Part 6
»Da hatte ich einmal einige vertrocknete Semmelecken, die sich als liegengelassenes Frühstück im Schreibtisch vorfanden, in den Garten geworfen. Es mochten vielleicht fünf Stücke sein, die verstreut im letzteren auf dem Schnee umherlagen. Sehr bald kam eine Krähe vorbeigestrichen, sah die Semmeln liegen und machte sich darüber her. Sie hackte energisch auf das harte Zeug ein, wobei ich aber beobachten konnte, daß sie nicht einen Augenblick ihre Umgebung außer acht ließ. Sobald sich nun in der Ferne eine andere Krähe zeigte, unterbrach die erste sofort ihr Frühstück, lief ein Stück weg auf den Mauerrand und äugte stillvergnügt in die Welt hinein, als ob überhaupt nicht los sei. Ich wäre beinahe geneigt zu behaupten, daß sie dazu eine möglichst harmlose Grimasse geschnitten habe. Sobald dann die andere Krähe vorbeigestrichen war, kehrte die erste sofort wieder zu ihrer Mahlzeit zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch öfter, bis von den Semmeln nichts mehr da war. Ich kann sagen, ich habe über den drolligen Vorgang herzlich gelacht.«
Verstellungskünste bei Vogeleltern.
Uralter, in der Natur der Dinge liegender Erfahrungssatz ist es, daß gerade die Frauen die krummen Wege lieben. Eine Penelope ist nicht nur wegen ihrer rührenden Gatten- und Mutterliebe das Ideal einer Frau, sondern sie zeigt sich auch als echtes Weib darin, daß sie die bösen Freier viele Jahre hindurch an der Nase herumführt.
Auch bei den Tieren verstehen viele Weibchen, insbesondere die Vögelmütter, das Verstellen vortrefflich.
Schon den alten Römern sind diese Verstellungskünste aufgefallen. So schreibt z. B. ~Plinius~ vom Rebhuhn folgendes:
»Nähert sich jemand dem Neste des Rebhuhnes, so läuft ihm das Weibchen vor die Füße, stellt sich krank und lahm, läuft oder fliegt etwas weiter, fällt nieder, als hätte es einen Flügel oder ein Bein gebrochen, läuft wieder weiter, der Mensch hinterher; aber er hofft vergeblich, denn das Rebhuhn verstellt sich nur, und hat die Absicht, ihn vom Nest wegzulocken.«
Hiermit steht ganz im Einklange, was ~Naumann~ darüber schreibt: »Rührend ist es, die unbegrenzte Sorgfalt der Eltern um ihre lieben Kleinen zu beobachten. Ängstlich spähend, von welcher Seite Unglück drohe, oder ob es abzuwenden sei, läuft der Vater hin und her, während ein kurzer Warnungslaut der Mutter die Jungen um sich versammelt, ihnen befiehlt, sich in ein Versteck zu begeben, schnell einem jeden ein solches im Getreide, Grase, Gebüsche, hinter Furchen, in Fahrgeleisen und dergleichen anweist, und, sobald sie alle geborgen glaubt, mit dem Vater alles aufbietet, um den Angriff zu vereiteln oder abzuwenden. Mutig stellen sich beide Eltern nun dem Feinde entgegen, greifen ihn im Gefühl ihrer Schwäche jedoch nicht an, sondern suchen seine Aufmerksamkeit von den Jungen abzuziehen, bis sie glauben, ihn weit genug entfernt zu haben. Dann fliegt zuerst die Mutter zu den Jungen, welche ihr angewiesenes Versteck indessen um keinen Fuß breit verlassen haben, zurück und versucht, diese eiligst ein Stück weiter fortzuschaffen. Sieht endlich der Vater alle seine Lieben in Sicherheit, so enttäuscht er auch seine Verfolger und fliegt davon. Sobald nun ringsumher alles wieder ruhig und die feindliche Störung verschwunden ist, läßt er seinen Ruf hören, welchen die Mutter sogleich beantwortet, worauf er sofort zu seiner Familie eilt.«
Der ausgezeichnete Zoologe ~Lenz~ bestätigt ebenfalls, daß es die List mancher Vögel ist, sich beim Neste oder bei kleinen Jungen lahm zu stellen, um den Feind von der Brut weg und irre zu führen. Dieser Zug schlauer Berechnung täuscht Tiere jedesmal, auch den Menschen immer, solange er noch nicht durch längere Erfahrung oder durch Belehrung zur Einsicht gekommen ist.
