Sonnenländer

Part 5

Chapter 53,367 wordsPublic domain

„~Atama itai!~“ „Kopfweh!“ -- Ja, das haben wir, Kopfweh und noch mehr, bis auf eine oder die andere Ausnahme wohl alle. Außer dem Kapitän und dem Steuermann sind auch noch vier von unsern acht Matrosen regelrecht und schwer seekrank.

Aber trotz aller Seekrankheit finden wir uns doch beim Mittagstisch. Der sieht freilich nicht allzu einladend aus. Die „Schlingerleisten“ konnten es nicht verhindern, daß schon vor Beginn der Mahlzeit mehr auf und unter dem Tische als in den Tassen und Tellern schwimmt und verschiedenstes Geschirr zerbrochen auf dem Boden umherkollert. Als ich zudem nur gebratene Lotos- und Klettenwurzeln, getrocknetes Seegras und dergleichen vegetarische Herrlichkeiten mehr erblicke, als mir außerdem noch der scharfe durchdringende Geruch eines großen aufgeschnittenen Rettichs und verschiedener anderer stark duftender japanischer Delikatessen bös und verdächtig in die Nase steigen will, schüttle ich traurig den Kopf und ziehe mich hungrig und betrübt in meine Koje zurück.

Das ist überhaupt das Allerbeste und Klügste, was ich in den nächsten Tagen beginnen kann: brav in der Koje, möglichst gut verankert, liegenbleiben; versuchen, Sturm, Regen und Seegang zu verschlafen und hoffen, daß es bald anders werde.

Leider wurde es mit Ausnahme von ein paar wenig besseren Tagen im großen und ganzen nie anders, die lange, lange Fahrt begann und endete stürmisch.

Kaum daß es je so war, daß man ruhig sitzen konnte, ohne sich anzuhalten; daß man friedlich sein frugales Mittag- und Abendmahl zu sich nehmen konnte; daß man gehen konnte, ohne umzufallen, liegen konnte, ohne energisch hin und her geworfen zu werden. Manche Beule, manchen Riß und manche Schramme trug ich aus dem Wogengefecht davon, und am Schlusse der Fahrt war ich dermaßen mit ehrenvollen Narben übersät, als ob ich eine solenne oberbayrische Kirchweihkeilerei aktiv und besonders passiv von Anfang bis zu Ende mitgemacht hätte.

Sehr schlimm war’s in der Höhe der Bonininseln. Dort hatte acht Tage vorher ein Taifun gewütet, hatte die ganze Ernte vernichtet und sogar einen großen Teil der Steinhäuser niedergerissen. Während unsere Segel in einer zweitägigen Windstille schlaff um die Masten klapperten, wurden wir herumgeworfen wie kaum im Sturm des ersten Tages.

Die schlimmste und unruhigste Fahrt, die er je nach den Marianen gehabt, meinte unser Kapitän.

Ich weiß ja nicht, ob das der kleine Japaner nicht vielleicht nach jeder Fahrt behauptet, aber jedenfalls war die Fahrt für eine „Landratte“ vollkommen bewegungsreich genug. Dabei war ich zu vollständiger Untätigkeit verdammt. An Schreiben war nicht zu denken, aber auch das eben aufgeschlagene Buch klappte ich nach einer Viertelstunde, müde des tollen Wirbeltanzes der Buchstaben, gern wieder zu.

Der „Stille“ Ozean! Für den westlichen, sturm- und strömungsreichen Teil des Pazifik stimmt diese Bezeichnung weiß Gott nie und nimmer.

„Still“ freilich in dem Sinne, daß er ganz welt- und menschenverlassen ist, das ist er wohl sicherlich. Rings unendliche, grenzenlose Meereseinsamkeit. Kein Gedanke, daß man einem andern Schiffe begegnen könnte! In der dunkelsten, finstersten Nacht, bei schärfster Fahrt denken sie gar nicht daran, eine einzige Laterne zu entzünden. Ist wider die Vorschriften. Wenn man aber die Leute fragt, ob sie nicht einen Zusammenstoß befürchten, dann lächeln sie nur. Jahr und Tag könnte man hier herumfahren, einem andern Schiff würde man doch nie und nimmer begegnen.

