Part 9
»Nein,« sagte er zögernd zu Ljalja, die wartend auf der Treppe stand, »ich laufe noch ein wenig spazieren.« Er blickte gradeaus auf die bläulichen Wogen des Nebels, die wie ein Vorhang über dem Flusse hin und her schwankten und die ganze Luft in zitternde Bewegung brachten.
»Wie du willst. Gute Nacht!« Ljalja sprach mit einer eigentümlich zärtlichen Stimme. Dann reckte sie sich noch einmal in die Höhe, kniff die Augen wie ein Kätzchen zusammen, lächelte irgendwohin dem Mondschein nach und schritt schleppend ins Haus.
Jurii blieb allein. Eine Minute lang stand er unbeweglich und starrte auf die schwarzen Schatten der Häuser, die tief und kalt dalagen, schreckte plötzlich zusammen und schritt ebenfalls in der Richtung aus, in der er den kranken Semionow dahinschleichen sah.
Der Kranke war noch nicht weit gekommen. Er ging eigentümlich langsam, Schritt für Schritt, mit einer besonderen Betonung; er schleifte die Füße herum, während sein Oberkörper gebückt und nach vorn hing und nur von Zeit zu Zeit in einem dumpfen Husten zusammenfuhr. Auf der hellen Erde lief sein kalter, schwarzer Schatten aufmerksam hinter ihm her.
Sowie Jurii ihn eingeholt hatte, fiel es ihm auf, daß er sich völlig verändert hatte. Während des ganzen Abendessens hatte Semionow mehr gescherzt und gelacht als all die andern; jetzt aber lief er traurig und zerbrochen hin und aus seinem harten Husten klangen leidvolle, hoffnungslose Töne heraus; gleichzeitig drohend und grausam, wie die Krankheit selbst, an der er litt.
»Ach, Sie sind es,« meinte er zerstreut, als er Jurii bemerkte, -- wie es diesem vorkam, unfreundlich.
»Ich habe gar keine Lust, zu schlafen. Ich möchte Sie ein Stückchen begleiten.«
»So begleiten Sie mich,« willigte Semionow mit deutlicher Gleichgültigkeit ein.
Sie gingen langsam, schweigend weiter; Semionow hustete noch immer und beugte sich jedesmal nach vornüber.
»Ist es Ihnen denn nicht zu kühl,« fragte Jurii oberflächlich, weil ihn dieser traurige Husten zu belästigen anfing.
»Ich friere immer,« erwiderte Semionow verdrießlich.
Jurii wurde es peinlich zumut, als hätte er versehentlich eine kranke Stelle berührt. Wie, um diese Empfindung zu überwinden, erkundigte er sich wieder teilnahmsvoll: »Sind Sie schon lange von der Universität herunter? ...«
Semionow gab nicht sogleich eine Antwort. »Lange,« sagte er endlich.
Jurii begann, ihm von den Stimmungen in der Studentenschaft zu erzählen, von alledem, was er für das Wichtigste und Aktuellste hielt. Zuerst sprach er ziemlich gleichmütig, dann aber ereiferte er sich, erzählte lebhaft und voll Feuer.
Semionow hörte zu und schwieg. Allmählich kam Jurii dann auf die Gründe zu sprechen, welche zur Abschwächung der revolutionären Propaganda in den Massen führten, und man konnte merken, daß ihm jedes Wort, das er hierüber sagte, aufrichtig leid tat.
»Haben Sie die letzte Rede Bebels gelesen,« fragte er hitzig.
»Gelesen!«
»Nun, nett ist das? ... Was? ...«
Aber statt einer zusammenhängenden Antwort schwenkte Semionow plötzlich in großer Erregung seinen Stock mit der breiten Krücke. Sein Schatten bewegte neben ihm in gleicher Weise seinen langen, grauen Arm und Jurii mußte in diesem Augenblick an das unheilvolle Flügelschlagen irgend eines schwarzen Raubvogels denken.
Dann setzte Semionow eilig und zusammenhanglos zum Sprechen ein, als dürfe er keine Zeit mehr verlieren und seine Worte stürzten sich wild auf Jurii:
»Was ich Ihnen sagen werde, ... ich werde Ihnen sagen, daß ich hier sterbe. Verstehen Sie, einfach sterbe.«
Und noch einmal schwang er den Stock und nochmals wiederholte der schwarze Schatten seine drohende Geste.
