Stromaufwärts: Aus einem Frauenleben
Part 1
Stromaufwärts
Aus einem Frauenleben
von
Angela Langer
1913
S. Fischer, Verlag, Berlin
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.
Herrn
_Otto Brandes_
in dankbarer Freundschaft gewidmet.
Vom Volke nahm ich's, Dem Volke geb' ich's ..
_Angela Langer_
Meine Eltern hatten einen kleinen Laden und eine ganz kleine Wohnung dabei. In dem Laden lagen viele Sachen, wie Kerzen, Seifen, Bürsten und noch anderes, das mir ungeheure Achtung einflößte. Wenn Weihnachten herannahte, erhielt mein Vater jedesmal eine gewaltige Kiste, deren Auspacken mein größtes Glück war. Oft verschob mein Vater diesen feierlichen Akt, und in meiner Ungeduld mahnte ich ihn manchesmal daran. Wenn er dann endlich eines Morgens erklärte, er würde heute die Kiste öffnen, stand ich schon lange, bevor er sich wirklich daranmachte, mit einem Hammer und einer Zange in den Händen um ihn herum und konnte meine Ungeduld kaum zügeln.
Mit größter Spannung beobachtete ich dann, wie mein Vater das Stemmeisen zwischen die Kiste und den Deckel preßte, um die Nägel zu lockern, wobei er den Deckel oft sprengte. Unter diesem lag gewöhnlich eine dichte Schicht fein geschnittener Papierschnitzel und darunter wieder waren die kleinen Kästen, die allerhand Figuren aus Zucker oder Schokolade enthielten. Beim Auspacken fand sich dann oft etwas Zerbrochenes vor, wie ein Reiter, dem der Helm abgeschlagen worden war, ein Fähnrich, der seine Fahne verloren hatte, oder eine andere Gestalt, der Arm oder Bein fehlte. Von diesen zerbrochenen Stücken gab mir mein Vater oft das eine oder das andere, aber ich bezähmte meine Sehnsucht, die Sachen sogleich zu verzehren. Ich suchte mir einen kleinen Zweig oder sonst etwas, das wohl mit sehr viel Einbildung einen Christbaum vorstellen konnte, hängte den zerbrochenen Engel oder den verunglückten Reiter daran, um dann mit vielem Bedacht ein Stück nach dem andern herunter zu essen. Mein Bruder half mir in allen diesen Dingen, besonders im Essen.
Ich erinnere mich eines Weihnachtsabends. Ich zählte ungefähr fünf Jahre, mein Bruder vier, als ich eine ganz kleine hölzerne Puppe bekam, die mich ungemein erfreute. Sie hatte kein Haar und konnte sich auch nicht viel bewegen, doch das merkte ich damals kaum. Ich saß auf dem weißgescheuerten Fußboden und spielte glückselig mit ihr. Mein Bruder hatte ein kleines Messer mit einer Klinge, wie man sie in unserer Gegend zum Weintraubenschneiden benutzt, erhalten und war sehr stolz darauf.
Den nächsten Morgen saßen wir beide in unseren Hemdchen auf dem großen Tische, der mitten im Zimmer stand, und meine Mutter war daran, uns zu waschen. Sie hatte irgend etwas aus der Küche zu holen, und während sie draußen war, sagte mein Bruder, daß meine Puppe nicht schön sei, worauf ich erwiderte, daß sein Messer nicht schneide. Daraufhin frug er mich, ob er es an meinem Beine probieren solle. Ich erlaubte es sofort, worauf er das Messer unter meinem Knie ansetzte. Im nächsten Augenblick zeigte sich ein roter Streifen, und das Blut floß über das weiße Tuch, auf dem wir saßen. Ich glaube, mein Bruder war etwas erschrocken, doch nicht genug, um nicht triumphierend über meine vorherige Behauptung, das Messer schneide nicht, zu lachen. Sobald ich aber das Blut bemerkte, fing ich sehr zu weinen an, worauf meine Mutter hereinkam und erschreckt mein Bein in der Waschschüssel wusch. Nachdem das Blut gestillt war und ich mich beruhigt hatte, nahm sie meinen Bruder vom Tische herab und prügelte ihn mit einer Rute, die das Christkind am Vorabend gebracht hatte.
