Part 23
»Ja, mit Ihnen soll einer anfangen,« zischte Hoshijenko unangenehm durch die Zähne. Dann fuhr er fort:
»Also, meine Herrschaften, uns allen wäre es natürlich erwünscht, unsere Weltanschauung zu erweitern. Da wir nun glauben, daß die beste Möglichkeit der Selbstentwickelung und Selbstbildung durch systematisches, gemeinsames Lesen und durch Gedankenaustausch über das Gelesene gegeben wird, so haben wir beschlossen, einen kleinen Zirkel zu bilden ...«
»So ...« Piszow atmete begeistert auf und ließ seine freudig glänzenden Augen über alle Köpfe gleiten.
»Die Frage dreht sich nur noch darum, was wir jetzt lesen sollen. Vielleicht ist jemand bereit, ein Programm vorzuschlagen.«
Schawrow zupfte an seiner Brille herum, dann erhob er sich langsam, ein Heft in der Hand.
»Ich glaube,« begann er mit trockener, langweiliger Stimme, »daß wir unser Lesen unbedingt in zwei Teile zerlegen müssen, wie? Es ist unzweifelhaft, daß sich jede Bildung aus zwei Teilen zusammensetzt, aus der Kenntnis des Lebens, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, und der Kenntnisse der Lebensvorgänge als solcher.«
»Schawrow spricht gescheiter,« bemerkte Dubowa.
»Das erstere wird durch das Lesen von Büchern erreicht, die Naturwissenschaften zur Grundlage haben, das zweite durch Lektüre künstlerischer Literatur, und die wird uns mitten in das Leben einführen.«
Dubowa konnte nicht zur Ruhe kommen: »Wenn wir so langsam weitersprechen, schlafen wir alle ein.« In ihren Augen leuchtete zärtlicher Spott wie ein lustiges Feuer auf.
»Ich bemühe mich, so zu sprechen, daß mich alle verstehen können, wie?« erwiderte Schawrow sanftmütig.
»Nun, Gott mit Ihnen, sprechen Sie schon, wie Sie wollen.« Dubowa machte eine wegwerfende Handbewegung. Auch Karssawina lachte zärtlich über Schawrow und warf vor Lachen den Kopf so weit in den Nacken zurück, daß sich ihr voller, weißer Hals zeigte.
»Ich habe ein Programm zusammengestellt, aber vielleicht würde es langweilig sein, es vorzulesen. Darum möchte ich zunächst vorschlagen -- zu -- lesen: Der Ursprung der Familie von Engels, und daneben: Darwin, und als Belletristisches: Tolstoi.«
»Tolstoi gewiß.« Zum ersten Mal beteiligte sich von Deutz, der bis dahin, nur neugierig auf alles starrend, Zigaretten geraucht hatte, an der Diskussion. Auch jetzt zündete er sich, sehr befriedigt von seinem Einwurf, eine neue Zigarette an.
Schawrow wartete, Gott weiß warum, bis die Zigarette in Brand gesetzt war, dann fuhr er methodisch fort:
»Tschechow, Ibsen, Knut Hamsun ...«
»Aber das hat man doch schon längst gelesen!« Karssawina war sehr erstaunt. Jurii lauschte mit Freude ihrer klingenden Stimme und schloß sich ihr sofort an:
»Selbstverständlich! Schawrow vergißt ganz, daß er hier nicht bei seinen Sonntagsvorlesungen ist. Und dann, was ist das für eine komische Zusammenstellung: Tolstoi und Hamsun.«
Schawrow führte ruhig und weitschweifig einige Einwände zur Verteidigung seines Programms an, aber keiner konnte verstehen, was er eigentlich sagen wollte.
»Nein,« widersprach ihm Jurii laut und entschieden, während er den Blick Karssawinas ganz besonders auf sich ruhen fühlte und darüber froh wurde. »Ich kann da nicht zustimmen.«
Nunmehr entwickelte er seinen Standpunkt, und je länger er sprach, um so mehr gab er sich Mühe, Karssawinas Beifall zu erringen. Er spürte, daß es ihm gelang. Schonungslos schlug er auf Schawrow auch in solchen Punkten los, in denen er sonst mit ihm einverstanden gewesen wäre.
Der dicke Hoshijenko setzte sofort, nachdem Jurii geendet hatte, mit scharfem Widerspruch ein. Er hielt sich für gebildeter, intelligenter und vor allem für einen besseren Redner als die anderen, im Grunde hatte er diesen Zirkel nur gegründet, weil er hoffte, so eine erste Rolle zu spielen. Der Beifall, den Jurii fand, berührte ihn unangenehm und zwang ihn, sofort gegen ihn aufzutreten. Die Ansichten Juriis waren ihm vorher nicht bekannt gewesen, und er war daher nicht fähig, sie in vollem Umfange zu bekämpfen. So griff er nur die schwachen Stellen heraus und stürzte bissig auf sie los. Ein langer Streit, von dem offenbar das Ende garnicht vorauszusehen war, schloß sich an. Der Technologe, Iwanow, Nowikow ergriffen ebenfalls das Wort; bald leuchteten durch den Tabaksrauch aufgeregte Gesichter. Die Worte verwickelten sich in ein unentwirrbares, formloses Chaos, in dem man fast nichts mehr herausfinden konnte.
Dubowa war in Nachdenken versunken; schweigend sah sie in das Feuer der Lampe und Karssawina, die auch auf nichts mehr hinhörte, öffnete ihr Fenster zum Vorgärtchen und starrte sinnend, die straffen Arme auf der Brust verschränkt, den vollen Nacken gegen den Fensterrahmen gelehnt, durch die nächtliche Finsternis.
Zuerst konnte sie nichts erkennen, aber allmählich traten aus dem schwarzen Dunkel die trächtigen Bäume, der beleuchtete Vorgartenzaun und weiter hinten ein trüb schwankender Lichtfleck, der über das Gras auf den Fußpfad glitt, deutlich heraus. Der weiche, elastische Wind umgab ihr Schultern und Nacken mit kühlen Strichen, -- leise bewegte er zarte, einzelne Härchen an ihrer Schläfe. Karssawina hob den Kopf und unterschied in der allmählich klarer werdenden Finsternis den unaufhörlichen, eigenartig gespannten Zug dunkler Wolken. Sie dachte über Jurii, über ihre Liebe nach und glückliche schwere Gedanken erfüllten mit liebkosender Erregung ihr Hirn. Es war so schön, hier zu sitzen, sich mit dem glühenden Körper der Nacht hinzugeben und dabei mit ganzem Herzen der einen aufreizenden Männerstimme zuzuhören, die für sie ganz besonders laut aus dem allgemeinen Gewirr herausklang.
Im Zimmer herrschte unterdessen ununterbrochenes Lärmen; es stellte sich immer klarer heraus, daß jeder einzelne sich für gebildeter und intelligenter hielt, und die anderen zu belehren suchte. Darin lag ein schwerer, aufpeitschender Vorwurf, der selbst die Friedfertigsten erbitterte.
»Ja, wenn wir es von der Seite nehmen, dann müssen wir auf den Urgrund aller Ideen zurückgehen.« Jurii schrie es mit hartnäckiger Anstrengung, -- einen gleichen hartnäckigen Glanz in den Augen. Er fürchtete, in Gegenwart Karssawinas, nur einen Schritt von seiner Meinung zurückweichen zu müssen. Er wußte nicht, daß sie ganz allein auf seine Stimme hörte, ohne auch nur einen Augenblick auf den Inhalt seiner Worte zu achten.
»Was sollen wir denn dann Ihrer Meinung nach lesen?« fragte Hoshijenko spöttisch.
»Meiner nach? ... Nun, Confucius, das Evangelium, den Ecclesiast ...«
Hoshijenko lächelte schadenfroh; dachte aber garnicht daran, daß er bisher noch kein einziges dieser Bücher gelesen hatte.
»Aber was wollen Sie denn? ... Das geht doch nicht, wie?« meinte Schawrow gedehnt.
»Die Psalter und das Leben der Heiligen ... nur los!« bemerkte ironisch der Technologe.
»Wie in der Kirche,« kicherte Piszow.
Jurii wurde vor Wut dunkelrot.
»Ich scherze nicht. Wollen Sie logisch sein ...«
»Und was erzählten Sie vorhin über Christus? ...« fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort.
»Was ich gesagt habe? ... Wenn man an das Studium des Lebens herangeht, so, -- -- so will man sich eine bestimmte Weltanschauung bilden, um die gesamten Beziehungen zwischen sich und den Menschen zu klären. Dann ist doch wohl das Richtigste: zunächst hält man sich bei der titanischen Arbeit jener Menschen auf, die die besten Repräsentanten des Menschengeschlechts waren. Sie haben ja in ihrem eigenen Leben alles getan, um die verschiedensten Zusammenhänge in der menschlichen Gesellschaft von den einfachsten bis zu den kompliziertesten, zu prüfen und festzustellen.«
Hoshijenko, der die ganze Zeit über wie gespannt saß, fiel ihm jetzt gewaltsam ins Wort: »Bitte sehr, ich erkläre mich damit durchaus nicht einverstanden. Bitte, ich kann das unter keiner Bedingung zugeben.« Nowikow überschrie ihn: »Aber ich bin ganz derselben Meinung. Sehr richtig war das.«
Wieder entstand ein sinnloser, brutaler Wirrwarr der Reden, in dem man weder Anfang noch Ende einer Ansicht herausfinden konnte.
Ssoloveitschik, der sofort, als die anderen zu sprechen begannen, sich schweigend in die Ecke gesetzt hatte, achtete intensiv auf jedes Wort. Zuerst lag auf seinem Gesicht ungeteilte Aufmerksamkeit, die in ihrem Ernst fast kindlich wirkte. Dann schärfte sich in seinen Mienen mehr und mehr der Zug voller Verständnislosigkeit und innigen Leides.
Ssanin schwieg, trank Tee und rauchte. Man konnte Aerger und Langeweile aus ihm herauslesen. Als nun gar gehässige Nuancen das wirre Geschrei durchtönten, erhob er sich, drückte seine Zigarette aus und sagte:
»Ja, wißt ihr, Herrschaften, eure Geschichte hier wird mit der Zeit langweilig.«
»Wirklich. Von ganzem Herzen langweilig,« unterstützte ihn Dubowa.
»Oh Eitelkeit aller Eitelkeiten, Qual für den Geist!« sprach Iwanow in einem Ton, als ob er diese Phrasen die ganze Zeit auf der Zunge gehabt und nur auf die Gelegenheit gewartet hätte, sie anzubringen.
»Und weshalb finden Sie das,« fragte wütend der brünette Technologe.
Ssanin schenkte ihm keine Aufmerksamkeit und wendete sich an Jurii: »Glauben Sie ernsthaft, daß man sich nach irgend welchen Büchern eine gewisse Weltanschauung aufbauen könne?«
»Aber gewiß!«
»Ganz im Gegenteil. Wenn dem so wäre, müßte man ja die ganze Menschheit auf eine Form bringen können. Man brauchte ihr nur Bücher von einer Richtung zu lesen geben. Nein, die Weltanschauung wird nur vom Leben selbst gestaltet. In dem ist die Literatur und selbst das menschliche Denken ein verschwindender Teil. Die Weltanschauung ist keine Theorie des Lebens. -- -- Nein, gewiß nicht! Ganz allein die -- nun, warten Sie, -- die Stimmung der einzelnen Persönlichkeit. Und diese Stimmung wird so oft wechseln, solange der Mensch seine lebende Seele besitzt. Folglich kann es überhaupt nicht eine singuläre, abgeschlossene Weltanschauung geben, für die sie so energisch eintreten könnten.«
»Aber wieso denn nicht,« rief Jurii empört. Wieder trat auf das Gesicht Ssanins der Ausdruck von Langeweile.
»Natürlich nicht. Wenn eine Weltanschauung als fertige Theorie möglich wäre, so müßte ja unser Denken völlig zum Stillstand kommen. Aber das gibt es ja garnicht. Jeder Augenblick unseres Daseins schreit uns sein neues, eigenes Wort ins Ohr und auf dieses Wort muß man hören, ohne sich vorher durch Begrenzungen festzulegen. -- -- Wozu übrigens darüber diskutieren,« fiel er sich plötzlich, über seine Interessiertheit erstaunt, selbst in die Rede. »Denken Sie, was Sie wollen. Doch nur noch eins möchte ich Sie fragen. Warum haben Sie sich denn, -- Sie haben doch wahrscheinlich schon hunderte von Büchern gelesen, vom Ecclesiast bis auf den Marx -- noch keine Weltanschauung gebildet.«
»Ich hätte mir keine gebildet? ...« Jurii fühlte sich tief verletzt. »Bitte, ich habe schon eine. Vielleicht ist sie falsch, aber feststehend ist sie.«
»Ja, was wollen Sie sich dann eigentlich hier noch anschaffen? ...«
Piszow kicherte. »Eh, du!« herrschte ihn verachtungsvoll Kudriawi an, drohend den Hals anreckend.
Mit naivem Entzücken starrte Karssawina jetzt auf Ssanin, -- -- -- wie klug er doch ist, dachte sie.
Sie verglich ihn mit Swaroschitsch; ihren ganzen Körper durchwühlte ein schamhaftes, frohes Gefühl, das ihr aber nicht bewußt wurde. Als wenn sich diese beiden nicht aus allgemeinen Gründen stritten, sondern nur, um vor ihr zu glänzen.
»Also ... am letzten Ende zeigt sich ... Ihr habt euch hier alle ohne jede innere Notwendigkeit versammelt. Ich verstehe auch das! Es ist ganz klar. Einer will nur den andern zwingen, seine Ansichten anzuerkennen und anzunehmen; dabei fürchtet jeder, daß man ihn selbst überreden könnte. Offen gestanden, Herrschaften, das ist öde und platt.«
»Erlauben Sie mal,« schrie Hoshijenko.
»Nein. Sie glauben hier die allerherrlichste Weltanschauung zu haben, sicher haben Sie auch in Ihrem Leben eine Menge von Büchern in der Hand gehabt. Und doch regen Sie sich darüber auf, daß nicht alle so denken, wie Sie. Außerdem verletzten Sie noch vorhin ein paar Mal den Genossen Ssoloveitschik, der Ihnen absolut nichts zuleide getan hatte.«
Hoshijenko schwieg verwundert, als ob ihm etwas ganz Unerhörtes gesagt worden wäre.
»Jurii Nikolajewitsch,« fuhr Ssanin lustig fort, »seien Sie mir nicht böse, wenn ich Ihnen vorhin etwas derb gekommen bin. Ich sehe, daß in Ihnen tatsächlich ein Zwiespalt vorgeht.«
Jurii errötete; er war unsicher, ob er sich verletzt fühlen müsse oder nicht. »Wieso? ... Weshalb ein Zwiespalt? ...« Ebenso wie auf dem Herwege berührte ihn auch jetzt die zärtliche, beruhigende Stimme Ssanins angenehm.
»Das wissen Sie doch selbst,« erwiderte ihm Ssanin lächelnd. »Und auf dieses kindische Unternehmen hier, da, wirklich, da muß man einfach spucken; sonst läßt man es sich tatsächlich noch zu nahe gehen.«
»Hören Sie mal,« schrie Hoshijenko wieder tief errötend. »Sie erlauben sich aber zu viel.«
»Weniger als Sie.«
»Was -- als ich?«
»Denken Sie nur,« sagte Ssanin lustig. »In jedem Ihrer gehässigen Worte liegt sicher viel mehr Grobheit und Taktlosigkeit, als in einem vergnügten von mir.«
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Das ist nicht meine Schuld.«
»Was?«
Ohne zu antworten, nahm Ssanin den Hut und sagte: »Ich gehe fort. Das wird wirklich zu uninteressant.«
»Eine gute Tat. Und Bier gab es auch nicht mal,« stimmte ihm Iwanow bei und ging ins Vorzimmer hinaus.
Dubowa stand ebenfalls auf: »Ja, aus der Sache wird wohl nichts werden.«
»Kommen Sie mit, Jurii Nikolajewitsch?« wendete sich Karssawina an diesen. »Auf Wiedersehen,« sie reichte Ssanin die Hand. Für eine Minute trafen sich ihre Blicke, unwillkürlich wurde sie betroffen.
Beim Fortgehen sagte Dubowa: »Der Zirkel ist verwelkt, bevor er geblüht hat.«
»Aber warum denn nur,« fragte traurig und ratlos Ssoloveitschik, der allen wie ein Pfahl im Wege stand.
Erst in diesem Augenblick erinnerte man sich an ihn; der sonderbare Ausdruck seines Gesichts fiel ihnen auf.
»Hören Sie, Ssoloveitschik,« sagte nachdenklich Ssanin. »Ich möchte einmal zu Ihnen kommen. Mich mit Ihnen ein bißchen persönlich unterhalten.«
»Ich bitte recht sehr ...« Ssoloveitschik verbeugte sich hocherfreut.
Auf dem Hofe schien es nach der Helle des Zimmers so dunkel, daß man die Nebenstehenden garnicht bemerken konnte, man hörte nur laute Stimmen um sich.
Die Arbeiter gingen abseits von den anderen. Als sie schon in der Finsternis untergetaucht waren, sagte Piszow:
»So geht's doch ein für alle Mal. Ich möchte mal sehn, ob's nicht immer dasselbe ist. Da laufen die Herrschaftens nun zusammen und wollen ne Sache machen. Und was? ... Jeder will's in seine Hände kriegen. Aber dieser gesunde Kerl da, der, der da immer zuletzt red'te, Donnerwetter, der macht Laune.«
»Na, du hast auch 'ne Ahnung, wenn gebildete Leute unter sich zu reden haben,« erwiderte Kudriawi und drehte wieder seinen Hals als wenn er einen Erstickungsanfall bekäme. Seine Stimme war stumpf und erbittert.
Piszow pfiff selbstsicher und spöttisch.
XXV
Ssoloveitschik stand noch ziemlich lange unbeweglich auf der Steintreppe und starrte in den sternenlosen Himmel; mechanisch rieb er die mageren Finger gegeneinander.
Der Wind bog hinter den schwarzen Scheunen und Schuppen, an deren Eisenpfosten er klirrte, die Wipfel der Bäume, die sich wie Gespenster lautlos drängten, hin und her; über ihnen zogen Wolken in furchtbarer Hast, wie von einer unwiderstehlich mächtigen Bewegung erfaßt, vorbei. Ihre schwarzen Massen bauten sich schweigend am Horizont auf, türmten sich in unerreichbare Höhen; plötzlich brachen sie weit in der Ferne in einem jähen Abgrund nieder. Man hätte glauben können, daß ihre unübersehbaren Regimenter hinter dem weiten Rand der Erde ungeduldig warteten und eins nach dem andern mit wehenden, dumpf grauen Fahnen in eine phantastische Schlacht zöge. Ab und zu dröhnte mit dem ruhelosen Wind das Tosen und Wuchten ihres Kampfes herüber.
Mit kindlicher Furcht blickte Ssoloveitschik hinauf; niemals früher hatte er so stark als in dieser Nacht empfunden, wie klein und ohnmächtig, fast garnicht existierend er sich inmitten dieses grandiosen, sich verschlingenden Chaos ausnahm.
»-- -- -- Oh Gott, Gott,« seufzte er und sein Herz krümmte sich vor Trauer.
Angesichts des Himmels und der tiefen Nacht war er nicht mehr derselbe wie unter den Augen der Menschen. Die hastige Gefälligkeit der verzerrten Bewegungen war in irgend eine Tiefe versunken, die häßlichen Zähne, die den Eindruck eines fletschenden alten Köters hervorriefen, verbargen sich hinter den dünnen Lippen eines jungen Juden; seine schwarzen Augen blickten traurig und ernst.
Langsam ging er ins Zimmer zurück, löschte eine überflüssige Lampe aus, rückte ungeschickt den Tisch an seinen alten Platz und setzte die Stühle mit peinlicher Mühe zurecht. Durch die Zimmer zogen noch immer Schwalme dünnen Tabaksrauches, auf dem Boden lag viel Schmutz, zertretene Zigarettenstummel und abgebrannte Streichhölzer.
Ssoloveitschik holte den Besen und fegte das Zimmer aus. Wie immer bemühte er sich, den Ort, wo er wohnte, mit einer seltsamen, nachdenklichen Liebe so schön und gemütlich als möglich zu machen. Dann brachte er aus der Kammer einen alten Eimer mit Schmutzwasser, krümelte noch Brod hinein und ging über den dunklen Hof, wobei er, um das Gleichgewicht zu halten, gezwungen war, den ganzen Körper auszurecken, die Füße in trippelnden Schritten voreinanderzusetzen und mit dem freien Arm hin und herzuschlenkern.
Um sich ein wenig Licht zu schaffen, hatte er die Lampe auf das Fensterbrett gestellt; dennoch war es im Hof dunkel und bänglich. Ssoloveitschik war froh, als er an der Hütte Sultans angelangt war.
Der zottige Hund kroch ihm keuchend entgegen und rasselte traurig mit der eisernen Kette.
»Ah Sultan, still,« schrie Ssoloveitschik, um sich an seiner eigenen lauten Stimme zu beruhigen. In der Finsternis stieß ihn der Hund mit der nassen, kalten Schnauze an die Hand.
»Hier, hier,« Ssoloveitschik stellte den Eimer nieder.
Sultan glubschte und prustete im Eimer und Ssoloveitschik stand neben ihm; er lächelte traurig in die Finsternis hinein.
-- -- -- Was kann ich tun, dachte er, kann ich denn die Menschen zwingen, anders zu denken, als sie Lust haben? Ich hatte selbst geglaubt, von ihnen zu hören, wie man leben und denken soll. Gott gab mir keine Prophetenstimme ... Was muß ich also tun ...
Sultan knurrte freundlich.
»Friß schon, friß, ... ja, ja, ist ja gut ... Ich möchte dich schon von der Kette losmachen, damit du ein bißchen herumlaufen kannst, aber ich habe keinen Schlüssel. So bin ich zu schwach.«
-- -- -- Was für kluge, wunderbare Menschen das sind ... Und wieviel sie wissen ... Und dennoch ... Oder vielleicht bin ich selbst schuld. Ich müßte ein einziges Wort sagen. Und doch, ... dieses Wort fand ich nicht. -- --
Fern hinter der Stadt erklang ein gedehntes trübseliges Pfeifen. Sultan hob den Kopf und lauschte. Man konnte hören, wie von seiner Schnauze schwere Tropfen klingend in den Eimer fielen.
»Aber friß doch weiter, da pfeift der Zug ...«
Sultan seufzte schwer.
-- -- -- Und werden einmal die Menschen so leben können ... oder vielleicht können sie es garnicht. -- -- -- Ssoloveitschik sprach diesen letzten Satz laut in die Luft.
Ein endloses Menschenheer, das aus der Finsternis heraufstieg und wieder in sie hineinwallte, schob sich plötzlich an seinen Augen vorüber. Eine Reihe von Jahrhunderten ohne Anfang und Ende, eine Kette von Leiden ohne Lichtstrahl, ohne Sinn, ohne Erlösung ... Und oben, wo Gott thront, herrscht ewiges Schweigen. -- -- --
Sultan klapperte mit dem leeren Eimer, stieß ihn um und wedelte unter schwachem Kettengeklirr mit dem Schwanz.
»Nu, ... hast du gefressen, ... nu ...«
Ssoloveitschik streichelte den rauhen Rücken, fühlte einen Augenblick an der Hand den lebendigen, sich zärtlich biegenden Körper und ging ins Haus.
Weit hinter ihm klirrte Sultan mit der Kette; auf dem Hof war es etwas heller, aber gerade dagegen erschien das alte, schwarze Gebäude der Mühle mit dem zum Himmel ragenden Schornstein und dem schmalen, sargartigen Schuppen noch dunkler und furchtbarer. Ein schmaler Lichtstreifen schob sich vom Fenster durch das Vorgärtchen. Schwankende Köpfe zarter Blumen hoben sich von ihm ab, bewegten sich unter dem schwarzen Himmel, der seine grauen Fahnen unendlich entfaltet hatte, geängstigt hin und her, als wenn sie die dumpfe Ahnung des Sterbens heranschleichen fühlten.
Ssoloveitschik ging ins Zimmer; er war von der erdrückenden Trauer, etwas unwiderbringlich verloren zu haben und jetzt ganz einsam zu sein, durchdrungen. Er setzte sich an den Tisch und begann langsam und schwer zu weinen.
XXVI
Gewaltsam waren den müden Sinnen immer neue Genüsse abgetrotzt worden und doch reagierte der Körper, den die Ausschweifungen bis zu Schmerzen gepeinigt hatten, immer von neuem auf die eine Tatsache: Weib! ...
Das Weib stand vor Woloschin nur nackt, stets zugänglich; in jedem Augenblick seines Lebens setzten Frauenkleider, die sich vollen, biegsamen Figuren eng anschmiegten, seine Nerven in Spannung, bis seine Knie scharf erzitterten und alle Muskeln an ihm zerrten.
In Petersburg hatte er einen ganzen Haufen luxuriöser und gutgepflegter Weiber zurückgelassen, die in jeder Nacht seinen Körper mit den raffiniertesten Perversitäten aufpeitschten. Am Tage lag in seinen Händen die Leitung eines wichtigen, umfangreichen Werkes, von dem die Existenz vieler Menschen, die für ihn arbeiten mußten, abhängig war; doch sobald er es gegen Abend verließ, stürzten sich alle seine Gedanken auf das eine Ziel: Weib! ...
Als er wenige Tage zuvor von Petersburg abgereist, weil in seiner Fabrik ein umfangreicher Streik eingesetzt hatte, entstanden vor seinen Augen welke Träume von blutjungen, unberührten Frauen kleiner Provinznester. Er stellte sie sich scheu und ängstlich, saftig wie Waldpilzchen vor, und schon von der Ferne her sog er gierig ihren aufreizenden Duft von Jugendfrische und Reinheit in sich ein.
Nachdem er die Verbindungen mit den hungrigen, schmutzigen und innerlich erbitterten Leuten frei zerrissen hatte, erfrischte er seinen bleichsüchtigen, zermürbten Körper mit Parfüms und der schneeweißen Sauberkeit eines hellen Kostüms, nahm eine Droschke und fuhr zu Sarudin. Auf dem Wege zu ihm zitterte er fast vor Ungeduld, obgleich ihn seine Gesellschaft eigentlich chokierte.
Der Offizier saß am Fenster zum Garten, trank kalten Tee und bemühte sich, in bessere Stimmung zu kommen.
... Ein sehr schöner Abend, wiederholte er sich mechanisch, aber er konnte seine Gedanken nicht an diesen einfachen Phrasen festhalten; er war mit sich selbst unzufrieden; er schämte sich.
Er fürchtete Lyda. Seit dem Tage ihrer Auseinandersetzung hatte er sie nicht mehr gesehen. Sie stand jetzt ganz anders vor seinen Augen, als in der Zeit ihrer Hingabe.
... Wie dem auch sein mag; die Sache ist sicher noch nicht zu Ende. Man muß auf irgend eine Weise das Kind los werden. Oder ... sollte man einfach darauf spucken? ...
... Was mag sie jetzt tun? ... Vor ihm tauchte das hübsche Gesicht des Mädchens auf, aber mit drohendem, rachsüchtigem Ausdruck, mit festzusammengepreßten Lippen und seinen rätselhaften Augen.
... Und wenn sie mir hier einen Tanz aufführen wird. -- So Eine, wie sie, läßt die Geschichte nicht ruhig ablaufen ... Ich müßte doch eigentlich etwas ...
Das Gespenst eines entsetzlichen Skandals, der sich in seiner Form noch gar nicht voraussehen ließ, tauchte vor ihm auf; sein Herz begann feige schneller zu schlagen.
... Aber am Ende, fragte er sich immer, was kann sie denn schließlich tun ... Nichts! ... Dann erhellte sich etwas in seinem Hirn, alles wurde klar und einfach, und er war zuletzt überzeugt, daß nichts passieren würde.
... Sie ersäuft sich? ... Nun, mag sie der Teufel holen ... Ich habe sie auch nicht mit Gewalt zu mir hergeschleppt. Sie sagt, daß sie nicht meine Geliebte war ... Was bedeutet das viel? ... Das Ganze zeigt doch nur, daß ich ein hübscher Kerl bin. Daß ich sie heiraten werde, habe ich niemals versprochen.