Von einem Müllerchen erzählt er folgende Geschichte:
»Ein recht auffallendes Beispiel solcher Verstellungskunst hat mir der Ober-Medizinalrat ~Buddeus~ zu Gotha mitgeteilt: Er bemerkte auf einem pyramidenförmig zugeschnittenen, dichten Baum seines Gartens ein Müllerchen und begann, es aufmerksam zu betrachten. Da schien das Tierchen plötzlich krank zu werden, begann zu schwanken und fiel dann wie tot vom Baum gerade ins Gras herab. Der Ober-Medizinalrat sprang zu, es zu ergreifen; es raffte sich aber scheinbar mühsam auf und flüchtete langsam flatternd vor ihm her ins Gebüsch. Von der Verfolgung zurückgekehrt, untersuchte er den Baum genauer und fand da drei kleine, kaum ausgeflogene junge Müllerchen ruhig auf einem Ästchen sitzend. Die Mutter hatte nur die Rolle des Sterbens gespielt, um den vermeintlichen Feind abzulocken. Am folgenden Tage suchte der Ober-Medizinalrat die Müllerchen wieder auf: das Tierchen stürzte wieder genau wie am vorigen Tage zu Boden und flatterte dann vor ihm her. An den nächstfolgenden Tagen berief er einzelne Freunde, das Wunder mit anzusehen, und es wiederholte sich regelmäßig, bis die Jungen etwas selbständiger waren. Dieselbe Kunst trieb das nette Tierchen auch noch in den zwei folgenden Jahren, wo es wieder in dem Garten nistete.«
Noch merkwürdiger ist vielleicht das Benehmen einer Sumpfohreule, worüber ~Tancré~ in den »Ornithologischen Briefen von ~E. F. v. Homeyer~« berichtet. Hier wird folgendes geschildert:
»Über ein interessantes Benehmen dieser Art beim Nest, das ich mit keinem andern Namen als ›Überlegung‹ bezeichnen kann, will ich Ihnen eine Mitteilung machen. Ich fand nämlich im vorigen Sommer auf einem mit Weiden- und Erlengebüsch bestandenen und mit hohem Rohr und Gras bewachsenen Terrain der Peenewiesen ein Nest dieser Eule, geleitet durch das Männchen -- vermutlich --, welches mich mit dem bekannten, dem Hundegekläffe ähnlichen Angstruf umflog. Das Nest, von dem das Weibchen abflog, stand versteckt unter einem Weidenbusche und enthielt fünf bis zum Ausschlüpfen bebrütete Eier. Da mir die Dunenjungen hiervon in der Sammlung fehlten, so beschloß ich, diese später zu holen, und machte mir ein Zeichen, indem ich ein Stück weißes Papier auf der Spitze des nächsten Busches befestigte.«
»Als ich nach acht Tagen die Eulen abholen wollte, war das Papier fort. Vielleicht war es vom Winde allmählich losgelöst, möglicherweise aber auch durch die Alten entfernt. Ich mußte mich also aufs neue auf die Suche nach dem Neste begeben. Da kommt eine der Eulen, wahrscheinlich wieder das Männchen, angeflogen und fährt etwa zwanzig Schritte neben mir zur Erde in einen Busch. Deutlich höre ich jetzt das Piepen der Jungen, welches sie ausstoßen, wenn sie geätzt werden. Ich gehe dorthin, die Eule fliegt auf der anderen Seite des Busches heraus, aber das Nest kann ich nicht entdecken. Kaum habe ich mich in anderer Richtung entfernt, als die Eule abermals in den Busch fliegt und ich wiederum die Jungen höre. Nochmals durchsuche ich den Strauch in der Meinung, daß vielleicht die Brut aus dem Neste entfernt und jetzt hier untergebracht sein möchte. Dies währt einige Minuten, während deren das Männchen umherfliegt. Da machte es dasselbe Manöver zum dritten male, aber auf der ~entgegengesetzten~ Seite von mir. Jetzt erst wird mir klar, daß ich getäuscht bin, eile möglichst leise nach dem Busch hin und sehe die Eule hinter ihm im Grase sitzen und selbst dies dem der Jungen so gleiche Gepiepe ausstoßen.«
