Sommerleutnants

Part 7

Chapter 73,380 wordsPublic domain

Nun kam das Donnerwetter Nummer eins vom Feldwebel. Kaum war das überstanden und der Einjährige entlassen, da lief er draußen seinem Kompagniechef, dem Hauptmann Goll, in den Weg, und das Donnerwetter Nummer zwei prasselte auf seinen sündigen Scheitel nieder.

Ganz begossen schlich er sich auf die Stube, auf der sein Putzer lag, um die feldmarschmäßige Ausrüstung abzulegen.

Da trat ihm, treuherzig schmunzelnd, der wackere Füsilier Zilles entgegen, sein liebster Kamerad unter den Mannschaften: »Herr Unner'ffzier, warum hann Se mich denn nit mitgenomme uff Pattrollje! Dann wär dat Mallör nit passiert!«

»Ja, Zilles, wie sollt ich das anfangen!? Sie stehn doch beim zweiten Zuge, und ich bekam die beiden Flügelgruppen vom ersten! -- Na, nun machen Sie mal schnell, daß ich instand komme: erste Garnitur, Helm und Extrastiefel!«

Einer der ersten Regimentsbefehle des neuen Kommandeurs war der gewesen, daß Unteroffizieren, Einjährigfreiwilligen und Mannschaften das Tragen unvorschriftsmäßiger Extrauniformen außer Dienst verboten sei.

So mußte denn Hans Friesen seinen Besuch bei Frau von Brandeis in seiner bessern Kommißgarnitur bewerkstelligen, dem Waffenrock aus grobem Mannschaftstuch mit dem schmalen, goldbetreßten Kragen, daraus die schwarze Halsbinde fast einen Finger breit hervorschaute. Der Besuchsanzug war dadurch betont, daß die Beine, statt in den sackartigen, weiten, schwarzen Tuchhosen, in den sogenannten »Porzellanbuchsen« steckten, den weißen Paradehosen, die auch nicht viel anders aussahen denn zwei riesige weiße Säcke. Auf dem Kopf den Diensthelm mit dem häßlichen, schwarzen Ledersturmriemen, das ungeschlachte Seitengewehr am gewichsten Dienstkoppel um die Hüften geschnallt ...

So zog Hans Friesen, der Königlich preußische Gerichtsreferendar, Doktor beider Rechte, Poet und Unteroffizier, zur Leseprobe seines ersten Dramas. --

Unterwegs überlegte er, wie er sich nun bei der Hauptmannsfrau zu benehmen hätte. Wahrscheinlich würden Offiziere da sein -- mußte er nun zuerst vor den Offizieren strammstehen oder vorher, ganz Kavalier, die Frau des Hauses begrüßen --?

Das waren Etikettefragen, die in keiner Instruktionsstunde beantwortet wurden ...

Aber wenn Hans Friesen sich erinnerte, daß er heute morgen schon zwei Ungewitter über sich hatte ergehen lassen müssen und heute nachmittag in der Einjährigeninstruktion bei Oberleutnant Menshausen das allertollste noch bekommen würde ... daß die Qualifikation wahrscheinlich doch bereits verratzt sei ...

Da kam eine ungeheure Wurstigkeit über den jungen Soldaten.

Ach, jetzt war schon alles ganz egal ... jetzt wollte er den Offizieren zeigen, was für ein Kerl im Tressenrock steckte ... er wollte sie auf dem Standpunkt völliger gesellschaftlicher Gleichberechtigung behandeln ... mochten sie schimpfen ...! Was konnte ihm noch passieren!

Aber etwas benommen war ihm doch zumute, als er sich im Korridor der koketten Villa unterm elektrischen Licht, das eine zierliche Zofe angeknipst hatte, noch einmal im Spiegel betrachtete ...

Verdammt ruppig sah man doch aus ...!

Wären nicht die schwarz-weißen Schnüre um die Achselklappen gewesen ... und die Schmisse auf Stirn und Wange wer hätte ihn von einem Kapitulanten unterscheiden sollen ...?!

Die Tür flog auf ... da standen drei plaudernde Damen ... ach -- Damen! Wesen aus einer höhern Welt --!

Und mit ihnen im Gespräch drei Offiziere, Hauptmann von Brandeis, Oberleutnant von Schoenawa, der finstere, unnahbare Regimentsadjutant, und Leutnant Blowitz, der einflußreiche Bataillonsadjutant ... Die Herrgötter des Kommißhimmels!

Und nun schlug Hans Friesen doch die Absätze zusammen, daß es knallte, und stand zuerst vor den Offizieren stramm ...

Erst als diese unter Lachen und Entschuldigungen bei der Hausfrau abwinkten, ging er auf die Damen zu und beugte sich auf die duftende Hand nieder, die sich ihm entgegenstreckte ...

»Schau, schau ... so sieht also ein Dichter aus ... den hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt! Aber freilich, Herr Friesen, zu der Königlich preußischen Dienstpoesie, die Sie sich da geleistet haben, paßt Ihr Kostüm ganz ausgezeichnet!«

Hans Friesens braunes Gesicht konnte wohl nicht tiefer sich färben ... aber in die weiße Stirn stieg das heiße Erröten ...

Und nun lachte Hauptmann von Brandeis: »Na, Herr Friesen, wo haben Sie denn eigentlich während des Gefechts gesteckt?«

Die Leutnants lachten ... die Damen lachten ...

Nur eine nicht ... Ein rosiges Mädchengesicht, zwei dunkelblaue Augen lächelten ihn mitleidsvoll aufmunternd an ... die jüngere der beiden Majorstöchter. -- Herrgott, wie gut das tat!

Die Vorstellung war erfolgt, man hatte Platz genommen um den runden Tisch im Salon, und die Hausfrau forderte den Poeten auf, sein Festspiel vorzulesen.

Und mit dem Klang der eigenen Verse überkam Hans Friesen wieder die fröhliche Wurstigkeit, die er sich vorgenommen ...

Teufel ja! Wenn's auch verschlissene Gedanken und konventionelle Vorstellungen waren, die er da zusammengebraut ... die Verse ... wahrhaftig, die konnten sich sehen lassen ...! Das klang und klirrte wie der Schritt marschierender Bataillone ... das grollte und brauste wie rollende Salven und dröhnendes Hurra beim Sturm ... Und war's auch keine himmelstürmende Poesie ... Poesie war's eben doch ... Soldatenpoesie ...

Und er fühlte, wie sie wirkte.

Als er geendigt, konnte er wohl bemerken, daß die Offiziere in ganz verändertem Ton mit ihm sprachen ... Und die Damen lachten auch nicht mehr über ihn ... obwohl er doch heute morgen den richtigen Gefechtsmoment verpaßt hatte ...

Gern ließen sich alle gefallen, daß er als Regisseur nun frei und ungezwungen mit ihnen schaltete.

Ja, der Bataillonsadjutant fand es vollkommen in der Ordnung, daß der Unteroffizier ihn sehr von oben herab zurechtwies, wenn eine verständnislose Betonung unterlief, oder wenn es galt, die an näselndes Schnarren gewohnte Kommandostimme für das Pathos des Kriegsgottes umzufärben ...

Und nun erst die Damen ... wie glühten sie vor Eifer, es dem Dichter recht zu machen ...

Am holdseligsten aber erglühte eine von ihnen ... und ihre veilchenblauen Augen funkelten nicht nur dem Poeten, funkelten dem straffen, feurigen Jüngling ...

Molly hieß sie ...

Hans Friesen ahnte, daß er an diese Molly viele, viele Verse dichten würde ... bessere Verse als die im Festspiel ... echtere ...

Hatte nicht schon einmal ein Poet eine Molly besungen -- --?!

Siebentes Kapitel.

Über dem Leben des Füsilierregiments Prinz Heinrich der Niederlande lagerte die Stille vor dem Sturm ... die satte, friedliche Sommerstille.

Die großen Besichtigungen waren überstanden. Auch die fatalen vier Wochen auf dem Truppenübungsplatz lagen bereits hinter dem Regiment, als die letzte Gruppe der Reserveoffiziere eingerückt war. Und alles rastete nun ein wenig bis zum Beginn der Herbstübungen, in denen die Arbeit des ganzen Jahres, der Ausbildungsgang mit seiner weise berechneten, allmählichen Steigerung der Ansprüche und Leistungen alljährlich gipfelte.

Die stille Zeit vor dem Manöver wurde hauptsächlich durch fleißiges Schießen und durch kleinere und größere Felddienstübungen ausgefüllt. So hatten die Reserveoffiziere über allzu starke dienstliche Inanspruchnahme nicht zu klagen. Von den aktiven Herren waren viele beurlaubt; die übrigen atmeten nach der Schinderei des Frühjahrs und Hochsommers ein wenig auf.

Mit Feuereifer stürzten sich die Beteiligten auf die Vorbereitungen zum Regimentsfest. Alle zwei bis drei Tage fanden nachmittags unter Leitung des Festspielpoeten Proben für die Aufführung statt, entweder bei Frau von Brandeis oder bei der Protektorin des Abends, Frau Major von Sassenbach.

Für Hans Friesen bedeuteten diese Proben eine schattige, blumendurchduftete Oase in der dürren Wüste seines Kommißdaseins ... Er lebte nur noch für diese Stunden ...

Was galt's ihm, daß sein Instruktionsoffizier ihn vor versammeltem Kreise seiner Kameraden für den unfähigsten Tappelhans erklärt hatte, der jemals das Regiment verschimpfiert habe?

Was war ihm daran gelegen, daß sein Feldwebel Düfke ihm die Sonderstellung, die sein Talent ihm den Offizieren gegenüber verschafft hatte, täglich durch um so kommissigere Behandlung vergalt, ihm mit dienstlichen Plackereien, wo es nur irgend möglich war, ins Gedächtnis rief, daß er nicht mehr und nicht weniger sei als eben ein Unteroffizier ...

Mochte er ihn den ganzen Tag und die halbe Nacht schikanieren und kommandieren, soviel er wollte ... die Nachmittagsstunden der Proben mußte er ihm freilassen -- laut Bataillonsbefehl!

Übrigens hatte Hans auch sonst dienstlich schlechte Tage. So gut er von den Offizieren im allgemeinen zurzeit behandelt wurde, die Herren seiner eigenen Kompagnie machten eine Ausnahme.

Da war Hauptmann Goll, ein alter Junggesell und notorischer Weiberfeind, übrigens ein Verächter alles dessen, was nicht königlicher Dienst war ... und der Künste und Wissenschaften noch ganz besonders.

Da war der Oberleutnant Menshausen ... da war endlich auch der Leutnant Quincke, der, im dunkeln Gefühl der überaus mangelhaften Entwicklung seiner eigenen Geistesgaben, jeden mit seiner grundsätzlichen Abneigung beehrte, der irgend etwas leistete.

Da war schließlich auch der gestrenge Bataillonskommandeur. Wenn der auf der Bildfläche erschien, dann konnte der einjährigfreiwillige Unteroffizier Friesen sicher sein, irgendwie »aufzufallen«.

»Auffallen« war nämlich gleichbedeutend mit »unangenehm auffallen« ... dienstlich irgend etwas versehen haben -- die ~gute~ dienstliche Leistung verstand sich von selbst und fiel also nicht auf.

Es war, als ob der Major den unglücklichen Einjährigen im Dienst dafür bestrafe, daß er sich außer Dienst der Gunst der Frau von Sassenbach erfreute.

Ach, wenn Hans gewußt hätte, daß er die unverhohlene Auszeichnung, mit der Frau von Sassenbach ihn behandelte, vor allem dem Umstande verdankte, daß er nach ihrer Auffassung auch nicht im entferntesten als Bewerber um eine ihrer Töchter in Frage kam -- --

Ein bürgerlicher Gerichtsreferendar, der noch nicht einmal die Qualifikation zum Reserveoffizier besaß -- in dem sah auch Mama von Sassenbachs Argwohn nur den harmlosen, völlig ungefährlichen jungen Menschen, der sich mit Wonne nützlich machte beim Arrangement des Regimentsfestes und überaus korrekte Verse von einer vollendeten Loyalität der Gesinnung zu drechseln verstand --

Wenn Hans Friesen das geahnt hätte --!?

Er faßte die liebenswürdige, fast mütterliche Behandlung, welche die Frau Majorin ihm angedeihen ließ, in einem viel schmeichelhafteren Sinne auf --

Und hatte er dazu nicht eine gewisse Berechtigung --?

Denn daß die Nächstbeteiligte -- daß Molly von Sassenbach ihn mit gnädigen Augen ansah ... das durfte er sich in Augenblicken schwellenden Hoffnungsglücks denn doch gestehen ...

Geschehen war ja selbstverständlich eigentlich gar nichts zwischen ihnen beiden ... sah man sich doch nur im Kreise der »Schmiere«, wie die kleine Schar der Komödianten des Festspiels sich bereits benannte, und unter den wachsamen Augen der gestrengen Frau Mama ... zudem unter den noch gestrengeren Blicken der Offiziere, für die man zwar außer Dienst »Herr Friesen«, im Dienst aber sofort wieder nur der Unteroffizier Friesen war ...

Und dennoch ... wenn Hans Friesen nach der Probe zur Kaserne zurückeilte, wo seine Anwesenheit dringend notwendig war im Interesse seiner Korporalschaft ... dann war er doch immer in einer wahren Weltumarmungsstimmung ...

Zwei-, dreimal war es ihm doch gelungen, einen Blick aus den veilchenblauen Augen zu erhaschen ... einen Blick! ... all ihr Götter! nach solch einem Blick war's dem guten Jungen jedesmal zumute, als müsse er den engen Tressenkragen aufreißen ... aufspringen, ans Fenster stürmen, mit tiefen Atemzügen die laue Sommerluft in die glühende Brust eintrinken ...

Statt dessen mußte man ruhig und gemessen sitzen bleiben, von scharfen, wachsamen Augen unermüdlich beobachtet und kontrolliert ...

So waren diese Stunden seines außerdienstlichen Daseins auch wieder ein Qual! --! ach -- ein süße Qual --!

Sonst nichts als Dienst -- Dienst -- Dienst! Morgens um vier in die Kaserne ... abends um neun aus der Kaserne ... dazwischen nur eine Mittagspause von einer Stunde, verbracht in Gesellschaft der übrigen Einjährigen in einem benachbarten Speisehause ...

Die Kellnerinnen, die hier bedienten, waren seit einem Jahre der einzige weibliche Umgang gewesen, den Hans Friesen gehabt hatte ... Nun hatten Rosel und Suse plötzlich für ihn jedes Interesse verloren ...

Sie schmollten und rächten sich, indem sie's beim Servieren immer so einrichteten, daß Hans Friesen zuletzt an die Reihe kam und nehmen mußte, was die Kameraden übrig gelassen hatten ...

Hans Friesen merkte es nicht.

* * * * *

Wenige Tage nach Beginn der Übung hatten sich die Reserveoffiziere wieder vollständig im Regiment eingelebt, und jeder von ihnen suchte und fand seinen nähern Verkehr da, wohin sein Wesen ihn wies.

Hielt Professor Brassert sich an die ältern und friedlichern Elemente, so war der Referendar Dormagen der Mittelpunkt einer Gruppe, die nach dem Mittagessen stets endlos beim Skat zusammenhockte, abends auf der Kasinoterrasse einen Syphon Münchener nach dem andern vertilgte, Sonntag nachmittags beim Sekt kleben blieb und nachts gar häufig im Rauchzimmer beim Tempeln. Oder man zog auch Zivil an und suchte die Variétés oder noch verschwiegenere Orte nächtlicher Ergötzung auf. Dieser Gruppe schloß sich auch meist Herr Klocke an, den es nur grämte, daß er nicht so flott mit dem Gelde um sich werfen konnte wie der wohlhabende Jurist. Die Beliebtheit, die jener durch Ansetzen zahlloser »kalter Enten« sich zu verschaffen suchte, strebte er dadurch zu gewinnen, daß er freigebig von seinem unerschöpflichen Vorrat an zweideutigen Anekdoten spendierte oder seine schier unglaubliche Geschicklichkeit in Kartenkunststücken produzierte, was vor dem Verfahren seines Kameraden entschieden den Vorzug der Billigkeit hatte.

Wieder ein ganz anderer Kreis war es, dem sich der Forstassessor Troisdorf angeschlossen hatte. Man hätte ihn die Gruppe der Mißvergnügten nennen können. Ihm gehörten alle jene jungen Herren an, die es aus irgendeinem Grunde nicht verstanden hatten, sich die Gunst der höheren Vorgesetzten zu erringen. Es waren nicht nur die Schlechtesten im Regiment. Hier wurde unablässig geschimpft, auf die Vorgesetzten, auf die erfolgreichern Kameraden, die als Streber gebrandmarkt wurden, als Leute, die »über Leichen gingen«. Auch in diesem Kreise wurde scharf gezecht, aber mehr aus Wut und Enttäuschung denn aus Liebe zur Sache.

Frobenius war ziemlich allein geblieben. Unter den aktiven Offizieren hatte er keinerlei Anschluß gefunden. Man behandelte ihn mit korrekter Liebenswürdigkeit und beständiger höflicher Zurückhaltung. In der Öffentlichkeit vermied es jeder, sich mit ihm zu zeigen. Und freilich, ein Vergnügen war es auch nicht, an seiner Seite durch die Straßen der Garnison zu spazieren. Wo er ging, da geleitete ihn ein beständiges Schmunzeln auf allen Gesichtern der Passanten, die Straßenjugend rief ihm freche Bemerkungen nach, ja, es war, als ob selbst die Pferde und Hunde scheuten und stutzten, wenn sie die lange Gestalt im schwarzen Überrock aus der Zeit Albrechts des Bären einherwandeln sahen ...

Frobenius merkte das natürlich sehr wohl. Er wußte sehr gut, daß der größte Teil des ungünstigen Eindrucks, den er hervorrief, auf die Verfassung seiner Equipierung zurückzuführen sei, und ging lange mit sich zu Rate, ob er nicht doch seinem Herzen einen Stoß geben und sich von Kopf bis zu Füßen bei dem ersten Uniformschneider der Garnison neu einkleiden lassen solle. -- Aber das hätte ihn wenigstens vierhundert Mark gekostet, und er hatte sich nun einmal, seinen bescheidenen Verhältnissen entsprechend, fest vorgenommen, bei den Neuanschaffungen für die Übung nicht über die hundertzwanzig Mark Equipierungsgelder hinauszugehen, die ihm zustanden. Die aber waren bereits für die inzwischen eingeführten Uniformänderungen sowie für Reithosen und Reitstiefel draufgegangen ...

So trotzte er denn weiter dem Schmunzeln des Straßenpublikums wie der Zurückhaltung seiner Kameraden.

Sein einziger außerdienstlicher Umgang war Flamberg. Und das entschädigte ihn vollkommen -- in ihm verehrte er, der Kunstgelehrte, den schaffenden Künstler, wie dieser seinerseits in dem Kritiker den idealen Adressaten seiner Lebensarbeit. Gar manche Stunde verbrachten die beiden Gleichgesinnten im Café, in einer Weinstube drunten in der Stadt oder auf der Stube des einen oder des andern bei kaltem Abendbrot und Flaschenbier in ernstem Geplauder über die zeitbewegenden Fragen der Malerei ... der Dichtkunst ... der Kunst überhaupt.

Dennoch füllte dieser Umgang die Mußestunden des Privatdozenten nicht völlig aus; denn Flamberg legte Wert darauf, auch außerdienstlich viel mit den aktiven Kameraden zusammen zu sein. Es war sein Grundsatz, während der acht Wochen Übungszeit ganz und gar sich in einen Soldaten zu verwandeln, und so wußte er auch mit der ganzen proteischen Wandlungsfähigkeit seiner Künstlerseele sich der Sprache, den Umgangsformen, der Weltanschauung des Kreises anzupassen, welchem er für diese kurze Zeit durch den Rock angehörte, den er trug.

Wilhelm Frobenius wußte sich zu trösten. Die dienstfreien Nachmittage, die kurzen Abendstunden benutzte er, um den Grundriß seiner Vorlesung für das künftige Wintersemester zu skizzieren, die das Drama des Naturalismus zum Gegenstande haben sollte.

Von Tag zu Tag hatte er die peinliche Pflicht aufgeschoben, sich bei seiner Retterin, der Tochter seines Bataillonskommandeurs, für den siegreichen Kampf mit Kuno dem Schrecklichen zu bedanken.

Für einen Menschen, der, wie er, so sicher im Kreise seines Wirkens und Schaffens zu stehen gewohnt war, mußte es ein peinlicher Gedanke sein, eine gesellschaftliche Komödie zu spielen, die für sein inneres Leben keine Bedeutung hatte und ihm doch eine Reihe von Empfindungen bringen mußte, welche die Ruhe seines Herzens gefährdeten -- diese schöne Ruhe, die ihm um so wertvoller war, seitdem er eine neue Arbeit begonnen ...

Ja -- die Ruhe seines Herzens gefährdeten! --

Denn, so albern ihm das auch vorkam -- bei der Erinnerung an jene Szene auf der Chaussee regte sich in ihm noch etwas anderes, als bloß das Gedenken an eine peinliche und lächerliche Blamage. Es war ein dumpfer, uneingestandener Schmerz in ihm, daß seine Retterin aus der so lächerlichen wie gefährlichen Situation nicht nur eine Dame, daß es ... just diese Dame gewesen!

Sein arbeitsames, entsagungsvolles Jugendleben hatte ihn nicht allzu häufig in gesellschaftliche Berührung mit Damen jener Kreise gebracht, denen er seiner Lebensstellung nach heute angehörte.

Die Unzulänglichkeit seiner Verkehrsformen machte ihm das offizielle Gesellschaftstreiben zur sinnlosen Qual und ließ ihn ganz erkennen, wie inhaltleer eigentlich doch all jene Formen des Beisammenseins seien, die überhaupt Männer und Frauen seiner Kreise zusammenführten.

So war sein Verkehr fast gänzlich auf die gleichfalls unverheirateten Gelehrten jener Hochschulen beschränkt gewesen, an denen er bisher gelernt oder gelehrt hatte.

Aber nicht ungestraft beschäftigt man sich ein Leben lang mit den Schöpfungen der Kunst, der Poesie ...

Denn was ist ihrer aller Mittelpunkt? -- --

Das Weib! die unabsehbare Fülle der Empfindungen und Erlebnisse, welche die Berührung der Geschlechter dem Mannesleben erschließt ...

Und so lebte unerschlossen ... unerlöst in den Tiefen dieser Gelehrtenseele die Sehnsucht aus der Theorie, aus dem Studium, aus der Nachempfindung heraus, in die Wirklichkeit ... in das Schauen ... in das Erleben ...

Das aber, was sich vor ein paar Tagen auf der Landstraße neben dem Froschtümpel abgespielt, war das nicht ein Erlebnis gewesen ... kein sehr rühmliches ... kein sehr reiches ... aber doch immerhin eine Wirklichkeit, nicht bloß der Reflex einer solchen, nicht bloß ihr Spiegelbild in einer Dichterseele ... einem Buch ... einem Werk?

Sein erstes, sein einziges Erlebnis, und -- ~eine~ Fortsetzung würde es ja doch finden müssen -- den schuldigen, den längst fälligen Dankesbesuch. --

Und eines Morgens um zwölf ließ sich Wilhelm Frobenius von dem getreuen Schmitz den Überrock, frischgewaschene weiße Glacéhandschuhe und den altmodischen Helm mit dem silbernen Landwehrkreuz zurechtlegen ...

Eine halbe Stunde später stand er in einem dunkeln Salon mit Mahagonimöbeln und grünen Plüschfauteuils ... an den Wänden in schweren, goldenen Leisten tief nachgedunkelte Bilder preußischer Offiziere in den Uniformen vergangener Jahrzehnte und blasser Damen in schwarzen Krinolingewändern ... daneben in auffallendem Kontrast protzige Rahmen, welche die Bildnisse eines grobknochigen Mannes vom Typus des industriellen Emporkömmlings und einer schlichten, spießbürgerlichen Frau in violetter Seidenrobe umschlossen ...

Eine zarte Dame mit nervösem, spitzem Gesicht, unruhig flackernden Augen, scharfer, leichtgeröteter Nase und schlichtem grauen Scheitel trat aus dem Nebenzimmer herein: »Bitte Platz zu nehmen, Herr Leutnant!«

Frobenius versank fast in dem niedern Sammetsessel und hatte einige Mühe, seine langen Beine, den Säbel und Helm schicklich unterzubringen. »Gnädige Frau werden bereits gehört haben ... ich hatte neulich das Unglück ... man hatte mir ein unbrauchbares Pferd geschickt ... und Ihr Fräulein Tochter ...«

»Ach, ~der~ Herr sind Sie! --« Rücksichtslos kritisierend musterten die grauen Augen die Erscheinung des Besuchers.

»Ich möchte also Ihrem Fräulein Tochter noch einmal meinen Dank für ihren gütigen Eingriff aussprechen --«

»Ach, das war wohl nicht mehr als Christenpflicht von Nelly, Herr Leutnant!«

»Werde ich die Ehre haben, das gnädige Fräulein selbst zu sehen --?«

»Meine Töchter sind wieder ausgeritten, aber sie müssen jeden Augenblick wiederkommen!«

Einen Augenblick Stille. Wilhelm Frobenius fühlte sich namenlos geniert.

Frau von Sassenbach hatte inzwischen ihre Prüfung beendet -- -- Nein -- ~der~ Herr war ungefährlich!

Und in viel liebenswürdigerm Ton stellte sie nun die üblichen Fragen: Wie der Herr Leutnant sich im Regiment gefalle ... wie er mit seinem Kompagniechef zufrieden sei ... ob er sich auf das Manöver freue. -- -- Er sei ja wohl Gelehrter im Zivilverhältnis -- und aus Bonn -- sieh da -- aus dem schönen Bonn am Rhein.

Ob er auch die dortigen Verwandten ihres Mannes, Seine Exzellenz den Generalleutnant a. D. von Sassenbach und seine Damen kenne --

Das mußte Frobenius natürlich verneinen --

Hinter seinem Rücken öffnete sich mit raschem Ruck die Tür. -- Er fühlte: da ist sie -- --

»Ah, sieh da -- der Herr Leutnant Frobenius -- na, endlich!« Schelmisch drohte das Mädchen mit dem Finger.

Sie hatte sich nicht Zeit genommen, sich umzukleiden ... schlank und straff stand sie da ... knapp umschloß das graue Reitkleid die elastische Gestalt ...

Auf ihren Lippen lag ein Lächeln ... ein Lächeln von so ganz anderer Art als neulich am Froschtümpel ...

Und mit ausgestreckter Linken hielt sie dem Besucher einen stattlichen Folioband entgegen, auf dem -- -- sein Name stand ... »Man hat sich inzwischen mit Ihnen beschäftigt, wie Sie sehen, Herr -- -- Leutnant ...«

Mit einem Male überkam den Gelehrten das Gefühl einer wunderbaren Sicherheit. Schau, schau -- nun wußte sie, nun mußte sie wissen, wen sie vor sich hatte ... mußte wissen, daß er nicht ~immer~ das hilflose Opfer unmöglicher Situationen war.

»Werden Sie glauben, Herr Leutnant, ich hab nicht nur Ihr Buch gelesen ... ich hab auch zum ersten Male seit meiner Pensionszeit den Schiller wieder vorgenommen --!«

»Ah -- -- das ist schön! -- Aber nun lassen Sie mich Ihnen nochmals meinen aufrichtigen Dank --«

»Aber so schweigen Sie doch bloß von der albernen Geschichte ... das war ja nicht der Rede wert ... Ich hab ~Ihnen~ zu danken ... ich!«