Straußenpolitik

Part 5

Chapter 53,604 wordsPublic domain

»Mc Ginty versuchte stets das Original des Bildes hinter dem Spiegel zu finden. Er streckte seine kleine schwarze Hand so weit dahinter, wie er nur konnte, guckte über und unter dasselbe, klopfte an das Glas mit dem Finger, küßte und streichelte es und grinste hinein mit unendlichem Vergnügen. Oft drehte er es um, um die Rückseite zu betrachten, und wenn er da immer noch keinen Affen fand, riß er die Augen mit dem größten Erstaunen weit auf und stieß einen Ton aus, der mich stets an den eines kleineren Kindes erinnerte, das unter ähnlichen Umständen, z. B. wenn man vielleicht etwas im Scherz vor ihm versteckt hat, und es glaubt, es sei verloren gegangen, ausruft: ›fott, is fott!‹ Dann kehrte er den Spiegel wieder rasch um, als ob ihm auf einmal ein Gedanke gekommen sei, und wenn er nun das Bild wieder fand, lachte und schnatterte er, guckte und klopfte an das Glas, als ob er sagen wollte: ›Hei, da ist es, da ist es.‹ Aber niemals lernte er es, so wenig wie irgend ein anderer seiner Sippe, begreifen, wo nun eigentlich der Affe stecke, nach dem er hinter dem Spiegel vergeblich Ausschau hielt.«

»Mickie schien über sein Spiegelbild nicht sonderlich erbaut zu sein. Er betrachtete es immer aufmerksam, aber zweifelnd, und äußerte dabei ein gedämpftes Knurren, runzelte die Stirn und machte ein saures Gesicht, als ob er den neuen Affen für einen Eindringling halte. Selten redete er das Bild mit leisen, murmelnden Tönen an, machte niemals den Versuch, es hinter dem Spiegel mit seiner Hand zu ergreifen und ließ sich überhaupt auf keine weiteren Untersuchungen ein. Mickie war freilich sehr verzogen und daher sehr selbstsüchtig, wie Kinder unter solchen Umständen auch zu werden pflegen.«

»Der kleine Nemo betrachtete sein Ebenbild im Spiegel stets mit sehr forschender Miene und mit einem gewissen achtungsvollen Ausdruck, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken und ohne das geringste Zeichen von Aufregung, nur streichelte er das Bild im Glase und preßte im tiefsten Stillschweigen seine Lippen daran. Man hätte wirklich vermuten können, daß er das Bild für das eines teueren Entschlafenen hielt, das zärtliche Erinnerungen an vergangene Tage in ihm erweckte und sein Herz zu sehr erfüllte, als daß er Worte hätte finden können. Sein gesetztes Benehmen bei dieser Gelegenheit war wirklich sehr anständig.«

»Dodo schien sich immer vor dem Bilde zu fürchten, sie warf kaum einen Blick darauf und zog sich dann zurück. Manchmal gab sie einen Laut von sich, preßte selten ihre Lippen an das Glas und suchte nie nach dem Affen dahinter. Das kam vielleicht daher, daß sie vor einigen ihrer Mitgefangenen Angst hatte und eine Zunahme der Gesellschaft ihr vielleicht nicht gerade wünschenswert zu sein schien.«

»Nigger verriet großes Interesse für den Spiegel, wenn er mit ihm allein war; wenn aber die anderen Affen sich um ihn herumdrängten, um auch in das Glas zu sehen, zog er sich zurück, um möglichen Händeln aus dem Wege zu gehen.«

»Onkel Remus, der weißwangige Kapuziner, schnitt immer eine Reihe von Gesichtern mit der Feierlichkeit eines wenig beschäftigten Friedensrichters, der um so mehr von seiner Würde und Bedeutung durchdrungen ist, weil er nichts zu tun hat. Er sah erst in den Spiegel und dann auf mich, als ob er fragen wollte: ›Wo, zum Teufel, haben Sie denn diesen Affen aufgetrieben?‹«

