Strix: Die Geschichte eines Uhus
Chapter 11
Die eine von den Eichen -- die älteste -- ist überall geborsten und gerissen, und es sind große Stücke aus ihrem Stamm gefallen. Man hat Liebhaberaufnahmen, wo ein Reiter zu Pferd in der Eiche hält! Um sie zu bewahren, ist ihre Rinde in Eisenringe eingeschlossen und es sind starke Stützen unter ihre Äste gestellt. So geborsten und zerrissen ist sie, daß die Leute gar nicht mehr glauben wollen, daß es _ein_ Baum mit _einem_ Stamm gewesen ist. Nein, den Ärger muß sie nun erdulden, daß kluge Köpfe unter den Forsteleven behaupten, es sei ursprünglich ein ganzes Bündel von Eichen gewesen, deren Stämme dann allmählich zusammengewachsen seien.
Die andere Eiche, die am weitesten draußen im Moore steht, umgeben von dem Geflecht des Geisblatts und dem dichten Wald der Adlerfarnen, hat noch ihre ganze äußere Rinde bewahrt. So mächtig ist ihr Stamm, daß zehn Personen erforderlich sind, um ihn zu umspannen und ihre dicken, knorrigen Wurzeln greifen so weit um sich, daß ein vierspänniger Wagen im Kreise um sie herumfahren könnte. Es ist ein Anblick aus der Vergangenheit!
Wer sich allmählich durch das Gestrüpp hindurchgearbeitet hat, und nun plötzlich der Eiche von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, stutzt ganz benommen: das ist doch endlich einmal ein Baum, den ein paar moderne Holzhauer nicht in einem Tage zu bewältigen vermögen!
Nur ganz oben, wo ein Ast abgeweht ist, hat das Alter eingesetzt. Hier ist die Rinde abgefallen, und ein großes Loch klafft aus der nackten Holzschale heraus.
Durch dies Loch fliegt Strix eines Abends hinein und läßt sich auf den Boden des hohlen Stammes fallen. Hier sitzt sie den Winter hindurch -- sitzt warm und dunkel zwischen Spinnengeweben und Wurmlöchern, ohne andre Gesellschaft als ein paar Frostschmetterlinge und eine große Hummel im Winterschlaf.
Als der Frühling kommt, fliegt eine ungenierte Kohlmeisenfamilie in den Baum hinein und läßt sich häuslich nieder in dem faulen Holz über ihr. Das Nest, das ganz unten in einem langen und engen Loch ist, birgt fast eine ganze Stiege Eier!
Und dann, eines Morgens, als Strix von der nächtlichen Jagd heimkehrt, sieht sie auf dem Grunde der hohlen Eiche zwischen ihren großen Gewöllklößen die letzten traurigen Überreste des Meisenweibchens liegen. Der kleine Vogel hat offenbar ein tragisches Ende genommen.
Aber noch am Abend desselben Tages stellt sich der Meisenvater mit einem neuen Weibchen ein, das ganz ruhig das Eierlegen in dem Nest der ersten Frau fortsetzt. Längst hat der arme Mann die Stiege voll, aber das Ende ist noch nicht abzusehen, das kann die alte, welterfahrene Eule hören.
Dies schreckliche Rumoren ist Strix ein wenig unbehaglich, und als das Meisenpaar erst Junge bekommt, ganze einundzwanzig, da wird das Geschrei und Gepiepse fast unerträglich. Mehrmals versucht Strix, all das schreiende Leben mit den Fängen herauszuziehen -- es ist ja doch Nahrung und sie ist gleich zur Hand. Aber ihre Fänge sind nicht mehr kräftig und nicht mehr geschmeidig genug, namentlich wollen die großen Horndolche sich nicht mehr in Winkel biegen lassen.
So gewöhnt sie sich denn an den Spektakel ... etwas Gemütliches hat dies Lärmen trotz alledem! Es bringt Abwechslung, es bringt Leben -- und sie entbehrt es sehr, als die Meisenkinder eines schönen Tages erwachsen sind und sich auf und davon machen.
Strix altert jetzt. Und wie bei allen Raubvögeln meldet sich das Alter ungestüm und plötzlich.
