Part 6
Wahrlich ... es war keine Kleinigkeit gewesen, unmittelbar nach bestandenem Referendarexamen ... unmittelbar nach dem Übergang aus dem heitern Studentenleben in Amt und Würde hinein ... plötzlich ein gemeiner Füsilier zu werden und unter der Fuchtel roher Unteroffiziere inmitten derber Söhne des Volkes die Geheimnisse des langsamen Schritts und des Infanteriegewehrs zu erlernen! ...
Und das nun gar, wenn man nicht nur ein alter Korpsstudent und königlicher Justizbeamter, sondern außerdem -- ein werdender Dichter war.
Ach, noch zwei Monate ... dann würde die Schinderei zu Ende sein, und Hans Friesen würde wieder zu seinen geliebten Manuskripten und seinen weniger geliebten, aber um so ehrwürdigern Akten zurückkehren dürfen ...
Vorher aber galt's noch mancherlei Fährnis zu bestehen ...
Das Manöver war in Aussicht, und Hans Friesen war Korporalschaftsführer ... hatte das Vergnügen, jedes Kommißbrot und jede Unterhose für seine Korporalschaft in Empfang zu nehmen ... Samstags die Ausgehgarnitur auf Kammer zu empfangen ... und Montags sie wieder in tadellosem Zustande abzuliefern ... und dazu kamen all die tausend jämmerlichen und doch so notwendigen Pflichten der Fürsorge für zwanzig stramme Burschen ...
Das alles zog durch des jungen Soldaten Hirn, als er die ihm anvertrauten zwei Gruppen in langer Schützenlinie durch den blumigen Talgrund führte ...
Ach, dieser Talgrund schien so gar nicht geschaffen zum Tummelplatz für nägelbeschlagene Kommißstiefel ... Hier mußte man mit einem süßen, braunäugigen Kind engumschlungen wandeln ... und von holden und freudigen Dingen reden ... holde und freudige Dinge tun ...
Gott, heute mittag würde er ja endlich einmal wieder Mensch sein, Kavalier sein, würde mit richtigen Damen reden! -- Ob er das nicht überhaupt schon verlernt hatte im seelenmordenden Gamaschendienst? -- Nun, an ihm sollte es jedenfalls nicht fehlen!
Zwar auf sein Festspiel bildete er sich verdammt wenig ein ... Da hatte er dem Dichtertum in seinem Busen ganz gründlich Zaum anlegen müssen ... Er wußte wohl: es war eine schrecklich langweilige, frostige Allegorie geworden ... Aber Frau Major von Sassenbach hatte ihm durch Leutnant Blowitz mitteilen lassen, daß sie entzückt sei ... Und das war ja schließlich doch der Zweck der Übung ...
Und heute mittag würde er von der schönen Frau von Brandeis empfangen werden ... würde plaudern und studieren dürfen mit ihr und den schlanken Töchtern des Majors ...
Es war fast wie ein Traum ... so ausgehungert wie man war nach Schönheit und Glanz in dieser verfluchten Kasernenatmosphäre, in dieser ekelhaften Tretmühle des Dienstes, in dem verblödenden Milieu der Unteroffiziere und Füsiliere ...
Merkwürdig nur, daß dies Tälchen sich so endlos lang hinzog. Schon eine halbe Stunde mußte verflogen sein, seit er sich von der Kompagnie losgelöst und nun als eine Art kleiner Cäsar, als selbständiger Detachementsführer, in der Welt herumgondelte.
Allmählich fing's an, unheimlich zu werden.
Er drehte sich um. Schweigsam trotteten seine Füsiliere hinter ihm her, das Gewehr im Arm, die Nase zum grünen Waldboden gesenkt.
»Sagt mal, Kerls, weiß einer von euch, wo das Gehölz liegt?«
Die Füsiliere sahen einander an. »Wat für en Jehölz?« sagte einer der alten Leute, »mir wisse nix von eme Jehölz.«
»Na, das Gehölz, wo wir uns aufbauen sollen, zum Donnerwetter!«
»Da hann mir doch nix von gehört -- dat hat dä Herr Oberleu'nant doch em Herr Unner'ffzier selbst jesagt!« grinste der Füsilier.
»Nä, da wisse mer nix von,« wiederholten grinsend die übrigen Kerle.
Verflucht! -- das war ja 'ne schöne Bescherung.
»Halt!« kommandierte Friesen und überlegte.
Ringsum Bäume, nichts als Bäume, Buchen und Eichen gemischt -- Waldfriede -- Waldfriede -- wunschlose Sommerseligkeit.
Was tun? -- Offenbar war er zu lange geradeaus gegangen, statt nach links abzubiegen, um den Saum des Wäldchens nach dem Exerzierplatz hin zu erreichen.
»Ja, zum Donnerwetter, Kerls, weiß denn hier keiner von euch Bescheid?«
»Nä, hier wisse mir kei' Bescheid -- wo will der Herr Unner'ffzier denn hin?«
»Na, doch natürlich zum Exerzierplatz hinüber, an den Waldrand!«
Die Füsiliere freuten sich königlich. »Dä Exerzierplatz? -- dä litt so janz do hinne!«
»Himmelkreuzmillionen! -- Also links schwenkt -- marsch!«
Na, vielleicht würde die Erste nicht gar zu früh angreifen, und man kam noch zur rechten Zeit.
Bäume -- Bäume -- nichts als Bäume. -- Doch ... noch etwas anderes als Bäume -- unter den Bäumen dichtes Dorngestrüpp ... immer dichter ... immer dichter ...
Bei jedem Schritt schlugen den Vorwärtsdringenden Brombeerranken und Tannenzweige ins Gesicht.
Die Füsiliere wurden ungemütlich: »Dat is ja en Schweinerei -- hä kütt jo ke' Mensch nit dörch -- --«
Das mußte Hans Friesen schließlich selber einsehen. -- Also zurück -- --
Bautz! -- da fiel in der Ferne der erste Schuß -- plautz! ein zweiter -- bautz -- bautz -- ein dritter und vierter ... Das Gefecht mußte begonnen haben -- --
Himmel -- und nun verließ sich der Oberleutnant Menshausen darauf, daß im entscheidenden Augenblick aus dem Hinterhalt das wohlgezielte Feuer der zwei detachierten Gruppen dem Feind in die Flanke fallen und seinen Ansprung über das Blachfeld des Exerzierplatzes lahmlegen würde ...
Ade, Leutnantsqualifikation ... ade, Epaulettes und Schärpe.
Ade, holdselige Hoffnung auf ein paar Stunden eines höhern Daseins ...
Nach dieser Blamage, in dieser Elendstimmung vor die schöne Frau von Brandeis, vor die schlanken Majorstöchter treten, die ihm gewiß seine schauderhafte militärische Unzulänglichkeit am Gesicht ansehen und ihn im tiefsten Grund ihrer Seele verachten würden ... das war eine Hölle statt des erträumten Paradieses!
* * * * *
Martin Flamberg ärgerte sich ein wenig, als beim Beginn der Felddienstübung Hauptmann von Brandeis ihm die Führung der Kompagnie übergab ... Das hätte der Hauptmann ihm doch auch vorher sagen können ... dann hätte er sich einen Gaul zwischen die Beine geklemmt ...
Na, es mußte nun auch so gehn!
Mit ruhiger Sicherheit wiederholte er die Spezialidee und den Befehl, den ihm der Hauptmann mitgeteilt, traf noch unter den Augen seines Kompagniechefs sachgemäß die erforderlichen Anordnungen für die Unteroffiziere, die er im Kreise um sich versammelt hatte ...
»Sehr gut, sehr gut!« lobte Hauptmann von Brandeis, »vollkommen einverstanden! ... Na, und nun viel Vergnügen!« Und damit galoppierte er von dannen.
Die Kompagnie hatte die Gewehre auf der Chaussee zusammengesetzt ... die Mannschaft rastete im Graben ...
»An die Gewehre!«
Hui, da kam ein Leben in den Ameisenhaufen ...
»Stillgestanden!«
Und mit drei kurzen Sätzen teilte Flamberg den Mannschaften mit, was sie zum Verständnis der Kriegslage wissen mußten ...
»Herr Leutnant Carstanjen, treten Sie an!«
Der Kleine salutierte: »Erster Zug -- Gewehr in die Hand ... die vorderste Gruppe als Spitze -- schwärmen -- der Rest des Zuges folgt unter dem Sergeanten Clausen!«
Und der Vormarsch der ersten Kompagnie gegen den Feind begann ...
Flamberg schritt in munterm Geplauder mit dem jüngern Kameraden fünf Schritt vor der Spitze ...
Hei ... welche Lust, Soldat zu sein ...!
Welche Lust ... zu friedlichem und doch so ernstem und wichtigem Waffenspiel in die blauen Morgennebel hineinzupilgern ...
Nach einer halben Stunde war der Saum des Exerzierplatzes erreicht.
Selbstverständlich brauchte kein Geist vom Himmel herabzusteigen, um dem Kompagnieführer zu sagen, daß der Feind am Kastanienwäldchen liege ... das war ja doch natürlich seit Jahrzehnten immer so gewesen ...
Und glatt und reglementsmäßig entwickelte sich der Angriff der Ersten unter den Augen der Schiedsrichter von der Hohen Tanne her auf das Kastanienwäldchen zu ... das Gelände wurde trefflich ausgenutzt ... bald zugweise, bald gruppenweise ging die Kompagnie im Sprung über die kahle Tenne des Platzes gegen den heftig feuernden Gegner vor ... Und Flamberg begriff nur das eine nicht: daß die ganze Sache so glatt vonstatten ging.
Er war darauf gefaßt gewesen, einen Flankenangriff von links zu erleben, und hatte infolgedessen in das Gehölz zu seiner Linken eine starke Gefechtspatrouille geschickt ... Jeden Augenblick erwartete er deren Warnungsschüsse zur Linken zu vernehmen ... aber nichts erfolgte. Und hundert Meter vorm Kastanienwäldchen setzte Flamberg zum Sturmangriff an ... Mit gezogenem Säbel sprang er zwanzig Schritt seiner Kompagnie voran beim Sturmmarsch der Tambours und dem dröhnenden Hurra seiner Füsiliere.
Gerade auf die Mitte des Wäldchens rannte er los, wo die berittenen Offiziere hielten, denen sich inzwischen, das sah er schon von weitem, der Bataillonskommandeur mit seinem Adjutanten beigesellt hatte ...
Im Augenblick, als er auf zehn Schritte an die Gruppe herangekommen war, winkte der Major seinem Hornisten, und: »Das Ganze -- halt!« klang schmetternd das erwünschte Signal zur Beendigung der Übung über den weiten Plan.
Unmittelbar darauf erfolgte das Signal: »Zur Kritik!«
»Bitte, Herr Hauptmann Goll!«
Zwischen den zusammengezogenen Brauen des Hauptmanns brütete das Unheil und entlud sich alsbald als fürchterliches Donnerwetter über den Oberleutnant Menshausen: »Herr Oberleutnant, wenn Sie nichts Besseres zu tun wußten, als sich mit Ihrer ganzen Sippschaft hier am Waldrand einzubuddeln und den Angriff der Ersten abzuwarten ... dann hätte ich schließlich gerade so gut die Kompagnie von einem Unteroffizier führen lassen können ... Was haben Sie sich bei dieser stumpfsinnigen Maßregel denn eigentlich gedacht ...?«
Oberleutnant Menshausen bebte vor Wut und Scham. Die Hand am Helm, sagte er, als der Hauptmann seine Frage gestellt hatte: »Ich habe den einjährig-freiwilligen Unteroffizier Friesen mit einem Halbzuge in das Gehölz dort zur Rechten geschickt, und zwar mit genauer Instruktion ... Er sollte im Augenblick, wenn die erste Kompagnie nach ihrem Vorgehen auf der Höhe des Gehölzes angekommen wäre, Flankenfeuer geben!«
»Bedaure -- habe nichts von Flankenfeuer gemerkt! Wo steckt denn Ihr Unteroffizier?«
»Das weiß ich nicht, Herr Hauptmann ... er muß sich verlaufen haben!«
Leutnant Blowitz, hoch zu Roß, flüsterte dem Major eine Bemerkung zu.
»Aha -- der Dichter -- na, das fehlte mir gerade! Erst brennt bei den ersten Schüssen ein Gaul durch, auf dem zufällig ein Herr von der Landwehr angebracht ist ... dann schmeißt dieser unglückliche Einjährige die ganze Übung um ... Na, warte mein Jungchen ... dir werd ich das Dichten austreiben! Aber bitte weiter, Herr Hauptmann, Sie haben noch nicht den Angriff der Ersten besprochen!«
Flamberg erhielt ein gerüttelt und geschüttelt Maß voll Lob, sowohl von Hauptmann Goll, als auch nachher beim Schlußwort des Bataillonskommandeurs: »Ihre Leistungen, Herr Leutnant Flamberg,« sagte der Major, »söhnen mich einigermaßen mit der Situation aus! -- Ich danke Ihnen, meine Herren -- --«
Rum, plum, plumbidibum. -- Heimwärts ging's mit Trommelschlag und munterm Gekreisch der Pfeifen ...
Martin Flamberg war kolossal vergnügt ... Er marschierte dicht hinter der Gruppe der Berittenen und sann eine muntere Epistel zusammen, mit der er seiner Braut das »Waffenglück« des ersten Übungsmorgens zu verkünden gedachte ...
Ha, welche Lust, Soldat zu sein ...!
Sechstes Kapitel.
Höher war die Spätsommersonne gestiegen ... in allen Straßen und Gassen der Garnisonstadt lag ihr flimmerndes Gold ... glänzte auch auf dem schon staubigen Grün der städtischen Anlagen hart unter den Fenstern der schmucken Villa Brandeis.
Hinter den halbgeschlossenen Jalousieen in gedämpftem, goldiggrünem Licht lag Cäcilie von Brandeis auf der Chaiselongue und las.
Geringschätzig kräuselten sich ihre Lippen. Geschmacklos, diese altmodischen Allegorien ...
Drei lebende Bilder sollten gestellt werden ... die ersten beiden nach Bildern im Offizierkasino ...
Das erste stellte das Regiment vor beim Sturm auf St. Hubert.
Das zweite die berühmte Szene, wie Kronprinz Friedrich Wilhelm nach der Schlacht die Verwundeten des Regiments im Feldlazarett besucht und dem schwerblessierten Regimentskommandeur persönlich das Eiserne Kreuz erster Klasse überreicht.
Nun, das mochte noch hingehen! --
Aber das dritte Bild:
Huldigung des Regiments vor der Büste Wilhelms des Zweiten! --
War denn dem guten Einjährigen, den man zum Dichten kommandiert hatte, nicht etwas weniger Verschlissenes eingefallen?!
Und um diese drei Bilder herum ein Dialog zwischen dem »Krieg« -- Leutnant Blowitz -- dem »Frieden« -- Molly von Sassenbach -- und dem »Genius des Regiments« -- Frau Cäcilie von Brandeis! --
Zunächst tritt der Krieg auf, spricht dem Genius des Regiments seinen Glückwunsch zur Wiederkehr des Ruhmestages von Gravelotte aus, mahnt an alte Schlachtenherrlichkeit und beklagt die endlose, flaue Friedenszeit ... Schon erscheint der Friede, legt ebenfalls seine Glückwünsche dem Genius zu Füßen und behauptet, das Regiment leiste auch im Frieden nützliche Arbeit für die menschliche Gesellschaft ...
Alsdann führt der Krieg die Bilder der großen Vergangenheit herauf: Bild eins und zwei.
Der Friede ist natürlich erschlagen, preist aber mit einem längeren Erguß das treue Schaffen des Regiments an der Wehrhaftmachung des Volkes und kommt mit einem Übergang von haarsträubender Kühnheit auf die Huldigung an die neue Kommandeuse ... im Frieden blühe nämlich die holde Geselligkeit ... der Friede sei der Bereich der Frau ... und so weiter ...
Der Krieg ist galant genug, das zuzugeben; aber das Soldatenhandwerk, erklärt er, sei nun doch einmal Männerhandwerk, und schließlich ruft er die Germania zur Entscheidung auf ...
Die erscheint in der Person von Nelly von Sassenbach, erklärt selbstverständlich, das Regiment sei ihr in Krieg und Frieden gleich wert, und endigt mit einer Huldigung an den erhabenen Schirmherrn des Friedens, dessen Gipsbüste alsdann erscheint, umgeben von Soldaten des Regiments in den historischen Uniformen von 1870 und den heutigen, sowie von Offizieren und Ehrenjungfrauen -- bengalische Beleuchtung -- Kaiserhymne -- Tusch -- aus --!
Diese erhabene Generalidee mußte sich der unglückliche Einjährige im Schweiße seines Angesichts abgerungen haben.
Cäcilie von Brandeis meinte ihn ordentlich zu sehen -- den ihr noch unbekannten jungen Herrn -- wie er, als Wachhabender auf Pulverhaus- oder Schießstandswache, keuchend diese Banalitäten zusammenleimte --
Und doch -- wenn sie von dem Gedankengang des Ganzen absah, der ja schließlich für seinen Zweck wohl kaum anders hätte konstruiert werden können, und sich an die Ausführung hielt --
Was sie da las: das waren doch immerhin Verse ... Verse, in denen hin und wieder ein besonderes Wort, ein eigentümliches rhetorisches Glänzen verrieten, daß ein feiner Kopf hinter dem handwerksmäßigen Gestammel stand, das er vielleicht selbst verlachte, während er es aufs Papier geschludert -- --
Und an einigen Stellen brach's hervor: ein harnischblinkendes Geschlecht klirrender Worte und Rhythmen, der Heerbann einer Seele, die ihre Kräfte zu künftigen Schlachten zusammenzog --
Frau Cäcilie freute sich dessen, was sie da ahnte ... freute sich, daß es ihr gegeben war, solches zu ahnen ... ihr, der Tochter der heitern rheinischen Künstlerstadt ... dem Sprößling einer altpatrizischen Fabrikantenfamilie, die es immer für einen Ehrentitel ihres Namens gehalten hatte, sich mit Kunst zu umgeben, Kunst zu fördern, mit der Kunst zu leben ...
Und ein wenig spöttisch ... ein wenig bitter mußte sie lächeln, wenn sie sich erinnerte, wie ihr guter Fritz ihr das Manuskript des Einjährigen gebracht mit den Worten:
Na, das lies mal, Kindchen! Da wirst du staunen ... einfach begeisternd so was ... einfach niederschmetternd schön! -- Jawoll, das ist der Geist des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande ...
So dichten bei uns die Einjährigen ... stell' dir vor, wie erst die Leutnants dichten ...!
Ihr guter Fritz -- wie er sie vergötterte ... Kunststück! -- Er verdankte ihr ja auch ein überaus behagliches Dasein --
Aber nein ... das war ein häßlicher Gedanke ... Er war ihr wirklich von Herzen ergeben ... na, das konnte sie schließlich ja doch auch wohl verlangen ...!
Sie trat vor den großen, bis zum Fußboden herabgehenden Spiegel ... reckte ihre Arme ... und freute sich des flimmernden Widerscheins, den ein verirrter Sonnenstrahl in ihrem rötlich braunen Haar weckte ...
O ja -- Cäcilie Imhof wäre auch ohne ihre halbe Million des heißen Umwerbens würdig gewesen, das Fritz von Brandeis ihr zu Füßen gelegt hatte ...
Das Fräulein meldete die Schwestern Sassenbach.
Die schlanken Mädels, beide fast um einen ganzen Kopf größer als Cäcilie, stürmten herein, voran mit Dragonerschritten die smarte Nelly, um die es immer witterte wie ein leiser Hauch von Stallparfüm.
Tränenlachend versetzten die Schwestern der Hausherrin die Geschichte von dem Landwehrleutnant im Froschpfuhl ... da lachte auch Cäcilie laut und herzlich mit.
Dann aber, als die Mädchen den Namen des Unglücksraben nannten, wurde sie stutzig ... »Haben Sie eine Ahnung, was der Herr seines bürgerlichen Zeichens ist --?«
»Irgend sowas bei der Universität, hat Papa gesagt!«
»So, vielleicht in -- Bonn?«
»Ganz richtig, ja, ich glaube wohl,« meinte Nelly.
Schweigend ging Frau Cäcilie aus dem Salon in ihr anstoßendes Damenzimmerchen und holte einen stattlichen Folioband aus ihrer Bibliothek; den schlug sie auf und hielt den Titel den Besucherinnen hin:
Schiller.
Ein Gedenkbuch für das deutsche Volk zu des Dichters hundertjährigem Todestage von Wilhelm Frobenius.
Fünfzehntes bis zwanzigstes Tausend.
»Donnerwetter!« sagte Nelly erstaunt, »ist das von dem Herrn aus dem Froschtümpel?«
»Na, jedenfalls werden wir uns danach erkundigen müssen!« erklärte Frau Cäcilie.
Mit einer seltsamen, unverstandenen Empfindung entsann sich Nelly in diesem Augenblick des heißen Leuchtens, das plötzlich aufgeglüht war hinter den großen Brillengläsern, als der fremde Mann sie angeschaut, den sie heute zum ersten Male gesehen ...
Ihr war's in der Erinnerung, als habe sie da hineingeschaut in eine Welt, die ihr ganz unbekannt geblieben war bis auf diesen Tag ... ihr, dem Soldatenkinde, das von nichts wußte als von hartem Dienst ... von eiserner Pflichterfüllung ... von engumzirkelter Gesellschaftsfron ...
In diesem Augenblick erschollen lustige Klänge auf der Promenade, die rasch näher und näher kamen ...
Die Pfeifen schrillten ... rasselnd knarrten die taktmäßigen Wirbel der Tambours ...
Wie der Blitz waren die Majorstöchter am Fenster, zogen die Rolläden auf und schossen auf den Balkon hinaus -- langsamer folgte die schöne Frau --
Aha, der Papa -- und hinter ihm der Herr dieses Hauses ... den Säbelknauf auf der Hüfte ... die gleißende Stahlklinge dicht neben dem scharfgeschnittenen Profil ... und dahinter glitzernd und blinkend der Heerwurm ...
Aus seiner Mitte aufragend, hoch zu Roß wie die Herren an der Tête, die unfrohe, nüchterne Gestalt des Hauptmanns Goll ... ganz hinten noch zwei andere berittene Offiziere, jetzt noch nicht erkennbar ...
Die erste Kompagnie, vom stumpfen Graugrün der schilffarbenen Helmbezüge überlagert ... dahinter die zweite, überflirrt von den leuchtenden Reflexen der Helmspitzen ...
Tütt tüttelü tütt tüttütü ... Rum, plum, plumbidibum ...
so gellte, so schmetterte das die lindenumsäumte Promenade hinab ...
Nun hatte der Major die drei Damen auf dem Balkon erblickt und Leutnant Blowitz auch, sein getreuer Adjutant, der zu seiner Linken ritt ... die rostbraunen Handschuhe flogen an die Mützenschirme -- lächelnd nickten die Damen ...
Hauptmann von Brandeis hatte natürlich schon längst die Herrin seines Hauses erspäht ... die gleißende Klinge fuhr in die Luft und senkte sich dann grüßend an der Flanke des Braunen nieder ... mit strahlendem Lächeln winkten die wasserblauen Augen unter der blinkenden Helmschiene herauf ...
Und hinter dem Hauptmann fuhr noch eine andere Klinge in die Luft und senkte sich ... rechts neben dem baumlangen Flügelmann der Königlichen Ersten marschierte ein stattlicher Offizier, den Frau Cäcilie nicht kannte ...
»Wer ist denn das?«
Nelly wußte Bescheid: »Das ist der Leutnant der Reserve Flamberg -- ein Maler aus Düsseldorf!«
Ein Maler aus Düsseldorf ... welch ein Heimatklang ... welch ein Klang aus der blühenden, sprühenden Welt ihrer Jugend in die nüchterne, kaltglänzende ihrer Gegenwart hinein.
Vorüber ... vorüber zog mit raschem, taktmäßigem Schritt die gewaffnete Schar ... es grüßte der puppenzierliche, kleine Carstanjen ... es grüßte mürrischen Gesichts der struppig umbartete Hauptmann Goll ... es grüßten am Schluß des Zuges von ihren Pferden der Oberleutnant Menshausen und der Leutnant Quincke. Vorüber, vorüber, und fernhin verhallte der Trommelschall, der taktmäßige Schritt der Kompagnien.
Das ist deine Welt -- das heißt eine Welt -- -- so klang's in der Seele der jungen Frau ... und dazwischen: Ein Maler ... ein Maler aus Düsseldorf ...
Wieder saßen die drei Damen im gründämmerigen Salon und schwatzten. Das ganze Festprogramm wurde durchgesprochen, ein Rollenverzeichnis für die lebenden Bilder aufgestellt ... So verrann eine halbe Stunde; da erschien Leutnant Blowitz: »Melde mich ganz gehorsamst zur Stelle, gnädige Frau, und bitte tausendmal um Entschuldigung! -- Gnädige Frau haben ja selbst gesehen -- --!«
»Allerdings, Herr Blowitz -- sehr erfreut, Sie nun auch persönlich kennen zu lernen -- nun, wann kommt denn der Dichter?«
»Gnädige Frau meinen den Einjährigen -- ja, das wissen die Götter -- der ist abhanden gekommen!«
Sensation!
Und Blowitz berichtete.
»Na, er wird sich beim Kehren schon wiederfinden!«
»Vielleicht ist er auch in den Froschtümpel geraten,« meinte Nelly.
Die Hausfrau servierte Portwein und Gebäck, und munter plätscherte das Gespräch ... die neue Kommandeuse ... das Fest ... die Verlobungen, die etwa darauf zustande kommen könnten ...
In Frau Cäciliens Herzen aber klang's immer wieder wie eine frohe, verheißungsvolle Heimatweise: Ein Maler ... ein Maler aus Düsseldorf ... und er steht bei Fritzens Kompagnie ... er wird seine Aufwartung machen ...
Daß Fritz ihr davon noch gar nichts erzählt hatte! Aber freilich, als er früh um fünf aufgestanden, hatten die Gatten ja nur wenige Worte gewechselt ...
Auch Nelly war nicht ganz bei der Sache; von Zeit zu Zeit schlug sie, wie spielend, den Deckel des Buches auf, das vor ihr auf dem Tischchen liegen geblieben war ... Sie dachte an den Mann im Froschtümpel, und wie seltsam seine Augen geleuchtet hatten hinter den goldenen Brillengläsern. Daß vielleicht er dies Buch geschrieben hatte, das in zwanzigtausend Exemplaren hinausgeflattert war in die Welt, um dem deutschen Volke zu erzählen von der Herrlichkeit eines Dichters, dessen sie selber sich nur noch dunkel entsann aus ihrer Schulzeit her ...
Ein Klassiker! Sie selber war seit zehn Jahren nur noch in Operetten und Schwänke gegangen ...
Schiller! -- Was war ihr Schiller?!
Und über den hatte man ein Buch schreiben können, nach dem zwanzigtausend Hände gelangt hatten!?
* * * * *
Eine halbe Stunde nach dem Einrücken der Ersten und Zweiten führte der Unteroffizier Friesen sein trauriges Fähnlein Verirrter in den Kasernenhof hinein.
Er hatte sich vorgenommen, seine zwei Gruppen nun wenigstens vorschriftsmäßig in strammem Tritt auf den Kompagnieappellplatz rücken zu lassen, und hatte sich die Kommandos genau überlegt, die er abzugeben hätte, um mit seiner Schar in tadelloser Verfassung auf der Bildfläche zu erscheinen.
Aber kaum hatte er: »Tritt gefaßt!« kommandiert, da erschien am Fenster der Kompagniestube das zornwütige Gesicht des Feldwebels Düfke, der den Unteroffizier anbrüllte, daß es über den ganzen Hof schallte: »Herrgott, Sie Unglückswurm! Da sind Sie ja endlich! -- Nun machen Sie bloß, daß Sie vom Kasernenhof 'runterkommen! -- Verschwinden Sie, verschwinden Sie in Dreideubelsnamen!«
»In's Kasernentor, marsch marsch!« schrie Friesen voller Wut und Scham.
Und feixend stürmten die Füsiliere von dannen.