Part 2
Aber sie schlafen und nur die in einem ganz winzigen Holzkäfig sitzende und zirpende Zikade versucht sie zu ersetzen, beteiligt sich, so laut sie nur kann, an dem lustigen Nachtkonzert.
Doch genug von all den tausend Dingen und Dingelchen. Wer das nicht selbst gesehen hat, dem ist das trotz längster, trotz der begeistertsten Schilderungen doch nie ganz klarzumachen.
Nun rasch zu den Jongleuren und Artisten. Selbst ganz schauerliche, indische Kunststücke werden mir vorgemacht.
Dann ins Theater. Die Japaner sind gute Schauspieler. Sie schließen Fernen und Weiten auf, vor denen wir, im Innersten gepackt, überrascht dastehen. Besonders der Ausdruck finsterer und leidenschaftlicher Regungen, von Schmerz und starkem Schrecken ist oft von unheimlicher Wirkung.
Jetzt die Geishas! Die kennt ja schon jeder und selbst der, dessen Länder- und Völkerkunde Note IV oder V verdient, weiß, daß es in Japan ein Fest der Kirschenblüte, weiß ferner, daß es dort „Geishas“ gibt, daß besagte Geishas tanzen und singen und im übrigen sehr nett und niedlich sind.
Nett und niedlich sind sie auch wirklich, besonders die ganz Kleinen -- die Elevinnen oder Schülerinnen -- ich weiß nicht genau, wie der kunstgerechte Ausdruck lautet --, die in ihrem mächtig großen Obi (Gürtel) und den Riesenblumen im Haar drollig und reizend zu gleicher Zeit aussehen.
Weniger nett und niedlich ist ihr Gesang und ihr Lautengeklimper. Mit den oft recht graziösen Tänzen wird man sich weit eher befreunden können. --
Wieder hinaus ins Freie.
Hell gleitet das Licht aus den im Winde leise zitternden Lampions, springt lustig auf die Straße, schlüpft in die engsten Gassen hinein. Breit bricht es aus den Basaren und großen Theatern heraus. Möchte es irgendwo, wo keine Häuser stehen, ein wenig dunkler werden, flugs sind dort auch wieder ein paar Gärtner mit ihren Blumen zur Stelle, ein Spielwarenverkäufer mit seinen Schätzen, ein Seidentuchhändler, ein Zikadenhausierer, und alle haben sie neben ihre Ware auf den Boden ein paar helle Lampen gestellt.
Nein! Das ist wahrhaftig nicht die regelmäßige, weithin übersehbare, recht brave und ordentliche, aber auch recht nüchterne und hausbackene Art der europäischen Beleuchtung! Da ein Licht und dort ein Licht; hier ein stolzer Strom, dort ein fahler Funke, fern da drüben, in weiter Nacht ersterbend, ein ängstlich flackerndes Irrlicht.
Selbst in den Lichtern, in Strahlenkronen, in Lampions, Lampen und Windlaternen steckt echter Künstlergeist. Unregelmäßig sind sie und doch einheitlich -- ein großes Ganzes -- eine Liliputwiederholung und -nachahmung von den Sternen des Himmels da droben.
Und jedes Licht, und mag es noch so klein und lebensbescheiden leuchten, bringt dem, der da recht hinsieht, eine neue, kleine Überraschung, ein neues Entzücken, eine neue Freude, bis man, müde von vieler Freude, todmüde von all dem Schauen, durch die allmählich stiller werdende Stadt den Heimweg antritt.
Aber selbst im Traume höre ich noch Geklapper von Holzsandalen, höre ich Lachen und Freudenlaute, höre die frohen Stimmen von all den kleinen und großen Kindern und sehe es blitzen und gleißen, funkeln und sprühen, sehe die tausend goldenen Lichter der japanischen Nacht! ...
4. Kreuz und quer durchs Land.
Auch ins grüne Land hinein zog ich mit Herrn Shibata, zog durch die Reisfelder und Wälder der Ebene, zog durch die Schluchten und Engtäler der Berge.
Habe ich mich müde gelaufen, lade ich mich in irgendeinem Dorf zur Nachtruhe.
Das einzige Gasthaus ist bald ausfindig gemacht. Mit tiefem, graziösem Knix werde ich von den Mädchen des Hauses begrüßt. Einen Augenblick später ist auch der Wirt selbst zur Stelle und ladet den Fremdling mit ehrfurchtsvoll feierlicher Verbeugung, als ob dieser zum mindesten ein Exkönig oder -kaiser wäre, zum Eintritt in sein Haus ein.
Ich entledige mich meiner Schuhe, bekomme von einem Mädchen eilig Sandalen angezogen und betrete die erhöht liegende Vorhalle. An meinem Zimmer angelangt, lege ich wiederum die Sandalen ab und stehe nun auf peinlich sauberen Strohmatten. An den zwei Wänden befinden sich zwei lange schmale Bilder, die bekannten Kakemonos, die in Aquarell oder Stickerei ausgeführt zwischen zwei wagerechten Holzstäben befestigt sind. Die zwei andern Wände, die aus durch Bambusgefüge zusammengehaltenen Papierfensterscheiben bestehen, sind zur Zeit noch zurückgeschoben und werden erst nachts zugemacht.
Aber ich habe nicht viel Zeit zu langer Betrachtung. Dicht hinter mir ist schon eine Dienerin hereingehuscht und hat Tee sowie Rauchzeug, Zigaretten und glimmende Kohlen gebracht; dann eine zweite, die mir einen Kimono mit feierlicher Verbeugung überreicht.
Einen Augenblick bin ich allein. Ich reiße die Kleider vom Leib und schlüpfe in meinen Kimono. Aber da stehe ich bereits vor der ersten Schwierigkeit. Das alles ist viel zu eng, kurz und klein für uns Europäer, das reicht kaum bis zu den Knien, statt bis zu den Knöcheln, bis zum Ellenbogen, statt bis zum Handgelenk; über der Brust ist’s überhaupt nicht zuzukriegen. Eine halbe Minute später hat sich auch schon das ganze Haus um mich versammelt und macht in heller Freude seine Glossen zu dem klein geratenen Kimono.
Das Vergnügen wird noch größer, selbst die Nachbarschaft strömt nun von allen Ecken und Enden eiligst herbei, als ich in meinen Sandalen die ersten, schüchternen Gehversuche mache; sie sind ebenfalls um manchen Zentimeter zu kurz und fallen bei jedem Schritt vom Fuße.
Schon einige Tage nach meiner Ankunft in Japan ließ ich mir deshalb Kimono und Sandalen anmessen und nahm diese zwei leicht wiegenden Bekleidungsgegenstände bei meinen Fußtouren stets mit, um nicht mehr als unfreiwilliges Mittel japanischer Volksbelustigung zu dienen.
Kurz nach der Ankunft werde ich auch feierlich zum Bade geleitet. Das erstemal, wenn man eine japanische Badestube betritt, sieht man sich freilich ein wenig ängstlich um. Eine schwüle Hitze brütet über dem Raum und der mächtigen, in den Boden eingelassenen Holzwanne entsteigt ein dichter, atembenehmender heißer Wasserdunst. Kaum habe ich höchst vorsichtig mit der Haut der Zehenspitze das Wasser gestreift, ziehe ich meinen Fuß mit einem leisen Wehruf wieder ein. Das ist gut zum Eier- oder Hummernsieden, aber kein Bad für einen normalen Christenmenschen. Doch ich versuche es wieder und wieder; was ein Japaner aushalten kann, wird schließlich auch unsereins noch vertragen können, und eine Viertelstunde später sitze ich richtig bis zu den Ohren, freilich mit etwas süßsaurem Gesichte, in der quirlenden Wasserbrühe.
Nach dem Bade bin ich krebsrot, aber ich fühle mich auch wie neugeboren. Reisehitze und Reisestaub, alle Müdigkeit ist wie weggeweht. Frisch und munter bin ich, als ob ich einen langen erquickenden Schlaf getan hätte.
In meinem Zimmer ist inzwischen das Essen aufgetragen worden. Ein niederes, schwarzes Taburett steht auf dem Boden. Das enthält alle möglichen schönen und guten Dinge, die man kennt: Tee und Reis, süßes Gebäck, Fisch, roh und gekocht, Pasteten und Gemüse, aber noch viel mehr Sachen, die man nach dem altbewährten Spruche: „Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht“, wiederum mit höchst mißtrauischen Augen von der Seite anschielt. An eine Menge Gerichte der japanischen Küche wird sich der europäische Gaumen nicht so leicht gewöhnen. Aber hungrig bin ich auch von der japanischen Tafel nie aufgestanden; ein paar Dinge sind immer da, an die man sich halten kann, Reis und gebratener oder gesottener, oft auch roher Fisch, Gebäck, Eier und, wenn es sehr reichlich hergeht, ein paar winzige Stückchen Huhn. Auch den unwillkürlichen Brechreiz, den mancher Europäer vor jedem japanischen Tisch zu verspüren vermeint, habe ich bei mir nie festzustellen vermocht, dazu ist das alles viel zu nett, reinlich und sauber zubereitet und aufgetragen.
Auf dem Boden sitzend, führe ich die Speisen, die ich essen zu können glaube, mit zwei langen, dünnen Holzstäbchen zu Munde. Während der ganzen Mahlzeit kniet eines der Mädchen des Hauses neben mir, die Reisschüssel nachfüllend, Sake, den japanischen Wein, oder den Tee einschenkend und die gesamte Bedürfnisfrage des Gastes überwachend.
Nach dem Essen setze ich mich im leichten, luftigen Kimono ein wenig auf die große Holzstufe vor dem Hause.
Je kleiner und abgelegener das Dorf ist, in dem ich eingekehrt bin, desto größer ist bald der Menschenkreis, der sich um mich versammelt hat, Fragen an den Wirt stellt, mit freundlichem Kopfnicken mich grüßt und mir zulächelt. Nie wird diese große Volksversammlung, diese immer liebenswürdige und herzliche Neugier, dieses Interesse, das die Leute an dem Fremden nehmen, lästig. Ich bedauerte nur immer, daß ich die Landessprache nicht sprach, kaum ein paar Worte schlecht radebrechte und deshalb nicht so, wie ich wohl gewollt hätte, in den Gefühls- und Gedankenkreis des Japaners einzudringen vermochte.
Das Reizendste aber sind die Kinder, die um einen herumstehen und sich allmählich neugierig zutraulich immer näher und näher drängen. Bald hat man eines im linken, eins im rechten Arm, und auf den Knien beginnt auch schon eins lustig herumzuturnen. Sie kennen, sie wissen das sofort, wenn jemand ein bißchen Zuneigung für sie übrig hat und sind dankbar dafür.
Wie sauber und reinlich sie sind. Gleich den Großen baden auch sie schon ein- oder ein paarmal des Tages.
Bunt und lustig, leicht und kleidsam sind sie angezogen. Dabei mit wie kleinen, billigen Mitteln! Wer nur einmal eine solch große Kinderversammlung um sich gehabt hat, hat auch schon den starken Künstlerpulsschlag des japanischen Volkes pochen gehört, denn nur ein Land von Künstlern kann seinen Kleinen, seinen Kindern solch reiche herrliche Farben, solch reizend und einfach natürlichen Schnitt des Kleides schenken! ...
Prächtig frisch, gut gebaut und schlank gewachsen diese lustig dareinschauenden Knaben, die ganz kleinen Mädchen mit ihren großen schwarzen Kirschenaugen aber sind schon eine reizende Miniatur der Großen, haben schon trotz aller Kinderfrische und -natürlichkeit etwas von dem starken Liebreiz der immer freundlichen, stets bescheidenen und dienstbeflissenen erwachsenen Japanerin.
Früher als in den Städten wird es draußen auf dem Land, in den Dörfern und Weilern schon still, ziemlich bald sucht man hier sein Nachtlager auf. Das ist inzwischen auch schon in meinem Zimmer, auf demselben Platz, wo ich eine Stunde vorher gegessen habe, aufgeschlagen worden. Ein paar weiche Decken, mit einem tadellos weißen Leinentuch überzogen, dienen als Unterlage, dazu ein ziemlich hartes Kopfkissen und eine Zudecke, letztere oft sehr farbenprächtig und kostbar.
Je höher ich nun im Sommer aufwärts gestiegen war, desto besser schlief ich in der an die Heimat gemahnenden Kühle. Aber selbst unten in der Tiefe, am Meer oder in der flachen Fruchtebene bringt der Abend auf dem Lande fast immer eine gewisse Erfrischung mit sich. Ein Übernachten im echten, japanischen Haus kommt einer erquickenden Rast unter freiem Himmel ziemlich nahe. Kein einziger Stein, der noch nachts Glut und Hitze ausströmte. Das leichte Holz- und Bambusgefüge, die Papierwände und -türen schützen gut vor Regen und Nässe. Aber Luft und wehender Wind ziehen lustig hindurch. Draußen rauschen die Bäume, es ist, als ob sie dicht über mir rauschten, flüstern die Gräser, plaudert der Quell, zirpt die Zikade. Mitten im Schlaf bin ich mitten in der grünen Natur.
Wenn es dann wieder tagt, wird leise eine Wand des Zimmers fortgeschoben, goldene Morgensonne flutet herein. Das bedienende Mädchen löscht das Nachtlicht, stellt den Tee neben das Bodenlager und meldet, daß das Bad meiner warte. Zur Vervollkommnung der Morgentoilette überreicht sie in manchen Gasthäusern eine funkelnagelneue, niedliche, kleine Zahnbürste und bringt mir, wenn ich dem Bade entstiegen bin, frisch gewaschen meine Wäsche.
Nach dem Frühstück und vor dem Abmarsch der feierliche Augenblick der Rechnungsübergabe. Kniend wird sie von einer Dienerin überreicht und über einen halben Meter ist sie lang geworden.
Aber all die vielen, mir unverständlichen Zirkel und Zeichen besagen nichts Böses. Im japanischen Gasthaus wurde ich selbst an den besuchtesten Bade- und Kurorten nie allzusehr belastet, wurde sogar noch oft mit einem Geschenke bedacht, einer Sammlung hübscher Ansichtskarten, einem geschmackvoll gezeichneten Hand- oder Taschentuche. Unter tiefer, bis zum Erdboden gehender Verneigung des Wirtes und seiner Leute ziehe ich frisch und ausgeruht von dannen. -- --
Weiter wandern wir, Shibata und ich. Von den Bergen herabsteigend kommen wir ans Meer. Viel Schönes, viel Frohes und Sonniges ist da zu erblicken. Wo ein guter Badestrand flach in die See verläuft, jubeln sich in der Flut herumtummelnde Knaben. Frauen, in weiten, wallenden Badekleidern, über das schwere Schwarzhaar einen großen, breiten Strandhut gebunden; kleine, schlanke Mädchen setzen zagend und mißtrauisch das schmalgefesselte Füßchen in die letzten Spritzer der schon zurückweichenden Uferwelle; junge Männer, die im warmen Sande sitzen und dem Seebad ein langes Luft- und Lichtbad folgen lassen, besprechen eifrigst die jüngsten Erfolge japanischer Weltpolitik; buntschillernde Geishas und Tänzerinnen, eng nebeneinander hockend, bestaunen neugierig ängstlich das immer wieder sich erneuernde Naturschauspiel der donnernd in schneeweißen Schaum und Gischt zerstiebenden, schweren Brandungswoge.
Weiter! Berge treten ans Ufer heran, tiefes, felsgründiges Meer erschimmert in sattblauer Farbe, reizvolle Ausblicke eröffnen sich. Ein Wallfahrtsort mit Tempeln, Verkaufsständen und Erfrischungsbuden, Enoshima genannt, bettet sich zwischen dunkles Grün. Hier scheinen die guten Leute durch den Pilger- und Fremdenverkehr bereits „weltläufiger“ geworden zu sein. Gegen ein geringes Geldgeschenk springen umherlungernde Knaben in die Tiefe und holen vom Grunde einen zappelnden, lebenden Fisch herauf, den sie da unten in irgendeinem Klippenloch geschickt angebunden und verwahrt gehalten haben. „Eben im Tauchersprunge gefangen!“ machen sie staunenden Fremdlingen weis.
Vorwärts schreiten wir -- vorwärts. Ringsum jetzt menschenverlassenes Gestade, auf der Landseite von magerem, verkrüppeltem Föhrenwald eingesäumt, über Meer und Land der helle Goldglanz der langsam sinkenden Sonne. Ab und zu ein leises Flüstern im Busch und das bescheidene Plätschern des hier langsam verebbenden, friedlichen Meeres.
Endlich, nach langer, fröhlicher Wanderung im weichfeuchten Ufersande gegen Abend ein Fischerdorf. Man glaubt, hier gar nicht mehr in Japan, man meint, an irgendeinem heißen Tropenstrand zu stehen, so tiefbraun gebrannt sind diese nackten, meist nur mit einem schmalen Lendentuch bekleideten Fischer. Sorglos scheinen diese Menschen, sind trotz aller harten Armut und schwerer Mühen, trotz aller Gefahren des tückischen Meeres immer vergnügt; Lachen und Scherz sind und bleiben bei ihnen zu Hause, sie lassen sich nie und durch nichts die Freude an ihrer Sonne und ihrer See, ihrem freien Meerwind und ihrem frischen Handwerk vergällen. Und sie haben in den ausgefischten Ufergewässern oft nicht leichte Arbeit, die drei Millionen Menschen, die im Fischfang und der damit verbundenen Industrie tätig sind, das ganze Land mit genügenden Vorräten zu versehen. Denn bei keiner japanischen Mahlzeit darf der Fisch fehlen, frischer oder getrockneter, gedörrter oder gesalzener oder gesottener Fisch.
Durch zum Trocknen aufgespannte Netze und Leinen führt uns der Weg in das sauber gehaltene Dorf.
Vom freien Meer weht zum Ufer ein Sang von Männerstimmen, ein auf flüsternder Flut schon halb erstorbenes Fischerlied. Rotgolden leuchtende Segel flattern über die See, kommen mit der sinkenden Sonne näher und näher, ein Schwarm kleiner, windverwehter, bunter Schmetterlinge, der langsam und mühsam wieder dem rettenden Lande zustrebt.
Freuden- und Begrüßungsrufe! Netze werden ans Land gezogen, Boote auf den Sand geschleppt, emsiges Rühren und Schaffen aller Hände. -- -- --
Vom Meer aus zurück in die Ebene. Mit dem weichen grünen Samtteppich der Reisfelder ist sie bespannt. Manchmal taucht, von Föhren beschattet, ein erdbraunes, holzgezimmertes Bauernhaus auf, von fern sich wie frisch aufgerissenes Ackerfeld oder ein verwitterter Felsblock ausnehmend. Dicht daneben auf einem Waldhügel ein bescheidener Dorftempel. Nun stilles, menschenleeres Heideland. Ab und zu ein dunkler Tümpel, ein braunes Moor. Aus dem zarten Silberdunst der Ferne taucht ein einsamer, mächtiger Bergriese auf, der Fujiyama, der vielgeliebte, vielgemalte, von allen Dichtern besungene Berg Japans, Ziel der Pilger und wandernden Söhne des Landes.
5. Sintflut und Erdbeben.
Dem Sonnenlande Japan beliebt es plötzlich, sich in fast ständigen Regen zu hüllen.
War ich einmal bei leidlichem Wetter in irgendein Bergdorf aufgestiegen, so erwachte ich am nächsten Morgen in einem so unbeschreiblichen Strichregen, daß es gar nicht möglich war, den Abstieg zu versuchen.
Am vielbesuchten Hakonesee ist mir dies gleich zweimal zugestoßen. Zweimal war ich gezwungen, als einziger Badegast an dem kleinen Bergsee zu bleiben.
Ununterbrochen tobte der Sturm und donnerte trotz aller Windschutzbauten in der Nacht dermaßen an das Haus, daß ich glaubte, die ganze Holzbude müsse im nächsten Augenblick rettungslos zusammenbrechen. Am Tage aber zauberte er, die schweren weißen Nebel nahe der Wasserfläche über den See dahinfegend, ein vollständiges Winterbild hervor: wie ein dichtes, wildes Schneetreiben auf fest und glatt gefrorener Eisfläche sah sich das an.
Eingehüllt in einen schweren Kimono, ein glimmendes Kohlenbecken an meiner Seite, schlug ich ärgerlich und wenig guter Laune die Zeit tot.
Das tatenlose Herumsitzen, die Langeweile trieb mich endlich doch zu Tale. Aber es war mehr ein Herabfallen und -purzeln, als ein Herabsteigen. Die abschüssigen Lehmhalden waren schlüpfrig wie Glatteis, ebenso der Fels und das Steingeröll. Dazu hatten Regen und Taifun, jener gefährliche Wirbelsturm, lange Stücke des schmalen Saumpfades in die Tiefe gerissen.
Als ich mich mit vieler Mühe und auf großen Umwegen wieder ins Tal hinabgearbeitet hatte, fand ich dort die Brücke weggeschwemmt. Wollte ich weiter kommen, so blieb mir gar nichts anderes übrig, als mich über den wild tobenden Bergfluß hinüberseilen zu lassen.
Die japanische Seilfähre ist nicht wie unsere europäische: zwar ist da auch ein Drahtseil vorhanden, aber daran wird kein Schiff, sondern wird man gleich selbst in höchsteigener Person, auf einem schmalen Holzbrett sitzend, angekoppelt.
Allzu groß ist das Vergnügen nicht!
Die kleinen, leichten Japaner sausen ja ganz frisch und flott hinüber, nicht so das europäische Schwergewicht. Schon in der Mitte der Fahrt beginnt das zu stocken, wie ein unfreiwilliger Akrobat tanze ich auf elastischem Seil über der tobenden Flut auf und ab und habe Zeit genug, tiefsinnige Betrachtungen darüber anzustellen, ob die eigenen achtzig Kilo oder ob die japanische Drahtseilfabrikationskunst schließlich den Sieg davontragen werde.
Aber drüben am andern Ufer arbeiten sie ganz wütend und holen mich keuchend doch endlich heil und ganz über. Freilich, den Hut habe ich als Obolus den japanischen Wasser-, Wetter- und Windgöttern in die Tiefe geworfen, die Hose ist auch nicht mehr ganz salonfähig, aber alles andere habe ich glücklich herübergerettet.
Ich sehe in diesen Tagen viel Ernstes und Trauriges: entwurzelte Bäume, abgedeckte Hütten, zerstörte Gärten und Felder, niedergegangene Steinlawinen, Vernichtung und Verheerung.
Als ich so in einem entsetzlichen Unwetter zum zweiten Male nach Mijanoschita, der bekannten japanischen Sommervillegiatur kam, da fand ich ganz in der Nähe, in einem reizenden, dicht zwischen Fluß und Fels eingebauten Dörflein eine große Menschenansammlung, Polizisten, die Ordnung hielten, Männer, Bauern und Kulis, die fieberhaft schaufelten und arbeiteten.
Ein Bergsturz! Zwei Häuser in die Tiefe gerissen! Man sieht nicht mehr viel davon, nur noch Schutt und Geröll. Und die, die in den Häusern waren, sind längst tot.
Als ich jüngst hier gewesen, war ich dicht neben der Unglücksstelle eingekehrt. Es regnete auch, aber es kam doch ab und zu die Sonne ein wenig durch das Gewölk, man konnte sich im Freien halten. Ich kannte die Leute, die da verschüttet worden waren, und die zwei hübschen, lustigen Teehausmädchen, die sie entsetzlich verstümmelt herauftragen, waren lachend vor mir davon und ins Haus gelaufen, als ich versuchen wollte, sie zu photographieren.
Ganz schlimm sieht es auch in der Ebene aus, die Flüsse und Ströme sind verheerend weit über die Ufer getreten, die so sorgsam bebauten und liebevoll gepflegten Reisfelder sind zu schmutzig grauen Seen geworden -- ein unsagbar trauriger Anblick. Manche Hütten sind weggerissen, zahlreiche Menschenleben sind zu beklagen.
An der Küste aber stoße ich auf die Spuren einer verheerenden Springflut, höre von vielen im Taifun untergegangenen Fischerbooten erzählen.
Ich höre bald überhaupt nur noch von Todesfällen, von Dammbrüchen und Geleisunterspülungen, Brückeneinstürzen und Bahnunterbrechungen. Jammer, Elend und Not, wohin ich komme. Als ich endlich nach Jokohama zurückgelange, finde ich auch dort allerlei Unheil. Vor allem ist die städtische Wasserleitung zerstört. Das bedeutet soviel wie allerhöchste Gefahr. Denn die japanische Stadt ist, wie schon des öfteren erwähnt, ganz aus Holz erbaut. Dazu all der andere, bunte Flitterkram. Jeden Augenblick auch ein Brandunglück. Und jetzt kann nur noch nach altem Brauch, mit Eimern und Tonnen gelöscht werden.
Keinen trockenen Faden am Leibe mehr, kehre ich in mein Haupt- und Standquartier „Hotel Manka“ zurück. Aber entsetzt mache ich die Entdeckung, daß auch das Mankahotel inzwischen von einem Hochwasser heimgesucht worden war. Meine im Erdgeschoß stehenden Schiffskoffer hatten vergnügt „Schiffahren“ gespielt. Im untersten Fach fand sich ein grauer Brei, eine zähe, geleeartige Masse, in der bereits lange gelbe Würmer herumkrochen. Tieftraurig schaufelte ich das aus und übergab es zu schleuniger Bestattung. Dann versuchte ich zu retten, was noch zu retten war. Kohlenbecken wurden entzündet und die Reinigung und Austrocknung der triefenden Koffer, das Aufhängen der nassen Kleider, die Ausbreitung der feuchten Wäsche und des sonstigen noch verwendbaren Kofferinhalts gestaltete sich zu einem glänzenden Freudenfest für die neugierigen und wissensdurstigen Hotelboys und -girls.
Aber nicht nur das Wasser schafft Schaden und Elend, auch im Innern der Erde will es rebellisch werden.
Ich erlebe in Jokohama mein erstes Erdbeben. Es ist ganz schön und gut abgelaufen und hat auch allgemein außer verschiedenem Materialschaden nicht allzuviel Unheil gestiftet.
Aber trotzdem! Sicherlich habe ich noch nie im Leben ein so unheimliches Gefühl wie in dieser Nacht empfunden.
Ein schweres Alpdrücken. Ich träume -- träume, daß einer meiner Angehörigen eines ganz gräßlichen, entsetzlichen Todes gestorben sei.
Plötzlich erwache ich. Auf dem Boden rollen ein paar am Abend vorher erstandene Vasen zerbrochen umher.
Nun ein Stoß! Das Zimmer geht auf und ab wie ein Schiff im Sturm. Geradeso wie bei hohem Seegang das Gebälk des Schiffes, kracht und ächzt und stöhnt es in den Wänden, in der Decke, im Dachstuhl.
Jetzt noch ein Stoß, stärker, kräftiger, dröhnender als der erste! Gewaltige Erdkräfte, die tief da unten zu schlafen schienen, sind aufgewacht, sind heraufgestiegen, haben gerufen, daß sie noch leben wie am allerersten Tage der Erde, und haben mahnend angepocht, das Pochen ist laut und deutlich gewesen.
Im nächsten Augenblick muß das alles in Trümmer zusammenstürzen! Ein Sprung aus dem Bett, ein zweiter nach der Tür, ein paar Sätze über die Stiege hinab, nie noch habe ich im Leben so unanständig rasch ein Haus verlassen! ...