Part 8
Und mit peinlicher Überraschung ward nun Frau von Sassenbach die stumme Beobachterin eines Gesprächs über Gegenstände, die in ihrem Salon noch niemals verhandelt worden waren ...
Was war das ... Nelly glühte ja bei der Unterhaltung mit diesem langstelzigen Herrn, wie sie kaum je im Ballgespräch mit einem ihrer Verehrer geglüht hatte ...
»Erinnere dich, Nelly, daß wir heute mittag bei Frau von Czigorski zu Tisch gebeten sind! es wird Zeit, dich umzukleiden!«
Der Besucher verstand. »Ich darf die Damen nicht länger aufhalten!«
»Ich hoffe, Sie werden mir noch mehr von Schiller erzählen, Herr Frobenius,« sagte das Mädchen, indem es sich erhob.
»Ich fürchte,« meinte Frobenius, »dazu wird kaum Gelegenheit sein!«
»Aber gewiß! -- erstens sehen wir uns doch nächstens auf dem Regimentsfest -- und zweitens werden wir doch hoffentlich bald einmal das Vergnügen haben -- nicht wahr, Mama? -- Herrn Frobenius bei uns zu sehen!?«
»Ich hoffe das gleiche,« sagte Frau von Sassenbach in einem Ton, der wenig mit dem Inhalt ihrer Worte stimmte ..
»Leben Sie wohl, Herr Frobenius, und seien Sie nochmals bedankt ... ja ... seien Sie bedankt ...! Auf Wiedersehn, Herr Frobenius!«
Beim Aufstehen kamen Beine und Säbel abermals in Konflikt.
Was tat's! -- -- Auf Wiedersehn! hatte sie gesagt -- auf Wiedersehn -- --
* * * * *
In dem Kreise der Gleichgültigen und Zurückhaltenden, in dem Frobenius sich bewegte, hatte er, ohne es zu wissen und zu ahnen, einen geschworenen verbissenen Feind.
Major von Sassenbach hatte sich beim Hauptmann Goll genau nach den Umständen erkundigt, unter denen der Reitunfall des Landwehroffiziers zustande gekommen war.
Goll hatte ihm erzählt, wie besorgniserregend sich der Gaul bereits auf dem Kasernenhof benommen -- wie er sich dann beim Ausreiten zum Exerzierplatz zur Ruhe gegeben habe, beim Klang der ersten Schüsse aber plötzlich wie wahnsinnig geworden und nach kurzem Widerstande seines Reiters in besinnungsloser Karriere mit ihm davongerast sei.
Der Major hatte sich erinnert, daß Leutnant von Finette ihm erzählt, es handle sich um ein notorisch verdorbenes Pferd, und er hielt sich für verpflichtet, festzustellen, wie es zusammenhängen mochte, daß die Verwaltung des Tattersalls einen solchen Schinder einem Offizier zu dienstlicher Verwendung an die Hand zu geben gewagt habe.
Zufällig kam er in den nächsten Tagen an der Reitbahn vorbei, suchte den Direktor auf und beschwerte sich sehr energisch.
Der schien untröstlich, ließ sofort den Stallaufseher kommen. Dieser war sehr erstaunt, daß ihm eine Rüge zugedacht war; just dieses Pferd sei ausdrücklich verlangt worden.
Von wem denn?
Ja, das wisse er nicht mehr. Er müsse in der Liste nachsehen.
Er kam zurück, meldete: der Bursche des Oberleutnants Menshausen habe das Pferd bestellt -- anzuschreiben für Herrn Leutnant der Landwehr Frobenius.
Nun wußte der Major genug.
Er sprach dem Direktor der Reitbahn sein Bedauern über das Mißverständnis aus, empfahl sich und überlegte ...
Was tun? -- Offenbar hatte der kaltherzige Geselle, den der Major ohnedies nicht leiden konnte, dem harmlosen Landwehrfritzen einen infamen Streich gespielt -- Was war nun anzufangen --? Frobenius Mitteilung machen --? Aber dann mußte es ja Mord und Totschlag geben -- -- Nein -- er wollte sich den intriganten Herrn privatim vorbinden.
