Straußenpolitik

Part 7

Chapter 73,608 wordsPublic domain

Schillings bestätigt also die gewiß nicht dumme Methode des Straußes, wenn Gefahr für die Jungen droht, die auch in diesem Falle wiederum Erfolg gehabt hat. Da ein Löwe außerstande ist, ein Pferd einzuholen, der Strauß aber noch schneller als ein Pferd ist, so konnten die Löwen selbstverständlich nur auf den Gedanken kommen, die Strauße zu verfolgen, wenn diese sich krank oder verwundet stellten. Nur dann hatte ihre Verfolgung Aussicht auf Erfolg.

Fassen wir das Ergebnis zusammen, so erklärt sich die Fabel von der »Straußenpolitik« dadurch, daß der Strauß in der Tat nicht sehr klug ist und infolge einer Reihe von seltsamen Handlungen noch dümmer erscheint, als er in Wirklichkeit ist. Bei Verfolgungen handelt er nicht unkluger als anderes Wild, und zur Rettung seiner Jungen wendet er eine, auch bei andern Hühnervögeln übliche, staunenswerte List an.

Wittern die Geier Tierleichen?

Der Glaube, daß die Geier ihre Nahrung, die fast ausschließlich in Tierleichen besteht, durch den Geruchssinn wahrnehmen, ist sehr alt. Bereits ~Plutarch~ schreibt: »Die Geier fliegen dem Geruche des Aases nach.« ~Plinius~ fügt noch etwas hinzu: nach ihm fliegen sie schon drei Tage zuvor an Plätze, wo es Leichen geben wird. Ebenso berichtet ~Älian~: »Der Geier frißt das Fleisch toter Menschen und Tiere, hält auch bei dem Wache, der dem Tode nahe ist. Er folgt den Heereszügen und weiß mit prophetischem Geiste, daß es im Kriege Tote gibt.«

Wie dieser Glaube entstanden ist, liegt klar auf der Hand. Zunächst wissen wir, daß zahlreiche Tiere ein äußerst feines Geruchsvermögen besitzen, wie z. B. Hund, Fuchs, Igel usw. Warum sollte zu diesen Geschöpfen nicht auch der Geier gehören? Das müßte man um so eher annehmen, als alle Anzeichen dafür sprechen. Hier liegt ein totes Rind, und obwohl nirgends ein Vogel im blauen Äther zu entdecken ist, haben sich nach kurzer Zeit eine stattliche Anzahl von Geiern um den Kadaver versammelt. Da nun der letztgenannte Gerüche ausströmen läßt, die selbst unsern stumpfen Nasen schon aus weiter Entfernung höchst lästig fallen, so scheint es ganz klar zu sein, daß witternde Geschöpfe diese Leichen bereits in unglaublicher Entfernung wahrnehmen.

Weil dieser ganze Gedankengang einen höchst überzeugenden Eindruck macht, so hat man an der Wahrheit der Annahme im allgemeinen kaum gezweifelt. Auch heute ist die überwiegende Mehrzahl von ihrer Richtigkeit durchdrungen. Und doch ist sie grundfalsch, wie sich aus dem nachstehenden ergeben wird.

Schon vor 50 Jahren schrieb der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~: »Genaue, in unserer Zeit angestellte Versuche haben gezeigt, daß die Geier nicht dem Sinne des Geruchs, sondern dem des Gesichts folgen, wenn sie Beute suchen.«

Aus welchem Grunde man überhaupt das feine Geruchsvermögen des Geiers bezweifelt hat, geht aus dieser Bemerkung nicht hervor. Ich bin der Überzeugung, daß Zweifel bis heute schwerlich aufgetaucht wären, wenn der Geier nicht zu den Vögeln gehörte. Für zahlreiche Jäger und Tierfreunde ist es nun längst eine ausgemachte Wahrheit, daß bei den Vögeln das Vermögen zu wittern nur in der Phantasie der bisherigen Beobachter existiert.

