Sommerleutnants

Part 5

Chapter 53,426 wordsPublic domain

»Also die Reserveoffiziere kommen auch zum Regimentsfest?« fragte Nelly weiter, »das ist ja 'n wahrer Segen -- dann bekommt man doch endlich mal 'n paar andere Gespräche zu hören, als ewig Avancement -- Kommandos -- Vorderleute -- und den übrigen Kommißtratsch. Wenn man das, wie ich, bereits sieben Saisons hindurch genossen hat, dann lechzt man geradezu nach Abwechslung.«

»Tja, Mädel,« knurrte der Major, »warum hast du nicht längst geheiratet?«

»Warum ich nicht geheiratet habe? -- Na, Vater, ich meine, das müßtest ~du~ doch wissen!«

»Is ja wahrhaftig 'ne Schande,« brummte der Major, »Mädel wie 'ne Tanne -- firm auf dem Gaul und in der Küche -- Kommißvermögen dreidoppelt vorhanden, dank meiner seinerzeitigen Vorsicht in der Auswahl des Schwiegerpapas -- mit einem Worte: alles da! -- Und ihr Mädels bleibt liegen wie die trocknen Semmeln!«

»Na, an mir hat's doch wahrhaftig nicht gelegen,« schmollte Nelly.

»Ne, ich weiß schon -- du kannst nichts dazu!« Der Major griff sich mit drei Fingern in den Rockkragen, als sei der zu eng geworden. »Du kannst nichts dazu!«

Molly rückte ungeduldig auf ihrem Sattel hin und her: »Möchtest du mir nicht den Gefallen tun, Papa, und in meiner Gegenwart von Mama nicht so respektlos sprechen -- du weißt, das schmerzt mich.«

»Nanu -- hab ja kein Wort gesagt!«

»O -- ich hab dich sehr gut verstanden. Wenn Mama zuweilen etwas abwehrend gegenüber gewissen Herren gewesen ist, die sich um uns bemüht haben, so hat sie es jedenfalls sehr gut gemeint -- und soweit ich's beurteilen kann, ist es immer zu unserm Glück gewesen, daß aus den Partien nichts geworden ist, die Mama abgelehnt hat.«

Nelly warf dem Vater einen verständnisvollen, der Schwester einen bitterbösen Blick zu.

Der Vater und seine Älteste wußten sich einig in dem Gedanken: der Freier, der Mama von Sassenbachs Beifall fände, der sollte noch geboren werden. Unter den jungen Leuten von heute hatte Mama von jeher fürchterliche Musterung gehalten -- und keinen gerecht befunden.

Nelly hatte auch längst die Hoffnung aufgegeben, daß einer der Herren des Regiments Gnade vor Mamas Augen finden könnte. Sie hatte in ihren sechsundzwanzig Jahren und sieben durchtanzten Saisons gar manchen Flirt gehabt, und der eine oder andere war verflucht ernst geworden, aber im richtigen Augenblick war es Mama stets gelungen, den betreffenden Bewerber derart kopfscheu zu machen, daß er abschnappte.

Jedesmal, wenn ein Herr in entsprechenden Jahren, Hauptmann oder Oberleutnant, der noch zu haben war, von auswärts ins Regiment versetzt worden war, hatten der Vater und seine Älteste sich in geheimen Hoffnungen gewiegt, aber nie war's etwas geworden -- und so exklusiv war der Verkehr des Regiments, daß Bewerber aus nicht militärischen Kreisen für eine ernsthafte Annäherung kaum in Frage kamen.

Molly, Mamas Ebenbild und getreue Schildhalterin, war bisher mit ihrem Schicksal vollkommen zufrieden geblieben -- Nelly aber hatte sich allmählich in einen Zustand ständiger, latenter Empörung wider ihr Los hineingelebt.

Den unverbrauchten Energieüberschuß ihrer stählernen Leiblichkeit tobte sie in halsbrecherischen Ritten, stundenlangen Radpartien, endlosen Tennistournieren aus -- ihre lebenshungrige Seele aber lag völlig brach.

Dies Gefühl der Inhaltslehre ihres Daseins preßte ihr oft in der Einsamkeit draußen -- in schlummerlosen Nächten daheim -- heiße, ächzende Tränengüsse ab.

Sie war verstummt. Den Kopf in den Nacken zurückgeworfen, spornte sie ihren Gaul, hielt ihn aber fest an der Kandare, daß er schäumend und kopfschleudernd nach rechts und links aussprang, ohne vom Fleck zu können.

Trüben Blicks verfolgte der Major das Tun seines Lieblings. -- Ja, ja -- so lagen sie alle drei an der Kandare -- der Gaul, das Mädel und er selber auch.

Das war nun achtundzwanzig Jahre her, seit der junge, leichtsinnige Leutnant sich durch die Heirat mit der Tochter eines reichgewordenen, baronisierten niederrheinischen Großindustriellen aus dem chronischen Dalles herausgeholfen hatte, dem auch er verfallen war, wie seine ganze altfeudale Familie ... aber für diese Rettung hatten seine achtundzwanzig Ehejahre ihm die Quittung präsentiert ... Ein reiches Mädel heiraten! -- Soll's der Deubel holen -- den Drachen bekommt man gratis!

Der Major zog die Uhr. Es fiel ihm ein, daß er sich auf Punkt neun Uhr am Wegekreuz mit seinem Adjutanten, dem Leutnant Blowitz, verabredet hatte, um sich dort von seinen Töchtern zu trennen und zur Inspektion der Morgenarbeit seines Bataillons nach dem Exerzierplatz hinüberzureiten.

»Ja, Kinder, nun wird uns doch nichts übrig bleiben, als ein kleines Träbchen zu riskieren, sonst geraten die Erste und die Zweite aneinander, ehe der Kommandeur zur Stelle ist!«

Und in der Tat -- vom Exerzierplatz herüber klangen vereinzelte Schüsse, die bald lebhafter wurden: die beiden Kompagnieen, welche heute Gefechtsübung miteinander vereinbart hatten, mußten also bereits Fühlung gewonnen haben.

Schweigend trabte der Major inmitten seiner Töchter die Chaussee entlang.

Die Sonne hatte sich inzwischen durchgekämpft ... das Bild der Landschaft entrollte sich in leuchtender Lieblichkeit ... zur Rechten die dunkeln Waldberge ... zur Linken die abgeernteten fahlgelben Ackerbreiten, die sich zum Tal herniedersenkten, wo längs des blinkenden Flußstreifs die Türme und qualmenden Schornsteine der Garnisonstadt aus fahlem Dunste stiegen, der noch drunten lagerte ... Geradeaus vor den Reitern zog sich die Chaussee in schnurgerader Linie einen Hügel hinan, hinter dem das Wegekreuz lag und weiterhin der Exerzierplatz sich dehnte ...

Jetzt schollen aus der Ferne rasche Hufschläge.

»Aha -- hört ihr?« sagte der Major, »das muß Blowitz sein! Gewiß kommt er mir entgegen, um mich zur Eile anzuspornen, weil's dahinten schon losgeht!«

In diesem Augenblick tauchte ganz, ganz hinten, wo die Chausseebäume sich zu einem dunkeln Strich längs des gelben Wegstreifens zusammenschlossen, ein Reiter auf ... nein ... ein Reiter schien's nicht zu sein ... ein herrenloses Pferd, das in rasender Karriere den sanft sich senkenden Hang heruntertobte.

Aber nein ... der Sattel war ja nicht leer ... es sah aus, als baumele ein dunkler Sack auf dem Pferderücken hin und her ...

Nun auf einmal enthüllte sich das ganze Schrecknis ... der Gaul mußte durchgegangen sein und der Reiter die Herrschaft völlig verloren haben ...

Wahrhaftig! ... Ein Offizier! ...

Der Säbel schlenkerte hoch in der Luft ... nun flog in weitem Bogen der Helm vom Kopfe des Reiters in den Chausseegraben, und verzweifelt umklammerte der Reiter den Hals des Pferdes ... immer näher heran raste die tolle Jagd ...

Ein Schrei war aus den Kehlen beider Mädchen erklungen, ein dumpfer Fluch kam aus den Zähnen des Majors, als den dreien der Vorgang klar geworden war. Während aber der Vater und die jüngste Tochter wie gelähmt auf das unbegreifliche Schauspiel starrten, warf Nelly plötzlich ihren Gaul herum und raste in der entgegengesetzten Richtung von dannen.

Der Major gaffte einen Augenblick verständnislos hinter seiner Ältesten drein ... Dann hatte er begriffen ... Nelly, die leidenschaftliche Reiterin, hatte den einzig richtigen Weg eingeschlagen ... Schon warf auch er den Gaul herum und galoppierte hinterdrein ...

In diesem Augenblick fegte schon der durchgegangene Gaul an ihm vorbei, und der Major erkannte in dem Reiter den Landwehronkel, mit dem er sich gestern abend so fabelhaft gebildet unterhalten ...

Mit wütendem Sporenhieb stachelte der Major sein Pferd, aber der Vorsprung, den der Durchgänger erlangt, schien nicht mehr einzuholen ...

Nun hatte der Flüchtling Nellys Pferd erreicht, und beide Tiere rasten in gleichem Tempo die Chaussee entlang ... immer mehr näherte sich das Mädchen dem Durchbrenner ... nun neigte sie sich im Reiten nach rechts hinüber und suchte die flatternden Zügel des rasenden Tieres zu fassen.

»Nelly -- Nelly!« schrie der Major.

Das konnte ja nun und nimmer gut gehen! ...

Doch jetzt hatte das Mädchen die Zügel gepackt ...

Im vollen Dahinstürmen riß sie drei-, viermal mit ganzer Kraft den Kopf des Gaules zu sich herüber ...

Das Tempo verlangsamte sich ... abermals riß das Mädchen den Kopf des Durchbrenners herum ... noch schossen beide Gäule dicht Seite an Seite vorwärts ... aber der Ansturm erlahmte ...

Nun stieg der Fuchs ein paarmal in die Höhe, machte noch einen vergeblichen Versuch, auszubrechen, stieg abermals ... und stand plötzlich wie angemauert, flankenzitternd, schnaubend, über und über mit flockigem Schaum und Schweiß bedeckt ...

Der Reiter hatte bei diesem letzten plötzlichen Halt den Zusammenhang mit seinem Gaul vollends verloren und war in den Graben gekugelt.

Als der Major herankam, hatte sein Mädchen den Flüchtling bereits vollständig in ihrer Gewalt und beruhigte ihn mit Klopfen und Zuspruch ...

»So ein Satan von Mädel!« keuchte Sassenbach, »hast du denn nichts mitbekommen?«

Er mochte wohl fragen! --

Als der Major die Zügel des Ausreißers ergriffen hatte, ließ Nelly den rechten Arm schlaff heruntersinken -- ihr war's, als seien alle seine Sehnen wacklig geworden und baumelten schlapp herunter, wie die ausgezerrten Kugelgelenke einer Gliederpuppe ... mit leisem Stöhnen zog sie die Luft durch die Zähne ...

»Tut's weh?« fragte der Vater nochmals besorgt.

»Haarsträubend!« gestand Nelly, »aber du siehst: aus dem Leim ist er noch nicht ... sehen wir also zunächst mal nach dem da im Graben! ...«

Frobenius war weich gefallen ... zu seinem Glücke war just neben dem Platz der Katastrophe ein Froschwässerlein im Chausseegraben, das hatte wie ein elastisches Kissen seinen Sturz aufgefangen ... die Frösche hatten dabei mehr Schaden genommen als ihr unfreiwilliger Gast ... Nun saß Frobenius mit der Rückseite seines Körpers in dem Tümpel, während die Beine noch auf dem Rande der Chaussee lagen. Er hatte sich aufgerichtet, und seine Arme standen hinter seinem Rücken in dem Wässerchen ... so sah er drein mit dem Unschuldsblick eines Kindes, das eben vom Himmel gefallen wäre ... seine Augen suchten, wie aus tiefem Traum erwachend, nach dem Urheber seines Unglücks ...

Auf einmal sah er neben dem keuchenden und schnaubenden Kuno den Oberkörper einer Dame ...

Eine Dame? ... wie kam denn die hierher? ... Das war doch nicht etwa gar ... nein ... das durfte nicht sein ... das wäre zu ungeheuerlich gewesen ...

Er, ein Mann ... und von einem jungen Mädel gerettet ... das wäre gar nicht wieder gut zu machen ...

Und -- -- Teufel ... kam da nicht eben gar sein Bataillonskommandeur herangesprengt, mit dem er sich gestern abend bei der letzten Flasche Sekt so glänzend unterhalten --?

Und der war sorglich um das junge Mädchen bemüht ... fragte nach ihrem Befinden -- --

Ja ... gab's denn so was überhaupt? ... war eine solche Blamage denn überhaupt faßbar? ...

Der Major nannte das junge Mädchen du ... sie sagte Vater zu ihm ...

Gerettet von der Tochter seines Bataillonskommandeurs! ...

Das war so ungeheuerlich ... so unwahrscheinlich -- -- daß es schon fast nicht mehr ernst zu nehmen war ...!

Und wie nun Wilhelm Frobenius an sich selber herunterschaute und sich rücklings in dem Froschtümpel sitzen sah, da verschwand jede Spur persönlicher Beschämung vor der reinen Freude an der haarsträubenden Komik der Situation ...

Als der Major sich überzeugt hatte, daß seine Tochter heil sei, und beide sich dem Opfer der Katastrophe zuwandten ... da saß dies Opfer in seinem Überzug von Schlamm und Algen ... und lachte ... lachte selig wie ein Kind, das einen fabelhaft gelungenen Streich ausgeführt hat und nun auf allgemeine Dankbarkeit Anspruch macht ...

Einen Augenblick waren die Retterin und ihr Vater völlig verblüfft ... dann aber stimmten auch sie erlöst und überwältigt ein in die erdentrückte Heiterkeit des langen Menschen im Froschpfuhl ...

»Donnerwetter! -- Sie scheinen sich in Ihrem Tümpel da ja ganz behaglich zu fühlen! -- Wie lange wollen Sie denn da eigentlich noch sitzen bleiben?«

Und die junge Dame fragte: »Soll ich vom Pferde runterkommen und Ihnen die Hand geben?«

Da kam Wilhelm Frobenius denn doch zu Besinnung.

Er versuchte aufzuspringen ... aber das war nicht so leicht ... Es blieb ihm nichts übrig, als die Beine, die bisher so schön auf dem Trocknen gelegen hatten, von ihrem hochgelegenen Platze herunterzudirigieren.

Und so, am ganzen Leibe triefend und mit grünem Schlamm überzogen, richtete Wilhelm Frobenius seine lange Gestalt auf, stieg auf die Chaussee und machte eine tragikomische Verbeugung.

»Darf ich Herrn Major ganz gehorsamst bitten, mich vorzustellen?!«

Abermals platzte Nelly heraus.

»Ja,« sagte der Major, »als was soll ich Sie denn nun vorstellen -- als Leutnant der Landwehr? -- Das geht doch nicht gut; denn augenblicklich haben Sie mit allem Möglichen Ähnlichkeit ... aber mit einem Leutnant ... Also, sagen wir schlechtweg: Herr Frobenius -- meine Tochter Nelly!«

»Na, nun bedanken Sie sich mal schön bei mir!« sagte Nelly und rieb den schmerzenden Arm, »wer weiß, wo Sie jetzt schon wären, wenn ich mich nicht über Sie erbarmt hätte!«

»Eigentlich müßte ich Ihnen böse sein, mein gnädiges Fräulein ... stellen Sie sich vor, welch ein Schicksal meiner wartet! -- Meinen Sie nicht auch, daß mir besser wäre, dieser infame Schinder hätte mich da hinten irgendwo gegen einen Baum gerannt? ... Dann wäre jetzt alles vorbei und ich läge friedlich und entseelt irgendwo an der Landstraße ... aber jetzt: -- so ein Lachen, wie über mich anheben wird, ist doch überhaupt noch gar nicht dagewesen. Das habe ich Ihnen zu verdanken, mein gnädiges Fräulein!«

Dabei strahlten hinter den funkelnden Brillengläsern die braunen Augen des Mannes zu dem Mädchen empor, mit einem Ausdruck, der just das Gegenteil seiner Worte sagte:

Ahnst du, Mädchen, wie lieb ich das Leben hab? ... ahnst du, wieviel ich noch wirken und schaffen möcht' auf dieser Erde? ... ahnst du, was für ein krauses, sehnsüchtiges, umgetriebenes Herz das ist, das nun weiter schlagen darf dank deiner schnellen Tat?

Einen Augenblick lang hatte dies geheimnisvolle Leuchten der braunen Augen die stahlblauen der Retterin festgehalten ... dann aber ließ sie ihre Blicke an der hageren Gestalt herabgleiten ...

Nein, so eine Karikatur! ...

Von den grün überkleisterten Rockschößen ... von den Ärmelaufschlägen hernieder triefte es in den Staub der Chaussee ... Die dürren Beine in den schlammüberkrusteten Reitstiefeln schlotterten vor Nässe und Frost ...

Der Instinkt der Soldatentochter lehnte sich auf gegen dieses Zerrbild ... Der Herr trug doch nun mal des Königs Rock ... nun galt's vor allem, die unmögliche Situation zu retten ...

Mit Überraschung sah Frobenius, daß das Zucken des Lächelns und der Teilnahme plötzlich, wie weggeweht, vom Gesicht des jungen Mädchens verschwand.

»Herr Leutnant,« sagte sie mit unüberhörbarer Ironie, »mein Vater war gerade im Begriff, zum Bataillon zu reiten -- Gehn Sie bitte dort irgendwo in den Wald und legen Sie sich in die Sonne zum Trocknen ... meine Schwester und ich werden Ihr Pferd mit zum Tattersall nehmen und Ihnen einen Wagen herausschicken ... So können Sie ja unmöglich in die Stadt zurück!«

»Ah, das ist ja 'ne ausgezeichnete Idee!« stimmte der Major zu.

Zerschmettert sah Wilhelm Frobenius an seiner jammervollen Erscheinung herunter ... »Allerdings -- Sie haben wohl recht, gnädiges Fräulein! Ich danke Ihnen! -- Den Dank für meine ... Rettung ... hoffe ich Ihnen ... in etwas schicklicherer Verfassung ...«

»Schon gut, schon gut!« sagte Nelly, »nur schnell von der Chaussee herunter, Herr Leutnant ... Da hinten kommt schon eine Kompagnie vom Exerzierplatz zurück ...!«

»Ah, gut, gut!« sagte der Major, »also schnell, Herr Leutnant, verschwinden Sie! -- Und ihr, Mädels,« -- das galt Nelly und der soeben herankommenden Molly -- »macht, daß ihr nach Hause kommt ... Ich halte den Schinder so lange und werde ihn der Kompagnie dort übergeben; die kann ihn zur Stadt zurückschaffen ...!«

Mit kurzem, herbem Kopfnicken verabschiedete sich die junge Dame von ihrem Schützling, der barhaupt im prallen Sonnenschein vor ihr stand und mit schlotternden Gliedern eine hilflos befangene Verbeugung machte ... In schlankem Galopp stoben die beiden Reiterinnen nach rechts der Stadt zu.

Der Major ergriff die Zügel Kunos des Schrecklichen, der wie ein Lämmchen folgte, grüßte kurz mit der Linken und sprengte der anmarschierenden Kompagnie entgegen.

Wilhelm Frobenius aber stapfte an seinem Tümpel vorüber ... durch den Chausseegraben ... in den Wald ... und suchte sich ein sonniges Plätzchen aus ...

Fünftes Kapitel.

Die Kompagnie, die auf der Chaussee vom Exerzierplatz sich näherte, war die dritte.

Hauptmann Haller, der vorschriftsmäßig an der Queue ritt, sah seinen Bataillonskommandeur herankommen und galoppierte an, überholte seine Kompagnie und meldete dem Major: »Dritte Kompagnie auf dem Rückmarsch vom Exerzierplatz!«

»Danke, lieber Haller! -- Hier bring ich Ihnen etwas Schönes mit!«

»Ich hab mich schon gewundert, Herr Major.«

»Haarsträubende Geschichte! -- Hat den Leutnant der Landwehr Frobenius abgeworfen -- der Satan!«

Die Kompagnie war inzwischen herangekommen. Staubbedeckt, lustig seine Zigarette rauchend, marschierte an ihrer Spitze der schlanke, blonde Leutnant von Finette. Er hatte die letzten Worte gehört, und nachdem er vor seinem Bataillonskommandeur salutiert, erlaubte er sich zu bemerken: »Darf ich Herrn Major darauf aufmerksam machen, daß das Kuno der Schreckliche ist?!«

»Kuno der Schreckliche -- wer ist denn das?«

»Ein total aus dem Leim gerittener Schinder aus dem Tattersall! Wer hat denn bloß dem unglücklichen Herrn von der Landwehr diese Kreatur unter den Leib gesteckt? ... Die ist doch eigentlich nur noch zu Beefsteak zu gebrauchen!«

»So,« sagte der Major, »das begreife ich allerdings auch nicht ... Ich werde doch mal an den Direktor telephonieren ... So was darf nicht wieder vorkommen ... das ist ja 'ne Infamie geradezu!«

Hauptmann Haller hatte inzwischen seinen Burschen herangewinkt, der dem Major die Zügel des unglücklichen Gaules aus der Hand genommen hatte.

»Haben Sie die Erste und Zweite gesehen?« erkundigte sich der Major.

»Zu Befehl, Herr Major! Die Zweite hat das Kastanienwäldchen besetzt -- die Erste greift von der Hohen Tanne her an!«

»Danke vielmals! -- Guten Morgen, meine Herren!«

* * * * *

Am Kreuzweg traf Sassenbach, wie verabredet, mit seinem Adjutanten zusammen.

»Was macht der Brummschädel?«

»Danke gehorsamst, Herr Major -- durchaus vorschriftsmäßig!«

»Langt's zu 'nem Galopp?«

»Selbstverständlich, Herr Major! -- Hohe Zeit! Die Erste und Zweite müssen schon aneinander sein!«

* * * * *

Hauptmann von Brandeis hatte frühmorgens am Rande des Exerzierplatzes seine Kompagnie in Züge auseinandergezogen und Übungen im Entfernungsschätzen durch die Zugführer vornehmen lassen. Nach einer Stunde hatte er die Kompagnie zusammengezogen und sie fünf Kilometer weit nordwärts geführt, um auf Grund einer mit Hauptmann Goll vereinbarten einfachen Gefechtsannahme eine kleine Felddienstübung anzuschließen ...

Einer von den üblichen »Türken«, die mit tödlicher Sicherheit sich immer wiederholten und denselben typischen Verlauf nahmen.

Rot, so lautete die Annahme, war gestern nördlich der Garnison geschlagen worden ... Die Dunkelheit hatte das Gefecht unterbrochen, und infolge Erschöpfung von Blau hatte die Verfolgung nicht mit voller Energie aufgenommen werden können, so daß die Fühlung mit dem Feinde verloren gegangen war ... Früh morgens hatte die Kavallerie gemeldet, daß der Feind in der Nacht durch die Stadt hindurch gen Süden abgezogen sei und nur noch schwache Abteilungen Versprengter sich in den Wäldern südlich des Exerzierplatzes sammelten ...

Die erste Kompagnie, als linke Seitendeckung des auf der großen Chaussee marschierenden Gros von Blau, bekam den Befehl, die Nachzügler zu vertreiben ...

Die beiden Hauptleute hatten miteinander verabredet, daß ihre ältesten Zugführer die Kompagnieen führen sollten.

Hauptmann von Brandeis hatte den weißen Helmbezug und die weiße Armbinde der Schiedsrichter angelegt, und zu ihm war von der Zweiten Leutnant Quincke als Schiedsrichtergehilfe getreten ... Oberleutnant Menshausen führte die Zweite ... Leutnant der Reserve Flamberg die Erste ... Hauptmann Goll, als der Ältere, markierte den Leitenden und hatte den Leutnant der Landwehr Frobenius als Zuschauer zu sich befohlen.

Bei der Zweiten wurden infolgedessen sämtliche Züge von Unteroffizieren: einem aktiven und einem Reserve-Vizefeldwebel und dem ältesten Sergeanten geführt ... Bei der Ersten standen Leutnant Carstanjen und zwei Vizefeldwebel als Zugführer.

Der Oberleutnant Menshausen besetzte mit allen drei Zügen den Rand des Kastanienwäldchens und ließ die Mannschaften sich eingraben ...

Dann hielt er Musterung unter den Unteroffizieren ...: »Der einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen!«

»Hier!«

»Kommen Sie mal her ... Für Sie hab' ich heute eine Spezialaufgabe: Sehn Sie sich mal rechts da das Gebüsch an! -- Sehn Sie?«

»Zu Befehl, Herr Oberleutnant!«

»Nehmen Sie sich die beiden rechten Flügelgruppen vom ersten Zuge und suchen Sie, in das Gehölz hineinzukommen ... aber gedeckt ... verstehn Sie!? -- auch wenn Sie einen größern Umweg machen müssen! -- Und daß Sie mir nicht eher zum Vorschein kommen, als bis die Erste über den Exerzierplatz zum Angriff ansetzt ... sie muß ja selbstverständlich von der Hohen Tanne herkommen ... Wenn dann die vorhergehenden Züge auf der Höhe Ihres Gehölzes angekommen sind, dann erscheinen Sie plötzlich mit Ihren zwei Gruppen am Waldrand und schießen der Ersten in die linke Flanke hinein ... Haben Sie begriffen?«

»Zu Befehl, Herr Oberleutnant!«

»Na, nun nehmen Sie sich mal zusammen und beweisen Sie, daß Sie würdig sind, nächstens die Offizierqualifikation zu bekommen -- Sie Vertreter der Intelligenz! Los, treten Sie an!«

Der einjährig-freiwillige Unteroffizier Friesen begab sich an die rechte Flanke der ausgeschwärmten Kompagnie und befahl: »Erste und zweite Gruppe vom rechten Flügel des ersten Zuges -- sammeln!«

Im selben Augenblick galoppierte auch schon der Kompagnieführer heran: »Donnerwetter, Friesen, wozu wollen Sie denn Ihre zwei Gruppen sammeln? Lassen Sie die doch ausgeschwärmt ... Wir sind im Gefecht! Einfach kehrt marsch und dann in Schützenlinie 'runter in den Grund ... so schnell wie möglich ...«

Der Einjährige stand stramm, zog dann mit dem Befehl »Schwärmen!« seine beiden Gruppen wieder auseinander und führte sie in den waldbestandenen Grund, der sich zur Rechten des Kastanienwäldchens hinzog ...

Alle Wetter, heute galt's aufpassen!

Oberleutnant Menshausen leitete die Ausbildung der Einjährigen und ihre Vorbereitung zum Offizierexamen, und von seinem Wohlwollen hing es sehr wesentlich ab, ob man bei der Entlassung zur Reserve die Qualifikation zum Offizier des Beurlaubtenstandes bekommen würde ... Übrigens war er ein harter Instruktor gewesen, der eine tiefe, grundsätzliche Abneigung gegen die »Intelligenz im Heere« besaß und sich gar keine Mühe gab, das zu verbergen ...

Also wirklich, es ging »um die Wurst!«

Ach ... und dabei war Hans Friesen heute so ganz und gar nicht dazu aufgelegt, seine Gedanken auf den Königlichen Dienst zu konzentrieren ... Auf halb zwölf war er zu Frau Hauptmann von Brandeis befohlen, um dort den Damen des Regiments, die bei der Festaufführung im Kasino mitwirken sollten, und dem Herrn Bataillonsadjutanten das Festspiel vorzulesen, das -- er selbst -- Hans Friesen, verfaßt hatte ...

Er, Hans Friesen, seiner bürgerlichen Hantierung nach Königlich preußischer Gerichtsreferendar und Doktor beider Rechte -- zurzeit Seiner Majestät jüngster Unteroffizier ...