»Das kleine im Zentralpark geborene Makakenkindchen versuchte das Spiegelbild in ein kleines Spielchen zu verflechten, beguckte es sich, gluckste, sprang lustig auf seine Stange und sah sich danach um, ob ihm sein Ebenbild dann nicht folge, kehrte darauf zum Glase zurück und versuchte das kleine Phantom wieder zu veranlassen, sich an seinen Spielen zu beteiligen. Dann sprang es auf seine Stange zurück, sah sich wieder um und konnte in aller Welt nicht begreifen, warum das kleine neue Äffchen nicht mitmache. Währenddem sah Papa Makak, ein alter gesetzter Herr, mißtrauisch und griesgrämig zu, zog auch einmal sein Kind vom Spiegel weg, als ob er wüßte, daß da irgend etwas Schlimmes dahinter stecke, und drückte seine Ansicht durch ein leises, ominöses Knurren aus. Er erinnerte mich dabei an manche Leute, wie ich sie wohl angetroffen habe, die ein sehr weises Gesicht machen und durch ihr Benehmen zu verraten suchen, daß sie allerlei wüßten und wohl vieles sagen könnten, wenn sie nur wollten.«

»Ein anderer kleiner Makak schnitt die unglaublichsten Gesichter und verzog seine Lippen in der sonderbaren, früher schon beschriebenen Art, gab aber keinen Ton von sich. Er betrachtete sich die Sache schweigend und fahndete nie auf einen etwa hinter dem Glase versteckten Affen.«

»Der Spinnenaffe war aber wirklich des Studiums großer Geister wert. Als er sein Spiegelbild erblickte, setzte er sich platt auf den Boden, kreuzte seine langen dürren Beine und nahm eine Stellung an, als gedenke er da mindestens 24 geschlagene Stunden sitzen zu bleiben. Er guckte in das Glas, ließ einen leisen Ton hören und streckte seinen langen Arm aus, ~um nach dem anderen Affen hinter dem Spiegel zu suchen~. Es war interessant zu beobachten, wie er seinen Arm mehr oder weniger ausstreckte in dem Maße, wie man den Spiegel weiter von ihm entfernte oder ihm mehr näherte. Für ihn ist das Bild ohne Zweifel ein wirkliches, greifbares Ding. Mehr als alle anderen Affen scheint sich der Spinnenaffe im Spiegel zu bewundern, und obwohl er der häßlichste aller Affen ist, kann er ton- und regungslos dasitzen und sein Bild anstarren.«

Hieraus geht also unzweifelhaft folgendes hervor:

Weder Affen wie Kinder und Wilde erkennen sich im Spiegel wieder, sondern halten die Erscheinung für einen Artgenossen -- spiegeln sich also nicht. Deshalb hat sich auch die Meise nicht gespiegelt.

Nasengeschöpfe wie Dachshunde beachten einen Spiegel nur von weitem; in der Nähe wenden sie sich von ihm ab, weil er ihrer Nase nichts sagt. Der Künstler, der also einen sich spiegelnden Dachshund darstellt, begeht zwei Fehler. Einmal spiegelt sich kein Tier, sodann aber ganz besonders kein Nasentier.

Aus demselben Grunde erklärt es sich auch, weshalb nur Sehgeschöpfe, aber kein Hund oder Pferd sich um Bilder kümmern.

Nachtrag.

Mit diesen übereinstimmenden Beobachtungen von Fachleuten steht allerdings die Ansicht des bekannten Zoologen Professor ~Marshall~ in Widerspruch. Er schreibt nämlich im Anhange zu dem Garnerschen Buche, das er übersetzt hat:

»Affen mit dem Spiegel habe ich vor Jahren im zoologischen Garten hier in Leipzig beobachtet. Als ich einen jener kleinen, runden, billigen Taschenspiegel einer gemischten Affengesellschaft in den Käfig reichte, hat sich bald ein gewöhnlicher Makak in dessen Besitz gesetzt und machte nun mit ihm allerhand Experimente, allerdings dabei fortwährend von seinen Mitgefangenen gestört. Er legte ihn auf den Boden, stemmte seine beiden Arme daneben, sah von oben hinein und schlug mit den Beinen vor lauter Vergnügen hinten aus. Dann versuchte er ihn, natürlich vergeblich, immer wieder an die Wand zu befestigen. Am Unterlid des rechten Auges hatte er ein kleines Geschwür, eine Art Gerstenkorn, das er sich im Spiegel genau besah. Er hielt ihn dabei in beiden Händen und stierte hinein, hob ihn langsam höher und höher und bog in gleichem Maße seinen Kopf immer weiter rückwärts, bis er beinahe hinten überschlug. Dann nahm er ihn in die eine Hand und untersuchte, fortwährend in ihn hineinblickend, mit den Fingern der andern sein Gerstenkorn, stülpte das Lid um, schnitt Gesichter, es fehlte nur noch, daß er mit dem Kopfe geschüttelt hätte. Dieser Makak machte mir den Eindruck, als ob er ganz genau wisse, wie die Sache mit dem Spiegel zusammenhinge, und als ob er keinen Augenblick im Zweifel sei, in dem Bild im Glase sein Bild zu sehen. Der große Orang-Utan Anton, der im hiesigen zoologischen Garten war, nahm, als wir ihm einen ziemlich ansehnlichen Spiegel vorhielten, gar keine Notiz davon, wahrscheinlich war ihm das Ding schon bekannt geworden während seiner Seereise, denn es liegt ja für uns Menschen nahe, Affen in einen Spiegel blicken zu lassen, um zu sehen, wie sie sich dabei benehmen.«

Hierzu möchte ich folgendes bemerken:

Die Möglichkeit kann man nicht bestreiten, daß ein Tier ~mit der Zeit~ infolge besonderer Umstände, wie hier durch das Gerstenkorn, merkt, das Bild im Spiegel sei sein Ebenbild. Die auch von ~Marshall~ erwähnte Gleichgültigkeit eines Affen gegen den Spiegel trifft man bei vielen Artgenossen im Zoologischen Garten an, weil sie ~allmählich~ gemerkt haben, daß es sich um einen Trug handelt.

Jedenfalls ist der von +Dr.+ Schmidt geschilderte Orang-Utan, trotzdem ebenfalls besondere Umstände vorlagen, die ihm den Gedanken nahe legten, er sähe sein Ebenbild, hierauf nicht verfallen. Zu dem gleichen Ergebnisse bin ich bisher gelangt, wenn ich ähnliche Versuche mit Affen angestellt habe. Der von ~Marshall~ beobachtete Makak muß also entweder ein ungewöhnlich kluges Tier gewesen sein, oder es ist nur ein Zufall gewesen, daß er das -- vielleicht juckende -- Geschwür betastet hat. Er hätte sich dann gewundert, daß er einen Artgenossen mit krankem Auge erblickte, wäre jedoch weit entfernt davon gewesen, in dem Spiegelbild sein Ebenbild zu erkennen.

Tiere als Heuchler.

Dichter und Gelehrte haben vielfach die Behauptung aufgestellt, daß das Tier sich dadurch vorteilhaft vom Menschen unterscheide, daß es der Verstellung unfähig sei. Selbst bei Tierpsychologen trifft man die Meinung an, der Tierarzt habe eine leichtere Aufgabe als der Menschenarzt, ~denn die Tiere verstellten sich nicht~. Diese Ansicht ist jedoch irrig, wie sich aus nachstehendem ergeben wird.

Im Altertum huldigte man der entgegengesetzten Meinung und zwar vielfach mit Recht. So schildert uns schon ~Xenophon~ die Verstellungskünste der Wölfe, die sie anwenden, um trotz der Hirten und Hunde Beute zu machen, genau so wie der alte ~Geßner~.

Was die Alten ferner von den Verstellungsmitteln Reinekes erzählen, ist gewiß stark übertrieben, aber ein gewisser Kern von Wahrheit steckt darin. So schreibt z. B. ~Oppian~: Fühlt der schlaue Fuchs ein Gelüste nach Vogelfleisch, so weiß er sich recht artig zu helfen: Er legt sich auf den Rücken, streckt alle Viere von sich, schließt Augen und Maul und stellt sich tot. Nun kommen die Vögel in Menge und beginnen an dem vermeintlichen Aase zu rupfen und zu zupfen. Kommt ihm aber ein Vogel ans Maul, schnapp, da hat ihn der Schalk zwischen den Zähnen, und läßt ihn sich ganz herrlich schmecken.