Ich habe in meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« ausführlich die Gründe dargelegt, weshalb eine feine Nase bei Vögeln ausgeschlossen ist. Dort führe ich auch an, daß bereits ~Brehm~ bestreitet, daß die Geier ihre Nahrung wittern. Er hält vielmehr ihr Auge für ihren wichtigsten und vorzüglichsten Sinn.

Zu demselben Resultate, daß sich die Geier lediglich durch das Gesicht orientieren, kommt neuerdings A. E. ~Bayer~ in »Hundesport und Jagd« auf Grund der sorgfältigen Beobachtungen, die von Fachleuten angestellt wurden.

»Was ist die Ursache der Geierversammlungen?« fragt ~Georg Byam~, der diese Vögel in Mittelamerika jahrelang sehr genau kennen gelernt hat. »Liegt diese Ursache im Gesicht oder im Geruch? Viele achtbare Urteile haben sich allerdings für den Geruch entschieden, aber ich möchte dieser Meinung nicht ganz beistimmen und bin vielmehr der festen Überzeugung, daß das Urteil zugunsten des Gesichts gefällt werden muß. Ich will einige Beweise beifügen. Ein eben getötetes oder vor Erschöpfung gefallenes Tier kann unmöglich einen Geruch um sich verbreiten, und dennoch versammeln sich in wenigen Minuten häufig unzählige Geier an einer Stelle, wo vorher kein einziger zu sehen gewesen ist, und sie kommen nicht bloß aus der Richtung, nach welcher der Wind weht, sondern aus allen übrigen Gegenden. Ohne Zweifel verhält sich die Sache folgenderweise: Die Geier steigen gewöhnlich so hoch in die Luft empor, daß wir sie nicht mehr sehen können, aber ihr scharfes Auge erspäht sogleich das gefallene Tier, und derjenige von ihnen, der es zuerst erblickt, beginnt augenblicklich einen geraden, schnellen Flug nach der Stelle, wo es liegt. Sobald aber ein Geier schnell und in gerader Richtung sich fortzubewegen beginnt, folgen ihm alle anderen, die mit ihm in der Höhe schweben, und geben zugleich, indem sie der Beute näher kommen, durch ihre kreisförmigen Bewegungen in der Luft ein zweites Zeichen für diejenigen Geier, welche das erste nicht bemerkt haben. Ich glaube, es ist ~Waterton~, der erzählt, daß er einst ein totes Tier sorgfältig unter Bäumen und Büschen verborgen hatte, daß aber trotzdem durch dessen Geruch die Geier aus ungeheurer Entfernung herbeigelockt worden wären. Ich habe dasselbe versucht, aber vielleicht war es Herrn ~Waterton~ unbekannt, daß die Geier die Hunde und Raubtiere beobachten und ihnen folgen. Während meines Aufenthaltes in Chile ertrank einst bei einem heftigen Regenguß ein Esel in einem Bach, über den man am nächsten Tage hätte hinwegschreiten können, ohne sich die Knöchel zu benetzen. Er wurde unter einen großen Baum gezogen und blieb dort zwei volle Tage liegen, ohne von den Geiern überfallen zu werden. Endlich entdeckten ihn einige Dorfhunde, und kaum waren sie eine halbe Stunde mit ihm beschäftigt, so hatte sich auch schon ein großer Schwarm von Greifgeiern versammelt, welche die Hunde vertrieben und den Esel in kurzer Zeit verzehrten. Dieser Fall spricht ganz und mehr wie jeder andere zugunsten des Gesichtes. Der hoch in den Wolken schwebende Vogel hatte mit seinem scharfen Auge die Hunde erspäht; er hatte augenblicklich seinen geraden Flug begonnen und war, begleitet von denjenigen seinesgleichen, die ihn beobachtet hatten, in kurzer Zeit zu der Stelle gelangt, wo die erwünschte Beute lag, die der Geruchssinn zwei Tage unbeachtet gelassen hatte. Ich halte das Gesicht für die eigentliche Ursache der Geierversammlungen, denn ich habe während eines sechsjährigen Aufenthaltes in Ländern, wo der Geier in Menge vorkommt, die Gewohnheiten dieser Tiere aufmerksam beobachtet und diese Meinung vollkommen bestätigt gefunden. Die ungeheure Höhe, zu welcher sie sich emporschwingen, gewährt ihnen einen weiten Überblick, während ihr scharfes Auge sie in den Stand setzt, ein totes Tier in unglaublicher Entfernung zu erspähen, und ihr Instinkt sie lehrt, die Bewegungen der Hunde und anderer fleischfressender Tiere, sowie den Flug ihres eigenen Geschlechts zu beobachten.«