Ihre starken geschmeidigen Flügel fangen an, steif zu werden, ihre Fänge sind abgenutzt und sie greift fehl. Auch ihr Sehvermögen ist nicht mehr wie in alten Zeiten, wo sie in der Dämmerung des Zwielichts die Motte am Stamm erkennen konnte.
So ist ihr kürzlich ein wahrer Skandal passiert -- sie hält einen großen Auswuchs an einem Stamm für einen Vogel!
Der Auswuchs ist ein Wespennest, aber im Blendwerk des Mondlichts und zwischen dem Maskenspiel der Blätter wird es zu einem Birkhahn.
Es ist lange, sehr lange her, seit die alte Strix Birkhahn gekostet hat, und es hungert sie förmlich danach, wieder einmal einen ordentlichen Bissen zu bekommen. Sie entsinnt sich ihres früher so glücklichen Verfahrens, setzt volle Fahrt auf und -- schlägt mit allen ihren acht Fängen in eine wunderlich schwammige Zundermasse. Sie hat sich geirrt, das merkt sie, denn dies Wesen ist ja kein Wesen ihrer Natur; es schreit nicht, es summt -- und die Daunen, die sie losreißt, sind lebendig und stechen.
Für einen Wespenbussard würde diese Begebenheit ein wahrer Götterbissen gewesen sein; der Vogel würde die Waben geschätzt haben, er hätte es verstanden, jede Hornisse aus ihrer Federbekleidung herauszuschälen. Strix dahingegen wird nur gequält und zerstochen, obwohl sie nicht zaudert, die Flucht zu ergreifen.
Mehrere Tage lang ist sie hiernach in ihrem hohlen Baum sitzen geblieben und hat über ihr Schicksal gejammert; sie begreift nicht, warum das Glück sie so plötzlich im Stich läßt ...
Bisher war ja alles, was mit dem Beschaffen der Nahrung zusammenhing, so selbstverständlich für Strix gegangen! Sie hatte immer fangen können und selbst aus ungleichem Kampf immer den Sieg davongetragen. Sie hatte sich aus schwierigen Lagen erretten, hatte Schutz und Versteck finden können, kurz, das Leben war trotz allen Streites und aller Widerwärtigkeiten leicht für sie gewesen.
Sie wird ganz melancholisch!
Und während der Sommer fortschreitet und die Ernte herannaht, macht das Alter mehr und mehr sein Recht geltend.
Die ehemals so selbstverständlichen kleinen Glückszufälle werden zu ebenso selbstverständlichen kleinen Unglücksfällen; sie fliegt immer häufiger in der Dunkelheit irre; bekommt Schläge von den Zweigen ins Auge und stößt die Flügel und den Kopf gegen Äste und Baumstümpfe. Eines Abends auf der Jagd verwickelt sie sich -- bei den wütenden Anstrengungen, ein Moorschwein zu fangen -- in ein niedriges Eisengespinst, das die großen zweibeinigen Spinnen um eine Anpflanzung gezogen haben. Um ein Haar hätte sie ihr Leben dabei eingebüßt.
Die Arbeit der Nacht wird schwer für sie; sie geht ihr nicht mehr wie ein Spiel von der Hand, sondern verursacht ihr große Anstrengungen und tausende von Qualen.
Das alles altert sie; sie büßt mehr und mehr von dem ein, was wir Menschen Lebenskraft nennen: Mut und gute Laune.
-- -- --
Es wird wieder Winter -- und Strix hat sehr zu leiden. Namentlich peinigen ihre Erbfeinde -- die Krähen und Elstern -- sie schrecklich.
Eines Tages wird sie von einer ganzen Schar Elstern entdeckt; es sind ihrer zwölf -- zwei ganze Familien -- Hauskrähen, mit langen Schwänzen und mit Weiß an den Flügeln, ihre Federn glänzen wie Metall; sie sind eingebildet und sagen, daß sie, wenn sie fliegen, sehr wohl mit Fasanenhähnen verwechselt werden können. Sie foppen die Alte, ziehen sie auf. Sie sitzt da, verzweifelt vor Wut, und schneidet Gesichter.
