Strix: Die Geschichte eines Uhus
Chapter 10
Aber nun läßt Strix erst allen Ernstes ihre Stimme ertönen.
Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen durchbebt den lahmen Hahn ... ein so teuflisches Heulen, wie er es jetzt hört, meint er noch nie zuvor vernommen zu haben. --
Huu -- Huu ... bis ins Unendliche ruft die Eule, so wie damals, als sie den Hasen in den Todestunnel hineinlockte. Der Leuchtturmwärter rennt dem Laut nach; er glaubt die ganze Zeit, daß er die große Eule im Dunkeln gerade vor sich hat; aber er rennt und rennt und ist ihr immer gleich nahe.
Sein Kla-datsch, Kla-datsch von dem lahmen Bein hämmert aufreizend und anfeuernd in Strix' Ohren; sie hat eine brennende Lust, auf ihn niederzuschlagen, in seinem Fleisch zu zerren. Aber die Furcht vor den Menschen ist noch immer zu groß. Sie muß sich damit begnügen, ihn zu foppen und sich ihrer Überlegenheit in der Finsternis zu freuen ... da geht er ja unter ihr, taub und blind, und stapft schwerfällig auf seinen Klumpfüßen -- und sie ändert ihren Platz wieder und wieder und saust von allen Seiten über ihm, während sie ihm ihr Geheul in die Ohren gellt. Nur wenn er still steht, schweigt sie, und dann spürt sie das alte, beklemmende Gefühl im Halse.
Huu -- Huu ... quiwitt, quiwitt! Hin und her durch den Strandwald geht es, dann über die Abhänge hinaus und auf und ab an den langen Dünenwänden, unter denen das Meer siedet und schäumt.
Der lahme Hahn ist nahe daran, vor Durst zu vergehen, es schwitzt ihn, und das Halstuch hat er schon längst in die Tasche gesteckt; er fühlt sich immer mehr gereizt durch die Fopperei des Vogels und ist doch gleichzeitig mehr denn je darauf erpicht, ihn zu kriegen. Hier an den offenen Dünenhängen, wo hinaus er die Eule nun endlich getrieben hat, scheinen seine Aussichten ihm verbessert ... hier kann sie ihn nicht so leicht durch ihr Geheul täuschen, hier kann er den großen Vogel ja sehen, wenn er von Zeit zu Zeit einmal aus dem Schlehengestrüpp aufschießt, befreit von den Schlagschatten und der Erddunkelheit. Er _will_ sie haben; er kann es an ihrem Heulen hören, daß es eine alte, mächtige Eule ist; sie muß viel wert sein, und es gibt ja nicht mehr von der Art .... Huu -- Huu ... und beständig erschallen vor ihm die verwirrenden Töne. --
Ein paarmal schon hat er sich an dem Dünenhang hinauf und wieder hinab gearbeitet und dagesessen und ihr im Schutz eines kleinen dichten, sturmgepeitschten Dornenstrauches aufgelauert; jetzt hört er sie wieder, sie ist hoch oben über seinem Kopf, gerade unter dem Rande des Abhanges.
Der Sturm pfeift in den wilden Klettenstengeln und entführt seiner großen Hakennase Tropfen auf Tropfen, er singt hohl und orgeltönend in den Flintenrohren und klemmt einen eigenen vorwurfsvollen, gellenden Ton aus den kleinen Steinen heraus, die in der Tiefe unter seinen Füßen rasseln.
Auf allen Vieren, das Gewehr fest unter die Achselhöhle geklemmt, kommt er heraufgeklettert ...
Ganz zufällig flattert Strix im selben Augenblick von einem Schlehdorngestrüpp auf und schwingt sich über den Abhang hinaus, wodurch sie sich einen Augenblick vor ihm in der Luft zeigt, gerade als er vor einem Absatz an der Dünenwand steht. Er richtet sich schnell auf, geht blindlings drauf los und vergißt, sich in acht zu nehmen; jetzt will er einen Schnappschuß versuchen, will versuchen, den Satan nach dem Gehör zu schießen; aber in der Eile tritt er fehl und hält einen großen Schlagschatten am Ende des Absatzes für festen Boden, er strauchelt, will mit der Flinte vor sich fassen, die Schüsse gehen ab, der rechte, als das Rohr gerade über dem Boden ist, der linke, als das Rohr schon in der Erde ist. Der Lauf zerspringt ihm zwischen den Händen und reißt ihm die rechte Hand ab, er kann sich nicht festhalten, er gleitet und stürzt in die Tiefe.