Zu demselben Resultat kommt Sir ~Samuel Baker~ durch die reichen Erfahrungen, die er in den Nilländern gemacht hat. Er schreibt: »Man hat häufig die Frage aufgeworfen, ob der Geier durch den Geruchssinn oder durch die Schärfe des Auges zu seiner Beute geführt werde. Ich habe seinen Gewohnheiten viele Aufmerksamkeit geschenkt, und wenn es auch keine Frage sein kann, daß sein Geruch ein scharfer ist, so bin ich doch überzeugt, daß alle Raubvögel ihre Nahrung vermöge ihrer großen Sehkraft finden. Würde ein Geier blind, so müßte er verhungern, verstopfte man ihm aber nur die Nasenlöcher mit einem Stoff, der seinen Geruchssinn störte, so würde dies seine gewöhnliche Jagdart nicht wesentlich beeinträchtigen.«

»Wenn man die Gewohnheiten dieser Vögel beobachtet, so gibt es kein interessanteres Experiment, als ein totes Tier unter einem dichten Busch zu verstecken. Ich habe dies häufig getan, und immer bemerkt, daß die Geier es nicht finden, wenn sie nicht Zeugen seines Todes gewesen sind. War dies letztere der Fall, so fliegen sie bereits nach unten, während man den Körper versteckt, und werden ihn, wenn sie näher kommen, durch den Geruch entdecken. Tötet man ein Tier aber im dichten Grase, das acht bis zehn Fuß hoch ist, so finden die Geier es selten. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht, daß die Körper großer Tiere, zum Beispiel Elefanten oder Büffel, tagelang im Schatten dichter Nabbukgebüsche lagen, ohne daß ein einziger Geier erschien. Wären sie sichtbar gewesen, so würden diese Vögel sie zu Tausenden besucht haben.«

»Die Geier und Marabustörche fliegen in ungeheuren Höhen. Ich glaube, daß jede Art ihre bestimmte Ferne hat, und daß die Luft regelmäßige Schichten von Raubvögeln enthält, die, in ihrer ungeheuren Höhe dem menschlichen Auge unsichtbar, beständig auf ihren ausgebreiteten Flügeln ruhen und in Kreisen umherschwebend die Welt unten mit Fernrohrkraft beobachten. Von ihren ungeheuren Höhen beherrschen die Raubvögel ein außerordentlich weites Gesichtsfeld, und obgleich sie von der Erde aus unsichtbar sind, so kann doch kein Zweifel bestehen, daß sie bei ihrem beständigen Kreisen einander sehen. Bemerkt also ein Vogel unten auf der Erde einen Gegenstand, so wird sein plötzliches Hinabschießen von jedem folgenden Geier bemerkt und nachgeahmt. Sieht ein Geier, welcher der Erde am nächsten ist, einen Körper, oder gewahrt auch nur, daß die Mäusefalken sich an einem bestimmten Punkt sammeln, so weiß er sogleich, daß es eine Beute gibt. Er schießt der Stelle zu und gibt dadurch den andern ein telegraphisches Signal, welches jedem Geier von einer Luftstation zur andern schleunigst mitgeteilt wird.«

