Part 6
Der Rest des Chamorrovolkes vermischte sich mit Spaniern, Tagalen, den Ureinwohnern der Philippinen, wohl auch mit Chinesen und Japanern. Es hat seine früheren guten Eigenschaften so ziemlich verloren, Kriegsmut und Seetüchtigkeit, Freiheitsliebe und Unabhängigkeitssinn. Alle Chamorros sind heute katholische Christen und gehen bekleidet. Auf den früher deutschen Inseln leben ungefähr 2500, während auf der größten und fruchtbarsten Marianeninsel, auf Guam, das im spanisch-amerikanischen Kriege von den United States durch Überrumpelung genommen und beim Friedensschluß behalten wurde, noch ungefähr 10000 wohnen. Neben den Chamorros sind auf den meisten Inseln, so auf Agrigan, Pagan, auf Tinian und vor allem auf Saipan, auch Karoliner zu finden -- ungefähr 500 --, die hauptsächlich im Laufe des vorigen Jahrhunderts auf ihren Kanoes hierher gekommen sind. Sie zählen zum Stamme der Mikronesier, einer Mischung aus Malaien und Melanesiern, sind Heiden geblieben, gehen unbekleidet, halten zäh an ihren alten Gewohnheiten und Gebräuchen fest, sind auch bis heute ziemlich rasserein geblieben. Die auf Saipan lebenden Karoliner sind die kultiviertesten ihres Stammes, sind vor allem ziemlich fleißige Land- und Ackerbauer geworden. Auch eine Strafkolonie befand sich auf Saipan, in der Deportierte verschiedener anderer Inseln, von Jap, Palau und Samoa zwangsweise angesiedelt waren.
Die Marianen und Karolinen wurden im Jahre 1899 für 16 Millionen von Deutschland erworben. Der Kaufpreis war nicht gering, wenn man bedenkt, daß die meisten Inseln klein sind, daß kulturell und kolonisatorisch nur geringe Vorarbeit geleistet worden war. Auch saßen wir nun plötzlich mitten in der japanischen Interessensphäre. Japan hätte die Inselgruppen ebenfalls gern besessen und hatte dafür 12 Millionen geboten. Die Möglichkeit von Reibungen aller Art war gegeben, zudem noch die Wahrscheinlichkeit, daß Japan, sowie das Deutsche Reich von ernsteren kriegerischen Verwicklungen heimgesucht würde, auf diese Inselwelt seine Hand legen würde. So ist es denn auch gekommen.
Japan hat durch den Versailler Frieden das Mandat für die Marianen und Karolinen und für alle andern früher deutschen Inseln bis zum Äquator erhalten.
14. Saipan.
Auf Saipan und in dessen Hauptort Garapan gab es kein Gasthaus. Mir glückte es schließlich bei einem japanischen Kaufmann, namens Isoda, unterzukommen. Er war früher Dolmetscher beim deutschen Generalkonsulat in Jokohama gewesen.
Neben dem Hause, über den angrenzenden Hütten der Chamorros, ringsum, wohin man von breiter Veranda aus blickt, Palmen und Palmen. Wenn der Wind in den breiten Blättern liegt, hört sich das an wie das Rauschen eines großen unermeßlichen Waldes.
Nur zwanzig Schritt vom Hause entfernt beginnt der weiße Ufersand und weitere zwanzig Schritt das Meer, zuerst seicht und smaragdgrün. Weiter draußen dann ein weißer Silberschaum. Dort brechen die Wellen sich am Riff. Noch weiter draußen, außerhalb des Riffs, endlose, azurblaue Fläche.
Sehr schön ist es, wenn die Sonne im Westen gesunken ist, wenn nur noch ihr Widerschein mit blassem und doch hellem Licht durchs Ufergrün irrt und oben am tiefblauen Firmament die sanftroten Windwolken ziehen.
Wird es dunkler, singen sie in den Hütten, heute in der und morgen in jener, altspanische Kirchenmelodien. Es ist gerade „Novena“, das heißt die neun letzten Tage vor einem größeren Kirchenfeste. Und die feiern sie auch heute noch so, wie die spanischen Mönche sie es gelehrt haben.