Strix sieht ihn fallen, aber sie versteht seinen Fall nicht!
Sie glaubt, daß er hinter ihr drein ist -- bis sie von einem neuen Sturmstoß wieder gegen den Abhang geworfen wird und ihn erblickt, wie er ausgestreckt am Strande liegt, den bleichen Hahnenschnabel steif in die Luft. Sie umkreist ihn, wirft sich in langen Bogen vor sein Antlitz nieder und faßt im Vorübersausen nach seinen wehenden Haarsträhnen -- und dabei heult sie und schleudert ihm ihr krächzendes, übermütiges Hohngelächter ins Gesicht, während der Sturm im Riedgras seufzt und pfeift.
Endlich setzt sie sich auf einen Vorsprung des Dünenhanges; dort sitzt sie lange stumm und starrt grübelnd und unverwandt auf ihren toten Feind hinab. Es ist das erste Mal, daß sie einen Menschen so still sieht ... der Mensch -- die ewige Unruhe, die sie zeitlebens gestört hat -- nun liegt er dort tief unter ihr und ist so still geworden.
Da schreit sie häßlich, da heult sie unheimlich ... es schallt im Walde -- es hallt wieder von den Dünenhängen --:
-- Qui -- witt, quiwitt -- komm mit! komm mit! ... ha, ha, haaa!
-- Es heult in der Nacht.
Seit jener Nacht waren Strix' Tage am Strande gezählt.
Es verlautete gar bald, daß Leuchtturmwärter Hansen auf nächtlicher Jagd auf einen großen Uhu umgekommen sei. Die Strandzeitung schlug Lärm und der Bericht ging durch das ganze Land -- und obwohl es keineswegs stimmte und auch nicht weiter verlockend war, und obwohl es ganz außerhalb der Jagd- und Badesaison war, benutzte doch ein gewiegter Hotelpächter die Gelegenheit, mächtige Reklame für sein neues, großes Badehotel mit dazu gehörigem »Jagdwald« zu machen.
11. Klein-Taa
Der Winter verging leidlich für Strix.
Sie hatte nur mit dem Hunger und der Langenweile zu kämpfen.
Das Los des Leuchtturmwärters wirkte gerade nicht verlockend auf die in der Gegend ansässigen Jäger; sie erblickten darin eine weitere Bestätigung für die Annahme, daß die große Eule ein Zaubervogel sei, den man am besten in Ruhe ließ.
Der alte Niels Pibe, den die Strandzeitung interviewte, benutzte die Veranlassung, um verschiedene Geschichten von Eulen wieder aufzufrischen, aus denen zu ersehen war, daß die Eule Böses ansagt -- und daß, wenn man sie schießt, dies den Tod bedeutet.
Eifrige Sammler ließen sich freilich nicht von diesen Ammenmärchen abschrecken, und als der Frühling sich näherte und das Wetter weniger rauh wurde, erhielt der gewiegte Hotelpächter in der Tat Anfragen in bezug auf seine Pensionspreise und den viel beredeten Vogel.
Indessen kam ihnen ein Fremder, mit dem niemand rechnete, zuvor.
Es ist an einem Abend, Ende März, bei heftigem Seesturm ...
Das Meer schäumt. Kein Fahrzeug ist zu erblicken. Die grauen Regenschauer und die graue See gehen ineinander über. Nur eine vereinzelte, große Möwe mit einer unverhältnismäßig großen Flügelweite für den kleinen, leichten Körper tummelt sich im Sturmgebraus und wiegt sich hin und her über dem einsamen Horizont.
Scharf und salzig treibt die Seeluft durch den Strandwald; sie stinkt nach Fischen und Tang, nach Strand und Muscheln ...
Strix tanzt nicht mehr an dem Dünenhang, sie hat zurzeit anderes zu tun.
Sie hat sich ein Nest aus Zweigen zwischen ein paar ausstrahlenden Wurzelhälsen einer kleinen verkrüppelten Erle zusammengetragen und liegt und brütet auf einem unbefruchteten Ei, einem letzten, aus alter Gewohnheit gelegten Ei!
Und die Regenschauer kommen in Zwischenräumen, aber regelmäßig wie die Kinder in dem Heim armer Leute, und das Meer da draußen nimmt die trostlose Farbe des Sandgraus an. Und der Regen peitscht herab, strömt und strömt, so daß auch oben in der Luft See und Meer entstehen.