»Wird ein Tier abgestreift, so lockt die nun rote Oberfläche des Körpers die Geier augenblicklich an. Dies beweist, daß ihr Gesicht und nicht ihr Geruch sie zu einem Gegenstand führt, der auf Blut schließen läßt. Ich habe sie häufig beobachtet, wenn ich ein Tier geschossen hatte und meine Leute den Prozeß des Häutens begannen. Hatte ich mich auf den Rücken gelegt und blickte in die blaue Luft, in der nicht ein Wölkchen schwamm, so war zuerst nicht ein Vogel zu sehen; aber kaum war die Haut halb abgezogen, so erschienen am Himmel Punkte und nahmen rasch an Größe zu. Von den benachbarten Büschen hat es mehrmals gekrächzt, die Mäusefalken sind dicht an meine Beute herangeflogen und haben einen Klumpen geronnenes Blut vom Boden weggeschnappt. Die Punkte haben sich zu beflügelten Geschöpfen vergrößert, die in der großen Höhe wie Fliegen aussehen, und jetzt höre ich hinter mir ein Rauschen, wie von einem Wirbelwind, und es stößt ein rotköpfiger Geier herunter, der mit eingelegten Flügeln vom Himmel hastig auf das blutige Mahl herabgefallen ist und dem viele seiner Brüder schnell folgen. Die Luft ist jetzt von schwarzen Punkten bis zu den fernsten blauen Tiefen lebendig geworden und von allen Strichen der Windrose eilen Flügel herbei. Zuletzt bildet sich ein Kranz von Geiern, die in weitem Kreise über uns schweben, denn sie zaudern, sich herunterzulassen, drehen sich aber beständig um den Gegenstand ihrer Begierde. Plötzlich erscheint der große Geier mit kahlem Halse. Das Tier ist abgehäutet worden und die Leute haben das beste Fleisch an sich genommen. Nun ziehen wir uns hundert Schritte vom Schauplatz zurück. Ein allgemeines Flattern und Herabfliegen findet statt, und Hunderte von hungrigen Schnäbeln zerren an dem Abgang. Der große Geier mit nacktem Halse fordert von dem Haufen Respekt, aber eine neue Form ist in der blauen Luft erschienen und kommt rasch herunter. Zwei lange, häßliche Beine, die unter den ungeheuren Flügeln herabhängen, berühren jetzt den Boden, und ›Abu Sin‹ -- (›Vater des Schnabels‹, der arabische Name für den Marabu) ist angekommen, und stelzt hochmütig durch den Haufen, bahnt sich mit dem langen Schnabel einen Weg durch die kämpfenden Geier und nimmt den Löwenanteil des Mahls. Abu Sin, der letzte, aber nicht der kleinste, ist von den höchsten Regionen herbeigekommen, alle andern hatten vor ihm einen Vorsprung.«

Nach diesen sorgfältigen und einwandfreien Untersuchungen kann es nicht dem mindesten Zweifel unterliegen, daß die Geier und die Raubvögel überhaupt sich lediglich nach dem Gesichte richten. Denn sie kreisen, was nur bei einem Sehgeschöpf, nicht aber bei einem Nasentier einen Zweck hat, und kommen zu dem Aas in den verschiedensten Windrichtungen. Sodann fallen sie auf die Tierleichen, die noch nicht riechen, umgekehrt finden sie stinkendes Aas nicht, wenn es verborgen liegt. Hiermit vergleiche man, daß zum Beispiel der feinnasige Fuchs in unzähligen Fällen verscharrte Leichen ausgegraben hat.

Weil Vögel nicht wittern können, so erklärt sich daraus, daß man selbst den klügsten, zum Beispiel Kanarienvögeln, fremde, ja Elfenbeineier unterlegen kann. Nun verstehen wir auch, weshalb ein Falke, den Liebe besaß, Siegellack für rohes Fleisch hielt. Ähnliches berichtet Baker vom Mäusefalken. Er schreibt nämlich: »Dieser Vogel, dessen außerordentliche Kühnheit jedermann kennt, ist allgegenwärtig, und verläßt sich im allgemeinen auf sein Gesicht. Er stößt auf ein Stück rotes Tuch, das er für Fleisch hält, und beweist dadurch, daß er sich auf sein Gesicht mehr verläßt, als auf seinen Geruch.«

Würde wohl jemals ein Hund Siegellack oder ein rotes Tuch für rohes Fleisch halten?

Zum Schlusse möchte ich noch andeuten, wie sich die eingangs erwähnten Fabeleien der Alten, daß die Geier bereits einige Tage vorher den Tod eines Geschöpfes merken, ungezwungen erklären lassen. v. Wißmann erzählt folgendes Erlebnis von seinen afrikanischen Jagden:

»Als ich bei meiner ersten Durchquerung Afrikas, von Westen kommend, den Tanganika-See überschritten hatte, sah ich das erste Zebra in der Wildnis und erlegte es auch nach langem mühsamen Anpirschen. Diese Jagd ist mir wegen des Gebarens zweier Adler fest in der Erinnerung haften geblieben; langsam kroch ich auf Knien und Händen heran, was bei dem kurz abgebrannten Gras, von dem noch verkohlte, dicke, harte Stoppeln am Boden standen, sehr beschwerlich war, und hatte meine ganze Aufmerksamkeit auf die Zebras vor mir gerichtet, als ich plötzlich dicht über mir ein Rauschen hörte. Ein Schatten fuhr über mich dahin, und ich fühlte den Luftzug von den Flügelschlägen eines großen Adlers, der dicht über mir dahinschoß, und dem gleich darauf ein zweiter folgte. Die Räuber der Luft kreisten dann über mir und sausten dann über mich dahin, so daß mir der Gedanke kam, ob ich nicht lieber das Gewehr gegen die mächtigen Raubvögel wenden sollte. Offenbar hielten sie mich für ein krankes Wesen, das mühselig über den Boden kroch und für ihre Fänge eine willkommene Beute sei.«

»Erst als ich auf das Zebra schoß, das unterm Feuer zusammenbrach, überschlugen sich die beiden Adler vor Schreck und strichen dann eiligst davon.«

Hier sieht man wiederum ganz deutlich, wie sich die Raubvögel ganz allein nach dem Gesicht richten, denn daß ein gesunder Mensch keinen Kadavergeruch ausströmen kann, liegt auf der Hand. Aus solchen Vorfällen, wenn sich wirklich schwerkranken Menschen Geier und Adler näherten, haben aber sicherlich die Alten den Schluß gezogen, daß diese Tiere den herannahenden Tod im voraus merken.

Die Schnepfe als angeblicher Mediziner.

Vor einiger Zeit ging durch die Presse folgende Nachricht: Wie eine Jägerzeitung berichtete, hätte eine am Ständer (Beine) verwundete Schnepfe sich um die Wunde einen regelrechten Verband aus Federn angelegt. Hierzu wurden allerlei liebenswürdige Bemerkungen gemacht. Die nächste Schnepfe würde wahrscheinlich ein englisches Heftpflaster oder einen antiseptischen Verband anlegen usw. In Wirklichkeit kann die Sache nicht so ohne weiteres als Jägerlatein angesehen werden. Allerdings ist der Streit fast hundert Jahre alt, ob die Schnepfe ihre Wunden zufällig oder absichtlich mit Federn beklebt. Ich will mich hier auf zwei Fachleute berufen, die beide in einer wissenschaftlichen Zeitschrift (im Zoologischen Garten) ihre Ansicht vertreten haben.

Dr. ~Quistorp~ schreibt nämlich folgendes:

»Letzthin wurden von den Herren Gebrüder ~Müller~ Zweifel geäußert an der Richtigkeit der Behauptung, daß Waldschnepfen sich zerschossene Ständer mit Federn kunstgerecht verbinden. Ich bedaure, daß ich nicht im Besitze solcher Ständer von Schnepfen, welche ich selbst erlegt habe, bin, da ich dieselben im 60er Jahrzehnt an den damaligen Redakteur der Wiener Jagdzeitung, Herrn Albert ~Imgo~, sandte; sonst würde ich die Herren ~Müller~ sicherlich von der Richtigkeit obiger Ansicht überzeugt haben.«