Aber was soll sie tun? Mit ihrem Sehvermögen ist es schlecht bestellt, namentlich am hellen Tage, und sie kann nicht mehr, wie in ihren jungen Tagen, herausfahren und eine mit jedem Fang fassen und sie mit sich in den hohlen Baum schleppen. Sie muß den Hohn leiden und die Qual aushalten. Aber allein das Bewußtsein davon macht sie noch hinfälliger.
Es ist unter den Tieren nicht wie unter den Menschen. Unter den Tieren muß ein jeder für sich selbst sorgen, und nur selten hilft eins dem andern beim Fang, wenn die Fänge abgegriffen und die scharfen Zahnränder oder Schneiden zu Zahnfleisch werden. Daher kommen auch in diesem Winter für Strix Zeiten wo sie Aas fressen und noch dankbar dafür sein muß.
In ihrem langen Leben hat sie reichlich Gelegenheit gehabt, das nächtliche Leben der Raubtiere aus der Nähe zu beobachten und ihr Tun und Lassen zu erspähen.
Sie sieht die Füchse in großem Umfang ihre verschiedenen Speisekammern rings umher im Erdboden versorgen. Die Kerle machen es gerade so wie der Hund, sie vergraben alles, was sie nicht auf einmal fressen können. Rings umher in den Mooren, unter Grasbüscheln und in verlassenen Ameisenhaufen verstecken sie ihren Raub -- und finden ihn mit Sicherheit selbst nach Verlauf langer Zeiten wieder.
So legt sich denn Strix darauf, ihnen ihren Wechsel abzulauern und die Gelegenheit wahrzunehmen, in ungestörter Ruhe sich die Niederlagen zunutze zu machen. Aber das Leichengift des Aases ist keine stärkende Medizin -- sie wird schwach und altert in beständig zunehmendem Grade.
-- -- --
Strix hat jetzt die längste Zeit gelebt.
Sie hat alle Qualen des Lebens erduldet --
Der Nachtfrost und der Lenzschnee löschten den Lebensfunken in ihrem ersten Gelege Eier und sie hat mehr als einmal auf verfaulten Eierschalen gesessen; einige spätausgefallene Junge, die nicht flügge waren, als der Winter kam, sind eingegangen, und wo sind die wenigen glücklichen, die lebten, abgeblieben?
Sie hat sich nie stark vermehrt und die Welt mit dem Abklatsch ihres eigenen Ichs belästigt. Andere Vögel brüteten zweimal im Jahre und setzten jedesmal vier, sechs, acht, ja, zehn Kinder in die Welt; sie war mäßig gewesen und hatte sich stets mit nur zweien begnügt.
-- -- --
Der Winter geht seinen Gang. Er wird hart werden in diesem Jahr, und Strix leidet Not -- schlimmer denn je.
Sie streift nicht mehr umher, macht nicht einmal mehr kleine Ausflüge; sie hat keine Kräfte dazu und fühlt auch nicht das Bedürfnis. Sie bleibt lieber in der Urwaldecke und hungert.
Wenn dann der Novembersturm pfeift und die Schneeflocken um ihr Haus da draußen wirbeln, wenn es so schneidend kalt ist, daß Larve und Wurm im Holz um sie her in Ruhe frieren und nicht den leisesten Laut mehr telegraphieren -- dann schließt sie die Augen und sitzt in sich versunken da, während sie den dänischen Frühling vor sich sieht.
Die Weiden stehen gelb von aufgebrochenen Kätzchen, und Schwärme von lenzdurstigen Bienen fliegen hin und her, während ein warmer und wachstumverheißender Erdbrodem aus dem Boden aufsteigt. Die Schnecken sind draußen, und mitten im Sonnenschein zwischen den grünen Wildkerbelbüschen thront eine große, leckere Kröte. Sie sitzt da und verzehrt Mücken, die sie in einem dichten Schwarm umtanzen. Jedesmal, wenn sie mit Blitzesgeschwindigkeit die Zunge herausgeschnellt und sie wieder hineingezogen hat, zwinkert sie wohlbefriedigt mit den Augen.
Strix will sich über sie stürzen; die Kröte ist ja nun bald derjenige von den »Schnelläufern«, mit dem sie am besten fertig werden kann -- da erwacht sie zu der nüchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem Kopf gegen den hohlen Baumstamm stößt.