»Nach genauer Orientierung und Suche fand ich dann das Nest wieder, wovon die Alte wiederum abflog und worin sich jetzt fünf sehr ungleich große Junge befanden.«
»Warum machte der Vogel es nicht, wie das erstemal und umflog mich nur mit Geschrei? Er hatte doch das Verständnis, daß er jetzt, nachdem im Neste die Veränderung vor sich gegangen, auch ein anderes, dementsprechendes Mittel anwenden müsse, um mich irre zu leiten, und ahmte deshalb den Jungen nach.«
In seinem bekannten Buche: »Bingo und andere Tiergeschichten« berichtet ~Thompson~ von den Leiden und Freuden einer Fasanenmutter, die ihre kleinen Jungen vor den zahlreichen Feinden schützen will. Es heißt dort:
»Drüben auf der Wiese erschien ein großer Fuchs; er kam ihren Pfad entlang, und sicherlich würde er sie in wenigen Augenblicken mit seiner feinen Nase wittern. Da gab es keine Zeit zu verlieren.«
»Krr! Krr! (Versteckt euch! Versteckt euch!) rief die Mutter leise, aber in bestimmtem Tone, und die armen Dinger, kaum größer als Eicheln und nur einen Tag alt, zerstreuten sich, um sich zu verbergen. Das eine verschwand unter einem Blatt, ein anderes zwischen zwei Wurzeln, ein drittes kroch unter ein Stück abgefallene Birkenrinde, ein viertes in ein Erdloch usw., bis alle geborgen waren. Nur eins konnte keinen Schlupfwinkel finden, es legte sich flach auf ein breites, gelbes Blatt, machte die Augen fest zu und glaubte nun sicher, von niemand gesehen zu werden. Die Kleinen stellten ihr furchtsames Piepsen ein, und alles war still.«
»Mutter Fasan flog dem gefürchteten Räuber gerade entgegen, ließ sich dann ein paar Schritte seitwärts von ihm nieder, begann mit den Flügeln zu schlagen, als ob sie lahm, ganz flügellahm wäre und jammerte wie ein von der Mutter verlassenes Kind. Bat sie um Gnade -- Gnade von einem blutdürstigen, grausamen Fuchs? O nein! so töricht war sie nicht! Oft hört man von der Arglist des Fuchses, er ist jedoch ein richtiger Gimpel gegen eine kluge Fasanenmutter. Hocherfreut bei der Aussicht auf einen leckeren Braten gerade vor seiner Nase, drehte sich der Fuchs plötzlich um und erwischte -- doch nein, ganz erwischte er den armen Vogel nicht, er entschlüpfte seinen gierigen Zähnen um Fußeslänge. Mit einem Satze war er hinterdrein und würde ihn diesmal sicherlich gefangen haben, wenn nicht gerade eine tückische Schlingpflanze dazwischen geraten wäre. Die Fasanenmutter hinkte davon, kroch unter einen Baumstamm, und Reineke sprang darüber, während seine sichere Beute, die jetzt etwas weniger lahm zu sein schien, einen ungeschickten Sprung vorwärts machte und einen Abhang hinunterrollte. Der Fuchs, immer hinterdrein, packte sie beinahe beim Schwanz, aber sonderbar genug, so schnell er auch lief und sprang, sie schien doch noch schneller zu sein. So etwas war dem alten Straßenräuber noch nicht begegnet. Ein flügellahmer Fasan und er, Reineke, der Schnellfüßige, konnte sie in einem Rennen von fünf Minuten nicht einholen. Es war eine Schande! Der Fuchs verdoppelte seine Anstrengungen, jedoch der Fasan schien in demselben Maße an Kraft zuzunehmen, und nach einem Wettlauf von einer Viertelmeile war der Vogel auf unerklärliche Weise wieder ganz gesund, er erhob sich mit einem beinahe verächtlich klingenden Schwirren und flog durch die Wälder davon, den Verfolger vollkommen sprachlos hinter sich zurücklassend, mit der niederdrückenden Erkenntnis, daß man ihn zum Narren gehabt.«
»Mittlerweile schwebte die Fasanenmutter in einem weiten Bogen nach der Stelle zurück, wo die Kleinen im Unterholz versteckt waren.« --
Selbst der als besonders dumm verschrieene Strauß benimmt sich gar nicht töricht, wenn es gilt, die junge Brut zu retten, wie folgender Bericht ~Andersons~ über ein Zusammentreffen mit einer Straußenfamilie, auf die Jagd gemacht wurde, beweist: »Sobald die älteren Vögel unsere Absicht bemerkten, begannen sie eine eilige Flucht, das Weibchen voran, hinter ihm die Jungen und zuletzt das Männchen, welches in einiger Entfernung von den übrigen die Flucht schloß. Es lag etwas wahrhaft Rührendes in der Sorge, welche die Eltern für ihre Jungen an den Tag legten. Als sie sahen, daß wir ihnen immer näher kamen, ließ das Männchen plötzlich in seinem Laufe nach und änderte seine Richtung; da wir aber doch von unserem Vorhaben nicht abstanden, beschleunigte es wieder seinen Lauf, ließ die Flügel hängen, so daß sie fast den Boden berührten, und sprang um uns herum, erst in weiteren und dann in engeren Kreisen, bis es uns auf Pistolenschußweite nahe kam. Jetzt warf es sich plötzlich auf den Boden, ahmte die Bewegung eines schwer verwundeten Vogels nach und stellte sich, als müsse es mit aller Kraft arbeiten, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich hatte bereits nach ihm geschossen und glaubte wirklich, daß es verwundet sei, eilte deshalb zu ihm hin, mußte aber bald erfahren, daß sein Betragen nur eine Kriegslist von ihm war; denn sobald ich ihm näher kam, stand es langsam auf und rannte in entgegengesetzter Richtung dem Weibchen zu, welches mit den Jungen schon einen bedeutenden Vorsprung erlangt hatte.«
Der Strauß denkt also gar nicht daran, bei Gefahr seinen Kopf im Gebüsch zu verbergen, wie gewöhnlich seit alter Zeit angenommen wird. Mit dieser Fabel werden wir uns sogleich näher beschäftigen.
Das Ergebnis der beiden Kapitel ist also folgendes: Zahlreichen Tieren ist die Heuchelei etwas ganz Geläufiges, Vogeleltern sind sogar häufig geborene Verstellungskünstler.
Straußenpolitik.
In politischen Reden kommt es nicht selten vor, daß der gegnerischen Partei vorgeworfen wird, sie treibe »Straußenpolitik«. Was darunter zu verstehen ist, weiß man allgemein. Seit alter Zeit herrscht nämlich der Glaube, daß der vom Jäger verfolgte Strauß in seiner Todesangst seinen Kopf in ein Gebüsch stecke und nun glaube, der Jäger sehe ihn nicht, weil er ihn auch nicht sehe. Man wirft also mit dem Ausdruck »Straußenpolitik« dem Gegner eine unglaublich törichte Handlung vor, indem er unangenehmen Situationen dadurch ausweiche, daß er sich verstecke oder sie einfach ignoriere, und nun glaube, sie existierten nicht mehr.
Es ist nun gewiß von allgemeinem Interesse zu erfahren, ob der Strauß denn in der Tat bei seiner Verfolgung sich so unglaublich dumm benimmt, oder ob hier, wie es so häufig geschieht, einem Tiere von dem Menschen Übles nachgeredet wird, das auf Unwahrheit beruht. Man denke z. B. an die Raben, die vortreffliche Eltern sind. Das hindert aber den Menschen nicht, besonders grausame Eltern als »Rabeneltern« zu bezeichnen (vgl. Tierfabeln S. 84).
Der leider so früh verstorbene Gouverneur von Wißmann hat in Afrika persönlich Strauße gejagt und nichts von der »Straußenpolitik« entdecken können. Da mich die Sache außerordentlich interessierte, so bat ich Herrn von Wißmann um nähere Auskunft über diesen Punkt. Mit größter Liebenswürdigkeit hat er mir eine ganze Reihe von Anfragen beantwortet und speziell bestätigt, daß die angebliche Versteckmethode des verfolgten Straußes weiter nichts als eine Fabel sei. Wie erklärt sich nun die Entstehung einer solchen Fabel?
Der erste, der die Erzählung von der merkwürdigen Methode des Straußes aufbrachte, ist wohl Diodorus Siculus gewesen, der zur Zeit des Cäsar und Augustus lebte. Wir lesen nämlich bei ihm folgendes: In Arabien gibt es Strauße (+struthocameloi+, wörtlich Straußkamele) die wie ihr Name andeutet, ein Mittelding von Strauß und Kamel sind. Das Tier geht auf zwei Beinen, die Füße sind zweizehig. Seiner Schwere wegen kann es nicht fliegen, dagegen läuft es schnell auf der Erde hin und berührt sie nur mit den Spitzen der Füße. Wird es von Reitern gejagt, so schleudert es mit seinen Füßen mit solcher Gewalt Steine gegen seine Verfolger, daß sie öfters schwer getroffen werden. Wird es von seinen Feinden eingeholt, so verbirgt es seinen Kopf in einem Busch oder sonstwo.
Plinius hat diesen Bericht übernommen und noch mit einigen Zusätzen versehen.
Was das Schleudern von Steinen gegen die Verfolger betrifft, so liegt hier unzweifelhaft ein Mißverständnis vor, wenn es als ein absichtliches Werfen aufgefaßt wird. Es kann natürlich leicht vorkommen, daß der flüchtende Vogel Sandballen oder Steine hinter sich schleudert und dann aus Zufall, nicht aus Absicht trifft. Übrigens besteht noch heute unter den Gemsenjägern dieselbe Verschiedenheit der Ansichten über den gleichen Punkt. Wird nämlich ein Jäger von einem Steine oder Felsstücke getroffen, das durch eine flüchtende Gemse in Bewegung gesetzt wird, so schwören die einen darauf, daß die Gemse absichtlich das Wurfgeschoß geschleudert habe, während andere in dem Getroffenwerden nur einen Zufall erblicken. Wenn also heute noch manche Menschen glauben, das verfolgte Tier schleudere gegen die Jäger Steine, so kann man sich absolut nicht wundern, daß im Altertum derselbe Glaube vom Strauße herrschte.
Die Versteckmethode hat man dem Strauß wohl deshalb angedichtet, weil bereits in der Bibel dieser Vogel als ein besonders dummes Geschöpf gilt. So heißt es bei Hiob, daß ihm Gott keinen Verstand mitgeteilt habe. Während andere die Vorsicht und Scheu des Riesenvogels rühmen, erklärt Brehm, daß er der Bibel beipflichten müsse.
