Sommerleutnants

Part 11

Chapter 113,382 wordsPublic domain

Auf der Bühne, wo vorher der Eintracht lieblicher Genius mit herzbewegenden Worten die stille Friedenstätigkeit des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande gepriesen, war nun der Areopag der alten Damen versammelt. Da thronte inmitten die Kommandeuse und handhabte eifrig das Lorgnon; zu ihrer Rechten Frau von Sassenbach, zur Linken Frau von Czigorski. Und um die drei Säulen des Regiments herum gruppierten sich die übrigen Damen, die Gattinnen der Podagristen aus Pensionopolis ... Nur ein einziges jugendliches Gesicht in ihrer Mitte, die Frau Hauptmann Haller, eine sehr lebenslustige Frau von dreißig Jahren, die diesmal schweren Herzens auf die Freuden des Tanzes verzichten mußte, da sie ihren drei Buben noch ein Geschwisterchen bestellt hatte.

Die rechte Flanke, wo Frau von Sassenbach saß, sprach nur von Frau von Brandeis; was die Herzen der Gruppe außerdem bewegte, durfte mit Rücksicht auf die Majorin nicht zu Worte gelangen. Um so eifriger betuschelte dafür die linke Seite die allgemeine Beobachtung, daß Frau von Brandeis heut abend nicht die einzige Dame war, die sich mit Vorliebe an gewisse Herren des Beurlaubtenstandes hielt.

Schon bei Tische hatte man bemerkt, daß das ältere Fräulein von Sassenbach sich weit weniger um ihren Tischherrn bekümmerte, den ernsten und zielbewußten Regimentsadjutanten, als vielmehr um ihr Gegenüber, diesen unmöglichen Herrn von der Landwehr, dessen schwarzblauer Waffenrock mit den altmodischen großen Knöpfen, dessen riesige Epaulettes und dessen trikotartig knapp die hagern Beine umschließenden Hosen allgemeines Entsetzen erregt hatten.

Ja, und kaum war die Tafel aufgehoben, da hatte sich Fräulein Nelly alsbald im Rauchzimmer eingefunden und bei einer Zigarette mit dem merkwürdigen Bekannten weiter geplaudert.

Dann allerdings war der Tanz in seine Rechte getreten. Der schien nicht die starke Seite des eingezogenen Herrn zu sein; denn er stand meist in der Tür des Rauchzimmers und schaute durch seine riesigen Brillengläser mit behaglicher Betrachtung in das Gewühl des Tanzes hinein. Wer ihn aber genauer beobachtete, konnte wohl bemerken, daß sein Blick ein bestimmtes Ziel verfolgte ...

Nelly Sassenbach wanderte von einem Arm in den andern. Stets, wenn sie an Herrn Leutnant Frobenius vorbeistrich, flog ein rascher, stiller Blick des Einverständnisses zu ihm hinüber ...

-- -- Ja, Wilhelm Frobenius sah nichts als seine Retterin ... War sie nicht just das Gegenteil alles dessen, was er an Weiblichkeit bisher gekannt ... und war sie nicht zugleich die Verkörperung seines erträumten Frauenideals ...?!

Er hatte in der Literatur vor allem immer für die heroischen Mädchengestalten geschwärmt, wenn auch seine vielbewunderte stilistische Meisterleistung die Analyse der Gretchengestalt war. -- Sein Herz zog ihn vielmehr zu den ausgesprochenen Mannweibern der Dichtung ... freilich im Leben war ihm dergleichen niemals begegnet ... ach, ihm waren überhaupt wenig Frauengestalten begegnet im Leben ...

Von den Damen des Regiments interessierte ihn, außer Nelly, nur noch eine, jene, von der sein Kamerad und Freund Flamberg ihm doch in einem Ton erzählt hatte, aus dem selbst ein noch naiveres Gemüt als er hätte herausfühlen müssen, daß sie ihm mehr gewesen denn nur ein Modell ...

Frobenius verglich die beiden Frauen beim Tanzen. Cäcilie legte sich weich und anschmiegend in des Tänzers Arm. Es schien ihr angenehm zu sein, wenn man sie recht fest und nahe hielt. Scheinbar willenlos überließ sie sich der Führung ihres Partners, tanzte ruhig, schwebend; ihre Füße schienen sich kaum zu bewegen.

Nelly aber tanzte mit weitem Abstand, sehr selbständig, mit weit ausholenden Schleifern, wie um sich auszutoben und auszutollen im Tanz. Wenn man sie so sah ... ihre Tanzwonne steckte an ... man bekam Sehnsucht, sich von ihr hineinziehen zu lassen in diese Strudel, diese Wirbel, in denen sie sich tummelte wie ein losgelassenes Füllen ...

Ach, es war Jahre her, seit Wilhelm Frobenius zum letzten Male auf dem Professorenball das Tanzbein pflichtmäßig, aber ohne Liebe zur Sache geschwungen. Damals hatte sich die alternde Tochter des Rektors und Dekans der philosophischen Fakultät lebhaft für den jungen, aufstrebenden Privatdozenten interessiert, und manche mehr oder weniger zarte Andeutung hatte ihm nahegelegt, er solle zugreifen und seine Karriere sichern ... aber die hochfahrende Nüchternheit des gelehrten Fräuleins hatte ihm ein Grauen eingeflößt. Er hatte sich sehr merkbar zurückgezogen und war seitdem gesellschaftlich ziemlich kaltgestellt. Daß er auch heute noch nicht einmal Extraordinarius war, stand zweifellos auch in einem gewissen innern Zusammenhang mit jener Fahnenflucht. -- Nun, er hatte gesellschaftliche und berufliche Zurücksetzung zu verschmerzen gewußt ...

Auch heute abend hatte er nicht engagieren wollen, aber als er nach Tisch Fräulein Nelly von Sassenbach eine gesegnete Mahlzeit wünschte, hatte die ihm von selbst ihre Tanzkarte hingehalten.

»Ich bin ein miserabler Tänzer, gnädiges Fräulein!«

»Schadet nichts -- wir werden plaudern!«

Nun der Bann gebrochen war, hatte er auch noch Frau von Brandeis engagiert. Die Schar der übrigen Damen war ihm gleichgültig -- auch durfte man die aktiven Herren nicht berauben.

Aber der Gedanke an den bevorstehenden Tanz hatte ihn doch mit einem gelinden Grauen erfüllt ...

Nun war er da, der gefürchtete und doch ersehnte Augenblick ...!

»Also mit dem Tanzen ist es wirklich nichts, Herr Frobenius?«

»Sie würden wenig Freude an mir erleben!«

»Aber so versuchen wir doch einmal!«

Und mit einem Gefühl ehrfürchtiger Andacht legte er seine Hand um die schlanke, feste Gestalt des Mädchens ...

»Also los -- es ist ja nur 'ne Polka -- die werden Sie doch noch schaffen können!«

Alles drehte sich im Wirbel ... aber er nahm all seine Kraft zusammen ...

»Sehn Sie wohl -- geht ja blendend!«

Wahrhaftig, es ging wunderschön -- zwar Hören und Sehen schwanden ... nichts blieb als ein dumpfes Gefühl des Rhythmus ...

Eins, zwei, drei, vier -- eins, zwei, drei, vier --

Das ... und ein Strom von Glück und Rausch, der von dem straffen, lebenswarmen Mädchenkörper aus in alle Glieder des Gelehrten überströmte ... in die Seele eines fast vierzigjährigen Knaben ...

Wenn nur nicht das Parkett so infam glatt gewesen wäre! -- Und daß man alle Augenblicke mit einem andern Paar karambolierte, war auch nicht gerade angenehm ... aber er war ja so kurzsichtig ... und alles wirbelte im Kreise ringsum ...

