Strix: Die Geschichte eines Uhus
Chapter 12
Die Zeit der Bedrängnis, unter der Strix ihr ganzes Leben gelitten hat, beginnt nun auch für die kleinen Eulen. Die Kultur hat in immer stärkerem Grad um sich gegriffen, jetzt raubt man den kleinen Eulen ihre Waldestiefe und haut ihre hohlen Bäume um.
An vielen Stellen verfolgt man sie auch geradezu!
Die Vorliebe für Fasanen hat sich verbreitet: der Kampf zugunsten von dem, was die Menschen das _Nutzwild_ nennen, ist verschärft, kein Raubvogel, er mag noch so klein und unschädlich sein, ist mehr sicher.
Das mögen die Götter wissen; wenn jemand bestrebt gewesen ist, auf ehrliche Eulenweise zu einem Weibchen zu gelangen, so ist es Glip. Er kann mit gutem Gewissen behaupten, daß er weder zu bescheiden, noch zu unnatürlich wählerisch gewesen ist. Aber Verhältnisse, über die er, wie erwähnt, nicht Herr ist, haben ihn zum Verzicht gezwungen.
Einmal im vergangenen Jahr sah es einen Augenblick licht für ihn aus. Es war ihm gelungen, einen jungfräulichen Vogel zu finden, ein ganz freies, ungepaartes Eulenfräulein. Es bewarben sich freilich noch dreizehn Herren außer ihm um sie, aber was machte das -- der Schatz war ja da. Es kam nun nur darauf an, wer ihn besitzen würde.
Es war drüben auf der andern Seite der Förde, draußen in einem dichten Tannenwald, wo er die Schöne traf. Sie saß in einer kleinen Tanne, und die Freier hingen dicht in den Zweigen rings um sie her.
So war auf alle Fälle die Sachlage am Tage.
Aber des Nachts hatte das Bild einen weniger friedlichen Charakter, da kämpfte man wie die jungen Hähne und umschwärmte die Zuckertaube wie zudringliche Fliegen, so daß sie zu nichts in der Welt mehr Frieden hatte.
Leider lenkte der Förster des Gutes eines Tages wohlbedachterweise seine Schritte durch den Tannenwald. Er traf die ganze Versammlung an, die, ermattet von den nächtlichen Ausschreitungen, in sich selbst versunken da saß wie kleine, schlaffe Kasperlepuppen. Mit schief gesträubten Hörnern und zwinkernden Augen schielt ein Einzelner auf ein weißes Gesicht herab, aber das Gesicht verschwindet bald wieder. Dann, späterhin am Tage, ertönen kleine, kurze Schüsse -- und einer nach dem andern gleiten die lebenden Tannenzapfen hintenüber von dem Zweig herab.
Der Förster war schleunigst zurückgeradelt und hatte sein Tesching geholt. Er verstand sein Handwerk aus dem ff und beurteilte die Sache, wie sie war: so lange es ihm gelang, eine gewisse kleine, helle Eule, die mitten in dem Klumpen saß, nicht zu treffen, würden die andern schon festsitzen wie die Kletten.
Er bekam neun! Dann war der Bann gebrochen. Die kleine, helle Jungfer glitt mit zum Himmel erhobenen Augen hintenüber, und nun zerstob der Rest in alle Winde.
Glip floh in den Wald und machte sich daran, die Bäume von oben bis unten zu durchsuchen. Aber sie waren entweder eulenleer, oder er traf Paare an, die in glücklicher Ehe lebten, mit Kindern bis über die Ohren. Wohl strengte er sich an, hier, wenn möglich, Eindruck zu machen, war sowohl äußerst grob wie auch äußerst liebenswürdig. Aber er erreichte nichts weiter als eine unfreundliche Behandlung, war er doch ein aufdringlicher Kavalier!
So wurde Glip denn auch in dem Jahre um seine Flitterwochen betrogen.
In diesem Frühling aber ist er wieder Feuer und Flamme. Er hat weit und breit gesucht und seine hohlsten und tiefsten Töne erklingen lassen. Bei jedem glücklich brütenden Paar, von dem er gehört hat, ist er offen und mit Gewalt eingebrochen ...
In manch einem Eulenhorst hat es einen Kampf auf gute alte Art gegeben, und es hat aus blutigen Rissen rot getropft auf weißblanke, zertrampelte Eier. Glip hat aus dem Wege räumen wollen, um später entführen zu können, aber er ist überall der Kleine geblieben und hat mörderliche Prügel bekommen.