Man merkt es dem Gesange der Chamorros nicht allzu schwer an, daß nicht recht viel Andacht bei der Sache ist, daß es vielmehr die Freude am Gesange ist, die ihnen die Feier lieb und wert macht. Aus der Ferne klingt es ganz hübsch und bringt Stimmung in die Landschaft.
Aber dann -- dann wird es still! ...
Still stehen die schlanken, hohen Stämme, still ruhen die breiten Kronen der Palmen. Nachtschwarz und still -- kaum zu sehen, schlafen die Hütten im weichen Ufersand. Still ist die See und dunkel, bloß ein schmaler Streif erglänzt matt im fahlgrünen, von Wolkenschleiern halbverdeckten Mondlicht. Die Sterne schimmern hell durchs schlanke Blattwerk der Palmen. Nun beginnt auch auf der See ein großer Stern aufzuleuchten -- und dann noch einer und noch einer -- bis es wohl an hundert sind.
Und lautlos wie hundert Irrlichter gleiten die hundert Sterne da und dort hin über die dunkle, nachtschwarze See. Karoliner sind es, die in ihren Kanoes bei Fackellicht fischen.
Aber man sieht nicht die Boote, hört nicht die Menschen. Nur die Lichter ziehen -- wie die Sterne über den Himmel -- lautlos ... zitternd über das Meer.
„Südsee.“ Nun bin ich wirklich da.
„Südsee!“ Schon in Wort und Namen liegt ja für uns Menschen der nördlich gemäßigten Zone ein starker und verlockender Klang. Wenn der Wintersturm pfeifend über die Dächer fegt und klirrend an den Fensterscheiben rüttelt, wenn in den nebelgrauen Städten unter Rauch und Dunst die Sonne gestorben ist, dann träumt man von schimmernder Lampe und warmem Ofen sich über Berge und Meere in ferne Länder hinweg, die keinen Herbst und Winter kennen.
Ewiger Sommer, strahlende Sonne über uns. Blumen, Blüten und Früchte. Nacktbraune Menschen an stillem Palmenstrand, und ringsum das Meer, das raunende, rauschende, in dunkelblau wallendem Kleide unruhevoll hin und her wandernde Meer, das sich mit einem leuchtenden Halsband smaragdgrüner Korallenriffe festlich geschmückt und heiter lächelnd auf sein ewig jugendschönes Haupt eine strahlende Diademkrone von Millionen funkelnder Brillanten gedrückt hat, von Millionen in allen Farben blitzender und erschimmernder Tropfen, die von dem schneeweißen Gischt der wuchtigen Brandungswoge ins lachende Sonnengold hoch emporgeschleudert werden.
So träumt man. -- Wenn man dann wirklich den Fuß auf die erste Palmeninsel gesetzt hat, wenn man zum erstenmal faul im weichen Ufersand sich reckt und streckt oder sich von lauer, sonnendurchwärmter Flutwelle vergnüglich auf und ab schaukeln läßt, so sagt man sich froh und zufrieden, daß das Bild paradiesischer Idylle, das sich Traum und Phantasie zurechtgesponnen, nicht, wie so oft, schöner und lockender als die erdgeborene Wirklichkeit gewesen ist.
Im Gegenteil! ... Der Phantasie haben des Lebens leuchtende Farben doch nicht so ganz zur Verfügung gestanden. Viel zu nüchtern und grau -- zu kalt und nordisch hat sie gemalt. Schon der Grundton war falsch. Und der heiße Farbenrausch ringsumher, dies unendlich mächtige Sonnenlicht, diese taghellen, weißsilbernen Mondnächte, die Feuerglut der Gestirne, das alles läßt sich nie erdenken und erdichten. Man muß es sehen und schauen.
Halb andächtig, halb übermütig blickt man umher. Lachender Lebenssonntag um und in uns. Leib und Seele wurden in einem Jungbrunnen gebadet, Wegstaub und Erdenschwere sind weggewaschen. Man meint, auf höherer, freierer Warte, man glaubt, näher der Sonne zu stehen.
