt und war einem Kaufmann in die Lehre gegeben worden.

Ich empfand diese unglücklichen Verhältnisse mehr, als ich je sagen kann. Mein einziger Wunsch war, Langenau zu verlassen und irgendwo hinzukommen, wo man mich nicht kannte und niemand mir etwas vorwerfen würde. Aber meine Mutter wollte davon nichts wissen. So oft ich darüber sprach, vertröstete sie mich auf eine spätere Zeit, und ich gab nach -- weil ich eben nichts anderes tun konnte.

Es gehörte zu meinen täglichen Beschäftigungen, Holz klein zu machen; der Holzschuppen befand sich unten im Hause, und an den Schuppen stieß der Weinkeller des Hausherrn. Oft kamen reiche fremde Herren aus Wien oder aus der Umgebung, um Wein zu kaufen, und der eine oder der andere stieg mit unserem Hausherrn in den Weinkeller, worin sie einige Zeit probend verbrachten.

Eines Nachmittags hackte ich wieder Holz und sann dabei über eine Geschichte; es war immer das schönste bei dieser Beschäftigung, daß ich so ganz allein im Schuppen war und meine Gedanken sich ungestört abrollen konnten. Ich stand mit dem Rücken gegen die Türe und hackte und dachte fleißig darauflos, als plötzlich ein Schatten über die hölzernen Wände des Schuppens fiel. Mich umwendend, gewahrte ich einen jener Herren, die den Weinkeller zu besuchen pflegten. Er lächelte und fing ein Gespräch an: ob mich diese Arbeit freue und so fort. Ich schämte mich anfangs, daß er mich überhaupt beobachtet hatte, doch seine freimütige Art und Weise verscheuchte bald mein Unbehagen. Noch während er sprach und lächelte, kam er ganz in den Schuppen. Trotz seiner Freundlichkeit befiel mich aber auf einmal eine rasende Angst, und ich erhob die Holzhacke wie zum Schutz. »Gehen Sie hinaus!« rief ich dabei. Er lächelte noch freundlicher und entblößte ganz weiße, regelmäßige Zähne. »Wie scheu Sie sind, Kleine -- alles was ich haben will, ist ein Kuß.« Da preßte ich mich gegen die Holzwand, biß die Lippen aufeinander und hob die Hacke höher. -- Er mußte in meinem Gesicht etwas von meiner Entschlossenheit gelesen haben, denn er fing plötzlich an zu pfeifen und ging rückwärts aus dem Schuppen. -- Hätte er mich angerührt, ich hätte ihn erschlagen. --

Öfters kam auch in unser Dorf ein junger Mensch, der schuldpflichtige Beträge für eine Lebensversicherung einkassierte. Meine Eltern waren in keiner Weise versichert, aber die Partei nebenan empfing jeden Monat seinen Besuch. Eines Tages erschien statt des Burschen ein sehr elegant gekleideter Herr und erzählte der Partei nebenan, daß er der Direktor der Versicherungsgesellschaft sei und persönlich einen Einblick in all die Versicherungsverhältnisse nehmen möchte, da man dem Kassierer Veruntreuungen nachgewiesen habe. Nachdem er sich von der Familie verabschiedet hatte, klopfte er bei uns an und trat mit einem recht höflichen Gruße ein.

Er sah ungemein fein aus, meine Mutter wischte mit ihrer Schürze über einen Stuhl und forderte ihn zum Sitzen auf. Es war im Sommer und ziemlich heiß; der Herr Direktor schien müde zu sein und bat um ein Glas Wasser. Nachdem meine Mutter eines ihrer besten Gläser mit dem reinen, kühlen Brunnenwasser gefüllt hatte, trank er es mit einem Zuge leer, streckte dann seine Beine weit von sich und sah sich forschend in dem zwar ärmlichen, aber reinlichen Zimmer um. Meine Mutter, die recht einfach und bescheiden ist, fühlte sich durch sein offenbares Wohlbehagen sehr geehrt und machte schüchterne Versuche zu einer Unterhaltung.

»Liebe Frau,« sagte der Direktor plötzlich, »könnten Sie mir wohl ein junges Mädchen empfehlen, das meiner Frau mit den Hausarbeiten an die Hand gehen könnte?« --

Ich saß am Fenster mit einem Strickstrumpf in den Händen und ließ diesen langsam sinken.

