Part 8
Umgekehrt bewirkt jede Krankheit, jede starke Verwundung eine Veränderung der Ausdünstung, was allen Nasentieren wohl bekannt ist. Übrigens ist manchem Arzt mit guter Nase aufgefallen, daß selbst das stumpfe Geruchsvermögen des Menschen ausreicht, um beim Betreten eines Zimmers sofort erklären zu können: die Bewohner leiden an gewissen Krankheiten, zum Beispiel am Scharlachfieber. Der Bär, der die Spur eines gesunden Hirsches findet, kümmert sich nicht um diese, da er weiß, daß er ein normales, ausgewachsenes Rotwild nicht einholen kann. Sobald er aber eine solche von einem angeschossenen Hirsch wittert, folgt er ihr eiligst. Das sind für Jäger ganz bekannte Sachen. Bei einem schwerkranken Angehörigen konnte ich mich selbst von der Richtigkeit dieses Zusammenhanges überzeugen. Unser Hund beroch eines Tages den Patienten, heulte und war ganz verstört. Der herbeigeholte Arzt untersuchte ihn, und erklärte, daß für die nächsten Tage jede Gefahr ausgeschlossen sei. Der Hund behielt aber recht, denn vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden war der Patient eine Leiche. Die beginnende Zersetzung des Körpers hatte er wahrscheinlich durch sein Geruchsvermögen wahrgenommen, wie ja auch die Hunde Friedrichs des Großen sich von ihrem Herrn kurz vor seinem Tode mit allen Zeichen der Trauer abgewendet haben sollen.
Es liegt nun auf der Hand, daß wir uns wohl äußerlich so hinlegen können, wie ein Toter, auch den Atem anhalten können und dergleichen, daß wir uns aber niemals die Ausdünstung eines Toten anschaffen können. Und das wäre doch bei Bär und Wolf die unerläßliche Voraussetzung.
Wer hiernach noch nicht überzeugt ist, daß das Mittel durchaus verfehlt erscheint, dem möchte ich noch mit einem schlagenderen Beweise kommen. Für den Nutzen des Sichtotstellens wäre doch die erste Voraussetzung, daß das in Frage kommende Raubtier keine Leichen frißt. Hieran kann doch nicht der geringste Zweifel bestehen.
Daß der Bär Leichen frißt, ist wohl unbestritten, heißt er oder wenigstens eine Art von ihm doch mit Recht Aasbär. Brehm führt dafür verschiedene Beweise an. So erlegte man in dem sibirischen Dorfe Makaro einen Bären auf dem Friedhofe, als er gerade beschäftigt war, einen kurz vorher beerdigten Leichnam auszugraben.
Was den Wolf betrifft, so braucht man nur daran zu erinnern, daß selbst die verwöhntesten Hunde vielfach eine Vorliebe für verweste Fleischstücke haben. Es ist daher kein Wunder, daß Isegrimm -- ebenso wie der Fuchs -- »eine leidenschaftliche Vorliebe«, wie Brehm sagt, für Aas hat.
Nur nebenbei sei bemerkt, daß die Annahme, die großen Katzenarten seien keine Aasfresser, sich als gänzlich irrig erwiesen hat. Vom Luchse schreibt neuerdings Baron ~v. Staël-Holstein~ in »Wild und Hund«, daß er tote Rehe selbst dann fresse, wenn sie schon wochenlang gelegen hätten. Selbst der Löwe geht nach v. Wißmann und anderen Afrikareisenden gern an Aas, und ~Selous~ erklärt ausdrücklich, der südafrikanische Löwe sei oft ein sehr schmutziger Fresser.
Das Ergebnis ist also folgendes: Das Sichtotstellen als Rettungsmittel kann schwerlich empfohlen werden, da alle Raubtiere mehr oder minder, gewiß aber Bär und Wolf, Leichenfresser sind. Die letztgenannten würden als Nasentiere beim Beschnüffeln eines anscheinend Toten sofort erkennen, daß es sich hier um eine Täuschung handelt.