Ja, Strix war alt geworden, uralt -- und das war gerade der Segen beim Altwerden, daß man die Fähigkeit erhielt, in sich hineinzusehen und die Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und Aberdutzenden von Malen in einem langen Leben gesehen hatte. Man schwelgte in den Erfahrungen, man sah den Wechsel der Natur zu jeder Zeit im Strahlenglanz der Erinnerung vor sich.
Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwärmen!
Aber _sehnen_ tat sich Strix doch -- sie sehnte sich, sehnte sich -- sie konnte sich nur nicht klar darüber werden, wonach. Es lag wie ein beständiger Druck dadrinnen, wo das, was man Hoffnung und Glauben nennt, Wohnung hat ...
Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberührten, Großzügigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten, traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen und wieder Menschen.
Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene Natur so innig verknüpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen. Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und Eisenbahnen, Anpflanzungen und Kornäcker überall hingebracht, wo früher Wildnis herrschte. Sie hatten die Wälder aus ihrem Naturzustande in beschnittene Gärten verwandelt und all das ursprüngliche Tierleben aus ihnen vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflügten sie um und eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem andern auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die beiden alten Eichen den Untergang all des Freien überstanden; sie spürte es jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, daß sie heimatlos und verfolgt war, und daß sie es ihr ganzes Leben gewesen war.
Deswegen klagte sie so oft, daß es gleichsam wie ein Unwetterschaudern durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas unerklärlich Unheimliches in ihrem einsamen nächtlichen Heulen.
13. Strix schafft sich einen Sklaven an
In der Urwaldecke -- um die alten Eichen herum -- traf man eine Menge hohler und zunderiger Vergangenheitsbäume zwischen dem Neuwuchs an.
Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die _kleinen_ Eulen, deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens. Ihre Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt.
Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes, wenn auch sie müde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und machten Lärm. Ihre Nähe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam Fleisch von ihrem Fleisch und redeten _ihre_ Sprache.
Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die Lyrik der kleinen Vögel wird nicht von den Krähen verstanden, und das Krächzen der Krähen, von dem sie selbst versichern, daß es voll von den schönsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von den Habichten nicht geschätzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische Sprachenverwirrung.
Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flämisch, eine dritte Französisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie die Familien Star und Elster, gibt es; sie sind mit der Fähigkeit geboren, sich in mehrere Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als Dolmetscher auf. Nicht alle aus diesen Familien bringen es gleich weit -- und nur ein einzelner alter, hochbegabter Star versteht zehn Sprachen!
Strix hat oft um die Frühlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter der Tribüne dem Vortrag eines solchen »Professors« beigewohnt. Das meiste klang in Strix' Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein paar hohle, orgeltönende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hörner und machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise in Italien plötzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute hören.
Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren Strix von Anfang bis zu Ende verständlich; sie sprachen ja in ihrer Zunge, nur weicher und sanfter.
Von ihnen sagte sie auch, daß sie _zwitscherten_.
-- -- --
In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewöhnt hatte, suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen.
Wenn die blanken Märznächte im Anzuge waren und der Himmel wie mit blitzenden, feurigen Eulenaugen übersäet war, wenn es in der alten hohlen Buche, in der sie damals saß, zu kribbeln und zu krabbeln begann, und die Fledermäuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten jede für sich allein hängen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst hinaus mußte, nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf sonnendurchglühter Baumrinde, während sie wahnsinnig mit den Flügeln um sich schlug -- da hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen Eulen gegenüber äußerst angenehm gemacht.
Sie fing gute Bissen für sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen, wie Hasen, Birkhähne und Rebhühner; sie ließ sie ihre fetten Ratten kröpfen, während sie unter anmutigen Gebärden und gurrend wie eine Kropftaube um sie herumschwänzelte und ihnen Anlaß gab, ihr ihre Aufwartung zu machen. Aber keiner von ihnen hatte sich veranlaßt gefühlt, sich näher mit ihr einzulassen.
Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwächt durch Winterhunger, Frost und Kälte und daher wachsam und ungeheuer schwer zu fangen -- da nahm Strix eine überraschend blutige Rache. Sie tat es nicht bewußt, _das_ muß man zu ihrem Lobe sagen; sie tat es aus Instinkt und aus Rücksicht auf die Ansprüche ihres großen Magens.