»Was ich brauche,« fuhr der vornehme Mann fort, »ist ein nettes, bescheidenes Mädchen, das auf kleine Kinder achtgeben könnte und sich in Zimmer und Küche nützlich machen möchte.«

Meine Mutter wollte eben sagen, daß sie gerade jetzt niemand wüßte, aber sich erkundigen könnte, wenn der Herr es wollte -- oder so etwas war es wohl --, als ich aufstand, mich vor den Herrn hinstellte und sagte: »Ich glaube, ich könnte das tun.« Kaum war dies heraus, so erschrak ich über meinen Mut und dachte, daß ich etwas sehr Dummes und Freches getan hätte. Doch der Direktor schien dieser Ansicht nicht zu sein, denn er lächelte sehr freundlich und nickte mit dem Kopfe. »Das wäre ja herrlich!« -- und nach einer kurzen Pause, während ich beharrlich den Blick meiner Mutter vermied, frug er: »Wann könnten Sie wohl kommen?«

Er wandte sich bei diesen Worten nach meiner Mutter um. Ich hatte erwartet, daß diese heftig widersprechen, vielleicht sogar in Tränen ausbrechen würde, und war daher sehr erstaunt, als ich sie sagen hörte: »Wenn Sie denken, daß sie Ihnen nützlich sein wird, so könnte sie schon nächste Woche kommen.« Mit größter Mühe unterdrückte ich einen Jubelschrei und zwang mich zur Ruhe.

Der Direktor sagte dann noch, daß er in Krems wohne und ich auch öfters nach Hause kommen könnte. Es wurden nun noch der Tag meines Stellenantrittes, sowie einige andere Dinge verabredet, worauf der Herr Direktor sich außerordentlich höflich von meiner Mutter und mir empfahl.

Nachdem er fort war, blickte ich meine Mutter unsicher an; sie sah aber ganz ruhig aus. »Da du doch unbedingt nicht zu Hause bleiben willst,« sagte sie, »so ist es am besten, daß du gehst und selbst siehst, wie es in der Welt zugeht« -- und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Vielleicht machst du dein Glück.«

Den Rest des Tages war ich gegen meine Mutter und Geschwister fast zärtlich. Ich wiegte das Kleinste auf meinem Arm, und den Größeren erzählte ich Geschichten. Am Abend, als die Kinder in ihren Betten lagen, sagte ich meiner Mutter, daß ich recht fleißig sein und trachten würde, etwas zu ersparen. Als mein Vater vom Geschäft kam und von dem Vorgefallenen hörte, bemerkte er nur, er hoffe, daß ich es aushalten könne.

Die Woche verging ungemein schnell. Meine Mutter wusch und bügelte das Wenige, was ich an Wäsche und Kleidern besaß, und ich nähte und stopfte daran. Ich hätte mir sehr gern einen kleinen Koffer gekauft, doch sagte mein Vater, er hätte kein Geld, und so machte ich ein Paket aus starkem braunen Papier und umwand es mit einer dicken Schnur.

Der Direktor hatte versprochen, mich selbst abzuholen, und ich stand am festgesetzten Tage mit meinem Sonntagskleide und einem verblaßten Strohhut, den ich mit einem neuen Bande versehen hatte, im Zimmer und wartete auf ihn. Er traf denn auch mit dem verabredeten Zuge ein. Nachdem meine Mutter etwas Kaffee und Milchbrot aufgetischt hatte, von dem der Direktor unglaubliche Mengen verschlang, machte er sich zum Gehen bereit. Ich hatte weder von dem Kaffee noch von dem Brote etwas angerührt und war sehr bewegt, was ich aber nie eingestanden hätte. Einige Male lief ich in die Küche, als ob ich etwas holen wollte, in Wirklichkeit aber wischte ich mir schnell und heimlich die Tränen aus den Augen. Endlich kam es zum Abschied, eine Szene, die bei so einer schlichten Frau, wie es meine Mutter ist, nur schlicht sein konnte, wenn auch unter dem bunten Waschkleide ihr liebes treues Herz zitterte und zuckte.

»Sei brav,« rief sie mir noch nach, und ich nickte zurück -- dieses Mal mit Tränen in den Augen.