So weit ich mich entsinnen kann, haben weder die alten Schriftsteller dieses Mittel empfohlen, noch habe ich jemals von einem zuverlässigen Jäger gelesen, daß er das Verfahren mit Erfolg probiert habe. Daß in der erwähnten Fabel der eine Jäger das tut, will nichts besagen, denn der andere klettert zu seiner Rettung auf einen Baum, was bekanntlich wohl bei einem Wolfe oder Löwen einen Zweck hätte, aber nicht bei Meister Petz, der selbst ein vorzüglicher Kletterer ist.
Trotzdem will ich die Möglichkeit durchaus nicht bestreiten, daß sich Menschen durch Sichtotstellen gerettet haben, und erkläre mir das folgendermaßen: Bei allen Raubtieren ist bekanntlich die Angriffslust sehr vom Hunger abhängig. Angenommen nun, ein satter Bär oder Wolf findet einen anscheinend toten Menschen, beriecht ihn und läßt ihn ruhig liegen, ~so wäre der Grund für sein Verhalten nicht der, weil er ihn für tot hält, sondern im Gegenteil, weil er merkt, daß er noch lebendig ist~. Denn gesättigt scheuen selbst die gefährlichsten Raubtiere den Menschen -- und mit vollem Rechte. Denn jedes Raubtier kennt wohl die Waffen aller anderen Tiere, aber nie die des Menschen (vgl. S. 19).
Bekannt ist es ja, daß der Wolf im Sommer entsetzlich feig ist, und nur im Winter, wenn der Hunger ihn tollkühn gemacht hat, den Menschen angreift. Nicht viel anders liegt die Sache bei dem Bären. So mag es denn hin und wieder vorgekommen sein, daß sie einen Menschen, der sich tot stellte, beschnüffelt und liegen gelassen haben, weil sie fürchteten, er könnte aufspringen und ihnen eins versetzen. Die Furcht vor dem lebendigen Erbfeind, nicht die Abneigung gegen den toten, war also für ihr Verhalten bestimmend.
Das Wiedererkennungsvermögen bei Menschen und bei Tieren.
Die Verfolgung von Verbrechern ist eine Hauptaufgabe der Kriminalpolizei, kaum jemals aber wurde so eifrig nach Mördern recherchiert, wie in der letzten Zeit. Da es sich um besonders gefährliche Patrone handelte, so nahm das Publikum an dieser Suche regen Anteil. Es verging wohl kaum ein Tag, an dem man nicht in seiner Zeitung lesen konnte:
Diese oder jene Person erkannte den Festgenommenen mit Bestimmtheit als den Mann wieder, der sich an dem betreffenden Tage durch sein Benehmen verdächtig gemacht hatte.
Wir wissen aus Erfahrung, wie häufig Irrtümer in der Rekognoszierung von Personen vorgekommen sind, selbst wenn die Zeugen ihre Aussagen beschworen und mit der größten Bestimmtheit gemacht haben. Deshalb wird auch kein erfahrener Polizeibeamter oder Richter ohne weiteres einer solchen Angabe Glauben schenken.
Nicht selten ist es vorgekommen, daß Tiere, die bei der Verübung eines Mordes zugegen waren, namentlich Hunde, später die Entdeckung des Mörders durch ihr Gebaren herbeiführten, indem sie ihn wütend anfielen.
