Part 22
»Nein, erlauben Sie bitte,« fiel ihm von Deutz triumphierend ins Wort, er fürchtete wieder die Oberhand zu verlieren. Im Gehen drehte er sich fortgesetzt um und kam dabei stets vom Bürgersteig herunter. »Sie haben grade so gesagt ...«
»Wenn ich sage, daß es nicht so war, dann war es eben nicht so ... Es ist eigentümlich,« unterbrach ihn Jurii seinerseits. Er empfand einfachen, bitteren Haß, bei dem Gedanken, daß dieser Dummkopf von Offizier einen Augenblick glauben konnte, er wäre der Intelligentere. »Ich wollte sagen ...«
»Nun, mag sein. Verzeihen Sie bitte, daß ich Sie nicht richtig verstanden habe.« Von Deutz zuckte mit nachsichtigem Lächeln seine schmalen Achseln; es sollte heißen, daß er Jurii für zurückgeschlagen halte, und daß alle Entgegnungen nichts anderes mehr sein würden, als eine verspätete Retirade.
Jurii begriff das und fühlte sich dadurch so furchtbar gekränkt, daß sich seine Kehle zuschnürte.
»Ich will gar nicht die ungeheure Bedeutung des Christentums leugnen.«
»Dann widersprechen Sie sich,« verschluckte sich von Deutz mit neuem triumphierendem Entzücken. Es war ihm durchaus klar, daß Jurii unendlich dümmer wäre, als er und daß er augenscheinlich nicht annähernd das wußte, was in seinem Hirne so harmonisch aufgestapelt war.
»Das kommt _Ihnen_ so vor, daß ich mir widerspreche. Aber tatsächlich gerade im Gegenteil, ... mein Gedanke ist ganz logisch. Ist nicht meine Schuld, wenn Sie ... mich nicht verstehen wollen,« rief Jurii mit verletzender Schärfe, durch die er das Gefühl des Leidens in sich unterdrücken wollte. »Ich sagte vorher und das sage ich auch jetzt, ... das Christentum ist ein durch und durch wiedergekäuter Stoff, und von ihm, so wie er ist, hat man keine Ernährung zu erwarten.«
»Nun ja ... Aber, wollen Sie denn den wohltuenden Einfluß des Christentums leugnen. ... Das heißt, daß es einfach zur Grundlage wurde ...« Auch von Deutz erhob seine Stimme, mit hilfloser Eile suchte er seine weiteren Schlüsse, die ihm bei dieser Wendung des Gesprächs zu entgleiten drohten, wieder einzufangen.
»Das leugne ich gar nicht!«
»Aber ich leugne es!« mischte sich plötzlich Ssanin, der die ganze Zeit schweigend hinter ihnen herging, lächelnd ins Gespräch. Seine Stimme war leicht und ruhig und schnitt eigentümlich in den wirbelnden, ätzenden Ton des Streites ein.
Jurii schwieg. Er fühlte sich durch diese kühle Stimme und den offensichtlichen Spott, der aus ihr herausklang, verletzt; aber er fand kein Wort zur Entgegnung. Für ihn war es stets peinlich und unbequem, mit Ssanin zu streiten, -- als wenn all die Worte, welche er gewöhnlich brauchte, bei Ssanin nicht am richtigen Platz waren. Dann fühlte er sich, als müßte er eine Mauer umstürzen, während seine Füße auf glattem Eis standen.
Von Deutz konnte nicht schweigen. In seiner Erregung über den unerwarteten Angriff stolperte er und klirrte schrill mit den Sporen; dazwischen schrie er mit sich überschlagender Stimme: »Aber warum denn das, wenn ich fragen darf?«
»Ganz einfach -- -- -- so,« erklärte Ssanin mit unfaßbarem Unterklang.
»Wie denn _so_? ... Wenn man solche Behauptungen aufstellt, muß man sie auch beweisen.«
»Wozu hätte ich es nötig, sie zu beweisen?«
»Was heißt das: ... wozu? ...«
»Gar nichts habe ich zu beweisen. Es ist meine Ueberzeugung; aber Sie zu überzeugen, fehlt mir der geringste Wunsch. Es hätte auch keinen Zweck.«
»Wenn man in dieser Weise urteilen will,« sagte Jurii zurückhaltend, »so könnte man wohl die ganze Literatur zum alten Eisen werfen.«
»Aber nicht im geringsten! Die Literatur, nein, das ist eine wichtige und interessante Sache. Die Literatur, -- -- ja, nämlich die, die ich so bezeichne, die ist nicht dazu da, mit jedem dahergelaufenen Kopfwackler zu polemisieren. Der selbst nichts zu tun hat, und nur alle Menschen mit seiner Klugheit breitschlagen möchte. Sie baut das ganze Leben um, dringt von Generation zu Generation in das Blut der Menschheit hinein. Wenn man die Literatur vernichten wollte, würden im Leben viel Farben verbleichen.«
Von Deutz blieb stehen, ließ Jurii vorbeigehen, und als Ssanin neben ihn kam, sagte er zu ihm:
»Nein, bitte, die Idee, die Sie da eben streifen, interessiert mich aufs äußerste.«
»Mein Gedanke ist sehr einfach. Wenn Sie durchaus wollen, will ich ihn Ihnen klar machen. Meiner Meinung nach hat das Christentum in der Geschichte eine traurige Rolle gespielt. In der Zeit, als die Menschheit ihr Dasein nicht mehr ertragen konnte und nur wenig daran fehlte, daß alle Demütigen und Unglücklichen zur Vernunft kämen und mit einem Stoß die ganze unerträgliche und ungerechte Ordnung der Dinge zerschlagen hätten, -- -- -- einfach alles vernichteten, was sich von fremdem Blute nährt, ja, gerade in dieser Zeit erschien das stille, demütige, viel verheißende Christentum. Es verurteilte den Kampf, versprach innere Seligkeit, säuselte die Menschen in einen sanften Schlummer ein, brachte eine Religion des >Nicht dem Bösen mit Gewalt widerstehen<, nun kurz ausgedrückt, ließ den ganzen Dampf ab. Die gewaltigen Charaktere, die durch den jahrhundertelangen Schmerz zum Kampf erzogen worden waren, gingen wie die blödesten Idioten in die Arena hinab und mit einem Mut, der unendlich bessere Verwendung verdient hätte, zogen sie sich mit eigenen Händen die Haut in Striemen herunter! ... Ihre Feinde haben natürlich garnichts Besseres gewünscht. Und jetzt sind wieder Jahrhunderte nötig, es muß wieder unendliche Versklavung und Knebelung kommen, um die Empörung in Schwung zu bringen. Der menschlichen Persönlichkeit, die zu wild war, um zum Sklaven zu werden, zog das Christentum ein Bußhemd über und verbarg darunter alle Farben des freien menschlichen Geistes ... Die Starken, die sofort im Augenblick ihr Glück in ihre Hände nehmen konnten, hat es betrogen, den Schwerpunkt ihres Lebens in irgend eine Zukunft verlegt, in den Traum an etwas nicht Existierendes, an etwas, das keiner von ihnen jemals erblicken kann ... Und alle Schönheit des Lebens verschwand dadurch: Der Stolz, die freie Leidenschaft, die Willenskraft, und nur die Pflicht ist übrig geblieben und dann, -- der unsinnige Traum an das kommende goldene Zeitalter, golden natürlich für die anderen. Ja, das Christentum hat eine häßliche Rolle gespielt und der Name Jesu Christi wird noch lange wie ein Fluch auf der Menschheit lasten.«
Von Deutz blieb plötzlich stehen und man konnte trotz der Dunkelheit bemerken, wie sich seine langen Arme hoben und senkten.
»Nun wissen Sie -- -- --« er stammelte in Schreck und Ratlosigkeit.
Auch in Jurii regte sich ein eigenartiges Gefühl. Einerseits schien in Ssanins Worten nichts Besonderes zu liegen, auch konnte ja Ssanin wie Jurii alles aussprechen, was er dachte und für gut hielt. Aber doch wieder legte sich, gleich einem Schatten des »Unbewußten«, ein schwerer Druck auf sein stehengebliebenes Denken. Die Existenz dieser vererbten Furcht hatte Jurii längst vergessen; er kam niemals darauf, sie sich zu vergegenwärtigen. Jetzt empfand er sie um so intensiver; es verletzte ihn.
»Denken Sie denn garnicht an die blutige Messe, die über die Menschheit losgebrochen wäre, wenn sie das Christentum nicht abgewendet hätte,« fragte er Ssanin mit eigentümlich nervösem Grimm.
»Eh,« Ssanin wehrte mit der Hand ab. »Unter dem Deckmantel des Christentums wurden zuerst die Arenen mit Märtyrerblut berieselt, dann tötete man Menschen, steckte sie in Gefängnisse, warf sie in Irrenhäuser, tagaus, tagein, noch jetzt strömt Blut in solcher Menge, -- -- kein Weltumsturz wäre imstande, ein größeres Quantum in Fluß zu bringen. Am schlimmsten ist ja, daß die Menschen noch immer jede Verbesserung mit Blut, durch Revolution erkämpfen müssen. Warum stellen sie denn als Grundlage ihrer Existenz die Humanität und Nächstenliebe auf. Eine platte Tragödie, Lüge und Heuchelei kommt da zutage, weder Fisch noch Fleisch. Ich würde jetzt lieber eine Weltkatastrophe als das trübe waschlappig-schleimige Leben von zwei Jahrtausenden kommen sehen!«
Jurii erwiderte nichts. Es war eigentümlich, daß sein Denken sich nicht über dem Sinn der Worte halten konnte, sondern sich stets an die Persönlichkeit Ssanins klammerte. Ihm schien dessen absolute Sicherheit äußerst beleidigend, ja, geradezu unerträglich.
»Sagen Sie bitte,« meinte er plötzlich, ohne daß er selbst erwartet hätte, er würde dem dringenden Verlangen, Ssanin zu verletzen, nachgeben. »Warum sprechen Sie immer in einem Ton, als ob Sie kleine Kinder belehren wollten?«
Von Deutz wunderte sich über Juriis Angriffe, wurde verwirrt und hielt sich für verpflichtet, ein paar begütigende Worte vor sich hinzumurmeln.
»Da haben Sie's,« auch Ssanin war ärgerlich. »Warum sind Sie denn böse?«
Jurii fühlte selbst, daß er ausfallend geworden war und daß er nicht weitergehen dürfe, aber die Erregung, die sich tief in ihm eingefressen hatte und der, bis auf die Nerven nackte Eigensinn rissen ihn fort.
»Ihr Ton ist wirklich unangenehm,« gab er hartnäckig, fast drohend zurück.
»Es ist nun einmal so meine Art zu reden,« meinte Ssanin, trotz des erkennbaren Aergers, doch mit dem Wunsche zu beruhigen.
»Er ist aber nicht überall angebracht! Ich begreife überhaupt nicht, warum Sie immer mit solchem Aplomb auftreten ...«
»Wahrscheinlich in dem Bewußtsein, daß ich klüger bin als Sie,« antwortete Ssanin noch ruhiger.
Jurii blieb, von Kopf bis zu den Füßen durchgehend erzitternd, stehen: »Hören Sie mal,« obgleich man sein Gesicht nicht erkennen konnte, fühlte man, daß es blaß wurde.
»Regen Sie sich doch nicht auf,« Ssanin hielt ihn liebenswürdig zurück. »Ich hatte gar nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Ich habe Ihnen nur meine aufrichtige Meinung gesagt. Und dieselbe Meinung haben Sie von mir, von Deutz hat sie von uns beiden, -- -- -- was wollen Sie, das ist ganz natürlich ...« Ssanins Stimme war so aufrichtig und zart, daß es nur komisch gewesen wäre, mit dem aufgeregten Schreien fortzufahren. Jurii schwieg eine Minute still. Von Deutz, der offenbar die unangenehme Situation für ihn mitempfand, klirrte ernsthaft mit den Sporen und atmete schwer und deutlich.
»Aber ich spreche es doch nicht aus,« sagte Jurii gepreßt.
»Recht schade darum! Ich habe vorhin Ihrer Diskussion mit Deutz zugehört; in jedem ihrer Worte klang ganz handgreiflich und verletzend dasselbe durch. Es handelt sich also nur um die Form. Ich sage frei heraus, was ich denke, und Sie tun es nicht. Das aber wird auf die Dauer uninteressant. Wenn Sie aufrichtig sein wollten, wären Sie viel genießbarer.«
Von Deutz lachte plötzlich kleinlich auf: »Das ist aber originell!« Er verschluckte sich wieder einmal vor Entzücken.
Jurii antwortete nichts. Aber sein Aerger legte sich. Er wurde sogar im Augenblick innerlich froh. Immerhin bedrückte es ihn, daß er schließlich hatte nachgeben müssen; doch das wollte er nicht zu erkennen geben.
Von Deutz war inzwischen mit seinem Entzücken zu Ende gekommen, und erklärte nunmehr gewichtig:
»Auf diese Weise würde es aber zu primitiv hergehen.«
»Müssen Sie denn alles durchaus verwickelt und kompliziert haben? ...«
Von Deutz zuckte die Achseln und wurde nachdenklich.
XXIV
Sie kamen auf den Boulevard, schritten ihn herunter und bogen in einen entlegenen Stadtteil ein, auf dessen kahlen Straßen viel mehr Licht schwamm.
Die trockenen Bretter des Bürgersteigs hoben sich deutlich von der schwarzen Erde ab und über ihnen öffnete sich der blasse Himmel, auf dem dunstige Wolkenfetzen zerstreut hingen. Nur hin und wieder funkelte ein Stern.
»Hier ist es!« Von Deutz klinkte eine niedrige Pforte auf und verschwand im Augenblick.
Sofort schlug in der Nähe ein alter, heiserer Köter an; dann schrie jemand von einer kleinen Holztreppe herunter: »Sultan, -- -- Still.«
Ein ungeheurer, verwahrloster Hof lag vor ihnen. An seinem einen Ende stand wie mit Kohle hingezeichnet, die stumpfe Masse einer Dampfmühle, auf der sich ein dünner, schwarzer Schornstein traurig zu den fernen Wolken hinaufreckte. Um sie herum lagen schwarze Schuppen. Nirgends war ein Baum zu sehen, nur unter den Fenstern des Seitenflügels stand in einem kleinen Vorgärtchen einsam ein Bäumchen. Dort war ein Fenster geöffnet und eine Garbe grellen Lichts durchdrang die trübe Finsternis und die durchsichtig grünen Blätter.
»Na, das ist ein trostloser Flecken,« meinte Ssanin.
»Die Mühle arbeitet wohl schon lange nicht mehr,« erkundigte sich Jurii.
»Oh ja, die steht schon eine ganze Weile,« antwortete von Deutz. Im Vorbeigehen schaute er in das erleuchtete Fenster und wandte sich dann mit ungewöhnlich zufriedener Stimme zu ihnen:
»Oho, es ist ja schon eine ganze Menge Volk drin.«
Jurii und Ssanin blickten ebenfalls durch das Vorgärtchen hinüber. In dem hellen, fröhlichen Viereck sah man schwarze Köpfe sich bewegen; blauer Tabakdunst schwamm darüber.
Jemand lehnte sich in die Dunkelheit hinaus; die dunkle verschobene Gestalt, der krause Kopf, von einer Gloriole langer Haare umgeben, verdeckte die ganze Oeffnung.
»Wer da? ...« wurde laut gefragt.
»Von uns,« schrie Jurii zurück.
Sie stiegen die Steintreppe hinauf und stießen auf einen Menschen, der ihnen in bereitwilliger Eile die Hände drückte.
»Ich dachte schon, daß Sie werden garnicht mehr kommen ...« sprach er mit stark jüdischem Akzent.
»Ssoloveitschik ... Ssanin,« stellte von Deutz vor und drückte freundlich die kalte, sehr zapplige Hand des Unsichtbaren.
Dieser kicherte verwirrt und schüchtern.
»Sehr angenehm für mich ... Wissen Sie, ich habe doch so viel gehört von Ihnen und sehen Sie, -- -- -- es ist sehr ...« Ssoloveitschik sprach in der Aufregung ganz zusammenhanglos, schob sich dabei nach rückwärts, hörte aber nicht einen Moment auf, Ssanins Hand zu drücken. Mit seinem Rücken stieß er auf Jurii und trat von Deutz auf den Fuß.
»Verzeihen Sie mir gütigst, Alexander Adolphowitsch,« rief er Ssanin verlassend; er klammerte sich jetzt an Deutz an.
Dadurch verwickelten sie sich alle in dem dunklen Flur, sodaß lange Zeit hindurch keiner von ihnen die Tür oder einer den andern finden konnte.
Im Vorzimmer hingen auf Nägeln, die von dem ordnungsliebenden Ssoloveitschik eigens für diesen Abend eingeschlagen waren, Hüte und Mützen. Auf dem Fensterbrett stand eine enge Reihe von Gläsern der verschiedensten Formen, die für den Tee vorbereitet waren. Auch dieses Vorzimmer war schon von Tabaksrauch durchzogen. Bei Licht besehen, stellte sich Ssoloveitschik als ein junger Jude dar, mit schwarzen Augen, krausem Haar, einem schönen mageren Gesicht und verdorbenen Zähnen, die sich jeden Augenblick bei seinem schüchternen, gefälligen Lächeln zeigten.
Die Eintretenden wurden von einem Chor lebhafter und heller Stimmen empfangen.
Jurii erblickte vor allen Karssawina, die am Fensterbrett saß; sofort nahm alles für ihn ein besonderes freudiges Aussehen an, als wenn hier nicht eine Zusammenkunft im dumpfen vollgerauchten Zimmer wäre, sondern ein Frühlingsfest auf einer Waldlichtung.
Sie lächelte ihm verwirrt entgegen.
»Nun meine Herrschaften, nun -- -- -- wir werden wohl sein vollzählig,« rief Ssoloveitschik; er mußte seine kränkliche und unsichere Stimme anstrengen, weil er ihr einen hellen, fröhlichen Klang zu geben versuchte. Beim Sprechen konnte er gewisse sonderbare Handbewegungen nicht unterlassen.
»Sie müssen schon mich entschuldigen, Jurii Nikolajewitsch, ich glaube, daß ich Sie habe angestoßen,« wendete er sich an Jurii; vor Höflichkeit bog er sich ganz auseinander.
»Tut ja nichts.« Jurii ergriff ihn gutmütig an der Hand.
»Alle sind wir nicht! Aber hol sie der Teufel, die andern,« rief ein gutgewachsener, hübscher Student. An seiner breiten, kräftigen Stimme konnte man gleich den sicheren, selbstbewußten Menschen erkennen.
Ssoloveitschik sprang zum Tisch und schellte schleunigst mit einer kleinen Glocke, wobei er selbst, vergnügt über diesen kleinen Scherz, den er seit dem Morgen vorbereitet hatte, lächelte.
»Aber lassen Sie doch das!« erboste sich der Student. »Immer schleppen Sie irgendwelche Dummheiten heran. Diese Feierlichkeit ist doch wirklich überflüssig.«
»Ich habe es nicht, -- -- -- ich wollte ... habe ja nur ...« Ssoloveitschik kicherte verlegen, steckte aber die Glocke sofort in die Tasche.
»Ich glaube, den Tisch rücken wir in die Mitte des Zimmers!« sprach der Student wieder.
»Sofort ... Werde sofort ...« Eilig stürzte sich Ssoloveitschik auf den Tisch und packte ihn in ohnmächtiger Anstrengung am Rande an.
»Aber doch die Lampe ... Werfen Sie die Lampe nur nicht um,« rief Dubowa.
»So beruhigen Sie sich doch. Es ist ja nicht so eilig,« mischte sich der Student wieder ein.
»Lassen Sie mich Ihnen behilflich sein,« schlug Ssanin ihm liebenswürdig vor.
»Aber ich bitte sehr,« sagte Ssoloveitschik so hastig, daß die Worte kaum unterscheidbar ineinander klangen.
Ssanin schob den Tisch in die Mitte des Zimmers und solange er damit zu tun hatte, blickten alle auf seinen Rücken und seine Schultern, deren Linien unter dem dünnen Stoff seiner russischen Bluse leicht hin und her liefen.
»Nun, Hoshijenko, Sie als Initiator des Ganzen haben die Antrittsrede zu halten,« sagte die blasse, farblose Dubowa. Aus ihren klugen, häßlichen Augen ließ sich kaum ersehen, ob sie es ernsthaft meinte oder sich über den breiten Studenten lustig machen wollte.
»Meine Herrschaften,« begann Hoshijenko, indem er seine Stimme anhob. »Sie wissen alle natürlich, aus welchem Grunde wir uns versammelt haben. Deshalb könnten wir eine Einleitung eigentlich entbehren, aber ...«
Ssanin unterbrach ihn lächelnd: »Ich für meine Person weiß leider nicht, warum ich mich versammelt habe. Es hieß so etwas, es würde hier Bier geben ... Uebrigens, die Einleitung will ich gerne entbehren.«
Hoshijenko sah herablassend über die Lampe auf ihn hin und fuhr fort: »Der Zweck unseres Zirkels ist, auf dem Wege gegenseitigen Lesens, der Besprechung des Gelesenen, und dann des selbständigen Referierens ...«
»Wie meinen Sie ... gegenseitigen Lesens,« rief Dubowa dazwischen und es war wieder nicht zu verstehen, ob sie im Ernst fragte oder zum Spott.
Der dicke Hoshijenko errötete etwas.
»Ich wollte sagen ... gemeinsamen Lesens. So ist also der Zweck unseres Zirkels, indem er beiläufig die geistige Entwicklung seiner Mitglieder fördert, die individuellen Anschauungen herauszuarbeiten, um dadurch die Entstehung einer Parteiorganisation auf sozialdemokratischer Grundlage in unserer Stadt in die Wege zu leiten.«
»Aha,« schrie Iwanow gedehnt und rieb sich andauernd den Nacken, dicht unter dem Kopfhaar, -- »so läuft der Hase.«
»Aber das kommt erst später. Vorläufig wollen wir uns aber keine so weiten ...«
»Oder engen ...« brach Dubowa wieder in ihrem sonderbaren Ton dazwischen.
»... Aufgaben stellen,« der dicke Hoshijenko tat, als wenn er nicht gehört hätte, »sondern werden mit der Ausarbeitung eines Leseplans beginnen. Was auch, wie ich vorschlagen möchte, die Tagesordnung unserer heutigen Versammlung bilden soll.«
»Ssoloveitschik! ... Und Ihre Arbeiter ... Werden Sie kommen? ...«
»Aber gewiß, ja!« Ssoloveitschik schnellte aus seiner gebückten Stellung in die Höhe, als wenn ihn jemand gebissen hätte und sprang mit seiner Antwort zu Dubowa herüber. »Man ist sie schon holen gegangen.«
»Ssoloveitschik, regen Sie sich doch nicht jedesmal auf. Seien Sie doch ruhig,« bemerkte Hoshijenko in strengem Ton.
»Sie kommen schon,« rief Schawrow, der ernst und aufmerksam fast mit ehrfurchtsvoller Miene den Ausführungen Hoshijenkos zugehört hatte.
Hinter dem Fenster ertönte das Knarren der Pforte und gleich darauf wieder das heisere Bellen des Hundes.
Ssoloveitschik sprang impulsiv mit unverkennbarem Entzücken aus dem Zimmer.
»Sultan, ... still ...« schrie er schrill von der Steintreppe herab.
Man hörte schwere Schritte, Stimmen und Husten.
Ein kleiner Student der technischen Hochschule, der Hoshijenko ziemlich ähnlich sah, nur daß er brünett und häßlich war, trat ein; hinter ihm kamen verwirrt und ungeschickt zwei Arbeiter. Ueber ihre schmutzigen roten Hemden hatten sie Jacken gezogen; ihre Hände sahen schon von weitem geschwärzt aus.
Der eine von ihnen war hoch gewachsen, hager mit bart- und blutlosem Gesicht, auf dem die langjährige Unterernährung, die ewige Sorge und der tief in die Seele eingepreßte Grimm unverwischbare Furchen gezogen hatten. Der andere sah wie ein Athlet aus, war breitschultrig, kraushaarig und schön; er machte den Eindruck eines Bauernburschen, der zum ersten Mal in die fremden städtischen Verhältnisse, in denen ihm zunächst noch alles lächerlich vorkommt, untergetaucht war. Hinter ihnen schlüpfte, sich mit der Seite voranschiebend, Ssoloveitschik durch.
»Meine Herrschaften, nun ...« wollte er feierlich beginnen.
Wie gewöhnlich fiel ihm Hoshijenko nervös ins Wort:
»Aber lassen Sie doch!« Dann fuhr er selbst fort: »Guten Abend, Genossen.«
Der Technologe übernahm sofort die Vorstellung: »Erlauben Sie, hier Piszow und dies Kudriawi.«
Schwer und vorsichtig schritten die beiden Arbeiter durch das Zimmer und schüttelten verlegen die Hände, die ihnen von den meisten Anwesenden mit besonderer Zuvorkommenheit entgegengereicht wurden.
Piszow, der Bauer, lächelte unentschlossen und Kudriawi -- er war mager und blaß -- machte mit dem langen, dünnen Hals Bewegungen, als wenn er an dem engen Hemdkragen ersticken müßte.
Dann setzten sie sich nebeneinander ans Fenster zu Karssawina, die auf dem Fensterbrett hockte.
»Aber warum ist denn Nikolajew nicht gekommen? ...« fragte unzufrieden Hoshijenko.
»Nikolajew konnte nicht!« antwortete zuvorkommend Piszow.
»Nikolajew ist besoffen wie ein Stint,« fiel ihm düster und abgerissen Kudriawi ins Wort, wobei er eigentümlich nervös mit dem Hals zuckte.
»Ah so, ... so ...« Hoshijenko nickte ungeschickt mit dem Kopf. Unwillkürlich erschien Jurii Swaroschitsch diese Bewegung widerwärtig, und von diesem Augenblick an sah er in dem Studenten seinen persönlichen Feind.
»Also wählte er den besseren Teil,« bemerkte Iwanow in tiefem Nachdenken. Der Hund schlug im Hofe an.
»Noch einer,« sagte Dubowa.
»Wenn nicht zu guter Letzt die Polizei ...« meinte mit gemachter Nachlässigkeit Hoshijenko.
»Das würde Ihnen wohl ganz gut in den Kram passen, wenn es die Polizei wäre,« versetzte sofort Dubowa.
Ssanin blickte auf ihre intelligenten Augen, die aus ihrem häßlichen Gesicht interessiert hervorsprangen. Sie nicht allein verfeinerten es; auch der helle Zopf, der über die Achsel auf die Brust geworfen war, umrahmte es sehr niedlich von der Seite ... Welch ein famoses Mädchen, dachte Ssanin, ohne die Augen von ihr abzuwenden.
Ssoloveitschik wollte wieder in die Höhe fahren, erschrak aber rechtzeitig und tat, als ob er auf dem Tisch nach einer Zigarette suchte. Aber Hoshijenko, der wie gespitzt auf jede seiner Bewegungen zu lauern schien, hatte es auch diesmal wieder bemerkt und machte eine abweisende strenge Geste, durch die seine Antwort auf Dubowas Einwurf abgelenkt wurde. Ssoloveitschik klappte unter ihr plötzlich zusammen; ihm schien das Verständnis aufzudämmern, daß sein einfacher Wunsch, allen Menschen zu helfen und gefällig zu sein, bei weitem keine so schroffe Zurückweisung verdiente.
»Vielleicht kümmern Sie sich nicht in einem fort um Ssoloveitschik,« rief Dubowa zu Hoshijenko herüber. »Seien Sie doch ruhig.«
Rasch und lärmend trat Nowikow ins Zimmer.
»Nun, da bin ich,« bemerkte er mit freudigem Lächeln.
»Das konstatieren wir,« Ssanin nickte ihm zu.
Nowikow lächelte verlegen und flüsterte ihm beim Händedruck eilig und wie zu seiner Rechtfertigung ins Ohr:
»Lydia Petrowna hat Besuch bekommen.«
»Na, sollen wir uns auch weiterhin mit Privat-Unterhaltungen unterhalten,« fragte wütend der Technologe.
»Beginnen wir doch meinetwegen!«
»Hatten Sie denn noch garnicht begonnen?« erkundigte sich Nowikow erfreut, während er den Arbeitern, die eilig vor ihm aufgestanden waren, die Hände drückte.
Es war ihnen peinlich, daß ihnen der Arzt, der sie im Krankenhaus von oben herab behandelte, jetzt die Hand als Genosse reichte.