Bei nächster Gelegenheit stellte er Menshausen: »Herr Oberleutnant, Ihr Bursche hat am vergangenen Donnerstag vormittag im Tattersall ein Pferd abgeholt -- war das für Sie oder für jemand anders?«
Das fahlbraune Gesicht des Oberleutnants wurde noch um einen Ton fahler ... die aufgedrehten Schnurrbartspitzen zuckten leise ... »Das war -- für jemand anders, Herr Major!«
»Für wen denn?«
»Für den Leutnant der Landwehr Frobenius!«
»Wie kamen Sie dazu?«
»Der Bursche des Herrn Frobenius wußte noch nicht Bescheid im Tattersall!«
»So -- und da haben Sie ihm also freundlicherweise den Ihrigen zur Verfügung gestellt?«
»Zu Befehl, Herr Major!«
»Und -- wie war es denn möglich, daß der Bursche mit dem notorisch unbrauchbaren und gemeingefährlichen Viech angezogen gekommen ist?«
»-- -- Woher soll ich das wissen, Herr Major!? -- ich bedaure das selbst aufs lebhafteste -- ist eben 'ne kolossale Schweinerei von den Stallburschen im Tattersall.«
»Hm -- also ~Sie~ hatten dem Burschen keine Anweisung gegeben, welches Pferd er bringen solle?«
»Ich, Herr Major? -- --«
In diesem Augenblick stieg eine dunkle Welle in das schnauzbärtige Antlitz des Stabsoffiziers ... die starken Kinnmuskeln begannen mächtig zu arbeiten ... zwischen den zusammengepreßten Lippen drang keuchend der Atem hervor und blies die lang herabhängenden grauen Schnurrbartborsten in die Höhe ...
Herrgott, der Major wußte Bescheid! -- Wie? -- das mochte der Teufel wissen --!
»Ich bitte ganz gehorsamst um Verzeihung, Herr Major -- ich habe die Unwahrheit gesagt --«
»Das heißt: Sie haben mich unverschämt belogen, Herr! -- Frech und schamlos belogen haben Sie mich!!«
»Herr Major, ich muß ganz gehorsamst bitten --«
»Gar nichts bitten müssen Sie ... Soll ich Sie dem Ehrenrat melden --?! Wissen Sie, was dann mit Ihnen passiert?!«
Totenblaß, mit bebenden Lippen stand Menshausen vor dem Vorgesetzten ... die weißbehandschuhte Rechte am Mützenschirm flatterte hin und her ...
»Haben Sie gewußt, daß der Herr von der Landwehr keinen Schimmer vom Reiten hatte?«
»Nein, Herr Major -- ich habe ihn erst am Tage vorher beim Mittagessen kennen gelernt.«
»Na, und da haben Sie ihm nicht auf den ersten Blick angesehen, daß er nicht der Mann ist, einen solchen Racker zur Räson zu bringen?!«
Menshausen schwieg.
»Geben Sie also zu, daß Sie sich einer Infamie schuldig gemacht haben?«
»Herr Major --!«
»Geben Sie's zu --?! Oder wollen Sie's vom Ehrengericht bescheinigt haben?! -- Nicht nur, daß Sie sich skandalös unkameradschaftlich benommen haben ... Sie haben ein Menschenleben in Gefahr gebracht ... Na, und Sie wissen ja auch, wem Sie's zu verdanken haben, daß Sie nicht als fahrlässiger Mörder dastehen --! Genügt Ihnen das nicht, um einfach in den Boden zu sinken, Sie -- --? Also noch einmal: geben Sie zu, daß Sie sich ganz unqualifizierbar benommen haben -- geben Sie's zu --?«
»Es -- es -- -- soll nicht wieder vorkommen, Herr Major!«
»Ich denke in diesem Augenblick daran, daß Ihr verstorbener Herr Vater ein Kriegsschulkamerad von mir gewesen ist ... dazu können Sie sich gratulieren ... sonst -- -- Aber ich werde Sie im Auge behalten, Herr Oberleutnant -- verlassen Sie sich darauf! Danke --!!«
-- -- Für diese Stunde hatte Menshausen Rache geschworen.
Ohne daß Frobenius eine Ahnung davon hatte, umlauerte Menshausen seinen ganzen Lebenswandel, dienstlichen und außerdienstlichen ... Irgendwo würde man schon etwas finden, wo man hinterhaken könnte ...
