Part 9
Gewaltsam hatte Martin die Erregung zurückzudrängen versucht, die aus der Tiefe seiner Seele in seine Augen quoll ... Nun übermannte es ihn plötzlich ...
»Herr Flamberg, was haben Sie --?«
»Ich habe heim gedacht ... heim gedacht an ein fernes Mädchen -- das hat keine Ahnung, daß ich in diesem Augenblick --«
»Nun -- was?«
»-- daß ich einer Stimme lausche ... einer Stimme, die nicht die ihre ist ...«
»Nun -- und was ist dabei?«
»Viel ist dabei -- -- --«
»Ach Sie -- Sie Künstler Sie -- ich weiß ja, alles nur Vorwand, alles nur Modell ... Sie haben's ja selbst gesagt.«
»Gnädige Frau --!«
»Haha ... nun wollen Sie's wohl gar nicht Wort haben ... aber Sie haben sich verraten ... Nun dürfen Sie sich nicht wundern, wenn man Sie nicht so tragisch nimmt!«
Die junge Frau ging mit raschen Schritten zum Flügel zurück ... schlug einen schrillen Akkord an ... ging in eine tolle Walzermelodie über ... dann brach sie plötzlich ab, sang zu übermütiger Weise abermals einen Bierbaumschen Text:
»Maikater singt die ganze Nacht: Der Frühling ist erwacht, erwacht! Der Frühling ist erwacht!«
»Ah, ihr musiziert? -- Das ist recht ... und so lustig! -- Das freut mich! Entschuldige, liebes Kind, daß ich so spät komme ... und auch Sie, lieber Flamberg ... danke Ihnen, daß Sie meiner Frau Gesellschaft geleistet haben ...!«
-- -- An diesem Abend vergaß Martin Flamberg zum ersten Male, vorm Schlafengehen am Sternenhimmel Agathens Augen zu suchen.
* * * * *
Am 17. August, am Vorabend des Tages von Gravelotte, wurde das Regiment aus der Stimmung der Festvorbereitung durch eine plötzliche Trauerkunde gerissen: Seine Durchlaucht der Erbprinz von Nassau-Dillingen, der Kommandeur des rheinischen Armeekorps, war nach kurzer Krankheit in Koblenz gestorben.
Wenige Stunden nach Ankunft der Trauernachricht kam auch bereits die Allerhöchste Kabinettsorder, nach welcher die Offiziere des Armeekorps auf vierzehn Tage Trauer anzulegen hatten.
In dieser Zeit eine große Feierlichkeit mit Musik und Tanz zu begehen, das wäre nicht schicklich erschienen. Und so mußte das lange vorbereitete Regimentsfest bis zu einem andern großen nationalen Gedenktage, dem Tage von Sedan, aufgeschoben werden. Dieser Tag hatte sonst für das Regiment nur die allgemeine patriotische Bedeutung, nicht die spezielle eines Ruhmestages: denn das rheinische Armeekorps hatte ja bei Sedan nicht mitgefochten.
In anderer Beziehung aber klappte es mit der Verlegung recht hübsch. Der 2. September fiel nämlich auf einen Sonntag. Und da am Dienstag, den 4. September, die Abfahrt ins Manövergelände im Hunsrück angesetzt war, so blieb Montag, der 3., zum Packen, und das Regimentsfest wurde so, außer einem Begrüßungsfest für die Kommandeuse, zugleich ein Abschiedsfest.
Für die aktiven Herren bedeutete das Ausrücken ins Manövergelände einen dreiwöchigen Abschied aus der Garnison.
Die Offiziere des Beurlaubtenstandes würden überhaupt nicht mehr in die Garnison zurückkehren; sie würden sich am letzten Manövertage nach Schluß der Übung bei der Kritik abmelden können und galten damit als entlassen, um von der nächsten Bahnstation aus auf dem kürzesten Wege in ihre Heimat zurückkehren zu können.
-- Die letzten Wochen vor dem Feste waren verhältnismäßig ruhig verlaufen.