Durch den hohen Seegang scheint auch im Meere alles tot und erstorben zu sein: kein Wal, kein stürmisch jagender Thunfisch, kein lustig mitziehender Delphin. Ein einziges Mal, daß ein hungriger Hai im weiten, scheuen Bogen unser Schiff umkreist. Sonst tote, leblose, ewige Wasserwüste ringsum.

Und doch! trotz aller bösen See, wie unendlich viel Schönes bietet eine solche Segelfahrt!

Der Dampfer, das ist der Sieg des Menschen über die Natur. Was kümmern einen die Windstillen, was kümmert einen da selbst der Sturm. Wenn nicht etwas ganz Unvorhergesehenes eintritt, durchfährt man ihn ruhig.

Auf dem Segler, da ist man wohl nicht Bezwinger und Herr, aber man ist, man wird, und das ist das Schöne daran, ganz Freund, enger Freund der Natur.

Nichts, was einen davon ablenkt, was einen Mißton, etwas Fremdes hereintragen könnte. Kein Maschinenlärm und Kohlenstaub, kein Ölgeruch, keine Eisenplatten und Stahlkonstruktionen, keine Herren im Smoking und Damen in Gesellschaftstoiletten, keine langatmigen Diners und Soupers, keine Kellner und Stewards, nichts von dem ganzen Hotelbetrieb des großen Passagierdampfers, man ist allein mit den einfachen Seeleuten, ist einziger Fahrgast; Fahrgast auf einem leichten, kunstvoll gefügten Holzwerk, das fast lautlos über die Flut dahinrauscht. Ein mittelalterliches, nein, ein ganz uraltes Ding, wie es so oder doch ganz ähnlich schon vor Tausenden von Jahren das Wasser durchfurcht hat. Und ganz nahe ist man diesem Wasser, man kann es fast mit den Händen greifen.

Aller Vorgänge auf dem Meere lernt man achten, lernt alle Zeichen am Himmel sehen und deuten; die grauen Nebel, die dort im Norden brauen, können die Vorboten des ersehnten guten Windes sein. Die Wolken, die sich im Süden auftürmen und finster zusammenballen, können uns schon in einer Stunde den nächsten Sturm gebracht haben.

Einsamkeiten und Riesenweiten des Meeres, Ewigkeitsfernen des Alls reden mit uns zu jeder Stunde. Frei geht der Blick in ungemessenen Raum!

Aus den Weiten kommt er wieder zum Nahen, schweift nach Osten und schweift nach Westen. Dort drüben im Osten, wenn einmal ein klarer Tag aufsteigen will, Sonnenaufgänge von einer unendlich keuschen und stillen Pracht. Kein Laut, als das Rauschen der emporsteigenden Flut grüßt das aufgehende Tagesgestirn.

Wenn es abends wieder niedertaucht ins Meer, schimmert ihm noch lange eine leuchtende Farbenorgie von schwarzen und goldenen, blaßrosa und lila, lichtblauen und tiefsamtblauen Tönen, ein bei uns nie gesehener Farben- und Feuerzauber nach. Zu unserer Rechten leuchtet das Meer noch in rotgoldgrünem Abendglanz; zu unserer Linken, drüben im Osten, ist zu gleicher Zeit schon der Mond aufgestiegen, glutrot wie ein arbeitender Vulkan, das Haupt unheildrohend und finster von schwarzem Dunstgewölk umhüllt. Höher steigt er und wandelt sein Glutrot in lachendes Gold -- golden erschimmert die Flut. Weiter klimmt er empor, silbern wird nun sein Gewand. Er breitet sein leuchtendes Kleid über die rollende See, ihr Ruhe und Frieden gebietend. Da werden die Wellen, die Wogen ganz still, flüstern und lispeln nur mehr ganz leise, rings schlafende, träumende Silbersee.

