Part 10
Auch das Licht erlosch beinahe in dieser bedrückenden Finsternis, während Jurii an den Wänden entlang tastete, um einen neuen Ausweg zu suchen; dabei sprangen schwankende Schatten und getupfte Flecken, die das Licht zurückwarf, um ihn herum.
Es gab noch einige andere Ausgänge, sie waren jedoch sämtlich durch Erdrutsche verschüttet. Alles machte den Eindruck des Grabes und es wäre nicht denkbar gewesen, daß hier Menschen gehaust haben sollten, wenn nicht in einer Ecke die Ueberreste einer hölzernen Lagerstatt traurig verfault wären. Aber auch sie glich nur einem alten, längst zermorschten Sarge.
»Hier ist es nun grade nicht sehr interessant,« meinte Jurii, ohne es selbst zu bemerken, mit gedämpfter Stimme. Die Erdmassen drückten so stark auf beide, daß Karssawina unwillkürlich ihre Lippen zu einem Flüstern bewegte, während ihre Augen im Lichtschein flimmernd umherirrten. Ihr wurde es bange, sie drängte sich näher an Jurii, als suche sie bei ihm Hilfe. Er bemerkte es und es erfüllte ihn mit Freuden, daß er, neben der Schönheit und Schwäche dieses Mädchens, noch eine leise Zärtlichkeit hervorrief, von der sie nichts wußte, die sie aber deutlich in ihren behutsamen Bewegungen ausstrahlte.
»Wir sind wie lebend Begrabene,« flüsterte Karssawina. »Ich glaube, wenn hier jemand schreit, so kann ihn draußen keiner hören.«
»Gewiß nicht!« Jurii lächelte. Plötzlich wurde sein Kopf von einem Schwindel ergriffen. Er blickte von der Seite auf ihre hohe Brust, kaum von dem dünnen Stoff der kleinrussischen Bluse verhüllt und sah ihre runden, weich abfallenden Schultern. Der Gedanke, daß sie sich in Wirklichkeit hier in seinen Händen befand und daß niemand ihre Schreie hören würde, packte ihn mit furchtbarer Ueberraschung; im Kopf wirbelte es ihm so stark, daß es ihm einen Augenblick lang dunkel vor den Augen wurde.
Doch sofort wurde er wieder seiner Herr. Er empfand, wie widerwärtig der Gedanke allein war, mit Gewalt auf eine Frau einzudringen. Und vor allem für ihn, Jurii Swaroschitsch, den Revolutionär. Anstatt der beißenden Erregung, die jeden Nerv in ihm aufreizte, nachzugeben, sprach er ganz ruhig:
»Versuchen wir, wie es hallt.«
Ein seltsames Zittern seiner Stimme konnte er nicht unterdrücken; er war sicher, daß auch Karssawina empfinden mußte, was in ihm vorging.
»Wie?« fragte sie.
Jurii zog seinen Revolver heraus:
»Ich werde einen Schuß abfeuern.«
»Kann dabei nichts einstürzen? ...«
»Ich weiß nicht,« antwortete er aus irgend einem Grunde, trotzdem er sicher war, daß nichts geschehen würde. Doch dann wendete er sich plötzlich zu ihr: »Fürchten Sie sich denn?«
»Nein, schießen Sie nur!« Karssawina rückte etwas von ihm zurück.
Jurii hob die Hand mit dem Revolver und feuerte ihn ab.
Ein blendender Streifen blitzte dicht vor ihren Augen auf; in einem Moment wurde alles um sie mit einem trüben Dunst überzogen, dann rollte ein schwerer, dumpfer Lärm grollend durch den Berg.
Aber die Erde hing ebenso unbeweglich wie früher über ihren Köpfen.
»Und das ist alles,« sagte eintönig Jurii.
»Gehen wir zurück! Kommen Sie!«
Sie gingen zurück, doch als Karssawina voraus schritt und Jurii nun den Rücken zukehrte, sodaß er ihre kräftigen, elastischen Hüften sah, stieg die heiße Gier in der alten Stärke wieder in ihm auf.
»Hören Sie, Sinaida Pawlowna,« fing Jurii an, obgleich er schon im voraus von seiner Stimme und der Frage erschreckte; er bemühte sich, sie möglichst harmlos zu gestalten. »Hören Sie. Es ist ein interessantes, psychologisches Problem! Warum fürchten Sie nicht, mit mir hier herumzukriechen? Sie sagten selbst, daß es niemand hören würde, wenn hier drinnen jemand schreit. Und Sie kannten mich doch absolut nicht.«
Karssawina fühlte, daß sie in der Finsternis tief errötete, schwieg aber; Jurii atmete schwer und sie konnte jedem dieser Atemzüge deutlich folgen. Er war von glühender Scham erfaßt worden und doch durchflutete ihn ein angenehmes Gefühl, als glitte er sicher über einen breiten Abgrund.
»Ich nahm selbstverständlich an, daß Sie ein anständiger Mensch sind,« stammelte schwach und zitternd das Mädchen.
»Vielleicht haben Sie das umsonst gedacht,« erwiderte Jurii, noch immer das heiße Gefühl durchkostend. Plötzlich erschien es ihm originell, daß er so und nicht anders zu ihr sprach; er fand sich und die ganze Situation, in die er sie gebracht hatte, bewundernswert.
»So hätte ich mich ertränkt,« sagte Karssawina einfach, noch stiller und noch mehr errötend.
Aus diesem kurzen Satz strömte eine weite und mitleidvolle Bewegung in Juriis Seele über. Die Erregung versank mit einemmal, und ihm wurde vollkommen frei und leicht zumut.
Welch famoses Mädchen, dachte er warm und aufrichtig. Und das Bewußtsein, daß diese warme und aufrichtige Empfindung rein von jedem beschmutzenden Gedanken war, erfreute ihn so, daß aus seinen Augen Tränen traten.
Karssawina lächelte ihm glücklich zu, stolz auf ihre Antwort und auf seinen lautlosen Beifall, der sich stumm auf sie übertragen hatte.
Solange sie dem Ausgang zuschritten, dachte sie mit eigentümlicher Erregung darüber nach, warum es ihr garnicht beleidigend und beschämend gewesen war, sondern angenehm erregend, daß er diese Frage an sie gerichtet hatte.
VI
Die draußen Gebliebenen hatten eine ganze Zeit vor der Höhle gestanden und über Jurii und Karssawina gescherzt; dann zerstreuten sie sich am Ufer.
Die Männer zündeten sich ihre Zigaretten an, warfen die Streichhölzer ins Wasser und beobachteten nachlässig, wie der Rauch breite, glatte Kreise zog. Im Grase schritt Lyda leise singend hin und her und machte, die Finger um die Taille legend, halb unbewußt einige Pas mit ihren niedlichen Füßchen. Ljalja pflückte Blumen und warf sie dann Rjäsanzew zu; er fühlte, wie ihn ihre Augen küßten.
»Trinken wir doch lieber was,« sagte Iwanow zu Ssanin.
»Das ist eine gute Idee,« meinte dieser entzückt. »Gehen wir.«
Sie stiegen zum Boot hinunter, öffneten die Bierflaschen und machten es sich bequem.
»Ihr gewissenlosen Säufer!« rief Ljalja, und warf ein Bündel Gras, das sie rasch am Ufer ausgerissen hatte, auf sie hinab.
»Im Gegenteil, das ist vorzüglich!« schrie Iwanow. Und scherzend fuhr er fort: »Ich kann es durchaus nicht begreifen, warum die Menschen gegen den Alkohol ankämpfen. Meiner Meinung nach lebt überhaupt nur der Betrunkene so, wie es sich gehört.«
»Oder wie ein Tier,« ließ sich Nowikow vom Ufer her vernehmen.
»Und doch, -- -- nur der Betrunkene tut, was er will,« rief Ssanin zu ihm herauf. »Er möchte singen, gut, er singt; will er tanzen, tanzt er; kurz, er schämt sich seiner Freude und Heiterkeit durchaus nicht.«
»Manchmal prügelt er sich auch, oder prügelt andere,« bemerkte trocken Rjäsanzew.
»Kommt auch vor! Aber das ist's eben, die Leute verstehen nicht, zu trinken; sie werden gleich gehässig.«
»Und du schlägst dich im betrunkenen Zustande nicht?«
»Nein,« meinte Ssanin. »Eher im nüchternen. Im Rausch bin ich der beste Kerl von der Welt, wahrscheinlich, weil ich viele Gemeinheiten vergesse.«
»Nicht alle Menschen haben einen so liebenswürdigen Charakter,« warf Rjäsanzew ein. »Die meisten wirklich nicht.«
»Und wenn schon -- was geht mich das an?« Mit seinem frohen Lächeln führte Ssanin das Glas zum Mund.
»Nein, man darf nicht so sprechen, wie du,« erklärte Nowikow scharf.
»Warum denn nicht? ... Und wenn es doch einmal die Wahrheit ist? ...«
»Eine schöne Wahrheit,« Ljalja schlug vor Schreck die Hände zusammen.
»Die beste und schönste, die ich kenne,« erwiderte Iwanow für Ssanin.
Lyda, die bis dahin laut gesungen hatte, brach das Gespräch verdrießlich ab. Sie versuchte es auf ein anderes Thema zu lenken.
»Die beiden Herrschaften beeilen sich auch nicht.«
»Wozu hätten sie es nötig? ...« warf Iwanow hin. »Man soll sich überhaupt niemals beeilen.«
»Und dann die Heldin ohne Furcht, -- -- und natürlich ohne Tadel!« bemerkte Lyda in sarkastischem Ton.
Tanarow platzte mit lautem Lachen heraus, weil diese letzten Worte grade seine eigenen Gedanken kreuzten; doch sofort wurde er verlegen. Lyda blickte auf ihn, umfaßte wieder ihre Taille und wiegte sich elastisch hin und her.
»Vielleicht sind sie dort sehr vergnügt,« fügte sie hinzu und zuckte die Achseln.
»Sssst,« unterbrach sie Rjäsanzew. Ein dumpfes Grollen ertönte aus dem schwarzen Loch.
»Ein Schuß,« rief Nowikow.
»Was bedeutet das? ...« fragte Ljalja mit ängstlicher Stimme und klammerte sich an den Aermel ihres Bräutigams.
»Aengstige dich nicht! Sollte es auch ein Wolf sein, so sind sie doch um diese Zeit nicht gefährlich.« Rjäsanzew suchte sie zu beruhigen, innerlich auf Jurii und seinen kindischen Einfall ärgerlich.
»Und über zwei Menschen werden sie gewiß nicht herfallen,« brummte Iwanow gleichgültig.
»Eh, um Gotteswillen!« Schawrow, der junge Student war ganz außer sich.
Lyda empfand diese Aufregung als eine unberechtigte Störung.
»Aber sie werden ja schon kommen,« sagte sie und schürzte verächtlich die Lippen.
Da tauchten mit einem Mal Jurii und Karssawina aus der Finsternis auf. Er verlöschte die Kerze und lächelte allen liebenswürdig und unentschieden zu, weil er noch nicht wußte, wie sie sich zu seinem Einfall verhielten.
Er war von oben bis unten mit gelbem Lehm befleckt und auch die Schulter Karssawinas, mit der sie die Wand gestreift hatte, war beschmutzt.
»Nun, was war? ...« fragte gleichgültig Semionow, der sich die ganze Zeit über scheinbar um nichts gekümmert hatte.
»Ziemlich originell und ganz hübsch,« gab Jurii unentschlossen, wie um sich zu rechtfertigen, zur Antwort. »Nur reichen die Gänge nicht weit hinein. Aber irgend ein Holzgestell fault da seinem Ende entgegen.«
»Und haben Sie den Schuß gehört?« fragte lebhaft und mit den Augen blinkend Karssawina.
»Wozu die Heldentaten berichten? ... Meine Herrschaften, das ganze Bier ist schon ausgetrunken und unsere Seelen sind also in genügendem Maße erquickt worden. Fahren wir los!« schrie Iwanow.
Als das Boot wieder die Mitte des Flusses erreichte, war der Mond schon aufgegangen. Die Luft war wunderbar still und durchsichtig. Im Himmel und im Wasser, über und unter ihnen, prangten, goldenen Feuerhäufchen gleich, die Sterne, und es schien, daß das Boot zwischen zwei unendlichen, erleuchteten Lufttiefen dahinglitt.
Der Wald an den Uferseiten und sein Schatten, der nicht bis in das Wasser fiel, war düster und geheimnisvoll. Eine Nachtigall begann zu schlagen. Und wenn alle schwiegen, so war es, als ob nicht ein Vogel sänge, sondern irgendein vernunftbegabtes, in seinem Glücke nachdenkliches Wesen.
»Wie schön,« sagte Ljalja, die Augen hebend und legte ihren Kopf auf die runde Schulter Karssawinas, deren Wärme sie durchdrang.
Dann schwieg man wieder lange und lauschte. Das Schlagen der Nachtigall erfüllte den Wald, hallte trillernd über den tiefsinnigen Strom und zog über die Wiesen dahin, wo lauschig Gräser und Blumen in den monddurchleuchteten Nebel starrten.
»Wovon singt sie?« fragte Ljalja wieder. Wie unbeabsichtigt fiel ihr Arm mit der Handfläche nach unten auf die Kniee Rjäsanzews. Sie fühlte, wie dieses harte, starke Knie unter ihrer zarten Hand erbebte, und sie wurde froh und erschrak gleichzeitig über diese Bewegung.
»Von der Liebe natürlich!« erwiderte halb scherzhaft, halb im Ernst Rjäsanzew; er bedeckte sachte Ljaljas Hand, die vertrauensvoll auf seinem Knie lag, mit der seinen.
»In einer solchen Nacht möchte man nicht über Gutes, nicht über Böses nachdenken,« sprach Lyda vor sich hin und gab damit nur ihren eigenen Gedanken lauten Ausdruck. Sie dachte daran, ob sie gut oder schlecht handle, das bange und verlockende Spiel mit Sarudin zu genießen. Als sie auf sein Gesicht blickte, das im Mondenschein noch hübscher und mannhafter erschien, fühlte sie plötzlich die gleiche bekannte, süße Schwäche, die bange Willenlosigkeit ihr ganzes Wesen durchfluten und mit sich fortreißen.
»Sondern über etwas ganz anderes,« setzte Iwanow ihre Gedanken fort.
Ssanin lächelte zu diesen Worten, wendete aber seine Augen nicht von der Brust und dem weißen, im Mondenschein schimmernden Halse Karssawinas, die ihm gegenübersaß. Auf den ovalen Ausschnitt ihres Kleides fiel plötzlich ein dunkler Schatten von einer der vorspringenden Uferstellen her; sobald jedoch das Boot, immer den glänzenden Silberstreifen hinter sich, wieder über beleuchtete Wellen glitt, kam es Ssanin vor, als ob dieser Ausschnitt heller, weiter und freier geworden wäre.
Karssawina warf ihren breiten Strohhut beiseite, und während sie ihre Brust noch höher hob, begann sie zu singen; ihre Stimme war hübsch und klar, wenn auch nicht groß.
Es war ein kleinrussisches Volkslied, so weich und traurig, wie all diese Lieder.
»Aeußerst gefühlvoll,« murmelte Iwanow gähnend.
»Es ist schön,« sagte Ssanin.
Als Karssawina endete, klatschten alle Beifall; es schallte scharf in den dunklen Wald hinein und den Fluß hinab.
»Singe noch Sinotschka!« bat Ljalja »oder, besser, trage deine eigenen Gedichte vor.«
»Sind Sie etwa auch Dichterin? ... Welche Menge von Talenten kann doch der liebe Gott einem einzigen Menschen zukommen lassen, wenn er es gut mit ihm meint!«
»Ist das denn schlimm? ...« Aus Karssawinas Frage klang ein verlegenes Scherzen.
»Nein im Gegenteil, es ist sehr gut,« sagte Ssanin mit ehrlicher Bewunderung.
»Wenn, sagen wir, das betreffende Mädchen nebenbei jung und schön ist, so kann es nichts schaden,« stimmte ihm Iwanow bei.
»Trage doch vor, Sinotschka,« bat Ljalja ganz zärtlich und voll Liebe.
Karssawina blickte verlegen lächelnd über das Wasser und begann, ohne sich zu zieren, mit derselben lauten und klaren Stimme.
Liebster, mein Liebster, nie sollst du es wissen Wie mich mein Herz dir entgegentreibt; Will meine träumenden Augen verschließen, Daß tief mein Geheimnis verborgen bleibt.
Niemand auf Erden soll es erraten, Nur Tage der Trauer haben's gekannt, Nur schweigende Nächte durften es ahnen, Nur Sterne, die golden am Himmel gebrannt.
Und nur die zitternden, blinkenden Netze Der Zweige, die stillen Märchen gelauscht. Wissen's und werden's doch nimmer verraten, Wie meine Liebe mich glühend durchrauscht.
Alle gerieten wieder in Entzücken und klatschten voller Begeisterung Beifall; nicht, weil sie dieses Gedicht so gut fanden, sondern weil sie sich alle selbst gut und frei fühlten und nach Liebe, Glück und Sehnsucht verlangten.
Man schwieg, man sah über das Wasser, lächelte vor sich hin.
Plötzlich rief Iwanow so laut und in so tiefem Baß, daß alle erschreckt zusammenfuhren:
»Nacht, ... Tag ... und Sinaida Pawlownas Augen! ... Seid großmütig und teilt mir mit, ob ich nicht dieser Glücksvogel bin.«
»Das kannst du auch von mir zu hören bekommen,« erwiderte Ssanin. »Du gewiß nicht.«
»Oh, weh mir,« heulte Iwanow.
»Sind meine Verse schlecht?« fragte Karssawina Jurii.
Jurii fand eigentlich, daß sie nicht sehr originell und hundert anderen ähnlich seien. Aber Karssawina war so schön und sah ihn mit ihren schwarzen, schüchternen Augen so reizend an, daß er ein ernstes Gesicht machte und ihr antwortete:
»Mir schienen sie klangvoll und schön.«
Karssawina lächelte ihm zu, selbst verwundert, daß ihr sein Lob so angenehm war.
»Du kennst meine Sina noch nicht,« rief Ljalja voll Entzücken ihrem Bruder zu. »Sie ist selbst so klangvoll und schön.«
»Schaut mal an!« meinte Iwanow erstaunt.
»Ihre Stimme ist klangvoll und schön, sie selbst ist eine Schönheit, ihre Verse sind klangvoll und schön, und selbst ihr Name ist klangvoll und schön.« Ljalja umarmte sie und drückte ihren Körper an den Karssawinas.
»Uebrigens, auch ich habe nichts dagegen einzuwenden,« erklärte Iwanow. Karssawina errötete und lächelte doch zufrieden vor sich hin.
»Es ist Zeit, nach Hause zu kommen,« sagte Lyda plötzlich schroff; es berührte sie unangenehm, daß alle Karssawina lobten.
Ssanin fragte sie: »Und willst du nichts singen? ...«
»Nein,« antwortete Lyda in gereiztem Ton, »ich bin nicht in Stimmung.«
Rjäsanzew erinnerte sich, daß er am nächsten Tage sehr früh aufstehen und ins Krankenhaus gehen mußte; dann hatte er zu einer Sektion zu fahren. Darum stimmte er Lyda bei und drang ebenfalls darauf, sich ein wenig zu beeilen.
Aber alle anderen bedauerten es, weiterfahren zu müssen; sie schienen durch die Verse Karssawinas noch immer mit diesem Flecken verbunden zu sein.
Als man später im Wagen nach Hause fuhr, verspürte niemand mehr den Wunsch, sich zu unterhalten; in sich gekehrt saßen sie in den Kremsern, keiner konnte der schweren Ermattung Herr werden, die sie alle bedrückte. Man fühlte das Steppengras, jetzt unsichtbar, über die Stiefel streichen; hin und wieder haftete das Auge an den grauen Staubwolken, die die Wagen hinter ihnen aufwirbelten. Und weiter dehnten sich die Felder unendlich aus, ganz verschwommen im bläulichen Glanze des Mondlichts, ohne dem Auge einen Anhaltspunkt zu geben. Gleichmäßig schlugen die Hufe der Pferde auf den Boden; es war das einzige Geräusch, das die Dunkelheit durchbrach.
VII
Drei Tage darauf kehrte Lyda spät abends heim; sie war wie zerschlagen, müde und unglücklich. In ihren Gliedern lag eine erstarrte Mattigkeit, die sie niederzog; die träge Abspannung in ihrem Denken war so stark, daß es ihr Mühe machte, auch nur einen Gedanken zu formen. Sie verstand sich und begriff doch wieder nichts; in manchen Augenblicken schien sie sich selber fremd zu werden.
Als sie endlich in ihr Zimmer gekommen war, blieb sie jäh stehen, faltete die Hände, und sah, langsam erblassend, zu Boden. Mit einem Mal zerriß etwas in ihrem Hirn und erst jetzt erfaßte sie mit Entsetzen, das sich sofort in physischem Widerwillen auslöste, was eigentlich mit ihr vorgegangen war, als sie sich Sarudin hingab. Seit diesem Augenblick, den nichts mehr gut machen konnte, war ihr in dem dummen, eitlen Offizier, mit dem sie keine geistigen Beziehungen verbanden, eine Macht entstanden, der sie sich auf keine Weise mehr entziehen konnte.
Sie war rechtlos geworden; jetzt durfte er nach Belieben mit ihr schalten. Sie konnte sich nicht mehr weigern, ihn zu besuchen, sobald er es verlangte; nun hatte es aufgehört, daß sie mit ihm nach ihrer Laune spielte, einmal sich seinen Küssen hingab, dann wieder ihn beiseite schob und auslachte. Seinen gröbsten Zärtlichkeiten mußte sie willenlos und demütig wie eine Sklavin gehorchen.
Wie alles abgelaufen war, suchte sie vergebens in der Erinnerung festzuhalten; alles verschwamm in der brennenden Hitze, die sie ergriffen hatte. Wie immer hatten sich ihr seine Zärtlichkeiten zuerst untergeordnet, wie immer waren sie ihr angenehm und doch bange gewesen und nur mit einemmal schien ihr ein blasser Nebel in den Kopf zu steigen, worin jede Klarheit und Ueberlegung versank. Plötzlich befand sich in ihr nur ein glühender Wunsch, der sie in einen Abgrund von Begierden und Erregungen zog. Der Boden schwoll unter ihren Füßen an, ihr Körper wurde kraftlos und unterwürfig, die drängenden, furchtbaren Blicke Sarudins klammerten sich an ihn und dann erzitterten ihre nackten Beine schamlos und qualvoll unter der rohen Berührung zweier grober Hände. Alles in ihr schob sich diesen Händen entgegen; in ihr lebte nur noch der eine Wunsch, -- -- der Neugierde, dem Schmerze und der Wollust zu folgen.
Lyda erbebte unter der Erinnerung, hob langsam ihre Schultern in die Höhe und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Schwankend ging sie auf das Fenster zu, öffnete es und blickte fast ohne Bewußtsein auf den Mond, der über dem Garten stand.
Die trübe Stimmung drückte sie zu Boden; es war eine sonderbare Mischung von häßlicher Begierde und sehnsüchtigem Stolze, die sie bei dem Gedanken beschlich, daß sie ihr ganzes Leben mit einem Hohlkopf befleckt hatte und daß ihre Erniedrigung nur sinnlos und zufällig gewesen war. Etwas Drohendes erhob sich vor ihr; sie suchte es vergebens durch trotzige Verachtung zu zerstreuen.
... wir sind eben zusammengetroffen und ich bin mit ihm mitgelaufen, dachte sie, und mit schmerzlicher Wollust wiederholte sie sich das Wort »mitgelaufen« ... Ich wollte es und darum gab ich mich ihm hin. Aber doch wurde ich glücklich; es war ja so ... es wurde ihr unmöglich, diese Gedankenreihe zu Ende zu führen.
Lyda schrak zusammen und reckte sich, indem sie die geballten Hände nach vorn streckte. Dann strich sie mit den geöffneten Handflächen durch die Luft, als wenn sie alles von sich fortschieben wollte.
Mit Ueberwindung trat sie vom Fenster zurück und begann sich zu entkleiden; sie löste mechanisch die Bänder der Röcke und ließ sie gleich dort, wo sie stand, zur Erde fallen.
-- -- -- Warum auch nicht, dachte sie, das Leben ist nun einmal so.
Sie erschauerte unter dem frischen Luftzug, der weich ihre Schultern berührte.
-- -- -- Was hätte ich gewonnen, wenn ich wirklich die legitime Ehe abwartete. Was kann sie viel für mich sein. Es ist ja im Grunde ganz gleichgültig. Ich bin dumm, daß ich dem, was geschah, irgend eine Bedeutung beimesse ... Dummheiten!
Am Ende dieser Gedanken schien ihr wirklich, daß es sich nur um Kleinlichkeiten handle. Vom nächsten Tage an würde alle Unruhe ein Ende haben; sie hatte in diesem Spiel gewonnen, sie war jetzt frei wie ein Vogel.
Gefällt es mir, so lieb ich ihn, Und hab ich's satt, so ist's vorbei.
Und dem Klange ihrer Stimme lauschend, dachte sie mit Vergnügen, daß sie doch viel besser singe, als Karssawina.
-- -- -- Ja, das sind alles nur Dummheiten. Wenn es mir paßt, so gebe ich mich dem Teufel hin ..., sie gab ihren Gedanken einen endgültigen Stoß, dessen Rücksichtslosigkeit sie selbst erstaunte. Mit einem gleich schroffen, körperlichen Ruck richtete sie sich auf, verschränkte, wie zum Halt, ihre Arme hinter dem Kopf und reckte sich so stark, daß es ihre Brust erschütterte.
»Schläfst du noch nicht, Lyda?« fragte die Stimme ihres Bruders hinter dem Fenster.
Lyda erzitterte schreckhaft, lächelte aber sofort, schlug um ihre Schultern ein großes Tuch und lief ans Fenster.
»Wie hast du mich erschreckt,« sagte sie.
Ssanin trat auf sie zu und stützte den Ellenbogen auf das Fensterbrett; seine Augen blinkten, und er lächelte.
»Es war aber doch umsonst,« erklärte er heiter und leise.
Lyda wandte fragend den Kopf.
»Ohne Tuch sähst du viel hübscher aus.« Er sprach mit bedeutungsvoller Stimme. Lyda jedoch verstand ihn nicht und wandte sich ihm erstaunt zu; gleichzeitig aber wickelte sie sich instinktiv noch fester in ihr Tuch. Verlegen lehnte sie ihre Brust an das Fensterbrett und beugte sich heraus; sie wurde noch verlegener, als Ssanin plötzlich leise spöttisch auflachte und sein heißer Atem ihre Wange streifte.
»Du bist eine Schönheit, Liebste,« sagte er unvermittelt.
Lyda schaute rasch auf ihn hin und erschrak vor dem Ausdruck seines Gesichts. Hastig wendete sie sich zum Garten, und sie fühlte es bis in die äußersten Nervenenden, daß Ssanin sie ganz besonders anblickte. Das machte auf sie einen so entsetzlichen Eindruck, daß es ihr in der Brust kalt wurde und ihr Herz schmerzhaft erbebte. Doch sie überwand sich und lächelte.
»Ich weiß.« Sie hatte das Gefühl, als wäre sie gezwungen, ihn so und nicht anders anzulächeln. Um es zu vermeiden, lehnte sie sich noch weiter aus dem Fenster. Dabei glitten das Hemd und Tuch herunter, und der obere Teil ihrer weißen und unfaßbar zarten Brust, unter den Strahlen des Mondes noch zarter und weißer, wurde sichtbar.
»Die Menschen errichten stets eine chinesische Mauer zwischen sich und dem Glück.« Ssanins unnatürlich leise Stimme schluchzte fast vor Erregung und Lyda erstarrte noch mehr unter ihren Lauten.
»Wieso?« fragte sie tonlos, ohne die Augen von dem dunklen Garten abzuwenden, in der Furcht, seinem Blick zu begegnen.
Sie fühlte mit Sicherheit, daß in dem Augenblick, wo sie ihn ansehe, etwas Furchtbares geschehen würde, etwas, dessen Möglichkeit sie nicht einmal in Gedanken fassen konnte.