Diesmal hatte Semionow selbst sie bemerkt.
»Da,« sagte er bitter, »hinter meinem Rücken steht der Tod und lauert auf jede meiner Bewegungen. Ach, was ist mir Bebel! Ein Schwätzer schwatzt _das_, ein andrer etwas Anderes, ins volle Leben schwatzen sie hinein, und mir steht sowieso bevor, heute oder morgen abzufahren. Verstehen Sie, zum Teufel zu gehen.«
Jurii schwieg verlegen, ihn überkam eine schmerzliche Trauer; das, was er gehört hatte, verletzte ihn.
»Denken Sie vielleicht, daß mir das alles wichtig ist? ... Das, was in der Universität geschah oder was Bebel zu reden beliebte. Ich meine, wenn es einmal mit Ihnen so zum Sterben kommt, wie jetzt mit mir, verstehen Sie, es handelt sich hier darum, zuversichtlich zu wissen, daß man stirbt, dann, nun zum Teufel, Ihnen wird noch nicht einmal der Gedanke in den Kopf kommen, daß da Worte eines Bebels, Tolstois, Nietzsches oder von sonst irgend einem Trottel existieren und einen Sinn haben sollen.«
Semionow brach ab.
Der Mond leuchtete hell und gleichmäßig wie früher, und unablässig glitt der schwarze Schatten hinter ihnen her.
»Also, der Organismus zerfällt,« ließ er sich plötzlich wieder mit einer ganz schwachen, jämmerlichen Stimme vernehmen. »Wenn Sie wüßten, wie schwer es einem wird, so zu sterben. Besonders in einer solchen hellen, warmen Nacht.« Er wendete Jurii sein häßliches Gesicht aus Haut und Knochen und mit anormal glänzenden Augen zu, aus denen eine wimmernde Sehnsucht sprach. »Alles lebt und ich sterbe. Diese Phrase wird Ihnen selbstverständlich abgeleiert vorkommen, gewiß, sie muß Ihnen so vorkommen, aber ich ... ich sterbe. Nicht in einem Roman, nicht auf einem Fest mit künstlerischer Wahrheit niedergeschrieben, nein, einfach so, in Wirklichkeit sterbe ich. Und mir scheint das wahrhaftig nicht banal. Ihnen wird dabei auch einmal anders zu Mute sein. Ich sterbe, ... sterbe, ... und weiter nicht.«
Semionow geriet in anhaltenden Husten; es dauerte einige furchtbare Minuten, bis er ihn überwunden hatte.
»Manchmal fange ich an, darüber nachzudenken, daß ich bald in völliger Dunkelheit liegen werde. Verstehen Sie, in kalter Erde, mit eingefallener Nase und abgefaulten Gliedern. Und hier oben bei Ihnen auf der Erde wird alles weiter so seinen Gang gehen wie jetzt, wo ich noch lebend mit herumlaufe. Sie werden ja dann noch am Leben sein. Werden weiter herumlaufen, auf diesen Mond schauen, Sie werden atmen, an meinem Grabe vorübergehen; ... vielleicht werden Sie sich dort hinstellen und ein Bedürfnis erledigen. Und ich werde liegen und ekelhaft weiter faulen. He,« schrie Semionow plötzlich haßerfüllt auf, »was ist mir da Bebel und Millionen anderer fratzenschneidender Esel ...«
Jurii konnte sich noch immer nicht diesen angstdurchbebten Reden gegenüber zurechtfinden und wurde nur verlegener.
»Nun leben Sie wohl,« sagte Semionow ganz leise und weich, »ich bin hier zu Hause.«
Jurii drückte ihm die Hand; er sah mit tiefem Mitgefühl auf seine eingedrückte Brust, die angezogenen Schultern und auf den Stock mit der dicken Krücke, den Semionow zwischen die Knopflöcher seines abgetragenen Studentenpaletots eingehängt hatte. Er wollte ein gutes Wort zu ihm sprechen, ihn irgendwie trösten, und ihm Hoffnung einflößen; er fühlte aber, daß er ihm damit doch keine Ruhe bringen könne. So seufzte er nur und sagte: »Auf Wiedersehen.«
Semionow faßte an die Mütze und öffnete die Pforte. Noch hinter dem Zaune her hörte man seine schlürfenden Schritte und das hohle Husten.