Und schneeweiß und silbern, ein stummer, glänzender Schwan, gleitet das Schiff mit weitausgebreiteten, leuchtenden Schwingen lautlos durch silberschäumende Flut, gleitet dahin durch weichmilde Tropennacht, dahin unter Sternen und nie zu lösenden Fragen des Firmamentes und über unerforschte Rätsel tiefster Meeresgründe, gleitet südwärts, immer südwärts, unter dem Sonnenbanner der Sonne zu, entgegen dem in weiter Ferne vor uns lockend aufleuchtenden, uns herrlich den Weg weisenden Kreuze des Südens.

Eine einzige solche Mondscheinnacht macht wochenlange Strapazen wett, so schön ist sie. Man hat alles vergessen, hat vergessen, daß man in Kammern und Kojen des Schiffes nicht aufrecht stehen, nicht ausgestreckt liegen kann, daß man schon tage- und tagelang von nicht viel mehr als von ein paar Handvoll Reis gelebt hat, daß man ... nein, man weiß das alles schon nicht mehr, weiß nur mehr, daß eine ganz einzige Pracht ringsum gebreitet ist.

Während der Mann am Steuer leise ein kleines japanisches Lied vor sich hinsummt, träume ich neben ihm auf dem Boden liegend, hinaus in die stille Mondnacht, träume und träume! ...

Doch plötzlich, vom Bug des Schiffes her, ein lauter, durchdringender Schrei, der grell die Nacht durchgellt.

Nun ein Gebrüll der sämtlichen Matrosen, und, dieses übertönend, ein lautes, mit hoher Stimme gegebenes Kommando des Kapitäns. Mit schlaffen Segeln treibt das Schiff schon nur mehr langsam vor dem Winde. Erschrocken fahre ich auf und stürze -- ich denke an die Petroleumfässer, welche die Tora Maru geladen hat und an Feuersgefahr --, so rasch ich kann, nach vorne.

Die ganze Schiffsbesatzung lehnt dort an der Reling, gespannt sich hinüberbeugend.

Gottlob, kein Brand und kein Leck und nichts Böses. Ein schwerer, wohl sechs Fuß langer Delphin, der von einem der Matrosen harpuniert wurde, tobt da unten herum, schnaubt und pustet mächtig im Wasser herum, geht tief, kommt wieder empor und peitscht aufgeregt die Flut.

Ein langer, aufregender Kampf. Der Mond ist von einer Wolke überdeckt, man sieht kaum und kann das kräftige Tier nicht richtig führen. Es gelingt ihm, ganz tief und unter das Schiff zu gehen und dort am Kiel die Harpune, die wohl nur leicht in der Haut saß, abzustreifen.

Plötzlich ist die vorher fast überspannte Leine leicht und leer geworden und wird von den betrübten Matrosen mit langen Gesichtern eingeholt. Sie hatten sich schon auf den fetten Festbraten gefreut. Selbst den Hai verzehren die japanischen Matrosen mit größter Begeisterung. Und sehr viel schlechter und ungenießbarer als die sonstige japanische Schiffskost kann auch ein Haifisch nicht sein!

11. Agrigan.

Am nächsten Tage nach dem verunglückten Delphinfang bekommen wir, ganz in der Ferne, die zweitnördlichste Marianeninsel zu Gesicht. Sie ist ein in der See halb versunkener Vulkankrater. Als „Urakas“ wird diese Insel gewöhnlich auf den Seekarten geführt.

Kurz nach Urakas laufen wir an einer andern Insel vorbei, dem von einer hohen, unruhigen See umspülten grünen Vulkaneiland Assumption (richtige Benennung: „Assongsong“). Beide Inseln sind unbewohnt und außer zahlreichen Seevögeln ist dort wohl auch wenig Tierleben zu finden.