Eines Tages wurden alle unsere Möbel aus der Küche und dem Zimmer geschafft und auf einen Wagen geladen. Als alles fort war, nahm meine Mutter mich und meinen Bruder bei der Hand und ging mit uns in ein anderes Haus, wo wir gleich beim Eintritt unsere alten Möbel erkannten. Es war schon ziemlich spät, meine Mutter gab uns unser Abendbrot und legte uns schlafen.
Am nächsten Morgen waren wir beide, mein Bruder und ich, sehr beschäftigt. Wir liefen in den Hof hinaus und fanden zu unserem größten Entzücken, daß mitten durch diesen ein Bach floß, über dem ein ganz schmales, zur anderen Seite führendes Holzbrett lag. Mein Bruder machte zuerst den Vorschlag, hinüberzugehen. Ich fürchtete mich zwar, doch wünschte ich mich auch hinüber, und so hielt ich mich an seinem kurzen Röckchen fest, als wir sehr langsam, aber auch sehr entschieden den schmalen Steg überschritten. Auf der anderen Seite war es sehr schön. Der Boden war zwar auch mit Steinen gepflastert, doch standen in einer Ecke einige Blumen, die mir wunderbar vorkamen. Sie hatten lange Stiele mit vielen Blättern, länglichen glockenartigen Blüten, deren Farbe mich an gestoßenen Zimt erinnerte, wie ich ihn oft in dem Laden meines Vaters gesehen hatte. Das wunderbarste aber war, und das fand ich erst später aus, daß die Blüten sich gegen Abend schlossen und am Morgen wieder öffneten.
Es waren Feuerlilien.
Diese Ecke mit den Blumen spielte von nun an in meinem Dasein eine große Rolle. Während mein Bruder sich mit dem Fangen von Fliegen beschäftigte oder ein kleines Papierschiffchen im Bache so lange schwimmen ließ, bis es entweder davonschwamm oder zerriß, saß ich mitten unter den Lilien und konnte mich nicht satt daran sehen.
Sie gehörten aber nicht uns, sondern einer anderen Partei, die in demselben Hause wohnte, und nur diesem Umstande hatte ich es zu verdanken, daß mein Bruder sie nicht ausriß. Ich selbst hätte sie wohl kaum gepflückt, denn die Freude, sie am Abend geschlossen und am Morgen wieder offen zu sehen, war zu groß.
Einmal als wir beide wie gewöhnlich im Hofe spielten, erschien plötzlich unser Vater und rief uns zu sich. Wir waren erstaunt, ihn zu sehen, da er das Geschäft meist nur des Abends verließ, und wir dann schon gewöhnlich im Bett lagen.
Er sagte, daß wir eine kleine Schwester bekommen hätten. Die Freude hierüber war groß. Wir liefen sofort ins Haus; doch das kleine Wesen, das meine Mutter so behutsam anfaßte, flößte uns keinerlei Respekt ein, und besonders mein Bruder machte sich nichts daraus. Es war viel zu klein, um uns irgendwie bei unseren Spielen nützen zu können; sicher wäre es unmöglich gewesen, es über die Brücke zu bringen. Der Vorfall hatte also für uns nichts zu sagen, und es blieb alles beim Alten. Mein Bruder und ich waren nach wie vor unzertrennlich und ich glaube einander unentbehrlich.
Die Zeit kam allmählich heran, wo ich zur Schule zu gehen hatte. Ich freute mich sehr mit der Schultasche wie mit dem einen geheimnisvollen Buche, mit der Schiefertafel und dem Schieferstift, der zur Hälfte mit einem schönen roten Papier umwunden war. Meine Mutter nahm mich am festgesetzten Tage selbst zur Schule, und zum ersten Male in meinem Leben ging ich irgendwo hin, wo mein Bruder nicht mitgeben konnte und durfte. Ich war ungemein stolz darauf. Das große Schulhaus erweckte in mir ein Gefühl scheuer Ehrerbietung. Meine Mutter brachte mich bis zur Tür meiner Klasse und kehrte dann nach Hause zurück, nicht ohne mir vorher eingeschärft zu haben, ja recht brav zu sein.