Da lächelt ihm endlich eines Abends das Glück; er ist plötzlich auf seiner Paarungswanderung auf das Ho einer Horneule gestoßen.
Er spitzt die Ohren --!
Ja, er ist seiner Sache sicher; es ist ein Weibchen, und zwar ein ungepaartes. Das kann er an der Weise hören, wie sie ruft. Er kauert sich auf einen Zweig nieder und heult wonnevoll zurück ... hu, hu, hu, hu!
Mit angehaltenem Atem lauscht er lange auf Antwort.
Hoo! kommt es so tief da unten aus dem Waldkessel. Nicht so sehr freundlich freilich, wie Glip es erwartet hatte; aber eine Antwort bekommt er doch -- und er ist ja nicht verwöhnt.
Er fliegt gleich in der Richtung weiter, und es währt auch nicht lange, bis er ausfindig gemacht hat, daß seine vermeintliche Anbeterin unten in dem Bauch der großen Eiche sitzt.
Mit schnellen, weichen Flügelschlägen ist er dort.
Er erreicht das große Eingangsloch unter eifrigem Scharren und Kratzen seiner Fänge; es jubelt in ihm: ein langsam rinnender Strom von Ho-Rufen gleitet aus dem hohlen Stamm in sein Ohr hinauf, und nun sieht er -- so daß ihm einen Augenblick der Atem ausgeht -- ein paar rote Lichter unten auf dem Grunde funkeln. Er begrüßt sie mit Kaskaden seines wildesten Geheuls.
Glip ist gerade zur rechten Stunde gekommen. Sie baut ja ein Nest, das kann er hören; sie wühlt da unten herum und legt die Unterlage zurecht -- und er beeilt sich, Strix seine erste Liebeserklärung zu bringen: ein trocknes -- und knorrenloses Reis.
Da faucht Strix den frechen Eindringling an. Und doch -- eine schwache Hoffnung blitzt in ihren Augen auf: sollte er sich nur so weit hinabwagen, daß sie ihn fassen kann, da hätte sie doch endlich einen Bissen.
Glip seinerseits, der in der rabenschwarzen Finsternis und infolge der Engigkeit des hohlen Baumes die Größe des alten Uhus nicht erkennen kann, faßt die Ablehnung des Reises als ganz selbstverständliche Sprödigkeit auf. Sie verlangt natürlich mehr!
Da fängt die kleine Horneule an, sich mit Mäusen für Strix einzustellen. Sie macht große Augen und entreißt ihrem verliebten Anbeter die ersten leckern Fleischstücke; er hätte sie ja für den eigenen Schnabel bestimmen können -- und sie beeilt sich, ihm zuvor zu kommen. Sie kokettiert mit ihm, sitzt da und sperrt den Schnabel auf, sobald er sich zeigt -- und der verliebte Bursche kann so vielem Entgegenkommen nicht widerstehen.
Am Tage setzt sich Glip zu ihr in den hohlen Baum, natürlich nur gerade vor das Eingangsloch -- und ein ganzes Ende von Strix entfernt. Es will ihm ja zuweilen scheinen, als sei sie eine Art Ungeheuer, aber gleich darauf macht ihn die Liebe wieder blind.
Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Närrchen. Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wäre, Kummer, Freude, Zorn und Haß bessern Ausdruck zu verleihen als dieser süße alte Uhu. Ihre großen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz bange machten, wenn er in sie hineinstarrte -- siehe, das sind ja in Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen Blick. Sie kann Einen ja freilich ansehen, daß man ein Gefühl hat, als wolle sie Einen im nächsten Augenblick verschlingen, aber das kommt daher, weil ihr Blick so groß ist; er beherrscht mehr als Einen selbst, er umfaßt alles, alles -- um Einen und hinter Einem!
Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur herauf bekommen könnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit ins Ohr zu tuten!
Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch hierfür weiß ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren großen Katzenkopf in die Höhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten Perücke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, daß der Sklave wieder und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glättend an ihren Federhörnern hinaufgleiten läßt.
Jetzt muß es doch kommen! denkt das Närrchen ... jetzt gilt es nur, auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer.
Immer eifriger fängt er für sie, immer kühner wird er auf seinen Raubzügen.
-- -- --
Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der Dämmerung, dicht an einen Stamm gedrückt, verborgen da sitzen und sie auf und ab, ab und auf schweben sehen.