Es war ja doch auch reinweg zum Verrecken ... immer kam aller Ärger von den verdammten Gehirnfatzken, die dem ehrlichen Soldaten hier in seine Arbeit hineinkorksten ...
Vor wenig Tagen hatte er draußen bei der Felddienstübung wegen des versedrechselnden Einjährigen einen Riesenanriß besehen ... und nun diese gottverfluchte Schweinerei, die ihn das Wohlwollen seines Bataillonskommandeurs gekostet hatte! --
Das sollte nicht vergessen werden --!
* * * * *
Während die Reserveoffiziere sich bei den höhern Vorgesetzten lediglich dienstlich zu melden hatten, war es üblich im Regiment, daß sie ihrem Kompagniechef noch einen gesellschaftlichen Besuch in dessen Wohnung abstatteten; bei den verheirateten Herren pflegten sie aber zwei Karten nur dann abzugeben, wenn sie dazu besonders aufgefordert wurden.
Das lag ja bei Martin Flamberg vor ...
Eines Morgens nach dem Dienst warf er sich in Besuchsanzug, um Frau von Brandeis seine Aufwartung zu machen.
Er hatte, wie täglich bei der Rückkehr von der Kaserne, ein zärtliches Briefchen seiner Braut vorgefunden, und während er sein zweites Frühstück verzehrte, überlas er, ein stilles Lächeln um die Lippen, die beglückenden Zeilen ...
Agathe richtete zurzeit daheim das eheliche Nest ein und meldete freudestrahlend, daß die Saloneinrichtung aufgestellt sei ...
»Auch noch für ein anderes Zimmer sind die Möbel angekommen. Denk dir selbst, du Schlimmer, für welches!«
Ach, du süßes, süßes Mädel! ... Herrgott, nur sieben Wochen noch! --
Er schob den Brief in den Ärmel seines Überrocks und machte sich auf den Weg.
Eine Weile noch spann seine Phantasie die holdseligen Träume weiter. Dann aber begannen sich seine Gedanken mit dem Ziel seines Besuches zu beschäftigen.
Er hatte genug im Regiment von Frau von Brandeis gehört, um zu wissen, daß er einem nicht ganz gewöhnlichen Erlebnis entgegengehe.
Niemand wollte so recht begreifen, wie Herr von Brandeis an diese Frau gekommen war.
Ein liebenswürdiger Herr von tadellosen Manieren, einigem Unterhaltungstalent und auch von durchschnittlichen militärischen Fähigkeiten.
Daß er allerdings einmal im Schießen mit seiner Kompagnie den Kaiserpreis davongetragen, das schrieb man weniger seinen eigenen Bemühungen zu, als der Tüchtigkeit seines Kompagnieoffiziers, des nunmehrigen Regimentsadjutanten, Oberleutnant von Schoenawa. Und so mißgönnte man ihm ein klein wenig den Roten Adlerorden vierter Klasse, den er diesem glänzenden Schießresultat seiner Kohorte verdankte.
Was man aber als ganz und gar wohlverdient ansah, das waren die zahlreichen Frühstücksorden, die ihm zuteil geworden waren, wenn er das Regiment bei Fürstenbesuchen und Hoffestlichkeiten zu vertreten hatte; denn seine Repräsentationstalente waren beträchtlich, und Englisch und Französisch sprach er wie seine Muttersprache.
Aber das alles waren doch keine Qualitäten, die Anspruch auf die Gunst einer Dame, wie seine Frau war, gewährten!
Frau Cäcilie war vor anderthalb Jahren dem Regiment wie ein Stern aufgegangen ...
Jeder kannte die Höhe ihrer Mitgift und wußte, daß sie auf ein noch ganz anderes Vermögen Anwartschaft hatte, wenn sie einmal ihre noch recht rüstigen Eltern in Wiesbaden beerben würde.
Inmitten eines Offizierkorps, dessen Angehörige weder von Hause aus noch im großen und ganzen infolge ihrer ehelichen Verbindungen durch namhafte Vermögen ausgezeichnet waren, gab soviel Geld immerhin die Folie des Außergewöhnlichen.
Aber mehr noch als diese äußeren Güter war es der Ruf ihrer eigenartigen Schönheit, ihres Geistes und ihrer Talente, was sie hoch über das Durchschnittsniveau der im Regiment vertretenen Weiblichkeit heraushob und die erstaunte Frage berechtigte, wie eine solche Dame sich mit einer glatten Mittelmäßigkeit wie Fritz von Brandeis habe begnügen können! --
Es herrschte in den gesellschaftlichen Beziehungen der Herren des Regiments zu seinen Damen im allgemeinen ein ausgezeichneter Ton. Die Frauen und Töchter der Kameraden galten auch den ausgesprochensten Don Juans als Tabu.
Um die schöne Frau von Brandeis aber, die Tochter der Künstlerstadt, wehte es wie ein geheimnisvoller Hauch von Seltsamem ... geheimnisvoll Lockendem ... der sie aus der Schar der bieder korrekten Frauen und Mädchen heraushob, die man sonst an der Seite der Kameraden zu sehen gewohnt war ...
Und die keckern unter den jüngern Herren hatten denn auch in aller Vorsicht einmal Fühler ausgestreckt -- aber sie waren rasch und gründlich enttäuscht worden --
Frau von Brandeis war eine ebenso tadellose wie zärtliche Gattin --
Oberleutnant Menshausen, der Abgott aller Nähmädchen und Ladenmamsells der Garnison, hatte im Vertrauen auf eine nicht unbeträchtliche Reihe von Erfolgen auf gefährlichen Gebieten einmal einen etwas schärfern Ansturm riskiert ... aber die schöne Frau hatte ihm in einer Weise heimgeleuchtet, die ihm ein für allemal den Mut zu weitern Versuchen benommen hatte.
Von alledem hatte Martin Flamberg in den letzten Tagen im Kasino genug gehört, um mit einiger Spannung seinem heutigen Erlebnis entgegenzusehen ...
Nun, er war ja abgehärtet ... mochte Frau von Brandeis immerhin ein kleines Wunder sein ...
Wenn er die Reihe strahlender Schönheiten an sich vorüberziehen ließ, die im vergangenen Sommer seinem Pinsel gesessen hatte, so brauchte er nicht zu befürchten, in Versuchung zu kommen ... Agathe konnte ganz ruhig sein! --
Sein erster Eindruck war eine gewisse Enttäuschung ... Unwillkürlich hatte er sich ein Bild der vielberedeten Erscheinung gemacht ... groß -- königlich -- brünett ... Nun war sie einen Kopf kleiner als er selbst, von rötlich-braunem, flimmerndem Haar, zarten Farben, lebhaftem, etwas unruhigem Auge ... Gewiß ein sehr anmutiges Geschöpf ... aber für ihn, den Verwöhnten, doch nichts Außergewöhnliches ...
Mit großer Lebhaftigkeit leitete Frau Cäcilie das Gespräch ein: »Ich entsinne mich sehr wohl, Herr Flamberg, Ihnen einmal in Gesellschaft begegnet zu sein!«
»Ah, bei Kommerzienrat Trinkaus, nicht wahr, meine Gnädigste?«
»Gewiß, bei Trinkaus. Ich weiß noch, Sie haben einen auffallend schlecht sitzenden Frack getragen ... Daran hab ich gleich gemerkt: der muß was Besonderes sein ... Wenn einer bei Trinkaus so schlecht angezogen herumlaufen darf, das ist sicher ein Genie ...«
»Stimmt, stimmt!« lachte Flamberg, »gepumpt für zwei Mark fünfzig!«
»Heute scheinen Sie etwas mehr auf Schneider zu halten!?«
»Geschäftssache, gnädige Frau! -- Ein gewisses Publikum glaubt nur an Künstler, die in erstklassigen Ateliers arbeiten lassen können!«
»So -- und das können Sie also!?«
»Man schlägt sich so durch, gnädige Frau!«
»Ich glaub's ... Sie müssen nämlich wissen, Herr Flamberg, ich war diesen Juni mit meinem Mann auf Urlaub in Berlin ... Da hab ich Ihre zwei Bilder in der Sezession gesehen ... Wissen Sie, was mein Mann damals zu mir sagte? Du, so ein Bild möcht ich von dir haben!«
Aha -- dachte Martin Flamberg, darauf will's also hinaus ...
»Ich beneide Sie!« fuhr die schöne Frau fort, »ich beneide euch Künstler überhaupt!«
»Beneiden? -- um was?«
»Wie soll ich sagen -- Sie sitzen hier friedlich und plaudern oder strampeln draußen auf der Heide herum und führen Ihren Zug ... und derweile reisen Ihre Bilder in der Welt herum ... reden zu Tausenden, was für ein Kerl Sie sind ... Ist das nicht beneidenswert? -- Ich möchte es -- die Fernwirkung Ihrer Persönlichkeit nennen!«
»Ach, gnädige Frau, mich dünkt ... viel beneidenswerter als solche Fernwirkung, von der man schließlich doch nichts hat ... viel beneidenswerter muß die Nahwirkung sein, die eine schöne Frau ausübt.«
»Ach je, die Nahwirkung ... auf wen denn? ... Wen hab' ich denn, um ›nahzuwirken‹? Die Stabsoffiziere ... grämlich ... früh verbraucht -- die Hauptleute ... dienstgehetzt -- dazu die streberhaften Oberleutnants und die ungaren Leutnants ...«
»Sie urteilen sehr hart, gnädige Frau ... Diese Herren sind doch die Kameraden, die Berufsgenossen Ihres Gatten.«
»Ums Himmels willen, hab ich mir mal wieder den Mund verbrannt!? -- Na, das bleibt doch unter uns, nicht wahr, Herr Flamberg?«
»Selbstverständlich! -- Nun ja ... ich kann's mir schließlich vorstellen ... Sie kommen aus so ganz andern Kreisen ... Aber ich meine, auch Ihnen müßte das doch imponieren, diese unermüdliche, opferfreudige Kleinarbeit, die hier geleistet wird!«
»Kleinarbeit ... ja wahrhaftig, Kleinarbeit!«
»Aber eine sehr wichtige und nützliche Arbeit! -- Flößt Ihnen das denn keinen Respekt ein?«
»Respekt -- o ja!«
»Und schließlich -- was geht Sie am Ende das Milieu an, in dem Sie leben? -- In einer Häuslichkeit wie dieser ... an der Seite eines liebenswürdigen, ritterlichen Gatten, wie der Ihre ist ...«
»O ja!«
Schon wieder dies »O ja!« -- Dies »O ja!«, das er so gut kannte! --
Das kam ja immer zuerst, wenn eine verheiratete Frau zu kokettieren begann ... dies korrekt sich stellende, zugleich aber leises Bedauern, heimliche Enttäuschung andeutende »O ja« über den Gatten -- --
Äh ... sie waren doch alle gleich ... alle, alle versuchten sie dies ewig gleiche, langweilige Spiel ... dies Spiel, das eben doch nichts weiter war und bleiben sollte, als ein Spiel ... ein Flirt ... eine inhaltlose Sensation!
Ein ernsthaftes Abenteuer -- ach, dazu waren sie ja doch fast alle zu feige ... zu satt und zufrieden am Ende in ihrem warmen Nest ... aber sich einen Flirt versagen zu können ... dazu waren sie doch wieder alle zu unausgefüllt ... zu unvornehm ... zu charakterlos ...
Gräßlich, dies frivole, ziellose Spiel mit den heiligsten Dingen ... mit Treue und Leidenschaft ... Wie rasch man das durchschaute ... wie rasch der pikante Reiz der ersten derartigen Erlebnisse verweht war ... und dann widerte es einen nur noch an ... Also von der Sorte war auch diese da ...!
Fast brüsk brach er auf und empfahl sich.
»Wir hoffen, Sie nächstens bei uns zu sehen, Herr Flamberg!«
Klischee, Klischee -- -- Und so etwas galt im Offizierkorps als eine Art höheres Wesen --
Schade -- ein hübsches Bildchen hätte sie schon abgegeben: die schwermütigen braunen Augen unter der weißen Stirn, mit dem rostfarbenen, straffen Haarkranz darüber und ... Eine feine Schulterlinie hatte sie gewiß auch ... Der Unterarm, die feine, nervöse Hand ... Das war vielversprechend gewesen --!
Ausführlich und sehr lustig berichtete er an Agathe.
* * * * *
Schon einige Tage später konnte Martin Flamberg sich überzeugen, daß sein Künstlerauge recht vermutet hatte.
Drei Tage nach seinem Besuch lud ihn ein silbergraues Kärtchen zu einer Abendgesellschaft in kleinem Kreise ... ein Kärtchen, bekritzelt mit einer seltsamen Handschrift: feste Auf- und Abstriche, doch umschwirrt von einem kapriziösen Gewirr hin- und herfahrender Schnörkel ... links oben in der Ecke ein Doppelwappen, vermutlich das Adelswappen derer von Brandeis und das bürgerliche der alten Düsseldorfer Patrizierfamilie, aus der die junge Frau hervorgegangen ... Freilich! sie konnte es sich leisten, das Wappen ihrer Sippe neben dem adeligen aufzupflanzen ...
Er führte die Frau des Hauses zu Tisch -- -- Außer ihm: Major von Sassenbach mit Frau und Töchtern, Oberleutnant von Schoenawa und Leutnant Blowitz.
Heute sah er sie ganz anders.
Die drei andern Damen, die Offiziere, nicht zuletzt der Gatte, gaben dieser Frau eine Folie, die sie seltsam hob ... In dieser Umgebung, wahrhaftig, erschien sie wie ein hinverwehtes Wunder.
Aller Augen hingen an ihr; sie beherrschte die Unterhaltung.
Spießbürgerliche Mißbilligung lag auf dem spitzen Gesicht der Frau von Sassenbach ... rötete ihre Nase ... ließ ihre grauen Augen in frostigem Pharisäertum funkeln ...
Die stattlichen Majorsmädel verschlangen die elegante junge Frau in naiver Bewunderung ...
Leutnant Blowitz, ein braver Junge, huldigte ihr mit knappenhafter Ergebenheit ...
Schoenawa, ein kalt beherrschter Energiemensch, verfolgte jede ihrer Bewegungen mit verschlossenem, finsterm Ernst ... Nur zuweilen flimmerte in seinen frostigen schwarzen Augen ein heißer Strahl; der verriet Martin Flambergs geschultem Malerauge: auch dieses Mannes Seele, soviel er davon besitzen mochte, stand im Banne der Hausherrin ...
Ihr Gatte glänzte übers ganze Gesicht vor demütig anbetender Bewunderung, vor Glück und Stolz, der legitime Besitzer so vieler Herrlichkeit zu sein ...
All diese Verehrung, diese teils freiwillige, teils widerwillige Bewunderung steckte den Maler an.
Und wirklich ... sie sah strahlend aus ... sie trug eine fraisefarbene Seidenrobe, überrieselt von einem bronzefarbenen Spitzengewirk ... Der Ausschnitt ließ eine Schulterlinie von adeliger Zeichnung frei, den Hals mit leisem Rosa angetönt ... ihn umzog ein dünnes goldenes Kettchen mit einem smaragdgrünen Darmstädter Glasschmuck ... Für Maleraugen ein Fest ...!
Das sprach er nach Tisch bei der Zigarre dem Hauptmann aus.
Der griff die Andeutung rasch und gewährungsfreudig auf.
Martin merkte, er war einem geheimen Wunsch seines Kompagniechefs entgegengekommen ...
Und zwei Tage später stand der Maler im Wintergarten der Villa Brandeis mit Pinsel und Palette der Hausherrin gegenüber. Flamberg hatte sich ein förmliches Atelier zwischen den Palmen und Skabiosen improvisieren dürfen. Als Hintergrund hatte er eine spanische Wand aufgestellt und eine blaßrosa Sammetdecke darüber aufgehängt, die er in einem der Salons entdeckt hatte.
Er selber trug über der grauen Litewka eine grobe blaue Küchenschürze, die Frau Cäcilie persönlich unter Lachen und Scherzen ihm umgebunden ...
Und nun durfte er sie ungeniert und gründlich betrachten, wie sie vor ihm im Sessel lehnte in dem Kostüm von neulich, das er sich ausgebeten hatte ... in der fraisefarbenen Seidenrobe mit dem rieselnden Gewirk bronzener Spitzen ... mit dem geraden Ausschnitt, der die herrliche Schulterlinie enthüllte ...
Seltsam war ihr zumute unter dem durchdringenden, enthüllenden Blick der braunen, durstigen Künstleraugen ... Weich ... hingebend ... opferfroh ...
Einmal trat der Maler auf sie zu, um ein paar Falten ihres Gewandes anders zu ordnen ... da durchschauerte es sie ... unwillkürlich schloß sie leise die Augen ... neigte das flimmernde, duftende Haupt zurück ...
Martin Flamberg mußte sich zusammennehmen ... mußte mit Gewalt an seine ferne Agathe denken ...
Und das war nun jeden zweiten Tag ein paar Stunden ... jeden zweiten Tag ...
Manchmal kam Hauptmann von Brandeis vom Nachmittagsbesuch im Kompagnierevier zurück, steckte, freundlich lächelnd, den Kopf ins »Atelier«, warf einen prüfenden Blick auf die Fortschritte des Abbildes ... einen strahlenden auf das Original ...
Das Lächeln, das diesen Blick erwiderte, ward täglich matter und matter ... Brandeis merkte es nicht.
»Wie finden Sie meinen Mann?« fragte Frau Cäcilie einmal den Künstler.
»Ich bin ihm sehr gut, er ist so eine wahre Natur, durch und durch echt -- so etwas empfinden wir stets als besonders wohltuend -- wir verlogenes, verdorbenes Künstlergesindel, wir --«
»Verlogen und verdorben -- seid ihr alle so --?«
»Alle ... das liegt in unserm Handwerk ... das ganze Leben ist uns ja doch nur ein Vorwand ... alle Menschen sind uns nur Mittel zum Zweck ...«
»Aber zu was für einem Zweck --!«
»Zu keinem schlechten -- das weiß Gott! -- Aber die Menschen, die mit uns umgehen, sind dennoch immer betrogen ... wir nützen sie aus, und sie dürfen's nicht merken ... beileibe nicht ... daß sie uns nichts sind als Modelle!«
»Das sagen Sie -- ein Bräutigam?«
»Das ... steht auf einem andern Blatt, gnädige Frau ...«
»Also doch nicht so ganz Übermensch ... doch irgendwo ein Fleckchen in Ihrem Herzen, wo man sich anbauen kann?! --«
Martin Flamberg malte und schwieg.
»Heut abend bleiben Sie zum Tee bei uns! -- Mein Mann kommt erst um acht Uhr aus der Kaserne zurück -- Sie werden mir inzwischen Gesellschaft leisten, und ich werde Ihnen etwas vorsingen!«
Martin Flamberg atmete tief auf ... »Wer könnte da ›nein‹ sagen --?«
»Ich habe schon lange auf die Gelegenheit gelauert, Ihnen zu zeigen ... ein bißchen Wer bin ich auch ... ein bißchen mehr als all die Kommißgänschen hier herum ... ein ganz klein bißchen pass' ich auch in die Welt, in der Sie heimisch sind --«
-- -- Und Frau Cäcilie saß am Flügel ...
Sie schien zu wachsen, als nun die ersten Akkorde aufschauerten unter den schlanken, nervösen Fingern ...
Nur die Kerzen am Instrument brannten im Zimmer ... warfen gelbe Lichter auf die erdbeerfarbene Seide ... flimmernde Reflexe in die straffe Haarkrone -- darunter schimmerte die weiße Stirn mit mattem Opalglanz ...
Nun öffnete sich sanft der schmale Mund ... und weiche Töne quollen durchs Zimmer:
»Nicht im Traume hab' ich das gesehn, hell im Wachen stand es schön vor mir, eine Wiese voller Margeriten ...«
Martin saß im Halbdunkel. Ah, Straußens »Freundliche Vision« -- die dunkelschwüle Weise, wie sie zu der Stunde paßte ... Martins Seele löste sich ganz ... ein heißes Fluten hub an, wogte und webte durcheinander ...
»Und ich geh mit einer, die mich lieb hat, ruhigen Gemütes in die Kühle dieses stillen Gartens, in den Frieden, der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.«
Mit einer, die mich lieb hat ... Agathe ... Agathe ...