Martin Flamberg hatte das Bild der Frau von Brandeis vollendet, und damit war für ihn die Veranlassung zu seinen regelmäßigen Besuchen in der Villa Brandeis weggefallen, nachdem im Kreise der Intimen des Hauses bei einer Sektbowle »Firnistag« gefeiert worden war ...
Am folgenden Morgen hatte Hauptmann von Brandeis auf dem Rückmarsch von der Felddienstübung den hinter ihm marschierenden Flamberg an die Seite seines Pferdes gewinkt und hatte mit ihm in schnellerem Tempo einige Schritte Vorsprung vor der marschierenden Kompagnie gewonnen:
»Nun sagen Sie mal, lieber Flamberg, wir wollen uns ganz offen darüber aussprechen -- und ich denke, Sie nehmen mir das wohl nicht übel -- Sie haben mir da das ersehnte Bild meiner Frau gemalt. Und Sie wissen ja, ich bin in ganz erfreulichen Verhältnissen. Bitte, machen Sie mir jetzt Ihren Preis, und genieren Sie sich durchaus nicht, die Sätze zu berechnen, die Sie auch sonst von Ihren Auftraggebern beanspruchen.«
Martin Flamberg sann einen Augenblick nach. Er fand es sehr richtig und vornehm von Herrn Brandeis, daß er es seiner, des Malers Entscheidung überließ, wie er die Angelegenheit auffassen wolle:
»Ich bitte ganz gehorsamst, Herr Hauptmann, mir gestatten zu wollen, meine Arbeit Ihrer Frau Gemahlin als bescheidenen Ausdruck meines Dankes für liebenswürdige Gastfreundschaft zu Füßen zu legen, und Ihnen, Herr Hauptmann, als gleich bescheidenen Dank für die gütige Aufnahme, die ich schon zum zweiten Male bei der Königlichen Ersten gefunden habe!«
Brandeis markierte liebenswürdige Verlegenheit: »Aber lieber Flamberg, wie soll ich das nur wieder gut machen?«
»Das haben Herr Hauptmann bereits vorher getan! Nur eine Bitte möchte ich mir gestatten auszusprechen, vorausgesetzt selbstverständlich die Zustimmung Ihrer verehrten Frau Gemahlin: ich möchte bitten, mir zu erlauben, das Bild im nächsten Frühjahr in Berlin auszustellen!«
»Na, lieber Flamberg -- -- selbstverständlich werde ich ja den Fall mit meiner Frau besprechen müssen ... aber ich zweifle nicht im geringsten daran ... daß sie stolz sein wird, in solch einer meisterhaften Verkörperung ... vor der staunenden Mitwelt paradieren zu dürfen ...«
-- -- »Ja, was machen wir da, Cäcilie?« fragte Brandeis daheim, nachdem er berichtet hatte. »Eigentlich ist mir die Sache ein bißchen fatal ... das Bild ist ja ein fürstliches, ein unbezahlbares Geschenk ... das kann ich ja eigentlich gar nicht annehmen von dem fremden Herrn.«
»Da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben!« meinte Frau Cäcilie, »jedenfalls müssen wir uns in irgendeiner Form revanchieren.«
»Da fällt mir was ein: Flamberg ist doch verlobt und heiratet unmittelbar nach dem Manöver. Da werden wir ihm also ein schönes Hochzeitsgeschenk machen!«
»Aber bitte, nicht etwa einen Wertgegenstand, der auch nur einigermaßen wie eine Bezahlung aussieht!«
»Ne, selbstverständlich das nicht!« lachte der Hauptmann, »das möchte uns auch wohl doch ein bißchen schwer fallen! -- Weißt du, daß er für jedes der Bilder in der Sezession fünfzigtausend Mark bekommen hat?«
»Mir fällt noch etwas anderes ein ... selbstverständlich, das mit dem Hochzeitsgeschenk, das wird gemacht ... aber ich werde der Braut einen prachtvollen Korb Rosen schicken mit unserer Visitenkarte!«
Der Hauptmann war einverstanden. Und Frau Cäcilie ließ ein riesiges Arrangement prachtvoller La-France-Rosen zusammenstellen. Dazu sann sie sich noch etwas anderes aus: sie ließ Flambergs Werk photographieren und fügte eines der Bilder ihrer Sendung an die Braut des Malers bei. Zu dieser Sendung schrieb sie selbst ein paar Begleitzeilen:
»Mein sehr verehrtes gnädiges Fräulein, empfangen Sie hierbei das Abbild des jüngsten Meisterwerkes Ihres Herrn Bräutigams, und erlauben Sie dem Original und dem künftigen Mitbesitzer des herrlichen Werkes, Ihnen die herzlichsten Wünsche zu Ihrer demnächstigen Vereinigung auszusprechen.
Ein Mann, dem wir andern alle nichts sind als der gleichgültige äußere Anstoß für sein Schaffen, nichts als ein Motiv, ein Modell, das man festhält mit raschem, unfehlbarem Pinsel, und das dann, ach so schnell, einem neuen Platz machen muß, nichts als ein paar bunte Farbflecke in der Außenwelt -- -- einem solchen Mann dürfen Sie Lebensgesellin sein -- Sie Glückliche. --
Empfangen Sie unsre aufrichtigsten Empfehlungen.
Fritz und Cäcilie von Brandeis.«
Als Agathe van den Bergh diese Zeilen las, gab es ihr einen Ruck am Herzen ... Lange, lange studierte sie die Züge der Photographie, die klare Schrift mit den festen Grundzügen und dem kapriziösen Schnörkelgerank ...
So war es nun schon die zwei Jahre hindurch gewesen: jedesmal, wenn sie ein neues Werk des Geliebten sah, hatte sie dies dumpf nagende Wehgefühl ... Es war nicht Eifersucht ... es war der unbegriffene Schmerz der reinen Mädchenseele, die empfand, daß sie dem geliebten Manne nicht alles -- nicht alles war -- niemals alles werden würde -- ach nein, niemals mehr denn ein kleiner, kleiner Ausschnitt aus seiner Welt --
Es war nicht Mißtrauen ... nur das geheime Grauen war's des ahnenden Mädchenherzens vor den Abgründen im Leben, in der Sehnsucht, in der Vergangenheit und Gegenwart des Mannes ... des Künstlers.
* * * * *
Am vorletzten Samstag vor dem Ausrücken -- es war der 25. August -- ging Martin Flamberg auf einen viertägigen Urlaub nach Düsseldorf ...
Wie im Fluge verstrichen ihm die wenigen Stunden der Heimfahrt ...
Welch ein Sturm in ihm ... welch ein Sturm der Gefühle -- der Leidenschaften -- der Gedanken -- der Grübeleien und Träume ... Agathe hatte ihm den großen Frieden seines Lebens bringen sollen -- ihn ausfüllen bis in die Tiefen seiner Seele ... Er hatte gewähnt, in ihr jene große Liebe gefunden zu haben ... jene große Liebe, von der alle Menschen träumten ... und die Künstler heißer und sehnsüchtiger denn alle andern ... und nun -- --
Seine Besuche bei Frau Cäcilie hatten nun aufgehört, und seitdem erst war es ihm ganz bewußt geworden, was diese Besuche ihm bedeutet hatten ... Nein wahrlich, was seitdem in seiner Seele fieberte und stürmte, das hatte wenig Ähnlichkeit mit dem großen Frieden, den er erhofft ...
Agathe empfing ihn am Bahnhof. Der Präsident van den Bergh begleitete seine Tochter.
Martin fühlte, wie seine Braut ihn prüfend ... angstvoll beobachtete ... Er fühlte es, ohne daß er den Zusammenhang begriff; denn Agathe hatte es nicht übers Herz bringen können, auch nur ein Wort über die Sendung der fremden Dame und das seltsame Briefchen, das sie begleitet hatte, an ihren Verlobten zu berichten ...
War es so etwas wie böses Gewissen, was Martin Flamberg hellsichtig machte für die verhohlene Befangenheit seiner Erkorenen ...? Er gab sich lebhaft ... heiter ... ungezwungen ... mit fast lärmhafter Lustigkeit ... Und dabei fühlte er doch, daß sie seine Absicht durchschaute ...
»Nun, Martin,« sagte der Präsident bei der Heimfahrt, »Sie haben inzwischen auch wieder eine neue Arbeit vollendet?« Der Präsident hatte sich noch heute nicht entschließen können, seinem Schwiegersohn das väterliche Du entgegenzubringen.
»So, hat Agathe Ihnen erzählt -- ja gewiß, Papa, ich habe meine Zeit gründlich ausgenutzt.«
»Eine schöne Frau! -- Ich erinnere mich ihrer noch sehr gut ... als Backfisch machte sie Furore in unsern Salons ... aber sie muß sich inzwischen noch mächtig herausgemacht haben, nach Ihrem Bilde zu schließen.«
»Aber -- woher wissen Sie, Papa --?«
Dunkelglühend, mit niedergeschlagenen Augen sagte Agathe: »Die Dame hat mir einen prachtvollen Rosenstrauß geschickt ... und eine Photographie ihres Bildes ...«
»Und davon hast du mir nichts geschrieben!?«
»Ich dachte, sie hätte es dir selber gesagt.«
»Nein, das hat sie nicht -- ich habe sie auch nicht mehr gesehen, seit das Bild fertig ist ...«
-- -- Zu Hause, im ersten Augenblick des Alleinseins warf sich Agathe mit einem leisen Stöhnen an seine Brust, sah ihm tief in die Augen: »Ach, Martin, kommst du mir so wieder, wie du gegangen bist -- --?«
»Aber Kind -- was hast du nur?!«
Stumm zeigte ihm Agathe Cäciliens Bild und Brief ...
Tief atmend überflog Martin die seltsamen Zeilen ... Gott, sie sagten ihm ja nichts Neues ... er wußte ja doch schon ... Aber Agathe mußte beruhigt werden ...
Wie sie so vor ihm stand, da glich sie so ganz wieder jener Gestalt, die das Faustbuch von Wilhelm Frobenius in seiner Phantasie lebendig gemacht ... ganz wie Gretchen sah sie aus, die bebenden Herzens den Geliebten fragt, ob er glaube, glaube an eine ewige Macht, die den Wandel unseres Schicksals lenkt ...
Und in einem Wirbel des Gefühls riß er die geliebte Gestalt in seine Arme und küßte die schweren Tränen aus seines Mädchens Augen ...
Aber während er die bebende Braut an seinem Herzen hielt, fühlte er mit Grausen, daß er einer andern denken mußte ... immerzu ... immerzu einer andern ... so, wie sie ihm gegenüber gestanden hatte in der letzten Stunde zweieinsamen Beisammenseins ...
Das Bewußtsein, daß diese Stunde niemals wiederkommen werde, hatte beiden mit jähem Griff plötzlich die Kehle ... das Herz umschnürt ...
Herrgott, warum gab es Schranken in der Welt? -- Was half dem Künstler die Phantasie -- die allmächtige, allerfassende, die ihn die grenzenlosen Reiche der Schönheit nur darum in all ihrer Herrlichkeit überschauen lehrte, damit das Leben selbst ihn dann immer wieder ausschlösse von dem Besitz alles dessen, was er viel tiefer doch als andere empfand ... viel tiefer verstand ... viel tiefer hätte genießen können ...
Martin hatte die Zähne zusammengebissen ... hatte das letzte Aufgebot all seiner Seelenkräfte in sich aufgerufen zu keuchendem Kampfe gegen die Versuchung, dies Weib in seine Arme zu schließen ... das Weib des vertrauenden Mannes, des Vorgesetzten, des Kameraden ... Und er wußte es wohl: die Glut all dieser verschwiegenen Kämpfe hatte er seinem Werke eingehaucht ... Er wußte: es war sein bestes geworden.
Und hatte Agathe das nicht herausgefühlt -- nicht ahnend empfunden -- selbst aus dem schattenhaften Abbild seines Werkes, das sie allein erst kannte?!
Und warum mußte er dieser letzten Sekunde des heißen Kampfes, des schmerzvoll bittern Sieges gedenken ... in diesem Augenblick ... im Arme des Mädchens, das er sich zur Kameradin seines Lebens, zur Friedenbringerin seines Herzens erkoren?