Der Hund des Aubry, der unsern Goethe zur Niederlegung der Leitung des Hoftheaters veranlaßte, ist ja allgemein bekannt. Aber schon im Altertum finden wir Berichte ähnlicher Art. So erzählt ~Plutarch~ beispielsweise folgendes: Als König Pyrrhus mit seinem Heere marschierte, fand er einen Hund, welcher den Leichnam eines Gemordeten bewachte. Er erkundigte sich näher und erfuhr, daß der Hund schon drei Tage bei seinem erschlagenen Herrn verweilte, ohne einen Bissen zu fressen. Der König befahl, den Toten zu begraben, den Hund aber mitzunehmen und zu verpflegen. Wenige Tage darauf ward das Heer gemustert und defilierte vor dem König. Nicht weit von diesem saß der Hund und verhielt sich ganz ruhig. Unter den Soldaten befanden sich aber die Mörder seines Herrn, und als er diese bemerkte, schlug er laut an und stürzte sich wütend auf sie los, wobei er sich oftmals nach dem Könige umsah. Jetzt entstand Verdacht gegen die Mörder; es ward Befehl erteilt, sie zu ergreifen; und da noch andere Beweise ihrer Schuld hinzukamen, gestanden sie den Mord und wurden bestraft. --
Vom Standpunkte des Kulturmenschen aus wird man über eine solche Rekognoszierung von Verbrechern durch Tiere lächeln und folgendermaßen philosophieren: Schon der Naturmensch steht unendlich höher, als das unvernünftige Tier, noch höher der Kulturmensch, am höchsten diejenigen Menschen, die in den Brennpunkten der Kultur wohnen, also die Großstädter. Wenn sich nun schon der letztgenannte erfahrungsgemäß beim Wiedererkennen häufig irrt, so ist es direkt lächerlich, auf das Gebaren der Tiere das geringste Gewicht zu legen. -- Ist diese Deduktion zutreffend?
Ich wurde auf diese Frage wiederum hingewiesen, als ich kürzlich einem Vortrag zuhörte, den Dr. ~Heinroth~, langjähriger Assistent unseres Berliner Zoologischen Gartens, über seine Beobachtungen an gefangenen Tieren gehalten hat. Hierbei kam er nämlich auch auf das Wiedererkennungsvermögen der Tiere zu sprechen, und führte zum Beispiel folgendes an: Junge Wildenten, die eben aus dem Ei gekrochen sind, unterscheiden bereits nach ganz kurzer Zeit ihre Mutter unfehlbar von anderen Entinnen. Versucht man ein Entenkücken, das seine Mutter verloren hat oder in einer Maschine ausgebrütet ist, bei gleichaltrigen Genossen unterzubringen, so wird es von allen Geschwistern überfallen und eventuell getötet.
Dr. ~Heinroth~, der einer unserer vortrefflichsten Tierkenner ist, erklärte, daß er hier vor einem Rätsel stände, für das ihm jedes Verständnis fehlte. Kein Mensch sei imstande, unter zwanzig Entenmüttern eine bestimmte herauszufinden. Wohl bemerkt, handelt es sich hier um Wildenten, die im Gegensatz zu unseren zahmen Enten alle ganz gleich aussehen. Noch viel weniger sei aber ein Mensch imstande, gleichaltrige Kücken zu unterscheiden. Eine solche Leistung bringe jedoch bereits eine Ente im Alter von zwei Tagen mit unfehlbarer Sicherheit fertig.
Die Tatsachen an sich waren mir nicht neu. Ich kann auch das Erstaunen des Vortragenden nicht teilen, und zwar aus folgenden Gründen:
Wir Kulturmenschen werden durch unser Denken viel zu sehr von dem Betrachten äußerlicher Dinge abgezogen, während der einfache Mann sich ihm ganz widmen kann.
Ferner kommt die Macht der Übung hinzu. Man vergleiche hierzu: Ist das Tier unvernünftig? S. 78.
Daß reine Naturvölker auf diesem Gebiete dem Kulturmenschen unendlich überlegen sind, kann nur der bestreiten, der sich nicht belehren lassen will. Wenn diese Überhebung des Kulturmenschen nicht bestände, so hätten wir sicherlich nicht so viele schmerzliche Verluste in Südwestafrika erlitten.
Mag in Indianerbüchern manches übertrieben sein, das bleibt unbestritten wahr, daß die Sinne der Naturvölker schärfer und ihre Beobachtungsgabe größer ist. Ein Gelehrter, dessen Name mir entfallen ist, schilderte, daß ihn auf seinen Reisen seine Frau in Männerkleidern begleitete, ohne daß ihr Geschlecht bei Kulturvölkern jemals erkannt wurde. Bei einem Naturvolke durchschaute man jedoch sofort die Täuschung. Bei den Tieren ist das im gleichen Maße der Fall. Die meisten Hunde erkennen zum Beispiel allein am Tritt, ob ein Fremder oder ein Bekannter die Treppe hinaufkommt. Einen Kulturmenschen, der das gleiche mit seinen Ohren leisten kann, wenn der Kommende ein Durchschnittsmensch ist, also natürlich weder knarrende Stiefel trägt noch humpelt u. dgl., habe ich noch nicht kennen gelernt.