Strix drückt sich tief in ihr schützendes Nest unter dem Erlenstamm und läßt die Regenschauer kommen und die Regenschauer gehen; sie brütet und gibt acht ... auf die Erde, das weiß sie ja, ist kein Verlaß.
Da kracht und raschelt es vor ihr im welken Laub ... ein langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier wickelt seinen blanken Pelz aus dem Grau der Dämmerung heraus.
Es ist auch einer von den alten Feinden -- ein guter Bekannter aus Strix' jubelvollen Tagen! Obwohl Klein-Taa jetzt ein alter Marder geworden ist, ähnelt er noch immer seinem Vater so aufs Haar, daß ihm eigentlich nur die gestutzte Rute fehlt.
Klein-Taa ist auf der Frühlingswanderung; auf der Suche nach einem Weibchen -- sonst käme er nie in diese rauhe Gegend.
Der Marder ahnt die Eule nicht, er kriecht nur in Schutz vor dem Wasser. Hopp, hopp, geht es, hopp, hopp -- ins Trockne hinein, am Eulenbaum entlang.
Stieg in Strix eine Erinnerung auf, als sie den Burschen sah? Bereute sie vielleicht erst jetzt eine ungenutzte Gelegenheit bei einer zufälligen Begegnung in einer dunklen Tanne? Oder ist nur das Wetter schuld daran?
Sie fährt auf die Waldkatze ein. Der Marder glaubt in dem ersten Augenblick der Überrumpelung, daß er einem Truthahn geradeswegs in die Arme läuft. Ein warmes Aufblitzen, eine Mischung von Freude und Überraschung über dies unerhörte Glück zuckt in den kleinen, listigen Lichtern des behenden Raubmörders auf -- da pflanzt Strix ihre acht Fänge in seinen Hinterkörper.
Äh! knurrt der kleine Taa ... verdammter Irrtum! Und blitzschnell reißt er seinen kurzen, kräftigen Katzenschlund auf -- Strix sieht wie in einer Sonnenuntergangsvision den roten, blutdampfenden Rachen und die weißen Zahnreihen. Eine drohende Wolke von wilder Bosheit senkt sich über die vorhin so glitzernden Pupillen des Marders; er legt die Lauscher zurück und windet sich mit einer Kraftanspannung plötzlich in eine kauernde Stellung.
Strix will sich das Tier mit ihren Fängen vom Leibe halten, aber Klein-Taa ist zu lang, ohne Anstrengung gelingt es ihm, seine Vorderläufe in die Horneule hineinzuschlagen. Er umarmt Strix auf beiden Seiten des Brustbeins und bohrt in der Wut seines ganzen Schmerzes seine Nase und seinen Rachen in ihre Federn und ihr Fleisch.
Einen Augenblick ist Strix kurz davor, umzufallen.
Sie muß den einen Fang loslassen und in aller Eile die Flügelspitzen und den Stoß als Stützstäbe in die Erde bohren, aber der Marder geht mit der vollen Unbändigkeit seines ganzen Mordinstinktes drauflos.
Vergebens preßt Strix ihr zottiges Gesicht gegen seinen Nacken und läßt ihre scharfe Hakennase seinen Pelz lichten, vergebens schleudert sie ihm ihr Wolfsgeheul ins Ohr und begeifert ihn mit ihrem Auswurf: der aufgeregte Taa läßt sich nicht einschüchtern, es handelt sich um Leben oder Tod -- Strix muß entweder weichen oder sich ergeben.
Strix, die noch unverletzt ist, weil ihr dichtdauniges Kleid und die langen, dicken Brustfedern bisher den Stachel von den leidenschaftlichen Bissen des Marders abgehalten haben, wählt das erstere und reißt sich mit einem Ruck von ihrem Gegner los. Aber der Marder hält fest und geht mit.
Da kommt ein Orkanstoß! Er schlägt plötzlich wie ein Vogel Greif nach Beute in die Waldestiefe hinab, fällt ein paar Bäume und erhascht einen Arm voll Laub. Strix breitet mechanisch die Flügel zur Flucht aus -- und leicht wie ein Federball, den Marder in ihren Fängen, braust sie durch die Waldesgipfel empor. Sie hat das Glück, beim Aufflug, wo Klein-Taa endlich loslassen will, seinen langen, geschmeidigen Körper fest zu umklammern, ihre acht Krummdolche bohren sich in sein Fell hinein, gerade unter den Schulterblättern zwischen den Rippen.