»Na warten Sie nur, wenn Sie mich beim nächsten Walzer nicht zu einer Extratour auffordern, dann werd' ich böse!«

Auf einmal fühlte er, daß er den Halt verlor ... sein linker Fuß war ausgeglitten ... die Wirbelsäule bekam von unten einen Stoß ... knickte vornüber ... der lange Körper verlor das Gleichgewicht ... riß im Sturz die Tänzerin mit um ... Im selben Augenblick stieß zum Überfluß ein heranwirbelndes Paar wider die taumelnden Leiber, und mit voller Wucht sausten beide lang in den Saal ... Nelly hatte einen leisen Schreckens- und Schmerzensschrei ausgestoßen, sie war im Sturz unten zu liegen gekommen ... die Röcke flogen zur Seite ... fast bis zum Knie streckten die weißen Strümpfe sich vor ...

Wie der Blitz war sie empor trotz eines heftigen Schmerzes im linken Bein ...

»Herrgott -- stehn Sie doch bloß auf!«

Ihr Tänzer saß in genau derselben Stellung, wie vor fünf Wochen im Froschtümpel, auf dem blanken Parkett inmitten des Gedränges der Paare, die jäh anhielten und die Gestrauchelten umdrängten ...

Verworren, blöden Ausdrucks starrte er vor sich hin ... die Brille war abgeflogen ... er war so gut wie blind ...

»Stehn Sie doch auf ... Donnerwetter nochmal!!«

Und Nelly reichte ihm beide Hände hin ... er griff zu wie ein tappiges Baby ... ließ sich emporziehen ...

»Herrgott nein -- mit Ihnen ist aber auch wahrhaftig gar nichts anzufangen!«

Mama Sassenbach raste wie eine Furie durch den Saal ... Wo war ihr Mann? ...

Natürlich -- der bekümmerte sich kein bißchen um seine Töchter ... hatte sich irgendwo im Rauchzimmer festgekneipt!

Wahrhaftig, da saß er mit dem Oberstleutnant, dem Bezirkskommandeur, ein paar pensionierten Exzellenzen und Stabsoffizieren um einen Siphon Münchener.

»Verzeihung, meine Herren! -- Moritz, komm, wir müssen nach Hause!«

»Aber, Kind -- 's ist ja noch nicht mal Mitternacht!«

»Einerlei -- wir müssen! Nelly hat einen kleinen Unfall gehabt ... Fuß verstaucht ... einen Riß im Kleid ... und außerdem --«

»Verflucht! -- Selbstverständlich ganz zu deiner Verfügung, liebste Amelie! -- Sie verzeihen, meine Herren!«

Die alten Herren schmunzelten.

Es kam selten vor, daß Frau Amelie von Sassenbach nicht aus irgendeinem Grunde vorzeitig zum Aufbruch blies und den Gatten vom Münchener wegschleifte ...

-- Wutbebend berichtete Frau von Sassenbach ihrem Gatten.

Der fluchte: »Das kommt davon, daß sich das Mädel mit dem Landwehrfritzen eingelassen hat ... den hätte sie doch wahrhaftig kennen sollen! -- Wo steckt sie denn?«

»Ist schon in der Garderobe -- sie konnte sich ja im Saal überhaupt nicht mehr sehen lassen in dem ruinierten Kleid!«

»Und wo ist Molly?«

»Herrgott ja, Molly -- -- geh sie suchen, Moritz!«

Und Moritz ging auf die Suche.

Ja, wo war Molly? -- Im Gewühl der Tanzenden spähte der Vater vergeblich nach dem lichtblonden Zopfgetürm über dem rosa Tüllfähnchen ...

Leutnant Blowitz, der als Ballarrangeur und Vortänzer fungierte, sah seinen Chef mit suchenden Augen in der Tür stehen. Er führte Frau von Brandeis, mit der er just eine Extratour tanzte, schleunigst zu ihrem rechtmäßigen Tänzer, Herrn von Schoenawa, zurück und schoß auf den Major zu: »Kann ich Herrn Major mit irgend etwas dienen?«

»Ich suche meine Tochter Molly -- wir brechen auf!«

»Meines Erinnerns habe ich das gnädige Fräulein vor ... vor zirka einer halben Stunde gesehen ... sie tanzte mit dem Einjährig-Freiwilligen Friesen!«

»So, mit dem Einjährigen -- und seitdem -- --?«

»Seitdem ist sie mir aus den Augen gekommen!«

»Na ... machen Sie kein Aufsehen ... hier im Saal ist sie nicht! ... Wo könnte sie sonst wohl sein --?«

»Im Rauchzimmer und im Billardzimmer haben Herr Major schon nachgesehen?!«

»Im Rauchzimmer war ich selbst! -- im Billardzimmer -- das wäre möglich!«

Lebhaft plaudernde Gruppen in allen Ecken, um die Spieltische gedrängt erhitzte Leutnantsgesichter, junge Mädchen und Frauen, die sich eifrig fächelten ... hastende Ordonnanzen mit Servierbrettern voller Selters- und Biergläser ... von Molly keine Spur! --

Also nochmals zurück in den Saal! --

Auch hier keine Molly! --

»Vielleicht weiß der Einjährige Bescheid?« meinte Leutnant Blowitz, »den muß man ja leicht herausfinden an seinen schauerlichen weißen Hosen!«

Jawoll --! die weißen Hosen waren ebensowenig zu finden wie das Majorsmädel ...

»Da bleibt nur noch eine Möglichkeit, Herr Major -- -- das gnädige Fräulein muß im Garten sein!«

»Is ja ausgeschlossen!«

Aber der bekümmerte Vater stürzte doch sogleich zur Veranda ... spähte in den Garten hinaus, dessen Laubengänge, vom Mondlicht angesilbert, dunkel träumten, nur von den mattleuchtenden Kugeln einiger Lampions belebt ...

»Molly!« rief der Vater gedämpft, »Molly -- bist du hier?!«

-- -- Ein paar Minuten bangen Schweigens ...

Dann tauchte ein weißer Schatten aus der Dämmerung, und ... ein harmloses Lächeln auf dem glatten Engelsgesichtchen hüpfte Molly die Veranda hinauf: »Hast du mich gerufen, Papachen?«

»Allerdings -- Mama bricht auf!«

»Oh, wie schade ... ich hatte mich so auf den Kotillon gefreut!«

»Tut mir leid! -- Wie kommst du denn in den Garten?«

»Es war so heiß -- -- ich wollte mich ein wenig abkühlen!«

»So -- abkühlen! -- Na, komm!«

Lächelnd und schlank wie eine Fee schwebte Molly vorauf.

Der Major folgte. Unablässig zwirbelten seine Finger die lang herabhängenden grauen Schnurrbartspitzen ...

Er hatte sehr wohl bemerkt, daß hinter dem weißen Schatten, der sich aus dem Dunkel entwickelte, noch ein anderer weißer Schatten im Garten gespukt hatte ... aber der war nicht ans Licht gekommen ...

Er hatte eine heillose Ähnlichkeit gehabt mit einem Paar weißen Mannschafts-Paradehosen, auch »Porzellanbuchsen« geheißen -- --

Ja, das hatte der Vater gesehen, aber ... er wollte nichts gesehen haben ...

Nur künftighin besser auf das Mädel passen --!

»Na, gut' Nacht, lieber Blowitz! Ich danke Ihnen! Noch viel Vergnügen!«

»Danke gehorsamst, Herr Major! -- Empfehle mich, mein gnädiges Fräulein!«

Wenn der nur nichts gemerkt hatte -- --!

Blowitz verzog keine Miene beim Abschied.

Aber er hatte doch gesehen.

Na, wenn die Kleine sich partout einen Flirt mit dem Einjährigen in ihr blondes Köpfchen gesetzt hatte ... Hermann Blowitz fühlte weder zum Denunzianten noch zum Klatschweibe Beruf in sich ... Er wollte seine Entdeckung für sich behalten ... bei ihm war das Geheimnis der Kleinen gut aufgehoben --

Und Hans Friesen, der erst wie ein Verbrecher gezittert hatte, lachte nun selig in sich hinein in seinem dunkeln Versteck ... er tappte sich zu der Bank zurück, auf der er eben mit Molly gesessen -- auf der er kühnen Muts einen scheuen, seligen Kuß erbeutet hatte ...

Der machte das Poetenherz schwer und warm ...

Er fühlte das Schicksal seines jungen Lebens über seinem Haupte ...

Es hieß Molly ... Molly Sassenbach -- --

* * * * *

Um vier Uhr morgens waren die letzten Damen gegangen. Nun rotteten sich die Leutnants im Billardzimmer um die Siphons zusammen.

Teufel auch ... die Nacht war doch mal angebrochen ... die vorletzte Nacht in der Garnison ...

Morgen nur Instruktionsstunden und Appell ... Appell ...

Stiefelappell ... Gewehrappell ... Appell mit eisernen Portionen und Appell mit Fußbekleidung ... Appell mit Sachen, die auf Kammer abgegeben werden mußten ... Stubenrevision ... und zuletzt Appell im Manöveranzug.

Das schaffte man auch mit unausgeruhten Knochen ... mit einem noch so wüsten Brummschädel.

Erhitzt vom Tanz goß man einen Schoppen nach dem andern in die glühende Kehle. Bald waren die Leutnants Klocke und von Finette wie die Staubsäulen betrunken. Energischer Zuspruch älterer Kameraden mußte sie zum Heimschwanken bewegen. --

Die Tanzlust war noch nicht gestillt. Da die Regimentsmusik verschwunden war, setzte sich der kleine Carstanjen ans Klavier und hieb eine wilde Walzermelodie in die Tasten hinein ...

All die unruhvollen jungen Männerherzen, in denen die Erregungen des Festes nachzitterten, lechzten unbewußt nach einem letzten äußersten Austoben ... Einer umfaßte den andern ... und bis zum Umfallen wurde gewalzt.

Verschlafen lungerten die Ordonnanzen in den Ecken herum und starrten mit blöden, verwunderten Augen auf das wilde Treiben ihrer jungen Herren ...

Schließlich wurden sie hinausgeschickt.

Und auf den hohen gotischen Stühlen, die sonst feierlich die Regimentstafel umstanden, wurde nun ein toller Ritt ausgeführt ... dann nach dem krähenden Kommando des kleinen Carstanjen ein großes Schwadronsexerzieren ...

Ein jeder hatte sich dazu bewaffnet ... Eine große Trophäe von alten Ritterschwertern, Hellebarden und Morgensternen, welche die Wand des Rauchzimmers zierte, war zu diesem Zweck geplündert worden ...

Ein abenteuerliches Bild, die jungen Herren mit aufgeknöpften Waffenröcken ... rittlings auf den hochlehnigen Stühlen ... ausgerüstet mit phantastischem Gewaffen aus alter Ritterzeit ...

»Eskadron -- Galopp --!«

Keiner aber glühte höher ... keiner johlte lauter ... keiner schwang die Waffe wilder als Martin Flamberg.

Zweites Buch

Erstes Kapitel.

»Dat is en janz schöne Jegend hier ... oben Regen ... unten Dreck ... nix im Magen -- der Düwel soll't holen!«

In unaufhaltsamem Marsch schob sich das erste Bataillon des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande dem »Feind« entgegen.

Unaufhaltsam strömte der Regen ... seit Tagen ... seit Wochen ...

Unaufhaltsam fluchten und wetterten die Unteroffiziere der Königlichen Zweiten:

»Ich glaub, hier regnet et überhaupt et janze Jahr!«

»Weiß der Kuckuck, die vierzehn Dag, dat mer als hier obe rumkrabbeln, hann mer noch kei' trockne Minute jehatt!«

»Ich sinn als janz aus em Leim ... die Buxen reißen wie Schafleder ... an de Stieweln platzen die Sohlen ab ...!«

»Und trocken kriegt man die Brocken überhaupt nit mehr!«

»Na, Friesen, Sie sagen ja gar nix!«

Der Einjährige schwieg.

Die Tragriemen des feldmarschmäßig gepackten Tornisters schnitten tief in die Achseln. Alle fünf Minuten wanderte das Gewehr von der rechten Schulter auf die linke und von der linken auf die rechte ... in den Stiefeln schwappte eine lehmige Flüssigkeit ... und hinter den Ohren entlang rieselte ein beständiges Rinnsal eiskalten Regenwassers in die Halsbinde hinein ...

Von dem allen merkte Hans Friesen in diesem Augenblick auch nicht das Mindeste ...

Hans Friesen merkte nicht einmal, daß ihm der kurze Pfeifenstummel zwischen den Lippen längst kalt geworden war ...

Hans Friesen dichtete.

Ach ... herrlich konnte man dichten auf solch einem endlosen Marsch ...

Den Kameraden, den aktiven Unteroffizieren, ging immer nach der ersten Stunde der Stoff für ihre Kommißgespräche aus.

Die Berichte über das letzte Quartier, die Klagen über den miserabeln Fraß, die Renommistereien über Abenteuer mit den Bauernmädeln, das reichte nie weiter als eine knappe Meile. Dann bemächtigte sich der Kilometerstumpfsinn der marschierenden Kolonne, zumal dann das Gewicht des gepackten Affen allmählich immer fühlbarer wurde ...

Dann aber begann Hans Friesens gute Zeit.

Wie mutwillige Schwalben schossen dann seine Gedanken der Marschkolonne voraus ... strichen durch die regennassen Wälder zur Rechten und zur Linken, wo in der triefenden Feuchte zwischen vermodernden Baumstümpfen und Farndickichten ganze Kolonien grauer, gelber, violetter Pilze aus dem Boden gewachsen waren und mit ihren breiten Schirmdächern in lustigen Gruppen beisammen hockten ...

Aber weiter flatterten des Poeten Träume ... zurück zur Garnison ... um das blonde Haupt eines gewissen jungen Mädchens, das chargenmäßig in unerreichbarer Höhe über dem Unteroffizier stand, das er räumlich in weiter Ferne wähnte ... und das in Wirklichkeit, ohne daß Hans Friesen etwas davon ahnte, nur einen Tagemarsch weit in süßträumender Ferienruhe unter den rauschenden Hunsrückwäldern weilte ...

Und Hans Friesen dichtete.

Eine Strophe nach der andern fügte er zusammen ... feilte Zeile auf Zeile in Gedanken durch und sprach sie sich so oft vor, bis sie sich unvergeßlich seinem Hirn eingeprägt hatten, damit er sie am Abend blank und sauber in sein Dienstnotizbuch eintragen könne ... zwischen Vermerken über Brotempfang ... Kompagniebefehle ... Vorposteninstruktionen ...

Nun wiederholte er noch einmal die ersten Strophen des Gedichts, das ihm aus den triefenden Nebeln zugeweht war:

»Bist du die Oreade, die lauschend hinterm Felsen schwieg? bist du des Quells Najade, die aus der Plätscherwelle stieg?

Aus welcher Märchenferne hast du dich in mein Sein verirrt? Von welchem fernen Sterne bist du an meine Brust geschwirrt?«

Ja, die zwei Strophen saßen! Das ließ sich nicht bestreiten! Nun mußte die Antwort kommen ... also munter weitergereimt ...!

»Was soll das zage Fragen? Ich halte dich ans Herz gepreßt ...«

Ja, wahrhaftig, das hatte er getan, wenn es auch noch so märchenhaft klang ... er hatte sie gehalten, die schlanke, blonde Majorstochter, gehalten an seinem Herzen, das unterm Tressenrock des Unteroffiziers so verdammt unvorschriftsmäßig gepocht hatte ...

Ach, und als er seinen Arm zum ersten Male um den weichen Körper gelegt ... Richtig -- so mußte es ja weitergehen:

»fühl' deines Herzens Schlagen ...«

Ach ... und dann ... dann war ja das Unvergeßliche ... das schier Unglaubliche gekommen ...

»und Lippe weilt auf Lippe fest ...«

Schau, da war ja wieder eine Strophe beisammen -- und auch die stand fest auf ihren vierzehn Versfüßen ...

Vor dem Dichter trottete in mürrischem Schweigen sein Kompagnieoffizier, der Leutnant Quincke.

Scheußliche Sache, so ein Manöver! -- Eigentlich Dienst von morgens früh um drei bis abends um zehn und von abends um zehn bis früh um drei ... Die Körperpflege wurde nur noch markiert ... aussehen tat man schon mehr wie ein Latrinenreiniger und nicht wie ein Angehöriger des ersten Standes der Nation ... Dabei seit vierzehn Tagen kein weibliches Wesen mehr zu Gesicht bekommen ... die dreckigen Bauerntrinen zählten nicht mit -- die waren höchstens was für die Herren Burschen!

Und was das Lächerlichste war ... seit acht Tagen führte dieser krumme Landwehronkel, dieser Leutnant Frobenius, die Kompagnie an Stelle des Hauptmanns Goll, der seinerseits als ältester Kapitän des Regiments für den Major Blasberg die Führung des zweiten Bataillons übernommen hatte.

Blasberg hatte am Tage nach dem Regimentsfest, unmittelbar vor dem Ausrücken ins Manöver, in eine Nervenheilanstalt gebracht werden müssen. Die Schwermut, die ihn seit dem Tode seiner Frau zu Boden gedrückt hatte, war plötzlich als ausgesprochen krankhafte Melancholie zum Ausbruch gekommen.

Und so war nun der unmögliche Landwehroffizier der unmittelbare Vorgesetzte seines patenten Kameraden für die Dauer der Herbstübungen geworden ...

Und nun das Allerunglaublichste ... die Sache klappte --!

Auf seinem braunen, steifbeinigen »Roland«, der frömmsten Kuh aus dem Tattersall der Garnison, machte dieser Frobenius eine ganz leidliche Figur und hatte sich mit seinem vierbeinigen Freund auf ganz erträglichen Fuß zu stellen gewußt.

Der innere Dienst funktionierte tadellos ... na, Kunststück! -- So ein Musterexemplar von Feldwebel -- und der brillante Unteroffizierersatz!

Ja, darauf verstand sich der griesgrämige Hauptmann Goll ... Unteroffiziere erziehen, das war seine Spezialität! --

Übrigens war ja auch dieser Frobenius selber von einer kommissigen Gewissenhaftigkeit, daß es schon nicht mehr schön war!

In der Ortsunterkunft stelzte er wahrhaftig höchst eigenhändig von Quartier zu Quartier, steckte seine Nase in jede Eßschüssel und in jedes Bauernbett, um sich zu überzeugen, ob die Herren Füsiliere auch ordentlich zu essen kriegten und weich genug lägen.

Er selber, Quincke, hatte sich zum Glück eine etwas vornehmere Auffassung des Königlichen Dienstes zugelegt. Wofür waren denn die Korporalschaftsführer da?

Ja, Frobenius hatte sich in seine Pflichten als Kompagnieführer ganz famos eingearbeitet und war infolgedessen mit seiner militärischen Situation zufrieden wie nie zuvor.

Er sah sehr verändert aus, hatte sich am Tage vor dem Ausrücken die wenigen Haarsträhnen seines Schädels ganz kahl abscheren, seinen langen, struppigen Vollbart kurz verschneiden lassen.

Auch seine Uniform sah nicht mehr ganz so vorsintflutlich aus, seitdem ihr Träger eine etwas vorschriftsmäßigere Haltung gewonnen, und mit seinem braven, alten Roland vollends fühlte er sich verwachsen wie ein Zentaur.

Was tat's, ob es regnete von morgens früh bis abends spät und die ganze Nacht hindurch ...

»Alles Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, in der Gesundheit des Leibes ...«

Freilich, damit war's nun auch Schluß ... Glück am Herzen des Weibes -- damit würde es wohl niemals was werden ...!

Seit seinem Sturz im Tanzsaal hatte er jede Hoffnung aufgegeben. »Herrgott nein, mit Ihnen ist aber auch wahrhaftig gar nichts anzufangen«, das klang ihm noch immer im Ohr, und immer meinte er das hochmütige, zurückgeworfene Köpfchen, das empört aufstampfende Füßchen im Goldkäferschuh zu sehen ... ihr hastiges Vondanneneilen ... den Ausdruck der Wut über die gräßliche Blamage und den verdorbenen Abend im Klang ihrer Stimme ... in jeder Bewegung ...