Am nächsten Tage werfen wir vor der Insel „Agrigan“ Anker. Leider landen wir nicht in der erhofften, frohen Stimmung. Schon von ferne fielen die fahlen, gelben Grundtöne der Insel auf, und als wir näher kamen, sahen wir nichts als Verheerung und Zerstörung; geknickte, ihrer Blätter und Früchte vollständig beraubte Kokosnußpalmen, nicht in ihrem sonstigen saftigen Grün freundlich und lachend herüberleuchtend, alle gelb, welk und krank herschauend und viele der ganzen Länge nach auf den Boden hingemäht.

Der deutsche Kaufmann, der die Tora Maru gechartert hatte, hatte mit noch einem Teilhaber vier Marianeninseln, darunter auch Agrigan, vom Deutschen Reiche behufs Kopragewinnung gepachtet. Kopra nennt man die getrockneten Kerne der Kokosnuß, die nach Europa verkauft werden, wo Kokosnußöl und aus den Rückständen Viehfutter daraus gewonnen wird. Außer zwei eigenen Segelschiffen, die im Taifun ihm verlorengegangen waren, hatte ihm dieser bereits zwei Inseln im letzten Jahre vollständig zerstört, nun war die dritte ebenfalls zugrunde gegangen.

Als wir an Land kamen, sahen wir erst so recht, wie gewaltig der Orkan hier gewütet hatte. Die weithin gestreckte Pflanzung war ein einziges großes, trauriges Trümmerfeld. An keiner, keiner einzigen Palme mehr eine einzige Frucht, die Blätter gelb und zerfetzt, auf dem Boden in wirrem Durcheinander gefallene Stämme, abgerissene Blätter und Kokosnüsse, auf Jahre hinaus keine Ernte mehr zu erwarten. Die Palmhütten der Arbeiter niedergerissen, von dem festgefügten Koprahaus das Dach verschwunden, alle vier Wände niedergelegt.

Die Insel, die auf mehrere Jahre hinaus keinen Ertrag und keine Ernte mehr geben würde, mußte fürs erste aufgelassen und der größte Teil der Arbeiter davon zurückgezogen werden. In diesem Sinne gab der deutsche Kaufmann seine Anordnungen.

Nun begann in der vorher ganz stillen Ansiedelung sich plötzlich das regste und bunteste Leben zu entfalten. Die braunen, pudelnackten Karolinerkinder -- außer einigen Chamorros, den Ureinwohnern der Marianen, sind fast sämtliche Arbeiter den auf Saipan ansässigen Karolinern entnommen -- tollten in wilder Jagd hinter dem Geflügel, Hähnen, Hühnern und Enten, einher. Die Männer, ebenfalls fast ganz nackt, es waren kräftige und prächtig ebenmäßige Gestalten darunter, machten sich daran, die Schweine einzufangen, eine böse, schwierige und gefährliche Arbeit. Denn das Schwein hierzulande ist nicht so zahm, friedlich und gutmütig wie unser deutsches Hausschwein. Es verteidigt seine Freiheit mit allen Mitteln, und vor allem die großen schweren Eber sind böse und ungebärdige Gesellen.

In den auf hohen Holzpfählen stehenden, mit Palmblättern bekleideten und überdeckten Hütten sind inzwischen die Frauen an der Arbeit, die wenigen Familienhabseligkeiten in Kisten und Bündel zu packen und ihre Lawa-lawa, ein schurzartiges, die Lenden deckendes Bekleidungsstück, in der sie sich zuerst vorstellten, gegen irgendein grellfarbiges, leichtes Festtagskleidungsstück europäischer Machart zu vertauschen.

In kurzer Zeit sind alle Reisevorbereitungen beendet, die Arbeiterkolonie von Agrigan steigt mit ihren Tieren, Kisten und Bündeln zum Strande hinab.