Und -- während man selbst den Puls rascher und freudiger schlagen, das Blut heißer durch die Adern jagen fühlt, hört man rings um sich die lange auf diesen Inseln lebenden Europäer alles Mögliche über die Entbehrungen und Strapazen ihres Lebens klagen und fabeln. Aber man lächelt nur ungläubig dazu. Denn selbst ist man ja so ganz erfüllt von Freude, daß man am Abend keinen Schlaf finden kann, weil man sich zu schwer von all der Pracht trennt, daß man mit einem frohen Willkommen das Morgengrauen und den ersten Sonnenstrahl begrüßt, die uns wieder zum Bewußtsein all der Herrlichkeiten erwachen lassen.
Früh schon wird es Tag im Dorf Garapan. Es ist noch dunkel, da beginnen schon die Hähne zu krähen. Aber nicht der eine oder andere nur, Hunderte und Hunderte von Hähnen. All die vielen, vielen Kampfhähne der Chamorros und Karoliner lärmen um die Wette, ganz Garapan scheint ein einziger, großer Geflügelhof geworden zu sein. An Schlaf ist da, wenigstens in den ersten Tagen, nicht mehr zu denken.
Auf denn! Zuerst nehme ich ein Morgenbad im klaren Meer. Dann wandere ich ziellos der See entlang, wo unter hohen, schattigen Palmen die Hütten des immer vergnügten Karolinervölkleins liegen; Männer, Weiber, Kinder, Kühe, Schweine und Hühner wimmeln da lustig durcheinander. Reiches Leben auch im warmen Ufersande. Von den großen Krabben bis zum kleinen Einsiedlerkrebs, eine unendlich bunte und mannigfaltige, lebhaft dahinlaufende und kriechende Tierwelt.
Fort nun vom Meere und mitten in den grünen Busch, in die Savannen hinein. Überall gibt es auch hier Neues und Seltsames zu sehen, weite Tarofelder und lichte Bananenwälder, verschlungene Lianen, herrliche Orchideen und verschiedenartigste Drazänen. Eine neue seltsame Welt ist aus der rauschenden See vor mir emporgetaucht.
Am ersten Tage meines Aufenthaltes werde ich auch schon mit allen auf Saipan lebenden Deutschen bekannt. Da ist ein Stationsleiter, ein Lazarettgehilfe, zugleich auch Befehlshaber und Kommandant der braunen, mit roter Lawa-lawa bekleideten Polizeitruppe, ein Weg- und Plantagenaufseher, ein deutscher Lehrer, dessen Schule ich besuche. Frisch und lustig stehen die gelben Chamorro-, die braunen Karolinerkinder Red’ und Antwort, und zum Schlusse singen sie sogar einige Lieder.
„Ich geh’ durch einen grasgrünen Wald Und höre die Vögelein singen. Sie singen so jung, sie singen so alt. Die kleinen Vögelein in dem Wald, Die hör’ ich so gerne wohl singen!“
Hell und jauchzend klingt das alte Volkslied in den Palmenwald der Tropen hinein.
Außer den vier eben genannten und vom Reich angestellten Persönlichkeiten noch zwei deutsche Kapuzinerpatres, welche die frühere spanische Mission übernommen haben, ein deutscher Pflanzer und der deutsche Kaufmann, mit dem ich von Jokohama gekommen bin. Zur Zeit meiner Anwesenheit waren auf Saipan auch noch zwei deutsche Frauen.
Da auf allen andern Marianeninseln keine Deutschen lebten, waren also damals nur zwei dem Privaterwerb nachgehende Deutsche auf der Inselgruppe. Und selbst diese beiden klagten. Außer der Kopra, dem getrockneten Kern der Kokosnuß, ist eben wenig auszuführen. Die Kokospalme kommt nun an und für sich recht gut fort, wenn nicht die immer wiederkehrenden Taifune wären, die alle paar Jahre die Ernte sowie den Palmenbestand der oder jener Insel vollständig vernichten.