Das wird eine seltsame Luftfahrt! Im Vergleich damit ist der Flug mit der Kreuzotter das reine Kinderspiel; der fauchende Sturm nimmt Strix mit ihrem bißchen Beute in seine mächtigen Klauen und streicht mit rasender Geschwindigkeit mit ihnen davon. Er spielt Fangball mit ihnen, wirbelt sie in großen Rutschbahnschleifen auf und nieder und nach den Seiten und rund herum. Strix hat alle ihre Kräfte nötig, um die Flügel gespannt zu halten.
Die wasserblanke Erde jagt wie auf flüchtigen Läufen des Rehbocks unter ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhüllte Baumwipfel auf sich zu eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschießen. Bald ist sie schwindelnd hoch in der Luft über ihnen, sie sieht weder Gestrüpp noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den schaukelnden Kronenwölbungen so nahe, daß sie ihr Sturmgebraus und Zweigegeklapper hören kann -- und es durchschaudert sie, trotzdem sie den Marder umklammert hält; sie kann ja nicht landen, das fühlt sie, nicht anhalten und die Flügel emporschwingen und im Winde rütteln; alles, was sie berührt, wird sie umrennen.
Da macht sie eine mächtige Bewegung mit den Flügeln und, obwohl ein Flug in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt sie -- sie muß fort von der Anziehungskraft der Erde und der Sturmesgewalt, hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch in einer selbst für sie wahnsinnigen Eile.
Eindrücke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drängen sich auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoßen und gewinnen abermals Platz, und während alledem kämpft sie -- _sie_, der lebende Ballon -- mit ihrem noch immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel.
Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix' Klauen durch die Eingeweide gedrungen sind, wühlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren Flanken herum, aber ihm fehlt eine Stütze für seinen Hinterkörper, seine Bisse gelangen nicht auf den Grund, er reißt ihr nur große Büschel Federn und Hautstreifen aus.
Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des Selbsterhaltungstriebes. Zäh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner Brust, während sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert.
Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn des Todes um sich, und seine kräftigen Hinterklauen, die wiederholt während der Fahrt Strix auf verhängnisvolle Weise gegen den Bauch gestoßen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhängen.
Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schöpfen und die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt, und sie umfaßt mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen Bruchteil einer Sekunde schwindelt es sie -- dann läßt sie plötzlich, zuerst mit den Fängen, dann mit dem Schnabel, los. Sie schleudert ihn von sich und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres kalkweißen Geschmeißes mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie seinen schwarzen Raubtierkörper, der sich rund um seine Rute herum dreht, durch die Luft Purzelbäume schlagen, bis ihn das Erdendunkel endlich verschlingt, und er in der Nacht verschwindet.
Im selben Nu erfaßt der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem Passagier befreit, ist sie einen Augenblick später hoch oben zwischen den Wolken; sie muß schleunigst ihre Flügelweite verringern, sich rund herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen, weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Naßkalte Sturmstöße fauchen ihr ins Gesicht und pflücken lose Daunen und Federn aus ihrem Kleide -- dann ergießen sie sich in reißenden Regenströmen über sie.
Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie niederzuschlagen droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten Hügelabhang, den sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat sie keine Angst, dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit wieder und landet glatt auf einem Fels im Talgrunde.
Sie ist entsetzlich zugerichtet.
Der eine Schenkel hängt in Fetzen, bis in die Fänge hinein schnurrt es darin; der Ständer versagt anfänglich dem Körper die Stütze. Von den langen Brustfedern, mit denen sie die Fänge zu wärmen pflegt, sind nur noch einzelne Daunen übrig geblieben, der übrige Teil der Brust besteht aus schweißenden Löchern und Rissen. Sie ist mürbe am ganzen Körper, im Nacken, in den Flügeln -- und ihre mächtigen Fänge sind wie aus den Gelenken gezogen. Der große Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der Kreuzotter, ist fast zu Wallnußgröße angeschwollen und ragt über das Auge vor, so daß sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf schreit nach Pflege und Säuberung.
Sie muß irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen -- und sie hinkt davon, hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer Brücke.
Ein großer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege ins Freie ist, hat das Unglück, ihr geradeswegs in die Fänge zu laufen.
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Der kalte Klumpen war ein Götterbissen für Strix, er wirkte wie ein Stück Eis in dem Mund eines armen, dürstenden, fieberkranken Patienten!