Es ist, als hätte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, daß sie sich zu Zweien, ja zuweilen zu Dreien, gegeneinander stürzen, und dann stimmen sie ein sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt Glip die Gelegenheit. Wenn sie gerade vor ihm sind, fährt er blitzschnell auf sie ein -- er zielt auf die zunächst fliegende und schlägt die Fänge in der Luft um sie zusammen.
Aber einen so großen Fang muß er auf der Stelle zerlegen, er ist leider nicht im stande, sein reiches Götteropfer in ungeteiltem Zustande darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix' kleiner, dummdreister Sklave sich blicken läßt. Die kleinen Vögel lassen Eier und Junge im Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der Sperber auftaucht, -- nein, vorläufig treibt Glip sein Gewerbe nur des Nachts und raubt die kleinen Vögel, wenn sie schlafen. Seine feinen Ohren hören die Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest piepsen, da holt er die eine Nacht das Weibchen, das Männchen die nächste Nacht. Strix kröpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann -- ihr Sklave ist ein tüchtiger Sklave!
Bald aber genügt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er muß jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn überall im Walde: Im Dickicht wie längs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast, gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, daß er schläft, aber er ist wachsam genug, und das leiseste Geräusch veranlaßt ihn sofort zu spähen. Bald ist er auf Mäusejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter Vögeln her.
So überraschen ihn eines Nachmittags ein paar alte Waldhüter, als er im Begriff ist, junge Dohlen zu rauben. Sie sehen, wie sich eine kleine Eule an ein Nestloch anklammert und hineinguckt, aber die alten Dohlen umflattern das Nest.
Der eine von den Waldhütern will sich bücken und einen Stein aufnehmen, aber der andre hält ihn zurück.
-- Nein, laß das, Pist Lak! Bedenke, wie es »Vogel« erging ... es bringt immer Unglück, wenn man eine Eule totschlägt.
Glip läßt sich nicht im mindesten stören. Mit der einen Klaue greift er in das Nest hinein, holt ein Junges heraus und fliegt damit zu Strix. Zehn Minuten später ist er wieder bei dem Nest -- eine nach der andern holt er alle die jungen Dohlen.
Sie kamen durch einen Unglücksfall ums Leben -- so etwas geschieht auch tagtäglich im Walde!
Auch die Stare verschont Glip nicht. In der Morgendämmerung läßt er sich auf dem Starenkasten nieder und pocht mit dem Schnabel gegen das Holzwerk. Dann glauben die Jungen, daß es die Starenmutter ist -- sie stecken den Kopf heraus, und -- wupp hat Glip sie im Nacken gefaßt.
Es gehört etwas dazu, um Strix mit dieser Art von Kost zu versorgen -- aber nun ergibt sich das verlockende Ungeheuer auch wohl bald!
Strix wird kindisch; sie verwandelt sich mehr und mehr aus einem großen, gefürchteten Nachtraubvogel in einen hilflosen jungen Kuckuck, der Tag und Nacht gefüttert werden muß. Es wird Glip schwer, alle die kostbaren Liebesgaben zu beschaffen, er ist nahe daran zu ermüden -- und läßt nach in seinem Eifer. Er greift nach allem, was ihm in den Weg kommt und bringt Frösche und Kröten statt warmer, leckerer Spatzen. Strix muß ihre schlimmsten Hungertage noch einmal durchleben und Eidechsen, Schlangen und kleine Kreuzottern fressen, ja, an einem warmen Abend wird ihr sogar eine dicke, schleimige Waldschnecke präsentiert.
Es wird Strix schwer, den schwarzen Kloß zu verschlucken, und sie rollt schrecklich mit den halbblinden, gleichsam verschimmelten Lichtern, obwohl sie ja nie im Leben ein Kostverächter gewesen ist.
Es ist leicht, das Ende vorauszusagen --:
Eines schönen Nachts, als die Paarungsbrunst aus dem Blut gewichen ist, erwachte Glip aus dem Liebesrausch und sah, daß er ein Sklave war. Da hob er die Verlobung auf -- und machte sich aus dem Staube.
14. Strix Bubos Tod
Glip kehrte nicht wieder.
Strix hat infolgedessen seit zwei Tagen keinen Fraß bekommen, sie ist matt und ausgehungert und noch lichtscheuer als sonst. Sie ist kaum im stande, sich aufrecht zu halten; unten auf dem Boden der hohlen Eiche kriecht sie auf dem Bauch zusammen.