Beim Durchwandern der breiten Straßen von Dorf Garapan fällt mir vor allem die große Verschiedenartigkeit der Häuser und Bauwerke auf. Die Chamorros und die von ihnen beeinflußten Karoliner stellen ihre Wohnhäuser auf in den Erdboden gerammte Holzpflöcke und decken sie mit Palmstroh oder den getrockneten Blättern des Pandanusbaumes ein. Fußboden und Wohnraum befinden sich einen Meter über der Erde; der freie Raum darunter dient Hühnern und Schweinen als Aufenthalt.
Am lebhaftesten geht es in Dorf Garapan am Abend her, wenn der Glutball der Sonne nach heißer Tagesreise im Meer sich kühlen will. Auf ihren zu Reittieren dressierten Ochsen kommen in raschem, schlankem Trabe die Karolinerjungen vom Felde herein geritten, langsamer folgen die Weiber, sitzend auf einem kurzen, ebenfalls von Ochsen gezogenen Karren, dessen Räder oft nur aus zwei kreisrunden, massiven Steinplatten bestehen.
Wie ein Bild aus dem antiken Griechenland sehen besonders die Gefährte mit den Steinrädern sich an. Die Zugtiere gehen nach uralter Sitte unter dem Joche. Die schlanken, fast unbekleideten Mädchen und Frauen haben ihr dichtes Schwarzhaar mit einigen Blumen geschmückt oder auf die Stirne sich einen grünen Laubkranz gedrückt. Harmonisch und ebenmäßig meist ihr Körperbau, ganz ungemein fein und zart ihre Fesseln und Gelenke, sehr klein die Hände, zierlich die Füße.
Ich habe verschiedene Schildpatt- und Muschelarmreife, wie sie diese Karolinerfrauen tragen, mit nach Hause gebracht. Keiner Europäerin wird es gelingen, sie über ihre Hand zu streifen.
Auch die mehr einem beschaulichen Nichtstuerleben huldigenden Chamorros kommen gegen Abend aus ihren Häusern hervorgekrochen. Die Männer paradieren in weißen Leinenanzügen; die Frauen, ebenfalls weiß gekleidet, geben sich besonders an Fest- und Feiertagen sehr prächtig, tragen kostbare Spitzentücher aus Manila, rote Strümpfe und weiße, absatzhohe Atlasschuhe, während ihre Kinder -- im Gegensatz zu den ganz nackten, kleinen Karolinern -- bis zu ihrem achten oder zehnten Lebensjahr oft nur in ein weites Hemd gehüllt herumlaufen ...
Am Feierabend findet auch vor der oder jener Hütte eine Vorprobe zum sonntägigen Hahnenkampfe statt, in einem andern Hause erklingt irgendein Musikinstrument und, wenn es Nacht und noch kühler wird, gibt auch mancher in besseren Verhältnissen lebende Chamorro einen kleinen Ball -- für Tanz und Gesang sind die Chamorros immer zu haben.
Die Karoliner wiederum teilen sich mit den Ureinwohnern der Inseln wohl in die Freude an den Hahnenkämpfen, im übrigen sind sie in ihren freien Stunden leidenschaftliche Fischer und Jäger, Segler und Seefahrer.
Das Interessanteste, was ich von Fischerei auf Saipan zu Gesicht bekommen, war ein großer Delphinfang. War da eine Herde Delphine oder Schweinsfische, neugierig wie sie immer sind, in das Riff hereingekommen. Flugs hatten die flinken Insulaner ihnen mit ihrer gesamten Kanoeflottille den Ausweg in die freie See versperrt und trieben nun unter lautem Hallo und Geschrei die mächtigen Tiere langsam aus der Tiefe auf den flachen Strand, wo sie kurzweg gepackt und ganz ans Land geschleppt wurden. Das war ein großes, großes Fest fürs Karolinerdorf. Fette Braten standen in Aussicht. Männer und Knaben trugen die Beute in den Schatten der Palmen, die Weiber führten einen von ganz seltsam weichem und melodischem Gesange begleiteten Dank- und Freudentanz auf. --