Meiner Ansicht nach, berichtet er, gehört der Strauß zu den dümmsten, geistlosesten Vögeln, welche es gibt. Daß er sehr scheu ist, unterliegt keinem Zweifel: er flieht jede ihm ungewohnte Erscheinung mit eiligen Schritten, würdigt aber schwerlich die Gefahr nach ihrem eigentlichen Werte, weil er sich auch durch ihm unschädliche Tiere aus der Fassung bringen läßt. Daß er unter den klugen Zebraherden lebt und sich deren Vorsicht zunutze zu machen scheint, spricht keineswegs für seinen Verstand; denn die Zebras schließen sich ihm an, nicht er ihnen, und ziehen aus dem schon durch seine Höhe zum Wächteramte berufenen Vogel, welcher davonstürmt, sobald er etwas Ungewohntes sieht, bestmöglichen Vorteil. Das Betragen gefangener Strauße läßt auf einen beschränkten Geist schließen. Sie gewöhnen sich allerdings an den Pfleger und noch mehr an eine gewisse Örtlichkeit, lassen sich aber zu nichts abrichten und folgen augenblicklichen Eingebungen ihres schwachen Gehirns blindlings nach. Empfangene Züchtigungen schrecken sie zwar für den Augenblick, bessern sie aber nicht: sie tun dasselbe, wegen dessen sie bestraft wurden, wenige Minuten später zum zweiten Male; sie fürchten die Peitsche, solange sie dieselbe fühlen. Andere Tiere lassen sie gewöhnlich gleichgültig; während der Paarungszeit aber, oder wenn sie sonst in Erregung geraten, versuchen sie, an denselben ihr Mütchen zu kühlen und mißhandeln sie ohne Grund und Ursache, oft auf das abscheulichste. Ein männlicher zahmer Strauß, welchen wir besaßen, verwundete ein Weibchen, ehe er sich an dasselbe gewöhnt hatte, mit den scharfen Nägeln seiner Zehen gefährlich. Er schlug dabei immer nach vorn aus und zwar mit solcher Kraft und Sicherheit, daß er jedesmal die Brust der bedrängten Straußin entsetzlich zerfleischte. Uns fürchtete er ebensowenig wie die Tiere, und wenn er sich gerade in Aufregung befand, durften wir uns ohne die Nilpferdpeitsche in der Hand nicht auf den ihn beherbergenden Hof wagen. Niemals haben wir bemerkt, daß er zwischen uns oder Fremden unterschieden hätte; doch will ich damit nicht behaupten, daß er nicht nach und nach sich an eine bestimmte Persönlichkeit gewöhnen könne. Gern stimme ich mit Heuglin überein, wenn er sagt, daß sein ganzes Wesen das Gepräge von Hast und Eile trage, obschon er zuweilen auch längere Zeit wie träumend und gedankenlos ins Weite starre; entschieden aber muß ich meinem verstorbenen Freunde widersprechen, wenn er das Wesen auch als friedlich bezeichnet.
Hält Brehm demnach die Dummheit des Straußes nach seinen persönlichen Beobachtungen erwiesen, so sind unzweifelhaft noch eine Reihe von Umständen hinzugekommen, die den Riesenvogel für törichter erscheinen lassen, als er in Wirklichkeit ist. Dem gemeinen Mann muß doch ein Tier gewiß nicht als Ausbund der Weisheit erscheinen, das Flügel hat, aber trotzdem nicht fliegen kann. Hat doch deshalb Eucherius den Strauß mit einem Ketzer verglichen, der gewissermaßen die Flügel der Weisheit besitzt, aber von ihnen keinen Gebrauch macht.
Sodann liegen in der Nähe des Straußennestes häufig zertretene Eier, was sich nach Brehm folgendermaßen erklärt. Ein Hahn und mehrere Hennen pflegen gemeinsam ein Nest zu benutzen und zwar brütet das Männchen in der Hauptsache. Sitzt dieses nun bereits auf den Eiern und werden noch solche von einer Henne gelegt, so bleiben sie in der Nähe des Nestes liegen. In dieser Handlungsweise erblickte man im Altertum eine große Torheit. So heißt es bei Hiob vom Strauß: Der seine Eier auf der Erde lässet und läßt sie die heiße Erde ausbrüten. Er vergisset, daß sie möchten zertreten werden, und ein wild Tier sie zerbreche. Arabische Naturforscher behaupten sogar, daß der Strauß, wenn er ausgehe, um sich Nahrung zu suchen, und die Eier eines anderen Straußes finde, sich auf diese setze, sie ausbrüte, und darüber seine eigenen vergesse, weshalb der Strauß bei den Arabern Symbol der Dummheit sei, und sie das Sprichwort »dümmer als ein Strauß« hätten.