Dabei entwickelt sich diese Unterscheidungsfähigkeit bei Tieren schon wunderbar früh. Folgender Fall, der hierfür beweisend sein dürfte, ist mir im Gedächtnis geblieben.
Die Wirtin, bei der ich als Student wohnte, hatte einen jungen Hund geschenkt bekommen, der eben erst entwöhnt war. Er machte noch einen recht stupiden Eindruck und lag in einer Sandkiste im Hinterzimmer.
Um dieselbe Zeit erhielt ich von einem auswärtigen Freunde die Nachricht, daß er mich in den nächsten Tagen besuchen und bei mir, wie bereits früher, übernachten wolle, was denn auch geschah.
Am anderen Tage brachte ich meinen Freund, der weiter fahren wollte, zum Bahnhof. Bei meiner Rückkehr erzählte mir meine Wirtin, daß sie in der Nacht durch das Winseln des Hundes aufgewacht sei und, da es nicht aufhörte, vermutet habe, dem Tiere fehle etwas. Sie sei daher aufgestanden, habe aber nichts finden können, was sein Benehmen erklärte. Trotzdem sei der Hund nicht zu beruhigen gewesen, bis sie schließlich auf den Gedanken gekommen sei, mein Freund sei angekommen. Da sie sehr zeitig schlafen gegangen sei, hatte sie von unserem Kommen nichts gehört. Ihre Annahme, der Fremde veranlasse das Winseln des Hundes, erwies sich auch als zutreffend, denn sowie er fort war, hörte es plötzlich auf.
Mit der Familie der Wirtin waren wir Mieter zusammen sechs Personen in der Wohnung. Der Hund war noch nicht eine Woche in der neuen Behausung, und schon unterschied er am Schritt, ob eine Person, die nicht dort wohnte, angekommen war.
Wenn ein Hund, der eben erst entwöhnt ist, eine solche Leistung vollbringt, so kann ich mich nicht wundern, daß eine junge Ente mit ihren Augen ähnliches leistet.
Täglich kann man ja derartiges beobachten. Wie schwer ist es nicht für uns zu unterscheiden, ob ein Kanarienvogel, ein Stieglitz usw. ein Männchen oder ein Weibchen ist. Den Vögeln selbst muß aber diese Unterscheidung keine Schwierigkeit bereiten, denn sie irren sich niemals. Man denke an die zahllosen Vogelberge, wo es uns unerklärlich ist, woran sich die Ehegatten wieder erkennen.
Wer da weiß, wie schwer die einzelnen Raubvogelarten zu unterscheiden sind, der hat sich gewiß schon oftmals gewundert, daß Hühner oder Schwalben und andere Vögel bei den ihnen ungefährlichen Raubvögeln sich ganz ruhig verhalten, dagegen sofort in Aufregung geraten, falls ein gefürchteter Feind auf der Bildfläche erscheint. Der Uhu vor der Krähenhütte erkennt selbst am Tage bereits einen drohenden Gegner -- er wirft sich dann auf den Rücken --, wenn das schärfste Menschenauge noch nichts wahrzunehmen vermag.
Es scheint sogar, als wenn junge Enten, die nicht imstande sind, ihre Geschwister und ihre Mutter von anderen zu unterscheiden, wie verkrüppelte getötet werden. Wenigstens spricht für diese Annahme folgender Fall, der sich vor einigen Jahren im Berliner Tiergarten abspielte, wo viele Wildenten brüten.
Bei dem knappen Raum ereignete es sich, daß zwei Schofe sich begegneten, und die Kleinen der beiden Mütter durcheinander gerieten. Trotzdem fand jedes Entchen sofort seine richtige Mutter. Nur eine kleine Ente irrte sich einen Augenblick und schwamm einige Schritte weit mit der fremden Mutter mit. Sobald sie ihren Irrtum bemerkt hatte, kehrte sie schleunigst zu den ihrigen zurück. Und was geschah nun? die eigene Mutter war so erbost, daß sie das Kleine packte und ertränkte.