15. Tinian, die Jagdinsel.
Auch jagdlich Interessantes sah ich auf den Marianen, und zwar auf der Nachbarinsel Saipans, auf Tinian. Ein altes, ausgedientes Walfischfängerboot fährt von Saipan aus ab und zu nach dieser Insel. In den ersten Morgenstunden, es ist noch dunkel, gehen wir in See. Ein gerade auf den Marianen anwesender, von den Westkarolinen gekommener deutscher Kaufmann, ferner der Alkalde und Bürgermeister von Saipan, ein Chamorro, der die Jagd auf Tinian gepachtet hat, machen die Reise mit. Auch ein kleines Chamorromädchen hat sich angeschlossen.
Von fünf Ruderern wird das offene Boot vorwärts getrieben. Mit aller Kraft müssen sie einsetzen, um uns durch die scharf und hoch heranrollende Brandung ins freie Meer hinauszubringen. Draußen eine ruhige Dünung, die mit breiten, langen Wogen dahergezogen kommt. Wie Berg und Tal sieht die See sich an, wie ein mächtiger, schlafender Wasserriese, dessen Brust sich in starken, tiefen Zügen hebt. Köstlich rein und klar der Tag. Alle sind froh und bester Dinge mit Ausnahme des armen Alkalden, der bereits in der ersten Viertelstunde schwer seekrank geworden ist. Gegen Mittag landen wir in Tinian und richten uns in dem kleinen Jägerdorfe der Karoliner so gut es geht häuslich ein. Der Alkalde hat uns eine winzige und höchst primitive Jagdhütte zur Verfügung gestellt.
Im Morgengrauen des nächsten Tages brechen wir auf zur Jagd auf die Wildochsen. Neben den Hütten beginnt schon der Busch. Dieser Busch Tinians ist so dick und dicht, so ganz undurchdringlich, daß wir trotz aller mitgeführten und eifrig gehandhabten Buschmesser oft zu gleicher Zeit mit Kopf, Hals und Brust, Armen und Beinen in böses Gerank und Gezweig schier unlöslich verstrickt sind. Stundenlang heißt es gebückt und ohne sich frei aufrichten zu können, von tausend Dornen und Nadeln zerstochen, in allerschwülster und feuchtester Treibhausluft dahinkriechen und sich mühseligst vorwärtsarbeiten. Bald ist mein leichter Leinenanzug nichts mehr als ein nasser Lappen. Brennender Durst peinigt mich. Mit kleinen, da und dort aufgelesenen Zitronen lösche ich ihn, so gut ich kann.
Plötzlich etwas Weißes, kaum für einen Augenblick zu sehen, ein schönes, großes, prächtiges Tier, das in wilder Flucht schon wieder verschwunden ist. Niemand -- selbst die eingeborenen Jäger nicht -- ist in dem Dickicht zu Schuß gekommen. Aber der Führer unserer Jagdgesellschaft, ein Chamorro, hat sich jetzt rasch von uns losgelöst und eilt, kriecht und springt, so rasch er nur kann, durch Busch und Unterholz dem entkommenen Wildochsen nach. Uns zwei Europäern ist es ganz und gar unmöglich, so schnell zu folgen. Mühselig und langsam arbeiten wir uns weiter. Plötzlich ein Schuß, der donnernd durch die große Stille des Busches rollt. Aber noch lange haben wir zu tun, bis wir an die Stelle gelangt sind, wo der Chamorro seine Kugel abgeschickt hat. Ganz schlank und schneeweiß, wie ein seltsames Märchengetier verzauberten Urwaldes, liegt das im Schuß gefallene Wild auf nasser, schwarzer Erde. Als ob es noch lebte, so klar und sprechend blicken die großen, blauen Lichter. Geheimnisvoll dunkel ist es unter den schweren Wolken des dichten Blattwerks. Kein Sonnenstrahl kann da hindurch. Große breitflügelige Falter mit lichthimmelblauen Sternchen im nachtschwarzen Flügelkleide flattern ängstlich umher. Laut und begehrlich heulen in nächster Nähe, Fraß erhoffend, hungrig die wilden Hunde ...