Dann wurde alles still. Jurii ging langsam zurück. Und alles, was ihm noch vor einer halben Stunde hell, leicht und ruhig erschienen war, ... der Mondenschein, der Sternenhimmel, die Pappelbäume vom Monde bestrahlt und ihre geheimnisvollen Schatten, das lag jetzt tot und grauenhaft vor ihm, wie die Kälte eines ungeheuren Weltengrabes.
Als er nach Hause kam, ging er leise in sein Zimmer, und während er das Fenster nach dem Garten öffnete, stieg ihm zum erstenmal der Gedanke auf, daß all die Ueberzeugungen, denen er sich so vertrauensselig und selbstlos hingegeben hatte, nicht das gaben, was in Wirklichkeit nottat. Einst, wenn er wie Semionow zum Sterben kommt, dann wird er ebenso vieles bedauern müssen ... Nicht, daß es ihm unmöglich war, die Menschen glücklich zu machen, die Ideale, die ihn beseelten, zu verwirklichen, ... nein, ganz allein, daß im Tode seine Empfindungen schwinden, ohne daß er im vollen Maße durchkostet hatte, was ihm das Leben bieten konnte. Doch sogleich schien ihm dieses Gefühl beschämend; er überwand sich und suchte nach einer Erklärung: Das Leben besteht eben im Kampfe.
Doch für wen? ... Warum nicht für sich? ... Für seinen eigenen Anteil an der Sonne, raunte traurig ein Gedanke in ihm. Jurii wollte ihn unterdrücken und begann sich mit anderem zu beschäftigen. Aber das war schwierig und uninteressant. Immer wieder lief sein Denken in dieselben Kreise zurück und verdichtete sich zu einem quälenden Druck, der sich durch nichts abschütteln ließ.
V
Als Lyda Ssanina den Zettel mit der Aufforderung zum Ausflug von Ljalja Swaroschitsch erhielt, reichte sie ihn dem Bruder hin. Sie glaubte, er würde für sich absagen, und sie wünschte es auch. Schon im voraus durchkostete sie den interessanten und bangen Genuß, sich dort am Fluß beim Mondlicht wie früher drängend und beklemmend zu Sarudin hingezogen zu fühlen; zugleich erfüllte es sie dem Bruder gegenüber mit Scham, daß es sich gerade um den Offizier handeln mußte, den er augenscheinlich von ganzem Herzen verachtete.
Doch Ssanin erklärte sich sofort mit Vergnügen bereit, an dem Ausflug teilzunehmen.
Es war ein vollständig wolkenloser, warmer Tag; trotzdem wurde es nicht zu heiß. Man konnte nur mit Schmerzen in den glänzenden Himmel schauen; er erbebte fortwährend unter der Reinheit der Luft und dem Schimmern der weißgoldenen Sonnenstrahlen.
»Mädchen werden auch dabei sein,« sagte ganz mechanisch Lyda. »Du wirst mit ihnen bekannt werden.«
»Ah, das ist ja nett!«
»Eigentlich können wir uns ein besseres Wetter gar nicht wünschen ... Fahren wir also.«
Zur bestimmten Stunde kamen Sarudin und Tanarow in dem breiten Schwadrons-Jagdwagen, vor dem zwei hochbugige Soldatenpferde gingen, angefahren.
»Lyda Petrowna, wir erwarten Sie!« rief heiter Sarudin, peinlich sauber, ganz weiß gekleidet und stark parfümiert.
Lyda in leichtem, hellem Kleide mit rosa Samtkragen und ebensolchem Gürtel lief von der Terrasse herab und reichte Sarudin beide Hände. Eine Weile hielt er sie vieldeutig vor sich hin, ihre Gestalt mit einem raschen, vollen Blick überfliegend.
»Fahren wir, fahren wir,« rief Lyda, die seinen Blick verstand und durch ihn erregt wurde.