Der deutsche Kaufmann und ich haben die Zwischenzeit dazu benutzt, uns an einigen Kokosnüssen und an einem Stück saftigen Schweinebratens zu erfreuen; man kann sonst nicht viel tun, denn das mannshohe, messerscharfe Savannengras macht jedes weitere Eindringen in die sonst gänzlich unbewohnte Insel fast unmöglich. Leider fehlten die Bananen und die Orangen -- all das wurde auch vom Taifun zerstört --, aber dennoch hat mir noch kein Diner je so gemundet, wie nach langer japanischer Schiffskost dieser einfache, aber frische und schmackhafte Imbiß, bei dem die fehlenden alkoholischen Getränke sowie das ebenfalls ermangelnde Quellwasser eine Schale erfrischender Kokosnußmilch ersetzen mußte.

Als wir zum Strand hinabkamen, saß schon die ganze braune, bunt zusammengewürfelte Gesellschaft fröhlich schwatzend und scherzend im Sande und wartete der Einschiffung. Diese gestaltete sich infolge der Brandung etwas langwierig und schwierig. Für das Landungsboot ist es unmöglich, ganz ans Ufer heranzukommen. Die Männer waten und schwimmen hinaus bis zum Boot; Frauen, Kinder und sämtliches Getier werden hinausgetragen, wobei sich manche heitere Episode abspielt, wenn irgendeine höhere Brandungswelle die Träger samt ihrer Last teilweise oder auch ganz für ein paar Augenblicke in feuchtes, salziges Naß eintaucht.

Eine große allgemeine Fröhlichkeit erfaßt allmählich diese Menschen, die nun wieder bessere Tage vor sich sehen. Fast zwei Monate haben sie sich so ziemlich ausschließlich von Kokosnüssen genährt. Der Proviant war ausgegangen, alle Baum- und Feldfrüchte waren vernichtet. Hühner und Schweine waren in der Hauptsache Eigentum des deutschen Kaufmannes, des Aufsehers und einiger weniger, besser gestellten Arbeiter gewesen. So freuen sie sich jetzt der kommenden guten Zeiten.

Nur zwei Menschen sehe ich, die mitten in der allgemeinen Lustigkeit traurig sind, zwei schlanke, hübsche Karoliner: ein junger Mensch, Anfang der Zwanziger, und ein junges Mädchen, beide in Lawa-lawa und ein paar grüne Zweige in den schwarzen Haaren.

Er muß, da seine Arbeitskraft hier nicht mehr benötigt wird, nach Saipan zurückkehren, während sie in Agrigan zurückbleiben soll.

Sie lehnt und preßt ihren Kopf an seine Schulter, schluchzt bitterlich und hat die braunen Augen voll von großen schweren Tränen. Er hat ihre Hand gefaßt, drückt sie und starrt wortlos und düster in den Sand.

So stehen sie lange, stehen noch da, als unser Landungsboot schon weit in der See schwimmt, stehen als die letzten, die einzigen, am Ufer, die zwei braunen, jungen, schlanken, nackten Menschen mit dem lichten Baumgrün im dunklen Haar, beide ganz allein an der unendlichen tiefblauen See, die sich mit ihren weiten Wassern nun trennend zwischen sie legen soll, beide von Abschiedsweh durchzittert.

Plötzlich macht er sich entschlossen los, springt durch die Brandung und schwimmt mit starken, kräftigen Stößen, von der Dünungswelle bald hoch hinaufgetragen, bald in den Wogentälern versinkend, unserm Boote nach. Sie aber wendet sich kurz um und geht langsam, ohne noch einmal umzusehen, zu ihrer Hütte unter den entlaubten Palmen zurück. -- --

Eine Stunde später lichten wir den Anker und segeln in den rasch herabsinkenden Abend hinein. Monate und Monate werden vergehen, bevor das weltvergessene Agrigan wieder ein Schiff zu Gesicht bekommen wird.