Erst am Nachmittag kommen wir wieder in das Dörflein zurück und erfreuen uns an einem Bad in bergseeklarer Meeresflut. Der Alkalde und das kleine Chamorromädchen, das mit uns herübergefahren, haben inzwischen für das Mittagessen gesorgt. Der gute Bürgermeister von Saipan war nicht bei der Jagd dabeigewesen. Er lehnte stets energisch jede solche Einladung ab. „Einmal und nicht wieder“, meinte er verständnisvoll lächelnd. Dafür aber war er sonst in die Gewohnheiten seiner Ahnen zurückgefallen, hatte sich seines weißen Leinenanzuges entledigt und zeigte sich auf Tinian nur mehr in der Badehose.
Die Wildochsen -- es sind wohl Nachkommen einmal von den Spaniern hierher gebrachter und allmählich verwilderter Tiere -- werden meist gedörrt und dann nach Guam ausgeführt, während sonstiges Wild nach Saipan gebracht wird. Es gibt ja noch alles erdenkliche andere Jagdbare auf der Insel, ganz ungemein viele Wildschweine, Ziegen mit mächtigem Gehörn, Wildhühner und alle möglichen Wasservögel, auch wilde Hunde sind zahlreich vertreten. -- Weitaus am interessantesten, aber unendlich mühselig, eine ganz unglaubliche Hetze, ist die Jagd auf die Sauen. Sie müssen, um bei der starken Tropenhitze noch Verwendung finden zu können, lebend gefangen und lebend nach Saipan gebracht werden.
Mit einer höchst abenteuerlichen Meute zieht man aus, alle möglichen Nachkömmlinge europäischer Hunde sind da vorhanden, alle nur denkbaren Gattungen, Arten und Mischrassen. Selbst winzige Foxterriers fehlen nicht. Der Bestand der Meute wird je nach Bedarf auch aus den wilden Hunden des Busches, die mit einem Lasso gefangen, bald durch Hunger und Durst gezähmt werden, ergänzt. Mit Hussa und Hallo geht es hinter den Schwarzröcken einher, geht in einem derartig tollen Sturmtempo durch den allerverwachsensten Busch, daß ein Europäer mit den nacktbraunen Jägern auf die Länge nie und nimmer Schritt halten kann. Ist das Schwein von den Hunden gestellt, so wird es von den Karolinern geworfen und gebunden. Aber manch armer Hund stirbt dabei unter den Waffen der starken Keiler, mancher der verwegenen Jäger wird tödlich verletzt.
Für das gefangene und gefesselte Wildschwein beginnt nun ein langes, trauriges Martyrium. Tagelang liegt es, ohne sich bewegen zu können, ohne je Wasser zu bekommen, von Milliarden von Fliegen übersät und gepeinigt, im Jagddorf der Karoliner und, nach Saipan gebracht, tagelang in den Höfen der Chamorros herum, bis es endlich von seinen Qualen erlöst wird.
Wenig anstrengend, wenig gefährlich und dabei doch recht unterhaltend ist die Hahnenjagd auf Tinian. Der Jäger nimmt einen zahmen Haushahn mit, der im Walde irgendwo angebunden wird. Durch sein Krähen hat er bald einen Wildhahn angelockt. Ein wütender Kampf entspinnt sich, und der Jäger braucht den vor Wut vollständig blinden Wildhahn nur zu greifen.
Ich war auf Tinian meist recht müde am Abend. Die paar Jägerhütten der Karoliner versinken bald in Schlaf und Schweigen. Grenzenlose Einsamkeit, tiefste Nachtstille ringsum, nur leise durchzittert vom müden Branden des Weltmeeres, durchklungen vom silbernen Rauschen der Palmen. Im dichten Busch flutet hellstes, schneeweißes Mondlicht.
