Part 3
Ueber diesen sagt Forel (Die sexuelle Frage, S. 239) in Uebereinstimmung mit Lombroso, daß »durch Kampf und Schlacht und die vom Krieg entfesselte Mordlust aufgeregte Soldaten zu viehischen sexuellen, wollüstigen Exzessen geführt werden.« Ein erschütternder, sinnverwirrender Beleg dafür findet sich speziell mit Bezug auf die russische Revolution bei Bloch (Das Sexualleben unserer Zeit, 2. und 3. Aufl., S. 646 ff.) mitgeteilt von Magnus Hirschfeld: »Ein Beitrag zur Psychologie der russischen Revolution« (Entwicklungsgeschichte eines algotagnistischen Revolutionärs, von diesem selbst verfaßt).
Von sadistischen Regungen ist aber in vorliegendem Roman nur ganz selten andeutungsweise die Rede, solche Regungen kommen nach dem Urteil hervorragender Sexualpsychologen häufig bei exzessiver Betätigung eines normalen Geschlechtstriebes vor, sie geben darum auch dem »Ssanin« keineswegs ein abnormes Gepräge.
Zweiter Teil.
(Disposition nach den im Schreiben des Untersuchungsrichters vom 31. Dezember 1908 gestellten Fragen:)
1. Ueber den literarischen und kulturhistorischen Wert des Romans.
Der Gesamteindruck des Werkes in literarischer Hinsicht ist kein günstiger. Es fehlt der einheitliche Aufbau und die das Ganze mehr oder minder beherrschende Haupthandlung. Es sind vielmehr aneinandergereihte, innerlich wenig oder gar nicht verknüpfte Bilder, meist Gruppenbilder von Personen, die der Verfasser uns eigens vorführt, um interessante Typen aus dem russischen Gesellschaftsleben zu zeigen. So ist meines Erachtens die Bezeichnung »Roman« nicht recht angebracht. Die Bilder sind mit starkem Realismus gezeichnet und gewähren in der Tat tiefe Einblicke in die russischen Verhältnisse, da sie sowohl das landschaftliche, das soziale und das geistige Milieu, überhaupt das Zuständliche, wie auch das individuelle Seelenleben anschaulich und eindrucksvoll schildern. Insofern kommt dem »Ssanin« ohne Zweifel ein kulturhistorischer Wert zu. Was aber den literarischen Genuß empfindlich beeinträchtigt, ist die breite Wiedergabe zahlreicher, meist ziemlich oberflächlicher philosophischer Erörterungen und Monologe, die -- im Gegensatz zum Vorwort sei dies betont -- häufig nichts von Erotik enthalten. Direkt unkünstlerisch, ja unästhetisch wirkt nach meinem Geschmack die Behandlung geschlechtlicher Vorgänge -- ich lasse dabei zunächst die moralische Seite außer acht. Wenn das Weib sonst in der schönen Literatur auftritt, selbst da, wo ihm eine im ganzen erniedrigende Rolle zugewiesen wird -- ich erinnere nur an Sudermanns neuesten Roman »Das hohe Lied« -- so trägt seine Erscheinung doch wenigstens stellenweise das Gepräge echter Schönheit und Weiblichkeit im edlen Sinne. Das fehlt hier bei Artzibaschew ganz. Stets ist nur vom Weib in rein physischer Beziehung, ich möchte sagen, in zynischer Nacktheit, die Rede, von seinen Schenkeln, Brüsten, dem Rücken usw. -- sei es in der Phantasie des Mannes oder in Wirklichkeit. Und selbst der Bruder tritt der Schwester mit solchen Empfindungen gegenüber, diese einseitige Auffassung und Vorstellung des Verfassers hat literarisch einen schweren, meines Erachtens seine ganze künstlerische Qualität in Frage stellenden Mangel zur Folge, nämlich die Unfähigkeit zum Differenzieren, was gerade bei einem so schwierigen Problem, wie dem des Weibes und des Sexuallebens, besonders schwer ins Gewicht fällt. Darunter leidet namentlich auch seine Charakterschilderung der Männer in ihrem Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Man hat das Gefühl, wie wenn alle diese Männer das Weib durch genau die gleiche Brille besehen, gleich begehrlich, gleichweit entfernt von jeder noch so bescheidenen Würdigung des weiblichen Charakters als etwas nicht rein Sinnlichen, Animalischen.
Nun mag vielleicht seine Grundauffassung vom Weib seitens des Mannes in Rußland typisch sein -- ich kann mir das zwar nicht recht vorstellen, daß in der Heimat der Frauenemanzipation und des weiblichen Studententums die Frau keine andere Stellung gegenüber dem Manne sich zu erringen vermochte und stehe diesem »Typus« des russischen Gesellschaftslebens skeptisch gegenüber -- künstlerisch ist sie gewiß nicht. Die Verwickelungen, die das Buch enthält, stehen zum Teil auf sehr schwachen Füßen, oft spielen Zufälligkeiten, die keinerlei logischen und psychologischen Zusammenhang mit dem sonstigen Verlauf der Dinge haben (Karssawina und Ssanin im intimen Verkehr) eine ausschlaggebende Rolle, und Lösungen (wie der Selbstmord Juriis) der Konflikte treten mitunter ganz plötzlich und unmotiviert ein.
So darf denn meines Erachtens der literarische Wert des Buches trotz mancher anerkennenswerter Lichtseiten im ganzen nicht hoch angeschlagen werden. Schwerwiegende Mängel treten zu sehr in den Vordergrund, als daß der Gesamteindruck ein erfreulicher genannt werden könnte.
2. Ueber die wissenschaftliche Bedeutung der Behandlung erotischer Fragen.
Wissenschaftlich, d. h. in der Absicht, unser Wissen über das menschliche Liebesleben irgendwie zu fördern, hat der Verfasser erotische Fragen sicher nicht behandelt. Nicht ein höherer Zweck, wie ihn das wissenschaftliche Streben im Auge hat, sondern einfach die Absicht, Zustände und Anschauungen wie sie sind, darzustellen, hat dem Verfasser die Feder geführt. Dann kann ich -- unbeschadet meiner späteren Ausführungen unter Nr. 4 -- gleich hier beifügen, daß dem Verfasser nach meiner Meinung auch kein verwerflicher Nebenzweck, etwa absichtlichen Sinnenreizes bei Darstellung geschlechtlicher Vorgänge, vorgeschwebt hat.
3. Ueber die Güte der Uebersetzung.
Darüber vermag ich mich nicht zu äußern in Ermangelung russischer Sprachkenntnisse. Aber der Eindruck, den die sprachliche Form in der vorliegenden Uebersetzung macht, ist fast durchweg günstig. Ich habe nur an einigen Stellen Anstoß an Wortformen genommen, die anscheinend auf kleine Mängel in der Sprachkenntnis zurückgehen, u. a. an dem öfters wiederkehrenden Adjektiv »bange«, das -- entgegen unserem Sprachgebrauch -- zu sachlichen Qualifikationen verwendet wird, so S. 263, 359, 364 und 373.
4. Wird die Darstellung geschlechtlicher Vorgänge durch die vorherrschenden wissenschaftlichen Zwecke dermaßen in den Hintergrund gedrängt, daß das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers nicht verletzt wird?
Die so gestellte Frage muß ich bejahen. Wer ohne Voreingenommenheit an die Lektüre des Ganzen herantritt, kann wohl an der oft bis zum Krassen, Frivolen, ja Zynischen gesteigerten Realistik (bes. S. 196-197, 215, 231-233, 248, Kap. 26, S. 318, 428-429, 440-441 u. a.) Anstoß nehmen. Er wird aber aus dieser Realistik nicht dem Autor einen sittlichen Vorwurf machen, weil meines Erachtens auch das Ausmalen widerlicher Vorgänge, die Darstellung abstoßender, niedriger Denkweise nirgends in der Absicht geboten ist, Freude an pikanten, den Sinnenreiz erregenden Szenen zu bezeigen und diese Freude etwa auf andere zu übertragen.
Die ganze Eigenart des Buches, das den Eindruck starker Wahrheitsliebe und rückhaltloser Ehrlichkeit macht, ist nicht auf den gemeinen Grundton pornographischer Schreibweise gestimmt. Der Verfasser, der nun einmal die Zustände der russischen Gesellschaft ohne Schminke schildern wollte, mußte die Farbe so auftragen, wenn aus einem Gemälde überhaupt etwas Echtes, Brauchbares werden, wenn dabei ein »kulturhistorischer« rein »wissenschaftlicher« Zweck im Auge behalten werden sollte.
Wenn ich krasse Vorkommnisse zu erzählen und dekadente Stimmungen zu schildern habe, dann kann ich jene nicht formlos und diese nicht ideal hinstellen -- will ich nicht der höchsten sittlichen Pflicht als Autor mich entledigen. So sind nun einmal die Dinge in Rußland. Würde sie Artzibaschew nicht schildern, wie sie sind, sondern, wie er sie haben möchte, dann läge in Anbetracht zahlreicher Stellen seines »Ssanin« ein Bestreben vor, das bei solch rauhem Realismus, wie er da zum Ausdruck kommt, als äußerst bedenklich bezeichnet werden müßte. Das schließt aber ohne Zweifel die Behauptung in sich, daß wir es hier mit einem ausgesprochenen Tendenzroman zu tun haben. Und dieser Behauptung widerspreche ich mit Entschiedenheit.
Wer sie verteidigt, der verurteilt indirekt den Ssanin als eine pornographische Schrift. Denn wenn das geschlechtliche Leben und alles, was damit zusammenhängt, nicht wirklich so wäre, wie es uns hier vor Augen geführt wird, wenn es vom Autor mit seiner angeblichen Tendenz nur so erdacht wäre, um die Unterlage einer neuen, erotischen Weltanschauung zu bilden, -- das Vorwort Villards will das glauben machen -- dann müßte sich allerdings das Scham- und Sittlichkeitsgefühl des normal empfindenden Lesers schwer verletzt fühlen.
Zustände und Anschauungen, noch dazu in einem fremden Lande, die aus tausend Ursachen so geworden sind, die können wir aber, ob wir nun Kenntnis davon haben oder nicht, ob sie sittlich gut oder verwerflich sind, nicht ändern, nicht ablehnen, nicht durch literarische Konfiskationen usw. beseitigen, Zumutungen aber, Aufdringlichkeiten unsittlicher Art, kurzum Tendenzen, die im Gehirn eines Schriftstellers ihren Ursprung haben, können wir ablehnen, von uns fernhalten, ebenso gut wie die Zudringlichkeiten von Leuten, die uns am Leib und Leben, an Hab und Gut schädigen wollen, nötigenfalls unter Anrufung des gesetzlichen Schutzes. _Wer dem Ssanin des Artzibaschew anstelle der harten und herben Realistik der Tatsachen eine solche Tendenz vindiziert, der tut ihm meines Erachtens unrecht._
Indem nun aber das oben im ersten Teil meines Gutachtens ausführlich erörterte Vorwort in denkbar anspruchsvollster Weise dem Buch eine geradezu das Ganze beherrschende _erotische Tendenz_ zuschreibt, und indem es die Schilderung der _ungeheuerlichen Wirkung solcher Tendenz_ dem, der das Buch zu lesen beabsichtigt, als die beste Empfehlung, die wirksamste Reklame zur Weiterempfehlung aufdrängt, stempelt es, wie ich oben bereits ausgeführt habe, das ganze Buch _zu einem erotisch-tendenziösen_. Es zerstört seine nüchterne Realistik und nimmt ihm seinen unverkennbaren kulturhistorischen, belehrenden, wissenschaftlichen Charakter.
Ich stehe nicht an, zum Schluß meines Gutachtens meine Meinung dahin zusammenzufassen: _Artzibaschews Ssanin an sich halte ich vom Standpunkt des § 183 Ziffer 1 des St.-G.-B. für einwandfrei. Die vorliegende deutsche Ausgabe jedoch mit Villards Vorwort fällt meines Erachtens unter den Begriff einer unzüchtigen Schrift im Sinne des erwähnten Paragraphen._
Pforzheim, 2. Februar 1909.
gez.: Prof. Dr. Karl Brunner.
6. Gutachten
von Ludwig Ganghofer in München.
Der mir zur Beurteilung vorgelegte Roman ist als eine dichterisch hochstehende, aus künstlerischem Geist entsprungene Schöpfung zu bezeichnen, die in der Geschichte der russischen Literatur neben den Meisterwerken von Gogol, Turgenjew, Dostojewski und Gontscharow ihren verdienten Ehrenplatz finden wird.
Die Komposition des Romans ist von schöner und strenger Geschlossenheit; die Handlung ist ein starkes und überzeugendes Bild des Lebens, klar geschaut, großzügig erfaßt und mit künstlerischer Kraft aus der Wirklichkeit emporgehoben zu dichterischer Wahrheit; alle Gestalten des Buches sind mit Meisterhand gezeichnet, ohne Beschönigung, ohne Uebertreibung, ohne Absichtlichkeit, im plumperen Sinne dieses Wortes, ohne tendenziöse Verschiebung der Linien, die das Leben dem Dichter zeigte; von fesselnder Wirkung sind die mit den Lebensvorgängen künstlerisch verwobenen Naturschilderungen, die in ihrem malerischen Reiz an die feinsten landschaftlichen Stimmungen bei Turgenjew erinnern; und als glühende Seele dieses Buches redet zu uns die leidenschaftliche Vaterlandsliebe des Dichters, seine schwermutsvolle Trauer über das Schicksal seiner Heimat und ihrer Jugend, deren wertvolle Lebenskräfte zwischen politischem Unglück und sozialer Entartung nutzlos verbraucht und zerrieben werden.
Die Lektüre dieses Buches brachte mir jenen hohen Genuß, wie ihn nur das Werk eines echten Dichters dem Leser zu bieten vermag -- gleichviel, ob es nun licht und erhebend oder erschütternd und bedrückend wirkt.
Ich würde nicht nur als Schriftsteller das lebhafteste Bedauern darüber empfinden, wenn dieses Werk aus Gründen, die nur außerhalb seines dichterischen Wertes liegen könnten, bei uns in Bayern eine zensurelle Maßregelung erführe. Denn die an mich gestellte Frage, ob die im »Ssanin« geschilderten sexuellen Vorgänge geeignet wären, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl eines »normal empfindenden Lesers« zu verletzen, muß ich mit Nein beantworten. Dabei verstehe ich allerdings unter einem »normal empfindenden Leser« auch einen gesunden, natürlich fühlenden Menschen von relativer Bildung und ernsten Kulturinteressen. Auf entartete und krankhaft gereizte Menschheitsexemplare kann ja auch ein viel harmloseres Kunsterzeugnis, als es der Ssanin ist, eine zu sexueller Nervosität umschlagende Wirkung üben. Aber in einem halbwegs gesunden, natürlich fühlenden und verständigen Menschen wird die Lektüre dieses Buches niemals ein Gefühl der Lüsternheit erwecken, also meines Erachtens auch nie ein Gefühl der sittlichen Empörung über die Form hervorrufen, in welcher die von der Handlung des Romans untrennbaren sexuellen Vorgänge hier geschildert sind.
Von einer »wissenschaftlichen Behandlung der erotischen Fragen« oder von einem »wissenschaftlichen Zwecke« der hier gegebenen Darstellung geschlechtlicher Vorgänge zu sprechen, erscheint mir diesem Werke gegenüber als nicht ganz zutreffend. Der Schöpfer dieses Werkes wollte nicht als Arzt oder als Gelehrter sprechen, sondern als Dichter. Er wollte kein wissenschaftliches Compendium der modernen Erotik seiner Heimat verfassen, sondern mit Wahrheit und künstlerischer Kraft das versinkende Leben einer bedrückten und irregeleiteten Jugend schildern, die sich -- von höheren kulturellen Lebenszielen auf politischem und sozialem Gebiete gewaltsam abgedrängt -- auf die tierischen Reservatrechte der Menschheit beschränkt sieht und sich in verschärfter Intensität mit allem beschäftigt, was ihr als erotisches Problem erscheint. Diese Jugend sagt: Untergang und Niederbruch auf allen Seiten, suchen wir also wenigstens einen Fortschritt auf diesem _einen_ Gebiete zu erzielen, auf dem uns die Arbeit nicht unterbunden werden kann. Die latente Nähe des Galgens erzeugt sexuelle Subtilitäten.
Ich halte es für einen der Grundgedanken des vorliegenden Romans, daß der Dichter aussprechen wollte: Hindert eine blutvoll und stürmisch heranwachsende Jugend an der redlichen Betätigung ihrer besten Lebenskräfte, nehmt ihr die fliegenden Hoffnungen, die sie emportragen über die Dunkelheiten des ewig Menschlichen, so werden die Feinfühligsten dieser Jugend zu Unglücklichen wie Ssoloveitschik, die gedankenvollen Schwächlinge zu ratlosen Selbstmördern wie Jurii, die geistig minderwertigen Menschtiere zu perversen Schweinen wie Woloschin und Sarudin, die seelisch und körperlich Starken zu einsamen Spöttern und zu rücksichtslosen Lebenstrinkern wie Wladimir Ssanin, der aus allem schwülen Sturm dieses Buches höhnisch und lachend hinausschreitet ins Ziellose, ein Zyniker und doch ein Held, der keinen Menschen haßt, aber auch um keines Menschen willen leidet.
Man mag erschrecken vor aller Wahrheit, die hier geschildert wird; aber man darf für diese Wahrheit nicht den Dichter verantwortlich machen, der solche Wahrheit sah und zeigte.
Aus dem ernsten Lebensklang seines Buches, aus dem Gang der Handlung, aus dem Kontrast der geschilderten Figuren, aus der Schärfe des Gegensatzes, mit dem der Dichter das Helle gegen das Dunkle stellt, das Kraftvolle gegen die Schwäche, gesunde Natur gegen das Verkrüppelte und Entartete, die Reinheit gegen die Vertierung, das Ersehnenswerte gegen das wirklich Bestehende -- aus diesen kontrastierenden Farben und Bildern des Werkes wäre ohne mühsame Kombination zu erweisen, daß dieses erschütternde Werk geschaffen wurde, um an giftige Lebenswunden das brennende Eisen zu legen. Aber mit Worten ist eine solche Absicht im »Ssanin« nirgends ausgesprochen. Der echte Künstler hat es nicht nötig, seinem großgefaßten Werke jenes Moralfähnchen anzuhängen, wie es in der kleinen Fabel des Kinderbuches üblich ist.
Im Zusammenhange mit allem mutigen Ernste dieses Buches vermag die Darstellung der für die Handlung unumgänglichen erotischen Szenen einen normalen und gesunden Leser weder sinnlich zu erregen, noch sein Scham- und Sittlichkeitsgefühl zu verletzen. Aber auch losgelöst aus dem künstlerischen Zusammenhange dieses Buches, jede der inkriminierten Stellen für sich allein betrachtet -- so, wie sie in der an mich gerichteten Zuschrift von der Kgl. Staatsanwaltschaft nach Seitenzahlen aufgeführt wurden -- können diese Darstellungen nicht als unsittlich oder unzüchtig bezeichnet werden. Diese Schilderungen gehen nie von der Absicht aus, die Lüsternheit des Lesers zu erwecken oder eine Wirkung durch die Spekulation auf seine tierischen Instinkte zu erzielen. Hinter all diesen Szenen stehen ernste, psychologische, kulturelle und nationale Werte; die Form der Darstellung ist immer ruhig, abgeklärt, reinlich und vornehm, sie vermeidet mit Geschmack jede Linie und jedes Wort, das über die Grenzen des künstlerisch Notwendigen und Zulässigen hinausginge. Mit einer einzigen Ausnahme. In der Szene zwischen Jurii und Karssawina -- Seite 440 -- störte mich die textliche Brutalität der drei Worte auf Zeile 25. Diese Wendung ist geschmacklos, eine stilistische Entgleisung, von der ich nicht entscheiden kann, ob sie dem Dichter oder dem Uebersetzer anzukreiden ist. Ich möchte das letztere vermuten.
Im übrigen wird die Uebersetzung, von kleinen Nachlässigkeiten der Sprache abgesehen, dem ernsten Charakter des Buches wohl gerecht, so daß sie als literarische Arbeit zu bezeichnen ist.
Nicht völlig einverstanden bin ich mit einem Abschnitt der Vorrede. Die Behauptung, daß »der wilde sexuelle Rausch«, der einen Teil der russischen Jugend erfaßte, »auf den »Ssanin« zurückgeht«, scheint mir historisch nicht richtig. Ich erwähne das, weil ich mich zu der Bemerkung verpflichtet fühle, daß jene Stelle der Vorrede -- Seite VIII -- für mich den unbehaglichen Beigeschmack einer nicht sehr delikaten Anpreisung des Buches bekam. Es ist möglich, daß ein solcher Eindruck in mir vorbereitet war durch den geschmacklosen und marktschreierischen Aufdruck der Buchhändlerschleife, mit welcher der Band verschlossen war. Es ist richtig, daß der »Ssanin« in Rußland verboten wurde. Aber mit dieser Tatsache buchhändlerischer Reklame zu machen, erscheint mir als unanständig. Und Reklame der gleichen Gattung ist der Aufdruck: »Ursprung der sexuellen Revolution«. Dieser Reklameschrei, der sich übel an eine literarisch und kulturhistorische Sache anhängt, ist überdies eine Unwahrheit, denn der »Ssanin« ist weder der »Weltanschauungsroman des heutigen Rußland«, noch weniger »der Ursprung der sexuellen Revolution«. Durch _solche Reklame_ wird das Anstandsgefühl eines normalen Menschen verletzt, nicht aber durch dieses künstlerisch wertvolle Buch, das meines Wissens in Rußland nicht aus Sittlichkeitsgründen, sondern aus politischen Motiven verboten wurde. Denn dieses Buch -- dessen sittlicher Wert allein schon durch das grauenvolle Schicksal dokumentiert wird, dem der Dichter die Gestalt des Masochisten Sarudin überantwortet -- dieses Buch mit seinem flammende Geiste und seiner peitschenden Ironie war geeignet, die russische Jugend aus ihrer seit Jahrzehnten entwickelten, schon _vor_ dem »Raskolnikow« und »Oblomow« angebahnten Verirrung und Versumpfung aufzurütteln und zu neuem Widerstande gegen die in Rußland herrschenden politischen Mißstände zu beseelen.
Daß der »Ssanin« nach seinem Erscheinen in unreifen Gehirnen und krankhaften Organismen der russischen Jugend mancherlei Mißverständnisse und Verwirrungen anrichtete, das ist dem Dichter und seinem Werke ebensowenig zur Last zu legen, wie die nationale und kulturelle Wirkung Goethes durch die Tatsache zu belasten wäre, daß sich nach dem Erscheinen der »Leiden des jungen Werthers« ein paar sensible Schwächlinge aus törichter Eitelkeit erschossen. Geniale dichterische Werke pflegen nach einigen Erschütterungen, die sie bei Unverständigen anrichten, reinigend zu wirken und gesunde Erneuerungen des Lebens vorzubereiten.
München, den 29. Januar 1909.
gez. Ludwig Ganghofer.
7. Gutachten
von Dr. Franz Muncker, Professor an der Universität München.
München, 7. Januar 1909.
Ein Sachverständigengutachten über den Roman »Ssanin« von Artzibaschew in dem ganzen Umfang, wie es von mir gefordert wurde, kann ich nicht abgeben:
Zunächst kann ich über den Wert der Uebersetzung nur mit Einschränkung urteilen. Das russische Original liegt mir nicht vor, und auch wenn dies der Fall wäre, würde meine -- ziemlich dürftige -- Kenntnis der russischen Sprache nicht ausreichen, daß ich wirklich über die Treue und Güte der Uebersetzung sprechen dürfte. Von meinen näheren Kollegen an der Universität wäre dazu meines Wissens am ersten Professor Dr. Krumbacher befähigt. Ich kann nur beurteilen, ob das Deutsch, das der Uebersetzer schreibt, gut und künstlerisch ist. Darin sind mir hie und da kleine grammatikalische Sorglosigkeiten, bisweilen auch eine allzu russisch klingende Wendung aufgefallen; im ganzen aber ist die sprachliche Darstellung ungezwungen, frisch und gewandt: die Uebersetzung liest sich wie ein gutes deutsches Originalwerk.
Auch über den kulturhistorischen Wert des Romans habe ich kein eigentliches Sachverständigenurteil. Von Berufs wegen gehen mich die kulturellen Verhältnisse des modernen Rußland nichts an; was ich von ihnen weiß, stammt in der Hauptsache aus den Quellen, aus denen sich jeder andere Gebildete ebensogut wie ich über solche Dinge unterrichten kann, aus Zeitungen oder aus Gesprächen mit Leuten, die mehr davon zu wissen scheinen. So vermag ich nicht mit Sicherheit darüber zu urteilen, ob Ssanin wirklich, wie es in der Vorrede der deutschen Ausgabe heißt, die sexuelle Revolution in Rußland hervorgerufen hat, oder ob er nur ein künstlerisches Abbild von dieser Revolution gibt.
Daß jedoch die in ihm gekennzeichneten philosophisch sittlichen Anschauungen und Freiheiten des geschlechtlichen Lebens tatsächlich der Wahrheit entsprechen, steht nach den Berichten der Zeitungen außer Frage. Auch könnte ich mich dafür auf bestätigende Aeußerungen berufen, die eine der ersten Persönlichkeiten der Petersburger Universität, Staatsrat Th. v. Zielinski, hiesigen Freunden -- namentlich auch dem Geheimrat Professor Dr. Crusius hier, dem ich den Roman zu rascher Lektüre gab, eben weil ich wußte, daß Zielinski gerade mit ihm über diese russischen Verhältnisse ausführlich gesprochen hatte; Crusius, einer der größten Kenner alter und neuerer Literatur, stimmt übrigens in allem Wesentlichen meinem Urteil über »Ssanin« bei -- gegenüber getan hat. Durch diese Wahrheit des Inhalts gewinnt der Roman Ssanin, gleichviel wie seine Bedeutung in Rußland selbst geschätzt wird, für uns deutsche Leser allerdings einen hohen kulturgeschichtlichen Wert; und insofern verdient er zweifellos ins Deutsche übersetzt zu werden. Daß er in Rußland verboten worden ist, kann dabei nicht in Betracht kommen. In Rußland wird manches von der Zensur unterdrückt, was bei uns als vortrefflich gilt. Den Roman Ssanin verbot man dort, weil man fürchtete, sein Inhalt möchte der dortigen Jugend gefährlich werden, weil man sah, daß diese Jugend die in dem Roman geschilderte freie Liebe und überhaupt die Lebensanschauung des Titelhelden in wildem Rausche praktisch zum Gesetz erheben wolle. Diese Gefahr besteht bei uns durchaus nicht, weil bei uns die ganze revolutionäre Gärung, überhaupt die politisch sozialen Voraussetzungen fehlen, die in Rußland solchen Bestrebungen die Wege bahnen.