12. Pagan.

Die Tora Maru fährt am nächsten Morgen in die Bucht der Insel Pagan ein.

Hier sieht es freundlicher aus. Zwar bemerken wir schon vom Schiffe aus, daß auch hier der Taifun gewütet haben muß. Aber Dorf und Pflanzungen liegen hier geschützter, mehr landeinwärts, zur Linken von schwarzen, hohen bizarren Basaltfelsen umtürmt, rechts ebenfalls von Höhen umlagert, und weiter landeinwärts baut sich ein mächtiger, noch tätiger Vulkan auf, der sein Haupt in schwere, dichte Dunst- und Rauchwolken gehüllt hat.

Bald stehen wir auf dem schwarzen Ufersand, bald sind wir in dem freundlichen Dörfchen mitten unter den braunen, lustigen Leuten, bald durchwandern wir die weiten, hohen, saftig grünen Palmpflanzungen.

Hier sind die Palmen selbst wenigstens nicht vom Taifun gestürzt und entwurzelt, nur dann und wann ist eine Krone oder eine Blättergruppe geknickt worden, die Früchte liegen auf dem Boden verstreut. Nach Jahresfrist, wenn kein neuer Taifun über die Insel wegzieht, ist wieder auf eine Ernte zu hoffen. Aber vorläufig freilich muß auch diese Insel in der Hauptsache geräumt werden! ...

Am Abend dieses Tages hat die kleine Tora Maru ungefähr siebzig Karoliner an Bord: Männer, Frauen und eine Unmenge Kinder, einige Dutzend Schweine und unzähliges Geflügel, darunter an dreißig Kampfhähne, die getrennt an der Reling angebunden, sich gegenseitig nach Leibeskräften und Herzenslust ankrähen.

Leider waren auch wieder die letzten sechsunddreißig Stunden unserer Reise, die Fahrt von Pagan nach Saipan, sehr wenig erquicklich. Es war, als ob die Berge und Vulkane von Pagan sich ins Meer fortpflanzen wollten, so stark war der Seegang, und jede Minute kam ein schwerer Brecher über Bord.

Dazu das mit Menschen und Tieren überfüllte Schiff. Der Kapitän machte einen ganz gekränkten Kopf, und die Matrosen wußten kaum, wo sie sich hinstellen sollten, die Segel aufzuziehen und einzureffen.

Freilich, das mörderische Geschrei der Kampfhähne verstummte sehr bald. Schon nachdem sie die paar ersten Wellen über den Kamm bekommen hatten, wurden sie ganz friedlich und duckten sich mit nassen Flügeln so klein zusammen, als sie nur konnten. Auch die Schweine gaben ihr Grunzen und Brummen sehr bald auf, kauerten sich, schwer seekrank, unter der vor der Nässe schützenden Holzverkleidung des Buges zusammen und lagen dort wie leblos und tot.

Dafür zeterten und schrien nun unsere zahlreichen Kinder der verschiedensten Jahrgänge um so mehr und die Frauen ächzten und stöhnten.

Einige Frauen und Kinder können wir zwar enggepfercht in unserm Eßzimmerchen unterbringen. Aber alle die vielen andern, für die hier kein Platz ist, müssen die sechsunddreißigstündige, durch Regenböen und übergehende Wellen wenig behaglich gemachte Fahrt auf freiem, ungeschütztem Deck verbringen, und alle wohl seufzen erleichtert auf, als am Morgen des übernächsten Tages die grüne Bergküste Saipans im Süden auftaucht.