Der Bericht ist deshalb nicht ganz unglaubwürdig, weil der bekannte Naturforscher ~v. Homeyer~ etwas Ähnliches erzählt. Er schreibt: »Daß unser Raubritter alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen eines Waldes, und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber, gefolgt von einem ganzen Schwarm schreiender Genossen des Opfers. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Aufschreien aller Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine derselben ergriff.«

Daß übrigens Raubtiere sich verstellen, um ihre Opfer anzulocken, ist etwas ganz Bekanntes. Beispielsweise schreibt ~Scammon~ von einer so plumpen Robbe, wie dem Seelöwen, daß sie folgende List gebraucht, um sich eines Seevogels zu bemächtigen. Nach seinen Beobachtungen tauchen sie angesichts einer Möve tief in das Wasser, schwimmen auf ein gut Stück unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möve auf sich zu lenken. Diese glaubt, irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um dasselbe zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und verschlungen.

Ja selbst unser als biederer und gerader Charakter bekannter Bär soll nach ~Krementz~ den Brunftschrei des Elches nachahmen, um diesen zu berücken. Aber wie soll man sich darüber wundern, wenn selbst ein so anscheinend stumpfsinniger Fisch wie der Wels seine Bartfäden benutzt, um Fische heranzulocken.

Jeder Hundebesitzer wird übrigens ohne weiteres bestätigen, daß Tiere sich vortrefflich verstellen können. Mit derartigen Geschichten von schauspielernden Hunden ließen sich ganze Bände füllen. (vgl. S. 12). Jeder Hundekenner weiß, daß Hunde, die Appetit auf Braten und dergleichen haben, jedoch nur trockenes Brot erhalten, es anscheinend gierig erfassen, aber in der Stille nach einem entlegenen Orte verschleppen. Eine andere Art der Schauspielerei habe ich unzähligemal gesehen. In einer befreundeten Familie, die einen sehr lebhaften Hund besaß, war der Hausherr ein überaus gutmütiger Herr, ein sogenannter Gemütsathlet, wie man zu sagen pflegt. Die natürliche Folge war die, daß die Herrin um so energischer auftreten mußte, damit seine Gutmütigkeit nicht allzusehr ausgenutzt wurde. Auch dem Hund gegenüber vertrat sie mit Recht den Standpunkt, daß er als wohlerzogenes Tier bis nach Schluß des Essens auf sein Deputat warten sollte. Ich bin nun sehr häufig am Sonntag Mittagsgast dort gewesen und habe regelmäßig folgendes erlebt: So lange die Herrin des Hauses anwesend war, lag mein Köter mäuschenstill an dem ihm bestimmten Orte und wagte nicht, sich bemerkbar zu machen. Mußte jedoch die Hausfrau aus irgend einem Grunde das Zimmer verlassen, beispielsweise um nach der Küche zu gehen und nachzusehen, ob alles ihren Anordnungen entsprechend geschah, flugs war mein Hund am Tische und bettelte in der unverschämtesten Weise bei seinem Herrn und zwar gewöhnlich mit Erfolg. Kaum hörte er jedoch die nahenden Schritte der zurückkehrenden Herrin, so legte er sich flink auf die alte Stelle hin und tat heuchlerisch so, als wenn gar nichts vorgefallen wäre.

Ähnliches berichtet Rektor ~Gräßner~ von seiner deutschen Dogge Tom: »Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm Gelegenheit darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen Wollenknäuel usw. heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen und in seinen großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit, so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: ›Tom, weißt du denn nicht, wo .... hingekommen ist?‹ War ich zufällig bei diesem Spiele zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er sich mit einem Blicke auf die Mädchen überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde, unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren.«

Aber nicht nur Raubtiere besitzen die Kunst des Verstellens. So erzählt ~J. Franklin~ von einem Schweine folgendes: Auf einem Schiff lebten ein Hund und ein Schwein in guter Freundschaft, gingen und sonnten sich miteinander, fraßen aus einer Schüssel, nur um das Hundehaus stritten sie, welches manchmal das Schwein zum Verdruß des Hundes in Beschlag nahm. An einem stürmischen Abend wollte es dieses wieder tun, aber der Hund lag schon darin. Da nahm das Schwein eine Zinnschüssel in das Maul und tat in einiger Entfernung, als ob es daraus fräße, worauf der Hund herbeilief, das Schwein aber eiligst in dessen Stall.

Auch die fliehenden Pflanzenfresser retten sich nicht nur durch die Schnelligkeit ihrer Füße, sondern wenden mancherlei Listen an. Schon ~Älian~ schreibt: Der Hase begibt sich nie in sein Lager, ohne vorher seine Spur zu verwirren, und dadurch den nachfolgenden Jäger zu täuschen. So betrügt das listige Tier die Klugheit des Menschen. Die Bemerkung ist durchaus zutreffend. Der Hase geht, wenn er ins Lager will, erst über dessen Stelle hinaus, dann eine Strecke seiner eigenen Spur zurück, macht mehrere Kreuz- und Quersprünge, wovon ihn der letzte zum Lager bringt.

Übrigens macht Freund Lampe solche Wiederläufe nicht nur, wenn er sich nach seinem Lager begibt, sondern auch, wenn er sich auf der Flucht befindet. Hunde, die seiner Spur folgen, haben natürlich die allergrößte Mühe, aus diesem Wirrsal sich zurechtzufinden.

Ähnliche Heuchelei können wir bei gezähmten Affen und anderen intelligenten Geschöpfen wahrnehmen. So schmeicheln Papageien und Affen oft denen, die sie beißen wollen. ~Rengger~ berichtet von seinem Kapuzineraffen, daß er, wenn er von jemand beleidigt war, sich ganz freundlich gegen ihn stellte. Er wollte ihn dadurch sicher machen, nahm aber, sobald sein Zweck erreicht war, furchtbar Rache. Ähnliches, was ~Homeyer~ vom Fuchse erzählt, wird vom Affen berichtet. Ein zahmer Affe in Indien, dessen Futter die Krähen oft plünderten, stellte sich einst tot, fing aber die erste Krähe, die er erwischen konnte, rupfte sie und warf sie dann in die Luft, wo sie von ihren Genossen totgehackt wurde, die dann des Affen Futter weiter nicht mehr angingen. Im ~Brökmannschen~ Affentheater, wo ich dem Ankleiden der Affen zusah, war es spaßhaft zu sehen, wenn einer der vierhändigen Künstler den ihm vorgehaltenen Ärmel anscheinend nicht sah, sondern mit der ernstesten Miene von der Welt mit dem ausgestreckten Arme daneben fuhr. Er »markierte den Dusseligen«, wie der Berliner sagen würde. Das gleiche wird vom Elefanten berichtet.

Eine bekannte Heuchelei bei Tieren ist das Sichtotstellen, um das gefährdete Leben zu retten. Nicht nur Insekten machen hiervon Gebrauch, sondern auch Raubtiere wie das Opossum und unser Wiesel. Von dem letztgenannten berichtet Freiherr ~v. Droste-Hülshoff~ im »Zoologischen Garten« folgenden Fall:

»Auf einem Spaziergange Ende Mai 1872 wurde meine Aufmerksamkeit durch auffallende, augenscheinlich von einem Tiere herrührende Töne in meiner Nähe erregt. Ich begab mich an die Stelle, wo ich die Töne vernommen hatte, und bemerkte ein altes und zwei junge Wiesel, welche letztere bereits mindestens die Größe eines alten erreicht hatten. Bei meinem Erscheinen entfernte sich das alte Wiesel schleunigst, die beiden jungen drückten sich an den Boden und machten es mir dadurch möglich, das eine derselben durch einen raschen Griff im Genick zu erfassen; das andere entfloh darauf eiligst. Auf das klägliche Zetergeschrei des von mir in der Hand gehaltenen erschien nun augenblicklich das alte und rannte unausgesetzt und mit unglaublicher Schnelligkeit in einer Entfernung von 1 bis 2 Fuß um mich herum; den wiederholten Streichen meines mit der linken Hand geführten Regenschirmes wich das Wiesel geschickt aus und erreichte ich damit nur, daß ich meinen Regenschirm zerschlug. Nachdem dieses nun etwa 5 Minuten gedauert hatte, setzte ich meinen Weg fort unter Begleitung des alten Wiesels, welches mich aber, nachdem ich 30-40 Schritte zurückgelegt hatte, verließ. Sofort änderte das junge seine Taktik. Nachdem es nämlich unter fortwährendem Geschrei versucht hatte, sich zu befreien, hörte dieses nunmehr gänzlich auf; es hing ganz schlaff in meiner Hand, schloß die Augen, sperrte schließlich auch noch das Maul ganz weit auf und war augenscheinlich tot. Da ich das Wiesel lebend behalten wollte, so war mir diese Entdeckung nicht angenehm und um so auffallender, als ich dasselbe, um es nicht zu ersticken, nur mit zwei Fingern an den starken Halswirbeln gefaßt hatte. Es war und blieb aber tot und alle Bemühungen, ein Lebenszeichen von demselben zu erhalten, blieben fruchtlos. Ich trug es daher noch eine Strecke und warf es dann mitten in einen kleinen Teich, an dem mein Weg vorüberführte. Kaum hatte es die Wasserfläche berührt, als es auch schon zu meiner nicht geringen Überraschung zu schwimmen begann und ganz munter an das Ufer schwamm, um im Grase und Gestrüpp zu verschwinden.«