Sie ist halb von Verstand, hat fortwährend Visionen und sitzt da und heult ihren eigenen Namen.
Schu--hu! seufzt sie ... Schu--hu!
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Da sitzt sie in dem alten verfaulten Vergangenheitsbaum, vertrieben, lebensmüde und verbraucht. Ebenso wie die Eiche, ist sie schon längst ein Fremdling in der Zeit gewesen.
Sie haßt die Zeit, ihre Unruhe, ihren Lärm und den Überfluß an Menschen überall; sie trägt Urzeit in sich, und der sind die Menschen entwachsen.
Das dumpfe Brummen des Bären, das Gebrüll des Elchhirsches, das Heulen des Wolfes und das Knarren und Krachen des Urwalds selber, das waren Laute, die für sie paßten. Sie hat dasselbe Wilde und Dämonische in ihrer Stimme gehabt ... aber niemand hat ihr in verständlicher Sprache geantwortet.
Sie sind dahin, alle die ursprünglichen Mitgeschöpfe ihrer Sippe, sie, in denen, o wie in ihr, das Großzügige wohnte. Die Menschen haben sie genommen und sich selbst nach eigener Machtvollkommenheit an ihre Stelle gesetzt.
Ihre Tage sind jetzt vergangen ... ihre vielen, vielen Jahre.
Es hat Zeiten in ihrem Leben gegeben, die schnell dahingesaust sind, wie das Gewitter über die Heide dahinjagt. Da hat sie geliebt und gehofft, gekröpft und sich Tag und Nacht beim Raube ergötzt. Dann kamen andre Zeiten, harte Zeiten, wo sie hat entbehren und leiden, flüchten und wandern müssen, wo sie kaum eine Maus für ihren Schlund hat finden können.
Aber das alles steht jetzt vor ihrem Innern wie ein undurchsichtiger Nebelschleier vor fernen Wäldern; sie weiß, die Wälder liegen dahinter -- viel mehr weiß sie nicht.
Das Leben ist dahingeschwunden -- für Strix wie für den Eichenriesen, in dessen Bauch sie sitzt. Das lange, lange Leben ist plötzlich zu etwas unfaßlich Kurzem zusammengeschrumpft.
Auf einmal zuckt sie zusammen -- ihre matten, ausgebrannten Lichter werden so groß wie Teetassen.
Da senkt sie die Hörner und wirft den Kopf zurück und bewegt den Schnabel wie in beginnender Kampfekstase ... komm auf mich zu, komm auf mich zu!
Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ...
Sie sieht, wie damals, als sie eben flügge geworden und auf dem Zweig saß, ein wunderliches Tier auf sich zu kommen. Es geht auf der hohen Kante und gleicht einer Rieseneidechse, -- selbst der Schwanz fehlt nicht.
Es ist ein Waldarbeiter, den Strix in ihrem Todesaugenblick vor sich sieht; er schleppt einen Baum hinter sich her, den er gefällt hat.
Da ist er, der sich stark vermehrende Zerstörer, der Mensch, dem sie nie hat widerstehen können, der ihr das Leben sauer gemacht hat, der ihr das Lebensglück mit Gatten und Kindern geraubt, ihre Wohnstätten vernichtet, ihr die Nahrung weggenommen und die Erde zahm gemacht hat.
Sie wird blutgierig und böse, sie fühlt die Wildheit wie mit der Unbändigkeit der Jugend in sich fahren, und sie schlägt ihre Fänge in den Kopf und den Hals des Menschen.
Dann beginnt sie ganz besonnen, ihn zu kröpfen; aber plötzlich kommt es ihr vor, als verschlinge sie ein Kaninchen, das nicht durch ihren Schlund hinunter will.
Todesschwindel hat Strix schon längst befallen, sie haut und zerrt in dem Eichenzunder. Dann gleitet sie vorn über und liegt auf der Brust, sie streckt die eingeschrumpften Fänge nach hinten unter sich, rüttelt mit dem Kopf hin und her und zwinkert die geschwollenen Augenlider auf und zu, während sie mit bebenden Flügeln das Leben von sich abschüttelt.