12. Zurück
Die Luftfahrt mit dem Marder blieb Strix' letzte Heldentat. Die Kämpfe des Lebens hatten sie allmählich arg mitgenommen.
Als sie wieder einigermaßen zu Kräften gekommen ist und ihre Wundflächen sich vernarbt haben, fliegt sie fort aus ihrem Schlupfwinkel unter der Brücke. Sie hat sich dort von einem Mondwechsel bis zum andern aufgehalten und Frieden gehabt, denn um diese Jahreszeit gab es ja keine Arbeit auf den Feldern.
Wochenlang fliegt sie herum und sucht -- sucht nach großen Wäldern mit hohlen Bäumen, nach alten, leeren Eichen. Sie sucht nach Ruhe und Frieden, nach der großen Einsamkeit, die ihr Schreien ertragen kann, ohne sich zu entsetzen ... wo sich der Wald ohne Hilfe der Menschen verjüngt, wo die Sonnenstrahlen spielen und der Wind saust, wo niemand außer _ihr_ sich in die Weltenordnung einmischt -- da will sie sein, da will sie hin ...
Während sie so umherschweift, folgt sie, ohne es zu wissen, einem uralten Naturgesetz. Es liegt heimlich verborgen in dem Fluge ihrer Flügel wie in dem Bedürfnis ihres Herzens: sie fliegt im Kreise und landet in einer schönen Mitternacht in heimischen Gegenden.
Während ihrer Luftfahrt mit Klein-Taa hat sie in einem einzigen Fluge eine Wegeslänge zurückgelegt, zu der sie in früheren Zeiten Jahre und Tage gebraucht hat. Sie ist über den Westerwald dahingeflogen und über seine jetzt so kultivierten Sümpfe und Moore; sie ist über ihre einstmals so große Heide geflogen, die jetzt zum größten Teil umgepflügt und bepflanzt ist. Der Hügelabhang, hinter dem sie in der Nacht landete, liegt nicht weit von dem verfallenen, von Ratten wimmelnden Torfschuppen, und der Wald, in den sie jetzt Einkehr hält, ist -- wilder Wald.
Aber sie kennt ihren großen wilden Wald nicht wieder!
Dort, wo noch vor zwei Jahrzehnten, als sie in der hohlen Buche auf der Hügelkette vor dem Waldsee wohnte, alte, herrlich dichte Tannen wuchsen, wo es selbst an glühenden Sommertagen dunkel und kühl war, ragen jetzt lange, gestengelte Stöcke in die Höhe. Und da ist immer Spektakel! Die Menschen treiben sich dort herum und hauen weg, so daß nur die steifsten von den Stöcken übrig bleiben.
Der neue Wald sieht aus wie hohes Gras.
Und treiben die Menschen sich dort nicht herum, so zerrt der Wind fast immer an den Wipfeln; die Bäume ihrer Kindheit standen frei und offen, sie konnten sich, ohne einander zu hindern, wiegen und biegen.
Und nun die alten Riesen mit den vielen Knorren, Narben und Löchern, die _sie_ Bäume zu nennen pflegte und nicht Gras -- die sind weg. Die Axt hat sie wohl genommen, lange bevor der Sturm sie hat holen mögen.
In einer kleinen, krummen, dichtkronigen Buche läßt sie sich nieder!
Es ist eine Krüppel-Buche -- einigen Bäumen ergeht es nämlich wie einigen Menschen: je mehr sie in Regelmäßigkeit und Schemaform hineingezwängt werden, um so mehr kommen sie mit der Neigung zum Ausschreiten zur Welt. Sie werden sonderlich -- und wollen nicht gut tun! Viel von dem Samen, den die langaufgeschossenen, hochkultivierten Buchen um sich werfen, und den sie von Winden und Vögeln über das umliegende Land hinaustragen lassen, artet nicht im geringsten nach seinem Ursprung. Der Nachwuchs wird krumm und buckelig, treibt Zweige in rechten Winkeln und bildet, wenn er Erlaubnis erhält, lange genug zu stehen, die wunderlichsten Labyrinthe aus seiner Kronenwölbung. Die Forstleute haben geradezu neue Namen für diese Sonderlinge; sie nennen sie Krüppel.
In der dichtverfilzten Zweigkrone einer solchen Krüppelbuche haust Strix fast einen ganzen Monat.