Auch ich. Und ich sagte der Tora Maru endgültig Lebewohl. Ich hatte zwar beabsichtigt, drei Tage später mit ihr noch bis Guam weiterzufahren und von dort wieder auf ihr nach Saipan zurückzukehren. Aber während man zur Fahrt von Saipan bis Guam nur zwei Tage benötigt, dauert die Rückreise von Guam nach Saipan zehn bis vierzehn Tage, oft auch länger. Man muß beständig gegen den in dieser Jahreszeit hier regelmäßig wehenden Nordostpassat aufkreuzen. Und ich war nicht gewillt, mir das amerikanische Guam durch einen weiteren vierzehntägigen japanischen Kostgenuß zu erkaufen.

Während ich im Landungsboote in das Korallenriff Saipans einfahre, blicke ich Abschied nehmend noch einmal zu den weißen Segeln der Tora Maru zurück.

„Leb wohl!“ rufe ich ihr über die hohe schäumende See zu. „Leb wohl, du schlankes, schönes Tigerschiff! ... Hast mich treulich durch Sturm und böse See viele Meilen weit hierher getragen. Hab tausend Dank! Leb wohl, schlanke, schöne Tora Maru!“ --

13. Geschichte der Marianen.

Die Marianen wurden von Magalhães im Jahre 1521 entdeckt. Er war im September 1519 von Spanien aufgebrochen, um einen neuen, auf der spanischen Erdhälfte gelegenen Weg nach den Molukken zu finden. Vierzehn Monate später erreichte er, nachdem er schon zwei Schiffe verloren hatte, mit den drei übrigen die Südsee. Magalhães war es, der sie wegen des andauernd ruhigen Wetters, das er hier antraf, den „Stillen Ozean“ taufte. Am 6. März 1521 warf er vor einer Marianeninsel Anker. Die Eingeborenen, die sein Schiff mit ihren kleinen Seglern umringten, waren zuerst freundlich und brachten ihm Nahrung und die Früchte des Landes, dann aber wurden sie zudringlich, stahlen ein Boot und Metalle. „Ladronen“ = „Diebsinseln“ nannte daher Magalhães das neue entdeckte Land. Ein Streit entspann sich, die Eingeborenen kämpften mit Wurfspeeren und Schleudern, waren aber den Feuerwaffen der Europäer nicht gewachsen. Schon am 9. März fuhr Magalhães weiter, und nach seinem bald darauf auf den Philippinen erfolgenden Tode vollendete sein Begleiter Eltano diese allererste Weltumseglung.

Auf einer zweiten Reise entdeckte Eltano die Marianeninsel Rota, im Jahre 1565 ergriff Spanien förmlich Besitz von der Inselgruppe, aber erst ein Jahrhundert später mit der Ankunft des Jesuitenpaters Sanvitores setzte die tatsächliche Herrschaft der Spanier ein. Nach der Königin Maria Anna hieß er die Inselgruppe „Marianen“.

Der Bekehrungstätigkeit des spanischen Paters stellten sich bald Schwierigkeiten entgegen. Der Adel wollte nicht dulden, daß das Volk auch die Sakramente bekomme. Außerdem war die Ehe der „Chamorros“, der Ureinwohner der Marianen, stets eine sehr lose und nur auf Neigungsdauer geschlossen. Sie betrachteten daher die durch Sanvitores eingeführte, unlösliche katholische Ehe als eine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten.

Schon 1670 brachen die ersten Unruhen aus und Sanvitores wurde 1672 von einem Chamorro getötet, dessen Kind er gegen den Willen des Vaters getauft hatte.

Doch alle Versuche der Chamorros, die Spanier zu vertreiben, scheiterten daran, daß die Eingeborenen, wie fast alle Naturvölker, im entscheidenden Augenblick nicht genügend Entschlossenheit zeigten und auch nie vollständig einig waren.

Kämpfe und Kämpfe, dann Seuchen und Hungersnot folgten. Schon im Jahre 1710 war von dem in alten Missionsberichten auf 100000 Köpfe geschätzten Volke der Chamorros nur mehr ein kleiner Überrest von 3700 Menschen übrig.