Wenn die kleinen Eulenherren auf Mäusejagd gingen, schlug ihnen plötzlich ein großer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen Prozeß und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fängen. Die kleinen Eulen draußen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr gewesen.
Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelüsten längst vorüber!
Es ist mit Strix in der letzten Zeit reißend bergab gegangen.
Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt dessen den blassen, welken Ton vorjährigen Laubes angenommen. Die haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flügel sind steif, und der Schnabel ist ungewöhnlich krumm.
Sie ist keine große Eule mehr.
Ihr einst so muskelstarker Körper ist zusammengeschrumpft, so daß ihr die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind so dünn, daß ihre einst so mächtigen Marterfänge jämmerlich lang erscheinen und den Ständern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie ähnelt einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner vollen Größe unheimlich in den Schalen der knochigen Schulterblätter.
Strix ist abgelebt -- die Greisin der Einöde heult aus dem letzten Loch.
-- -- --
Es ist ein ungewöhnlicher Frühling in diesem Jahr.
Sie kann keine Schlafruhe unten in dem hohlen Eichenstamm finden. Jeden Augenblick sträuben sich ihre Hörner, und die Augen öffnen sich; dann erwacht sie und ist ganz klar: zum bald achtzigsten Mal hört sie die große Botschaft, die das Märzsausen und die Aprilschauer verkünden.
Aber was geht das sie an -- und sie lauert wieder in sich hinein ...
Bis neue Botschaften so überaus stark werden, daß sie in ihrem Ohr rumoren: ein Wurm im Holz, ein brandgelber Zitronenfalter, der in einem Spalt überwintert hat und während eines Sonnenstreifens durchaus hinaus will, oder auch nur die Fäden in einem Kokon, die während der unmittelbar bevorstehenden Verwandlung der Puppe zu bersten anfangen. Alle diese feinen, dem menschlichen Ohr unhörbaren Laute dringen auf sie ein und wecken sie ununterbrochen.
Bald kann sie nicht mehr unten in der hohlen Eiche sein, es hämmert und pocht, es beißt und nagt, sie muß aufbrechen und sich auf den Rand des Zunders, dicht unter das Eingangsloch setzen.
Die bisher so weiße Erde liegt geborsten und gefleckt vor ihr. Sie sieht schwarze Erdschollen und rotes welkes Laub hervorschimmern. Es plätschert um sie her, und jeden Augenblick schwindet das Weiße mehr und mehr, es wird schmutzig und gelb, es vergeht spurlos.
Bläulicher, dichter Nebel steigt um sie auf; sie starrt in Wolken von Feuchtigkeit hinein und sieht das Tauwetter dampfend durch den Wald schreiten. Die kleinen Schlammseen rings umher im Waldmoor, die starr und blankschwarz dagelegen haben, nehmen einen matten, milchigen Ton an. Dann berstet das Eis an einer Stelle, es gurgelt und quillt empor mit ausgelassenem, befreitem Wasserspritzen. Es ist, als läge ein großer Fisch unter dem Eise; er will Luft und Platz haben und fährt deswegen herum und stemmt die Rückenflosse gegen die Eiskruste -- überall entstehen Risse und gurgelndes Geräusch.
Dann fangen die Hügelwände von ihrem Baum an zu glucksen; kleine Rinnsäle kommen mit rasender Geschwindigkeit herab, stürzen sich kopfüber den Abhang hinunter und bohren sich in den Talboden. Es summt da unten, es singt, es braust es strömt -- ein Wildbach ist plötzlich entstanden.
Winzig kleine, grüne Keime tauchen aus dem Waldboden auf, und in der Lichtung zwischen den Bäumen wird es sonnig und warm. Wie es um sie her schimmert, wie es schwillt! Sie entdeckt etwas Grünes, sie kann schon Blätter sehen ... der welke Wald legt wieder sein Frühlingskleid an!
Und während die Tage dahingehen, fährt eine Redseligkeit in alle die Strandvögel; obwohl es vielen von ihnen entsetzlich schwer wird, sich auszudrücken, schwatzen sie doch ununterbrochen drauf los. Und dann eines Morgens hört sie Stimmen, die im Laufe des Winters nicht dagewesen sind. Das sind alle die Zugvögel, Drossel und Holztaube, Star und Rotkehlchen, die heimgekehrt sind.