Zum Erstaunen über das Wiedererkennungsvermögen junger Enten dürfte also nach den obigen Ausführungen kein Anlaß vorliegen. Der Kulturmensch steht leider auf dem unglückseligen Standpunkt, den schon die alten Griechen eingenommen haben, daß nämlich eine Malerei, die Menschen täusche, vollkommener sei, als eine solche, die Tiere irritiere. Daß das nicht unbedingt richtig ist, haben wir soeben gesehen.
Anhang
Kurze Bemerkungen zu einigen Kritiken meiner Bücher.
Wer neue Ansichten in unserm lieben Vaterlande aufstellt, muß sich stets zweierlei gefallen lassen. Einmal wird ihm von einem Teile der Kritiker entgegengerufen: »Das ist ja alles längst bekannt!« -- Sodann aber treten Gegner auf, die ihm zu beweisen suchen, daß alles, was er sage, vollkommen falsch sei. Beides ist bei mir natürlich ebenfalls eingetroffen. Um Irreführungen vorzubeugen, möchte ich hierzu folgendes bemerken:
Wenn die Theorie mit dem Verhältnis zwischen Auge und Nase längst bekannt gewesen wäre, so müßte es doch ein leichtes sein, nur eine einzige Stelle anzuführen, wo sie vor mir aufgestellt worden ist. In den gangbarsten zoologischen Werken, so in dem Tierleben von Brehm findet sich keine Spur davon, und zwar weder in der von Brehm selbst noch in der von seinem Nachfolger bearbeiteten Auflage, ebensowenig bei Haacke-Kuhnert und den Werken des Professor Marshall, ferner von Professor Heck und Matschie usw. Selbst nach dem Erscheinen meines Buches: »Ist das Tier unvernünftig?« hat z. B. +Dr.+ Schäff, Direktor des Zoologischen Gartens von Hannover, in seinem neuerdings veröffentlichten Werke »Jagdtierkunde« zu dieser Ansicht nicht einmal Stellung genommen -- sie muß ihm also selbst heute noch ganz unbekannt sein. Ebenso hat Dr. Heinroth, langjähriger Assistent im Berliner Zoologischen Garten, der als einer der besten Tierkenner bekannt ist, im vorigen Jahre in einem Vortrage, dem ich beiwohnte, zwar zugegeben, daß Vögel nicht wittern können, aber z. B. von den Hirschen behauptet, daß sie sowohl wittern wie gut sehen können. Die hervorragendsten Vertreter der zoologischen Wissenschaft haben also noch heute keine Ahnung von einer Theorie, die angeblich schon längst bekannt war -- oder bekämpfen sie vereinzelt sogar!
Andererseits soll das angeblich längst Bekannte grundfalsch sein. Ich habe bereits erwähnt, daß so anerkannte Autoritäten wie v. Wißmann, Schillings und Oberländer, die in mehreren Erdteilen gejagt haben, mir im Prinzipe durchaus recht gegeben haben und könnte damit die Sache als erledigt betrachten, zumal ich noch mehr als ein Dutzend andere Namen anführen könnte, deren Träger ebenfalls im Auslande gejagt haben und von der Richtigkeit meiner Ansicht durchdrungen sind.
Damit ist natürlich keineswegs gesagt, daß alles, was in meinem Buche steht, unbedingt richtig sei. Im Gegenteil -- ich gebe ohne weiteres zu, daß einige Kleinigkeiten geändert bezw. umgearbeitet werden müssen. Das soll auch später geschehen. Ferner habe ich nur des leichteren Verständnisses wegen die Formel aufgestellt: Je besser die Augen usw. Genau ausgedrückt muß es heißen: ~Bei den höher organisierten Tieren ist die Summe aller Sinne gleich.~ Bei den Fledermäusen wird beispielsweise das schwache Sehvermögen nicht bloß durch die Nase, sondern auch durch das Tastvermögen ersetzt. Wenn aber bei der leichteren Fassung schon Mißverständnisse entstanden sind, dann kann man sich vorstellen, wie wenige die genauere Formulierung begriffen hätten.