Der Herbst verging und der Winter kam --
Und neue welke Blätter; neue zundrige Erde und Wurmmehl aus der alten Eiche sickerten herab und füllten den hohlen Boden aus. Strix' irdische Überreste wurden zugedeckt wie die so manch eines andern Vogels, denn hier in den hohlen Stamm der Eiche hatte sich im Laufe der Zeiten die Fauna des Waldes zurückgezogen, um in Frieden den Strohtod zu sterben. Schicht auf Schicht lagen die Skelette übereinander, wie auf einem überfüllten Friedhof, wohlbewahrt von der Eichensäure.
Da waren Skelette von Fledermäusen und Mardern und Spechten, von andern großen Uhus lange vor Strix, von Eichhörnchen und Sperbern und von einer kleinen, goldbusigen Frau Meise mit einem großen Loch im Kopf.
Eine ganze Geschichte des Waldes lag hier als Mumien aufbewahrt.
Aber als das Beben des Lenzes von neuem herannahte, als der brandgelbe Zitronenfalter sich anschickte auszufliegen, ließ sich eines Abends eine kleine Horneule in den hohlen Stamm hinab. Sie setzte sich in Balzstellung, fegte mit dem Schwanz und ließ die Flügel schleppen.
Er benahm sich ganz, als sei er hier zu Hause, näherte sich aber doch nur mit einer gewissen Vorsicht dem unheimlichen Dunkel auf dem Boden. Lange saß er da, reckte den Hals und starrte hinab.
Da erschien die entzückendste kleine Chinesin von einer Eule mit langen, gesträubten Hörnern, flachem Antlitz und schiefen, zwinkernden Augen oben im Eingang -- und die kleine Horneule wurde Feuer und Flamme.
Er ließ sich schnell entschlossen hinabplumpsen --
Es war leer in dem Stamm!
Da scharrte er wie ein Hahn und gluckste seine kleine Henne hinab, und beide machten sie sich nun auf das eifrigste daran, das Loch mit Reisern zu umkränzen.
Und dann, eines schönen Tages, lagen fünf kleine, kugelrunde, kreideweiße Eier und leuchteten in der Dunkelheit wie mit Phosphorglanz.
Sie ruhten so sicher und ließen sich so leicht ausbrüten -- sie lagen auf einer alten, weichen Matratze -- -- --
Glip hatte glücklich eine Frau gefunden.
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Das Ohr des Waldes 1 2. Männchen und Junge 9 3. Der geflügelte Wolf 30 4. Das neue Gelege 41 5. Strix und die Menschen 53 6. Winterleben im entlegenen Walde 69 7. Der neue Wald rückt vor 85 8. Auf der Heide 98 9. Im Kampf mit einem Adler 119 10. Der Leuchtturmwärter 130 11. Klein-Taa 149 12. Zurück 157 13. Strix schafft sich einen Sklaven an 170 14. Strix Bubos Tod 186
_Gedruckt bei Poeschel & Trepte in Leipzig_
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Druckfehler:
mit den vielen eingetrockneten Blut- und Fleischüberbleibseln _mit dem vielen_ Die Fledermäuse heben sich noch wie Möwen _Möven_ und guckt in die Wipfel hinauf _in der Wipfel_ Ihr scharfer Blick _charfer_ Uf schwelgte und schmatzte _schmatze_ Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix _denckt_ Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt _Er sitzt_ Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe _»krasselt«: dänisches Wort?_ mit gestrecktem Hals und hocherhobenem Kopf _hocher / hobenem (als ob zwei Wörte am Linienende)_ Die Schlange ist ihr bei ihrem Ausfall dicht auf den Leib gerückt _sei ihrem Ausfall_ feiern aufs neue einen Triumpf _Originaltext ungeändert: Triumf oder Triumph?_ Über die See _Uber_ Er gehört zu der Rasse +asio otus+ _Originaltext ungeändert: richtige Form +Asio otus+_ fünf kleine, kugelrunde, kreideweiße Eier _kreideweise_
Unsichtbare Satzzeichen:
und die Federn stehen Uf um die Ohren[.] Das schützende Versteck ... ist umgerissen[,] liegt bunt durcheinander sitzt sie wie in einem hohlen Stamm[,] nur daß er ganz eng ist Es ist Jagd im Tierwald[,] dem letzten voll Schlüpfen in der Pfote[,] Springen im Lauf und hängt sie vor Strix[,] sie siedet wie ein Teekessel streicht sie dahin, quer zum Winde[.] Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ..[.] sie begreift nicht[,] warum das Glück fliegen hin und her[,] während wo früher Wildnis herrschte[.] der Zapfenstreich geht durch den Wald[.] Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ..[.]