Und mit ihnen kommt das Leben. Sie sind ja weit gereist und haben viel gesehen, sie haben Eindrücke gesammelt und können erzählen -- und alle lobpreisen sie wie einen Garten Eden diese alte Urwaldecke, diesen unermeßlichen absterbenden Wald, diese Baumrinde und diesen zundrigen Kern, die in langsamem Faulen begriffen sind; hier ist das reiche Insektenleben, das die modernen Wälder der Gegenwart nicht zu bieten vermögen.
Ein ohrenbetäubender Spektakel erfüllt die Luft. Es heult und pfeift, es tutet und schreit ... Strix muß wieder hinab in ihr dunkles Loch; übel ist es freilich da unten, aber noch tausendmal schlimmer ist es hier oben.
Und die Laute strömen ihr entgegen. Bald bettelnd, bald flehend, aber es sind auch einige tief empörte und gehässige darunter, einige, die Fang und Schnabel ahnen lassen, obwohl sie von winzig kleinen Singvögeln abstammen. Strix hört sie, faßt sie auf und läßt sie durch sich hindurchspülen, ohne sie auch nur mit einem Gedanken zu verfolgen -- dies alles ist ja nur der gewöhnliche Weltrummel!
Es ist ein stiller, warmer, lieblicher Lenzabend!
Aus den Gipfelzweigen der Tannen, aus der Kuppelwölbung der Buchen singen die Drosseln ihr letztes Lied, und der große, rote Frühlingsmond hängt wie ein Riesen-Pigeon ganz oben in einem Baumwipfel. Während die Dämmerung mit Sturmesschritten durch den Wald rennt, singen die Vögel dem Tage ein letztes Lebewohl: Wittewit, wittewit! Das ist die Drossel. Wittwii, wittwii, eine andre. Sie sind vor Strix und hinter ihr und überall -- Pan bläst: der Zapfenstreich geht durch den Wald.
Strix ist mehrmals auf dem Wege nach oben gewesen.
Es ist ja jetzt ihre Stunde, und der Magen macht Ansprüche. Aber die Krallen wollen heute abend nicht in den Zunder beißen, und die Flügel, die ihr mühseliges Sichhinaufschleppen zu unterstützen pflegen, lassen sich nicht heben. Die Kräfte haben sie plötzlich ganz verlassen.
Sie ist trübselig, die alte Strix.
Während sie sich ausdauernd, aber vergeblich, unten in dem hohlen Stamm abmüht, klagt sie vor sich hin.
Es ist nicht das lange, prachtvolle Ho--o--o, das andere Lenzabende gekannt haben, hinausgerollt mit dem Fanfarenklang der Paarungslust, mit verheißungsvollen breiten Flügeln und einem Übermaß von Kraft, nein es ist ein kleines, furchtsames, abgerissenes Ho, nur bis ins Unendliche wiederholt, eine Art Zeitvertreib, eine Art Trost in der Einsamkeit, oder möglicherweise ein instinktiver Ruf nach Hilfe.
Diese schwachen, herabgestimmten Ho-Rufe, die viel Ähnlichkeit mit den Paarungsrufen der kleinen Eulen haben, werden denn auch von einem kleinen feurigen Eulenhahn aufgefangen, der schon lange ungepaart im Walde herumgeflogen ist. Er gehört zu der Rasse +asio otus+ und ist auch eine Horneule mit sich sträubenden Federbüscheln und gelben Kugellichtern; aber das ganze Persönchen ist keine drei Käse hoch, und Strix kann ihn mit Leichtigkeit in ihrem einen Fang zu einem Federklumpen zusammenrollen.
Trotz seines eifrigsten Suchens hat _Glip_ -- so heißt die kleine Horneule -- kein Weibchen finden können, und dies Unglück ist ihm nun im dritten Jahre widerfahren. Er ist deswegen sehr aufgelegt zu freien, und sei es auch um seine alte Großtante!
Der Grund für seinen beständigen Mißerfolg liegt auf der Hand: