Sprachbilder nach bestimmten Sprachregeln Ein einfaches und praktisches Hilfsbuch für den deutschen Sprachunterricht in der Volksschule

Part 17

Chapter 173,640 wordsPublic domain

Wilibald war dessen gewiß, daß sein Vater heute erst spät heimkehren werde. Er hoffte deshalb, sein Werk ganz ungestört vollbringen zu können.

Das Unglück wollte, daß der Förster gerade an diesem Tage sein Pulverhorn hatte an der Wand hängen lassen. Wer die Sorgsamkeit des Försters kannte, mußte diese Unvorsichtigkeit fast unerklärlich finden. Man konnte aber auch wieder dem eine solche einmalige Vergeßlichkeit verzeihen, dem es im Kopfe oft vor Amtssorgen schwirrte.

Wilibald erinnerte sich, das Pulverhorn gesehen zu haben. Er fand daher sehr bald, was er suchte.

Den Sandhaufen hatte er bereits mit einer röhrenartigen Oeffnung versehen. Dahinein schüttete er, was sich im Pulverhorne vorfand. Schon freute er sich darauf, wie der Berg Feuer speien werde. Er erwartete, daß die Feuergarbe einen Meter hoch steigen würde.

Der kleine Vesuv bedurfte jetzt nur noch, daß ein Stück brennender Schwamm darauf gelegt werde. Bald hatte Wilibald beschafft, was eben noch fehlte. Ungeduldig sah er dem entgegen, was nun eintreten sollte. Er harrte indeß vergebens, daß das Schauspiel seinen Anfang nehme.

Endlich hielt er es für angezeigt, einmal nachzusehen. Er glaubte sich versichern zu müssen, daß der Schwamm verlöscht sei.

Wer aber unvorsichtig ist, dem kann gar Schlimmes begegnen. Wilibald bemühte sich, sich genau von der Ursache des Nichtentzündens zu überzeugen. In diesem Augenblicke aber erfolgte, was erfolgen sollte.

Das Schicksal fügte es leider, daß ihm die Pulverflamme gerade in die Augen schlug. Er verlor auf der Stelle sein Augenlicht.

Wem nicht zu rathen ist, dem ist freilich auch nicht zu helfen.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv-, Prädikat-, Beifüge- und Ergänzungssätze.)

89. Das Reisen.

Wem Gott will eine Gunst erweisen, der wird von ihm in die weite Welt geschickt.

Das Reisen gewährt zunächst eins der größten Vergnügen, die für Geld zu haben sind. Es verleiht Vielen eine Bildung, die selbst das Studium der gelehrtesten Bücher nicht geben kann. So Mancher ist durch vieles Reisen erst geworden, was er werden sollte.

In der weiten Welt lernt der Mensch erst kennen, was für Wunder der Herr geschaffen hat. In der Fremde überzeugen ihn tausend Dinge, daß auch der Mensch in seinen Thaten groß sein kann.

Wer reist, muß freilich seine Augen hübsch offen behalten. Wer Gewinn vom Reisen haben will, muß auch die Ohren fein spitzen. Er muß sich befleißigen, mit Verstand zu reisen. Ein Wandern, dem kein bestimmter Plan zu Grunde liegt, hat wenig Zweck.

Auch die Kunst, mit rechtem Nutzen zu reisen, will freilich erst erlernt sein. Die ersten Ausflüge in die Welt kosten deshalb, was man Lehrgeld zu nennen pflegt. Man muß lernen, sich den gegebenen Verhältnissen zu fügen. Man muß auszurechnen verstehen, wie man überall am billigsten wegkommen kann. Man darf aber auch wieder gewisse Opfer, ohne welche zu besondern Sehenswürdigkeiten kein Zutritt gewährt wird, nicht scheuen.

Außerordentlich mannichfaltig sind die Verkehrsmittel, welche das Reisen ungemein erleichtern. Wer will, der kann jetzt binnen wenig Tagen in weit entlegene Länder versetzt werden. Es bedarf nur, daß er den Dampfwagen besteigt.

Das Verlangen, die weite Welt zu sehen, verallgemeint sich von Jahr zu Jahr. Wahrhaft erfreulich ist es, auf den Bahnhöfen täglich die große Menge Reisender zu sehen.

Trotzdem aber gibt es noch Leute genug, die lieber in behaglicher Ruhe auf ihrer Ofenbank sitzen bleiben. Sie ziehen den Glanz der blitzenden Thaler im Geldkasten, ihrem Abgotte, dem Anblicke der reizendsten Alpenlandschaft vor. Manche wieder sind geradezu zu faul dazu, ihren Gesichtskreis durch Aufsuchen von noch nie Gesehenem zu erweitern. Sie wollen lieber bleiben, wie sie sind. Wir aber sagen, daß dies eine Schande für sie ist.

Reise also, wer reisen kann. Das Reisen ist eine Lust, die kaum durch eine andere zu ersetzen ist.

V. Anführungssätze.

1. Wörtlich.

90. Die Bibel der Natur.

(Der Hauptsatz voran.)

Gleich der heiligen Schrift ruft uns auch die Natur zu: „Merke auf meine Rede!“ Der zuckende Blitz verkündet uns: „Alles Leben stehet in Gottes Hand!“ Die Lilie des Feldes tröstet: „Gott sorgt auch für dich!“

Das welkende Blatt legt uns die Worte an’s Herz: „Alles Irdische vergeht!“ Ernst murmelt uns das Bächlein entgegen: „Mein unaufhaltsames Dahinrollen ist ein Bild von Deiner Lebenstage Lauf.“

Das Würmchen im Staube spricht: „Groß sind die Werke des Herrn!“ Die Lerche in blauer Höhe jubelt: „Preise mit mir die Güte des Schöpfers!“ Der der Puppe sich entwindende Falter versichert uns: „Auch Du wirst auferstehen!“ Der majestätische Sternenhimmel predigt uns: „Hier sind noch viele Wohnungen!“

91. Beim Brande.

(Der Haupts. zuletzt.)

„Feuer!“ erscholl es mitten in der Nacht. „Eilt zu retten!“ mahnte die Feuerglocke.

„Wo brennt es?“ rief ich zum Fenster hinaus.

„Das Pfarrhaus muß in hellen Flammen stehen“, antwortete mir eine Stimme.

„Es kann auch die Schule sein!“ sagte eine andere.

„Keins von beiden“, versichert der zufällig vorübereilende Nachtwächter.

„Ich muß zu Hilfe eilen“, sagte ich zu den Meinigen.

„Das Erbgericht brennt!“ rief mir beim Austritt aus meinem Hause ein Vorübergehender zu.

„Dieser hat Recht!“ dachte ich beim Anblicke der auflodernden Flammen für mich.

Ich eilte dem Brande zu. Die Feuerwehr war bereits in voller Thätigkeit. Aber welch ein Lärm!

„Zuerst das Vieh retten!“ schrie der Eine.

„Drei Mann aufs Dach des Nachbarhauses!“ befahl ein Anderer.

„Eine Leiter hierher!“ kreischte eine heisere Stimme.

„Richtet den Spritzenstrahl mehr nach der Giebelmauer!“ commandirte der Feuerlöschdirector.

„Mehr Wasser herbeischaffen!“ riefen die Spritzenleute.

Das Hauptgebäude des Erbgerichts brannte nieder.

„Die Verhütung größeren Unglücks ist hauptsächlich der Windstille zu verdanken“, hörte man allgemein aussprechen.

92. Zwiespalt.

(Der Hauptsatz in der Mitte.)

„Womit“, fragte Kunz seine Kameraden auf dem Spielplatze, „werden wir uns denn heute die Zeit vertreiben?“

„Laßt uns“, sagte Hilmar, „Ball werfen.“

„Ball“, fiel Lambert schnell ein, „spiele ich nicht mit!“

„Nun, so wollen wir“, versetzte Hilmar wieder, „den Drachen steigen lassen.“

„Zum Drachensteigenlassen“, bemerkte Ewald, „habe ich wieder keine Lust.“

„Vielleicht“, schlug Hilmar aufs neue vor, „holen wir dann heute einmal alle unsere Reifen herbei?“

„Das Reifenspiel“, fiel Feodor spöttisch ein, „ist ja hauptsächlich eine Beschäftigung für Mädchen!“

„So laßt uns“, nahm hier Kunz wieder das Wort, „Soldaten spielen!“

„Das“, entgegnete Lambert, „wäre mein allerletzter Zeitvertreib!“

„Auf diese Weise“, sagte jetzt Günther, „kommen wir freilich heute zu keinem Zeitvertreibe. Lieber“, fügte er noch hinzu, „mag da jeder für sich spielen!“

Und so wurde es auch zuletzt.

Wiederholung.

(Alle drei Fälle abwechselnd.)

93. Die Weidenraupe.

„Wo kommst Du her?“ fragte Alban den ihm begegnenden Alexander.

„Ich komme“, gab dieser zum Bescheid, „von der Raupenjagd.“

„Und wie steht es mit der Ausbeute?“ fragte Alban weiter.

Darauf erwiderte der Gefragte mit einem gewissen Stolze: „Einen sehr interessanten Fund habe ich gemacht!“

„Wie so?“ versetzte Alban neugierig.

„Ich habe“, sagte Alexander hocherfreut, „eine Weidenraupe gefunden.“

„O Du Glücklicher!“ rief Alban fast etwas neidisch. Gleich darauf aber fügte er hinzu: „Wo wirst Du denn diese Raupe sich verpuppen lassen?“

„Die Weidenraupe“, belehrte jener, „muß man in ein Glas mit Sägespänen aus Weidenholz setzen!“

„Wozu das?“ fragte Alban.

Darauf erwiderte Alexander: „Weil diese Raupe meist vom Weidenholze lebt! Zu dem“, setzte er noch hinzu, „verpuppt sie sich auch stets in Holzspänen.“

„Wie lange liegt sie denn als Puppe?“ fragte Alban wieder.

Mit etwas verwunderter Miene erwiderte Alexander: „Weißt Du denn das nicht selbst aus der Naturgeschichte?“

„Das habe ich wirklich wieder vergessen“, war die Antwort.

„Sie braucht“, fuhr Alexander fort, „volle drei Jahre zu ihrer Entwickelung zum Falter.“

„Entsetzlich lange“, staunte Alban. „Den Schmetterling aber“, bat er, „laß mich dann ja gleich sehen!“

„Das soll geschehen“, versicherte Alexander.

2. Nicht wörtlich.

94. Das Wetter.

(Der Hauptsatz zuletzt.)

Eines Tages trafen sich vier Bauern auf dem Felde. Mit dem Wetter könne man dies Frühjahr doch eigentlich gar nicht zufrieden sein, äußerte Melchior.

Das sei auch seine Ansicht, sagte Samuel. -- Er müsse für seine sandigen Fluren etwas mehr Regen wünschen, setzte Wenzel hinzu. -- Ihm wären einige Tage Sonnenschein jetzt lieb, meinte Weinrich.

Die Wärme lasse diesmal außerordentlich lange auf sich warten, bemerkte Melchior wieder. -- Für seine Saaten aber komme das kühle Wetter gerade recht gelegen, hielt Samuel entgegen.

Ihm sei ein Gedanke beigekommen, bemerkte jetzt Wenzel.

Wenzel möge reden, meinten alle.

Der liebe Gott werde es wol nie allen recht machen können, lautete Wenzel’s Gedanke.

95. Am Krankenbette.

(Der Hauptsatz voran.)

Zwei Aerzte wurden an das Krankenbette eines Kindes gerufen.

Der jüngere Arzt meinte, die argen Kopfschmerzen des Kindes könnten von schlechter Verdauung herrühren. Dem hielt die Mutter des Kindes entgegen, von einem Magenübel ihrer Marie habe sie noch nie auch nur die leiseste Spur entdeckt.

Der ältere Arzt war der Ansicht, es läge hier eine Erkältung zu Grunde. Dazu bemerkte der Vater, das Kind sei seit länger als acht Tagen nicht aus der Stube gekommen.

Beide Aerzte einigten endlich ihre Ansichten dahin, der Kopfschmerz habe seine Ursache in einem bedeutenden Blutandrange nach dem Gehirn. Der junge Arzt schlug nun vor, die Patientin solle in naßkalte Tücher eingepackt werden. Der ältere dagegen äußerte, hier sei ein niederschlagendes Pülverchen ganz am Platze.

Um des lieben Friedens willen beschlossen endlich die zwei Herren, man wolle von beiden Mitteln Gebrauch machen.

96. Der Fund.

(Der Hauptsatz in der Mitte.)

Ein armer Dienstmann fand auf der Straße einen Brillantring. Endlich, murmelte er für sich, habe er doch einmal Glück gehabt. Der Ring, meinte er, sei wenigstens seine zwanzig Thaler werth. Der Verkauf desselben, dachte er weiter, könne keine großen Schwierigkeiten bieten. Er brauche ja nur damit, überlegte er kurz, zum nächsten Goldarbeiter zu gehen.

Da aber mischte sich sein Gewissen darein. Ein unehrlicher Finder, hielt es ihm vor, sei einem Diebe gleich zu achten. Einen Dieb aber, setzte es hinzu, nenne die Bibel ein schändlich Ding. Unrecht Gut, warnte es weiter, habe noch niemals Segen gebracht. Und der Allwissende, mahnte es noch, wisse dergleichen Schlechtigkeiten ans Licht zu bringen.

Dieser innern Warnung, äußerte der Dienstmann nach einiger Erwägung ganz laut, wolle er aber auch folgen. Somit ging er auf die Polizei und meldete den Fund an.

Wiederholung.

(Alle drei Fälle.)

97. Ochs und Esel.

Ein Ochse und ein Esel stritten sich um den Ruhm der größten Klugheit.

Der Ochse meinte, er sei unter allen Umständen der Klügste. Ihm sei die Weisheit gleich angeboren, behauptete der Esel. Schon seine breite Stirn, brummte der Ochs, müsse doch seine Gelehrsamkeit beweisen. Der Esel behauptete dagegen, er würde jedenfalls seiner Zeit das Pulver auch erfunden haben. Gerade diese Eingebildetheit müsse er für einen Beweis großer Dummheit erklären, höhnte der Hornträger.

Diesen unangenehmen Streit, meinten endlich beide, werde der Löwe am besten entscheiden.

Sie gingen zu ihm.

Der Löwe eröffnete ihnen nach kurzer Ueberlegung, sie gehörten beide zu den Narren. Keiner habe in der Dummheit etwas vor dem andern voraus, versicherte er. Das hätten sie, fügte er hinzu, gerade durch ihren Streit bewiesen.

Ochs und Esel wurden auch wirklich jetzt der Meinung, der Löwe habe Recht.

98. Das Gespenst.

(Wörtlich und nicht wörtlich.)

„Hörst Du das Poltern?“ sagte der abergläubische Johann um die Mitternachtsstunde zu seinem Bruder Gottlieb.

„Freilich“, erwiderte dieser, „höre ich es.“

Ob dies nicht gar ein Gespenst sein könne, meinte Johann.

Ihm wolle es, flüsterte Gottlieb, auch ganz so scheinen.

Gleich darauf rief Johann dem neben ihm schlafenden Großknechte zu: „Es sind Gespenster im Hause!“

Im Erwachen äußerte Töffel, er habe das bereits auch verspürt.

„Leuchte nur einmal mit einer Laterne auf den Oberboden“, gebot Gottlieb dem Großknechte.

Da muthe man ihm freilich viel zu, entgegnete dieser.

Johann aber tröstete ihn mit den Worten: „Vor Deinen Fäusten werden schon die Gespenster Respekt haben.“

Töffel stand auf und ging. Bald kehrte er zurück. Fast wie aus einem Munde fragten beide Brüder, was es denn gewesen sei?

Wie man doch aber auch, murmelte der Großknecht verdrossen, gleich eine Mücke für einen Elephanten ansehen könne.

„Aber“, fiel Gottlieb schnell ein, „so gib uns doch nur Bescheid!“

„Das ganze Gespenst war unsere alte Hausmietze“, berichtete jetzt Töffel.

„Wie so denn?“ fragte Johann.

„Sie stak mit dem Kopfe in einem Topfe und konnte nicht wieder heraus“, war die Antwort.

Hauptwiederholung.

(Subjectiv-, Prädikat-, Beifügungs-, Ergänzungs- und Anführungssätze.)

99. Ehre das Alter.

Der alte Römhild, ein achtzigjähriger Greis, saß eines Tages vor der Thür seiner Hütte. Wer ihn kannte, hielt ihn hoch in Ehren.

Ueber seinem Haupte, das die Silberkrone des Alters schmückte, war mancher Sturm hinweggezogen. Er war sich aber bewußt, daß ihn keiner vom Wege der Glaubenstreue abgebracht habe. Er durfte sich sagen, stets rechtschaffen gehandelt zu haben.

Daß er ein höchst ehrwürdiger Greis sei, war in der ganzen Umgegend bekannt. „Vor Vater Römhild,“ hörte man oft sagen, „sollte Jeder die Mütze abnehmen.“

Nicht so dachten zwei gottlose Knaben, deren Vater Frohnvogt im Orte war. Sie spotteten, daß der alte Römhild gar so gebückt dort saß. Sie wollten sich todtlachen, daß die zitternden Hände des Greises kaum das thönerne Tabackspfeifchen zu halten vermochten.

Was die beiden Buben thaten, schmerzte den Alten tief. Sein Grundsatz aber, demzufolge er auch alles Unrecht geduldig ertragen wollte, ließ in seinem Herzen keinen Groll aufkommen.

Ganz freundlich sprach er zu den Knaben: „Tretet doch einmal zu mir heran!“

Sie würden sich hüten, äußerte höhnisch der eine. Und der andere meinte, sie hätten nichts mit ihm zu schaffen.

Darauf nahm Vater Römhild, dem es um die Besserung der beiden Knaben zu thun war, zwei ganz neue Groschenstücke aus der Tasche. „Diese blitzenden Groschen sollt Ihr Euch bei mir holen“, sagte er.

Dieses Angebot reizte die Knaben, den Schritt zu wagen. Sie traten also hinzu.

Vater Römhild faßte, ohne seine freundlichen Züge zu verändern, jeden Knaben bei der Hand. „Ihr habt meiner gespottet“, begann er darauf. „Damit“, setzte er hinzu, „habt Ihr mir sehr weh gethan.“

Bei diesen Worten, die seiner Brust mit einem tiefen Seufzer entstiegen, zitterte eine Thräne von seinen grauen Wimpern. Darauf fuhr er fort: „Werdet Ihr nicht selbst auch einmal alt werden?“ Und weiter fragte er: „Würde Euch denn in Euren alten Tagen der Spott der Jugend gefallen?“

In ähnlicher Weise redete der Alte, der dabei einen wahrhaft väterlichen Ton annahm, noch längere Zeit zu den Herzen der beiden Knaben.

Beide sahen jetzt ein, daß sie sich an dem Alten versündigt hatten. Beide gelobten auch endlich, daß sie sich ein solches Vergehen nie wieder wollten zu Schulden kommen lassen.

Daß ihnen dieses Versprechen wirklich aus dem Herzen kam, sah der Alte an ihren Mienen. Ob sie der Zusage für immer eingedenk sein würden, konnte Vater Römhild freilich nicht wissen. Zur Ehre gereicht ihnen aber noch, daß sie die neuen Groschen durchaus nicht nehmen wollten.

Hoffentlich blieben sie solcher Gesinnung, wie sie jetzt waren.

VI. Umstandssätze.

1. Umstandsnebensätze des Ortes.

100. Unschuldig Verfolgte.

Wo man die Sperlinge vertilgt, da züchtet man schädliche Insekten. Wo man die Maulwürfe erwürgt, da hegt man ein dem Graswuchse nachtheiliges Gewürm. Wo man den Eulen nachstellt, liebäugelt man mit den Feldmäusen.

Dort steht es nicht gut mit der Oekonomie, wo jene drei Unschuldigen verfolgt werden. Ein solcher Unverstand kommt eben daher, woher aller Unverstand kommt. Und er führt dahin, wohin alle Unwissenheit führt. Er führt zu Nachtheilen.

Der Landbebauer möge daher sein Ohr dahin halten, wo die Ordnung der Natur gelehrt wird. Er möge da hineingucken, wo von den wirklichen Feinden der Landwirthschaft geschrieben steht. Gewiß wird er dann jene drei unschuldig Verfolgten dahin zählen, wohin sie gehören.

101. Reichthum.

(Desgleichen.)

Wo der Reichthum thront, da wohnt nicht immer auch das Glück. Das wahre Glück ist weit öfter dort zu finden, wo die Armuth um den Tisch sitzt.

Wo der Hausherr stolz zu Rosse dahinfegt, hinkt sehr oft die Sorge hinterdrein. Wo die Hausfrau dreimal täglich das Gewand wechseln kann, kann leicht auch dreimal die gute Laune wechseln.

Da, wo die Tafel die fetten Bissen kaum zu tragen vermag, stellen sich in der Regel viel ungeladene Gäste ein. Und dort hat man den Grünspan am meisten zu fürchten, wo sich viel Silber anhäuft.

Dahin, wohin der Reichthum zuweilen führt, möchte mancher Arme wol um keinen Preis gelangen. Wohin der Ueberfluß an Mammon den Weg erschwert, dahin deutet auch Christus in einer Unterredung mit seinen Jüngern.

Woher sich daher Mancher in dieser Beziehung ein beneidenswerthes Loos träumt, daher kann gerade sein Verderben kommen. Trachte doch ein Jeder zunächst dahin, woher ein zufriedener Sinn das Gemüth durchdringt.

2. Umstandsnebensätze der Zeit.

~a.~ Gleichzeitigkeit.

102. Peter der Große.

Eines Tages fuhr Peter der Große, als er zu Mittag gespeist, in seiner Schaluppe nach Sesterbank. Während seine Matrosen die Ruder schlugen, mußten sie zur Ergötzlichkeit des Kaisers ihre Lieder anstimmen. Dieses Concert unterhielten sie stets so lange, bis er winkte.

Indem die Schiffsleute noch sangen, erhob sich von Westen her etwas Wind. Kaum aber waren zehn Minuten vergangen, entwickelte sich aus diesem Winde ein arger Sturm.

Indeß sich des Kaisers Fahrzeug seinem Ziele nähert, bemerkt er in der Ferne einen mit den Wogen kämpfenden Kahn. Sowie Peter die große Gefahr für das kleine Fahrzeug erkennt, schickt er sofort seine Matrosen zur Rettung aus. Noch aber haben diese kaum die Schaluppe verlassen, entdeckt er mitten in der Flut eine Frau mit ihrem Kinde.

Schon drohen die Wogen die Unglückliche zu begraben, als Peter selbst zu ihrer Rettung in die schäumende Flut stürzt. Sobald es Menschenleben zu retten gilt, denkt er nicht an seine Kaiserwürde.

Indem ihn eine Welle hoch emporhebt, erfaßt er die Unglückliche. Mit starker Hand hält er sie fest, bis der Schiffsjunge die Schaluppe herbeigeführt hat.

Während seine ausgesendeten Matrosen jenen Kahn in Sicherheit bringen helfen, führt er die beiden Geretteten dem Ufer zu. Für diese aber war nun gesorgt, solange sie lebten.

103. Aus dem Tagebuche eines Kriegers.

(Desgleichen.)

Als die Sonne zu sinken begann, rückten wir in N. ein. Sobald die nöthigen Befehle für die nächste Nacht verlesen waren, ging das Bataillon auseinander.

Kaum war ich zwei Minuten weit gegangen, stand ich vor meinem Quartier. Ich klopfte so lange an, bis sich mir die Thür des einfachen Dorfhauses öffnete.

Während ich mein Gepäck ablegte, brummten meine Wirthsleute einige unwillige Worte. Ihr Widerwille steigerte sich noch, als ich endlich zu essen begehrte.

Indeß endlich die Wirthin einige karge Lebensmittel herbeibrachte, trat ihr vierjähriges Töchterchen zu mir. Seitdem wir die französische Grenze überschritten hatten, war mir noch kein so hübsches Kind vorgekommen.

Ich nahm das Kind auf meinen Schooß und liebkoste es in der väterlichsten Weise. Sowie die Wirthin dies sah, veränderten sich auf einmal ihre zeither so mürrischen Gesichtszüge. Währenddem ich nun vollends dem lieben Kinde die Stirn küßte, verklärte sich ihr Gesicht in ein glückliches Lächeln.

Wie staunte ich indeß, als sie plötzlich das dürftige Abendbrod wieder entfernte. Indem ich aber noch über dieses seltsame Gebaren nachdachte, trat sie auch schon mit einem großen Teller höchst appetitlicher Speisen an den Tisch.

Schon wollte ich zulangen, als die Wirthin mir Einhalt gebot. Noch aber hatte ich meine Gabel kaum wieder hingelegt, brachte der Wirth eine Flasche köstlichen Wein herbei. Jetzt erst sollte ich mir es wohlschmecken lassen.

Die beiden Wirthsleute blieben meine freundlichen Nachbarn, solange ich aß. Als ich sie den nächsten Morgen verließ, erhielt ich von ihnen noch einen halben Schinken auf den weiten Marsch.

Seit ich dieses einfache Dorfhaus verließ, habe ich nie wieder ein so gutes Quartier gefunden.

~b.~ Ungleichzeitigkeit.

104. Gewissenhaftigkeit.

Bevor ein guter Schüler die Feder zu irgend einer schriftlichen Arbeit ansetzt, sammelt er in seinem Kopfe erst den Stoff dazu. Nachdem dies geschehen ist, ordnet er denselben. Ehe er aber dann die fertige Arbeit dem Lehrer übergiebt, sieht er sie noch einmal gewissenhaft durch.

So oft ein Schüler dies thut, so oft wird er mit seinem Schaffen auch Ehre einlegen.

So gewissenhaft sollte der Mensch überhaupt in allen seinen Unternehmungen sein. Er muß stets ein bestimmtes Ziel ins Auge fassen, bevor er handelt. Er muß auch stets die möglichen Folgen seiner Thaten erwägen, ehe er die Hand an irgend ein Werk legt.

Gar Viele sehen ihre Thorheiten erst dann ein, nachdem sie vollbracht sind. Halte daher weisen Rath, so oft Du etwas Neues unternehmen willst.

Wiederholung.

(Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit.)

105. Das Wüstenungeheuer.

Bevor wir die mühsame Wanderung durch die Wüste ganz beendet hatten, sollten wir noch deren schrecklichstes Ungeheuer kennen lernen. Als die Sonne ihre Strahlen gegen Mittag sengendheiß herabschoß, bemerkten wir an unsern Kameelen eine gewisse Unruhe. Kaum hatten wir wieder eine Meile hinter uns, fühlten wir selbst eine eigenthümliche Schwere in der Luft.

Während wir noch darüber sprachen, schien sich in der Ferne der Himmel zu verdunkeln. Noch waren wieder nicht zehn Minuten vergangen, vernahmen wir auch ein fernes Brausen. Wenn aber dieses Zeichen auftritt, dann kann sich der Wüstenreisende auf Schlimmes gefaßt machen.

In der Regel schickt der Samum erst einzelne leichte Sandwolken vor sich her, ehe er selbst in seiner ganzen Macht losbricht. Sowie die erste dieser Staubwellen auf uns zugewälzt kam, warfen sich sämmtliche Kameele im Nu platt auf die Erde nieder. Sobald dies geschehen, streckten auch wir uns lang neben ihnen hin. Indem wir uns aber auf diese Weise in Sicherheit zu bringen suchten, tobte auch schon das Ungeheuer in seiner wilden Macht daher.

Die ganze Welt schien verwüstet werden zu sollen, indeß der furchtbare Sturm über uns dahinwüthete. Die Gluthitze drohte uns zu ersticken, während der feine Sand unsere zarten Hautstellen wie mit Nadeln ritzte.

Solange der entsetzliche Samum wüthete, sahen wir uns in schauerliche Nacht gehüllt. Erst nachdem wir etwa zwei Stunden diese fürchterlichen Qualen erduldet, lichtete sich das grausige Dunkel allmälig.

Wie dankten wir Gott, da der erste Sonnenstrahl wieder durch die immer schwächer werdenden Sandwirbel drang. Noch immer rieselt mir es kalt durch die Adern, so oft ich jener Schreckensstunde gedenke.

Umstandssätze des Ortes und der Zeit.

106. Die Missionäre.

Die Heidenboten haben einen sehr schweren Beruf. Wohin sie gesendet werden, dahin ist in der Regel noch kein Wort vom Christenthume gedrungen. Wo sie ihre Arbeit beginnen sollen, da kniet das Volk noch vor todten Götzen.

Häufig erfahren sie das schnödeste Mißtrauen, sobald sie sich nur unter einem solchen wilden Stamme blicken lassen. Dieses Mißtrauen verwandelt sich nicht selten in Haß, wenn sie dann die ersten Bekehrungsversuche wagen. Sowie der Wilde seine angestammte Religion durch ihn gefährdet sieht, betrachtet er den Heidenboten gewöhnlich als einen ärgsten Feind. Gerade da aber, wo dieser den härtesten Widerstand findet, ist auch sein Werk am verdienstvollsten.