»Das Wiesel hatte mich augenscheinlich absichtlich getäuscht und lieferte dadurch wieder einen Beweis für die Behauptung, daß die Tiere doch mitunter eine bedeutende Überlegung an den Tag legen, die mir übrigens mit dem Begriff von Instinkt wohl vereinbar zu sein scheint.«

Auch der frei lebende Affe liebt die Verstellung. Von den Pavianen z. B. wird berichtet, daß, wenn sie von Hunden verfolgt werden, die starken Männchen absichtlich bei der Flucht zurückbleiben. Stürzt sich nun ein einzelner Hund auf einen solchen Recken, so ist er verloren, denn der Pavian packt und zerfleischt ihn. Erfahrene Hunde bleiben daher stets zu mehreren, denn dieser Übermacht ist der Affe nicht gewachsen.

Selbst manche Raubtiere bekunden, um ihre Nachkommenschaft nicht zu verraten, eine Scheinheiligkeit, die Staunen erwecken muß; sie rauben in der Nähe ihres Lagers nicht. So heißt es bei ~Brehm~:

»In der Nähe seiner Traden (d. h. dicht mit Holz bestandener Stellen in Morästen)«, schreibt mir ~Kade~, »raubt der Wolf nie, weshalb Rehe und junge Wölfe harmlos in einem und demselben Treiben aufwachsen. Bei den meisten Wolfsjagden habe ich in demselben Treiben junge Wölfe und junge Rehe erlegt und erlegen sehen. Diesen niedlichen Tieren kann aber die Nähe der Wölfe unmöglich unbekannt bleiben, da letztere schon Ende Juli zu heulen beginnen.«

Wer denkt da nicht an den Grundsatz mancher Leute: Das eigene Haus muß man rein halten! Verbrecher haben gewöhnlich das Prinzip, niemals in dem Hause, in dem sie wohnen, etwas Ungehöriges zu begehen.

Auch die wilden Gänse stellen sich tot, wenn sie sich in der Mauser befinden und deshalb schlecht fliegen können, und täuschen dadurch häufig den Jäger. Überhaupt muß man wohl die Palme unter den Verstellungskünstlern den Vögeln zuerkennen. Namentlich die Vögelmütter, die Junge haben, verstehen es ausgezeichnet, etwaige Feinde abzulenken. Das soll im folgenden Kapitel ausführlich geschildert werden.

Selbst die so plumpe Eule ist Verstellungen nicht abgeneigt, wie ~Brehm~ betont. Sie blinzelt nur, um den Menschen zu täuschen. Denn sie möchte ihren Platz aus Furcht vor dem Gezeter kleiner Vögel nicht gleich aufgeben. Andere gebrauchen die List, daß sie ihre Gestalt derartig verschieben, daß sie einem alten, mit Moos und Flechten übersponnenen Astknorren auf das genaueste gleichen.

Zum Schlusse sei noch der allerliebsten Verstellungsgeschichte einer Krähe gedacht, die ein Herr ~Keil~ kürzlich beobachtete. Er erzählt den Vorgang folgendermaßen: