Part 3
Erleichtert atmete ich auf, als ich glücklich mitten auf der Straße im strömenden Regen stehe -- mit vielen Leidensgenossen, die sich alle in sehr unmöglichen oder gar keinen Kostümen gerettet haben, just geradeso, wie sie in der schwülen Septembernacht der plötzliche Seegang von Mutter Erde überrascht hat.
Wir sind alle noch etwas verschlafen, noch etwas beklommen und warten der schlimmen Dinge, die nun weiter noch kommen werden. Aber es kommt nichts mehr. Den Göttern der Tiefe hat es gefallen, nur zu pochen und zu mahnen, mit dem zweiten kräftigen Stoß ist alles zu Ende.
Man steht plaudernd beisammen, bis es ganz Tag geworden ist, dann geht man zurück, hebt seine zerbrochenen Habseligkeiten auf und ist etwas verstimmt über die unnötigen Artistenriesensprünge, die man gemacht hat.
Daß ich mit meiner Eile nicht allzusehr unrecht gehabt hatte, wurde mir acht Tage später dadurch bewiesen, daß in friedlichster Sonntagsmorgenfrühe plötzlich und unvermittelt, wohl als Nachfolge des Erdbebens, meine Zimmerdecke, allerlei schweres Gebälk, dazu noch drei Zentner Tomatensaucenflaschen, die über der Decke gelagert gewesen, herabstürzten und eine grausame Verwüstung unter meinem Eigentum anrichteten. Was nicht zerschlagen war, wurde in Tomatensauce getränkt.
„~Allright!~“ sagte ich trotz des wenig freundlichen Anblickes und war, da ich erst zwei Minuten vorher durch einen Zufall das Zimmer verlassen hatte, froh, so leichten Kaufes davongekommen zu sein!
6. Die Stromschnellen des Tenryugawa.
In Nagoya habe ich mir mit drei Bekannten, drei deutschen Offizieren, ein Stelldichein gegeben. Wir haben schon gemeinsam von Kioto aus die recht hübsche Fahrt über die Stromschnellen des Hozugawa gemacht und wollen nun von Nagoya aus die Reise in die Berge hinein an den Tenryugawa, einen mächtigen Bergstrom Zentraljapans, antreten, um auf seinem Rücken uns wieder in die Ebene herabtragen zu lassen.
Da dieser Ausflug ziemlich selten unternommen wird, von manchem Kenner des Landes aber überhaupt für das Schönste erklärt wird, was in Japan zu sehen, möchte ich ihn etwas ausführlicher schildern.
Von Nagoya aus geht es in die Berge, durch breite Täler und enge Schluchten, über Wasserscheiden und Höhenpässe. Erstaunt und erfreut durchwandern wir eine ganz wundersame und fast unbekannte Bergwelt. Oft ist das alles wie ein sonniges Südtiroler Tal: Maisfelder, Maulbeerpflanzungen, Kakibäume, deren große, runde Früchte golden wie Orangen aus dem üppigen Tiefgrün herauslachen. Zwischen all dem reichen Segen ab und zu auf hohem Steinunterbau ein niederes Häuschen, dessen weit hervorspringendes, breitschräges Dach ganz so wie ein österreichisches oder bayerisches Gebirgshaus mit Schindeln und Steinbelag gedeckt ist.
Doch je höher wir steigen, desto nordischer wird es ringsum. Herbstroter Ahorn und schwarze Föhren verdrängen alles Fruchtland, bis schließlich jeder Baumbestand allmählich aufgehört hat.
Wolkenbruchartiger Landregen macht einmal für vierundzwanzig Stunden jedes Weitermarschieren unmöglich, aber nach vier Tagen haben wir dennoch unter allerlei kleinen Abenteuern unser ersehntes Wanderziel, das Gebirgsdörfchen Tokimata, den Abfahrtsort für die Tenryugawatalreise, glücklich erreicht.
Wir sind etwas in Sorge. Der Tenryugawa kann nur in wenigen Herbstmonaten des Jahres befahren werden, selbst in dieser Zeit aber kommen lange und häufige Unterbrechungen durch Hochwasser vor.
Und der Fluß hat starkes Hochwasser. In scharfem Talfall wälzt er schäumend und brausend seine schmutziggrauen Fluten dahin. Aber der Schiffahrtspächter will uns dennoch hinabbringen lassen, doch nicht ohne den Versuch gemacht zu haben, den Preis möglichst in die Höhe zu treiben, was begreiflich erscheint, wenn man bedenkt, daß seine Leute an vierzehn Tage zu tun haben werden, bis sie das Boot wieder nach Tokimata zurückgeschleppt haben. Endlich sind wir aber doch handelseinig, und die Abfahrtsstunde wird auf 6 Uhr morgens angesetzt.
Rasch treibt das breitgebaute, von vier stämmigen Schiffern mit mächtigen Rudern gesteuerte Boot talabwärts. Flaches Gestade, ab und zu schon ein Strudel und ein paar hüpfende, neugierig über die Bootswand hereinguckende Wellen. Aber ruhig und sicher liegt das Boot noch auf dem scharfzügig abwärts eilenden, breiten Strom. Prächtige Waldberge in der Ferne, dunkles Laubgrün und gut bestellte Felder am Ufersaum.
Doch plötzlich hohe, einengende Wände. Zischend und schäumend donnert die Flut gegen den Fels. Und schon ist auch das Boot mitten im tollsten Hexenkessel. Von allen, allen Seiten hat das Wasser, der Strudel das Fahrzeug gefaßt und zerrt und reißt es umher; über die meterhohe Bootswand kommen die ersten Wellen herein.
Nun ein Stoß, ein ganz gewaltiger Stoß! Wir sind von den Sitzen geflogen, so mächtig ist der Ruck gewesen. Gischt und Wasserdampf sprüht empor, schon liegt das Boot auf der Seite. Klirrend und krachend, mit einem Höllenlärm kollert verschiedenes Zerbrechliche umher.
Doch der äußersten Kraftanstrengung unserer braven Fährleute glückt es noch im letzten Augenblicke, das Boot vor dem Kentern zu bewahren. Und „Kentern“ wäre hier gleichbedeutend mit Schluß und Ende. Nicht der beste Weltmeisterschaftsschwimmer könnte sich aus dieser kochenden Urkraft wildester Tiefstrudel je wieder herausarbeiten.
Schon an der nächsten Biegung, wo ein flach zulaufender Geröllstrand sich zeigt, machen die Schiffer halt und nehmen weiteren Ballast, mächtige Flußsteine, ein. Das Boot ist noch zu leicht, das Hochwasser größer und stärker, als man oben in Tokimata angenommen hatte.
Wieder hinein in den reißenden, undurchsichtigen Fluß. Nun sollen die eigentlichen Stromschnellen ja erst beginnen. Wieder dieselbe atembenehmende Sturmjagd! Zu Tale! ... Zu Tale! ...
Weit, weit da drunten blitzt es silberweiß im grauschwarzen Flußbette auf, weit, weit da drunten und jetzt noch tief, tief unter uns.
Doch unser windschnell dahinbrausendes Boot muß schon im nächsten Augenblicke die weiße Gischt- und Schaumstelle erreicht haben. Die erste Stromschnelle! ... Erwartungsvoll spähen aller Augen hinab! ... Hoch richtet sich der auf der Spitze des Bootes stehende Fährmann empor. Schlank, gerade und unbeweglich steht er da, fest und sicher, auf der schmalen, scharfkantigen Planke. Langsam und feierlich -- ein Betender -- hebt er das schwere Ruder und pocht dreimal damit an den Bug des Bootes, laut, langsam und feierlich. Dumpf hallt es wider.
Kaum hat er den dritten und letzten schallenden Schlag getan, kaum das huldigende und beschwörende Gebet an den Gott des Flusses zu Ende gesprochen, da gibt auch der mächtige Gott aus der Tiefe schon Antwort: dumpf, aber viel, viel schwerer und wuchtiger als der Schlag des Ruders an die Bootswand, donnert und dröhnt, brüllt und braust er seinen lauten Gruß in die Höhe. Gischt und Schaum, Wellen und Wogen speit und schleudert er in weitem Bogen empor, rast in sinnloser, alles zermalmender Wut da unten im tiefen, dunklen Grunde.
Wie ein Federball tanzt das Boot dahin und dorthin, vom gewaltigen Atem seiner Riesenbrust hin- und hergeweht, hoch hinaufgehoben, um krachend wieder auf die zischende Flut zurückzuprallen. Und nun schießt es, ein von starker Sehne abgeschnellter Pfeil, mit plötzlichem Entschluß auf die nahe, steile Felswand zu. Wenn es mit der Spitze den Stein berührt, zerstäubt es in tausend Trümmer.
Jetzt aber beginnt ein Kämpfen und Ringen unserer vier Schiffsleute mit den ungestümen, ungeheuren Machtgewalten des Stromes. Die Ruder ächzen und stöhnen, die zusammengepreßte Bootswand seufzt und wimmert, der Boden zittert.
Aber der Strom, der gewaltige Gott der Tiefe, bleibt Herr und Meister, zürnend schleudert er uns an den Fels, nahe schon ist die verderbliche Klippe.
Man sieht die Gefahr, man weiß die Gefahr und doch, man fühlt, empfindet sie nicht als solche. Man starrt nur still und andächtig auf dies gewaltige Ringen zwischen schwacher Menschenkraft und ungebändigten Naturgewalten. Und die, die siegen, die müssen ja einmal und endlich über uns Menschen siegen.
Doch unsere Leute denken nicht so. Mit beiden Füßen stehen sie jetzt alle auf der schmalen Bootswand, holen weiter aus, setzen tiefer und wuchtiger ein. Jede Sehne, jeder Nerv ist fieberhaft gespannt. Wie leichte Weidengerten biegen sich die vier schweren Ruder, winden und krümmen sich. Wenn eines der vier jetzt bräche, wäre alle Mühe vergebens. Freilich, der Tod in einem solchen Augenblick, in einer solch königlichen Machtoffenbarung der Natur wäre wahrhaftig das Sterben wert und frei von allem Schaudern und Grauen.
Aber heller und lichter ist dennoch das Leben! ... Leben! Leben! ... Wir hängen ja doch daran, oft ohne es zu wissen, und wenn es nicht viel mehr als die sichere Gewohnheit von Atmen und Bewußtsein wäre.
Ins lachende Leben hinein gleitet wieder das Boot. Kaum einen Fuß vor der todbringenden Wand hat sich schwerfällig langsam der Bug gedreht.
Die erste Stromschnelle ist genommen, ungezählte andere folgen. Um 6 Uhr morgens sind wir aufgebrochen, erst in den Nachmittagsstunden kommen wir in ruhigeres Fahrwasser.
Was sehe ich nicht alles während dieser langen Fahrt!
Immer wieder muß ich die Riesenkräfte des Flusses anstaunen! Mit grober Faust hat sich der wilde, ungebärdige Berggeselle irgendwo ein paar mächtige Baumhünen zur Kurzweil gepflückt und spielt mit ihnen lustig Ball, als ob es leichte Wiesenblumen wären. Schwere Holzflöße, von starksehnigen Gebirglern mit schweren Ruderstangen zu Tale geleitet, sind in seinen Bärenarmen nur gebrechliche, leicht geknickte Strohhalme.
Herrlich aber sind die Ufer, in die der Wildfang sein Bett tief eingewühlt hat. Ein ewiger, reizvoller Wechsel: bald hochstämmiger Nadelwald, bald lichtgrüner Bambushain, bald kahler Fels; in schwindelnder Höhe kleine Bergdörfer, wie Schwalbennester an steil abfallende Wände angeklebt. Jubelrufe von Kindern klingen hell aus dem Hochwald zu uns hernieder. So unendlich vieles erblicke ich, daß ich schon nach den ersten Stunden der Fahrt fast sehensmüde bin und kaum mehr einen geringen Teil der blitzartig vorbeiziehenden tausend Bilder in mich aufzunehmen vermag.
Etwas steif und gerädert, mit eingenommenem Kopfe -- wir haben alle das Gefühl, eine schwere, stürmische Seefahrt hinter uns zu haben -- entsteigen wir am Abend dem Boote.
Müde lehne ich mich in die Riksha zurück, die mich zu der nächsten, etwa zwanzig Kilometer entfernten Bahnstation bringen soll.
Nach dem tollen Dahinjagen über Strudel und Stromschnellen glaube ich, jetzt auf den weichsten und besten Gummirädern der Welt zu fahren, so sanft und ruhig gleitet der von einem kräftigen Kuli gezogene Wagen rasch auf schmalem Feldwege dahin.
Abendstille über der weiten, friedlichen Herbstlandschaft. Ein Schimmer von edelstem Goldbrokat über dem grünen Land, das langsam sich in tiefere, feuchtfahle und dunkelsatte Farbentöne einhüllt.
Leise und lautlos trabt der Rikshamann weiter, sanft schwankt und schaukelt der Wagen.
Das große Schweigen ringsum dünkt mich zu tief fast. Ich habe im Ohr noch den tosenden Donner der Wildwasser.
An meinen geschlossenen Augen zieht alles Geschaute noch einmal vorbei: es ist Japans Zartestes und Lieblichstes, Packendstes und Gewaltigstes -- Japans Bestes und Seltenstes gewesen!
7. Tempelfeste.
Viel Schönes und Reizendes, Sonniges und Farbenfrohes zog während meines Aufenthaltes in Japan noch an mir vorbei. Als eines der besten Dinge aber, die man in Nippon überhaupt sehen kann, wollen mir noch heute in der Erinnerung die Tempelfeste erscheinen, wie sie die kleinen Leute des Landes feiern. So möchte ich versuchen, im folgenden solch ein Fest, deren ich manche mitgemacht, mit einigen Worten zu schildern:
Ein Tempel im Grünen; ein brauner, strohgedeckter und verwitterter Holztempel, bald auf freier Höhe stehend und weit über Stadt und Land, Ebene und See hinwegblickend, bald in stilles, entlegenes Waldtal versteckt oder mitten in den reichen Segen rauschender Reisfelder eingebettet. Eine Föhre oder Kiefer, ein Ahorn oder anderer Baum, der den Tempel beschattet.
Tempel im Grünen, vom Winde umflüstert, von der Zikade umsungen, von Bambushainen umrauscht.
Ein altes, gebeugtes und gebrechliches Mütterlein, das mühsam zum Beten herangehumpelt kommt; ein Pilgerpaar, Mann und Frau, die müde an geweihter Stätte andachtsstille, schweigende Rast halten; ab und zu vielleicht noch einmal ein anderer, der etwas Schweres auf seinem Herzen lasten und seinem Gott zu sagen hat. Sonst nichts.
~Treuga Dei~, Gottesfrieden, gebietet feierlich der altmorsche Holztempeltorbogen. Lärm und Unrast der Welt finden keinen Einlaß in die heilige Klause des Gottes. Kirchenstill ist es rings, jahrein, jahraus. In tiefem Schweigen träumt das schmale Schutzland der Gottheit dahin und kein Fuß, kein lautes Wort stören den Frieden.
Aber einmal im Jahr will es unter dem breitästigen Föhrengezweig lebendig werden, brausender Jubel umwogt die heilige Stätte, einmal im Jahr, wenn sie das Fest des Tempels feiern.
Schon kommt ein feierlicher Zug aus dem Dorfe, aus der Vorstadt herangezogen.
Schwer geschmückt schwankt ein hochgetürmter Wagen daher. Bekränzte Götterbilder stehen darauf, ein halbes Hundert weißgekleideter Knaben leistet freudigen Vorspanndienst.
Andere Jungen haben kunstvoll gefügte und geschnitzte Abbilder des Tempels auf ihre Schultern genommen. Vorwärts stürmen sie, rückwärts weichen sie, schwanken zur Seite, drehen in lachender, jauchzender Festesfreude sich wie toll im Kreise umher, wollen durch ihre Rufe, ihre Gebärden und Bewegungen uns glauben machen, daß das auf ihren Schultern ruhende, leichte Holztempelbild eine zentnerschwere, drückende Steinlast sei, kaum zu tragen und durch ihr Gewicht wuchtig vorwärts, rückwärts und nach allen Seiten treibend.
Hinter dem Wagen, hinter den Tempelbildern kommen Scharen von freudig erregten und erwartungsvoll gespannten Menschen im Feiertagskleide gepilgert: Männer, Frauen und Kinder, Hunderte, Tausende von Kindern.
Vor dem Tempel staut sich die Menge.
Ernste, weißgekleidete Priester steigen langsam feierlichen Schrittes, Würde und Andacht vereinend, die Stufen empor, treten ehrfurchtsvoll in das geheimnisumwobene Halbdunkel des Tempels ein, knien schweigend nieder, flüstern und raunen seltsame, kaum mehr zu deutende Worte uralten Väterglaubens, neigen sich tief zur Erde, pressen Stirne und Haupt auf den geweihten Boden. Stille, andachtsvolle Gebetsstille herrscht im heiligen Hause des Gottes.
Aber draußen, dicht, dicht daneben, rings um den Tempel herum, seine Stufen hinan, bis zu seiner Schwelle empor brandet ein breites Brausen jauchzender Lust, schäumt ein rauschendes Meer wogender Freude. Ein Jubel, ein einziger toller Lebenstaumel hat das ganze, ganze Volk in seinem Innersten mächtig gepackt und mit sich fortgerissen.
Hat das die weiche, mild schmeichelnde, die göttliche Luft Japans getan, die wie süßer Wein berauschend den ganzen Menschen durchdringt? Hat sie heute alle frohen und hellen Saiten des Menschenherzens noch froher und heller, noch höher gestimmt?
Oder ist’s die Sonne, die glänzender strahlt als sonst? ... Der tiefblaue Himmel, der ein wolkenlos leuchtendes Festgezelt über all den Jubel gespannt hat?
Ein goldenes Lichtfest feiert die Natur, und die Menschen, Kinder der Sonne, Kinder des Lichtes, feiern es mit! ...
Strahlende Lebenslust auf allen Gesichtern, verklärt selbst das verhärmte Antlitz der Armen. Rings ein Laufen, Tanzen und Springen, alle Glieder sind leicht und gelöst; rings ein Lachen, Singen und Jubilieren; Glockenhelle und Glanz in allen Stimmen. Von Auge zu Auge rauscht und flutet es, schwillt an zum klaren, flüssigen Strom, der die frohe Botschaft der Freude jauchzend ins weite Land hineinträgt ...
Jubel allüberall!
Doch am frohesten, am lustigsten schauen die Augen der Kinder darein.
Ein kleines, buntschillerndes Völklein, sind sie mit wichtigen Mienen eilig gekommen, im Alltagskleide, das ihnen die Mutter mit ein paar farbigen Streifen und Bändern liebreich verbrämt hat, und im phantastisch geschmückten und aufgeputzten, weißen oder bunten Festgewand; um die Stirne als Sonnenschutz ein breites Tuch gewunden oder um die Schultern den großen, mit lang wallenden roten oder gelben Gräsern gezierten Strohhut gehängt; in der kleinen, geballten Faust sehr oft einen, dem warnenden Nachtwächterstock nachgebildeten Eisenstecken, mit klirrenden und klingenden Ringen versehen.
Wohin das Auge sieht: leuchtende, glühende Farbenpracht! ... Guter Geschmack, angeborener und vererbter Künstlersinn, hier, auf dem Feste der Vorstadt oder des Bauerndorfes, wo die Armen und Kleinen des Landes die Feier ihres bescheidenen Tempels begehen. Geschmack und Künstlersinn bei Jungen und Alten, in Tracht und Kleidung, in Haltung und Bewegung.
Künstlerhände haben auch den Festplatz geziert. Wie schön und harmonisch ist das alles: der Tempel, den sie mit wenigen bunten Tüchern und ein paar Blütenzweigen geschmückt haben, der phantastische Festwagen, die Abbilder des Tempels, das mit Lampions und buntem Zierat überschüttete Kinderfesttheater, die lustig dareinschauenden Budenstände der Spielwarenverkäufer und sonstigen Händler.
Lächelnd und staunend steht man da und sucht das vielgestaltige und immer wechselnde Bild in sich aufzunehmen. Auch den Fremden hat bald eine Woge der allgemeinen Freude mit sich fortgerissen und trägt ihn mitten hinein in den lauten Festjubel der großen Menge.
Solange man auch darin herumwandert, nie wird man in der ausgelassensten Fröhlichkeit einen Mißton erlauschen, nie etwas Maßloses, Verletzendes, Störendes -- Unkünstlerisches möchte ich sagen -- hören oder sehen. Keine Roheiten! Kein Rüpel oder Betrunkener. Nicht einmal irgendwo eine Bude, die alkoholhaltige Getränke verschenkte. Man braucht das hierzulande nicht, um fröhlich zu sein. Alle Menschen und Herzen scheinen auf einen einzigen warmfrohen Grundton gemeinsamen und gegenseitigen Verstehens gestimmt!
Das wogt so den ganzen, langen, lieben Tag lachend und scherzend durcheinander. Das endet auch nicht, wenn die Sonne mit einer glutroten Farbenorgie strahlend Abschied genommen hat.
An den Föhren, die ihre geschweiften Drachenarme tiefschwarz und starr in den blaßblauen Abendhimmel hineinheben, leuchtet golden, wie ein plötzlich aufgehender Mond, eine Papierlaterne auf. Dann noch eine und noch eine. Und später andere, Hunderte; in allen erdenklichen bunten Farben schillernd. Wie gefangene Vögel und Riesenschmetterlinge rauschen, flattern und schwanken sie im leisen Abendwind hin und her.
Grünlich leuchtende Glühwürmchen schlingen um Busch und Baum einen lautlosen, zitternden Reigen. Mit ihnen tanzen um die Wette, ein nächtlicher Spuk, ein wilder, wirbelnder Feuerzauber von hundert großen, flackernden Irrlichtern, die glutroten, auf schwankenden Bambusgerten daherwirbelnden Lampions herumtollender Knaben.
Erst tief in der Nacht will all die Lust langsam verebben. Die Kühle treibt die fröhlichen Leutchen wieder nach Hause. Jubelnd und singend ziehen die letzten davon.
Kaum sind sie fort, auf dem schmalen Tempelwege ein leiser, kaum hörbar huschender Schritt.
Die da langsam gegangen kommt, trägt auf ihrem stillen, wunschlosen Antlitz den Frieden der Welt. Mild und hell wie der Stern der Nacht blickt ihr das Auge. Ihre Hand ist schmal, eine sanfte Hand, die auch an jede Wunde rühren darf, eine weiche Hand, die so manche wird heilen können.
Behutsam und leise schreitet sie in ihrem lichtgrünen, aus Mondlicht gewirkten Kleide unter dem alten, verwitterten Tempeltorbogen hindurch, schaut lächelnd in weiter Runde umher, breitet die Arme und segnet das schweigende, schlafende Land.
Auf den Tempelstufen läßt sie sich langsam nieder, eine stille, getreue Wächterin.
Die Gräser flüstern, Kiefern und Föhren rauschen, die Zikaden singen. All das Flüstern, Rauschen und Singen, die hundert Stimmen und Stimmchen in Wald und Feld klingen zusammen in einen einzigen freudigen Gruß an die Wiedergekommene, die Herrin des Tempelgrundes: an die „Einsamkeit“.
Ganz stille sitzt sie und nickt zufrieden.
Für ein langes Jahr hat wieder ihr Reich begonnen!
8. Insel der Seligen.
Von einem berühmten Tempelort im Süden des Landes muß ich des weiteren noch berichten, einer Insel. „Insel der Seligen“ habe ich sie in dankbarer Erinnerung getauft.
Heilige Erde! --
Reiner, geweihter Schutzboden! Kein Hund darf das Land betreten, kein Wild hier getötet, kein Toter begraben, kein Leben geboren werden. Weit in bergwasserklarer, blauender Meeresflut steht, heiligen Gottesfrieden gebietend, der ragende, verwitterte Holztempelbogen.
Insel des Friedens, Land der Heiligung seit grauer Urväterzeit. Hier rauscht der Wald noch so geheimnisvoll, stehen die Fichten und Föhren noch so dunkel und dicht wie zu den Tagen, da erste frohe Botschaft und fromme Sage durch fahrende Pilger hinüber zum Festland getragen wurde. Auf windumbrauster Höhe brennt seit mehr denn tausend Jahren ein heiliges, ewiges Feuer; in weiten, weihevoll dunklen Tempelhallen murmeln weißgekleidete Priester Gebete; zum Klange der Flöten, zum Spiele der Saiten wiegen junge Priesterinnen in rotem Festgewand, von weißsilbernem Mantelgewebe umflutet, sich langsam und feierlich im heiligen Tanze.
Hier klingt noch jetzt voll und rein die alte, liebe Weise von dem vergangenen, dem gewesenen, dem langsam nun sterbenden Japan, klingt so lockend und bezaubernd, daß man nicht müde wird, ihr zu lauschen.
All ihr Weg- und Wandermüden, willkommen drum in Miyajima, der weltvergessenen Insel der Seligen! ...
Weg- und wandermüde war ich, als ich nach den Herrlichkeiten Kiotos und Nikkos, Nagoyas und Naras in Kobe aufs Schiff stieg, um die vierundzwanzigstündige Fahrt durch die Inlandsee nach Miyajima anzutreten, eine Fahrt, die man nur völlig frisch und aufnahmefähig unternehmen sollte, denn sie ist einzig schön.
Bald ist dies das Meer, oft scheint das wieder nur ein großer Binnensee zu sein, dann wieder ein ganz kleiner Gebirgssee, der plötzlich und unerwartet in eine herrliche, schimmernde, weite Bucht mündet, die kurz darauf wieder sich in einen Fjord zusammenpreßt, so schmal und eng, daß kaum ein Steinwurf ist von Land zu Lande. Oft kein Ausweg zu sehen, rings ein nirgend sich öffnender Kreis der herrlichsten Bergrundpanoramen der Welt, Felsen und Klippen, Hügel und Höhen, Bergketten hinter Bergketten. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht ein ewiges, prachtvolles Wechselbild!
Tausende von Inseln und Inselchen sind in die Inlandsee eingebettet, manche groß und nicht zu übersehen, manche ganz winzig nur, ein paar hoch und spitz aufgetürmte Felsblöcke oder eine Handvoll Land, das von dem dunklen Grün der breiten japanischen Kiefer überschattet ist. Fischerkähne und kleine Segler werden von der starken Kielwelle unseres Schiffes hoch emporgeschleudert, und all das bunte, lustige Leben in den unzähligen Fischerdörfern spielt sich zum Greifen nahe vor unsern Augen ab.
Dunkle Nacht ist es schon, als ich nach einem meiner schönsten Reisetage in Miyajima lande. Noch ein viertelstündiger, bergaufwärts führender Weg, und ich bin in meinem japanischen Hotel „Momiji-ya“ = „Gasthaus zum Ahorn“ angelangt.
Am nächsten Morgen halte ich nähere Umschau: mein Erkerzimmer steht ganz auf mächtigen, bemoosten Felsblöcken. Dicht unter mir plätschert ein kristallklarer Bergbach vorbei, den sie etwas oberhalb zu einem kleinen See gestaut haben. Drei kleine niedliche Teehäuser, drei Inseln, auf ein paar Felstrümmern aufgebaut, schwimmen drin herum. Und weiter hinauf ein Gewirr von Brücken und Stegen, Springbrunnen und Inselchen.