Kurze Zeit darauf rollte der Wagen schnell auf dem wenig befahrenen Steppenweg dahin, wobei er die harten Halme des Feldgrases zum Boden bog, die dann aufschnellend die Füße streiften. Der frische Steppenwind bewegte leise das Haar der Fahrenden, er lief zu beiden Seiten des Weges in den zarten Wellen des Grases nebenher.
Bald holten sie einen anderen Kremser ein, in welchem Ljalja Swaroschitsch, Jurii, Rjäsanzew, Nowikow, Iwanow und Semionow saßen. In ihrem Wagen war es eng und unbequem; aber darum waren sie auch doppelt lustig und alle in freudiger Stimmung.
Nur Jurii Swaroschitsch fühlte sich in der Gesellschaft Semionows noch ein wenig von dem Gespräch am vorhergehenden Abend bedrückt. Daß Semionow ebenso sorglos wie die anderen scherzte und lachte, machte einen sonderbaren und fast unangenehmen Eindruck auf ihn; dieses Vergnügtsein konnte er nach allem dem, was er gestern von ihm gehört hatte, nicht begreifen. War es denn nur eine Pose gewesen, dachte er. Er überflog ihn von der Seite mit einem schiefen Blick und wollte sich überzeugen, daß es mit ihm gar nicht so schlimm stehen könne. Aber trotzdem brachten ihn seine Gedanken fortgesetzt in Verwirrung, und er versuchte stets mit aller Mühe, sie zu vergessen.
Aus den beiden Kremsern flogen Scherze und Grüße über Kreuz hin und her. Nowikow, der ununterbrochen Possen trieb, sprang plötzlich von seinem Sitz im Fahren herunter und lief eine Zeitlang lachend neben dem Wagen her, in welchem Lyda saß. Zwischen beiden schien eine schweigende Uebereinkunft geschlossen zu sein, sich in übertriebener Weise Freundschaft zu bekunden und jedes Wort, das sie sprachen, erhielt dadurch eine besondere, liebenswürdige Unterstreichung.
Immer klarer stieg vor ihnen der Berg empor, auf dessen Gipfel Kirchtürme blinkten und weiße Klostermauern glänzend hell hervorschimmerten. Die ganze Höhe, mit einem Eichenwäldchen bedeckt, erschien wie krausgelockt unter den wogenden Baumwipfeln. Eichen wuchsen auch unterhalb des Berges an beiden Ufern des Flusses, der sich am Fuße der Hügelkette in breiter, träger Ruhe hinwälzte; auch seine Inseln, die wie aus einer silbernen Decke hervorbrachen, waren mit starken Eichen bestanden.
Ueberall roch es nach Wasser und kräftigen Baumblättern, nach Wiesengras und Feldblumen; ein starker, belebender Geruch, der den Frohsinn aller noch steigerte.
Die Pferde bogen von selbst von dem befahrenen Wege ab und lenkten auf das weiche, saftige Wiesengras hinüber, das unter den Hufen zu Boden klatschte, sich aber hinter den Rädern der leichten Wagen gleich wieder in die Höhe richtete. Als Treffpunkt hatte man eine besonders beliebte Waldwiese bestimmt; dort wurden sie schon von drei Personen erwartet, die vor ihnen angelangt waren; einem Student und zwei jungen Mädchen, beide in kleinrussischen, buntgestickten Blusen. Auf dem Grase hatten sie schon Decken ausgebreitet und unter Lachen und Neckereien waren sie beschäftigt, Tee und Imbiß zurechtzumachen.
Die Pferde blieben mit einem Ruck stehen und ließen augenblicklich die Schweife auf das Fell klatschen, um die Fliegen zu vertreiben; die Ausflügler, von der Fahrt, der Luft und dem Dunst des Wasser und des Waldes angeregt, drängten sich alle gleichzeitig aus den Kremsern heraus, stießen sich und sprangen lachend auf den Boden.
Ljalja begann sofort die beiden Mädchen, die den Tee bereiteten, laut zu begrüßen. Lyda nickte, ohne unhöflich zu sein, doch merklich zurückhaltender, stellte dann aber ihren Bruder und Jurii Swaroschitsch vor. Die Mädchen blickten hoch und sahen beide mit jugendlicher, heimlicher Neugierde an.
»Aber ihr seid ja selbst noch garnicht bekannt,« rief plötzlich Lyda, auf ihren Bruder und Jurii blickend. »Bitte, das ist mein Bruder, Wladimir Petrowitsch, und dies, Jurii Nikolajewitsch Swaroschitsch.«
Ssanin drückte lächelnd und mit weicher Bewegung, doch nachdrücklich die Hand Juriis, der ihm bis dahin gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte und sich auch bei der Vorstellung vollkommen gleichgültig verhielt.
Für Ssanin war jeder Mensch, der ihm begegnete, interessant, und es freute ihn stets, neue Menschen kennen zu lernen; Jurii war dagegen überzeugt, daß es für ihn nur sehr wenig bemerkenswerte Menschen geben könne und verhielt sich daher im Anfange sehr reserviert. Iwanow kannte Ssanin bereits oberflächlich und das, was er von ihm gehört hatte, fand er sehr sympathisch. Neugierig sah er ihn jetzt an, trat als erster auf ihn zu und suchte ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Semionow reichte ihm nur im Vorbeigehen flüchtig die Hand.
»Nun, jetzt dürfen wir aber schon vergnügt sein,« rief Ljalja, »mit der langweiligen Vorstellerei sind wir endlich fertig.«
Doch trotz ihrer Aufmunterung fühlte man sich im Anfang etwas befangen, da sich zu viele von ihnen das erste Mal sahen; erst, als man mit dem Essen begonnen hatte und die Männer Wodka, die Mädchen Wein tranken, schwand die Spannung und alle wurden heiter. Es wurde viel getrunken, Scherze, denen dann jedesmal helles Lachen folgte, flogen hin und her, man tanzte und lief um die Wette und schließlich stiegen sie alle den Berg hinauf. Der Wald lag in grüner Schönheit da, still, in verhaltener Ruhe, rings um sie regte sich kein fremdes Geräusch, sodaß keinem von ihnen ein trübes Gefühl oder irgendwelche Besorgnis im Herzen blieb.
»Ja, meine Herrschaften,« sagte keuchend Rjäsanzew, als man sich wieder auf der Wiese gelagert hatte, »wenn die Menschen mehr springen und laufen wollten, würde es neunzig Prozent aller Krankheiten nicht geben.«
»Auch aller Laster nicht!« rief Ljalja, ihm zärtlich zunickend.
»Nanu, das wäre!« fiel Iwanow fast entrüstet über diese Zumutung ein. »Laster wird der Mensch immer übergenug mit sich herumschleppen. Warum auch nicht?«
Obgleich niemand hätte erklären können, daß seine Worte besonders treffend oder scharfsinnig waren, lachten doch alle aufrichtig über sie.
Während man jetzt den Tee trank, war die Sonne im Untergehen und der Strom wurde von ihrem matten Lichte golden überspiegelt; auch zwischen den Bäumen zogen schon die rötlichen Strahlen des Abends.
»Jetzt aber, Herrschaften, zum Boote. Vorwärts,« rief Lyda und lief, sich die Kleider raffend, den andern zum Ufer voraus. »Wer am schnellsten dort ist,« schrie sie noch zurück, während sie übermütig den Kopf wendete.
Im Laufschritt die einen, die andern bedächtiger, ging's zum Ufer hinunter, und wieder mit dem Lachen, das allen so wichtig schien, nahmen sie im Boote Platz.
»Abstoßen!« kommandierte Lyda, und das Boot glitt leicht vom Ufer ab, zog breite Streifen hinter sich, die dann in eleganten Wellen nach dem Ufer zu auseinanderflossen.
»Jurii Nikolajewitsch, warum schweigen Sie eigentlich?« fragte Lyda, als erste das Gespräch beginnend.
»Es gibt nichts, worüber zu sprechen wäre.«
»Wirklich? ...« sagte sie gedehnt und warf den Kopf zurück, von dem unbestimmten Gefühl beherrscht, daß alle Männer sie bewundern müßten.
»Jurii Nikolajewitsch liebt es nicht, sich mit Bagatellen abzugeben,« meinte Semionow.
»Aha, Sie brauchen ein ernstes Thema? ...«
»Nun, schauen Sie, da haben Sie eins!« unterbrach Sarudin Lyda. Er zeigte aufs Ufer. Dort tauchte unterhalb des Abhangs zwischen den knorpligen Wurzeln einer mächtigen Eiche ein enges und düsteres Loch auf, das noch zur Hälfte von Gestrüpp verdeckt wurde.
»Was ist denn das?« fragte Schawrow, der Student, welcher mit den beiden Mädchen zusammengekommen war. Er kannte die Gegend noch nicht, da er aus einem andern Gouvernement stammte.
»'ne Art Spelunke ist das,« antwortete ihm Iwanow. »Und was für eine! Weiß der Teufel, die Leute erzählen sowas, hier wäre einmal eine Falschmünzer-Werkstätte etabliert gewesen. Natürlich, wie das immer so kommt; sie sind alle gefaßt worden. Sehr bedauerlich übrigens, daß es immer so kommt.«
»Sonst würdest du schnellstens eine Fabrik von 20 Kopeken-Stücken aufmachen, was?« fragte Nowikow.
»Aber nicht doch, ... wozu das? Von Rubeln, mein Freund, von Rubeln, aber sofort.«
»Hm,« räusperte sich Sarudin vernehmlich und zuckte die Achseln. Ihm mißfiel die Anwesenheit Iwanows und dessen Scherze verletzten ihn.
Iwanow achtete nicht darauf und fuhr fort.
»Also, eines schönen Tages hob man die Gesellschaft aus. Seitdem erfüllt die Höhle kein Zweckbedürfnis mehr. Kein Wunder, daß sie verwahrlost ist. Eingestürzt ist sie wohl auch. Traut sich niemand mehr hinein. Als ich noch ein Junge war, kroch ich selbstverständlich durch. Ziemlich interessant ist es darin.«
»Wie könnte es darin nicht interessant sein,« rief Lyda begeistert. »Viktor Sergeitsch, ich bitte Sie, kriechen Sie hinein. Sie sind doch tapfer.«
Ihr Ton war eigentümlich, gleichsam, als wollte sie jetzt im Licht und unter Leuten Sarudin verspotten und sich für den bangen Zauber rächen, unter den er sie an Abenden zwang, an denen sie allein zusammen waren.
»Wozu das?«
»Ich werde es tun,« rief plötzlich Jurii, errötete aber im selben Augenblick, weil ihn der Gedanke erschreckte, daß man glauben könnte, er wolle sich auszeichnen.
Iwanow billigte seinen Vorschlag durchaus.
»Vielleicht gehst du selbst mit, kannst ja Führer sein,« neckte ihn Nowikow. »Du weißt doch in diesem Mauseloch Bescheid.«
»Ach nein, Bruder, ich bleibe schon lieber hier sitzen.« Und damit rekelte er sich bequem im Boote zurecht.
Alle lachten auf.
Das Boot stieß ans Ufer, und die schwarze Höhlung lag nun grade über ihren Köpfen.
Ljalja wurde mit einem Mal ängstlich.
»Jurii, mach gefälligst keine Dummheiten,« bat sie ihn. »Das sind wirklich nur Dummheiten, bei Gott, nur Dummheiten.«
»Gewiß, nur Dummheiten,« gab ihr Jurii ruhig zu. »Aber bitte Semionow reichen Sie mir die Kerze rüber.«
»Wo soll ich denn eine hernehmen? ...«
»Sehen Sie nur hinter sich, im Korb.«
Semionow holte, ohne sich zu beeilen, mit besonderem Ausdruck seines Phlegmas eine Kerze vor.
»Wie? Wollen Sie denn tatsächlich da hineinkriechen?« fragte eins der Mädchen. Sie war groß und schön; ihre volle Brust hob ihre Gestalt, ohne die feinen Linien zu verwischen. Ljalja nannte sie Sina; ihr Familienname war Karssawina.