Sie hatte ihn nicht gebracht ... den ersehnten Frieden ... Ob er wohl kommen würde, wenn er sie einmal ganz sein eigen nennen durfte?
An diese Hoffnung wollte er sich anklammern.
Achtes Kapitel.
Und nun saß Martin Flamberg inmitten des glänzenden Kreises des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande und seiner Damen im kerzenhellen Kasino vor dem Vorhang, hinter dem das Festspiel sich entrollen sollte.
Wirklich eine stattliche Versammlung.
Zu den Offizieren des Regiments hatte sich ein größerer Zuzug fremder Uniformen gesellt, deren Träger dem Regiment nahe standen.
Voran natürlich der Brigadekommandeur mit seinem Stabe, ferner der Bezirkskommandeur mit seinem Adjutanten, dann eine Anzahl glatzköpfiger, weißbärtiger Herren, pensionierter Generale und Stabsoffiziere mit redseligen Gattinnen und leise verblühenden Töchtern; denn die Villenvorstadt der Garnison war eine vielbegehrte Pensionopolis. Auch sämtliche in erreichbarer Nähe wohnenden inaktiven und Reserveoffiziere des Regiments hatten sich eingefunden.
Zu den Waffenröcken, die bei den ältern Herrn von einem bunten Ordensgeflimmer erhellt waren, gesellte sich ein lichtfarbiger, gleißender Damenflor.
Allerdings, die Gattin des Brigadekommandeurs hatte sich entschuldigen lassen in taktvoller Rücksicht auf Frau Baronin von Weizsäcker; galt doch der Kommandeuse das ganze heutige Fest, soweit es als ein gesellschaftliches Ereignis ausgestaltet war. Und so hatte die Frau Generalin sich zurückgehalten, damit die Gattin des Regimentskommandeurs die Ehren des Abends unverkürzt als erste genieße.
Von den Stabsoffizieren war der trunk- und wetterfeste Oberstleutnant Rautz Junggesell, der hagere, unnahbare Major Blasberg seit fast zwei Jahren Witwer.
So bildeten die spinöse Frau von Sassenbach, die ihre bürgerliche Geburt durch sehr starke Betonung aristokratischen Wesens zu verdecken suchte, und die aus uraltem Adel stammende, rundliche Frau von Czigorski, die mit ihrem Manne in lautem und bourgeoisem Wesen wetteiferte, die nächste Umgebung der Frau Oberst.
Die Gruppe dieser drei Damen war der Mittelpunkt der Weiblichkeit. An sie gliederte sich auf der einen Seite die Schar der meist schon etwas greisenhaften Gattinnen der Pensionierten, auf der andern Seite die der jungen Frauen der Hauptleute und Oberleutnants und endlich eine ganze Schar junger Mädchen, teils Offizierstöchter, teils geladene Freundinnen der letztern aus der Stadt.
Im großen Saale waren die Stuhlreihen gestellt. Die Bühne war in der Veranda aufgeschlagen, die große Glastür ausgehoben, ihr Rahmen bildete das Proszenium.
Hinterm Vorhang harrte der einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen, aufgeregt wie nur je ein dramatischer Dichter am Abend seiner Premiere an einer Weltstadtbühne, selbstverständlich wieder in Dienstanzug und »Porzellanbuchsen«, Regisseur und Inspizient in einer Person.
Neben ihm saß als Souffleur der jüngste Leutnant Carstanjen, sehr ungnädig über dies Kommando, das ihn für eine Stunde dem Flirt im Saal entzog.
Im Augenblick, als Hans Friesen das erste Glockenzeichen geben wollte, fiel sein Blick seitwärts, wo plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, der Gefreite Manes seiner Kompagnie stand, schlotternd vor Befangenheit, im Drillichanzug, mit der schwarzen Gefreitenschnur um den Jackenkragen, die zerknüllte Feldmütze in der Hand, ganz geblendet von den paar Strahlen Festglanz, die seine weit aufgerissen starrenden Augen erhascht hatten. Er machte dem Unteroffizier hilflose Winkzeichen.
»Haben Sie was für mich, Manes?«
»Jawohl, Herr Unner'ffzier ... ene Zettel vom Herr Feldwebel!«
Voll düsterer Ahnung nahm Hans den Wisch, entrollte ihn und las: »Morgen früh fünf Uhr zur Aufsicht beim Umbau von Schießstand 5. Düfke, Feldwebel.«
Aha, der Neid der Götter! -- Hol's der Teufel!
In der Eile betete Hans Friesen das Register sämtlicher Flüche her, die er während seines Dienstjahres aus dem Munde der Kapitulanten seiner Kompagnie vernommen hatte.
»Na, Manes, stehen Sie noch immer da? -- Sagen Sie dem Herrn Feldwebel einen schönen Gruß von mir, und er könnte --«
Es war doch geratener, den Rest zu verschlucken ... das Dusseltier war imstande, die Bestellung auszurichten ...
O welche Lust, Soldat zu sein --!
Auf einmal klang eine weiche Stimme neben ihm: »Guten Abend, Herr Friesen!«
Herrgott, Molly von Sassenbach als »Friede«.
Mein Himmel, wie schön ... wie unsagbar schön das Mädchen aussah! Zwar das rote Griechengewand, das sie trug, paßte eigentlich verflucht wenig zu ihrer Mission; aber an dem goldenen Palmenzweig, den sie im Arme hielt, konnte man ja bei einigem guten Willen immerhin erkennen, was sie vorstellen sollte.
»Fühlen Sie, wie ich zittere!« Sie hielt ihm die kleine, duftige Hand hin.
»Das nennt man Lampenfieber!« scherzte er gezwungen.
»Wie schade, nun sind die Proben zu Ende!«
»Jawohl ... und übermorgen geht's fort ... und ich seh Sie nicht mehr wieder ...«
»Kommen Sie denn nicht noch einmal zurück in die Garnison?«
»Das wohl ... vierzehn Tage, um das Offiziersexamen zu machen! -- Aber dann -- dann sind Sie wieder das Majorstöchterlein ... und ich der simple Kommißknote ...«
»Aber Sie kommen doch zum Frühjahr zur Übung ins Regiment?!«
»Ach -- im nächsten Frühjahr! ... Das ist eine Ewigkeit --!«
»Herr Friesen, ich will Ihnen etwas anvertrauen: vielleicht sehen wir uns doch schon früher wieder -- -- nämlich ... das Manöver ist doch im Hunsrück ... und -- --«
In diesem Augenblick stürzte der Leutnant Carstanjen, der inzwischen auf der Bühne mit Frau von Brandeis und Nelly geschwatzt hatte, heran und rief: »Donnerwetter, Friesen -- machen Sie doch los --!«
Zähneknirschend gab Hans Friesen das Klingelzeichen ... und der Vorhang flog in die Höhe ...
Alles klappte vortrefflich.
Zwar Martin Flambergs Malerauge stand Qualen aus, als er die Farbenzusammenstellungen an Kostümen und Dekorationen sah ...
Leutnant Blowitz, der »für die Regie verantwortlich zeichnete«, hatte sich törichterweise nicht entschließen können, die Unterstützung des doch im Regiment vorhandenen Malers heranzuziehen. Wozu von der Anerkennung der Vorgesetzten und ihrer Damen noch etwas auf einen Herrn fallen lassen, der in drei Wochen wieder nach Hause ging ...? Das konnte doch in der Familie bleiben ... das konnte man ja selber verdienen ...
Die Folgen waren schrecklich.
Frau Cäcilie natürlich sah so blendend schön aus, wie ihr Kostüm und ihre Frisur geschmackvoll und sachgemäß waren, aber die Majorsmädels in ihren roten und lila allegorischen Kostümen aus dem Maskenverleihgeschäft, und vollends Leutnant Blowitz als »Krieg« in einer Rüstung, die ein Mittelding zwischen einem mittelalterlichen Ritterharnisch und einem griechischen Heroenpanzer darstellte und aussah, als sei sie aus Trümmern von Konservenbüchsen zusammengenietet ... geradezu schaudervoll!
Die Dekorationen zu den lebenden Bildern hatte ein kundiger Thebaner von Anstreichergehilfen, den Blowitz unter den Füsilieren der dritten Kompagnie ausfindig gemacht, nach dem Muster der berühmten Gemälde im Offizierkasino zusammengepinselt.
Vor diesen fragwürdigen Hintergrund hatte Blowitz die lebenden Bilder gestellt, so gut er's verstand.
Er war nicht ungeschickt in solchen Veranstaltungen. In seinem frühern Regiment war er vereidigter Festarrangeur gewesen ... und das hatte ihm den Rücken gesteift gegen die Versuchung, den Sachverständigen heranzuziehen, der zur Hand gewesen wäre.
Na, es ging auch so. Und jedenfalls -- das Publikum war von der Leistung, die auf dem eigenen Holze des Regiments gewachsen war, vollkommen zufriedengestellt.
Und als schließlich im letzten Bilde die Gipsbüste Seiner Majestät erschien, von den flackernden und knisternden Flammen zweier bengalischer Feuerwerkskörper beiderseits angestrahlt, umgeben von einer Huldigungsgruppe von Soldaten und allegorischen Jungfrauen -- da erhoben der General und der Oberst sich mit einem klirrenden Ruck von ihren Stühlen, die ganze Zuschauerschaft folgte, die Regimentsmusik schmetterte die Kaiserhymne, und in heller Begeisterung vermischten sich die hellen Stimmen der Damen mit den dröhnenden der Offiziere.
Dann tönte lauter Applaus ... der Vorhang über dem lebenden Bilde öffnete sich zum zweiten Male ... und nun rief der General mit schallender Stimme in den Saal: »Seine Majestät, unser allergnädigster Herr -- Hurra -- Hurra -- Hurra!«
Die Fensterscheiben klirrten ... die Damen winkten mit der Hand und schwenkten ihre weißen Schals ... die Musik gab im Tusch das Letzte ihrer Lungenkraft her ... es war ein Getöse, als solle der jüngste Tag anbrechen ...
Und abermals dröhnender Applaus ... die Darsteller verneigten sich ...
Aus den Reihen der jüngern Offiziere tönten laute Rufe: »Blowitz -- Blowitz --!«
Die Gruppe schob den »Krieg« in den Vordergrund ... er verneigte sich, hold errötend unter seiner Schminke ... immer und immer wieder ...
In der Ecke hinter dem Vorhang aber stand im Ordonnanzanzuge der Festspielpoet ... Um ihn kümmerte sich kein Mensch, selbst Molly von Sassenbach hatte ihn ganz vergessen ...
Oder ob auch sie das Gefühl hatte, daß es ein wenig stilwidrig wirken würde, wenn in diesem Augenblick ein Unteroffiziersrock und ein Paar »Porzellanbuchsen« im Vordergrunde des Bildes erschienen ...?
Erst als nun der Vorhang zum letzten Male gefallen war und die Mitwirkenden in glückseliger Erregung, froh des stolzen Gelingens, laut plaudernd und schwatzend in die als Garderobenräume eingerichteten Korridore abströmten, gewahrte Molly plötzlich den unglücklichen Einjährigen in seiner Ecke: »Herrgott -- Sie haben wir ja ganz vergessen -- --! Na -- das ist 'ne schöne Bescherung --!«
»Poetenlos -- gnädiges Fräulein!«
»Na warten Sie -- nachher wird der Oberst sicher mit Ihnen sprechen -- und dann -- dann tanzen wir zusammen, wir zwei -- nicht wahr, Herr Friesen?!«
Aber Mollys Prophezeiung erfüllte sich nicht, wenigstens nicht in ihrem ersten Teil.
Zwar hatte Hans Friesen eine offizielle Einladung zum Fest bekommen. Er hatte heimlich gehofft, als Festspielpoet bei den Mitwirkenden des Abends seinen Platz zu finden.
Aber als er in den nun wieder hell erleuchteten Speisesaal trat, da kümmerte sich kein Mensch um ihn, und er drückte sich eine Zeitlang, völlig unbeachtet, in der gräßlichsten Stimmung an den Wänden herum.