Merkwürdigerweise hat kein einziger Gegner diesen Hauptmangel meiner Theorie bemerkt, was wohl der beste Beweis ist, wie wenig sie von der ganzen Sache verstehen. Übrigens wird mir jede sachliche Kritik stets erwünscht sein. So wurde ich brieflich darauf aufmerksam gemacht, daß der Ausdruck Dachs für Dachshund (vgl. Streifzüge S. 92) doch hin und wieder vorkomme. Auch gebe ich gern zu, daß der Zusammenhang von Maulaffen und Affen nicht wahrscheinlich ist. Hierauf wurde ich in zahlreichen Zuschriften aufmerksam gemacht. Ferner wurden gegen die Erklärung der Hufbewegungen edler Pferde (vgl. ebenda S. 76) von einigen Kavallerie-Offizieren Bedenken geltend gemacht. Diese Zuschriften sind eingehend geprüft worden und werden bei späteren Auflagen berücksichtigt werden. Bereits jetzt aber spreche ich allen den betr. Herren für das große Interesse, das sie meinen Arbeiten entgegenbringen, meinen aufrichtigen Dank aus.
Wer, wie ich, selbst viel kritisiert, darf selbstverständlich gegen Kritiken anderer nicht empfindlich sein. Von einem solchen Übelnehmen weiß ich mich auch vollkommen frei. Aber ich wünsche, von meinem Gegner Gründe, nicht Redensarten zu hören. Ich glaube mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß ich niemals eine gegnerische Ansicht getadelt habe, ohne meine abweichende Meinung eingehend zu begründen. Es ist möglich, daß ich mich in meiner Kritik irre, aber den guten Glauben wird mir niemand absprechen können.
Leider kann ich das gleiche nicht von einzelnen Gegnern sagen. Da nennt einer mein Buch eine Sensationsschrift, von der jeder käfersammelnde Knabe Teile widerlegen kann. Also ein Buch, das hauptsächlich aus Arbeiten besteht, die Jahre vorher veröffentlicht sind, ist eine Sensationsschrift! Und warum werden nun nicht die Teile genannt, die bereits ein dummer Junge widerlegen kann? -- Weil sie der Herr Kritiker selbst nicht angeben kann!
Andere Kritiker müssen aus Konkurrenzgründen durchaus etwas Falsches feststellen. Ich schreibe in den Streifzügen S. 16, daß der Affenfang durch Maiskorn, das sich in einem Gefäß befindet, mir nach den eigenen Beobachtungen an Affen und nach der Versicherung anderer Naturforscher wahrscheinlich vorkomme. Sofort wird mir der Blödsinn unterstellt, daß ich Ammenmärchen erzähle und diesen Bericht aus der Raffschen Naturgeschichte, die vor 100 Jahren erschienen ist, entnommen habe. Den Raff kannte ich damals gar nicht, finde jedoch nachträglich, daß bei ihm die Geschichte ganz anders und zwar mit Kokosnüssen erzählt wird. Schon hieraus konnte jeder entnehmen, daß Raff nicht meine Quelle sei. In Wirklichkeit stammt sie aus -- Brehm, der ausdrücklich an zwei Stellen diesen Affenfang bestätigt (2. Aufl. Bd. 1 S. 45 u. 204). Man sieht, es laufen heute »Kritiker« herum, die zoologische Bücher besprechen, ohne von Brehm eine Ahnung zu haben.
Den Vogel auf diesem Gebiete schießt aber der Forstmeister Rothe aus Görlitz ab, der vor einem halben Jahre eine Gegenschrift gegen mich veröffentlicht hat. Dieses Machwerk möchte ich doch etwas niedriger hängen. Zum besseren Verständnis muß ich folgendes vorausschicken.