»Das eine Paar Ständer stammte von einer Schnepfe, nach welcher ich am zweiten Ostertage des Jahres 1863 gegen Abend schoß, und die mit zerschossenem einem Ständer wegflog, und zwar in einer Richtung, welche ich im Nachhausegehen einhalten mußte. Ich suchte deshalb der kranken Schnepfe nicht nach, um vor Sonnenuntergang noch den fehlenden Teil des Reviers abzusuchen. Kurz vor Sonnenuntergang schoß ich wiederum nach einer Schnepfe, die mit zwei zerschossenen Ständern wegflog, und zwar in eine Heide hinein. Dieser suchte ich nach, konnte dieselbe jedoch nicht finden, und wandte mich nun auf dem Heimwege der zuerst krankgeschossenen Schnepfe zu, die ich dann auch bald wiederfand und totschoß. Obgleich kaum eineinhalb Stunden vergangen, nachdem ich zuerst nach derselben geschossen, fand ich bei ihr den zerschossenen Ständer schon ganz kunstgerecht mit langen, ausgerupften Federn umwickelt, so daß der Ständer sich wie in einem Kleisterverbande befand. Die zweite Schnepfe, welcher ich beide Ständer zerschossen, fand ich zwei Tage darauf in der Heide; an ihren Ständern waren nur kleine Bauchfedern lose, aber in Menge, angeklebt. Auch Herr ~v. Homeyer-Wrangelsberg~ sandte mir den Ständer einer Waldschnepfe mit vielen, lose angeklebten kleinen Federn.«

»Ich habe daraus geschlossen, daß Schnepfen sich allerdings einen regelrechten Verband anlegen können mit langen Federn, daß dazu aber nur einer der Ständer zerschossen sein darf, damit sie mit Hilfe des Schwanzes und Schnabels den Verband anlegen können. Ich habe in meinem Leben viele solcher Schnepfen geschossen.«

Die Ansicht der bekannten Naturforscher Gebrüder Adolf und Karl ~Müller~ ist dagegen folgende:

»Es ist die Behauptung aufgestellt worden, daß Schnepfen, welche an den ›Ständern‹ verletzt worden seien, sich die Wunden mit ihren eigenen Federn mittels des Schnabels verbunden hätten. Zu diesem Schluß kam man durch geschossene Exemplare, bei welchen um verwundete Stellen der Füße Federn ihres Leibes wie eine ziemlich regelrecht angelegte Binde geschlungen waren.«

»Es ist uns durch einen befreundeten Oberförster, der ein tüchtiger Weidmann ist, ein derartiger Schnepfenständer zur Untersuchung übergeben und zum Geschenk gemacht worden. Es ist wahr, daß die um die Zehengelenke eng und fest angelegten Federn einem künstlichen Verbande gleichen. Die nähere Untersuchung -- und sie mußte leider auf Kosten der Vollständigkeit dieses dichten Verbandes geschehen -- zeigte jedoch, daß die Federn auf der schweißenden Wunde festklebten, und durch die Verbreitung des Schweißes rings um das Gelenk und die einzelnen Zehenwurzeln ebenfalls Halt erhielten. Ob hier der bekanntlich außerordentlich feinfühlige Schnabel, dessen Oberkiefer sich wie eine Greifzange zu biegen vermag, -- welche Eigenschaft wir beim Wurmen des Vogels und auch bei eben verendenden Exemplaren beobachteten -- tätig gewesen sein könnte, wollen wir nicht gerade in unbedingte Abrede stellen; wir halten es aber nicht für wahrscheinlich. Die Entstehung des Verbandes ist vielmehr nach unserer Überzeugung eine sehr natürliche. Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der Schweiß gerinnt, und beim Aufstehen oder Zurückziehen des Fußes vom Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund um die Umgebung der Wunde, welche, wie gesagt, den Schweiß verbreitet. Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue Bauchfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nötig, es formt sich alles gemäß der zufälligen Umstände, welche durch die Situation und die Tätigkeit des Vogels beim Fortbewegen usw. bedingt sind. Eine Baumlerche (+Alauda arborea+) hat uns dies in der Gefangenschaft zur Genüge klar gemacht. Bei solchen kleineren Vögeln kommt es sogar vor, daß bei heftiger Blutung der Fuß dermaßen festklebt, daß wegen der größeren Anzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Federn die Kraft des Vogels nicht ausreicht, den Fuß wieder zu strecken.«