Schließlich mußte der Umstand sehr gegen die geistige Begabung des Straußes sprechen, daß er in der Gefangenschaft alles ihm Erreichbare hinabwürgt. Er scheint, sagt Brehm, einen unwiderstehlichen Hang zu besitzen, nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist, zu hacken und es womöglich aufzunehmen und in den Magen zu befördern. Ein ihm vorgeworfener Ziegelbrocken, eine bunte Scherbe, ein Stein oder ein anderer ungenießbarer Gegenstand erregt seine Aufmerksamkeit und wird ebensogut verschlungen, als ob es ein Stück Brot wäre. Daß Strauße zu Selbstmördern werden können, indem sie ungelöschten Kalk fressen, steht mit meinen Beobachtungen im Einklange. Wenn wir in Chartum etwas verloren hatten, was für eine Straußenkehle nicht zu umfangreich und für den kräftigen Magen nicht zu schwach war, suchten wir regelmäßig zuerst im Straußenkote nach dem vermißten Gegenstande und sehr oft mit Glück. Mein ziemlich umfangreicher Schlüsselbund hat den angegebenen Weg, wenn ich nicht irre, mehr als einmal gemacht. Berchon fand bei Zergliederung eines Straußes in dem Magen Gegenstände im Gewichte von 4,228 Kilogramm vor: Sand, Werg und Lumpen im Gewichte von 3,5 Kilogramm und drei Eisenstücke, neun englische Kupfermünzen, eine kupferne Türangel, zwei eiserne Schlüssel, siebzehn kupferne, zwanzig eiserne Nägel, Bleikugeln, Knöpfe, Schellen, Kiesel usw.
Es liegt auf der Hand, daß man ein Geschöpf nicht als klug ansehen kann, das so wahllos alles hinunterschluckt. Hierbei hat man ganz übersehen, daß alle Hühner zu ihrer Verdauung harte Körper brauchen, und daß die Handlungsweise des Straußes wohl seltsam ist, aber eigentlich nicht so töricht, wie es zunächst den Anschein hat.
Die Jagd auf Strauße ist wegen der großen Schnelligkeit der Tiere nicht leicht. v. Wißmann schildert, wie er es nur besonderen Umständen zu verdanken hatte, einen von den verfolgten Straußen einzuholen. Auch Brehm bestätigt, daß das Wort der Bibel: Zu der Zeit, wann er hoch fähret, erhöhet er sich und verlachet beide, Roß und Mann, vollständig der Wahrheit entspricht.
Hat der Strauß, der im Gegensatz zu den meisten Hühnervögeln ein vortrefflicher Vater ist, Junge bei sich, so weiß er trotzdem Rat, wie wir aus dem vorhergehenden Kapitel wissen. Der bekannte Afrikareisende Schillings erzählt in seinem Werke: »Mit Blitzlicht und Büchse« einen ähnlichen Fall. Er schreibt nämlich: »Eine ganz besonders interessante Beobachtung zu machen, war mir im Jahre 1900 vergönnt. Ich folgte viele Stunden lang der Fährte einiger Löwen und geriet dabei plötzlich auf ein Straußennest, mit teils schon ausgekrochenen jungen Straußen, teils im Ausfallen begriffenen Eiern. Zu meinem Erstaunen hatten die Löwen anscheinend die jungen Strauße verschmäht. Nach genauester Inspektion der Fährten aber wurde ich eines besseren belehrt. Die alten Strauße hatten in der klaren Mondnacht offenbar die großen Katzen rechtzeitig wahrgenommen und sie, wie es untrüglich aus den Fährten hervorging, durch geschickt bewerkstelligte Flucht von dem bedrohten Neste hinweggelockt. Etwa hundert Schritte vor dem Neste waren die Löwen, plötzlich in weiten Sprüngen den Straußen folgend, flüchtig geworden, um, nach kurzer Zeit das Vergebliche der Verfolgung einsehend, in ihren gewöhnlichen Schritt zu verfallen. So war es den Straußen gelungen, ihre bedrohte Brut zu retten! Es war mir von höchstem Interesse, diese Beobachtung machen zu können, die mir einen Beweis lieferte, wie geschickt sich diese großen Erdbrüter vor ihren gefährlichsten Feinden zu schützen wissen.«