Bereits vor dem Erscheinen meines Buches polemisierte Rothe gegen einzelne naturwissenschaftliche Ansichten von mir und betonte, daß für den Praktiker nur Brehm maßgebend sei. Aus diesem Grunde habe ich mich auf diesen von mir hochverehrten Naturforscher mit Vorliebe berufen, ferner ihn absichtlich wörtlich zitiert, wie auch die andern anerkannten Autoritäten, beispielsweise v. Wißmann, den »Zoologischen Garten« usw. Nun, sollte man meinen, könnte selbst der schärfste Gegner nichts auszusetzen haben. Denn hatte Brehm falsche Beobachtungen gemacht, so war es ja Pflicht seiner Anhänger gewesen, in den 30 Jahren seit dem Erscheinen der zweiten Auflage, seine Irrtümer zu berichtigen. Statt dessen hagelt es von Ausdrücken wie Ignorant, Zoologische Brunnenvergiftung, Stubengelehrter usw. Auf diese Tonart einzugehen, verbietet mir meine Erziehung.
Für die Leser von Jagd-Zeitungen ist diese Methode R.'s nichts Neues. Anrempeleien anderer Autoren kann man in den letzten Jahrgängen zur Genüge finden. Kürzlich hatte er über Goethe als Jäger geschrieben, und als ihm das Irrige seiner Ansicht überzeugend nachgewiesen war, verkroch er sich hinter der Ausrede, er hätte es nicht wörtlich gemeint. Obwohl er seit vielen Jahren für die Deutsche Jägerzeitung und »Wild und Hund« schreibt, hat weder der Neudammsche noch Pareysche Verlag seine Broschüre übernommen, ja sie ist bis heute -- mehr als sechs Monate seit ihrem Erscheinen -- mit keiner Silbe besprochen. Das läßt tief blicken -- würde Sabor sagen. Dagegen hat die Deutsche Jägerzeitung mein Buch in acht ausführlichen Artikeln wohlwollend beurteilt. Dabei ist es doch selbstverständlich, daß eine Jagd-Zeitung eher für einen Forstmeister als für einen Gelehrten eintritt.
Nun zur Sache selbst. Abgesehen von einigen unbedeutenden Kleinigkeiten hat R. nicht das geringste von meinen Grundsätzen widerlegt. Um aber den Anschein einer Widerlegung hervorzurufen, bedient er sich folgender Mittel:
1. Im Gefühle, sachlich nichts von Bedeutung einwenden zu können, wird er persönlich. Obwohl ich als Sohn eines Gutsbesitzers in einem kleinen Dorfe geboren bin und in frühester Kindheit schon von Hunden umgeben war, bin ich natürlich kaum aus der Stube gekommen usw. Es wundert mich nur, daß R. nicht auch behauptet, ich hätte noch niemals einen Hund gesehen.
2. Er wirft mit Phrasen-Kritiken um sich, ohne sie zu begründen. So wimmelt es in seiner Broschüre von Ausdrücken wie: es berührt peinlich (S. 15 u. 24), ist sehr bedenklich (S. 17), ist zu burlesk (S. 18) usw.
3. Er unterstellt dem Gegner die blödsinnigsten Ansichten und Aussprüche, die dieser niemals geäußert hat. Erkläre ich z. B., daß ich mäßig kurzsichtig bin und mit Nr. 16 volle Sehschärfe besitze, so kann man bei der Lektüre seiner Schrift den Eindruck erhalten, als hätte ich alle Beobachtungen ohne Glas gemacht. Daß z. B. Schillings und Präsident Roosevelt, gegen die R. doch der reine Waisenknabe ist, ebenfalls kurzsichtig -- und zwar, wie ich höre, in noch höherem Grade -- und trotzdem vortreffliche Tierbeobachter sind, wird natürlich wohlweislich verschwiegen. Habe ich ~eine~ Beobachtung vom Fenster aus gemacht, so habe ich sie ~öfter~ von dort aus gemacht. Schreibe ich, daß nur Nase oder Auge hervorragend sind, indem ich auf S. 75 ausdrücklich hervorhebe, daß das Gehör aller Tiere mindestens ebensogut wie das der Menschen sei, so wird mir der Blödsinn unterstellt, ein Nasentier, z. B. ein Hund, habe außer seiner Nase keinen Sinn usw. (S. 42), könnte z. B. nicht hören.