Part 10
Als dann alles Platz nahm, wandte er sich in peinlicher Verlegenheit an den Vizefeldwebel, der den Dienst der Kasinoordonnanzen beaufsichtigte, und fragte, wo ihm sein Platz angewiesen sei. Der antwortete ganz kurz: »Da unten, bei die Avantageur!«
Und richtig! -- Man hatte ihn chargenmäßig ganz unten am linken Hufeisenende zwischen die blutjungen Fähnriche und Fahnenjunker gesetzt ...
Diese jungen Herren fühlten sich als zukünftige aktive Offiziere dem Einjährigen um mindestens ein Dutzend gesellschaftliche Nasenlängen voraus und suchten ihn, den um fünf bis sechs Jahre ältern, von oben herab zu behandeln.
Allmählich gewann Hans Friesen den Humor der Situation. --
Nun, wenigstens bei den Bürschchen rechts und links wollte er sich sobald als möglich in Respekt setzen und wartete nur auf die erste passende Gelegenheit, um ein Exempel zu statuieren ...
Inzwischen schaute er nach Molly um ... Sie saß am selben Tisch, aber weit höher hinauf, zwischen den Leutnants Carstanjen und Quincke, die ihr natürlich auf Mord und Tod den Hof machten ...
Ekelhaft, dies verlebte, gelbe Gesicht des fatalen Quincke neben ihrem rosigen, preziösen Köpfchen ... ihren apfelblütenfarbigen Schultern, die sich nun so lockend und schimmernd aus dem rosa Ballfähnchen hoben ...
Und jetzt -- da ... sie hatte ihn erspäht, sie lächelte, sie hob unmerklich das Glas ... Er auch ... Blick tauchte in Blick, eine Sekunde lang --
Der grünschnäblige Fähnrich von Berneck, kaum dem Kadettenkorps entschlüpft, siebzehn Jahre alt, hatte Friesens Blick bemerkt ... Er trug bereits das Portepee ...
»Nanu, mit wem flirten Sie denn so vernehmlich?«
»Ja ... das möchten Sie wohl wissen! -- Hehe! Neid der besitzlosen Klasse, was ...?! Na, halten Sie sich am Sekt schadlos! Prost, Herr von Berneck --!«
»Ich bin für Sie der Herr Fähnrich von Berneck, Unteroffizier Friesen!«
»Ach so, Sie wollen den ältern Kameraden 'rausbeißen,« sagte Friesen mit gewinnendem Lächeln, »na, dann lassen Sie sich sagen: ein jeder blamiert sich, so gut er's versteht! -- Nochmals: Prost, Herr von Berneck --!«
Das Bürschchen wollte auffahren ... Aber die roten Abfuhren auf Stirn und Wange des Einjährigen leuchteten so martialisch, und in den harmlos lächelnden Augen blitzte ein Licht, scharf und hell wie eine niedersausende Säbelklinge. -- Achselzuckend wandte der Herr Fähnrich sich ab.
Und Hans Friesen suchte und fand abermals Mollys Auge -- Mollys Lächeln ...
-- -- Die Tischordnung hatte den Kasinovorstand zwei schlaflose Nächte gekostet. Wahrhaftig keine Kleinigkeit, all die Muschirs und Paschas fein säuberlich nach der Zahl der Roßschweife zu verstauen ... Und noch peinlicher war die Plazierung ihrer holden Ehehälften und Töchter -- dann dabei diese Unzahl von Wünschen der Kameraden -- und schließlich galt es doch auch noch, gewisse Regungen des eigenen Herzens zu berücksichtigen.
Dieser Reserveonkel ... dieser Malfritze ... der hatte drei Wochen lang fast jeden zweiten Nachmittag ein paar Stunden mit der schönsten Frau im Regiment allein sein dürfen ... Skandal! -- Na, der hatte sich's natürlich nicht entgehen lassen, solch eine Gelegenheit nach allen Kräften auszunutzen ... Was mochte er erreicht haben?! -- Heut abend würde man zweifellos allerlei beobachten können ...!