Ich fand in der Schulstube viele Mädchen meines Alters vor und war ganz starr vor Staunen. Mein Platz war in einer der ersten Bänke. Neben mir saß ein Mädchen, die Tochter eines der Lehrer.
Sie hieß Hilda, und ich fand sie sehr schön. Die Tatsache, ein so vornehmes Mädchen wie die Tochter eines wirklichen Lehrers zur Nachbarin zu haben, machte mich ganz stumm, und ich wagte kaum aufzusehen. Diese Schüchternheit verlor sich aber sehr bald. Hilda sprach mich zuerst an, und beim Nachhauseweg erzählte sie mir, daß sie auch eine Lehrerin werden würde. Neben diesem Mädchen saß die Tochter eines Bäckers, die Leopoldine hieß und später ebenfalls meine Freundin wurde.
Mein Leben wurde nun ein ganz anderes. In der Schule verabredeten wir gewöhnlich, wo und wann wir uns am Nachmittag treffen würden, und jeder Tag wurde für mich ein Ereignis. Manchesmal kamen meine neuen Freundinnen auch zu mir, dann spielten wir im Hofe, und ich zeigte ihnen mit großem Stolze meine Lilien, die sie aber, glaube ich, wenig oder gar nicht interessierten. Dagegen fanden sie viel Vergnügen daran, in dem kleinen Bache herumzufischen oder auf die Mauer zu klettern, die den Hof begrenzte. Gewöhnlich war es Leopoldine, die mich besuchte -- Hilda kam nur selten, und, wie ich ganz genau wußte und auch vollkommen würdigte, erlaubten ihr ihre Eltern keine Bekanntschaft. Ich sah sie darum fast nur in der Schule, doch war sie mir die liebste unter meinen Freundinnen.
Noch öfter als zu Hause trafen wir uns aber auf dem Kirchenplatz. Er war mit einem Geländer umgeben und daher ein idealer Ort für alle unsere wilden Spiele. Die Stunden, die wir um den alten Kirchturm verbrachten, waren die schönsten meines Lebens. Mit heißen Wangen und zerzausten Haaren tollten wir dort herum, bis die Siebenuhrglocke läutete. Um diese Zeit sollten wir alle zu Hause sein, und nach einigen hastigen Lebewohl stoben wir nach verschiedenen Richtungen auseinander.
Bei diesen Veranstaltungen war auch natürlich mein Bruder dabei. Hier und da gesellte sich ein anderer kleiner Junge zu uns, und dann kam Karl auch in sein Element. Er hatte Jungens entschieden lieber als Mädchen und schalt uns immer: »dumme Dinger«.
Nach und nach lernte ich verschiedene Leute im Ort kennen. Leopoldine nahm mich eines Tages zu Bekannten, die fast am Ende des Dorfes, gerade unterhalb des Kirchhofes wohnten. Der Mann war Färber und ich fand ihn unendlich interessant. Er hatte einen langen, ganz schwarzen Bart und ganz schwarze Hände, letzteres eine Folge seines Berufes. Die Frau war dick und rund und hatte ein sehr rotes Gesicht. Im Zimmer befand sich ein Glasschrank, der seltsame Figuren aus Porzellan enthielt. Ich meinte, die Sachen wären das schönste, was ich je gesehen hätte.
Am meisten gefiel mir eine vielleicht spannlange Statue der Mutter Gottes. Sie war ganz weiß und nur um den Schleier wand sich ein lichtblauer Streifen. Gewöhnlich gab bei diesen Besuchen die Frau des Färbers uns Brot, einen Apfel oder sonst eine Kleinigkeit. Sie sprach fast immer nur mit meiner Freundin, wenig mit mir. Daraus machte ich mir aber gar nichts. Ich war so glücklich, vor dem Glasschrank sitzen zu dürfen und die Statue der Mutter Gottes anschauen zu können.
