Part 4
Rasch hinaus und den Berg empor! An einigen Teehäusern und auch schon rötlich gefärbten Kirschbäumen vorbei geht es hinein in den Wald. Der mutet einen fast an wie lieber deutscher Wald. Nur die Formen der Föhren, Fichten und Kiefern sind abenteuerlicher und phantastischer, und unter das Nadelholz mischt sich viel immergrünes Gesträuch. Ganz sommerlich sieht das alles noch aus, jetzt im November, heute am Allerseelentag. Nur der wilde Wein, der sich dicht und schwer um die hohen Stämme der Föhren schlingt, hat schon ein rotes Herbstkleid angezogen, und das Waldgras ist da und dort von einem leisen Rotschimmer überhaucht. Aber sonst ist hier noch Sommer! Tiefgrün und lichtgrün, wie man es sehen will, und alles noch in Saft und treibender Kraft. Bunte Schmetterlinge und leuchtende Libellen irren um schimmernde Waldblumen, die Grillen zirpen, die Vögel locken und rufen so laut wie im Frühling, manchmal ein Damwild, das mich fragend mit seinen großen Lichtern ansieht -- und über all der Pracht liegt warmer, milder Sonnenschein.
Durch dämmerig dunklen Wald nun höher hinauf, bis alles tief unter mir liegt: blaue See, in die der graue Tempel sich einbaut, dicht daneben die schlank graziöse Pagode, und ringsum das in Sommergrün und Herbstrot gebettete Dorf. Über der See durch Ferndunst und Höhenrauch herübergrüßende Berge. Ringsum Stille und Schweigen. Ringsum unzerstörte, unentweihte, heilige Natur -- Insel der Seligen!
Zum Dorfe hinab. In den saubern und netten Holzhäuschen wohnen Fischers- und Schnitzersleute. Brauchen nicht viel zum Leben und haben das Wenige. Zufriedene und vergnügte Gesichter allüberall. Kein Bettler, kein Armer zu sehen -- Insel der Seligen! ...
Nun in die Tempel. Der eine, auf kiefernbestandener, weitblickender Höhe, der andere zu seinen Füßen in der See. Zu dem Gotteshaus, das unten im Meere steht, müssen die es umsäumenden Föhren von hoher Schutzmauer herab alle sich ehrfürchtig niederneigen. Manche bäumt sich zwar, nachdem sie tief sich schon gesenkt, mit ihrem mächtigen Stamme widerspenstig, hoch und trotzig wieder empor. Aber der Gott, der zwingt sie nieder. Demütig küssen sie schließlich alle mit den Spitzen der Wipfel die geweihte Erde tief unter ihren Füßen und Wurzeln, bezwungene Walddrachen, die den heiligen Göttern huldigen.
Nicht nur die Bäume, nicht nur das Meer, das dem Tempel hier ewig sein hohes Lied rauscht, auch die Tiere grüßen die Götter. Ein schwarzes Tempelroß ist da und Störche und Tauben, Hunderte und Hunderte von Tauben, zahmer und zutraulicher als die auf dem Markusplatz. Auf stillem Tempelgrund äsen friedlich die Hirsche. An heiliger Stätte Gottesfriede zwischen Mensch und Tier. Beide sind Freunde hier, beide sind eins in der Gottheit! ... Insel der Seligen! --
Am Nachmittag hinaus ans Meer, hinaus ins Meer auf schmaler, sandiger Landzunge, vorbei an dem mächtigen Tempelbogen, dem wogenumrauschten Wahrzeichen Miyajimas. Auf einem alten, wegüber liegenden Baumstamm läßt sich da schön sitzen. Leise brandet das Meer, von einer fernen Fischerbarke trägt der Wind ein lustig Lied herüber, und auf einem dürren Ast krächzen darüber ärgerlich ein paar Raben.
Nun hinter mir ein Rascheln im Sand. Damwild, das mich begehrlich ansieht. „Nein, nein, ich habe nichts!“ Und als ob es mein Kopfschütteln verstanden hätte, beginnt es ruhig, dicht neben mir, sich mageres Gras zu suchen.
Ich sitze und sinne nach. So ganz anders wie bei uns! Soviel sonniger, farbenprächtiger und leuchtender! Und doch, es ist heute Allerseelentag für einen -- auch hier. Man ist mit Gedanken und Träumen mehr als sonst in der Heimat, man gedenkt seiner Toten, gedenkt derer, die leben.
„Oheio!“ tönt es da hinter mir, eine helle Knabenstimme. Ein Fischersbub, mit der Angel in der Hand, steht dicht hinter mir, hat ein paar schlechte Rüben in der Hand und deutet auf die Hirsche.
„Oheio“ = „guten Morgen“, so grüßen hier mit einem tiefdrolligen Knix alle Kinder, „Oheio“, weil dies Wort den Fremden meist geläufig ist; grüßen hier so, auch wenn es schon Nachmittag oder gar Nacht ist.
„Oheio“, sage auch ich und sage „Arrigato“ = „ich danke schön“. Gemeinsam füttern wir die Hirsche. Mein Fischersbub bleibt, auch nachdem wir ausgefüttert haben, bei mir, deutet da- und dorthin und erklärt mir wohl nun all die hundert Herrlichkeiten seiner schönen Insel, redet, redet immerzu, ganz wie der Bergbach neben uns, den es auch nicht stört, wenn niemand sein Murmeln und Rauschen versteht.
Aber endlich hat der Kleine sich müde gesprochen, und als die Sonne hinter den Waldhügel hinabsinkt, trollt er mit einem letzten Oheio nach einer wohlgelungenen Verbeugung in sein Dorf zurück.
Ich bin wieder allein, wie ich es nun schon Wochen und Monate gewesen. Ganz still ist’s rings geworden. Die Fischer sind längst eingefahren -- Wild und Raben sind zurück in den Wald.
Ich möchte den Tag so gerne länger halten können. Er ist so schön gewesen! ...
Schön und herrlich und strahlend wie das alte Japan, das nun todgeweihte Märchenland, dessen Lied einen so vollen und guten Klang hatte, der noch süß klingt im Sterben, das alte Japan, das eines Tages sterben wird, auch auf Miyajima, der Insel der Seligen.
Allerseelenstimmung auch hier! ... Noch eben spielte auf dem grauen Tempelbogen ein letztes, leises Sonnenlicht, nun liegt das alles schon im dunklen Schatten.
Götterdämmerung ist finster über die alten Götter hereingebrochen. Der Kinderglaube derer, die einst hier Tore und Tempel türmten, hat den Todesstoß empfangen.
Schon lächeln die Jungen der neuen Zeit, die ganz Klugen und Weisen, mitleidig nicht nur über die alten, die toten Götter, lächeln erhaben auch über ihr altes, über das ganze, alte, selige Japan! ...
Aber sie sollten nicht lächeln -- ich würde weinen, wenn ich ein Japaner wäre, sollten wenigstens trachten, einen eigenen guten Klang, eigene Note und eigene Melodie in das neue Lied des neuen Japans zu bringen. --
Im Nachtdunkel gehe ich durch stillen Bergwald zurück.
Allerseelen! ... Alle die Seelen, die von mir weggeflattert sind ins große Wesenlose, sind heute um mich und bei mir, und auf dem Eiland, in dessen Erde kein Toter ruht, kommen die Toten, die in ferner Heimaterde schlafen -- meine Toten -- mir so nahe wie sonst noch nie.
Auf nachtschwarzen, feuchten Wiesen stehen sie, von weißen Nebeln umflattert, an spukhaft geformten Föhren lehnen sie, kauern in dunklen Hohlwegen unter abgestorbenen Wurzeln und Baumstümpfen, knien vor altersgrauen Steinlaternen, treten aus einsamen Waldtempelbogen hervor, spähen und schauen, winken und warten, warten, daß ich sie sehe und grüße.
„Willkommen, ihr Toten!“ ...
Da lächeln sie leise ein leeres, freudloses Lächeln, ein lichtloses Lächeln der Nacht, neigen zum Gruße das Haupt und ziehen mit mir. --
Rascheln von welkem Herbstlaub, Brechen von morschem Gezweig. Aber das stört nicht die Toten und mich, stört nicht die Zwiesprache: Unausgesprochenes wird heute gesprochen, Ungeklärtes wird heute geklärt, Unverständliches wird verständlich, klar wie selige Sonne und leuchtendes Licht. Zwischen mir und den Toten ein einziges großes Verstehen und eine unendliche Liebe.
Dicht neben mir wandern sie hinein in die grüne Waldinsel der Seligen, wo Leben und Leiden nicht in Schmerzen beginnen, in Schmerzen nicht enden darf, wo kein Toter weilen, kein Toter begraben werden darf. -- --
9. Neue Reisepläne.
Ich gehe aus der Inlandsee nach Jokohama zurück. Herbst- und Allerseelenstimmung auch hier.
In Tokio, weit draußen in der Vorstadt, wo die Gärtner wohnen, haben diese aus den schönsten Chrysanthemen aller Farben und Größen bunte, lebende Bilder zusammengewoben, haben aus Blumen, nur aus Blumen, streitbare kriegerische Ritter und Knappen, Krieger und Streitrosse geformt und zarte Töchter Nippons aufgebaut und gestaltet, haben ganze bewegte, dramatische Szenen hervorgezaubert.
Aber trotz aller schimmernden Chrysanthemen und noch blühenden Rosen, trotz aller in lachende Farbenpracht gehüllter Kamelienbäume kann es schon bitter kalt sein und, wenn man nur für Sommer und Tropen ausgerüstet ist, friert und klappert man wie noch nie im Leben. Kein Ofen im Hotel Manka. Mißvergnügte Gesichter manchmal nun auch hier. Allen, den Menschen, dem Lande fehlt die wärmende Sonne. --
Fort denn aus Japan!
Ich hatte dort das alte Japan gesucht und gefunden. Das neue, das ich nun deutlicher sah und erkannte, hat doch so manche und nicht immer leichte Schatten im Bilde.
Es ist gewiß etwas Großes, etwas noch nie Dagewesenes, wenn ein Volk es fertig bringt, in wenig Jahrzehnten und ohne jede Revolution ein nach außen hin vollständig abgeschlossenes, mittelalterliches Feudalwesen in einen von allen Mächten anerkannten modernen Staat zu verwandeln. Daß die Japaner sich dieser Tat rühmen, daß sie stolz sind auf ihre Rasse und Kraft, ist selbstverständlich und sehr begreiflich. Aber dieser gute Stolz artete bereits vor so manchem Jahr in Überhebung, in Aufgeblasenheit aus. Der Japaner vergißt, daß er bis jetzt nur ein freilich ausnehmend geschickter Nachahmer westeuropäischer Werte und Dinge gewesen ist, daß er aber in dieser Hinsicht Selbständiges und Eigenes noch nicht geschaffen hat. Kluge und berechtigte Vorsicht wandelt sich häufig zu Mißtrauen und Spionenriecherei, gar zu gern wird auch mit List und Lüge gearbeitet. Den eidlichen Versicherungen eines japanischen Diplomaten wird man nicht leicht Glauben schenken dürfen, der japanische Kaufmann genießt bei seinen europäischen Kollegen keinen sehr guten Ruf. So kommt es, daß, während alle Touristen und Reisenden meist nur eine Stimme des Entzückens haben, all die Europäer, die in Japan lange zu leben gezwungen sind, sehr oft keineswegs begeistert von ihrem Aufenthalte und ihrer Umgebung sind.
Im Märchenland Nippon hat, gewiß nicht immer zum Vorteil des Landes, das nüchterne Europa seinen Einzug gehalten, hat da und dort bereits festen Fuß gefaßt. Schon erheben sich in der und jener Stadt rote Ziegelbauten und rußige Fabrikschlote, schon gibt es auch in Japan aus der rasch emporschießenden Industrie emporgewachsene, schwer zu lösende, soziale Fragen.
In den Hafenorten und Verkehrsmittelpunkten beginnen die Männer sich nach englischem Schnitt zu kleiden. Gottlob haben wenigstens die Frauen die ihnen herzlich schlecht zu Gesicht stehenden französischen Toiletten noch nicht angenommen, nur für die hoffähigen Damen ist europäisches Kleid vorgeschrieben. Ich wünsche der Japanerin auch nie, daß sie von ihrer jetzigen, hübschen und malerischen Tracht abgehen möge. Aber das kann man ihr von ganzem Herzen wünschen, daß ihre noch recht gedrückte und unfreie Stellung sich recht bald verbessern und heben möge. Sie würde es bei all ihren guten Eigenschaften wirklich verdienen! Hier könnte man den Japanern Nachahmung europäischer Sitte gewiß nur empfehlen.
Aber trotz dieses und jenes Schattens, den ich an Japan besonders gegen Ende meines Aufenthalts da und dort zu entdecken geglaubt, scheinen mir die Japaner als Volksgemeinschaft doch einer eingehenden Betrachtung und Beachtung wert zu sein. Abgesehen von ihren Künstlereigenschaften, ihrer Reinlichkeit, ihrer Naturliebe fällt ihr Patriotismus, ihr Rassegefühl und -bewußtsein auf. Auch die Ahnenverehrung des Japaners ist hier zu nennen. Unterstützt durch diesen Shintoismus, diesen Ahnen- und Naturkult, der neben einer Anzahl von Naturkräften die Kaiser und die hervorragenden Männer des Landes verehrt, baut sich auf ihr Familiensinn und Familientradition auf.
Was uns Deutsche anlangt, so liebte uns der Japaner längst vor dem Kriege schon nicht allzusehr. Der Friede von Shimonoseki nach dem Kriege mit China, bei dem wir Japan unnütz in die Arme fielen und es um die Früchte seiner Siege brachten, mag der Hauptgrund hierfür gewesen sein. Auch das von unsern Gegnern in Japan vielverbreitete Bild „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“ hat Schaden gestiftet. Ebenso die bei uns so häufig gebrauchte Bezeichnung als „gelbe Affen“. Durch solche Dinge wird weit mehr Unheil angerichtet als gemeiniglich geglaubt wird. Auch der Erwerb der Marianen und Karolinen, einer Inselwelt, die Japan vor der Türe lag, hat die Stimmung für uns nicht gerade verbessert. Noch mehr war dem Japaner lästig, daß wir uns in Kiautschou häuslich eingerichtet hatten. --
Zuneigung für uns Deutsche fand ich damals nur bei Leuten, die uns näher kannten, japanischen Offizieren, die längere Zeit bei uns gelebt und gelernt, bei Ärzten, bei Professoren, die ihre Studien in Deutschland gemacht hatten. -- Im übrigen war es England bereits gelungen, seinen Bundesgenossen in das deutschfeindliche Lager hinüberzubringen. --
* * * * *
So will ich denn fort aus Japan, will wieder hinaus auf die rauschende See.
Schon im Laufe des Sommers hatte ich neue Pläne geschmiedet und war in Tokio zu einer japanischen Segelschiffahrts-Gesellschaft gegangen, der Hiki South Trading Company, die ab und zu einen kleinen Segelschoner nach den Marianen laufen läßt. Dampferverkehr ist von Japan aus nach dieser Inselgruppe überhaupt keiner vorhanden. Die Schiffsgesellschaft erklärte sich auch bereit, mich mitzunehmen, aber so oft ich vorsprach und fragte, die Abreise des Seglers wurde von Woche zu Woche hinausgeschoben.
Da kommt mir plötzlich der Zufall, endlich einmal wieder ein günstiger, zu Hilfe. Ich höre von einem deutschen Kaufmann, der einen japanischen Segler gechartert haben und nach den Marianen fahren soll.
Es ist wirklich so! ... Schon habe ich den Kaufmann aufgestöbert, schon sind wir auch einig.
Erstaunt und erfreut begrüßt er mich als den allerersten Globetrotter, der seit undenklicher Zeit, jedenfalls aber seit den zehn Jahren, die er auf den Marianen lebt, den Boden Saipans betreten wird.
Freilich, auf seinem Schiffe wird ebenfalls japanisch gekocht werden. Dafür wird es aber sehr billig sein. Der Fahrpreis beträgt, die Verpflegung eingerechnet, 25 Yen = 50 Mark. Sein Schiff ist auch nicht größer als mein zuerst in Aussicht genommenes, es faßt ungefähr 180 Tonnen, und ist wohl auch nicht besser. Keine Versicherungsgesellschaft nimmt diese kleinen japanischen Schoner auf. Acht Matrosen, Steuermann und Kapitän, sämtlich Japaner, er und ich, mit der heiligen Glückszahl „12“ werden wir auslaufen.
Aber mein Mundwerk braucht nicht vollständig einzurosten, und vor Saipan, der Hauptinsel der Marianen, werden wir noch an einigen andern ganz weltvergessenen Inseln anlegen.
Am nächsten Tag besuchen wir unser Boot. Schlank, mit drei hohen Masten, liegt die Tora Maru, das „Tigerschiff“, ruhig auf der stillen Flut des Hafens.
Ich besehe mir meine Kammer, die ich mir erst mit ein paar Decken zur „Schlafkabine“ werde einrichten müssen. Aufrecht kann man darin nicht stehen, wird nicht ausgestreckt darin liegen können. Aber was tut das für die paar Nachtstunden? ... Am Tage werde ich in die Sonne sehen! ...
Schon am 15. November -- nein, das ist ein Freitag -- am 16. November 1 Uhr morgens, infolge dieses Schifferaberglaubens, stechen wir in See. Ich habe gerade noch Zeit, ein paar Weihnachts- und Neujahrsbriefe zu schreiben und muß leider auch auf die Ehre und Freude verzichten, den Kaiser, den Sohn des Himmels, bei dem demnächstigen Staats- und Hofchrysanthemenfest von Antlitz zu Antlitz schauen zu dürfen! ...
Aber allzu stark lockt mich wieder das Meer, locken die blauen Fernen. Auf zu fröhlicher Fahrt! -- --
10. Unter dem Sonnenbanner.
Lustig wehte die japanische Flagge, das Banner der feuerrot aufgehenden Sonne, von unserm Heck, als die „Tora Maru“, das schlanke, dreimastige Tigerschiff, an einem kühlen Novembermorgen langsam aus dem Hafen Jokohamas hinausglitt.
Doch der Wind war leider nur gerade stark genug, um den leichten Flaggenwimpel seelenvergnügt hin und her flattern zu lassen, viel zu schwach aber, um unsere drei großen und sieben kleinen Segel zu füllen. In einem erbärmlich traurigen Schneckentempo -- oft schien das Schiff überhaupt stille zu stehen -- schoben wir uns fast unmerklich vorwärts. Dazu ein grauer, trüber Herbsttag, so daß ich nicht einmal die Umrisse der hübschen grünen Bucht von Tokio zu erkennen vermochte, nichts als Nebel, Rauch und Dunst ringsumher.
Es war schon dunkle Nacht, als wir das freie Meer erreichten. Hier aber setzte endlich ein schärferer Nordost ein, und mit fröhlich und behäbig geblähten Segeln tanzte nun die Tora Maru vergnügt dem Süden zu.
Je tiefer wir in die See eindrangen, desto stärker wurde die Dünung, desto dichter der unaufhaltsam niederströmende Regen, desto finsterer die Nacht.
Bald konnte ich mich auf dem Deck vor lauter vom Himmel und von der See kommender Nässe nicht mehr halten, und da es zudem empfindlich kalt wurde, war es das beste, sich in die enge und niedere Koje zu verkriechen.
Geschlafen freilich habe ich in dieser ersten auf einem „Segler“ verbrachten Nacht nicht allzuviel. Beständig klatschten die übergehenden Wellen an die wohlverriegelte Fensterluke meiner auf Deck stehenden Koje; um mich, dicht neben mir und über mir wurde beständig von unsern Matrosen gearbeitet; Schoten wurden angeholt und losgelassen, Segel umgestellt, gerafft und eingeholt; Befehlsrufe ertönten; der laute, anfeuernde Wechselgesang der im Tauwerk und in den Masten hastig arbeitenden Matrosen wollte die ganze Nacht nicht verstummen, und zu alledem rauschten Wind und Wellen ständig ihr lautes, unruhvolles Lied.
Allmählich begann auch das Schiff immer stärker und stärker zu arbeiten. Es stampfte und rollte zu gleicher Zeit, und mit dumpf donnerndem Gruße klopften die Wogen dröhnend an seinen Rumpf. Links hin und rechts hin wurde ich auf meinem Lager gewälzt, bis ich endlich Kopf und Füße leidlich verstaut und gelernt hatte, mit den haltenden und sich anklammernden Händen das Gleichgewicht des Körpers richtig zu regeln.
Freilich, was ich alles Zerbrechliches an irdischen Gütern in meine Koje mitgebracht hatte, das rollte sehr bald, in hundert Scherben zerschlagen, auf dem Boden umher, und verschiedene Flüssigkeiten überzogen das ganze fahrende Hab und Gut mit bunter, phantastischer Farbenpracht. Aber was kümmert das einen in solchen Augenblicken des Reiselebens? ... Wenn man nur selbst heil und mit gesunden Gliedern auf seiner Schlafstätte sich zu behaupten weiß und den Kopf nicht allzu heftig an die Holzwände angedonnert bekommt. Mag sonst zerbrechen, mag spritzen, fließen und ausrinnen, was da nur will.
Bei Morgengrauen auf Deck! An Schlaf ist ja doch nicht zu denken. Das ist freilich, wie so manches im Leben und auf der Reise, auch einmal wieder leichter gedacht und gesagt als getan.
Kaum ist es mir mühsam und mit Aufbietung aller schon halb vergessenen und eingerosteten turnerischen Künste gelungen, mich aus der engen Koje herauszuwinden, so fliege ich im flottesten Riesenschwung aus der Kammer heraus, durch das an die Kammer anschließende Eßzimmerchen hindurch, um mit großem Radau, Lärm und Gepolter an der andern Wand zu landen, postwendend und glatt segele ich alsdann mit noch größerer Durchschnittsgeschwindigkeit und lauterem Anprall wieder in mein Kämmerlein zurück.
Nicht nur selbst und höchstpersönlich torkele und taumele ich so vollständig direktionslos im Raum herum, auch die gesamte andere Welt der Erscheinungen dreht und kreist beständig im tollsten Wirbeltanz umher. Vorsichtiger nun! Mich anklammernd, wo ich nur irgendeinen Halt finden kann, mich weiter ziehend und weiter schleppend, komme ich endlich doch, halb gehend und halb kriechend, glücklich auf Deck, um dort sofort wieder die triefende Reling in stürmische und innigste Umschlingung zu nehmen. Im nächsten Augenblick habe ich dies freilich schon wiederum bitterlich bereut, eine übergehende Welle hat mir ein kostenloses Morgenvollbad beschert. Ich schüttele mich, spucke das Salzwasser wieder aus und meine „Pfui Teufel!“ ...
Auch sonst sehe ich nicht allzu Erfreuliches! Sturm! ... Scharfer Nordoststurm! ... Wind und Wellen, Wasser und Regen, Nässe; Nässe von unten, Nässe von oben, Nässe von seitwärts; Nässe, wohin ich mich flüchte! Das ganze Deck ist eine einzige große, bald tiefere, bald seichtere Wasserlache, die ihren durch die Ablauflöcher weggehenden Feuchtigkeitsbestand sofort aus den neu einschlagenden Wellen ergänzt.
Einen recht netten, lieben Abschiedsgruß, den uns da das übellaunige Japan nachgeschickt hat! ...
Arme Tora Maru! Wie siehst du aus! ...
Wahrhaftig wie ein springender Tiger! Aber wie ein ganz arg und stark bezechter. Als ob das gute Tigerschiff sich zu seinen 180 Tonnen einen allerschwersten Sake-Abschiedstrunk von weiteren 180 Tonnen geleistet hätte. Ostwärts und westwärts schwankt der Bug, steigt hoch hinauf in die Lüfte und zeichnet dort die absonderlichsten und possierlichsten Linien, beschreibt die wunderlichsten Kurven, malt die abenteuerlichsten Ornamente, bis er endlich nach langer, zielloser Höhenrundreise und -irrfahrt sich wieder dazu bequemt, in der ihm vom Steuer vorgeschriebenen südlichen Richtung schwer, widerwillig und widerspenstig in die zischende Flut niederzuplatschen und einzustampfen.
Schiefes Schiff und schiefe Masten! Schiefer Wasserspiegel und schiefer Horizont! Schiefe, grundschiefe Ebenen und Flächen nach allen Seiten, ob man hinauf oder hinab, nah oder weit sieht! ... Hexenkessel! ... Hexenschaukel! ... Abscheulicher, schwindelig machender Hexentanz! ...
Und das Schiff! Wie das keucht! Wie das stöhnt! Wie es schon müde, todmüde zu sein scheint von dem wilden, tollen Reigen, wie es Ruhe haben möchte und doch immer wieder von neuer Woge zu neuem Tanze geholt und geladen wird. Und der sausende Sturm spielt im Takelwerk dazu sein Liedlein auf. Alle wärmenden Hüllen haben sie der Tänzerin weggenommen. Nackt tanzt sie im kalten Winde einher! Alle Segel sind eingeholt und festgemacht, alle neun, Groß- und Besansegel, Vorstagsegel und die drei Jib- und die drei Topsegel, nur das zehnte, das Vorsegel, bläht sich noch ächzend und stöhnend im Winde.
Rasch zurück zum Steuer! Dort ist noch der trockenste und behaglichste Platz.
Hier sehe ich erst so ganz richtig, wie sich das alles windet und wiegt, wie das stöhnt und stampft, ächzt, schnaubt und kreischt, wie gewaltig der Bug in die Höhe emporbäumt.
Nun sind wir ganz oben auf einem breiten Wogenkamme, nun zu allertiefst im Tale. Hoch über uns die schäumenden, tosenden Wasser. Da rollt es heran, schwarz und finster und brausend, da schwillt es an und bläht sich auf, türmt sich empor mit schaumgekrönten, weißen Spitzen und Brechern, wird zum Hügel, wird zur steilen Klippe, die aus der Höhe herunterdonnert, im nächsten Augenblick müssen Reling und Kojen, Segel und Masten, Steuer und Kompaß von der mächtigen See zertrümmert und weggefegt sein. Aber nur ein dicker, schwerer Wogenschwall der anstürmenden Hochflut ist dumpf krachend auf das Deck herniedergeprasselt, und auf den breiten, gewaltigen Rücken der bedrohenden Woge selbst hat sich mit raschem, katzenartigem Sprung Tora Maru, das schlanke, behende Tigerschiff, gesetzt, drückt und preßt sie, selbst hoch aufsteigend, unter sich und seinen Leib, zerfleischt und zerfetzt sie, daß der weiße Schaum und Gischt, rinnendes Lebensblut der Welle, nach allen Seiten zischend verspritzt. So ergeht es Welle nach Welle, stundenlanger, tagelanger Kampf! ...
Der Steuermann -- erst neunzehn oder zwanzig Jahre ist er alt --, ein schmal und lang gewachsener Japaner, ist wachsgelb wie ein Toter. Und neben ihm der ganz kleine, untersetzte Kapitän kann kaum mehr aus seinen winzigen Schlitzäuglein heraussehen und hat tiefe, schwarze Ringe um die Augen.
„~Atama itai!~“ meint er, mit einem schmerzlichen Lächeln auf seine Stirn weisend. „Kopfweh!“