»Natürlich, weshalb nicht. Mal etwas anderes,« erwiderte Jurii, indem er gewaltsam eine gleichgültige Miene aufsetzte; unwillkürlich erinnerte er sich, wie oft er bei Partei-Unternehmungen dasselbe gleichgültige Gesicht zur Schau getragen hatte. Doch aus irgend einem Grunde erweckte diese Erinnerung in ihm ein unangenehmes Gefühl.
Am Eingang zur Höhle war es feucht und dunkel.
Ssanin blickte hinein: »Brrrr,« machte er voll Ekel. Ihm schien es ganz unverständlich und lächerlich, daß dieser Jurii sich in eine unbequeme, vielleicht gefährliche Situation begeben wollte, nur weil ein paar Mädchen dabei auf ihn hinschauten. Das kann man doch viel leichter haben, dachte er.
Jurii steckte die Kerze an und bemühte sich keinen der andern anzusehen. Ihm kam es jetzt ebenfalls so vor, als ob er sich mit seinem Mut nur lächerlich mache. Gleichzeitig tauchte aber die andere Empfindung in ihm auf, daß es schön und bewunderswert sei, und damit regte sich in ihm eine angenehme und bange Neugierde.
Er wartete, bis die Kerze aufflackerte, und lachend, um sich gegen den Spott zu sichern, schritt er vorwärts; sogleich verschwand er in der Dunkelheit. Das rief den Eindruck hervor, als wäre die Kerze selbst ausgelöscht, und allen wurde es in der Tat unheimlich zumute; man war besorgt um ihn und doch wieder neugierig.
»Seien Sie vorsichtig, Jurii Nikolajewitsch,« rief Rjäsanzew noch hinter ihm her, um seine Besorgnis auszudrücken. »Geben Sie gut acht. Dort halten sich mitunter Wölfe versteckt.«
»Ich habe einen Revolver bei mir,« schallte Juriis Stimme dumpf zurück; sie erklang aus der Erde, so eigentümlich, wie die eines Toten.
Jurii tastete sich vorsichtig vorwärts. Die Wände waren uneben und feucht, wie in einem tiefen Keller. Abwechselnd hob sich der Boden und senkte sich dann wieder; ein paarmal wäre er beinahe in glitschige Löcher gestürzt. Dann kam ihm der Gedanke, doch noch umzukehren. Er konnte sich ja einfach niedersetzen, sich eine Weile ruhig verhalten, und ihnen dann draußen vorreden, daß er tief hineingegangen wäre.
Aber mit einem Male wurden hinter ihm Schritte, die über den feuchten Lehmboden hinglitten, hörbar; dazwischen unterbrochenes Atmen.
Jurii hob die Kerze über seinen Kopf; er erkannte hinter sich das schöne Mädchen.
»Sinaida Pawlowna!« rief er erstaunt.
»In höchsteigener Person!« schallte es von Karssawina lustig zurück und das Kleid aufraffend, übersprang sie eine breite Pfütze.
Jurii durchlief ein angenehmes Gefühl, als er ihre stolze Gestalt neben sich sah; er lächelte glücklich.
Das Mädchen wurde unter seinem Blick verlegen:
»Nun gehen wir doch weiter,« sagte sie hastig. Folgsam und leicht schritt Jurii voran, mit keinem Gedanken mehr bei der Gefahr verweilend; sorgsam suchte er den Weg vor Karssawinas Füßen zu beleuchten.
Die braunen, feuchten Wände der Höhle näherten sich ihnen bald wie mit einer erstarrten Geste, bald bogen sie sich plötzlich wieder zurück, als wünschten sie selbst, diesen jungen, frohen Menschen den Weg frei zu machen. Stellenweise waren große Erdblöcke herausgebrochen, Steintrümmer niedergestürzt, und an ihrem Platze gähnten nun tiefe, schwarze Höhlungen, die durch die Dunkelheit noch bedeutend auseinandergedrängt schienen. Ueber ihren Köpfen hingen ungeheure Erdmassen tot und starr; es lag eine furchtbare Drohung darin, daß sie nicht herunterschlugen, sondern von einem mächtigen, unfaßbaren Gesetz gehalten, unbeweglich über ihnen wuchteten.
Schließlich mündeten die Gänge in ein breites, düsteres Gewölbe, das von stickiger Luft erfüllt war.