Eines Abends geschah etwas Wunderbares. Die Frau sprach wie immer mit Leopoldine, die sich nach Kinderart auf ihrem Stuhl hin und her schaukelte, und ich starrte auf meine Madonna. Sie erschien mir schöner als je. Ich fragte mich eben heimlich, ob ich wohl ebenso schön sein würde, wenn ich gerade so ein Kleid und gerade so einen Schleier mit dem lichtblauen Saum anhätte, als die Frau auf den Schrank zutrat, die Madonna herausnahm und sich damit vor mich hinstellte. Ich zitterte vor Vergnügen. So genau hatte ich sie noch nie gesehen, hatte doch die Glastüre meinen verlangenden Blicken immerhin etwas von dem unmittelbaren Beschauen geraubt. Die Frau hielt nun die Madonna in ihren großen roten Händen, und die heilige Jungfrau schien mir noch weißer als zuvor.
»Weißt du denn etwas von der Mutter Gottes?« frug mich unsere Wirtin. Ich fing an, mich furchtbar zu schämen, da ich dachte, sie müßte gemerkt haben, wie sehr ich die Figur bewunderte und sie mir wünschte. Ich nickte bejahend und sagte, »sie sei die Mutter Jesus.« Und dann geschah das Unfaßbare. »Da,« sagte sie und drückte mir die Statue in die Hände, »Du kannst sie behalten.« -- Wie ich damals nach Hause kam, weiß ich nicht mehr, nur eines weiß ich noch, nämlich, daß es acht Uhr war und mich mein Vater mit einer jener verwünschten Weihnachtsruten prügelte, weil ich viel zu spät war.
* * * * *
Ein zweites Schwesterchen hatte sich eingefunden, und ich glaube, die Wohnung wurde zu klein, denn eines Tages kam ein Wagen vor unsere Tür. Zwei Männer trugen alle Sachen hinaus und fuhren sie fort.
Die neue Wohnung war sehr schön, sie erschien mir wenigstens damals so. Wir hatten vier Zimmer und eine große Küche. Meine Mutter nahm sich jetzt auch ein Dienstmädchen und mein Vater einen Gehilfen ins Geschäft. Dieses ging nun besser als früher, und meine Eltern fingen an, im Dorfe als wohlhabende Leute zu gelten.
Das Haus, in dem wir jetzt wohnten, lag nur einige Schritte von der Wohnung meiner liebsten Freundin entfernt, ein Umstand, der mich sehr glücklich machte. Einmal kam sie auch zu mir herüber, und ich zeigte ihr die Zimmer und die neuen Möbel, die meine Mutter angeschafft hatte, um die Räume ausfüllen zu können. Eines der Zimmer nannte meine Mutter den »Salon«.
Auf dieses Zimmer war ich ganz besonders stolz; es stand freilich nur ein Tisch und ein Blumenkorb darin und an den Wänden hingen ein paar Bilder. So oft ich in das Zimmer trat, befiel mich eine ehrfurchtsvolle Scheu, die sich auch einstellte, als ich meine Hilda hineinführte. Ich dachte, daß sie nun dasselbe empfinden müsse wie ich und war daher auch gar nicht erstaunt, daß sie sofort wieder hinausging; glaubte ich doch, daß sie die Pracht des Zimmers überwältigt hätte.
Das Haus hatte einen sehr großen Hof, in dem einige alte breitästige Kastanienbäume wuchsen. Er war daher im Sommer ein ungemein schöner schattiger Aufenthalt, dessen Vorzüge wir Kinder in vollen Zügen genossen.
In einer Ecke des Hofes stand ein Wagen, der auf uns immer eine sehr große Anziehungskraft ausübte. Einmal spielten wir Hochzeit. Der Bruder meiner Freundin Leopoldine war der Bräutigam, und ich war die Braut. Ich trug einen Kranz aus Butterblumen und ein Handtuch war mein Schleier. Wir setzten uns in den Wagen und taten, als ob wir zur Kirche fuhren. Von meinem Bräutigam unterstützt, stieg ich dann aus, und eines der Kinder sprach den Segen über uns. Wir machten alles genau, wie wir es in der Dorfkirche gesehen hatten, und jedes von uns zwei sagte recht ernst und feierlich: »Ja«.
Einmal zankte ich mich mit Hilda über irgendeine Sache und wir wurden beide »böse«. Ich mußte etwas gesagt haben, das sie ärgerte, und anscheinend wollte sie mich nun auch ärgern. Es war schon gegen Abend, und wir standen beide vor unserem Hause. Hilda lehnte an der Mauer des gegenüberliegenden Hauses und blickte trotzig auf mich. Ihr Mund war verächtlich gekräuselt, ihr ganzes Wesen war Spott und Herausforderung. Einen Augenblick maßen wir uns beide wie erbitterte Gegner. -- Plötzlich zermalmten mich ihre Worte: »Euer Salon ist gar nicht schön.« -- Ich war tief unglücklich, und mit einer brennenden Röte auf den Wangen lief ich ins Haus. Meine Mutter rief eben nach mir, da es anfing spät zu werden, und ich stürzte auf sie zu. »Mutter,« rief ich mit erstickter Stimme, »Hilda sagte eben, unser Salon sei nicht schön.« Meine Mutter lächelte und während sie mich über die Stiege hinauf ins Zimmer nahm, sprach sie: »Das macht ja nichts.« -- Nach Kinderart hatte ich den Vorfall bald wieder vergessen. So oft ich aber später in jenes bewußte Zimmer kam, wunderte ich mich über seine Leere und konnte nicht begreifen, wie ich den »Salon« je hatte schön finden können. Meine Mutter hatte zwar eine grüne Decke über den Tisch gekauft, doch die Ehrfurcht, die ich sonst empfunden hatte, kam nie wieder. --
In die Schule ging ich schon lange nicht mehr gern, und ich glaube, ich lernte auch nichts; meine Aufgaben machte ich nur, weil ich die Strafe fürchtete; Ehrgeiz besaß ich keinen. Geographie und Geschichte konnte ich nicht leiden, und das Rechnen haßte ich. Vom Singen hatte mich mein Lehrer ausgeschlossen, weil er behauptete, daß ich falsch sänge. Das einzige, das ich gern tat, war, Sätze zu bilden. Diesen Gegenstand hatten wir aber nur einmal in der Woche, wobei der Lehrer Worte auf die Tafel schrieb, mit denen wir einfache oder zusammengesetzte Sätze zu bilden hatten. Es gab für mich kein einziges Wort, mit dem ich nicht Sätze von beliebiger Anzahl und beliebiger Art zustande gebracht hätte; meine Mitschülerinnen dagegen waren in dieser Stunde immer recht stumm. Während des Unterrichts war ich meist sehr unaufmerksam und versuchte beständig mit den anderen Schülerinnen zu schwätzen. -- Oft genug wurde ich bestraft.
Wir hatten auch Religionsstunde und zwar jeden Freitag. Ein ganz junger Geistlicher, den wir Katechet nannten, kam in die Schule und las uns aus dem Katechismus vor. Ich weiß nicht mehr, ob ich in dieser Stunde besser war; wohl aber daran erinnere ich mich, daß mir oft recht seltsam zumute wurde, wenn die hohe Gestalt im langen schwarzen Talar zur Türe hereintrat und sich mit ruhiger Würde setzte. Meiner Ansicht nach war er ein schöner Mann. Er hatte blaue Augen und dichtes braunes Haar. Sein Mund war immer fest geschlossen, und der junge Geistliche machte auf mich einen stolzen, herben Eindruck.
Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, sehe ich das Schulzimmer lebhaft vor mir. Keines der Kinder war wohl mehr als zehn Jahre alt, und während wir ganz still saßen, klang eine Frage nach der andern durch den Raum: »Wer hat die Welt erschaffen?« worauf eine feine junge Stimme antwortete: »Gott hat die Welt erschaffen.«
»Was heißt erschaffen?« Wieder eine andere Stimme: »Erschaffen heißt, aus nichts etwas hervorbringen.« --
»Müssen alle Menschen sterben?« ... »Alle Menschen müssen sterben.« --
Diese letzteren Worte beschäftigten noch lange meine Gedanken und wollten mir nicht aus dem Kopfe. Oft erwachte ich des Nachts, und ich hörte die Frage: »Müssen alle Menschen sterben?« -- worauf es antwortete: »Alle Menschen müssen sterben.« -- -- -- In solchen Augenblicken war mir immer unsäglich bange. Ich setzte mich in meinem Bette auf, horchte auf die Atemzüge meiner Geschwister und wunderte mich, wer wohl von uns zuerst sterben müsse. -- Oft packte mich eine rasende Angst, wenn ich daran dachte, daß auch meine Mutter und mein Vater sterben müßten. Ich konnte dann nie mehr einschlafen, und überlegte, was geschehen würde, wenn ein solcher Fall einträte, wobei ich oft solche Qualen litt, daß ich laut aufschrie. Gewöhnlich kam dann eines meiner Eltern an mein Bett, und da sie annahmen, daß ich irgend etwas Aufregendes geträumt hatte, suchten sie mich auf ihre Art zu beruhigen. --
Der Sommer brachte immer ein herrliches Ereignis. Sobald nämlich unsere Schulferien anfingen, nahm uns meine Mutter zu Verwandten, die in einem sehr entlegenen Dörfchen lebten. Die sechsstündige Reise dahin unternahmen wir mit dem Postwagen. Eigentlich konnte man den Ort nicht einmal ein Dörfchen nennen, da dort nur das Haus unserer Verwandten, eine Mühle, stand. Ringsum lagen die herrlichen Wälder des unteren Wiener Waldviertels, stellenweise von hellen, grünen Wiesen unterbrochen, auf denen so hohes Gras wuchs, daß es über unsere Köpfe ging. Dicht neben dem Hause floß ein klarer, schmaler Bach, der zuweilen so schmal war, daß wir hinüberspringen konnten, und dann wieder so breit, daß wir ihn durchwaten mußten, um an das andere Ufer zu gelangen. Unmittelbar vor dem Hause befand sich ein ziemlich großer Küchen- und Obstgarten, ein Ort, der für uns immer ein neues Entzücken barg. Einmal war es ein Apfelbaum, der eine seiner Früchte wie neckend uns zu Füßen warf, einmal eine Staude, deren Beeren endlich -- endlich erröteten, -- dann wieder eine Blume die sich über Nacht erschlossen hatte. Am äußersten Ende des Gartens stand ein Bienenstock. Obwohl wir uns vor den Bienen fürchteten, näherten wir uns doch vorsichtig und wagten uns sogar öfters bis zu der Rückseite der Körbe vor, um durch das Glasfenster das emsige Treiben dieser lieben, fleißigen Geschöpfchen zu beobachten. --
Später, als der Kinder immer mehr wurden und das Geschäft meines Vaters schlechter ging, hörten diese Besuche auf, weil meine Eltern den Fahrpreis für den Postwagen nicht mehr erschwingen konnten. Die Erinnerung an diesen stillen herrlichen Flecken Erde, aus ungetrübter Jugendzeit, hat für mich immer etwas Wehmütiges, und ich trage stets eine heimliche Sehnsucht danach mit mir herum.
Meine Mutter nahm mich und meinen Bruder jeden Sonntag zur Kirche. Der hohe dunkle Raum, der immer so stark nach Weihrauch roch, machte mich jedesmal scheu und still. Meine Mutter saß in einer der Bänke, mein Bruder und ich aber hatten mit den Schulkindern zu stehen. Wir waren ganz vorne beim Hochaltar, und der Priester mit den Ministranten mußte jedesmal an uns vorbei. Es war derselbe Geistliche, der uns in der Schule Religionsunterricht erteilte, und er gefiel mir in dem weißen Spitzentalar noch besser als sonst. Da ich mir in der Messe die Stellen, wo niedergekniet werden mußte, nie merken konnte, so richtete ich mich nach den andern. Doch, ob wir knieten oder standen, immer hielt ich meine Augen auf den Priester gerichtet und verfolgte jede seiner Bewegungen. Mit einem Gefühl scheuer Ehrerbietung blickte ich auf ihn; sah, wie er den Wein mischte und trank, wie er das Weihrauchfaß feierlich schwang, wie er mit gefalteten Händen aus dem Heiligen Buche betete und es zum Schlusse andächtig küßte. --
Mein Bruder ging nun natürlich auch schon in die Schule und trieb sich meist mit seinen Schulkameraden umher. Wir waren nicht mehr so viel zusammen wie früher, doch noch immer genug, um zanken zu können. Er wurde überhaupt von Tag zu Tag unartiger, und meine arme Mutter konnte ihn nicht mehr zügeln. Oft wenn mein Vater abends nach Hause kam und ich schon im Bett lag, konnte ich hören, wie meine Mutter weinte und ihm klagte, wie sie es mit dem Buben nicht mehr aushalten könnte. Mein Vater wurde dann gewöhnlich ärgerlich und erklärte, daß er doch neben seinem Geschäfte nicht auch noch die Erziehung der Kinder übernehmen könne, und so blieb alles beim alten.
Als ich zwölf Jahre alt war, trat eine große Veränderung in unseren Verhältnissen ein. Mein Vater verkaufte sein Geschäft und kaufte ein Haus mit einem Geschäft in einem anderen Markte. Wieder einmal wurden alle unsere Möbel aus der Wohnung getragen, doch dieses Mal wurden sie zur Bahn gebracht. Seltsamerweise erfuhren wir nichts von der ganzen großen Veränderung bis zur letzten Stunde, so daß ich keiner einzigen meiner Freundinnen Lebewohl gesagt hatte und am Vorabend vom Kirchenplatz weglief wie jeden andern Tag.
Es war schon dunkel, als wir in Hohenburg ankamen. Ein Wagen brachte uns von der Bahn nach Hause. Mein Vater war schon dort und zeigte uns alle Zimmer im Erdgeschosse. Er hatte auch noch einen Stock aufsetzen lassen, doch durften wir nicht mehr hinauf. Meine Mutter brachte uns dann zu Bett und sagte, wir sollten, was uns träumen würde, nicht vergessen, da das, was man an einem fremden Orte, wo man zum ersten Male schliefe, träumt, wahr werde. -- Ich paßte scharf auf, als meine Mutter das sagte, und am Morgen wunderte ich mich sehr über meinen Traum.
»Mutter,« sagte ich, »mir hat geträumt, daß wir wieder nach Langenau zurückgefahren sind.« -- Darauf lächelte meine Mutter und sagte, sie glaube nicht, daß so etwas eintreten könne. --
Die ersten Tage und Wochen vergingen sehr schnell und waren sehr aufregend. Meine anderen Geschwister sowie ich schlossen rasch neue Freundschaften, und ich glaube nicht, daß ich mich damals besonders nach den alten Freundinnen sehnte. --
Die Leute, die noch in dem Hause wohnten, nannten meine Mutter »Hausfrau«, und ich vermute, sie hatte das gern. -- Wir hatten auch ein neues Dienstmädchen, die in meinen Augen eine sehr wichtige Person war; sie erzählte mir oft Geschichten von Männern, und erwähnte, daß sie bald heiraten würde. So oft sie von der kommenden Heirat sprach, schaute sie recht froh darein. Ich dachte bei mir, heiraten müsse etwas sehr Schönes sein und wollte auch heiraten. Als ich dem Mädchen das gestand, erwiderte sie, ich sei noch zu jung.
»Wie alt muß man denn sein, um heiraten zu können?« Auf diese Frage erfolgte die prompte Antwort: »Das ist nicht gleich; einige Mädchen heiraten früh und einige später.« Ich beschloß, daß ich früh heiraten würde.