Man kann nicht schlafen in solchen Nächten, zu taghell ist es, zu laut, immer lauter und lauter rauschen die Palmen. Der Nordostpassat hat an ihnen gerüttelt. Da sind die toten Waldriesen plötzlich wach und lebend geworden. Vorbei der dumpfe, bleischwere Tropentagesschlaf. Sehnsüchtig und leidenschaftlich strecken sie nach Brüdern und Schwestern die schlanken Arme aus. Geisterstunde im Palmenwald! Und nicht nur die Bäume, das kleinste Gras, der kleinste Halm ist lebend geworden, hat zu flüstern, zu raunen, zu rufen begonnen. Geheimnisvolle Stimmen und Stimmchen allüberall. Wie verzaubert stehen Dickicht und Dorn, wie überschüttet von dichtem, weißem Winterschnee. Ängstlich blicken die braunen Mädchen und Frauen, wagen sich nicht von den Hütten fort, rasch und eilig nimmt der Mann, die flackernde Fackel in der Hand, durch den gespensterbelebten Busch seinen Heimweg.
Ich blieb mehrere Tage in Tinian. Der Aufenthalt dort hat ja mancherlei kleine Beschwerden. Es geht selbstverständlich mehr als einfach her. Eine gewisse Unannehmlichkeit bedeuten die Ratten, die in übergroßer Anzahl vorhanden sind. Ich wurde am Abend ermahnt, mir ja sorgfältig die Hände zu waschen, damit ihnen kein Speisengeruch anhafte, sonst würde ich höchstwahrscheinlich von den zur Nachtzeit sehr zudringlichen Tieren angenagt werden. Eine weitere Landplage sind die Fliegen. Zu Milliarden und Milliarden sind sie da. Oft ist die Luft ganz schwarz von ihnen, die in der Mitte des Dörfleins liegende Knochen- und Schädelstätte ist dicht von ihnen übersät, es ist kaum möglich, sich ihrer zu erwehren.
Aber dennoch blieb ich gerne. Eine solche Stille auf diesem weltverlorenen Inselchen mitten im großen Ozean, wie ich sie noch nicht gekannt. Ich fühlte mich ganz und für immer ausgeschaltet, losgelöst vom Getriebe und Räderwerk der hastenden, lärmenden, nie zur Ruhe kommenden Welt, eins fühlte ich mich mit Himmel, Erde und Meer, eins mit großer, ewiger Natur.
An der See, unter den Palmen hab ich meinen Lieblingsplatz. Zweimal am Tage steig ich in die kristallklare Flut. Wenn ich dem Ufer entlang pilgere, verschwindet plötzlich der weiche Sandstrand, an seine Stelle tritt steil ins tiefblaue Meer abstürzender Basaltfels. Ganz am Gestade ab und zu auch bergseegrüne Färbungen. Große, schwarze Meerschnecken kriechen auf dem Grunde dahin; reizende azurblaue, lustige Fischchen huschen spielend um weiße Korallen herum und weiter draußen taucht manchmal der sattbraune Rücken eines springenden Delphins auf.
Mehr landeinwärts, mitten im dichten Busch spricht sogar -- wie selten ist das in der Südsee -- die Geschichte. Graue, mächtige Säulen ragen mit breiten, schweren Kapitellen, wie von gewaltigen Riesen und Hünen der Urzeit getürmt, aus dem rings sie umwuchernden, sich an ihnen emporschlingenden Blatt- und Baumgrün empor, Reste eines Chamorro-Edelsitzes. Zwölf dieser wuchtigen Korallensteinsäulen, je sechs in einer Reihe stehend, trugen das Haus; auf Säulen und Kapitellen ruhte in freier, luftiger Höhe erst der eigentliche Wohnraum; zwischen den Trägern und Pfeilern, unter dem Wohnraum, war der Stall, die Scheune, der Aufbewahrungsort für Ackerbau-, Jagd- und Fischereigeräte. Vornehm und prächtig haben die Herrengeschlechter der Chamorros gewohnt.