»Wenn wir auch da, wo die exakte Beobachtung den Beweis liefert, immer gerne das Seelenvermögen des Tieres gebührend hervorzuheben bemüht sind, zu einem geschickten Chirurgen wollen wir doch die Schnepfe nicht avancieren lassen; das hieße wahrlich, ein Verdienst oder Talent anerkennen, wo keines vorhanden ist.«

Dieselbe Ansicht, wie die Gebrüder ~Müller~, hat auch kürzlich ein Herr ~Schlabitz~ verteidigt, indem er behauptet, auch an den Ständern, Tritten, Fängen usw. lege sich ein Verband sozusagen von selbst an, da die verwundeten Tiere das schmerzhafte Glied an den Körper ziehen, somit Federn auf die verwundete Stelle kommen, dort ankleben und beim Strecken des betreffenden Gliedes leicht ausgerissen werden. Ein ähnliches Beispiel hat Herr ~Schlabitz~ an einem Uhu beobachtet. Er erzählt: Ich schoß einen solchen leicht an, nur am oberen Schnabel ganz vorne, wo die scharfe Krümmung nach unten geht. Da ich keine andere Verwundung vorfand, beschloß ich, ihn lebend zu behalten. Ich gab ihm Elstern und Krähen zum Kröpfen, doch wollte er dieselben nicht annehmen, wogegen er Sperlinge und Mäuse gerne verschluckte. An dem Schnabel sah ich Federn angeklebt, und konnte feststellen, daß sich ein fester Verband angelegt hatte. Ich versuchte, sie mit einem Federmesser zu entfernen, aber die Wunde fing sofort an zu schweißen, so daß ich einen weiteren Versuch unterließ. Dann fiel der Verband nach ganz kurzer Zeit von selbst ab. Von dieser Zeit beobachtete ich auch, daß der Uhu ebenso gern wieder Elstern, Krähen und sonstige Raubvögel kröpfte.

Sichtotstellen als Rettungsmittel.

In den Erzählungen unserer Lesebücher wird häufig das Sichtotstellen als vorzügliches Rettungsmittel gegen Raubtiere empfohlen. Schon in der bekannten Fabel von den beiden Freunden, die das Fell des Bären früher verkauften, als sie ihn erlegt hatten, wird dieses Verfahren als zweckentsprechend erwähnt. Ich möchte im folgenden die Gründe auseinandersetzen, weshalb ich zu diesem Mittel kein Zutrauen haben kann.

In meinem Buche: »Ist das Tier unvernünftig?« habe ich ausführlich dargetan, daß ein Teil der Tiere seinen Grundsinn in den Augen, ein anderer in der Nase hat. Im westlichen Europa kamen in früheren Jahrhunderten als menschengefährdende Raubtiere nur Bär und Wolf in Betracht, da weder Luchs noch Fuchs, ebensowenig auch die Wildkatze, einen Menschen angreifen, um ihren Hunger zu stillen. Nun liegt es auf der Hand, daß weder Bär noch Wolf als Nasentiere eine sich totstellende Person ohne weiteres für tot halten werden. Ein Sehgeschöpf, ein Raubvogel, ein Löwe, Luchs, wie ein Mensch, mag ja dadurch getäuscht werden, ein Nasengeschöpf gewiß nicht.

Jeder Hundebesitzer wird gewiß bestätigen, daß er als Schlafender niemals von seinem treuen Wächter für tot gehalten worden ist. Der Grund ist ja auch sehr einleuchtend. Der Hund richtet sich nach der Nase und beschnuppert den Schlafenden. Da dieser wie ein Gesunder ausdünstet, so kann er ihn natürlich nicht für tot halten.