Aber was hilft es ihr, daß sie endlich Häusung gefunden hat -- Tagesruhe und Waldesfrieden hat sie nicht gefunden.
In alten Zeiten waren Tagesruhe und Waldesfrieden so sicher wie die Sonne am Himmel. Wenn sie damals aus ihrem Mittagsschlummer in dem hohlen Baumstamm erwachte, hatte sie nur den Gesang der Jahreszeit im Walde gehört: im Winter den Sturm und das Sieden und Brausen. Im Herbst den Regen und den Tropfenfall und das Plätschern. Im Frühling das Bersten der Knospenschalen und das Glucksen und Saugen des Holzsaftes aus Wurzel und Faser.
Und im Sommer hatte sie damals nur das Zittern der Blätter, das Summen der Insekten, den Diskant der Mönchgrasmücke und das Gurren der Holztaube gehört, alles das, was naturgemäß mit zu dem Waldfrieden gehörte und gleichsam die Stille verdoppelte.
Jetzt dahingegen -- nein, sie gewöhnt sich niemals daran, sondern fährt jede zweite, dritte Minute auf: Ein Wagen nach dem andern kommt dahergerollt, Rufen und Rennen von Menschen ertönt; dann bellt ein Hund, ein Schuß knallt; das Gellen von Pfiffen erschallt und das aufgeschreckte Gebrüll von Waldhörnern. Der Wald hat sich verändert; der neue Wald hat andere Gewohnheiten als der alte -- und die sind ihrem Wesen und ihrer Natur ganz zuwider.
So muß sie denn weiter, -- nach nur ein paar Monaten! Sie muß den Kreis schließen und die letzte Strecke der weiten, starkgebogenen Kurve zurücklegen, in der sie seit ihren frühesten Tagen vorwärts getrieben wurde.
Gewandert ist sie auf ihre Weise -- und nun geschieht es, daß der Instinkt und die neuen Verhältnisse in den Gegenden, aus denen sie kommt, sie nach den großen Fördenwäldern zurückziehen, wo sie einstmals gebrütet hat, und wo sie vor bald achtzig Jahren das Licht der Welt erblickte.
Der große Eichenstumpf, unter dem sie ihren Horst gehabt und ihr erstes Gelege Junge mit Uf ausgebrütet hat, ist nicht mehr da, und alles, was dunkel und urwäldlich war, -- was sie schön genannt hat -- ist weg ... nur draußen in einer Einöde, in einem sumpfigen, tiefgelegenen Winkel, den die Menschen jetzt die _Urwaldecke_ nennen, stehen auf einigen kleinen Inseln in einem schlammigen, noch unentwässerten Waldmoor ein paar alte, geschonte Rieseneichen.
Jahrhunderte und Jahrhunderte sind über die Eichen dahingegangen! Winter auf Winter, Frühling auf Frühling haben sie erlebt, haben sie genossen. Sie kennen den Himmel in Frostkälte mit Schneegestöber, in Lenzesblau mit Schneewolken, in Sommersonne und Herbstnebel; sie kennen Edelhirsch und Wildsau, Wolf und Bär -- und sie kennen den Menschen!
Aus dem Baumgewimmel des Urwaldes, aus seinem Chaos von Alt und Jung, Heimgegangenem und Neuem sind sie herausgestiegen, haben sie sich emporgelitten, emporgetrotzt und sich den Platz erkämpft, auf dem sie stehen. Vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie geblüht und die Wonne der Bestäubung genossen; vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie schwere, langapfelige Früchte um sich gestreut. Sie haben Generationen von Tieren und Generationen von Vögeln gefüttert, haben das Sonnenlicht von über tausenden von Jahren umgesetzt. Jetzt verebbt das Leben in ihnen, sie sollen der Erde zurückgeben, was sie einstmals empfangen haben.
Auf ein paar alten Bildern an der Wand des Forsthauses steht eine jede von ihnen wie ein einsam aufragender Turm. Die Photographien sind vor fast einem Menschenalter aufgenommen, als der Tannenwald auf den Hügeln rings um sie her nur eine kleine Anpflanzung war. Kein jetzt lebender Forstbeamter entsinnt sich der alten Eichen als Waldkönige zwischen Tannenzwergen stehend. Nur Strix sieht noch heutigen Tages immer das stolze Bild. Da ist sie Nacht für Nacht über den kleinen Tannen hingeschwebt und hat manch einen jungen Hasen, manch ein Rehkitz geschlagen, und Amseln hat sie zu hunderten genommen.