So hatte er der Frau von Brandeis den Witwer Major Blasberg als Tischherrn gegeben und sich selbst an ihre rechte Seite gesetzt -- -- Flamberg gegenüber an die andere Hufeisenseite.
Von den Reserveoffizieren hatte nur der harmlose, dicke Oberleutnant Brassert eine Tischdame bekommen, ein ältliches Stiftsfräulein, eine arme Verwandte des Majors Blasberg, die dem um zehn Jahre jüngern Vetter seit dem Tode seiner Frau die Haushaltung führte ... Mit dieser anmutigen Nachbarin saß Brassert, wie üblich, am Stabstisch.
Frau Cäcilie unterhielt ein krampfhaftes Gespräch mit ihrem schweigsamen Tischherrn und mied es geflissentlich, ihrem Nachbarn zur Rechten auch nur ein Wort zu schenken.
Gräßlich ... fühlen zu müssen, daß er keinen Blick von den Bewegungen ihrer entblößten Arme ... von dem Spitzensaum ihres Halsausschnitts verwandte ...
Er knirschte über diese Vernachlässigung. Na, warte nur -- ein bißchen mehr als Luft bin ich doch -- -- Das sollst du merken, schöne Frau! --
Als wiederum in der stockenden Unterhaltung seiner Nachbarin eine Pause eingetreten war, neigte er sich zu ihr, die sich beharrlich von ihm abgewandt hielt: »Gnädige Frau scheinen mich schlecht behandeln zu wollen?!«
»Ich ... Sie? -- ich behandle Sie überhaupt nicht!«
»Na ja, ich bin in Ungnade bei Ihnen -- das weiß ich ja!«
»So -- das haben Sie also gemerkt!? -- Dann wundert's mich, daß Sie als Arrangeur der Tafel keine unterhaltsamere Nachbarschaft für sich gewußt haben als mich!«
»Aber, gnädige Frau -- verstehen Sie das denn nicht? -- Ich hoffte Gelegenheit zu haben, mich Ihnen gegenüber in ein besseres Licht zu setzen!«
»Ja, sehen Sie -- dann haben Sie sich also getäuscht!«
»Das merk ich allerdings! -- Schade! Mir fehlen leider Gottes die Qualitäten, mit denen man sich bei Ihnen beliebt machen kann. Schlichter Soldat wie ich, verstehe nichts von Musik, malen kann ich auch nicht ... kurz, nicht für fünf Pfenn'ge Chance ...!«
»Nun also ... Warum haben Sie sich denn mit aller Gewalt den schönen Abend durch meine Nachbarschaft verderben wollen?!«
»Gnädige Frau -- was tut man nicht für das Glück, einen Abend neben der schönsten Frau im Regiment sitzen zu dürfen. -- So was kommt sobald nicht wieder, daß es von einem selbst abhängt. -- -- Der Vorzug, in Ihrem Hause zu Gaste geladen zu sein -- der hat mir bis jetzt ja nicht geblüht, wenn ich auch ebensogut wie alle andern Herren Ihnen meine Aufwartung gemacht habe -- --«
»Herr Oberleutnant, Sie wissen so gut wie ich, daß Sie sich das Recht auf Gastfreundschaft in meinem Hause verscherzt haben!«
»Ah -- das ist also noch immer nicht vergessen?! -- Tja -- ich versteh es eben nicht so gut wie mancher andere, meine Empfindungen im Zaume zu halten --!«
»Pah -- Empfindungen -- -- Sie und Empfindungen?! Sie wissen überhaupt nicht, was Empfindungen sind -- --!«
»Ich weiß nicht, was --?! Haha ... man möchte wahrhaftig anfangen, mit Gegenbeweisen zu renommieren ...!«
»Unnötige Mühe! Ihr Renommee ist stadtkundig!« --
»Tja ... was bleibt unsereinem übrig ... die Frauen, die man möchte, sind bereits anderweitig vergeben ... und überdies so unangenehm tugendhaft ... wenigstens unsereinem gegenüber! ... Tja -- wenn man ein Ritter der Feder wäre, wie dieser Tapergreis, der Frobenius ... Sehn Sie nur, gnädige Frau: Nelly von Sassenbach plaudert mit ihm über die ganze Tafel hinüber, und Herr von Schoenawa, ihr Tischherr, ist kaltgestellt ... Ja ja, die Herren von der Reserve ... die Herren von der Intelligenz ... das ist mal was anderes für die Damen ... da können wir einfachen Soldaten nicht konkurrieren ... Und wenn man nun gar ein berühmter Maler ist, wie ein gewisser anderer Herr -- --«
»Bitte, sprechen Sie sich nur ruhig aus, Herr Oberleutnant --!«
»O ich -- -- Sie werden begreifen, daß es mir nicht ganz gleichgültig sein kann, wenn man selbst von einer Dame so deutliche Zeichen ihrer Abneigung bekommen hat ... und irgend so ein Herr, der mal auf acht Wochen hier hineinschnüffelt ... der darf dann mit dieser selben Dame allein sein ... Wochen hindurch ... stundenlang ... Ich begreife Herrn von Brandeis nicht -- wahrhaftig!«
»Herr Menshausen, Sie sind denn doch von einer Geschmacklosigkeit! -- -- Wenn ich das nun meinem Mann erzählte?!«
»Das ... würde sich wohl kaum empfehlen, gnädige Frau ... Ich bin der beste Schütze im Regiment!«
»-- -- Sie sind verrückt! --«
Mit bebenden Lippen wandte die schöne Frau dem Frechen den Rücken.
Himmel ... wenn nur Major Blasberg nichts gehört hatte! -- Aber nein ... der war tief, tief in sich versunken ... stumm sah er die Perlen in seinem Sektglase aufsteigen ... Frau Cäcilie wußte: der eiskalte, unzugängliche Mann dachte an nichts als an seine Frau, die seit zwei Jahren in kalter Friedhofserde lag ... an die Mutter seiner drei Buben ...
Gott, wie verschieden doch die Herzen ... die Charaktere aller dieser Männer, die einen Rock trugen ... eine Sprache sprachen ... das gleiche, mathematisch abgemessene und umzirkelte Leben führten ...
Wenn sie selber nun heute stürbe?! -- Fritz, das wußte sie, würde dann auch so sitzen ... viele, viele Jahre lang ... und kein Weib mehr anschauen nach ihr ...
Und jener andere -- nach dem jede Fiber ihres Leibes ... jeder Herzschlag ... jeder Gedanke sich sehnte?
Er würde sich gratulieren, daß er sie noch gerade vor ihrem Verschwinden aus der großen Modellsammlung des Lebens eingefangen ... für seine Leinwand, die im nächsten Sommer als Reklame seines Pinsels von Ausstellung zu Ausstellung wandern sollte ... würde in die Arme der harrenden Braut eilen ... und weiter malen ... eine Schönheit nach der andern in sich hineinsaugen mit den braunen, durstigen Künstleraugen ... und den vergänglichen Schmelz ihrer Jugendherrlichkeit, die verschwiegenen Tiefen ihrer Seelen zu ewiger Dauer auf seine Tafeln bannen ...
Ach, wie ruhevoll und befriedend doch der Gedanke, daß ein treues Herz, ein ritterliches, makelloses Gemüt nur für uns lebt --
Sie suchte den Blick ihres Mannes. Fritz saß ihr schräg gegenüber an der andern Hufeisenseite neben der bildschönen Frau des Bezirkskommandeurs. Er hatte kein Auge für die aufdringlich zur Schau getragenen Reize der überjungen Frau, die der alternde, zur Disposition gestellte Stabsoffizier in allzu großem Selbstvertrauen an sich gefesselt ...
Nun fühlte Fritz den langersehnten Blick seines Weibes ... beglückt hob er das Glas ... trank ihr zu, strahlend wie ein Bräutigam ...
Ach, und doch, und doch -- -- --
* * * * *
Die Baronin von Weizsäcker hob die Tafel auf.
Paar hinter Paar ... seideraschelnd ... sporenklirrend schob sich die Gesellschaft aus dem Speisesaal in die Empfangsräume. Hier hielt die Frau Oberst Cercle. Alles drängte sich heran ... die Offiziere, die jungen Mädchen wetteiferten der Gestrengen die brillantberingte Hand zu küssen.
Sie war die typische Kommandeuse: geistig unbedeutend von Antlitz neben dem leuchtenden Gatten, doch äußerst pompös, beständig das Lorgnon an der Nase, voll zuckersüßer Herablassung gegenüber Gutangeschriebenen, hundeschnäuzig ablehnend einem jeden gegenüber, dessen Conduite zu wünschen übrig ließ, und in all diesen feinen Nuancen bereits erstaunlich Bescheid wissend. Ihr Benehmen konnte jedem einzelnen geradezu als Barometer seiner eigenen Stellung im Regimente dienen.
Die Reserveoffiziere waren für sie ohne jegliches Interesse ... existierten einfach nicht. Und dies ihr Benehmen gab für alle Damen, die auf Korrektheit Wert legten, das Signal, die eingezogenen Herren mit kältester Zurückhaltung zu behandeln.
Martin Flamberg stand abseits und beobachtete, das leise, ironische Lächeln des Menschenkenners auf den Lippen, mit scharfem Auge, dem nichts entging ... das durch all die korrekten Formen und Formeln in die Tiefe drang und das Ganze des Menschen packte, der sich hinter ihnen barg ...
Und während sein Verstand sich mit skeptischer Ergötzung am Bilde der menschlichen Komödie weidete, erbaute sich das Malerauge an dem farbenbunten Bilde des äußern Geschehens ...
Wie das wogte ringsum ... wie das flimmerte von Kraft und Anmut ... von Farbenglut und flirrendem Lichterspiel ...
Ab und zu warf Martin auch einen Blick durch die halboffene Tür in den Speisesaal. Hier waltete eine Schar von Heinzelmännchen in Ordonnanzlivree und Füsilierrock ihres Amtes. Mit jener Präzision, welche den braunwangigen Burschen auf dem Exerzierplatz eingedrillt worden war, verwandelten sie den Speisesaal in einen Tempel der Tanzmuse. Mit Zauberschnelle verschwanden die geschmückten, silber- und blumenbeladenen Tafeln, mächtige Besen wurden geschwungen, Staubwolken flogen, Stuhlreihen umkränzten die Saalwände.
In den Empfangsräumen trennte sich inzwischen die Gesellschaft nach Geschlechtern, die Damen ins Billardzimmer, wo die Ordonnanzen Tee und Süßigkeiten darreichten, die Herren ins Rauchzimmer zu Schnaps und Nikotin.
Aber einige der keckern Damen überschritten doch bald wieder den Trennstrich der Geschlechter, unter dem Vorwand, sich eine Zigarette zu holen, und blieben im Rauchzimmer kleben.
Frau Cäcilie suchte ihren Gatten auf, hängte sich an seinen Arm in dem starken Bedürfnis, sich an ihn anzuschmiegen, jenes Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie bei Tafel so jählings zu ihm hingezogen, auch äußerlich zu betätigen ...
Diesen Augenblick hielt Martin Flamberg für geeignet, sich für die Rosendedikation an seine Braut zu bedanken ...
Mit umschleierten Augen sah Frau Cäcilie ihm entgegen ... Sie hatte ihn seit dem »Firnistag« nicht mehr gesehen ... zehn Tage lang nicht mehr gesehen ...
»Also glücklich vom Urlaub zurück, Herr Flamberg? -- Wie geht's -- was macht ›Gretchen‹?«
»Sie hat mich beauftragt, ihren Dank noch einmal mündlich zu wiederholen!«
»Nun, war's schön daheim? -- Was treibt Fräulein Agathe?«
»Sie baut an unserm Ehenest!«
»Ah -- wird's hübsch?«
»Wird noch nicht vorgezeigt, gnädige Frau -- ich hab' nicht hingedurft!«
Der Hauptmann lachte übers ganze Gesicht ... er war wie trunken von der Huld seines Weibes: »Na, lieber Flamberg, ich wünsche, daß es gerade so hübsch wird bei Ihnen wie bei uns ... und daß ihr zwei mal gerade so glücklich werdet wie die da und ich ... was, Alte --?!«
Frau Cäcilie lächelte ... ein Lächeln, das Martin durchschauerte.
»Tja, und übermorgen geht's nun fort,« schwatzte Brandeis weiter, »na, für Sie ist das ja nur 'ne Etappe näher auf dem Anmarsch zum Traualtar ... aber für uns zwei --? drei Wochen bittrer Trennung! -- Na, Cilly -- wo bleibt die Abschiedsträne? -- Warten Sie nur, lieber Flamberg, das werden Sie auch noch kennen lernen. -- Gut, daß Sie und ich wenigstens zusammen unterm selben Zeltdach schlafen werden ... was, Flamberg? -- dann werden wir uns vor dem Einduseln im Stroh von unsern Herzallerliebsten vorschwärmen ... was --?! Ich bin fein heraus ... meine Schwärmerei findet wenigstens volles Verständnis, da Herr Flamberg dich ja kennt ... und sogar einigermaßen gründlich! -- wann aber werde ich mal den Vorzug haben --?«
»Nun -- wer weiß ... unverhofft kommt oft ...! Darf ich um Ihre Tanzkarte bitten, gnädige Frau?«
»Bitte --!«
»Den zweiten Walzer -- darf ich --?«
Sie nickte, und er kritzelte seinen Namen auf das glänzende Blättchen.
Andere Bewerber drängten sich herzu. Cäciliens Gesicht versteinerte sich, als auch Menshausen sich heranwagte: »Ich bedaure, Herr Oberleutnant!«
»Wie -- zu spät gekommen -- schon alles besetzt --?!«
Er hatte, als sei das selbstverständlich, die Tanzkarte von einem Kameraden übernommen, warf einen Blick darauf: »Sieh da ... ein Rheinländer noch frei ... darf ich darum bitten?«
»Den Rheinländer lasse ich aus!«
»Ich bin untröstlich --!«
Blick traf in Blick eine Sekunde lang ... eine Flamme heißen Hasses blitzte der jungen Frau entgegen: Sei auf deiner Hut -- du --!
Pah ... was frag ich nach dir ... nach deinem Haß ... nach deinem Rachegelüst ...! antwortete Cäciliens Blick.
Eine Minute später gab sie den Rheinländer an Herrn Frobenius ... war er nicht Martins Freund ...? würde sie nicht von Martin plaudern können mit ihm ...? --
* * * * *
Der zweite Walzer ging zu Ende ... Cäcilie und Martin hatten kaum sprechen können während des Tanzes ... tief aufatmend machten sie Rast. Cäcilie schob die Fingerspitzen in Martins Arm ... Keines wagte, das andere anzuschauen; beide fühlten, der letzte Augenblick des Beisammenseins war nahe.
»Morgen früh werd' ich die Ehre haben, Ihnen meinen Abschiedsbesuch zu machen, gnädige Frau!«
»Den erlaß ich Ihnen, Herr Flamberg -- Sie würden mich nicht treffen ... ich reise schon morgen früh! -- Soll ich Ihnen sagen, wohin --?«
»Ich bitte darum!«
»So, Sie wissen also noch nichts? -- Mein Mann hat Ihnen noch nichts erzählt?!«
»Ich habe keine Ahnung!«
»Wir haben vor drei Tagen ein Gut gekauft ... in der Nähe von Simmern ...«
»Was -- auf dem Hunsrück? -- und unser Manöver --«
»-- entwickelt sich zwischen Simmern und Birkenfeld -- ich weiß wohl! -- Ich nehme da oben meinen Sommerfrischensitz ... die Sassenbachschen Mädels nehme ich mir zur Gesellschaft mit ... Das Korpsmanöver ist in unserer Nähe ... ich habe die Dislokation bereits studiert ... wir werden einmal zu Ihnen ins Biwak hinauskommen ... und vielleicht reiten Sie an einem Ruhetage mal zu uns hinüber ...«
Martin konnte nicht sprechen. In jähem Entzücken und ahnungsvollem Schreck zugleich taumelten seine Gefühle --
Auf der Heimfahrt vom Urlaub hatte er abgeschlossen ... es sollte ... es würde ja zu Ende sein am zweiten September ... Er würde sich alsbald nach der Übung zur Landwehr versetzen lassen, würde Frau Cäcilie von Brandeis niemals wiedersehen ... Den einen Abend noch unter den Augen des ganzen Regiments ... da würde man schon Fassung bewahren können ... dann Montag nach dem Dienst mit dem Hauptmann nach Hause ... ein korrektes, liebenswürdig heiteres Abschiedsgeplauder unter den Augen des Gatten ... und dann ... ade! ... ade für ewig!
Agathe wartete ... ihr gehörte all sein Sehnen ... jede Sekunde im Banne der schönen Frau war Verrat an dem geliebten Mädchen ... Also Schluß! ... endgültig Schluß!
Und nun -- --?! ... Schicksal, nimm deinen Lauf --!
»Kommen Sie, Herr Flamberg ... noch ein paar Takte ... gleich ist's zu Ende ...!«
Hauptmann von Brandeis stand in der Tür des Rauchzimmers, die Zigarette zwischen den Fingern, und sah schmunzelnd in das Gewühl des Tanzes hinein ... ein frisches, glückliches Lächeln lag auf seinen Lippen ...
Die Königin des Festes ... ja, das war sie ... seine Cäcilie ... Die andern Damen ... welche von denen war denn auch nur von weitem mit ihr zu vergleichen!
Und wie sie tanzte ... Selbst die ältesten Stabsoffiziere machten gute Figur mit ihr ... Die alten Herren waren wie elektrisiert, wenn sie die federleichte Gestalt im Arm hielten ... angesteckt von der rhythmischen Energie, die ihre Glieder durchpulste ... Und wenn sie förmlich einen Meistertänzer wie diesen Flamberg gefunden hatte ... den beiden zuzuschauen, das war ja wirklich ein ästhetischer Genuß ...
Überhaupt dieser Flamberg! ... Doch direkt ein begnadeter Mensch! -- Stammte er nicht aus ganz dürftigen Verhältnissen? -- Freilich ... aus einem Pfarrhause! -- Gewiß waren seine Eltern feingebildete Leute gewesen ... die gute Kinderstube! So was ist nicht nachzuholen und nicht nachzuahmen ... aber zur Gesellschaft im eigentlichen Sinne hatte er nun doch mal nicht gehört -- und wer merkte ihm das heute noch an ... ein genialer Künstler, eine repräsentative Persönlichkeit, und dabei so'n famoser Kerl -- selbstbewußt -- natürlich! Na, das gehörte sich auch so! Aber dabei so einfach ... so ohne Prätension ... und Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle ...
Solche Reserveoffiziere sollte man mehr haben im Regiment! Andere Nummer als diese Windhunde, die Herren Dormagen und Klocke, diese Säbelraßler und Uniformfatzken!
Höchst erfreuliche Aussicht, in so angenehmer Gesellschaft die drei Manöverwochen zu verbringen ... und wie reizend, daß nun auch Cäcilie in der Nähe war und auch noch ein wenig von der Gesellschaft des Malers profitieren würde, der ihr ja offenbar sehr sympathisch war. Schade, daß er und seine Zukünftige nicht in der Garnison wohnten; das wäre so recht ein hübscher Verkehr gewesen, die zwei. Cäcilie hatte unter den Damen des Regiments noch immer nicht den rechten Anschluß gefunden ... die junge Braut, das müßte nach Flambergs Beschreibungen ein Umgang für sein anspruchsvolles Weib gewesen sein ... Na, man würde eben bald mal nach Düsseldorf hinüberfahren und die jungen Leute im eigenen Heim aufsuchen ...
Ach ... das Leben war doch schön, wenn man ein bißchen Dusel hatte! -- der freilich gehörte dazu ... na, und über Mangel an Dusel hatte Fritz Brandeis wahrhaftig nicht zu klagen ...
»Glänzende Tänzerin, Ihre Frau Gemahlin!« klang's da plötzlich neben ihm. Oberleutnant Menshausen, das geleerte Likörglas in der Hand.
Komisch ... wenn der Mensch auftauchte, immer hatte man so ein fatales Gefühl ... Was war's doch gewesen? -- Ach so, seine läppische Bemerkung damals ... wann doch? -- -- ah, als die Reserveoffiziere einrückten ... haha! -- Damals hatte er selber, Brandeis, davon gesprochen, daß er wünsche, Flamberg solle Cäcilie malen ... Und nun war das Bild bereits fertig ...
»Ja, ja, sie tanzt ausgezeichnet!« sagte er mechanisch.
»Und wie sie bei der Sache ist! -- wenigstens wenn sie mit Herrn Flamberg tanzt -- --!«
»-- -- Wieso --?«
»Ach, ich -- ich meinte nur so --!«
»So?! -- Sie meinten nur so! -- Ich hatte das Gefühl, als ob Sie sich über irgend etwas ... wunderten!«
»Ich mich wundern? -- Nein, das nicht ... sondern ...«
»Was?! -- was, wenn ich bitten darf?«
»O -- ich -- es ist mir allerdings aufgefallen, daß die gnädige Frau dem Herrn von der Reserve gegenüber -- so überaus -- liebenswürdig ist! Das ist allgemein bemerkt worden.«
»Die Herren von der Reserve haben ihr Patent von Majestät genau so gut wie wir!«
»Selbstverständlich, selbstverständlich!«
»Nun also?!«
»Immerhin -- sie gehören doch nicht zum engern Kreise des Regiments.«
»Herr Flamberg ist ein Freund meines Hauses.«
»Ach so -- ein Hausfr-- -- ein Freund Ihres Hauses. Verzeihen Herr Hauptmann meine Neugierde. Nun weiß ich ja Bescheid. Haben Herr Hauptmann schon einen Schnaps genehmigt? Nein? Ordonnanz! einen Benediktiner für Herrn Hauptmann!«
»Ich danke! Ich habe kein Bedürfnis.«
»Nicht? Dann bitte ich um Entschuldigung -- meine Pflichten als Kasinovorstand ...«
»Bitte, lassen Sie sich nicht stören!«
-- -- Was war das gewesen? Was für ein Mißton -- was für ein häßlicher Hauch war da herangeweht? Die gnädige Frau so überaus liebenswürdig gegen den Herrn von der Reserve -- das ist allgemein aufgefallen! Herrgott, war der Kommißtratsch denn schon wieder am Werk? Und an Cäcilie wagte sich das heran, an seine Cäcilie? Himmelbombenelement!
Wo war sie nur? Schau -- da schwebte die weiße Gestalt hin -- wie eine Krone umschloß das braungoldene Haar die weiße Stirn -- fest schmiegte sie sich an ihres Tänzers breite Brust -- an Herrn Flambergs Brust --
Wahrhaftig -- vielleicht doch ein bißchen zu fest für die scharfen Augen, die spitzen Zungen der Sittenwächterinnen da hinten auf dem Drachenfels ...
Und wie sie glühte ... er auch ... Mein Gott, warum sollten sie nicht?! -- waren sie nicht beide Temperamentsmenschen? fröhliche Genießer, die sich ganz hingaben an den schönen, festlichen Augenblick ...?
Immerhin ... ein wenig Rücksicht nehmen mußte man schon ... wir kennen doch dies Klatschweibergesindel ... ob das Unterröcke trägt oder Hosen mit Stegen ... Vielleicht ... wäre doch ein Wink der Warnung an Cäcilie angezeigt ...
Ach, Unsinn! -- Wozu ihr die unbefangene Freude trüben --? Seine Cäcilie ... er kannte sie doch! Und Flamberg! ... Hand ins Feuer für den!
Der Walzer klang aus. Quer durch den ganzen Saal, mit strahlendem Lächeln, schritt Fritz von Brandeis auf das Paar zu, das eben glühend, schweratmend, den Tanz beendet hatte. Und in heiterm Geplauder nahm er Cäciliens Arm und spazierte noch ein Weilchen mit ihr und Flamberg durch den Saal.
Mochten die Klatschweiber sich die Mäuler zerreißen!
* * * * *
Der Drachenfels hatte seine Wahrnehmung bereits festgelegt. Und die war: Einige der Damen des Regiments hatten sich einer entschieden zu starken Bevorzugung des nicht aktiven Elements unter den Herren schuldig gemacht.